Notizen zu Sarah Kofman

Notizen zu Sarah Kofman

 

Ich will im Zusammenhang dieser Frage auf Sarah Kofman eingehen, eine der grossen, tragischen Denkerinnen der  Nachkriegszeit, eine Psychoanalytikerin, deren innere Zeit an der äusseren Zeitgeschichte zerbrach, die in ihrem Empfinden nicht Vergangenheit werden konnte, sondern als belastende Dauer ihre Lebenskraft verzehrte. Ihre autobiographischen Notizen[1]  mit den Fragen nach den überlebensbedingten Belastungen ihres Ich und den damit verknüpften Emotionen vermochte sie erst nach langen Jahren der intellektuellen Flucht in theoretisch-philosophische und zeitanalytische Denkübungen, dann in die mitfühlende Aufarbeitung[2] des Berichts von Robert Antelme[3] über dessen Erfahrungen sowie nach einer sich über zehn Jahre erstreckenden Psychoanalyse zu formulieren. Die Notizen sind knapp, präzise, aufwühlend, als habe sie bei deren Niederschrift stets die Grenzen des Ertragbaren gespürt.

Mit dem Zeitpunkt von 1942 setzen Sarah Kofman‘s Erinnerungen ein. Sie war somit acht Jahre alt gewesen, als ihr Vater Bereck Kofman, von Beruf Rabbiner aus dem polnischen Sobin, in Paris von der französischen Polizei gefangengenommen, der Gestapo übergeben und über Drancy nach Auschwitz abtransportiert worden war, während ihre Mutter, sie und ihre fünf Geschwister auf kaum zählbaren Fluchtwegen in Frankreich hin- und hergeschoben wurden und voneinander getrennt, versteckt, mit anderen Namen versehen knapp überleben konnten. Sarah tauchte zusammen mit der Mutter bei einer Gastgeberin aus dem französischen Widerstand unter, einer Art Ersatzmutter für sie, die sie bewunderte. Es entstand in ihr eine verstörende Spaltung der Mutter-Beziehung wie der Ich-Beziehung, die sich bis ins Erwachsenenalter fortsetzte. Die Erinnerungen an den religiös geordneten, und emotional reichen Jahresablauf vor der nazideutschen Besetzung Frankreichs mit der Erfahrung fester Rollen von Vater und Mutter wurden abgelöst vom plötzlichen Abbruch der festen Zugehörigkeit, von völliger Verunsicherung und vom Gefühl der Fremdheit,  von Hunger nach Zugehörigkeit und nach Sicherheit, ohne dass Sicherheit zugelassen worden wäre. Mitten in der Kindheit war es zu einem Abbruch im inneren Zeitgefüge der Kindheit gekommen, ohne dass diese einen anderen Namen gehabt hätte, doch der Name und das, was der Name bedeutete, stimmten nicht überein. Die seelische Spaltung, die dadurch bewirkt wurde, wurde für sie zum grenzenlosen, nicht mehr heilbaren Leiden.

Die beiden Bücher – „Paroles suffoquées“ und „Rue Ordener, Rue Labat“ – schrieb Sarah Kofman mit dem Bedürfnis, das eigene Wissen festzuhalten. Nachdem sie sich eingehend mit Freud und mit Nietzsche befasst hatte, mit der Aussagekraft der Bilder und der Bedeutung von Kunst, ging sie auf knappem zeitlichem Raum auf die Abfolge ihrer eigenen Erinnerungen ein, durch welche die gelebte Zeit der Spaltung und Entfremdung für sie etwas Unauslöschbares und Andauerndes darzustellen begann. Das Gefühl von Dauer wurde durch die kleine Anzahl an Jahren umso bedeutender und gewichtiger. Die Entwurzelung wurde zur entgrenzten Macht der Zukunftsverweigerung.

Ist dies die Erklärung, warum Sarah Kofman kurz nach Erscheinen von „Rue Ordener, rue Labat“ aus dem Leben schied? Es war eine rätselhafte Tatsache.  Warum war sie so gnadenlos gegenüber der eigenen Lebenszeit? Warum gestand sie sich keinen eigenen inneren Halt zu, warum nicht eine Öffnung aus der aussichtslos eingegrenzten seelischen Erfahrung? Warum brach sie selber den Lebenslauf ab? Hatte sie sich zu sehr in die Theorie des Schreibens versetzt, die sie zehn Jahre vorher mit ihrer Arbeit über E. T. A. Hoffmanns Kater Murr[4] auf das Schreiben der Autobiographie konzentriert hatte, durch welche ein Selbst konstruiert werde, wie sie festhielt, jedoch das Ich verloren gehe? War bei ihr mit dem definitiven, schriftlichen Festhalten der erlebten Zeit ein Abbruch und Abschluss der weiteren, noch möglichen eigenen Existenzzeit geschehen?

Es ist beklemmend, ohne Antwort zu bleiben auf die Frage, warum in ihr die Kraft der kindlichen Neugier auf das Unbekannte der noch nicht gelebten Zeit nicht wieder geweckt werden konnte, warum sie sich selber diese nicht zugestand, sondern an der eigenen seelischen Eingrenzung zerbrach.

 

[1] Sarah Kofman (1934 – 1994). Rue Ordener, Rue Labat. 1994 Paris, Editions Galilée. Deutsche Übersetzung: gleicher Titel, 1995 Wien, Passsagen Verlag.

[2] Sarah Kofman. Paroles suffoquées. 1987 Paris, Edition Galilée. – Deutsche Übersetzung: Erstickte Worte. 1988 Wien, Passagen Verlag.

[3] Robert Antelme (1917 – 1990).  L’espèce humaine. 1957 Paris 1957, Edition Gallimard. – Deutsche Übersetzung: Das Menschengeschlecht. 1987 München, Carl Hanser Verlag.

[4] Sarah Kofman. Schreiben wie eine Katze. Zu E. T. A. Hoffmanns Lebensansichten des Katers Murr. 1985 Graz-Wien, Passagen Verlag.

 

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