Zitat

  • Kreative Vernunft manifestiert sich in der Suche nach Übereinstimmung von Denken und Gefühlen, von Intellekt und Psyche, so dass Handlungsentscheide und deren Folgen tragbar und verantwortbar werden. Sie beruht auf offenem, kritischem Wahrnehmen und Selbsthinterfragen, sie geht einher mit Mut und Beharrlichkeit, um persönliche Mangelerfahrungen und gesellschaftliches Unrecht mit der Frage nach den Ursachen und mit Gegenentwürfen zu korrigieren.
    Kreative Vernunft widerspiegelt die kraft des denkenden Herzens, das sich auch in schwierigen Lebensbedingungen nicht duckt, sondern standhält. Für andere Menschen ist sie Ärgernis und Ansporn zugleich.

    Maja Wicki

    Maja Wicki

  • Hände

    Ergänzung zu Körper

    Welch wunderbare Instrumente sind die Hände, die zehn Finger, über die wir seit der frühen Kindheit verfügen, vom kleinen, feinsten über die längeren, kräftigeren bis zum Daumen, der die vier übrigen Finger unterstützten kann, wunderbare Instrumente mit dem feinsten nervlichen Sensorium für alles, was wir berühren und erspüren, halten und loslassen, für das Zarteste und Feinste wie für das Rauhe und Schwere, für alle Variationen im Umsetzen von Gefühlen, von schöpferischen Impulsen, von zärtlichen Bedürfnissen und von Lust, oder von Pflichten und Sorgen, im Aufnehmen von Wärme und Kälte. Wie kostbar und wie persönlich ist jede Hand, die linke und die rechte Hand, sehr verschieden die eine von der anderen, die Handflächen mit ihren Zeichnungen und Linien, wie fein gepolsterte Schalen, die gemeinsam mit den fünf Fingern über kleinste Zeichen bis zu kräftigen Bewegungen zu jeder Art von Sprache fähig sind, von Aussage, von Mitteilung und von Werk, herzlich, zärtlich und liebevoll, schalkhaft und verspielt, tröstend und haltend, ernst zustimmend und beteuernd, sorgfältig streng oder abwehrend bis drohend und verletzend. Und ebenso kostbar und unverwechselbar sind die zwei Handrücken mit allen Spuren des gelebten Lebens, mit den Flecken und Narben der persönlichen Geschichte.

    Maja Wicki

    Maja Wicki

  • Vergeben – Vergebung
    „Die Tür, offen zu offenen Türen, zu offenen Wegen, zum Wald. Der Wald aus atmenden Bäumen, Bäume aus atmendem Grün, Bruderberührung der Luft. Luft geatmet in die offene Tür.“ (Rose Ausländer, aus dem Gedicht „Die Tür“)
    Vergebung im Sinne der „Salongespräche“ beruht auf keinem religiösen Gebot. Der Fokus liegt auf der inneren Freiheit des Menschen. Durch das Vergeben öffnet sich die Verstrickung im Verhältnis zwischen Opfer und Täter/Täterin. Was an Unrecht getan wurde, kann nicht aufgehoben werden, aber von Seiten des Opfers kann durch das Vergeben das angetane Leiden von der Last der Erniedrigung befreit werden. Vergeben ist ein Geben in doppelter Weise: es gilt dem schuldigen Menschen, der das Leiden verursacht hat, und kommt gleichzeitig dem Opfer zu Gute. Es bewirkt eine Öffnung und unterbricht die Fortsetzung von Leiden, indem Hader und Rache aufgehoben werden. Geschehenes wird aufgearbeitet, Schweigen gebrochen , Zusammenhänge werden zu verstehen versucht. Vergeben erlöst vom Opfersein. Dies kann auch die transgenerationelle Schuld- und Leidensgeschichte verändern. Wir sind nicht schuld an den Taten unserer Vorfahren, aber wir tragen eine Mitverantwortung im Umgang mit der Geschichte. Wir können uns öffnen und neu orientieren, indem wir die durch Machtgefüge, Ideologien, Gesetze, soziale Erwartungen usw. geschaffenen Mangelerfahrungen der Kindheits- und Jugendjahre durchschauen, öffnen und einen Heilungsprozess zulassen. DenkerInnen aus verschiedenen Richtungen haben sich mit Schuld und Vergebung befasst. Aristoteles macht die Schuld am Mass der Freiwilligkeit versus Unfreiwilligkeit der Tat fest. Moritz Schlick thematisiert in seiner Ethik der Güte die inneren Motivationen, die zu einem Handeln des Wohlbefindens wie z. B. zum Nicht-Strafen führen. Für Hanna Ahrendt ist Vergebung die vornehmste Umsetzung von Freiheit, ob im Kleinen oder im Grossen, damit das Heilmittel im menschlichen Zusammenleben gegen die Unwiderruflichkeit der Tat.

    Maja Wicki

    Maja Wicki

  • Der Kampf der Frauen um gleiche Löhne für
    gleiche Arbeit ist beinah so alt wie die Geschichte der
    Lohnarbeit der Frauen. Und sehr früh schon war
    klar, dass es beim Lohnkampf zugleich um mehr ging: um
    die Frage der Geschlechterrollen, und, dahinter, um jene
    des Existenzwerts von Frauen und Männern.

    Maja Wicki

    Maja Wicki

  • Ist das, was schön ist, auch gut?
    Erster Abend Salongespräch

    „Ich verzeihe der Schönheit
    wie ich dem Schmerz verzeih.
    Beide gaben mir Anstoss zu kneten den Ton,
    und aus der Fülle bitterer Milch
    hab ich geformt, was ich bin.
    Ihnen mein Dank.

    Über das Denken
    die innere Sammlung,
    die Kraft des Traums, Gebete ohne Glauben,
    und über die Hoffnung selbst
    hab ich versucht und versucht,
    ihnen die Stirn zu bieten.
    Doch hier blieb ich haften,
    entwaffnet.
    Die Schönheit hat mich besiegt,
    und zu bezwingen den Schmerz
    gelang mir nicht.“

    Nazîh Abou Afach

    Nazîh Abou Afach

  • Angst
    Angst ist eine beklemmende, hemmende Macht, die aus dem Mangel an persönlicher Sicherheit und an Selbstwert, aus dem Mangel an Wissen und an Erfahrung wächst. Sie richtet sich immer gegen den Menschen selber, den sie beherrscht.
    Um die Macht der Angst abbauen und lösen zu können, müssen Gegenkräfte aufgebaut werden, die den Mangel beheben, ein Lernen und kämpferische Erfahrung nicht im destruktiven, sondern im stärkenden Sinn, stärkend für den Selbstwert und die Lebensfreude.

    Maja Wicki

    Maja Wicki

  • Die Frage nach dem Fremden führt zurück in die frühe Kindheit, in diesen dunkeln Kontinent, in welchem das neu angekommene Kind die ersten Erfahrungen macht, sich angenommen, gehegt und geschützt fühlt und ein grundlegendes Gefühl des Vertrauens und Selbstvertrauens entwickeln kann, oder auf Grund von stetem Mangel an wärmendem Halt im knappen seelischen Überleben ein Gefühl von Misstrauen, von Angst und von Abwehr allem Unbekannten gegenüber entwickelt.
    Fremd sind die Triebkräfte der eigenen Gefühle, die die eigene Entwicklung und die vielfältigen Beziehungen und Entscheidungen beeinflusst haben oder noch immer beeinflussen. Diese entschlüsseln und verstehen zu können ermöglicht, die Gefühle und das Verhalten gegenüber dem anderen Fremden, den unbekannten Anderen und der unbekannten kommenden Zeit aus den hemmenden und abwehrenden Ängsten zu lösen und den inneren Blick zu öffnen.

    Maja Wicki

    Maja Wicki

  • Zeitvorhersicht
    Gesellschaftsanalytische Weisheit zwischen Entsetzen und kreativem Vermögen


    Wie ist das schöpferische Potential vorhersehender Klugheit, das aus der sorgfältigen Aufarbeitung der Gründe und Auswirkungen des unter Angst und Leiden erlebten „destruktiven Charakters“ (W. Benjamin) von Menschen wach wird, zu erklären? Es wird in den Religionen als „Prophetie“ bezeichnet, wird als Vorhersage verstanden, wird aber von der zeitgenössischen Menschheit kaum beachtet. Wie erklärt sich das warnende Wissen um den zerstörerischen menschlichen Machthunger, der sich als Gewalt auswirkt?
    Eine sorgfältige Aufarbeitung von Werken aus unserer Zeit wird sich mit der analytisch-intuitiven Klugheit einzelner jüdischer Denkerinnen und Denker befassen.

    Maja Wicki

    Maja Wicki

  • Entstehen und Anwachsen des modernen Antisemitismus fielen mit dem Prozess der europäischen Aufklärung sowie jenem der jüdischen Emanzipation und Assimilation zusammen, ein dialektischer Prozess, der auf verhängisvolle Weise in den Nationalsozialismus und in die Judenvernichtung ausartete. Thema des Vortrags ist einerseits die geistesgeschichtliche und politische Ausleuchtung dieses Prozesses, andererseits die Frage, warum die so dringliche Aufarbeitung der schweizerischen Vergangenheit in der Gegenwart erneut einen aggressiven Antisemitismus weckt, warum erneut die Umkehrung der Opfer-Täter-Relation geschieht, warum erneut eine mythologisierte nationale Identität sich einer zukunftsorienten Aufklärung entgegenstellen.

    Maja Wicki

    Maja Wicki