Kinder als Opfer

Kinder als Opfer

 

Welche Möglichkeiten und Grenzen von Traumatherapien sind zu beachten? Wie können Kinder, die Opfer traumatisierender Gewalterlebnisse und Beziehungsverluste sind, zukunftsfähige Überlebende werden?

Jede Gesellschaft wird daran gemessen, wie sie mit ihren schwächsten Mitgliedern umgeht. Die schwächsten Mitglieder sind überall die Kinder. Gerade den Kindern aber wird auf unsägliche Weise Grausamkeit und Gewalt zugemutet, deren seelische Folgen häufig ein ganzes Leben lang verstörend weiterwirken. Nach UNICEF-Informationen waren schon in den achtziger Jahren 1,5 Millionen Kinder in Kriegen getötet worden, 12 Millionen Kinder hatten ihr Zuhause verloren, 5 Millionen Kinder lebten in Flüchtlingslagern, etwa 200’000 Kinder wurden als Soldaten missbraucht, weit über 10’000 Millionen Kinder litten unter traumatisierenden Kriegsfolgen. Die Anzahl der wegen Bürgerkrieg und Krieg traumatisierten Kinder hat sich in den neunziger Jahren nicht verringert, sondern hat sich noch erweitert. Dazu kommen weitere Millionen von Kindern, die aus Armutsfolgen unter Gewalt- und Verwahrlosungsbedingungen auf der Strasse leben, die wegen Schutzlosigkeit und Hunger, oft auch wegen nicht kontrollierbarer psychischer Notzustände von Mutter und/oder Vater, die als Waren benutzt werden, als Handels-, Arbeits- und Gebrauchswaren und so jeder Art von Ausbeutung und Gewalt ausgesetzt sind, häufig auch sexuellem Missbrauch, in den Slums der grossen Städte Lateinamerikas und Nordamerikas, in Afrika und Asien, auch in Europa.

Jede direkte und indirekte Gewalterfahrung löst Leiden aus

Das Leiden, das aus traumatisierenden Erfahrungen entsteht, äusserst sich auf vielfache Weise, je nach dem Alter der Kinder und je nachdem, ob den Kindern selbst Gewalt angetan wird oder ob sie Zeugen von Gewalt gegenüber ihnen nahestehenden Personen seien. Immer wieder wird deutlich, in welchem Mass Kinder noch unter den Spätfolgen von Gewalt zu leiden haben, denen Eltern und nächste Angehörige ausgesetzt waren. Das Gesetz der Gewalt besteht darin, eine Kettenreaktion von Leiden zu bewirken, selbst in Gesellschaften, denen Krieg und Verfolgung erspart blieben, wo trotzdem Kinder Opfer von – gesellschafts- und familienbedingter – Gewalt werden, sodass ihre Seele durch die Erfahrung gröbster Missachtung ihres Liebes- und Sicherheitsbedürfnisses versehrt bleibt.

Nationalsozialismus, Diktaturen, Kriege – Gewalt allüberall

Der israelische Psychotherapeut Dan Bar-On (Haifa) schilderte immer wieder die verhängnisschweren Folgen des Schweigens, das in Deutschland die Kinder und Kindeskinder von Tätern selbst zu Opfern werden lässt, indem sie die nicht aufgearbeitete unmenschliche Gewalt als traumatisierendes Erbe mitbekommen, ob als unklares Schuldgefühl, das ihr eigenes Leben lähmt, oder als dunkel vermittelter Widerholungszwang, wie er sich im neu entstehenden Rassismus und Rechtsextremismus zeigt. Um die Aufarbeitung der Spätfolgen bei Kindern von Tätern wie von Überlebenden der nationalsozialistischen Rassenverfolgung und der – noch immer unfassbaren – Menschenvernichtungslager in die Wege zu leiten, hat Bar-On einen Gesprächsaustausch zwischen Mitgliedern beider Gruppen aufgebaut, der im vergangenen Jahr erstmals in Wuppertal statfinden konnte.

Aber nicht nur der Nationalsozialismus wirft seine Schatten weiter auf unsere Zeit, auch die Töchter und Söhne von Überlebenden der langjährigen Folter- und Hafterfahrungen aus der – nicht weit zurückliegenden – Zeit der lateinamerikanischen Diktaturen, oder die Kinder, die in irgend einer Weise die jüngsten Kriege in Vietnam und Kambodscha, in Afghanistan, im Irak und Iran, in Kuwait, im Libanon, in Marokko, im Gazastreifen und wie im ganzen palästinensischen Gebiet, in Tschetschenien und in Kurdistan, in Südafrika, Angola, Liberia und Somalia, in Nordirland, in Armenien und Georgien, in allen Ländern des ehemaligen Jugoslawien – insbesondere in Bosnien und in Kosovo – miterleben mussten und weiterhin miterleben müssen, weisen kaum heilbare Brüche in ihrer Biographie auf, deren Folgen das weitere Leben prägen.

Kann seelisches Leiden, das “posttraumatische Belastungsstörung” heisst, therapeutisch erfasst und behandelt werden?

Der Begriff “posttraumatische Belastungsstörung” (Posttraumatic Stress Disorder PTSD) ist seit den späten achtziger Jahren geläufig. Amerikanische Psychiaterinnen und Psychiater haben ihn in der Folge von Beobachtungen bei Rückkehrenden aus dem Vietnamkrieg als Diagnosebegriff geschaffen, mit dem eine Vielzahl von Symptomen – Angstzustände, Schlaflosigkeit, Gedächtnisverlust, Depressionen und andere Erscheinungen mehr – erfasst werden sollten, die aus traumatischen Erfahrungen resultieren. Jedes Ereignis kann traumatisierend sein, präzisierte Dieter Bürgin (Basel), wenn mit dem Ereignis eine Erfahrung des Zuviel einhergeht, sei dies ein Zuviel an Gewalt oder an Deprivation, etwa wenn das Ereignis den Verlust einer wichtigen Bezugsperson nach sich zieht. Als psychisches Trauma wird daher sowohl eine einmalige wie eine fortgesetzte Gewalterfahrung verstanden, durch welche die Lebenskontinuität durchbrochen wird und eine schwere Verletzung der seelischen Integrität, des Selbstwertgefühls und des Beziehungsgefüges erfolgt.

Im Lauf meiner Erahrung wurde zunehmend deutlicher, dass der klinische Begriff des PTSD zu eng gefasst ist, dass an dessen Stelle eine kulturell und menschlich weitere und zugleich differenziertere Erfassung der Leidenssymptome angezeigt ist. Anstelle von „Störung“ sollte eher von psychischer und somatischer „Reaktion“ auf unerträgliches Leiden gesprochen werden sollte, durch welche zugleich das menschliche Grundbedürfnis, unversehrt zu leben, angezeigt wird.

Das Trauma und die gesamtgesellschaftlichen Bedingungen

Andere TraumatherapeutInnen stimmen mit mir überein. David Becker (Santiago de Chile / Berlin) versteht unter Trauma einen Prozess, der zwar mit einer psychisch verletzenden, verstörenden Erfahrung beginnt, der jedoch nicht auf die traumatisierende Erfahrung begrenzt bleibt, sondern weiterwirkt. Persönlich erlebte Traumen sind immer auch Teil und Folge gesamtgesellschaftlicher Bedingungen, die sowohl im diagnostischen wie im therapeutischen Zusammenhang miterfasst werden müssen. Diese Erkenntnis macht deutlich, dass zusätzlich zur psychoanalytischen Methode, die zum Beispiel für die Opfer des Holocaust einen Weg aus der nicht integrierbaren extremen Leiderfahrung zu zeigen vermochte, weitere therapeutische Prozesse nötig sind.

Bei den Opfern von gesellschaftlich bedingten schweren Gewalttaten, wie wir durch die Flüchtlinge aus den jugoslawischen und aus anderen Kriegs- und Bürgerkriegsgebieten konfrontiert werden, muss das therapeutisches Ziel darin bestehen, das unsagbare, kaum mitteilbare Leiden irgendwie äussern zu können. Träume – Albträume – sind die direkteste Sprache, häufig nicht erzähltbar, aber über das Zeichnen oder das Deuten von Bildern erklärbar. Einerseits gilt es, die in der Psyche weiterwirkende, quälende und lebenszerstörende Macht einzudämmen, sie zu klären und von ihr zu befreien; andererseits gilt es, die lebenszustimmenden Kräfte zu wecken und so zu stärken, dass sie beim Schlafen wie im alltäglichen Wachsein spürbar werden, vor allem, dass sie einen Zukunftsentwurf ermöglichen.

Ich stimme mit James Garbarino (Chicago) überein, der betont, dass Traumen nicht allein nach psychologischen, sondern ebenso nach moralischen Kategorien erfasst werden müssen. Nur auf diese Weise kann zum Beispiel erklärt werden, warum bestimmte Traumatisierungen als Kollektiverfahrungen ganze Generationen prägen und das Verhältnis zu anderen Kollektiven beeinflussen, etwa in den USA bei der armen schwarzen Bevölkerung das Verhältnis zur weissen Bevölkerung, oder in Israel bei den jüdischen Einwanderern das Verhältnis den Arabern gegenüber wie auch umgekehrt das Verhältnis der palästinensischen Bevölkerung der jüdischen gegenüber, oder in Ex-Jugoslawien das Verhältnis der bosnisch-muslimischen und kosovo-albanischen Bevölkerung der serbischen gegenüber, in der Türkei jenes der kurdischen und arameischen Bevölkerung der türkischen gegenüber. Es bedarf einer kollektiven Bewusstseinsarbeit, um traumatisierte Verhältnisse zu heilen. Diese Bewusstseinsarbeit muss die Reflexion über das machtbestimmte Destruktive und menschlich Brutale in der durchgestandenen Geschichte – das Böse -, das gemäss dem eigenen Leiden verstanden wird, einschliessen. Mit der Reduktion von Symptomen allein ist es nicht getan, wenn nicht zugleich die Vorstellung, dass allein Rache an den Schuldigen die Wiedergutmachung von Leiden bedeutet, verändert werden kann.

 

“Das Leben die einzige Zuflucht”?

Ein Gedicht Paul Celans (aus der Sammlung “Schneepart”) beginnt mit den folgenden Zeilent:

“Ich höre, die Axt hat geblüht

ich höre, der Ort ist nicht nennbar”,

und das mit der Zeile endet

“Ich höre, sie nennen das Leben die einzige Zuflucht”.

Millionenfaches Leid, das Erwachsenen und Kindern angetan wurde und weiterhin angetan wird, kann nur geheilt werden, wenn es nicht weiterhin wiederholt wird. Das heisst, dass Therapie Wiederbeheimatung in der Welt bedeuten muss, durch aufbauende Zuwendung und durch Respekt, nicht theoretisch, sondern ganz konkret, durch Einfühlung und durch Verlässlichkeit. Die therapeutische Begleitung in der Praxis oder in der Klinik genügt nicht; es bedarf der spürbaren Umsetzung in der existentiellen Realität.

Auch in der Schweiz, zum Beispiel, sind Tausende von Flüchtlingen, davon ein grosser Teil Kinder, denen die Behörden aus kurzfristigen Spargründen kaum Schule und Ausbildung, schon gar nicht therapeutische Begleitung zugestehen wollen. Es gibt rücksichtsloseste Gewalt auch bei uns, auf Bundesebene, auf Polizeiseite und anderswo. Gewalt und Gewalttätigkeit können im Fluchtland, das aufgesucht wird, um endlich Sicherheit zu kennen, nicht ein Ende nehmen, indem sie geleugnet werden. Es gilt, in den Familien wie in den Schulen die Fähigkeit zu entwickeln, das Fremde und Andere als etwas Besonderes zu akzeptieren. Es gilt auch, mit Konflikten leben zu lernen, ohne dass sie gewalttätig ausgetragen werden müssen. Anstelle der Schwarz-Weiss-Alternative von Gewinnen und Verlieren müssen soziale und emotionale Kräfte gestärkt werden, die ein vielfältiges und und widerspruchsvolles Zusammenleben erlauben.

In der Schweiz ist eine wachsende Gewaltbereitschaft spürbar, die unter anderem mit der massiven Desorientierung in Bezug auf Recht und Unrecht zu tun. Daraus folgt ein Verlust an gegenseitigem Respekt, der durch die Respektlosigkeit der „offiziellen Stellen” – Polizei, Richter, Vollzugsbehörden – noch verstärkt wird. Nicht nur schwache Erwachsene, auch Kinder und Jugendliche brauchen eine starke Lobby, der die Sorge um das Leben das zentrale Anliegen ist, damit nicht Gewalt und Unterdrückung, sondern das Leben, das zukunftsfähige Leben die „einzige Zuflucht” sein kann. *

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