Ein Leben lang anders sein – Individuum sein

  publiziert in: Ottmar Ette, Yvette Sanchez, Veronika Sellier (Hrsg.), “Lebenslang Lebenslust – Der Lebensbegriff in den Literaturen, Künsten und Wissenschaften, Potsdamer inter- und transkulturelle Texte (POINTE) 2015, Verlag Walter Frey, Berlin, ISBN 978-3-938944-98-1

 

Ein Leben lang anders sein – Individuum sein

 

  • Die Herkunft – nicht wählbar

 

„Es fragt uns keiner, ob es uns gefällt,                                                                                                                ob wir das Leben lieben oder hassen.                                                                                                                           Wir kommen ungefragt in diese Welt                                                                                                                     und werden sie auch ungefragt verlassen.“[1]

Mascha Kalekos vier Zeilen fassen zusammen, was seit ältesten Zeiten die Frage um Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit des „Schicksals“ weckte – heute noch weckt -, was Aufbegehren, Resignation oder gestalterischen Antrieb bewirkte und weiter bewirkt: was zutiefst die Frage nach Auftrag und Sinn des je persönlichen Lebens stellt.

Ein schmales Buch mit dem Titel „Lebenslänglich“[2], das mir Anfang der Achtzigerjahre in die Hand kam, widerspiegelt die Komplexität der Fragen. Die 1939 geborene Autorin, die als „Behinderte“, wie sie sich selber bezeichnete, den Rückblick auf Kindheit, Jugend und Erwachsenwerden mit dem Erkämpfen und Durchstehen ihres immer wieder in Frage gestellten Lebens festhielt, mit den Erschwernissen einer beruflichen Ausbildung und mit den herabsetzenden Vorurteilen bei deren Umsetzung, spürbar mit Klage und Auflehnung, weniger gegen sich selber und ihren Körper, als gegen die von Familie und Gesellschaft  geschaffene Entwertung ihrer Besonderheit. Gehörlos aufzuwachsen, gleichzeitig lernhungrig und vielseitig begabt, mit zwei geschickten Händen, jedoch beide ohne Daumen, in der Familie stets dem Vergleich mit den Geschwistern und in der Schule mit den Gleichaltrigen ausgesetzt, als „mangelhaft“, als „Last“ oder gar als „Strafe Gottes“ bewertet zu werden, sich nicht geliebt, sondern abgelehnt oder knapp geduldet und mit hochmütigem Blick „bemitleidet“  zu fühlen, sich der unberechenbaren Macht der Erwachsenen, der Ärzte, Chirurgen und Krankenschwestern ausgesetzt zu wissen, ständig für sich selber kämpfen zu müssen, um sich nicht an der Grenze des Selbstwertes und der psychischen Erschöpfung gegen sich selber zu entscheiden – ein aufwühlender Bericht, der aktuell bleibt. In der abschliessend anklingenden Versöhnung mit den Webmustern, mit den Knoten und Mängeln der genetischen Disposition und des schmerzlichen Daseins  wird mit Klarheit verdeutlicht, was Simone Weil  in ihrer Ich-Suche festgehalten hatte: „par la souffrance à la connaissance“ – „über das Leiden zur Erkenntnis“.

Ein anderes Beispiel findet sich im zugleich zornig und mutlos wirkenden, knapp fünfunddreissigjährigen Mann, den ich im Besuchsraum eines Untersuchungsgefängnisses im mehrstündigen Gespräch kennen lernte, um im Strafverfahren, das gegen ihn im Gang war, ein Gutachten zu seinen Gunsten schreiben zu können. Ein junger Mensch voller Klage gegen die Fremdbestimmungen und Mangelerfahrungen seiner Geschichte seit der frühen Kindheit,  voll verzweifelter Trauer über sich selber, voll Hader ob dem Entgleiten seiner Entscheidungsfreiheit durch jahrelange Drogenabhängigkeit und ob der Gewalt, die in ihm überhand genommen hatte. Er war in einem ostasiatischen Land in grösster Armut zur Welt gekommen, von der Mutter verlassen und ohne festes Zuhause mit einer knapp älteren Schwester und einem Vater aufgewachsen, der sich um die zwei Kinder nicht kümmern konnte und sie zur Adoption frei gab, so dass er mit sechs Jahren in ein Flugzeug gesetzt und in ein Schweizer Dorf transportiert wurde, zu einem älteren, kinderlosen Paar. Niemand sprach seine Sprache, seine Verlorenheit und seine Ängste kümmerten niemanden. Ordnung, Dankbarkeit und Gehorsam standen im Vordergrund der „elterlichen“ Forderungen. Sauber und pünktlich musste er erscheinen, genau die richtigen Worte sagen und ein wohlerzogener Schweizer sein. Seit der Primarschule galt es, die abschätzigen Bezeichnungen als „Mongo“ und „Japs“ durch die Mitschüler zu schlucken, um den Lehrer nicht zu provozieren, um gute Noten zu erreichen und schliesslich eine kaufmännische Ausbildung abschliessen zu können. Doch als „Erwachsener“ fühlte er sich ebenso in Frage gestellt wie als Kind und als Jugendlicher. Immer musste er mehr wagen und mehr leisten als Andere, musste grosszügig Geld ausgeben oder ausleihen, wenn Kollegen es forderten, bis er aus unerklärten Gründen, trotz guter Arbeitszeugnisse, von einem Tag auf den anderen die Anstellung bei einer Versicherungsgesellschaft verlor. Die Kündigung erlebte er „wie einen Fusstritt ins Gesicht“, wie er sagte, er verlor jegliches Vertrauen zu sich selbst. Die neue Jobsuche wurde für ihn wie ein Spiessrutenlauf. Er begann erst Haschisch, dann Heroin und Kokain zu konsumieren, er hoffte, dadurch eine Verbesserung  im Auftreten zu bewirken, bis zum besinnungslosen Moment, als er den Kollegen, in dessen Abhängigkeit er geraten war, mit Fäusten zusammenschlug, bis dieser bewusstlos am Boden lag. Wer war er geworden, wer war er, mit seinem Schweizernamen und seiner Fremdheit im Verhältnis zu sich selber, mit seinem Hunger nach Glück, den er nicht zu sättigen wusste? Würde er lebenslänglich eingekerkert bleiben müssen, nicht bloss in der Strafanstalt, die bevorstand, sondern zutiefst im Gefängnis seiner Geschichte? Könnte es möglich sein, daraus frei zu werden und dem Leben – dem eigenen Leben und dem Leben mit anderen – zustimmen zu  können?

Ein drittes Beispiel bietet eine knapp sechzigjährige Frau, grossgewachsen und von gepflegtem, einnehmendem Aussehen. Warum war es so schwer für sie, zu ihrem eigenen Wert zu finden? Sie gelangte an mich mit dem Bedürfnis, der Ursache ihrer Zweifel an sich selber, ihrer fordernden Unruhe und ihrer Ängste auf die Spur zu kommen. Ihr Leben lang habe sie diese gekannt, doch mit dem Älterwerden hätten sie sich verstärkt. Nun habe eine Krebsdiagnose sie völlig „an die Wand“ gestellt.  – Sie war zwei Jahre vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs in einer österreichischen Kleinstadt zur Welt gekommen, war mit drei Geschwistern als Zweitälteste „unter streng geregelten Verhältnissen“ aufgewachsen, wie sie diese zusammenfasste, mit einer vom frühen Morgen bis späten Abend vielfach beschäftigten Mutter, die auch die Hemden für den Ehemann und die Kleider für die Kinder selber nähte, und einem Vater, der manchmal da war und manchmal nicht da war, dem alle „dienen“ mussten, auch die Mutter, der bald nach Kriegsbeginn Besitzer einer Firma war, dann nach dem Krieg reich wurde,  vor dem sie sich fürchtete und dem sie zu gefallen suchte, daher als Einzige unter den Geschwistern das Gymnasium besuchte und dieses abschloss, „zu seiner Ehre“, ebenso ein Jurastudium, wobei sie noch während des Studiums einen jungen Mann aus einer „höheren“  Familie heiratete und mit ihm in eine grössere Stadt wohnen ging, nach einigen Jahren einen Sohn gebar, diesen abgöttisch liebte, und gleichzeitig in der Gesellschaft als geistreiche und schöne Frau zu gefallen suchte. Warum gelang es ihr nicht, am neuen Wohnort, wo ihr Mann beruflich erfolgreich und angesehen war, Wurzeln zu fassen, sich „einzubürgern“ und sich wohl zu fühlen? Warum mochte sie sich nicht mit der Vatergeschichte befassen, auch nicht nach seinem Tod? Warum ertrug sie den Hass der Brüder auf den Vater nicht? Warum ging sie, ohne ihre Ehe in Frage stellen zu wollen,  Liebschaften mit älteren  Männern ein, mit anderen Vaterfiguren, denen sie zu gefallen suchte und die sie zugleich verabscheute? Erst die Krebsdiagnose bewog sie, den Ängsten die Stirn zu bieten und den Weg zu sich selber finden zu wollen. Es war eine schmerzliche Forschungsarbeit nach den Ursachen der Angst vor den Kellern ihres Heranwachsens, vor der Geschichte des Vaters und vor ihrer Geschichte als dessen Tochter, doch es war eine Genesungsgeschichte, die sich über Jahre hinzog, mit Gefühlen der Scham und der Wut, des Schmerzes und der Befreiung. Sie ging mit der körperlichen Genesungsgeschichte einher, allmählich mit echter Erleichterung, so dass der Blick aufs Älterwerden jenen auf Kindheit und Jugend nicht mehr ausschliessen musste, dass sie die „Jahreszeiten des Lebens“, wie sie sagte, selbst die dunkle Tragik der Anfänge, als Stationen des Überlebens akzeptieren wollte. Dass spät ein Wissen um die Ressourcen der „Gebürtlichkeit“[3] wach werden konnte.

2)  „Gebürtlichkeit“ – die Gabe des Anfangs

„Gebürtlichkeit“ ist ein von Hannah Arendt in Vita Activa geschaffener Begriff, ein Sammelbegriff für die innere Freiheit, die sich als Gabe des Anfangs vom Moment der Geburt an kund tut, die lebenslang als Möglichkeit der kreativen Wahl im menschlichen Bezugsnetz erhalten bleibt und auf dieses einwirkt, stets als lebenszustimmende Kraft, wenn sie genutzt wird:

Beim kleinen, neu geborenen Menschen ist es der erste Atemzug, eine Tatsache von unaustauschbarer  Bedeutung. Sie bedeutet Zustimmung zum eigenen Leben und ermöglicht das Sich-Öffnen gegenüber der Welt, gegenüber den Bedingungen des In-die-Welt-gesetzt-worden-seins, gegenüber dem nächsten Umfeld, in welchem auf die ersten, noch dunkeln Erfahrungen des Getragenseins im Innenraum der Mutter die weiteren folgen, das Aufnehmen und Wahrnehmen durch die Sinne, jene der Bedürftigkeit und der vielfachen Abhängigkeit, verbunden mit der Berührung der Haut durch andere Haut, der Wärme und der Kälte, der Klangvibrationen von Stimmen und von fremden Geräuschen, der Dunkelheit und des Lichts, des Blicks der Mutter und anderer Menschen, der Farbvariationen, der Empfindungen der Zunge, des Einnehmens und des Ausscheidens, des Genusses, des Staunens, des Wiedererkennens, der Freude, der Sehnsucht, des Hungers und des Unbehagens, der Angst, vielfacher Angst, in Unkenntnis der Erfüllung oder Nichterfüllung der wichtigen Bedürfnisse, die mit dem Leben verknüpft sind. Auf die Erfahrungen der Sinneswahrnehmungen folgen jene der Bewegungsmöglichkeiten der eigenen Glieder, des Greifens und Haltens, des Anstossens und des Erkundens, der Horizontale und der Vertikale des Körpers. Gleichzeitig beginnen Worte zu wirken und Bedeutung zu gewinnen, ein Name wiederholt sich und richtet sich auf das eigene Ich des Kindes, Namen wechseln ab mit Lauten, mit Variationen von Lauten und Klängen, die das Kind zu verstehen versucht und nachzuahmen beginnt. Was „Beziehung“ und was „Sprache“ bedeuten, beginnt zu wirken in grösster Abhängigkeit von der Aufmerksamkeit resp. der Liebe des nächsten/der nächsten  Menschen – vielleicht der Mutter, vielleicht nicht. Erfüllung spüren oder keine Erfüllung spüren zwischen schlafen, hören und schauen, wünschen und erkennen, mit Traumbildern, die zu wirken beginnen, mit unbewussten Phantasien, mit Gefühlen. In welchem Mass schon in der pränatalen Zeit die Erfahrungen der Mutter unbewusst miterlebt wurden und im werdenden Wesen eine Vorkenntnis von Lebensfreude und Sicherheit oder von Not, Schmerz und Ängsten entstehen liessen, in welchem Mass diese weiterwirken, bleibt geheimnisvoll, trotz zahlreicher neurologischer und genetischer Forschungsergebnisse.

Ohne Zweifel finden die körperlichen Erfahrungen des kleinen Menschen einen Wiederhall in seiner Psyche. Gefühle, Erkennen und Denken, auch die Neugier zu erkunden und zu wissen werden angeregt, doch auf Grund der Unklarheit der mitgeteilten Botschaften geht die Aufnahmebereitschaft schnell in Ungereimtheiten über, in vielfältige Reaktionen, die sich als Zustimmung bis zur Begeisterung oder als Zögern und Widerstand bis zur Abwehr, ja Ablehnung kund tun. Die körperlichen und die seelischen Entwicklungen, jene des Erlebens und Fühlens, Denkens  und Tuns geschehen in engster Wechselwirkung, stets in Verbindung mit den Beziehungsstrukturen, in welche das Kind in seiner Abhängigkeit eingebunden ist.  So schnell erlebt es die Übereinstimmung  oder Nichtübereinstimmung von Bedürfnissen, die es mitzuteilen versucht, und von Antworten darauf, von  Anpassung oder von Trotz, von Widersprüchen und Ungereimtheiten, von Zuviel und Zuwenig, von Ungenügen, Mangel und Verlorenheit oder von Erfüllung und Anerkennung, von Freude und von eigenem Wert.

Es stellen sich Fragen über Fragen: Was heisst „Liebe“, die als wichtigstes Bedürfnis des Kindes gilt? Was braucht es, damit dieses Grundbedürfnis erfüllt wird? Wann stellt sich ein Empfinden von psychischem Hunger ein, ein Gefühl des Ungenügens im Verhältnis des Kindes zu den Menschen in seinem Umfeld, ein Gefühl von Mangel, von Unsicherheit oder gar von Verlassenheit, von Neid und von Eifersucht oder Rivalität, von Angst vor Tadel und Strafe, von Scham und Scheu, gar von Unwert oder von Schuld? [4] Geschieht es nicht lange bevor ein Kind Kenntnis haben kann, warum etwas als gut und etwas als schlecht, als falsch oder böse beurteilt wird, lange bevor es weiss, wie die Folgen eines Verhaltens oder Tuns sein können? Wie entwickelt sich überhaupt die Möglichkeit bewusster Wahl? Wie viel Nachahmung oder Anpassung und Unterwerfung ist erfordert, um geliebt zu sein? Wie viel Eigenwille ist erlaubt? Warum wird dieser als Trotz abgelehnt oder als schlechtes Benehmen bestraft? Was gelten Verbote und Gebote und für wen gelten sie? Gibt es für Erwachsene eine Willensfreiheit, die dem Kind nicht oder kaum zugestanden wird?  Warum werden schon früh Schaden und Schuld darauf abgestützt? Wie lässt sich überhaupt erklären, dass Menschen in ihrer Besonderheit so ungleich agieren und reagieren, nicht bloss in der Kindheit und beim allmählichen Heranwachsen, sondern ein Leben lang, wenn sie doch die gleichen Grundbedürfnisse haben?

Seit Jahrhunderten wurden diese Fragen gestellt, doch in erster Linie wurden erzieherische Theorien geschaffen, es gab Überlegungen und Vorschriften über das „gute“ oder „schlechte Benehmen“ von Mädchen und Knaben sowie über deren Heranwachsen zu gesellschaftlich nutzbaren Frauen oder Männern, es gab darüber Briefe und Tagebücher, Biographien, Romane und belehrende Abhandlungen, doch mit Sorgfalt  wurde erst in der jüngsten Zeit auf die psychische und kognitive Entwicklung, auf die grundlegenden Bedürfnisse und auf das Leiden des Kindes eingegangen, erst  als sich Psychologie und Psychoanalyse von Medizin, Pädagogik und Theologie absonderten. Ab Ende des 19. Jahrhunderts entstand eine grosse Literatur mit den Werken von Jean Piaget[5], von William und Clara Stern[6], von Anna Freud[7] und von Melanie Klein[8], die meines Erachtens zu den wichtigen Wegbereitern sorgfältiger Beobachtung und Deutung der vielfältigen seelischen und körperlichen Entfaltung von Kindern gehören, selbst wenn sie in zahlreichen Erkenntnissen nicht übereinstimmen und wenn zwischen ihren Schülerinnen und Schülern heftige Kontroversen aufflammten. Gewiss, es waren schon zahlreiche Publikationen vorausgegangen, in denen die ersten Lebensjahre als entscheidend für das weitere Werden eines Menschen im Mittelpunkt standen.[9]  Doch es brauchte mehr Zeit, bis die Beziehung des Kindes zu sich selber und die Beziehung zu anderen Menschen – in erster Linie zur Mutter, eventuell zum Vater, zu Geschwistern, zu weiteren Familienmitgliedern – in Verbindung gebracht werden konnte mit der  Empfindsamkeit und Verletzbarkeit des kindlichen Selbstwertes, der sich – je nach Art und Weise der Erfüllung grundlegender Bedürfnisse – bis ins Erwachsenenleben fortsetzt, auf unterschiedliche Weise, mit Ängsten und Sehnsüchten, Konflikten und Verstörungen, die aus Mangel an Selbstwert, aus Ungenügen oder Täuschung entstanden sind. Was in vielen Fällen Gegenstand psychoanalytischer Theorien über die Macht des Unbewussten und der objektbezogenen Triebe, oder pädagogischer, psychiatrischer und juristischer Urteile über Charakter und Schuld wurde, ist zutiefst ein individuelles Leiden, das vielfache, auch tragische Auswirkungen hat, das andererseits Ansporn zu eigenständigem Denken sein kann, möglicherweise die Aufarbeitung und das Verstehen der seelischen Traumata ermöglicht, damit das kreative  Aufwachen der inneren Freiheit.

3) Individuum sein: untrennbar Ich-mit-mir sein

„Die Tür – nicht das Ding aus Holz.                                                                                                   Die Tür, offen zu offenen Türen, zu offenen Wegen, zum Wald.                                                         Der Wald – nicht Bäume aus Holz.                                                                                                    Der Wald aus atmenden Bäumen,                                                                                                    Bäume aus atmendem Grün,                                                                                                             Bruderberührung der Luft.                                                                                                                   Luft geatmet in die offene Tür.                                                                                                            Die Tür – nicht das Ding aus Holz.“ [10]

Es ist das Bild der Öffnung, das in Rose Ausländers Gedicht aufmerken lässt, einer Öffnung aus den von menschlichem Tun geschaffenen, mit Vorwänden aus Tabus und Hader geschlossenen, von Schuld, Leiden und Lasten überstellten Räumen der je persönlichen Herkunft und der Herkunft der Vorfahren in neue, wache, pulsierende Möglichkeiten der Zukunft – „zu offenen Wegen“ – , dadurch zu den aufbauenden, stärkenden Kräften des Lebens – „zum Wald aus atmenden Bäumen, Bruderberührung der Luft, Luft geatmet in die offene Tür.“

„Die Tür“ ist Symbol für die Öffnung  und damit für den Zugang zur inneren Freiheit, für ein Angebot der Absage an alles geschichtlich Abgesägte und Verklebte, das in erster Linie dem Verschliessen, Zuschliessen und Einschliessen dient  – „nicht das Ding aus Holz“, ein Hinweis auf die Möglichkeit, die Gründe und Ursachen der inneren  Verengung  oder des Ergrauens und Erstarrens zu verstehen, gleichzeitig das befreiende, erhellende, den Innenraum öffnende Aufatmen und Durchatmen zu kennen, das meines Erachtens mit dem besonderen Akt der inneren Freiheit einher geht, den Hannah Arendt als den „vornehmsten“ versteht: mit dem Vergeben – dem doppelten Geben – in der aktiven wie in der passiven Form, wenn der einzelne Mensch erlebt, dass er vergeben kann und/oder dass ihm vergeben wird. Es ist ein Akt der Zustimmung zum leidvollen, nicht gewählten Teil des Lebens, zu jenem der Herkunft, der Bedingungen und der ersten Erfahrungen der Kindheit und des Heranwachsens, die sich nicht auflösen lassen, die die weitere Entwicklung prägten, die aber durch die Erkenntnis der ebenso untrennbar mitgegebenen inneren Freiheit eine andere Bedeutung erhalten.

Die innere Freiheit? Es geht dabei um die kostbarste geistige Gabe, die dem Menschen mit seinem Menschsein gegeben wird, die weder erworben noch gelöscht werden kann. Mit Geboten und Verboten, mit Lieblosigkeit, Zwängen und Drill kann sie von Aussen, mit Ängsten und Selbstvorwürfen, mit Leichtfertigkeit oder mit Überheblichkeit kann sie von Innen überdeckt und verdunkelt werden, wie in den drei Fallgeschichten verdeutlicht wurde, doch sie kann nicht verloren gehen, wie in zwei der Beispiele, vielleicht in jedem persönlichen Lebensrückblick realisiert werden kann. Die innere Freiheit ist kostbarer wie alle anderen angeborenen Gaben, kostbarer wie die besonderen Talente und Fähigkeiten, die jedem Menschenkind noch vor dem Geborenwerden mitgegeben werden. Sie ist auch kostbarer wie jede spätere Freiheit, die dem Menschen durch das Kollektiv, in welchem er/sie lebt, zugesprochen wird oder die selber erworben wird, sei es die politische Freiheit, die das Recht der Mitbestimmung im Kollektiv zubilligt, für welche der Pass oder der Stimm- und Wahlrechtsausweis das vom Staat oder von der Wohngemeinde bestätigte Symbol ist, ohne dass die geringste Gewähr bestände, dass die politische Freiheit umgesetzt werden kann. Oder sei es die zivilrechtliche Freiheit, die mit dem Eintrag ins offizielle Geburtenregister noch nicht einsetzt, die dem Kind eigentlich zusteht, aber kaum respektiert wird, sondern die erst mit dem Erwachsenwerden, oft durch religiöse oder staatliche Rituale bestätigt wird, die als Recht auf Besitz, auf Wahlmöglichkeiten des Wohnens und des Berufs, auf Ehe oder Scheidung, zu allerletzt auf ein Grab anerkannt wird.

Die innere Freiheit bedeutet die Voraussetzung für das Hinterfragen und für die Wahl von Gefühle und Gedanken, von Klang und Inhalt von Worten, von Schweigen oder von zusammenhängenden Aussagen, von Tun oder von Unterlassen. Sie ist eine prioritäre Tatsache des Menschseins, wie immer dieses in seiner Besonderheit geprägt wurde, über alles kostbar und unbestreitbar, weder gut noch schlecht. Sie ist die offene Voraussetzung für die vielfache Umsetzung jeder Fähigkeit sowie aller Möglichkeiten des Tuns, eine  Voraussetzung, die im positiven oder negativen Sinn genutzt oder nicht genutzt werden kann, somit die Voraussetzung für die Umsetzung jeder anderen Freiheit, der Gedankenfreiheit und Glaubensfreiheit, der künstlerischen Freiheit, der Beziehungsfreiheit resp. der zivilen Freiheit, der politischen Freiheit. Vermutlich – letztlich – auch der Willensfreiheit, der Entscheidungsfreiheit, somit der Verantwortung des Menschen für das, was er entscheidet und tut.

Das „vermutlich“ verknüpft sich mit dem Warum gegenüber den Kräften, die als „Triebe“ und als unkontrollierbare „Affekte“ oder „Impulse“ spürbar sind, als körperlich drängendes Verlangen zu tun, was sich eventuell als Zorn, als Habgier oder als Neid und Hass äussert, eventuell auch als Gier resp. als bedenkenloser Drang nach Erfolg, selbst wenn dieser mit dem Antun von Unrecht, Schmerz und Leiden einher geht. „Vermutlich“ verknüpft sich mit dem Warum menschlichen Fehlverhaltens, das zur „Schuld“ erklärt wird, das gleichzeitig Bedauern und Scham weckt und mit grosser Dringlichkeit den Wunsch nach Korrektur des Getanen, den Wunsch nach Vergebung.

Vermutlich – vermuten – Mut – courage – coeur: Der Tatsache zustimmen zu können, dass ich bin,  wer  ich bin und  wie  ich bin, der eigenen Besonderheit zustimmen zu können, braucht Mut. Mut ist die Kraft des denkenden Herzens, ist das Ergebnis eines kurvenreichen, manchmal eben erscheinenden, manchmal harzigen oder dornigen Wegs des Werdens, des Sich-Entwickelns und Wachsens, des Sich-selber-Kennenlernens. Viele Stationen gehen mit diesem Weg einher, immer wieder ein Innehalten, manchmal ein leichtfertiges Überspringen, ein Straucheln, ein Fehlentscheid oder eine Verwirrung bezüglich der Richtung, oft ein Ärger oder ein Leiden, manchmal ein Staunen, manchmal Momente des Glücks. Stets werden unterschiedliche Gefühle geweckt und klingen bei der Suche nach Antwort mit, in Dur oder Moll, manchmal scharf oder störend, wie falsch gestimmt, doch irgendwann sind sie wohlklingend und sicher. Herkunft und Geschlecht, die körperlichen und geistigen Kräfte, auch alle Formen von Beziehung, die familiären, später die sozialen Bedingungen oder Begleiterscheinungen stehen im Mittelpunkt des Werdens.

4) Individuum sein im Zusammenleben: die Grammatik der Reziprozität

Indem wir in den letzten Teil der Überlegungen eintreten, wird klar: Individuum sein drückt eine Beziehung aus, die Beziehung des Menschen zu sich selbst.  Es ist die wichtigste Beziehung. Alle anderen Beziehungen werden durch die Art und Weise der Zustimmung zum vielschichtigen Ich-Sein beeinflusst.

Die Zustimmung erfolgt durch das denkende Ich als Subjekt zu sich selbst als Objekt. Mit anderen Worten: Das bewusste Ich mit seiner Fähigkeit zu fragen, zu erkunden und zu erkennen, stimmt dem unbewussten Ich – dem Es – zu, den Impulsen und Gefühlen, dem Leiden und den Bedürfnissen, Wünschen und Sehnsüchten. Es stimmt seiner inneren, verborgenen Geschichte zu. Durch diese Zustimmung geschieht eine Erhellung, nach und nach ein innerer Halt, der das weitere Werden stärkt und ein Gefühl wachsender Sicherheit – Selbstsicherheit – ermöglicht. Allmählich ängstigt die persönliche Besonderheit weniger, allmählich vielleicht gar nicht mehr das Anderssein im Vergleich mit all den Menschen, die sich durch Aussehen, Verhalten und Lebensweise, durch Herkunft, Alter und Geschlecht vom eigenen Ich unterscheiden und mit denen im Alltag Zeit und Raum geteilt werden, ob über kleine, flüchtige oder über wichtige Begegnungen, ob über einmalige Momente des Austauschs oder über fortgesetzte, vielleicht lange dauernde Verbindungen innerhalb gemeinsamer privater, beruflicher oder gesellschaftlicher Strukturen. Individuum sein bedeutet daher die einzigartige, nicht aufteilbare und nicht anfechtbare Persönlichkeit eines Menschen von den Anfängen des Daseins über alle Lernprozesse und Veränderungen seiner Persönlichkeit im Zusammenleben mit anderen Menschen.

Dass sich der einzelne Mensch in seiner Besonderheit im eigenen Subjektwert nicht beeinträchtigt fühlt, sondern sich angenommen weiss, beruht auf einer zwischenmenschlichen Grammatik: auf jener der Reziprozität.

Von der Wortbedeutung her handelt es sich um einen Zeitbegriff. Es geht um  den schmalen Übergang im Augenblick des Entscheidens und Tuns zwischen „recus“ – „was eben war“ – und „procus“ – „was eben sein wird“. „Was eben war“ beeinflusst die Emotionen und das Denken, die das Entscheiden und Handeln bestimmen. „Was eben sein wird“ betrifft die unmittelbaren Folgen des Tuns. Der Zeitbegriff ist zugleich ein Beziehungsbegriff, weil das, was vom einzelnen Menschen als Subjekt getan wird, sich sowohl auf ihn selber auswirkt wie auf den und die Nächsten als Objekt, die auch wieder als Subjekt in Bezug zu sich selber und zu Anderen agieren und reagieren. Ob es um Blicke oder um Worte gehe, um die Bewegung der Hand oder generell um den Entscheid, etwas oder nichts zu tun, alles hat Folgen in der Wechselwirkung. Das Wohlbefinden jedes Menschen, unabhängig von Namen, von Alter und Geschlecht, auch unabhängig von gesellschaftlicher Stellung, beruht auf der Wechselwirkung von Subjekt- und Objektsein im schmalen Übergang zwischen „recus“ und „procus“.

Reziprozität gilt auf gleiche Weise für Menschen, die stark und gesund sind wie für Menschen, deren Kräfte geschwächt sind. Damit im Zusammenleben keiner Art von Zugehörigkeit etwas Erniedrigendes anhaftet, sondern dem Bedürfnis nach Freiheit ebenso entspricht wie jenem nach Wert, ist jene Achtsamkeit erfordert, die auch dem Wachstum und dem Aufblühen von Pflanzen entgegengebracht wird, jene besondere „cura“ – „Pflege“, die in ältesten Zeiten dem Bebauen des Bodens galt und die, ganz analog, der „Kultur“ menschlichen Zusammenlebens im gemeinsamen gesellschaftlichen Raum gelten sollte.

Selbst wenn Verschiedenheit und Besonderheit das individuelle Menschsein kennzeichnen, die menschlichen Grundbedürfnisse sind stets die gleichen. Es geht um Nahrung und Bildung, um die Anerkennung und Achtung von Lebenswert, um die Entfaltung der persönlichen Begabungen, um Sicherheit, um Freiheit, um gleiche politische  und soziale Rechte. Zutiefst geht es um das Bedürfnis nach Angstfreiheit und nach Glück. Was dieses Bedürfnis bedeutet, wissen alle, auch wie ungleich dessen Erfüllung erlebt wird. Der Hunger danach lässt sich nicht stillen durch Sachen, nicht durch die Anhäufung von Haben. Die Erfüllung geht einher mit dem Erleben von Achtsamkeit, von Respekt und Wohlwollen im Verhältnis des Menschen zu sich selber und zu anderen Menschen, das heisst mit der Reziprozität von Achtsamkeit, Respekt und Wohlwollen. Es ist diese Grundregel des Zusammenlebens, die das Individuum weder einengt noch beklemmt, da sie nicht auf Misstrauen beruht, sondern auf der Korrektur von Misstrauen. Sie beruht auf dem Wissen um den Wert jedes Lebens im Zusammenleben, in der wechselseitigen Abhängigkeit der Individuen von einander, wenn diese nicht gegen einander, sondern im Sinn der Reziprozität beachtet und genutzt wird wie die Grammatik der Sprache.

Als Massstab in allen Belangen der Reziprozität, in denen ein Ungleichgewicht der Kräfte im Entscheiden und Handeln vorliegt, mag die Frage der Zumutbarkeit gelten. Sie richtet sich an das Subjekt, das im Zusammenleben über mehr Macht verfügt als diejenigen, die von ihm abhängig sind. Selbst wenn ein Entscheid als belanglos erscheinen mag, drängt sich dem einzelnen Menschen als Subjekt auf zu fragen: Könnte ich es ertragen, wenn jemand Anderer tun würde, was ich beschliesse zu tun? Wären die Folgen dieses Entscheids für mich zumutbar? Könnte ich selber die Auswirkungen ertragen, die jemand anderer durch mein Entscheiden oder Tun zu ertragen hat?

Macht ist immer ungleich verteilt, doch wer auf Grund von Funktion und Stellung Macht ausübt, trägt in erster Linie die Verantwortung, jede Art von Unrecht zu verhindern. Die Unterwerfung des eigenen Denkens und Entscheidens unter eine stärkere Macht, durch welche Unrecht zu Recht erklärt wird, bedeutet den Verlust von Freiheit. Die innere Freiheit, ohne Zwang die Gefühle zu beachten, zu denken und danach zu handeln, ist ein so unbestreitbarer Wert, dass jeder andere Wert auf diesem beruht, selbst der im Zusammenleben höchste: jener der Freundschaft.

Freundschaft ist vermutlich die kostbarste Bezeichnung für eine Beziehung zwischen Individuen. Immer geht eine verlässliche Übereinstimmung in der Zustimmung zur je persönlichen Besonderheit damit einher, auch wechselseitig ein Absehen von jeder Art von Besitzanspruch, damit das Zugeständnis von Freiheit und von wechselseitigem Respekt, von Vertrauen. Sie wächst als Beziehung unter Individuen aus dem Wert des Lernens. Dieses beinhaltet in erster Linie, keinerlei Leiden zu wiederholen, ob es sich um Eltern und Kinder, um Geschwister, um Nachbarinnen, Schul-, Studien- oder Arbeitskollegen handle, um wen auch immer in Beziehung zu wem auch immer. Wenn „lebenslang“ als Tatsache für die Besonderheit des individuellen Menschseins zutrifft, dann ebenso als Wunsch für die Erfahrung der Freundschaft, die dank der inneren Freiheit und der gelebten Reziprozität aus den nicht wählbaren Herkunftsbedingungen herausführt und gleichzeitig mit diesen versöhnt.

 

 

 

[1] Kaleko, Mascha (1977). Es fragt uns keiner. Aus: In meinen Träumen läutet es Sturm. Gedichte und Epigramme aus dem Nachlass. München: Deutscher Taschenbuch Verlag. S. 155

[2] Brunschweiler, Sonja (198). Lebenslänglich. Report einer Behinderten. Muttenz: St. Arbogast Verlag

[3] auch unter „Natalität“ von Hannah Arendt erstmals als Begriff benutzt und erörtert in Vita activa oder Vom tätigen Leben (dt. 1967): München: R. Piper (engl. 1958) The Human Condition. University of Chicago Press

[4] Klein, Melanie / Riviere, Joan (1983): Seelische Urkonflikte. Liebe, Hass und Schuldgefühl. Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch. (Englische Erstausgabe: Love, Hate and Reparation (193). London: The Hogarth Press and The Institute of Psycho-Analysis / Neuausgabe in: Klein, Melanie. Love, Guilt and Reparation and other works 1921-1945 (1998). Introduction by Segal, Hanna. London: Vintage Random House, S. 306-343

[5] Piaget, Jean. Die geistige Entwicklung des Kindes (1944). (Hrsg. Müller, H.R.). Zürich: M.S. Metz S. 31-92. – Psychologie der Intelligenz.(1948), Zürich: Rascher. – Das moralische Urteil des Kindes (1964), Zürich: Rascher. –  Sprechen und Denken des Kindes (1972), Düsseldorf: Schwann – Der Aufbau der Wirklichkeit beim Kind (1975), Stuttgart: Klett – Intelligenz und Affektivität in der Entwicklung des Kindes. Ein Schlüssel zum Verständnis des menschlichen Verhaltens (1995), Frankfurt am Main: Suhrkamp. – Das Weltbild des Kindes (1997), München: Deutscher Taschenbuch Verlag dtv.

[6] Stern, William. Psychologie der frühen Kindheit bis zum sechsten Lebensjahr. Mit Benutzung ungedruckter Tagebücher von Clara Stern (1914 / 1921), Leipzig: Quelle und Meyer

[7] Freud, Anna. Das Ich und die Abwehrmechanismen (1936), Wien: Internationaler Psychoanalytischer Verlag   – Freud, Anna / Burlingham, Dorothy Heimatlose Kinder (1982), Frankfurt am Main: Fischer. Ursprünglich unter dem Titel Für Kriegskinder (1949), London: Imago Publishing sowie Für Anstaltskinder (1950), London: Imago Publishing.- Freud, Anna Zur Psychoanalyse der Kindheit. Die Harvard-Vorlesungen (von 1952)(1992), Frankfurt am Main: Fischer

[8] Klein, Melanie (1977). The writings of Melanie Klein. 4 Bde.  London: Hogarth Press / Gesammelte Schriften. Hrg. R. Cycon unter Mitarbeit von H. Erb. 4 in 6 Bden. (1995), Stuttgart: Frommann-Holzboog. –  Von besonderer Beachtung: Klein, Melanie. Envy and gratitude (1957), London: Tavistock Publications  (dt. Neid und Dankbarkeit. Verkürzte Fassung. Übersetzt von M. von Niederhöffer. In: Das Seelenleben des Kleinkindes (1983), Stuttgart: Klett-Cotta, S. 225-242).

[9] William Stern verweist auf eine breite Literatur und erwähnt insbesondere die Bedeutung des 1882 publizierten Werks Die Seele des Kindes des englischen Physiologen William Thierry  Peyer (1841-1897), der als Professor in Jena gewirkt und einen Austausch unter den unterschiedlichen Vertretern wissenschaftlicher Methoden angestrebt hatte. Stern lehnte jedoch die Begrenzung der Untersuchung auf die ersten drei Jahre der Kindheit ab und vertrat die Auffassung, dass diese bis zum sechsten Lebensjahr grösster Sorgfalt fortgeführt werden sollte.  Auch lehnte er „die  Anwendung der sogenannten ‚Psychoanalyse‘ (Freud) auf kleine Kinder“ ab, die er als eine „fessellose Deuterei in die unbewussten Tiefen der Kinderseele hinein“ erklärte, „in denen sie nicht als ‚infantile Sexualität‘ zu finden meint“. Dabei richtete er sich vor allem gegen Hermine von Hug-Hellmuth (Hermine Hug von Hugenstein geb. 1871 – gest. 1924), deren zahlreiche Publikationen (z.B. Vom wahren Wesen der Kinderseele. Vom ‚Mittleren Kind‘ in: Imago, 1921, Vol. VII, Heft 1, S. 84) für Anna Freud von grosser Bedeutung waren, von Melanie Klein aber vehement abgelehnt wurden.

[10] Ausländer, Rose (1985). Die Tür. In: Die Sichel mäht die Zeit zu Heu. Gedichte 1957-1965. Frankfurt am Main:  Fischer,  S. 265

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