Besonders sein – anders sein – in der Vielfalt zusammen leben – Über die Grundwerte der Individualität, der Heterogenität und der Reziprozität

Besonders sein – anders sein – in der Vielfalt zusammen leben

Über die Grundwerte der Individualität, der Heterogenität und der Reziprozität

Beilag zum Zyklus Vergebung an der Uni Bern, Institut für Weiterbildung, WS 2012

 

Es bedeutet mir eine Freude, zur gemeinsamen Denkarbeit über die Bedeutung von Vergebung im Rahmen der Weiterbildung noch einige zusätzliche Elemente beisteuern zu können. Ich hoffe, dass damit der Boden für den offenen und zugleich schützenden Raum des Fragens und Erkennens gestärkt werden kann.

Die wichtigsten Elemente in diesem Raum sind Sie selber, Sie je einzeln in Ihrer Besonderheit, in der Vielfalt Ihrer Persönlichkeit wie in der Gemeinsamkeit und Unterschiedlichkeit Ihres Hier- und Daseins im Rahmen der Salongespräche.  Damit werden die drei Begriffe Individualität, Heterogenität und Reziprozität in ihrer Bedeutung schon verwendet. Es sind Begriffe, die von Ihnen verkörpert und geistig umgesetzt werden, die von Ihnen gelebt und verwirklicht werden. Im Lauf der sechs Wochen wird sich deren Bedeutung vertiefen und erweitern.

 

  • Individualität

Individualität als Begriff kommt möglicherweise am einfachsten vor, doch was als Wort leichthin gebraucht wird, verbirgt eine grosse Geschichte.  Als Einstieg sie zusammenzufassen mag nützlich sein: Jedes menschliche Wesen ist in seiner Besonderheit einzigartig, ein „Individuum“, d. h. in sich selber „nicht trennbar“  (lat. „dividere“ – trennen, „in“, „un“ – nicht). Die „Individualität“ eines Menschen bedeutet daher die nicht anfechtbare, nicht aufteilbare Persönlichkeit seines Ich.

Doch zu wissen,  w e r „das Ich“ ist,  w e r  ich bin,  ist hoch kompliziert, und der Tatsache zustimmen zu können, dass ich bin, wer ich bin und  w i e  ich bin, ist das Ergebnis eines langen und kurvenreichen, manchmal  leicht und eben erscheinenden, manchmal harzigen, steinigen oder dornigen Weg des Werdens, des äusseren und des  verborgenen, des Sich-Entwickelns und Wachsens, des Sich-selber-Kennenlernens.  Viele Fragen gehen mit diesem Weg einher,  immer wieder ein Stillehalten , manchmal ein leichtfertiges Überspringen, ein Straucheln, ein Fehlentscheid oder eine Verwirrung bezüglich der Richtung, oft ein Ärger oder ein Leiden, manchmal  ein Staunen, manchmal Momente des Glücks.  Stets werden unterschiedliche Gefühle geweckt und klingen Schritt für Schritt bei der Suche nach Antwort mit, in Dur oder Moll, hell oder dunkel, manchmal scharf oder störend, wie  falsch gestimmt, doch irgend einmal sind sie wohlklingend und sicher. Herkunft, Geschlecht und alle Formen von Beziehung, die familiären, später die sozialen Bedingungen oder Begleiterscheinungen stehen im Mittelpunkt des Werdens.

„Woher ich komme, wohin ich gehe, darauf kommt’s an. Ich verzähle mich nicht selten in der Eile, wenn ich zähle 1, 2, 3, bis 99. Ich verzähle mich nie, wenn ich rechne, hundert abwärts. Ich tauche – mein Ziel ist Tiefe. Tiefer und tiefer ich falle. Den dunkelsten Punkt in Weite erreicht, erkenn’ ich Licht des anderen Endes. Die Ausgangstür schliesst. Sogleich steh’ ich auf der Schwelle einer Eingangstüre wieder. Die Welt! Sie blendet mich! (…) Wie kann ich ahnen wollen, wenn Ende Anfang gleich –  und Alles Nichts bedeutet”[1].

Warum lässt sich sagen, dass „Alles Nichts bedeutet“?  Können Worte ohne Gewissheit des Wertes, den sie beinhalten, zum Beispiel „Anfang“, „Ende“ oder „Welt“, tatsächlich „blenden“?

Die Zeilen hat Joanna Lisiak geschrieben,  noch immer eine junge Frau,  die, 1971 in Polen geboren, 1981 als Zehnjährige nach Zürich kam und seither hier lebt. Die Gedichte und kurzen Texte, die sie veröffentlicht hat, machen deutlich, wie komplex die Frage nach der Individualität ist und nach den Werten, die diese prägen. Die Herkunft – „woher ich komme” -, kann nicht gewählt werden. Die Familien- und die Zeitgeschichte, die massgeblich die Lebensweise und die Erfahrungen der Kindheit prägen, sind nur annähernd  durchschaubar und sind in den Jahren der Hilflosigkeit und der grossen Abhängigkeit von Erwachsenen oder von Vorgesetzten kaum  beeinflussbar. Das Zurückzählen in der Generationengeschichte mit allem Bekannten und Unbekannten auf der Mutter- und auf der Vaterlinie – „1, 2, 3, bis 99“ – mit Notzuständen und Armut oder mit Geschichten, die voller  Tabus und Fragezeichen sind oder die blitzschnell abgehäckelt werden – „hundert abwärts” -,  das kann tatsächlich in „Tiefen“ führen.

Es ist die in jeder Pubertät erwachende Sehnsucht, die „Ausgangstür zu schliessen” und sich nicht weiter in der durch Eltern, Grosseltern und andere Autoritäten geprägten Geschichte bewegen zu müssen, die Sehnsucht, eine neue Tür zu öffnen, einen eigenen Weg zu finden und zu bestimmen. Immer steht der junge Mensch auf einem Punkt, der Abschied oder Abkehr bedeutet und zugleich Entscheid, Selbstbestimmung und Neuorientierung: „Ausgangstür” und „Eingangstür” lösen sich ab. Gewiss, „wohin ich gehe, darauf kommt’s an”, schreibt Joanna Lisiak, doch wie lässt sich wissen, wohin? So viele Ziele sind unbekannt, so vieles wirkt schnell überzeugend und erweist sich als täuschend, als  Versuchung.  „Die Welt! Sie blendet mich”,  stellt die junge Frau fest. Wo zu viele Angebote sind, ist es schwer, den Blick auf ein bestimmtes zu richten, das das richtige sein könnte. Das Neue und Unbekannte beim Erwachsenwerden ist ebenso verschlüsselt wie das Vorgekochte oder Abgetragene  in der Kindheit, die auch später weiterwirkt und wie nicht abschliessbar ist. Wie lässt sich „ahnen”, was tatsächlich ihr Wert ist oder sein wird? Wie lässt sich die tatsächliche Bedeutung der eigenen Geschichte finden, wenn „alles”, was sich als „Welt” auf die Zukunft hin öffnet, in einem Geflecht unklarer Machtverhältnisse erscheint, vielleicht wie in einem abstrakten oder  virtuellen Raum, dessen Boden aus einem Mosaik von Theorien besteht?

„Individualität“ drückt ein Verhältnis aus.  Es ist das wichtigste Verhältnis, das alle anderen Verhältnisse beeinflusst: das Verhältnis des Menschen – des Individuums – zu sich selbst.  Das Verhältnis  beruht auf der Art und Weise der Zustimmung zum vielschichtigen Ich-Sein.  Doch was wird damit gemeint, dass das Ich sich selber zustimmt, was bedeutet die Zustimmung, die es sich selber gibt?

Gemeint wird, dass im Augenblick des Sich-selber-Betrachtens das Nichtwissen, Lernen und  Sich-Verändern im Werden nicht abgelehnt wird, dass es angenommen wird, verständnisvoll, selbst wenn alles an diesem Ich-sein stört.  Zustimmung erfolgt durch das denkende Ich in seinem Subjektsein zum eigenen Objektsein.  Mit anderen Worten: das bewusste Ich mit seiner Fähigkeit zu fragen und zu erkennen stimmt dem unbewussten Ich – dem Es –  mit seinen Impulsen und Gefühlen, mit seinem Leiden und seinen Bedürfnissen, Wünschen und Hoffnungen zu. Es stimmt seiner ganzen inneren, verborgenen Geschichte zu. Durch diese Zustimmung geschieht eine Öffnung, durch die Öffnung eine Erhellung, allmählich, mehr und mehr eine Übereinstimmung, durch die Übereinstimmung mehr und mehr ein innerer Halt, der das weitere persönliche Werden stärkt und ein Gefühl wachsender Sicherheit ermöglicht.  Allmählich ängstigt die Besonderheit des eigenen Werdens und das sich immer wieder verändernde, wachsende So-Sein des eigenen Ich weniger, allmählich gar nicht mehr in seinem Anderssein im Vergleich mit all den Menschen, die sich durch Aussehen, Verhalten und Lebensweise, durch Herkunft, Alter und Geschlecht  wenig oder vielfach vom eigenen Ich unterscheiden und mit denen im Alltag durch Begegnungen und Erfahrungen Zeit und Raum geteilt werden, ob es  kleine, flüchtige und unbedeutende oder wichtige Begegnungen seien, ob  einmalige Momente des Austauschs oder fortgesetzte, vielleicht lange dauernde Verbindungen innerhalb gemeinsamer privater, beruflicher oder gesellschaftlicher Strukturen.

Auf die Tatsache des Andersseins wollen wir näher eingehen, auf die Bedeutung der Heterogenität.

 

2)  Heterogenität

Es mag sich ein wichtiger Aspekt schon herausgeschält haben: Heterogenität hängt mit der Individualität zusammen. Sie ist Voraussetzung und zugleich Folge der nicht austauschbaren Besonderheit jedes einzelnen Menschen.  Ich-Sein heisst immer auch Anderssein.

Heterogenität betrifft die  Vielfalt des Andersseins im Zusammenleben der vielen menschlichen Ichs, die so zum Du, zum Er, Sie und Es, zum Ihr und zum Wir werden. Das Zusammenleben  umfasst  ein Zeitelement, das von grosser Bedeutung ist, das Element der Gleichzeitigkeit. Das „wir“ ist Ausdruck der Gleichzeitigkeit im Tun, im Werden und Sein von mehreren oder vielen Ichs, das „ihr“ Gleichzeitigkeit im Angesprochen- oder  Wahrgenommenwerden von mehreren Dus, und so geht es im Verhältnis der Einen zu den Anderen, der Einen mit oder ohne oder durch oder für oder gegen die Anderen weiter, unablässig. Es ist ein vielseitiges Bezugssystem, das die Existenz – das Dasein – jedes Menschen prägt und das in der Grammatik der Sprache Ausdruck findet.  Wie einleuchtend ist es, da immer das Ich spricht und sich an ein Du oder an ein Ihr wendet, dass es von Ihm oder von Ihr, von Ihnen oder von Etwas spricht. Immer bestimmt das Subjekt das Verb, mit dem ein Sein, ein Empfinden, ein Fühlen, ein Denken, ein Entscheiden, ein Tun zum Ausdruck kommt und sich an ein Objekt oder an mehrere richtet, die selber wieder als Subjekt sich äussern, mitteilen und agieren können. Und ebenso einleuchtend ist, dass auf das, was gesagt wird, geachtet wird. Das wechselseitige Beachten, Achtgeben, möglicherweise gar Verstehen ist von grösster Bedeutung, da auf Grund geringer sprachlicher Unklarheiten Missverständnisse entstehen können, die das zwischenmenschliche Verhältnis trüben oder gar Schaden anrichten können, wenn nicht rechtzeitig mit Sorgfalt gefragt wird, was mit dem Gesagten gemeint ist.  Das Anderssein äussert sich auch in der Sprache, das Sprechen – die Wahl der Worte, der Klang und Rhythmus der Sprache – ist ebenso heterogen wie die vielen anderen genetischen, körperlichen und gemütsmässigen Einzelheiten, die das individuelle Menschsein prägen.

In begrifflicher resp. sprachanalytischer Hinsicht bezieht sich „heterogen“ allerdings in erster Linie auf das Geschlecht, auf das „andere Geschlecht“ (griechisch „heteros“ – anders, abweichend; „genos“ – Geschlecht, Art, Gattung), auf Weiblichkeit und Männlichkeit,  auf Frau-Sein und Mann-Sein. Doch  gerade die Geschlechtlichkeit ist in ihrer Besonderheit oft gar nicht eindeutig.  Zwar sind die körperlichen „Organe“, diese „Sinneswerkzeuge“ oder „Sinnesinstrumente“, wie das griechische Wort „organon“ heisst, geschlechtsspezifisch und in ihrer Besonderheit erkennbar. Sie haben, entsprechend der Bedeutung des altgriechischen „ergon“, von welchem „organon“ abgleitet ist, eine „Arbeit“ zu leisten, ein „Werk“ zu vollbringen oder einfach eine Funktion zu erfüllen, so wie es vergleichsweise für ein Musikinstrument gilt. (Es verwundert nicht, dass das grösste Musikinstrument daher „Orgel“  heisst). Doch selbst Worte haben mehr als einen Elternteil. „Organ“ ist nicht allein aus „ergon“  – „Arbeit, Werk“ abgeleitet, sondern auch aus „orge“ – „Trieb, Gemüt, aus „heftiger, leidenschaftlicher Gemütsbewegung“.  Das geschlechtliche, sexuelle  „Werk“ von Zeugen und Gebären kennzeichnet ohne Zweifel den unterschiedlichen „genos“, doch ebenso unterschiedlich und  individuell  anders oder besonders sind die Gemütsbewegungen, die sich mit dem Bedürfnis nach Lust und nach Wohlbefinden vereinen und die das gesamte menschliche Verhalten beeinflussen. Dahinter stecken sowohl hormonelle Impulse wie feinste Sinneswahrnehmungen und Reaktionen, Begabungen und Fähigkeiten, die mit Grundbedürfnissen einhergehen, mit deren Erfüllung oder mit Mangel in deren Erfüllung. Immer beeinflussen sie auf ganz individuelle Weise die vielen Variationen des kaum vorstellbar komplexen  Klangregisters der „psyche“  – der „Seele“. Was in der Sprache der Philosophie, der Psychologie, der Psychoanalyse wie der Religionen die Seele des einzelnen Menschen bedeutet, das geheimnisvolle  Zentrum seines Ichseins mit allen Empfindungen und Gefühlen, mit jenen des Leidens, der Einsamkeit und Verzweiflung wie mit jenen des Glücks, gilt in der Sprache der Biologie und Medizin, überhaupt der Naturwissenschaften dem je individuellen, unaustauschbaren cerebralen Nervensystem des Individuums mit der Besonderheit all seiner sinnesmässigen und gemütsmässigen Wahrnehmungen und Reaktionen.

Heterogenität bezieht sich somit auf das vielseitige Anderssein der Menschen, die zusammen leben, auf das Anderswahrnehmen, Anderserleben und Anderstun, das von der frühen Kindheit an eine Tatsache ist und die das Heranwachsen und Sichentfalten des Menschen bis zum allmählichen Abbau der körperlichen Kräfte, letztlich bis zum Sterben begleitet. Die geschlechtliche Differenz, die mit der Wortbedeutung tangiert wird, ist allerdings, wie schon angetönt wurde, nur ein kleiner Teil des früh erlebten Andersseins. Schwestern sind sich in geschlechtlicher Hinsicht gleich, auch Brüder sind sich in dieser Hinsicht gleich, doch es gibt knabenhaft wirkende Mädchen und Frauen wie es Knaben und Männer mit weiblichen Aspekten und Eigenschaften gibt. Die Geschlechtshormone müssen nicht eindeutig sein, sie können/dürfen durchmischt sein, wie die Natur sie in der jeweiligen Besonderheit des Menschen gestaltet. Ohnehin erleben sich Knaben und Mädchen, Knaben und Knaben, Mädchen und Mädchen auch  in jeder anderen Hinsicht als der geschlechtlichen unterschiedlich, unterschiedlich in Hinblick auf den Platz in der Familie, auf das Verhältnis zur Mutter und zum Vater, auf Aussehen, Grösse, Begabungen, Erfahrungen und Entwicklung. Sie  fühlen sich unterschiedlich beachtet, akzeptiert oder nicht akzeptiert, unterschiedlich geliebt oder bestraft, und  so verhalten sie sich unterschiedlich und wachsen unterschiedlich heran. Die Bedeutung der eigenen Gefühle zu erfassen, die Wünsche und Ablehnungen zu durchschauen, um die persönlichen Wahl  im Verhalten zu wissen, auch  im freien Entscheidenkönnen der Zielsetzungen, im Beachten der Folgen eines Entscheids, im Abwägen und Korrigieren erster Impulse, überhaupt im Wissen resp. im Bewusstsein dessen, was „Freiheit“ – innere Freiheit – und eigene Verantwortung bedeutet, all dies setzt erst allmählich ein. Es ist ein langes, oft mühsames, ab und zu erfreuliches Lernen, das einem grossen Bedürfnis entspricht und schon mit dem kindlichen „warum?“ und auf jede Antwort wieder mit einem „warum?“ einsetzt, auch mit dem frühen Gefühl von Gerechtigkeit oder Ungerechtigkeit, das mit dem Bedürfnis verknüpft ist, dass der eigene Lebenswert nicht unterdrückt wird, sondern ebenso viel Anerkennung bekommt wie Anerkennung erbracht wird, dass eine Ebenbürtigkeit im Zusammenleben der vielen unterschiedlichen Menschen erlebt werden kann.  Ist es überhaupt möglich?

Darauf wollen wir im dritten Teil der Überlegungen eingehen.

 

  1. Reziprozität

Das Zusammenleben der Menschen in ihrer Individualität und Heterogenität ist ein hoch kompliziertes Werk, ein Kunstwerk von höchstem Wert, wenn es gelingt. Ungleiche Lebenszeiten und ungleiche Voraussetzungen mit ungleichen persönlichen Bedürfnissen und gleichen Grundbedürfnissen unter gleichen zeitlichen und räumlichen Bedingungen: das sind die Tatsachen, die die Mitgliedschaft unzähliger Einzelner in einem vielfältigen System von Verhältnissen bewirken, ob es sich um Paare handle, um Gruppen, Familien, Schulklassen, Vereine, Glaubensgemeinschaften,  Wohngemeinschaften, um Firmen oder Genossenschaften, um die Gesellschaft schlechthin. Vielfältige wechselseitige Abhängigkeiten gehen damit einher. Jeder und jede Einzelne ist auf zahlreiche Andere angewiesen, unabhängig von Alter, Rang und Funktion. Aus dieser Tatsache heraus sind Regeln entstanden, die je nach Kultur variieren, denen jedoch eine gemeinsame Grundregel eigen sein könnte, die, unabhängig vom Zweck des Systems und unabhängig von der Besonderheit seiner Mitglieder, sowohl der Bedeutung von „Kultur“ wie den Grundbedürfnissen aller Beteiligten gerecht werden könnte: die Reziprozität.

Was heisst „Reziprozität“?  Die Wortherkunft verweist auf einen Zeitbegriff, der zugleich ein Beziehungsbegriff ist. Es geht dabei um den schmalen Übergang von „recus“ – „was eben war“ und „procus“ – „was eben sein wird“ im Augenblick des Entscheidens und Tuns. „Was eben war“ beeinflusst die Emotionen und das Denken, die jedes Entscheiden und Handeln bestimmen. „Was eben sein wird“ betrifft die unmittelbaren Folgen allen Tuns. Der Zeitbegriff ist zugleich ein Beziehungsbegriff, weil das, was vom einzelnen Menschen als Subjekt getan wird, sich sowohl auf ihn selber auswirkt wie auf den und die Nächsten als Objekt, die auch wieder als Subjekt in Bezug auf sich selber und auf Andere agieren und reagieren. Um was es auch gehe, ob um den Atem, der das Leben seit dem Moment der Geburt ermöglicht hat und es in Gang hält –  im Lateinischen atme ich die Seele aus und atme sie ein („animam reciproco“) -, oder um den Blick, um Worte, die Bewegung der Hand, den Entscheid, etwas oder nichts zu sagen oder zu tun, alles hat Folgen in der Wechselwirkung, die für den handelnden Menschen umso stärkender sind je weniger sich die Folgen für den oder die Anderen beklemmend, ängstigend oder entwürdigend auswirken. Das Wohlbefinden jedes Menschen, unabhängig von Namen, von Alter und Geschlecht, auch unabhängig von gesellschaftlicher Stellung, beruht auf der Wechselwirkung von Subjekt- und Objektsein im schmalen Übergang zwischen „recus“ und „procus“.

Reziprozität gilt auf gleiche Weise für Menschen, die stark und gesund sind wie für Menschen, deren Kräfte geschwächt sind. Viele mussten Schmerzliches und Schweres durchstehen, sie haben Sturmböen, Kälte oder Dürre erlebt, die anderen erspart blieben. Wegen der Ungleichheit – der Heterogenität – im Zusammenleben bedarf es daher des verlässlichen Beitrags aller zu Gunsten der Geschwächten, der Hilfebedürftigen und Fremden, insbesondere von Seiten jener, die mit Leichtigkeit sich für den eigenen Vorteil oder Gewinn einsetzen können. Damit im Zusammenleben keinerlei Mitgliedschaft etwas Zwanghaftes oder Erniedrigendes aufweist, sondern dem Bedürfnis nach Freiheit ebenso entspricht wie jenem nach Zugehörigkeit, ist jene Achtsamkeit erfordert, die auch dem Wachstum und dem Aufblühen von Pflanzen entgegengebracht wird, jene besondere „cura“ – „Pflege“, abgeleitet vom Verb „colere“- „pflegen“, die in ältesten Zeiten dem Bebauen des Bodens galt und die, ganz analog, der „Kultur“ menschlichen Zusammenlebens im gemeinsamen gesellschaftlichen Raum gelten sollte, der die Gleichzeitigkeit des Lebens bedeutet.

Dieser „Raum“ des Zusammenlebens in vielfältiger Heterogenität und in wechselseitiger Abhängigkeit von einander, dem die Bedeutung von „cura – cultura“ zukommt, kann nur wachsen und ein Wohlbefinden ermöglichen, wenn er sich dialogisch-prozesshaft öffnet, wenn er die je individuelle Freiheit im Bewusstsein der Reziprozität mitgestalten lässt. Jedes ideologisch beeinflusste Bedingungsraster, ob es sich um politische oder religiöse Ideologien handle, würde einengen, beeinträchtigen und  blockieren. Beispiele gibt es unzählige. Wie sehr wird verdrängt, dass auch hier in der Schweiz die religiöse Engstirnigkeit wie das Ausmass an Armut zur Zeit der Urgrosseltern und Grosseltern, d.h. im 19. Jahrhundert und noch im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts, so belastend waren, dass sich für Hunderttausende von Menschen die Emigration aufdrängte, sowohl in die nächsten Nachbarländer wie in andere Kontinente, nicht nur in die offenen Landgebiete von Süd- und Nordamerika, nicht nur nach Australien, Neuseeland und in andere asiatische Länder, sondern auch nach Ägypten und nach Abessinien, nach Südafrika oder nach Russland. Überall, wohin sie gelangten, bedurften sie der wohlwollenden Aufnahme und der Unterstützung durch die dortige Gesellschaft, um das, was war und was den Verlust der Heimat bewirkte, ertragbar zu machen,  um wieder eine Einwurzelung und einen angstfreien Blick in die Zukunft zu finden.

Selbst wenn die Verschiedenheit und Besonderheit des menschlichen Aussehens, der Kräfte und der Begabungen einen wichtigen Teil der individuellen Werte bedeuten, so sind die menschlichen Grundbedürfnisse die gleichen. Das wurde schon mehrmals betont. Es geht um Nahrung und Bildung, um die Anerkennung und Achtung von Lebenswert, um die Entfaltung der persönlichen Begabungen, um Sicherheit, um Freiheit, um gleiche politische  und soziale Rechte. Zutiefst geht es um das Bedürfnis nach Angstfreiheit und nach Glück. Was dieses Bedürfnis bedeutet, wissen alle, auch wie ungleich dessen Erfüllung erlebt wird. Der Hunger danach lässt sich nicht stillen durch Sachen, nicht durch die Anhäufung von Haben. Die Erfüllung geht einher mit einem Lernen und stets, wie die Erfüllung aller  Grundbedürfnisse, mit der Achtsamkeit und dem Wohlwollen im Verhältnis des Menschen zu sich selber und zu anderen Menschen sowie mit deren Achtsamkeit und deren Wohlwollen. Es ist diese Achtsamkeit, die weder einengt noch beklemmt, da sie nicht auf Misstrauen beruht, sondern auf der Korrektur von Misstrauen. Sie beruht auf dem Wissen um den Wert jedes Lebens im Zusammenleben, in der wechselseitigen Abhängigkeit von einander, wenn diese nicht gegen einander, sondern im Sinn der Reziprozität beachtet und genutzt wird wie die Grammatik der Sprache.  Reziprozität ist die Grammatik des Zusammenlebens.

Als Massstab in allen Belangen der Reziprozität, in denen ein Ungleichgewicht der Kräfte im Entscheiden und Handeln vorliegt, mag die Frage der Zumutbarkeit gelten. Sie richtet sich an das Subjekt, das im Zusammenleben in irgend einer Form oder Weise über mehr Macht verfügt als diejenigen, die von ihm abhängig sind. Um was immer es geht, selbst wenn es als belanglos erscheinen mag, drängt es sich dem einzelnen Menschen als Subjekt auf zu fragen: Könnte ich es ertragen, wenn jemand Anderer tun würde, was ich beschliesse zu tun? Wären die Folgen dieses Entscheid für mich zumutbar? Könnte ich die Auswirkungen ertragen, die jemand anderer durch mein Entscheiden oder Tun zu ertragen hat?

Was im privaten, praktischen Alltag am Arbeitsplatz oder in der Wohnsituation von spürbarer Bedeutung sein kann, zeigt sich in allen Belangen auch in der Öffentlichkeit. Möglicherweise ist die Achtsamkeit im Strassenverkehr das einleuchtendste Beispiel. Dass die gleichen Überlegungen ebenso im politischen Rahmen gelten sollten, etwa in Zusammenhang von Abstimmungen, die das Zustandekommen von Gesetzen beeinflussen, wird kaum beachtet: Was dem einzelnen Individuum, das über politische Macht verfügt, nicht zumutbar wäre, kann er nicht für andere Menschen, die selber machtlos sind, als zumutbar erklären, unabhängig von Herkunft, Religion und Pass. Darum geht es, wenn die Frage gestellt wird, welche Lebensbedingungen zumutbar sind: um die Frage, ob Hunger und Obdachlosigkeit zumutbar sind. Wie viel Einschränkung der Bewegungsfreiheit, wie viel materielle Not, wie viel Erniedrigung zumutbar ist. Ob  es für Menschen zumutbar ist, allein wegen ihrer nicht wählbaren familiären Herkunft zu Projektionsobjekten von Hass, Gewalt und Ausgrenzung gemacht zu werden, immer erneut vertrieben und gejagt zu werden. Ob es Männer, Frauen und Kinder zumutbar ist, in ein Land zurückgeschickt zu werden, in welchem sie nicht leben konnten. Ob  Kindern die ständige Demütigung, die Angst und Hilflosigkeit der Eltern zumutbar ist.

Die Frage nach der Zumutbarkeit betrifft zutiefst das Menschsein, den Kern: das Herz. In „zu-muten“ findet sich  „Mut“, so wie in „Anmut“ oder in „Wehmut“.  Das Wort „Mut“  hat ältesten sprachlichen Ursprung. „Mut“ beruht auf der Silbe „mu, my“  –  „Laut, Klang“ wie „Musik“, Mystik“, „Mythos“. Diese ursprüngliche Bedeutung blieb über Jahrtausende erhalten. Im Französischen heisst Mut „courage“, das wissen Sie,  und „courage“ gehört zur gleichen Wortfamilie wie  „coeur“ – „das Herz, die Seele“. Hier findet sich die Verbindung zum Atem, zur Voraussetzung für jedes individuelle Leben und fürs Zusammenleben, hier findet sich die Verbindung zur Reziprozität: „animam  reciproco“. Die Frage nach der Zumutbarkeit trifft den Kern des Zusammenlebens, da in der ganzen Heterogenität, in der vielfältigen Verschiedenheit von Individualität, von Standort, Leiden, Suche nach Glück und Macht das Menschsein gleich ist. Wer im Entscheiden und Handeln die Frage der Zumutbarkeit übergeht, vergeht sich nicht nur in der Beachtung der Grundbedürfnisse des oder der Anderen, sondern auch gegen sich selber, gegen den eigenen Wert, engt gewissermassen den „Atem“ ein, das „Herz“, die Seele – jene des Anderen oder der Anderen, doch ebenso die eigene. Der Prüfstand ist das Pochen des Herzens, das „Gewissen“ genannt wird, ob es sich um private oder um öffentliche Belange handle, die mit einem Entscheid zusammenhängen. Doch wie Entscheide getroffen werden, das liegt vermutlich nicht an der Kenntnis oder Unkenntnis der ethischen Normen und Regeln, ob sich diese auf Jesu’s Bergpredigt oder auf  philosophische Denkrichtungen oder auf die Menschenrechtserklärung berufen. Die Grammatik der Reziprozität fasst die Grundwerte aller bedeutenden philosophischen und religiösen Schulen zusammen.

Bevor ich abschliesse, noch ein kleines Beispiel, das weit zurückliegt, aber noch immer Beachtung verdient. Schon vor mehr wie 400 Jahren war für einen jungen Denker die Frage, wie ein weniger belastendes und gerechteres, wohlwollenderes Zusammenleben  zustande kommen kann. von zentraler Bedeutung, für Etienne de la Boëtie[2], der mit 33 Jahren starb und ein kleines Werk zurück liess, das nach seinem Tod von seinem Freund Michel de Montaigne[3] veröffentlicht wurde. Es war ein Aufruf gegen jegliche Art „freiwilliger Knechtschaft“ („Discours de la servitude volontaire“)[4], in welcher ohne die geringste Überheblichkeit der Wert des eigenen Denkens mit dem Mut gegen menschliche Unterwerfungshaltung und Mitläufertum verteidigt wurde.

Für Etienne de la Boëtie war klar, dass „wer philosophiert, mit seiner Zeit nicht einig sein kann“[5], d. h. wer die Zeitgeschehnisse kritisch betrachtet, jede Art von Machtmissbrauch erkennt und hinterfragt, sich dagegen auflehnt und sie zu korrigieren trachtet, der/die gehört nicht zur tauben Masse, sondern zu einem Kreis wacher, denkender Frauen und Männer. Mit aller Deutlichkeit hält er fest, dass diese keine menschliche Erniedrigung und Entwürdigung  rechtfertigen können, dass kein Unrecht sich durch Gesetze mildern lässt, ob die politische Legitimation, unter welcher diese geschaffen werden, auf Grund eines „durch Usurpation oder Erbfolge oder gar durch die Wahl des Volkes zur Macht gelangten Tyrannen“ geschieht[6]. Etienne de la Boëtie warnt vor den Folgen der Gleichgültigkeit.  Wenn kein Aufbegehren gegen Unrecht und die Legitimation von Unrecht geschieht, ist das Urteilsvermögen der Menschen „durch Gewohnheit verkümmert. (…) Wer die Gewalt duldet, ohne ihr zu widerstehen, ist krank. Wer diese Gewalt billigt oder an ihr teilhat, ist rettungslos krank.“[7]

Gewiss, zur Zeit von  Etienne de la Boëtie handelte es sich um schwer kontrollierbare Machtansprüche von Königtum und Religion, um Kriege zwischen Katholiken und Hugenotten, die einander gegenseitig Gewalt antaten, einander beraubten und verjagten, erschlugen und verbrannten. Die Behauptung auf beiden Seiten, allein Recht und Richtigkeit zu vertreten, ging einher mit gnadenloser Schärfe und Intoleranz.

Etienne de la Boëtie prüfte nicht die Frage, wem Richtigkeit und Macht zustand. Für ihn ging es allein um die Tatsache, dass im Zusammenleben keine Art von Gewalt und Unterwerfungszwang akzeptierbar ist, keine Art von Unrecht und menschlicher Entrechtung, resp. von „Knechtschaft“, wie er schreibt („servitude“). Macht ist immer ungleich verteilt –nach seiner Beurteilung schon damals -, doch wer auf Grund von Funktion und Stellung Macht ausübt, trägt in erster Linie die Verantwortung, jede Art von Unrecht zu verhindern. Unterwerfung des eigenen Denkens und Entscheidens unter höhere Macht, die Unrecht zu Recht erklärt, bedeutet Verlust von Freiheit. Freiheit – die innere Freiheit, ohne Zwang zu denken und danach zu handeln – ist für Etienne de la Boëtie ein so unbestreitbarer, höchster Wert, dass jeder andere Wert auf diesem beruht, selbst der höchste: jener der Freundschaft. Freundschaft ist tatsächlich von höchstem Wer, vermutlich die kostbarste Bezeichnung für eine Beziehung zwischen Menschen. Ob diese näher oder weniger nah sei, immer geht eine wohlwollende, verlässliche Übereinstimmung in der Zustimmung zur Differenz damit einher, auch wechselseitig ein Absehen von jeder Art von Besitzanspruch, damit das Zugeständnis von Freiheit und von Vertrauen, von wechselseitigem Respekt,  ein Wissen um Übereinstimmung von Denken und Worten beim Anderen, von Gesagtem und Gedachtem, ob man damit einverstanden sei oder nicht. Gewiss, an Erfahrungen kommt noch viel mehr dazu, das die emotionalen Saiten tangiert.

Offenheit, Respekt und Vertrauen ermöglichen ein Verstehen der Persönlichkeit des anderen Menschen, auch in schwierigen,  oft schmerzlichen Passagen der Lebenswege. Jede Art von Heterogenität mag dabei von Nutzen sein, auch die Distanz an Alter und Lebensform, wenn das Wohlwollen nicht von einengenden Bedingungen abhängig ist. „Lernen wir doch einmal, lernen wir recht zu handeln“[8], ermuntert er zum Abschluss seiner Überlegungen.

Damit komme auch ich zum Abschluss. Etienne de la Boëtie’s Aufforderung gilt für uns ebenso wie für seine Zeitgenossen. Sie ist zeitlos. Sie ruft auf, Individualität zu ehren, Heterogenität zu schätzen und die Grammatik der Reziprozität zu beachten. Wir wissen, dass das Private und das Öffentliche vernetzt sind, dass es in beiden Bereichen immer um Beziehungen geht zwischen dem einzelnen Menschen und den vielen anderen in der Gleichzeitigkeit des Lebens, dass die Einen über das Recht verfügen zu wählen und ihre politische Meinung zu äussern, dass sie somit über Macht verfügen und zahllose andere nicht. Wir wissen auch, dass das System der Demokratie durch Machtmissbrauch populärer Medien zu einem System vielfältigen Unrechts wurde, das mit lautstarker Feindseligkeit gegenüber Fremden und Schwachen, Kranken und Hilfebedürftigen durch „die Macht des Volkes“ Gesetze zustande brachte, deren Umsetzung für denjenigen Teil der Gesellschaft persönlich nicht zumutbar wäre, der sie für richtig erklärt oder sich unter sie duckt und sie vollzieht. Auch Demokratie kann ideologische Knechtschaft bewirken, deren Stimmenzahl und Lautstärke das kritische Denken zu ersticken drohen, das sich zu Gunsten der menschlichen Würde auch der Schwachen und Machtlosen meldet und ein Zusammenleben nach den Kriterien der Reziprozität anstrebt. Doch so lange dieses Denken vorhanden ist und wach bleibt, kann es eine Gegenbewegung in Gang setzen, die zunehmend die Zögernden überzeugt und die, vereint mit den Stimmen der Bedürftigen der Geschwächten und der Starken, möglicherweise bewirkt, dass der menschliche Zusammenhalt sowohl in gesellschaftlicher wie in politischer Hinsicht tragbar wird. „Lernen wir, recht zu handeln“ in unserer Individualität und Heterogenität im Sinn der Grammatik der Reziprozität, lernen wir, dass kein Unrecht mit der Vorgabe von Recht geduldet werden darf.

 

[1] Joanna Lisiak. Cocktails zum Lesen. Verlag Nimrod / Werkstatt-Reihe. Zürich 2000, S. 18-19

[2] geb. 1. 11. 1530 in Sarlat (Périgord), gest. 1563 in der Nähe von Bordeaux

[3] geb. 28. 2. 1533 im Périgord und gest. 13. 9. 1592 als bedeutender skeptischer Denker

[4] In französischer und deutscher Ausgabe erschienen in der Europäischen Verlagsanstalt, Frankfurt a. M. 1980

[5] de la Boëtie 1980, 17

[6] de la Boëtie 1980, 19

[7] de la Boëtie 1980, 18-19

[8] de la Boëtie 1980, 95

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