Hommage an Lajser Ajchenrand, den über sein Werk weiter lebenden Dichter, der vor 100 Jahren zur Welt kam.

Erinnerungsabend zum 100. Geburtstag von Lajser Ajchenrand mit Egon Amann, Moderation, Claire Ajchenrand, Hubert Witz, Benditz H. Feinstein, Maja Wicki und Matthias von Bauszner

 

Hommage an Lajser Ajchenrand,

den über sein Werk weiter lebenden Dichter, der vor 100 Jahren zur Welt kam.

 

Lajser Ajchenrand zu ehren und seiner zu gedenken, ist ein Neubeleben seines wachen Geistes, der in der Erinnerung wie in seinem grossen lyrischen Werk ein Fortbestehen hat. Es bedeutet die Fortsetzung des Gesprächs mit ihm, der das Gespräch liebte. In der Tat blieb er, der am 12. November 1985 für immer seine Augen schloss, mit seinem fragenden und nachdenklichen, manchmal sprühenden Blick für viele, die sich heute zusammenfinden, fortwährend präsent, und so ist er gewissermassen hier unter uns, nun hundert Jahre alt, für den Da-sein und Weg-sein, Früher-sein, Heute-sein und Noch-nicht-sein sich stets vereinten.

 

„wilsst in jorn un teg – di schpiglen uralte –           „Willst du in Jahren und Tagen – uralten Spiegeln –

opschpiglen nor a masske fun a kind un                 Nur noch die Maske spiegeln von Kind und Greis?

a grais?

un a leben lang, wi di schtern naket un kalte         Und lebenslang wie nackte, kalte Sterne

sich drejen blind in eigenem blindn krajs?“[1]          Dich blindlings drehn im eignen blinden Kreis?“

 

Die Frage, die Lajser A. seinem eigenen verborgenen „du“ stellte, beantwortete er im Lauf seines Lebenswerks. Sich „blindlings drehn im eignen blinden Kreis“ – das wollte er nicht, doch er fühlte sich im Kreis gefangen. Wie konnte er daraus austreten, ohne das Fallen und Stürzen  zu fürchten? Brauchte er Jahre des Verharrens in diesem finstern „Kreis“, bis er es wagen konnte, ihn zu verlassen, im Wissen, sich selber zu tragen?

Dies ist die Grundfrage, die ich in der Auseinandersetzung mit Lajser A’s Werk zu klären versuche. Es wird sich zeigen, ob und wie ihm diese vertrauenvolle Zustimmung gelingen konnte – im Nichtwissen des Gelingens.

Trauer und Klage hatten Lajser A. über Jahrzehnte in Bann gehalten, Trauer und Klage ob dem Tod seiner geliebten älteren Schwester Etka und deren Kinder, seiner Mutter und ungezählter Menschen aus dem Umkreis von Demblijn und Kuruf, wo er aufgewachsen war, von Warschau, womit in Freundschaften verbanden, von Lublin, dem „polnischen Jerusalem“, wie die Stadt – fast in Sichtweite zu den Dörfern der Kindheit –  einmal benannt worden war und in der beinah die Hälfte der Bevölkerung jüdisch gewesen war – nach Martin Buber „di stot fun tojre, rabbons un khsides“ – „die Stadt der Thora, des Rabbinismus und der Frömmigkeit“. Hunderttausende von Kindern, jungen und alten Erwachsene waren allein aus der Gegend von Lublin und von Warschau  zusammengetrieben und abtransportiert, dem Hunger ausgesetzt und getötet worden – im Vernichtungslager von Majdanek am Rand von Lublin, in jenem von Sobibor, von Belzec, von Auschwitz, von Treblinka, in diesen Orten des Grauens in nächster Nähe zum vorherigen Leben, aus denen das Leben ausgelöscht wurde und ein Überleben kaum möglich war. Wer rechtzeitig hatte fliehen können wie Lajzer A., der 1937 – 26 Jahre alt  – nach Paris zu seinem Bruder Fischl gelangt war, konnte nie mehr frei werden von Gefühlen der Schuld, unterlassen zu haben, auch die nächsten Liebsten zu retten. Exil war unlösbar überschattet von den Schatten des Todes in der gebrandmarkten Heimat, die mit der Flucht nicht leichter oder lichter werden wollten, sondern anhafteten, da gab es kein Entrinnen. Seufzer und Klagen, die sich auf immer neue Weise wiederholen, geben die tiefste Trostlosigkeit wider:

„o farloschener blik,                                                   „O erloschener Blick!

ale himlen fardunklt dajn zar;                                   Alle Himmel verdunkelt dein Leid;

jede rege firt unds zurik                                             Jeder Augenblick führt uns zurück

zu a farschtejnertn goless-har.“ [2]                             In Exil-Verlorenheit.“

 

In einem anderen Gedicht:

 

„will ich a rege kajin fargessn,                                    „Will ich schon Kain vergessen,

klapt hewl  in majn tir“[3] –                                            klopft Abel an meine Tür.“ –

 

Und wieder in einem anderen Gedicht:

 

„ejn-ssofike trojer – wer soll unds fargebn?            „Unermessliche Trauer – wer soll uns verzeihn?

got nit rirt sich mer unter sejere tritt –                     Nichts rührt sich mehr unter ihrem Schritt,

wi a schwarzer tajch ligt di erd – on leben;              wie ein schwarzer Fluss liegt die Erde –ohne Leben;

schpant jischu zwischn ajch izt in ajer mit?“[4]           Geht jetzt, in eurer Mitte, Jesus mit?“

 

In Lajser A’s inneren Bildern war Jesus, der qualvoll von Seinesgleichen der Gewalt der  Eroberer und deren Justiz preisgegeben und getötet worden war – auch er „mit dem Davidsstern auf der Brust“  – „dowids schtern ojf jischu’ss brust“[5] -, derjenige unter den Opfern, der im Leiden vorausgegangen war und der die späteren begleitete wie seine Kinder, Kind um Kind: „er nemt ess wejch ojf sajne hent“[6] – „er nimmt es weich in seinen Arm“ – doch ohne Trost. Was hiess überhaupt Trost? War Erlösung von Leiden durch Leiden denkbar? Was war der Sinn der Geschichte, fragte er sich, wozu taugte Erinnerung? „derinerung – kalter schpigl, groje schotns und nacht“ – „Erinnerung – kalter Spiegel, graue Schatten und Nacht“ hielt er in einem der Klagelieder fest, das mit der tiefsten Resignation endet „in fargessnhejt falt got, mentsch un kind“ – „Gott, Mensch und Kind fallen in Vergessenheit“[7], vor zweitausend Jahren und weiter, weiter bis in seine Zeit – in unsere Zeit.

 

„far jeruscholajims sibn tojern blajbn sej a wajle schtejn

di nacht un di erd haltn hejss dem otem ajn.

 

an ojssgeloschene lewone trogt jeder in der knochiger hant

un sej schpanern finzter awek zurik in goless-land.

 

wen di  tojte hobn nit kejn menuche, hobn lebedike nit kejn brojt.

adojni, in dajn schwajgn zu ruen is tifer wi in tojt.“[8]

 

„Vor Jerusalems sieben Toren stehn sie wie im Bann

Nacht und Erde halten den heissen Atem an.

 

Einen erloschenen Mond trägt jeder in knochiger Hand,

und finster gehen sie zurück ins fremde Land[9].

 

Fehlt den Toten die Ruh, fehlt den  Lebenden Brot.

Adonaj, in deinem Schweigen zu ruhn[10] ist tiefer als im Tod.“

 

Mit den Jahren stellte sich für Lajser A. immer dinglicher die Frage, wie das beklemmende Rätsel des widersprüchlichen Zugleich von Lange-zurück und Jetzt im menschlichen Leiden gelöst werden konnte, von Zeitlosigkeit und Lebenszeit, von Geschichte und Augenblick; wie er mit der Untrennbarkeit von Leben und Tod und sich stets erneuerndem Leben, von lähmendem Elend und heftigem Verlangen schuldlos zurecht kommen konnte, auch mit dem  Zwiespalt des steten Einsamseins  in nächster Nähe geliebter Menschen – seiner Frau und seiner zwei Söhne -, die er aus seinem „Jammer“ nicht zu lösen vermochte. Ein Hungergefühl beherrschte ihn, aus dem er sich zu befreien suchte, in dem er sich aber wie gefangen fühlte.  Es gab keine Sättigung, keinen inneren Frieden. Die Sehnsucht nach Frieden suchte verzweifelt nach Erfüllung und fand sie nicht.

 

„ fun ejbikn scholem redt hunger oif ale wegn.                      „Von ew’gem Frieden spricht Hunger auf

allen Wegen.

sibn mol bejgt sich far mir der tojt,                                            Siebenmal verbeugt sich vor mir der Tod,

sajne schtejnerne lipn redn fun unschuld un gewald…“[11]     spricht mit versteinten Lippen von

Unschuld und Gewalt“….

 

Oft stellte sich mir die Frage, wie Lajser A.  mit den Widersprüchen zurechtkam, die das grosse Rätsel der unterschiedlich begrenzten und zugleich nicht endenden Lebenszeit beinah zum Bersten brachte / bringt, ja, er stellte sich selber die Frage. Die unergründlichen Kräfte – er nannte sie „Gott“, die „Engel“ – , die er trotz Grausamkeit und Finsternis aus seinem Glauben nicht tilgte, sie rief er über Jahre an, seit der Flucht aus Polen durch das versehrte Europa nach Paris, vom Arbeitslager Rufieux quer durch Vichy-Frankreich in die Schweiz, von der Grenze bei Genf nach Zürich, von Zürich nach Israel, zurück in die Schweiz, hier mit einer neuen Familie an seiner Seite, für kurze Zeit nach Südamerika, zurück in die Schweiz. Immer war er auf der Suche. War es ein Notschrei, ein Gebet?

 

„un efscher wet ir mich in zar derhern                            „Ich hoffe, dass ihr mich im Leid erhört,

ir finztere malochim fun der nojt:                                     Ihr finstern Engel all der tiefen Not.

wu ajer gajsst in schtendiken zeschtern                           Denn euer Geist, der ständig nur zerstört –

 

oif fliglen finztere unds brengt dem tojt –                       Auf dunkeln Flügeln bringt er uns den Tod.

hot undser dojressdik un ejbik wern                                Doch unser Werden, das doch ewig währt,

kawjochl schejchlendik ess ojfgebojt.“ [12]                        bleibt, gleichsam lächelnd, unser  Aufgebot.“

 

Das Werden ein „Aufgebot“? Konnte Lajser A. dem „Frieden“ nah kommen? Deutlich wird, dass er das „Aufgebot“ –  „unser Aufgebot“ -, das uns „gleichsam lächelnd“ mit dem Werden  in der Wiege beigelegt wurde, mit dem Glauben an einen Sinn verknüpfte, der jedem Leben inne ist – überhaupt mit dem Glauben. Auch wenn er die Regeln der Religion nicht als zwingend erachtete, war er zutiefst gläubig geblieben, wie sein Vater es gewesen war.

 

„(…) undser ejnsamkeit otemt mit uralte zajtn               „Unsere Einsamkeit atmet uralte Zeiten

mit fristikn klogn fun nit gebojrene malochim.                 Mit frostigen Klagen ungeborener Engel.

 

in undser gewejn wert ijow tomed gebojrn,                  In unseren Klagen wird Hiob immer geboren,

undser tfile treft on di farschtejnerte ru fun got.         unser Gebet stösst auf Gottes versteinerte Ruh.

 

undser hofenung is der wald oif de lewone,                      Unsere Hoffnung ist der Wald auf dem Mond,

der berejschess fun a kejnmol-nit-kumendiker zajt.“[13]    Der Beginn einer niemals kommenden Zeit.“

 

Damit stellte Lajser A. die von Hiob gegen Gott gerichtete „more-schchojre“ – Trübsinn und Hader – zögernd in Frage. Er war im Zweifel, ob er dies dürfe. Ebenso war er im Zweifel,  ob er sich damit nicht einer Illusion hingebe. War dieses „Aufgebot“, wie es in ihm zu wirken begann, ein zu grosses Wagnis, das er allein und ungesichert auf sich nahm? Doch trotz dem Zweifel wollte er dem nicht endenden Leiden, das er selber kannte, das er im Wissen um das Leiden der nächsten Anderen miterlebte und nicht von sich lösen konnte, die Stirn bieten. Trotz des bitteren Mangels eines „Wegs in die Erlösung“ – trotz „Gottes versteinerter Ruh“ – wollte er um die Erkenntnis kämpfen, dass es sich lohnt, Mensch zu sein und zu leben, dass es sich lohnt, in der Widersprüchlichkeit des über Generationen und Generationen eingepflanzten Begehrens, das zugleich Lebenskraft und  Ursache qualvoller Strafe ist, nicht aufzugeben. Jede Aufmerksamkeit der Sinne stand für ihn in Verbindung zum „wachen Geist“, über den der Mensch verfügt, selbst wenn er letztlich „dem heissen Odem  Seiner stummen Macht“ – dem finstern Unbekannten der göttlichen Ordnung – ausgesetzt ist.

 

„dajn more-schchojre, ijow, will alz got derajln,                    „Dein Trübsinn, Hiob, der will Gott ereilen

a  finztre wiklt si arum sich undser  schtern;                           auch wenn er finster uns’re Stirn umhüllt.

zum himl schtrecksstu ojss di hent wi fajersajln,                    Die Arme reckst du auf wie Feuersäulen,

in dajne oign jamen otemen fun trern.                                     Das Aug vom salzigen Tränenmeer gefüllt.

(…)                                                                                                    (…)

zind on die chuschim in sajn wachndikn gajsst,                      Zünde die Sinne an in wachem Geist,

loss hengen schtum fun tog di wogschol un fun nacht          Lass hängen, stumm, die Waage Tag und

Nacht.

un wejss: wi lang a mentsch oif undser erd noch wacht,       Begreif: solang ein Mensch auf unsrer

Erde wacht,

 

is er an opglanz nor, an otem nor woss krajst,                        Ist Er ein Abglanz nur, der um uns kreist,

arojssgeotemt hejss fun sajn farschwigner macht,                der heisse Odem seiner stummen Macht –

un kein mol wert er nit fun ir un nit fun sich derlejst.“[14]     Nichts, was den Weg in die Erlösung weist.“

 

Es ist letztlich ein existenzphilosophisches „Aufgebot“, das für Lajser A. Denken, Empfinden und Handeln herausforderte, vielleicht entgegen der Religion, wenngleich nicht entgegen dem Glauben. Er wollte es wagen, er wollte sich ihm stellen.

„cholem un schpil – scho’en flamike,                     Traum und Spiel – flammende Stunden,

wi odler ojfgewigte fun undser blik –                       wie Adler, getragen von unserem Blick –

tejl mol kumt ir ojch in trern ssam’ike                      manchmal kommt ihr in giftigen Tränen,

woss firn in gotss schwajgn wider zurik                       die führen uns in Gottes Schweigen zurück.

 

man un wajb – nachtleche farlangn,                       Mann und Frau – nächtliches Verlangen,

– schtarbn kessejder in ejbikn gebojrn sajn;             stirb und werde in immer neuer Glut;

wen undser ojgnlicht is kil zegangen                         wenn unser Augenlicht schon kühl vergangen ist,

brent fun undser blut noch e lezte schajn.               brennt noch ein letzter Feuerschein in unserm Blut.

 

tog un jor – schpiglen uralte,                                       Tage und Jahre, diese uralten Spiegel,

mit wakssn mit ajch fun kind, man, bisn grajs,         wir wachsen mit euch vom Kind zum Mann, zum

Greis,

un ir drejt sich wi di schtern naket un kalte           und ihr kreist wie die Sterne, die nackten und kalten,

un schlisst unds  lessof ajn in ajer blindn krajs.“[15]   Schliesst uns endlich ein in euern blinden Kreis.“

 

Lajser A. wählte als Form, in der er diesem – seinem – „Aufgebot“ gerecht werden wollte, die Sprache seiner Herkunft – Jiddisch – im Klang und Rhythmus der Lyrik. Darauf bezog sich ein grosser Teil unserer Gespräche, als ich ihn Anfang der 80er Jahre kennen lernte, und damit befasst ich mich auch, als ich ein Jahr nach seinem Tod erstmals näher auf sein Werk einging[16]. Lyrik war für ihn „etwas vom Anständigsten, was diese Welt noch zu bieten hat.“ Tatsächlich mag als Fortsetzung der europäischen Aufklärung gelten, dass Lyrik nicht länger einer wissenschaftlichen Bewertung noch einem ästhetischen Register ausgesetzt ist. Lyrik – Dichtkunst – ist sprachliche Mimesis der  Seele.

 

Die dichterische Übersetzung der inneren Sprache des Menschen geht in mäanderhaften Prozessen  voran. Es gilt, die Schulsprache-Lehrsprache-Lautsprechersprache  zu verlassen, es gilt, die Sprache-mit-dem-Eigennamen zu suchen und sie anzunehmen, wenn sie sich öffnet:

–  Ein Gedicht schreiben heisst den Intellekt zum Spiel verkehren, die Logik in Farben klären, die Körperlaute in Klanggrammatik stimmen, den Pulsrhythmus in Worte kleiden.

–  Ein Gedicht schreiben heisst der Lyra der Seele lauschen, heisst Ton für Ton, dem Atem folgend, in Worte übersetzen, schlicht und knapp, hämmernd und klagend, sehnsüchtig rufend.

–  Ein Gedicht schreiben heisst vielleicht auch die Alltagssprache als Werkkleid befragen, trotz Verbrauch der Regeln und Sätze den Kern der Naht erproben, Stich für Stich, und wenn sie  hält, die Strophe schliessen.

–  Ein Gedicht schreiben heisst noch viel mehr, heisst ein Destillat schaffen von Leben und Sprache, von Traum und Sprache, von Geschlecht und Sprache, von Leere und Sprache, von Zeit und Sprache, von Unaussprechbarem und Sprache, von Ich und Du und Sprache – alles, was sich in Lajser A.‘s Gedichten widerspiegelt.

 

Was soll damit erreicht werden? Was strebt Lyrik an?  Lajser A. wollte seinem „Aufgebot“  genügen. Mit der Schneiderarbeit konnte er einen Teil der Alltagsaufgaben lösen, mit dem Schreiben seiner Gedichte gelangte er weit über den Alltag hinaus. Hilde Domin hatte 1968 erklärt, Lyrik sei „Einladung zur einfachsten und schwierigsten aller Begegnungen, zur Begegnung mit uns selbst”. Eine „einfachste Begegnung” ist es kaum, zu den „schwierigsten” und zu den wichtigsten gehört sie ohne Zweifel. So war es auch für Lajzer A. Die Sprache, deren der Mensch bedarf, um der „Einladung” zu folgen, ist in Konserven gespeichert, sie ist nicht jene des Umlaufs, nicht jene des Marktes oder der Akademie. Daher schrieb er nicht in deutscher und nicht in polnischer Sprache, sondern in der Sprache seiner verstummten Schwester.  Wie oder wo anders hätte er die Worte finden können, die seiner bedrückenden und verlangenden Sehnsucht genügt hätten? – wo anders als in dieser aus Europa getilgten Sprache, in diesem „verwüsteten Land der Sprache”, wie Günther Anders in seiner Sprachelegie 1945  schrieb, wo „Sätze ragen, kahl und abgelaubt, / das Nichts in ihren Ästen, Redensarten / stehen schräg im Raum, die Wurzeln in der Luft. / Und Worte, wo du hintrittst: angeschlagen / und eingebeult”.

 

Damals, als Günther Anders[17] dieser Trauer Ausdruck gab – auch er ein Emigrant quer durch Europa und über Europa hinaus -, da lebte Lajser A. schon als Flüchtling in der Schweiz. Jiddisch war nicht zur „kahlen und abgelaubten” Sprache geworden, sie hatte nicht der Aufhetzung und Propaganda gedient, Jiddisch war die Sprache der Machtlosen, die er als Erbschaft in sich trug wie seinen Atem.  So setzte er sie fort, mit gleichen Zeichen und Klängen wie damals in Demljin, in Kuruf und in Warschau, das Tempo der Sprache, die Schwingungen und Farben blieben gleich. Für Lajzer A. wurde das Wort, das er festhielt, zum Kleid des Verborgenen, das zum Erscheinen drängte. Er suchte ein möglichst massgerechtes Kleid zu finden – ein vollkommenes war selten -, und so ging es weiter, im Zusammenfügen der Worte, der Sätze, der Zeilen. Wer die Gedichte liest, in der Abfolge, in der sie entstanden, kann nachvollziehen, wie das Suchen und Messen, Nähen und Bügeln, das Festigen, Ruhenlassen und Aufrichten geschah.

 

Zunehmend wurden die Gedichte für Lajser A. zu sichern Sprachgeflechten, an welche er sich stützte. Und so geschah es, dass er staunend zu sich selber fand – zu seinem „Geist, dem wilden Feuerreiter“, dem „stolzen treuen Licht-Begleiter“. In diesen Augenblicken ermöglichte ihm das Gedicht zu verdichten, was Sprache im Innersten barg. Worte waren kein Flickwerk mehr, kein ungenügendes Material. Sie flochten sich aneinander, wuchsen ineinander und boten wärmenden Halt. Das einsame Ich war aus dem „blinden Kreis“ heraus, in dem es sich „blindlings gedreht“ hatte,  es war mit sich selber vereint – und versöhnt.

 

So mag beim Lesen einzelner Gedichte spürbar werden, wonach auch wir in uns suchen – nach dem „Lichtbegleiter“. In diesem Sinn, zum Abschluss, das sssonet 8 / Sonnet 8:

 

„majn gajsst – woss bisst majn zar un wilder flamen-rajter

in boign dajnem – welcher bliz is nit geschpant!

Du bisst majn schtolzer un getrajer licht-baglejter

Un wigsst di erdkojl ojf majn naktiker hant.

 

farsamlt hobn sich oif ojssgebrente schajter

zu tfile majne owess, blutik un in schand;

In chojschech seign mamess tojte kinder wajter

Un fregn: got, wu is dajn alt und hejlik land?

 

zu kischef-himlen hosstu mich mit sej gerissn

nor majne fligl mir mit duner-bliz farbrent!

un majn aropfal wifl tehomen musn schlissn

 

bis dajn berejschess ch’hob in klenssten schtojb derkent?

un krojnsstu efscher noch ejn mol majn lezt farlangen –

farlesch mich, ejder bisst alejn zu got dergangen!“[18]

 

 

„Mein Geist – du Schmerz und wilder Feuerreiter.

In deinem Bogen – welcher Blitz als Pfeil gespannt!

Wenn du, mein stolzer treuer Licht-Begleiter,

den Erdball wiegst auf meiner nackten Hand.

 

Versammelt haben sich auf ausgebrannten Scheitern

Die Väter zum Gebet, so blutig und in Schand.

In Trauer stillen Mütter ihre toten Kinder weiter

Und fragen Gott: wo ist dein altes, heiliges Land?

 

Du hast mich in die Wunder-Himmel hochgerissen [19],

doch meine Flüge wird der Blitz verbrennen!

Mit meinem Sturze wie viel Klüfte schliessen[20],

 

bis wir die Schöpfung noch im kleinsten Staub erkennen?

Und krönst du letztlich noch dies mein Verlangen –

so lösch mich aus, bevor du selber bist zu Gott gegangen.“

 

[1] Lajser Ajchenrand. Mimaamakim – Aus der Tiefe rufe ich.  Aus dem Jiddischen übertragen von Hubert Witt. Amman Verlag, Zürich 2006Dritte Strophe aus Zu Lejen / An Lea. S. 188-189

[2] L. A. Zürich 2006. Dritte Strophe aus Majn folk / Mein Volk. S. 26-27

[3] L. A. Zürich 2006. Erste und zweite Zeile der vierten Strophe aus Trojerik leben / Trauriges Leben. S. 112-113

[4] L. A. Zürich 2006. Dritte Strophe (ohne Titel). S. 24-25

[5] L. A. Zürich 2006. Erste Zeile der dritten Strophe aus Di balade fun jischu un a jidisch kind / Die Ballade von Jesus und dem jüdischen Kind. S. 44-45

[6] L. A. Zürich 2006. Erste Zeile aus dreistrophigem Gedicht (ohne Titel). S. 46-47

[7] L. A. Zürich 2006. Die zwei ersten und die zwei letzten Zeien aus Derinerung / Erinnerung. S. 52-53

[8] L.A. Zürich 2006. Die drei ersten Zweizeiler aus Gedicht ohne Titel. S. 68-69

[9] Gemäss der Übersetzung von  Hubert Witt: „… ins Diaspora-Land“, S. 69

[10] Gemäss der Übersetzung von Hubert Witt: „… ruht man“, S. 69

[11] L. A., Zürich 2006. Achte, neunte und zehnte Zeile aus Ibrik went mir / Sinnlos. S. 6-7

[12] L. A. Zürich 2006. Dritte und vierte Strophe aus Jidischer ssonet /L Jiddisches Sonett 19. S. 288-289

[13] L. A. Zürich 2006.  Dritte, vierte und fünfte Zweizeiler aus Ma anu / Was sind wir. S. 74-75

[14] L. A. Zürich 2006.  Erste, dritte und vierte Strophe aus Jidische Ssonet 9 / Jiddisches Sonett 9. S. 268-269

[15] L. A. Zürich 2006. „Naj-jor“ / „Neujahr“. S. 132-133

[16] M.W. „Lyrik ist etwas vom Anständigsten, was diese Welt noch zu bieten hat.“ Tages Anzeiger Magazin. Nr. 44, 1. November 1986, S. 26 – 31

[17] Pseudonym von Günther Stern (geb. 1902 in Breslau, gest. 1992 in Wien), dem ersten Ehemann von Hannah Arendt

[18] L. A. Zürich 2006. Jidischer ssonet 8 / Jiddisches Sonnet 8. S. 266-267

[19] bei der Übertragung von Hubert Witt: „Ich, emporgerissen in die Zauberlüfte,“

[20] Bei der Übertragung von Hubert Witt: „mit meinem Sturz verschliess ich wieviel Klüfte“

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