Kritik oder Verrat? – Wohin starrt der Engel der Geschichte? – Das Dilemma der kritischen Solidarität – Gespräch mit Micha Brumlik am 7. November 2004 im Volkshaus Zürich

Gespräch mit Micha Brumlik am 7. November 2004 im Volkshaus Zürich:

Kritik oder Verrat?

Wohin starrt der Engel der Geschichte?

Das Dilemma der kritischen Solidarität

 

  • Erster Teil des Abends:

 

  1. Begrüssung von Micha Brumlik durch Gaby Beltz.

       Micha Brumlik ist Gast der “Jüdischen Stimmen  für einen gerechten Frieden zwischen Israel und Palästina” resp. der Stimmen gegen das Schweigen. Er wurde  eingeladen wegen dem am 27. Mai 2004 in der NZZ erschienenen Artikel über die nicht tragbare “Lizenz Israels zum gezielten Töten”  (“targetted killings”)

    

  1. Auch ich begrüsse sowohl Micha Brumlik (cf. “Babylon”, weitere Publikationen) wie das Publikum. Das Volkshaus ist von der Geschichte her der Ort des kritischen Denkens und der öffentlichen Diskussion, ursprünglich der Arbeiter und Arbeiterinnen, d.h. jener Menschen, welche mit der Grossmachtentwicklung der Indsutrialisierung als einzelne nicht über Macht verfügten, sondern sich öffentlich für ihr Recht und für jenes der Sprachlosen einsetzten. Die Zielsetzung der öffentlichen Diskussionen im”Volkshaus” war immer, Menschen zu ermöglichen, nicht schweigen zu müssen, um nicht zum Zweck der Mächtigen missbraucht zu werden. 

 

  1. Heute abend geht es um das Dilemma der kritischen

     Diskussion über Israel.

 

  • Es geht um das Recht, die Klage über die nicht mehr

    tragbare Zuspitzung legitimierter Menschenverachtung in

    Israel “laut zu sagen”, ohne des Verrats bezichtigt zu

    werden.

 

  • Es geht um das Recht, die nicht mehr tragbare Scham über die von Regierung, Militär und Oberrabbinertum legitimierte rassistische und ethnizistische Aufhetzung zur “Säuberung”, zur Vertreibung und qualvollen Tötung von ca. vier Millionen Menschen zu hinterfragen und öffentlich Nein und “Stop!” zu diesem katastrophalen Delirium zu sagen.

 

  • Es geht um das Recht, Israel anzuklagen, als militärische hoch aufgerüstete, über Bomber, Tanks und Bulldozer, über Regimente blind tötender Soldaten mit Maschinengewehren , Granaten und jeder Art skrupelloser Willkür verfügende Enklave der USA jede Menschenrechtsverpflichtung zu hintergehen, als amerikanisches Protektorat – bis zur atomaren Bewaffnung – sich ultra-nationalistischer und religiöser Propaganda zu bedienen, um zum Raub von Wasser und Boden, zur brutalen Zerstörung von Lebens- und Wohnmöglichkeit, von medizinischer Hilfe, von Familienleben und von Zukunft aufzuhetzen und diese umzusetzen.

 

  • Es geht zudem um die Frage, warum auf den meisten jüdischen und nicht-jüdischen Menschen ein Tabu in Bezug auf Israel lastet. Warum Israels masslose, brutale Gewalt gegenüber der palästinensischen Bevölkerung zwar wahrgenommen, jedoch gleichzeitig nicht wahrgenommen, überdeckt, nicht kommentiert wird. Warum Kritik als “Netzbeschmutzung” erklärt wird.  Was geht damit einher? Damit werden wir uns unter (II) befassen.

 

  • Wir gestehen uns das Recht zu, das Tabu zu brechen und “laut zu sagen, was ist”, im Sinn Rosa Luxemburgs (im Widerstand gegen die Vorbereitung des Ersten Weltkriegs), auch im Sinn von Hannah Arendt, die schon 1942 anlässlich der sog. Biltmore-Konfernez in New York vor der Gründung eines nationalistischen jüdischen Staates gewarnt hatte, die am 2. Dezember 1948 zusammen mit Albert Einstein u.a.m. in einem öffentlichen Brief an die New York Times Menahem Begin und dessen “Freiheitspartei” (Tun’at Haherut) des Verrats und Betrugs anklagte. Ich zitiere: “Die Widersprüche zwischen den kühnen Behauptungen, die Begin und seine Partei jetzt aufstellen und der Liste ihrer vergangenen Taten in Palästina legen deutlich Zeugnis davon ab, dass es sich hier um keine gewöhnliche politische Partei handelt. Sie sind das unverkennbare Signum einer faschistischen Partei, für die Terrorismus (gegen Juden – in der Kriegszeit die sephardischen Flüchtlinge  – , Araber und Briten gleichermassen) und die Verdrehung Mittel sind und für die der ‘Führerstaat’ ein Ziel ist.[1]” Als Beispiel geht Hannah Arendt dabei auf die brutale Besetzung und sinnlose Zerstörung des friedlichen arabischen Dorfes Deitr Yassin und auf die Tötung von 240 Frauen, Männern und Kindern, der meisten der Bewohnerinnen und Bewohner ein, von denen ein paar wenige am leben gelassen wurden, um als Gefangene durch Jerusalem paradieren zu müssen. Wir haben siw Tatsachen von Jenin, von Rafah, von Nablus, von Bethlehem und… und.. und… auch von der gewaltigen Mauer vor uns. Wichtig ist uns das öffentliche Gespräch. Wichtig ist auch,

 

  • dass für alle Anwesenden die gleiche Grammatik des kritischen Denkens gilt, d.h. die dialogische Grammatik des gegenseitigen Respekts, unabhängig davon, ob Meinungen, Empfindungen, Überlegungen übereinstimmen oder nicht –gerade weil es ich um Israel handelt.

 

  • Zweiter Teil des Abends: Einbezug des Publikums

 

  • Auseinandersetzung mit der Angst (ev. zum Abschluss des Abends)

 

Ist es eine tiefgreifende Angst vor dem Recht, “innerfamiliäre” Kritik zu üben, welche die Kritik an Israel hemmt? Warum die Unterwerfung unter die Macht der “Väter”? Wichtig erscheint mir zu ergründen, wie mit den Ursachen und Folgen von Angst umzugehen ist:

 

  1. Individuelle Angstempfindung: Warnung

                                                       innerer Zwang und Besetztheit

 

                   Individuelle Ursachen:  Erfahrung von Ohnmacht

                                             von Gewalt

                                             von Unerklärbarkeit

                                             von Deutung als Strafe für Fehlverhalten

                                             (bei Nichtbeachtung von Regeln oder

                                             Gesetzen, von eigener Macht)

 

      Individuelle Folgen: Vorsicht                          

                                         Misstraue

Abschottung

                                         Flucht in die Depressivität oder

                                                     in die Aggressivität

                                                     in Suchtverhalten bis zur

                                                    Selbstdestruktivität

 

                              oder:  Flucht in ein Kollektiv (Religionen, Sekten,

                                         politische Gruppierungen etc.)

 

 

  1. Be- / Ausnutzung von kollektiver Angst durch Macht/Machtmissbrauch:

                                Feinderklärung zu

                                politischen Zwecken

                                zu militärischen Zwecken

                                zu wirtschaftlichen Zwecken

 

  1. Korrektur:
    • Klärung der Ursachen der Angst, der erlebten, nicht  abgewehrten Gewalt, der politischen Fehlentwicklungen und militärischen Gewalt

     (incl. skrupellose Benutzung der Opfer der Shoa zum

      Zweck der Legitimation von Gewalt);

  • Bildung der Jugend zum kritischen Dialog, damit zur kritischen Hinterfragung,

     zum Abbau sinnloser Feindbilder, zum Aufbau einer

     zustimmbaren Zukunft;

  • Untersuchung der Bedeutung der Medien, der Pressefreiheit resp. der

     “Glaubenshaltung” gegenüber jeder Art von autoritärer

     Erklärung;

  • Aufbau demokratischer Strukturen / Durchschaubarkeit der wirtschaftlichen Verhältnisse (Besitz, Produktion, Gewinn, Arbeitsbedingungen etc.)
  • Selbstbefreiung aus der politischen und militärischen Knechtschaft von den USA, Verzicht auf Atomwaffe resp. Forderung an die USA des Rückzugs aus dem Nahostbereich;
  • Aufbau im Bereich von Lebens- und Beziehungssicherheit, Entfaltung, Gestaltung des Lebens ohne religiöse Forderungen;
  • Abbau jeglicher legitimierter Gewalt, auch im Polizeiwesen, auch bei Behörden; Abbau von Waffenproduktion und sinnlosem militärischem Einsatz
  • Abbau der Mauer als extremem Zeichen von gewaltbesetzter Diktatur (analog

      Mauer zwischen DDR und BRD);

  • Bitte um Verzeihen gegenüber den Opfern, gemeinsame Erarbeitung eines Vertrags des gleichen Respekts und der gleichen Rechte.

 

 

[1] Hannah Arendt.  Die Kreise des Zionismus. Edition TIAMAT, Berlin 1989. S. 113 ff.

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