Im Vertrauen – Freundin – Freund – Freundschaft – Salongespräche Zentrum für universitäre Weiterbildung, Uni Bern, Sommersemester 2016

Im Vertrauen

Freundin  – Freund  – Freundschaft

Salongespräche Zentrum für universitäre Weiterbildung, Uni Bern, Sommersemester 2016

 

Erster Teil

Was heisst Freundschaft?

 

„Denn das ist Schuld, wenn irgend eines Schuld ist:                                                                                      die Freiheit eines Lieben nicht vermehren                                                                                                                um alle Freiheit, die man in sich aufbringt.                                                                                                              Wir haben, wo wir lieben, ja nur dies:                                                                                                    einander lassen. Denn dass wir uns halten,                                                                                                      das fällt uns leicht und ist nicht erst zu lernen[1].“

Das Requiem. Für eine Freundin schrieb Rainer Maria Rilke Ende Oktober/Anfang November 1908 in Paris für Paula Modersohn-Becker[2]. Ein Jahr zuvor, am 20. November 1907,  war sie zehn Tage nach der Geburt ihrer Tochter Mathilde[3] an einer Embolie gestorben. Rilke und Paula Becker hatten einander im Barkenhoff in Worbswede kennengelernt, in der vom Maler und leidenschaftlichen Sozialisten Heinrich Vogeler[4] aufgebauten Kommune, mit dem sich Rilke in Florenz befreundet hatte und der ihn ins Künstlerdorf am Rand der Moore, nördlich von Bremen, eingeladen hatte. Paula Becker und Clara Westhoff[5], die miteinander nah befreundet waren, weckten beide Rilkes Aufmerksamkeit, doch Paula entschied sich für Otto Modersohn. Dessen Frau Helene  war an ihrer schweren Krankheit gestorben, als sich die meisten Künstler und Künstlerinnen von Worbswede in Zusammenhang der Weltausstellung 1900 in Paris aufhielten, unter ihnen auch Otto Modersohn, Clara Westhoff und Paula Becker. Paula hatte Helene gekannt und von ihrem Leiden gewusst, war auch mit der zweijährigen Tochter Elsbeth vertraut, die nun mutterlos war und deren Trauer sie mittragen wollte. Nach wenigen Monaten kam es zur Verlobung mit Otto Modersohn und 1901 zur Heirat, im selben Jahr  auch zur Heirat von Rilke mit Clara Westhoff und zur Geburt der gemeinsamen Tochter Ruth[6], zum Einzug in ein Haus im Nachbardorf Westerwede, das Rilke jedoch 1902, ein knappes Jahr später, wieder verliess, nicht nur das Haus, sondern auch Clara und das Kind, um nach Paris zu ziehen und als freier Dichter zu leben. Clara vertraute das Kind ihrer Mutter an und reiste ihm nach, 1903 für knappe zwei Monate auch Paula Modersohn, doch das Eheleben der Rilkes liess sich nicht retten, wenngleich sich deren Beziehung auf offene Weise fortsetzte.

Als Paula 1905 mit Zustimmung und finanzieller Unterstützung von Otto Modersohn ein weiteres Mal in Paris weilte, spürte sie, mit welcher Leidenschaft die Malerei sie beherrschte, und sie teilte ihrem Mann mit, dass sie sich von ihm trennen werde. Er mochte und wollte nicht zustimmen, begab sich zu ihr nach Paris, kehrte unverrichteter Dinge wieder nach Worbswede zurück, bis Paula sich selber entschloss, das Zusammenleben mit ihm nicht aufzugeben. Den Winter 1906/07 verbrachten sie gemeinsam in Paris. Es entstand eine Fülle bedeutender Werke, und als sie im Frühjahr nach Worbswede zurückreisten, war Paula schwanger, in grosser Vorfreude auf das Kind. Es war eine lange, schwierige Geburt, am 2. November 1907, doch die kleine Mathilde war lebensstark und gesund. Als Paula am 20. November 1907, nach zwei Wochen Bettruhe, erstmals wieder aufstand, kam es zu einer Embolie, die ihren Tod bewirkte.

Freundin, Freund, Freundschaft sind Schlüsselworte, die in Rilkes Zeilen im Hintergrund von „Schuld“ und „Freiheit“ ein grosses Spektrum an Bedeutung öffnen. Wie unterschieden sich für ihn Freundschaft und Liebe, Begehren und Verehrung? Worauf beruhte sein Gefühl von Schuld? Wurde im Milieu der Künstler und Künstlerinnen von Worbswede wie in jenem von Paris, von München oder von Ascona Freundschaft vor allem als Element der Freiheit verstanden, als schöpferische Erfahrung in zeitlich begrenztem Rahmen, resp. als Erfahrung der Umsetzung geistiger und körperlicher Anziehungskräfte zu momentanen Beziehungen, zu einem momentanen Werk? Ist möglicherweise das Streben nach Freiheit in Verbindung mit der Sehnsucht nach Freundschaft widersprüchlich, somit zum vornherein von unsicherer, ungewisser Entwicklung?

Wer die 68er Jahre gekannt hat, war in ähnliche Erfahrungen einbezogen wie die jungen Menschen um 1900 oder heute, in jene der „unlenksamen, wilden Beziehungen –  „unruly relations“ -, wie in einer Ausstellung im Kunstmuseum Glarus[7] die Werkumsetzung von Freundschaft unter aktuellen Künstlerinnen und Künstlern gezeigt wurde, zum Teil in Modellen von gemeinsamer Autorschaft. Die Kuratorin der Ausstellung, Judith Welter, hielt in einem Interview zur Ankündigung fest, der romantisch verklärten Vorstellung einer zweckbefreiten Verbindung sei das Scheitern eingeschrieben. Freundschaften seien von Grund auf widerspenstig, unkontrollierbar und nicht immer kalkulierbar. „Freundschaftliche“ Konstellationen würden von einer grundlegenden Ambivalenz bestimmt, es seien eigensinnige soziale Konstrukte, die auch Teil von künstlerischen Praktiken würden. Tatsächlich sei Freundschaft zum viel diskutierten sozialen Modell der Gegenwart geworden, zu einem ökonomisch wie öffentlich vereinnahmten Prinzip. Es gelte, Fragen nachzugehen und nicht auszuweichen, insbesondere der Frage, welche produktiven und unproduktiven Möglichkeiten des Scheiterns und des Gelingens Freundschaft biete.

Hat sich der Begriff der Freundschaft in der Postmoderne gewandelt? Gibt es die Unterscheidung zwischen Kameraden, Kollegen, Fachgenossen, Arbeitsgenossen, Parteigenossen, Bekannten, Mitgliedern einer peer-group und „Freunden resp. Freundinnen“ nicht mehr? Schon um 1920 herum, als Siegfried Krakauer[8] seinen ausführlichen Essay Über die Freundschaft schrieb, war vermutlich die begriffliche Unklarheit für ihn der massgebliche Ansporn. Er hielt fest, dass es „Worte gibt, die durch die Jahrhunderte von Mund zu Mund gehen, ohne dass ihr begrifflicher Inhalt je klar und scharf umrissen vor das innere Auge tritt. Die Erfahrungen der Generationen, unerschöpfliches Leben, unzählige Geschehnisse verbergen sich in ihnen, und wunder nimmt nur, dass die Wortgefässe, die solche Fülle zu tragen haben, immer ihre alte Geltung beibehalten, fortbestehen und sich wieder mit neuem Inhalt beladen lassen. (…) Wir haben einen langen Weg zurückzulegen, ehe wir an das Wesen der Freundschaft selber rühren. Sie ist ja nur eine von vielen menschlichen Beziehungen und sie in ihrer Eigenheit zu begreifen, heisst zunächst: sie absondern von ähnlichen Verhältnissen, damit sie sich schliesslich aus deren Mitte einzigartig hervorhebt.“[9]

Krakauer ging der begrifflichen Bedeutung von Freundschaft mit Sorgfalt nach. Wir werden auf die eigene Suche im Nachdenken und im Gespräch, in langsam wachsenden Kreisen, eingehen.

Kennen Kinder schon Freundschaft? Wie war es in der eigenen Kindheit? War das Wort Freundschaft von Bedeutung? Gab es innerhalb der Angehörigen oder im Umkreis der Familie jemanden oder etwas – eine Schwester oder einen Bruder, ein gleichaltriges Kind in der Nachbarschaft, ein erwachsener Mensch von besonderem Wert, oder eine Katze, ein Hund, ein Vogel oder ein Plüschwesen -, für den oder das wir durch Dick und Dünn gegangen wären, von dem wir uns verstanden, begleitet und geliebt fühlten, ohne die Worte für dieses Gefühl zu kennen?  Oder war es eine wortlose Sehnsucht, die sich nicht erfüllen liess, so dass wir durch Tagträume, durch Gespräche mit uns selber oder mit Gegenständen – möglicherweise mit einem Baum – uns bestätigten, dass wir nicht alleine waren, sondern im Austausch mit einer uns begleitenden, schützenden Kraft, von der wir spürten, dass sie für uns da war?

Konnten wir in der Kindheit überhaupt zwischen Freundschaft und Kamerdschaft, zwischen Freundschaft und Liebe unterscheiden? Bedeutete nicht jede Art von Zuneigung und Wohlwollen, die wir erlebten, dasselbe? War nicht das Hungergefühl danach, vielleicht die Seltenheit der Erfüllung,  die Bestätigung des hohen Wertes dessen, was Kamerdschaft, Freundschaft oder Liebe hiess? Wie und wann lernten wir die Gefühle unterscheiden und benennen?

Wenn wir in uns gehen und in die längst vergangene Zeit eintauchen, erinnern wir uns nicht auch, dass es in Gebeten, die den Kindern gelehrt wurden, hiess, dass „Gott“ sie „liebe“? Doch konnte jemand wirklich erklären, wer oder was mit „Gott“ gemeint war? War es ein anderer Name für Vater und Mutter? Waren für diese Liebe nicht Bedingungen gestellt? Wer konnte diese Bedingungen überhaupt erfüllen? Und waren diejenigen, die Fragen stellten, nicht „schwierige“ Kinder, die nicht geliebt werden konnten, weil sie die Bedingungen nicht erfüllten.

War im Verständnis des Kindes somit „Liebe“ mit Bedingungen verknüpft, Freundschaft nicht? In meiner Erinnerung stimmte die Bedeutung der Worte ungefähr mit dieser Erklärung überein. Wenn es um Freundschaft ging, dachte ich, können Geheimnisse anvertraut werden, auch wenn diese mit Wünschen oder Handlungen einher gingen, meistens in Zusammenhang mit nicht beantwortbaren Fragen, die verboten waren. In den Gebeten ging es ja nie um Freundschaft, sondern um Liebe. Durfte um das eine wie um das andere gebetet werden?

Für mich waren es Bäume – einer im Garten, einer am Waldrand – und mein Schatten, denen ich Geheimnisse anvertraute. Nach wem ich mich zutiefst sehnte, war meine Grossmutter, die weit weg wohnte, von der ich aber wusste, dass sie für mich da war, bedingungslos. Doch war es Freundschaft, die mich mit ihr verband? Es war ja nicht möglich, ihr meine Geheimnisse anzuvertrauen, weder meine Fragen und  Ängste noch meine Träume, höchstens in Gedanken. Wir sprachen kaum. Sie war einfach da für mich, wenn ich bei ihr eintraf. War es somit nicht eher Liebe? Doch sie stellte nie die geringsten Bedingungen, sie bestrafte mich nie, sie liess mich stets spüren, dass ich meinen Platz bei ihr hatte. Als sie am Sterben war, hatte ich schon fünf Kinder geboren und ein Kind durch den Tod verloren, ich war 30 Jahre alt. Überwältigt von der Nachricht, dass sie mich verlassen würde, fuhr ich zu ihr, plötzlich wie kraftlos unter den Aufgaben, die das Leben stellte, fühlte mich zutiefst allein gelassen, nicht tröstbar, ja verzweifelt. Erst später im Leben wusste ich, dass sie mir jene wunderbare Verbindung von Liebe und Freundschaft  – amor amicitiae – vorgelebt hatte, die ich ab dann als Erfahrung von Glück empfand, von wärmendem Halt und zugleich von Freiheit.

Wissen beruht auf dem Verstehen von Erfahrung, und erst dieses Verstehen ermöglicht, die schriftlich festgehaltenen Erkenntnisse anderer Menschen, die lange vor uns gelebt hatten  – wie Cicero‘s Erklärung der gleichen Wurzeln von amor und amicitia oder Thomas von Aquin’s Unterscheidung von amor amicitiae und amor concupiscentiae – in einen Sinnzusammenhang zu versetzen, der sich aus dem Theoretischen löst und in gelebten Beispielen nachvollziehbar ist.

Um nochmals auf die Kindheit zurückzugreifen: schon früh wurde in Märchen und in Kinderbüchern Freundschaft als Halt und Kraft in schwierigen Lebenspassagen auf eine Weise vermittelt, die selbst das schwerste Unglück tragbar erscheinen liess. Es bestand stets die Hoffnung auf ein Wunder. Wurde letztlich nicht durch diese Geschichten das grosse Bedürfnis wach, einen Freund oder eine Freundin zu finden? War das Wunder letztlich die Erfahrung von Freundschaft? Geschichten wurden gehört und aufgenommen, bald selber gelesen, um über die eigenen Erfahrungen hinaus andere Erfahrungen zu kennen, dadurch über Vorbilder zu verfügen und  allmählich Wahlmöglichkeiten zu kennen und erwägen zu können.

Ich nehme an, dass es heute noch immer so ist, dass Kinder für einander einstehen und einander nicht im Stich lassen wollen, wenn sie sich Freundin oder Freund nennen. So galt es für Emil und Karl.  1940 erschien in New York[10] von Yankev Glatshteyn[11] auf Yiddisch das Buch mit den zwei Namen als Titel, das die Freundschaft der zwei Knaben schildert, die 1938 in Wien von Erwachsenen keine Hilfe und keinen Halt mehr erwarten konnten, jedoch einander aufs verlässlichste unterstützten. Während Emil, der als jüdischer Junge im Klassenraum und draussen von Gleichaltrigen und selbst von der Lehrerin verlacht und geplagt worden war, bis Karl sich vor ihn stellte und den Übrigen die Stirn bot, jedoch nicht verhindern konnte, dass der Freund die Schule nicht mehr besuchen konnte, musste Karl erleben, wie frühmorgens seine Mutter durch drei brutale Unbekannte abtransportiert wurde, aus politischen Gründen, wie schon sein Vater verhaftet und getötet worden war. Auch Karl konnte nicht mehr zur Schule gehen. Als er Emil aufsuchte, um bei ihm Unterschlupf zu finden, war auch dessen Vater in der Nacht zuvor abgeholt und ermordet worden. Die Mutter war darob so verzweifelt, dass sie keine Kräfte mehr hatte, um Widerstand zu leisten. Auch sie wurde abtransportiert. Emil und Karl waren allein aufeinander angewiesen, mussten untertauchen, in den Wäldern und Vororten von Wien, Kälte, Nässe und Hunger ertragen, auch lernen, mit grösster Vorsicht auf Angebote von Unbekannten einzugehen, die den zwei Waisenknaben für eine Weile Hilfe boten. Als in einem der Wiener Bahnhöfe im furchtbaren Gedränge eines Abtransports von Kindern, in den die beiden hineingestossen wurden, der eine sich vom anderen plötzlich getrennt wusste, war die Verzweiflung untröstlich. Ob sie je einander wieder fanden, ob beide überlebten oder wer von beiden, das konnte nie beantwortet werden.

Freundschaft beruht auf liebevoller Verbundenheit und wechselseitigem Vertrauen auf Grund gemeinsam erlebter, gelebter Erfahrung, das ist unbestreitbar. Sie betrifft das private Leben bezüglich der Verlässlichkeit der Gefühle, doch ebenso, möglicherweise noch stärker, betrifft sie den öffentlichen Raum. Eine Beziehung zwischen Menschen kann sich während Jahren aufbauen und erweist sich oft erst im Rückblick als Freundschaft, wie mir neulich bewusst wurde, als ein guter Bekannter mich einlud, für seine mir politisch nah vertraute Frau einen Beitrag in ein Erinnerungsbuch zu schreiben, das er ihr zum 70. Geburtstag schenken wollte, wobei die Beiträge bis zum festlichen Datum des Geburtstags geheim bleiben sollten. Die Anfrage freute mich, doch worüber konnte ich schreiben, ohne ihr den Text zum Gegenlesen vorlegen zu können? Mir wurde bewusst, dass die Anfrage mir die Gelegenheit bot, über meine eigenen Gefühle Klarheit zu gewinnen. So ging ich in mich. Über das private Leben sprachen wir nur selten. Seit den 80er Jahren aber nahmen wir gemeinsam teil an Demonstrationen und öffentlichen Veranstaltungen gegen Kriege, gegen jede Form von Rassismus und Gewalt, überhaupt gegen Menschenrechtsverletzungen, für Frauenrechte und Kinderrechte, für die Umsetzung der Grundrechte der Entrechteten, d. h. für ein Leben in Würde, für Bildung und medizinische Unterstützung auch der Menschen, die „ohne Papiere“ in praktischer Hinsicht von allen zivilen und politischen Rechten entrechtet sind und so nicht nur in diktatorisch regierten Ländern, sondern auch in der Schweiz ein Schattenleben in täglicher Angst vor Polizeikontrollen und Ausschaffung leben. Mir wurde klar, dass wir seit vielen Jahren uns wechselseitig unterstützt haben, dass wir einander nie im Stich gelassen haben: dass wir in Freundschaft verbunden sind. So schrieb ich über den Wert der Freundschaft.

Es gibt einige theoretische Schriften zur Freundschaft, auf welche immer wieder hingewiesen wird. Von zentraler Bedeutung ist  Aristoteles‘ Nikomachischer Ethik. Da steht im Achten Buch, Freundschaft sei eine Tugend. Sie beruhe auf gegenseitigem Wohlwollen, auf Kenntnis von einander und Vertrauen zu einander im Glück und im Unglück. Und Aristoteles fügte bei, Freundschaft sei fürs Leben das Notwendigste. Ohne Freundschaft möge kein Mensch leben, selbst wenn er auch über alle anderen Güter verfügen würde.[12]

Tatsächlich bedeutet Freundschaft ein Verhältnis unter Menschen, das von höchstem Wert ist. Es ist wohl vergleichbar mit anderen Verhältnissen oder Verbindungen, etwa mit jenen der Verwandtschaft oder der Kollegialität oder der Nachbarschaft, kann diesen aber nicht gleichgesetzt werden. Freundschaft ist ohne Zweifel auch möglich zwischen Geschwistern und weiteren Verwandten, zwischen verheirateten oder nicht verheirateten Paaren, zwischen Eltern und Kindern, auch zwischen beruflich irgendwie vernetzten Menschen, doch Freundschaft ist nie selbstverständlich. Sie beruht auf einer grundsätzlichen Verlässlichkeit und Treue, auf einer bewussten Verbundenheit zwischen Menschen.

Freundschaft setzt weder gleiche Herkunft noch gleiches Alter noch gleiche berufliche Tätigkeit voraus, sie beruht auf freier Wahl, auf wohlwollendem Verhalten, auf zuvorkommender Zuverlässigkeit und auf Vertrauen. Freundschaft ist frei von Bedingungen und frei von hierarchischen Strukturen. Sie ist frei von  Begehren, von körperlichem, seelischen oder materiellem Besitzwunsch,  somit auch frei von Misstrauen, von Neid und von Eifersucht. Sie beruht in jeder Hinsicht auf  ebenbürtigem Subjektwert, auf geistiger Nähe und zugleich auf jenem Mass an Distanz, das die Freiheit erfordert, somit auf grosser Achtung vor einander und auf Respekt. Sie ist ein wechselseitiges Geben und Bekommen, ein Geschenk für Menschen, die einander wohlgesinnt sind.

Geistige Nähe geht einher mit gleichen Grundwerten und Massstäben im sozialen und politischen Entscheiden und Handeln, für Andere mit gleichen religiösen Überzeugungen oder mit einer gleichen Naturverbundenheit oder einem ähnlichen Forschungs- und Wissenshunger oder ähnlicher, vielleicht sich ergänzender künstlerischer  Gestaltungskraft.  Aus jeder Art geistiger Nähe wächst eine Übereinstimmung im Mitgefühl und in der Verantwortung für einander als Nächste und, was kaum beachtet wird, für sich selbst, häufig auch für Fremde, eine wechselseitig wirkende emotionale wie moralische Sorgfalt, somit ein Einklang, der bei jeder Begegnung ein Glücksempfinden weckt und verstärkt, gleichzeitig den Blick auf das Wohlbefinden des befreundeten Menschen wach hält.

„In welcher Lebenslage bedürfen wir der Freunde eher“, fragt Aristoteles, „wenn wir im Glück oder wenn wir im Unglück sind? In der einen wie der anderen Lage sind uns Freunde ja erwünscht. Denn nicht nur der Unglückliche ist angewiesen auf  Freundesbeistand, auch der Glückliche wünscht sich Freunde, in deren Gemeinschaft er leben und denen er Wohltaten erweisen kann, denn in seinem Glück möchte er ja gute Dienste leisten. Eher im Sinn des Notwendigen bedürfen wir der Freunde doch wohl im Unglück – daher sehen wir uns dann auch nach Freunden um, die für uns nützlich sein können. Eher im Sinn des Schönen dagegen bedürfen wir ihrer im Glück – daher suchen wir dann Freunde an uns zu ziehen, die an sich wertvoll sind. Denn lieber als mit jenen möchten wir mit diesen Freundesdienst austauschen und in Gemeinschaft leben.“[13]

Doch lassen sich Freundschaften gemäss Bedürfnis schaffen? Kommt es nicht auch vor, dass sich in schwierigen, ungewöhnlichen Momenten des Lebens das Gefühl freundschaftlicher Verbundenheit als Täuschung – und als Enttäuschung – erweist? Dies wird auch von Aristoteles immer wieder in Betracht gezogen, zumal bei ihm „Freundschaft“ und „Liebe“ wie Synonyma benutzt werden („philía“ – „eros“) und sich besonders auf die Beziehung zwischen Männern des gleichen Standes beziehen. Dass Freundschaft als Liebe ohne Begehren („philía“ – „agape“) zu verstehen ist, ist in seinen Texten seltener und findet sich stärker in Platons Ideenlehre. Tatsächlich wird „philía“ sowohl für Freundschaft wie für Liebe verwendet, während „eros“ die drängende Triebkraft des Suchens und Begehrens meint – in sexueller wie in jeder anderen Hinsicht –  und „agape“ sich auf die vergeistigte, meist geistig-mystische, insbesondere dem Göttlichen gewidmete Liebe bezieht.

Somit bedeutet „in Gemeinschaft leben“, wie Aristoteles festhält, nicht unbedingt den gemeinsamen Haushalt oder das gemeinsame Bett, sondern in erster Linie, dass wir mit denjenigen, mit denen wir uns freundschaftlich und liebevoll verbunden fühlen, ohne Mühe den Alltag und den Lebensablauf ertragen können, auch Beschwerden und Belastungen, die dieser auferlegt, Enttäuschungen, körperliche Leiden, Verlust der materiellen Sicherheit  und andere Behinderungen. Freundschaft verbindet sich mit wirklicher, mitfühlender, stärkender Anteilnahme, ohne  Erwartungen und Berechnungen, ohne Bewertung oder Entwertung, ohne geringste Erniedrigung.

Diese Zustimmung zum unbedingten Lebenswert eines Menschen, mit dem wir uns in Freundschaft verbunden fühlen, hat etwas Dauerhaftes, das sie sich der Flüchtigkeit oder der Erschöpfung widersetzt.  Sie ernährt sich durch die Erfahrung wechselseitiger Ebenbürtigkeit, im Sowohl-als-Auch der Aufmerksamkeit  und des Wohlwollens, selbst wenn im Verstehen und Geben die Kräfte unterschiedlich verfügbar sind, auch wenn manchmal über Jahre keine Begegnung und kein Kontakt möglich sind.

Freundschaft ist daher zutiefst auch mit dem griechischen „sympatheia“ verknüpft, dem „Zusammenstimmen“ und Übereinstimmen im Leiden. Unabhängig von zeitlichen und örtlichen Voraussetzungen, von Nähe und Distanz,  sind Wohlwollen und liebevoller Respekt stets von gleicher Bedeutung des Werts, den ein Mensch in seiner Persönlichkeit vermittelt. Es geht dabei um eine Grundhaltung, die, wie schon erwähnt, auch das Verhältnis jedes Menschen zu sich selbst prägen und leiten sollte. Denn letztlich ist es nicht denkbar, einem anderen Menschen Wohlwollendes zu geben, wenn der einzelne Mensch es sich selber verweigert.

Es ist diese Grundhaltung im Verhältnis zu sich selber, auf welche Cicero in seinem Werk Laelius de amicitia – Gespräch über die Freundschaft eingeht, das er ein Jahr vor seinem Tod seinem Freund Titus Pomponius Atticus[14]  gewidmet hat, der vier Jahre älter war wie er und mit dem er einen engen Briefkontakt pflegte. Das kleine Werk beruht auf einem fiktiven Gespräch unter drei Freunden, vermutlich um 129 v. u. Z.,  die somit mehr wie eine Generation vor Cicero gelebt hatten: Gaius Laelius, ein naher Freund von Scipio Aemilanus, Gaius Fannius sowie Qintus Mucius Scaevola.

Auch Cicero verwendet die Begriffe „Freundschaft“ – „amicitia“  und „Liebe“ – „amor“ – ohne klare Unterscheidung, im Sinn des griechischen „philía“. Da es sich jedoch, wie er selber festhält, um „ein Gespräch über die Freundschaft“ handelt, ist „Liebe“ ebenfalls im Sinn des Wohlwollens gemäss  „vollkommenster Übereinstimmung der Vorsätze, Bestrebungen und Grundsätze“ zu verstehen, wie er festhält. Allerdings fasse er mit einigem Vorbehalt „das wahre Wesen der Freundschaft“ zusammen, so wie diese unter drei Aspekten vertreten werde: Erstens: „Dass wir gegenüber unseren Freunden ebenso gesinnt sein sollen wie gegenüber uns selbst. Zweitens:  Dass unsere wohlwollende Liebe gegenüber unseren Freunden der wohlwollenden Liebe letzterer gegenüber uns selbst in gleichem Masse und in gleicher Weise entsprechen solle. Und drittens: Dass jeder von seinem Freunde so hoch geschätzt werden solle wie er sich selbst schätze.“[15]

Es geht somit um drei grundlegende Aspekte der Ebenbürtigkeit. Das Verhältnis zu einander, das  unter Freunden gilt – ebenso unter Freundinnen –, gilt auch für das Verhältnis des Menschen zu sich selbst.  Es ist das Verhältnis der Gleichwertigkeit und der Reziprozität, d. h. im Denken und im Verhalten geht es um den gleichen Wert, um die gleiche Achtung und Fürsorge. Letztlich bedeute dies, dass wir einem anderen Menschen nur geben können, was wir uns selber nicht vorenthalten. Cicero leuchtete dies wohl ein, gleichzeitig aber hielt er an seinem Vorbehalt fest. Das Gefühl der Ehre lasse nicht zu, hielt er fest, dass ein Mensch sich für sich selber ebenso einsetze wie zu Gunsten eines Freundes. Auch sei es im Sinn der Freundschaft nicht vertretbar, dass von einem Freund gleiche „Dienstleistungen“ erwartet würden, wie sie für ihn erbracht würden. Freundschaft dürfe nicht einer kleinlichen Berechnung unterworfen werden, als müsste das Verhältnis von Ausgaben und Einnahmen übereinstimmen. Überhaupt sei es in keiner Weise vertretbar, einen Freund auf den eigenen, persönlichen Wert einzustufen, da der Selbstwert auf Grund von Entmutigung oft sehr tief liege. Es sei im Gegenteil erfordert, unter allen Umständen den Mut eines Freundes aufzurichten und ihn in seinem Streben zu unterstützen, unabhängig vom eigenen Zustand und Wertempfinden. Es komme allerdings vor, dass selbst Freunde Fehler begingen, indem sie sich gegen Freunde oder gegen Fremde schlecht verhielten. In einem solchen Fall würden Freundschaften allmählich erlöschen. Es sei eine grosse Seltenheit, dass dies nicht der Fall sei und dass der hohe Wert einer Freundschaft erhalten bleibe, so wie es zwischen Laelius und Scipio geschehen sei.

Dass die Freundschaft des Menschen mit sich selbst von hohem Wert ist, dass sie die Voraussetzung für Freundschaft mit einem anderen Menschen, wird etwa zwei Generationen später von Seneca in seinen Briefen an Lucilius[16] bekräftigt. Ein Zeichen des Wohlwollens sich selber gegenüber, hält Seneca fest, bestätige sich durch die Musse, die der einzelne Mensch sich ermögliche, um das Schöne zu geniessen und um die Kräfte zu erneuern. „Es ist etwas Schönes, bis ins höchste Alter mit sich selber zusammen zu sein, wenn einer sich zu einem Menschen gebildet hat, der es wert ist, dass er seine Gesellschaft geniesst (…). Ich will dir sagen, was mich heute bei Hekaton[17] gefreut hat. ‚Du fragst‘, schreibt er, ‚welchen Fortschrittt ich gemacht habe. Ich habe angefangen, mir ein Freund zu sein‘. Er hat einen grossen Fortschritt gemacht: er wird nie mehr allein sein. Dieser Freund, sei dir dessen bewusst, steht für jeden bereit.“[18] Sich selber wohlwollend zustimmen, mit allen Schwächen und Einschränkungen, die sich durch das Älter- und Altwerden einnisten, ist tatsächlich ein Angebot ohne Vergleich, eine verlässliche Freundschaft, die allen Verlusten die Stirn bietet. Sie ist eine Garantie der sichern Begleitung auch beim endgültigen Einschlafen, oder bei der Vorbereitung darauf, die in Anlehnung an die sokratische Lehre von der nicht dem Tod unterworfenen Dauerhaftigkeit des Geistes selbst das Gespräch darüber nicht zu fürchten braucht.

Ohne Zweifel brauchte Seneca auch hier Cicero als Vorbild, der mit 62 Jahren – noch vor dem Gespräch über die Freundschaft – ebenfalls für seinen um vier Jahre älteren Freund Atticus das kleine Buch Cato maior de senectute – Cato der Ältere über das Alter geschrieben hatte, auch dieses ein Gespräch unter Freunden, in welchem Cato[19], der ehemalige Feldherr und Staatsmann,  mit dem Älterwerden das militärisch und politisch Kämpferische  nur noch im Rückblick thematisieren wollte. Nun hatte er die Möglichkeit, sich zurückzuziehen. Er hatte sich für die Liebe zur Philosophie entschieden, für ein neues Lernen und für ein  Umsetzen des im Gespräch in sachtem Fragen und Nachfragen Erkannten. Deutlich wird dabei, wie sehr auch das Gespräch Ausdruck der Freundschaft ist, widerspiegelt es doch das wache Interesse und das Vertrauen der einen gegenüber den anderen. Einander zuhören, gemeinsam denken und den Weg vom Leben zum Sterben von den Ängsten lösen, auch den jüngeren Freunden die Überzeugung vermitteln, dass der Geist des Menschen, anders wie der Körper, in irgend einer Weise zeitlos ist, dass er möglicherweise in einem neuen Körper wieder in eine neue Lebensaufgabe hinein versetzt wird, dies war für Cato in der Musse, die er sich mit dem Altwerden zugestand, zugleich ein Bedürfnis und eine Erfahrung des Glücks. „Zu diesem Glauben brachte mich auch nicht nur vernunftgemässe Erörterung, sondern auch Geltung und Rang der grössten Philosophen. Ich hörte, dass Pythagoras und die Pythagoreer (…) nie daran zweifelten, dass wir Seelen hätten, die aus dem umfassenden göttlichen Geist stammen. Man wies mich ausserdem auf die Erörterung hin, die Sokrates (…) am letzten Tag seines Lebens über die Unsterblichkeit gegeben habe.[20] Was soll ich viele Worte machen? Das ist meine Überzeugung, das ist meine Meinung: Da die Seele über eine solche Behendigkeit verfügt, eine solche Erinnerung an Vergangenes und Vorausschau auf  Zukünftiges, so viele Fähigkeiten, so wichtige Kenntnisse, so zahlreiche Erfindungen, kann ihr Wesen, das diese Eigenschaften umfasst, nicht sterblich sein, und da die Seele ständig in Bewegung ist und keinen Anfang der Bewegung kennt, weil sie sich selbst bewegt, wird es für sie auch kein Ende der  Bewegung  geben, weil sie sich niemals selbst verlassen wird, und da das Wesen der Seele einfach ist und keine ihr ungleiche und unähnliche Beimengung enthält, kann sie auch nicht geteilt werden und somit, wenn das unmöglich ist, nicht untergehen. Es hat auch grosse Beweiskraft, dass die Menschen, noch ehe sie geboren sind, schon sehr viel wissen, weil sie sich schon als Kinder beim Erlernen schwieriger Fächer zahllose Dinge mit solcher Schnelligkeit aneignen, dass es so scheint, als hörten sie sie nicht zum ersten Mal, sondern riefen sie sich nur ins Gedächtnis und in Erinnerung. Das etwa sind die Worte Platons.“[21]

Vertrauen unter Freunden und Freundinnen ermöglicht, einander Ängste und Hoffnungen, Überzeugungen und Staunen  ohne Vorbehalt zu vermitteln, stellvertretend für einander auch über den Tod hinaus.

Ist es eine Verklärung der Bedeutung von Freundschaft? Ist sie frei von Täuschung und Enttäuschung, von Ambivalenz, Zerrüttung und Scheitern? Schon Cicero stellte sich die Frage.  Er hatte darauf verwiesen, dass auch Freundschaft der Tatsache der Vielschichtigkeit menschlicher Entwicklung ausgesetzt ist, der Unruhe und Beeinflussbarkeit, ja Betörbarkeit durch Angebote, die ausserhalb des freundschaftlichen Beziehungsgeflechts auf das eine oder andere Individuum einwirken. Doch ist es nicht Teil der Freiheit, die das Risiko der einzelnen – oder der wechselseitigen – Entfremdung, Ablösung und Trennung einschliesst? Enttäuschung  ist schwer ertragbar. Das Gefühl des Versagens und des Verlustes, der Verlorenheit, der Selbstvorwürfe, überhaupt des grossen Schmerzes hält oft lange an, wie jener einer seelischen Amputation. Dessen Verarbeitung bedarf in irgend einer Form der Zustimmung, insbesondere  zum eigenen leidenden Ich, damit es nicht dem Hader verfällt und von diesem aufgesogen wird, sondern sich einen heilenden, allmählich erhellenden Weg daraus heraus ermöglicht.  Vielleicht führt er gar zur inneren Versöhnung.

Hilde Domin, die diese Erfahrung gut kannte, schuf Zeilen, die dieser anderen Kenntnis von Freundschaft nahe kommen: „Die schwersten Wege / werden allein gegangen, / die  Enttäuschung, der Verlust, / das Opfer / sind einsam. (…) Man hört nur den eigenen Schritt / und den Schritt  den der Fuss / noch nicht gegangen ist  aber gehen wird. / Stehenbleiben und sich umdreh  / hilft nicht. Es muss / gegangen sein.  //  Nimm eine Kerze in die Hand / wie in den Katakomben, / das kleine Licht atmet kaum. / Und doch, wenn du lange gegangen bist, / bleibt das Wunder nicht aus, / weil das Wunder immer geschieht, / und weil wir ohne Gnade / nicht leben können: / Die Kerze wird hell vom freien Atem des Tags, / du bläst sie lächelnd aus / wenn du in die Sonne trittst / und unter den blühenden Gärten / die Stadt vor dir liegt, / und in deinem Hause / dir der Tisch weiss gedeckt ist. / Und die verlierbaren Lebenden / und die unverlierbaren Toten / dir das Brot brechen und den Wein reichen – / und du ihre Stimmen wieder hörst / ganz nahe / bei deinem Herzen.“[22]

 

Zweiter Teil

Freundschaften  –  Drei Beispiele

 

Etienne de la Boëtie und Michel de Montaigne

„Das Geheimnis, was ich zu begehren geschworen habe, kann ich ohne Meineid demjenigen mitteilen, der eigentlich mein anderes Ich ist. Es ist ein grosses Wunder, sich zu verdoppeln…“[23]

„… Denn wie ich aus einer nur zu richtigen Erfahrung weiss, wir können bei dem Verlust unserer Freunde keinen süsseren Trost empfinden als den, welcher aus der Erinnerung entspringt, dass wir von allem, was wir ihnen zu sagen hatten, nichts vergessen haben und dass unser Vertrauen zu ihnen vollkommen und unbeschränkt gewesen ist.“[24]

„Der Dialog der Freundschaft vollzog sich aus und in der Ferne.“[25]

*

Ein Beispiel für unverbrüchliche Freundschaft findet sich im Werk von Michel de Montaigne[26] und Etienne de la Boëtie[27]. Dessen mit kaum  zwanzig Jahren – um 1550 –  verfasste Aufruf zur Verteidigung der Freiheit, die jedem Menschen angeboren sei, um sich gegen Unrecht und Machtwillkür zur Wehr zu setzen – Discours de la servitude volontaire – Von der freiwilligen Knechtschaft[28] – hatte die Aufmerksamkeit und Neugier von Michel de Montaigne geweckt, der kaum drei Jahre jünger war und wie La Boëtie als Gerichtsberater, anschlissend als Richter in Bordeaux eine angesehene Funktion ausübte. Während Montaigne adliger Herkunft war, stammte La Boëtie aus dem Beamtenmilieu. Das Schloss des einen in der Dordogne wie das schmale, aber stattliche Elternhaus des andern in der kleinen Stadt Sarlat im Perigord sind aus unerklärlichen Gründen bis heute erhalten geblieben, trotz der furchtbaren Kriege, Brandschatzungen und Verwüstungen, die alle Jahrhunderte seit deren Lebenszeit gekennzeichnet haben.

Der Discours des kaum 18- oder 20jährigen La Boëtie, der in der Universität von Orléans Philosophie und Jura studiert hatte, war in schönstem, literarischem Französisch verfasst, aufwühlend und zugleich beunruhigend, da nicht klar war, an wen er sich richtete. Da er zu den öffentlichen Honoratioren gehörte und das Königtum nicht in Frage stellen konnte, war es schwer vorstellbar, dass sich der Aufruf an die Bauern und an die Vertreter kleiner Gewerbebetriebe richtete, die damals in Bordeaux und im umliegenden Gebiet der Guyenne – dem früheren Aquitanien und dem späteren Aquitaine – gegen die vom jungen König Henri II erlassene Salzsteuer aufbegehrten und deswegen aufs schwerste gedemütigt und bestraft wurden. Auch richtete sich La Boëtie’s Werk kaum an die religiösen Aufständischen, die gegen den zur Staatsmacht aufgestiegenen katholischen Klerus und dessen Privilegien protestierten – die „Protestanten“ resp. die „Hugenotten“ -, die damals vom französisch-königlichen Regime verfolgt und vertrieben, gefoltert und bekriegt wurden, bis sie mit zunehmender Macht und ähnlicher Gewalt gegen Katholiken und deren Heiligtümer oder gegen eigene Zweifler oder Abtrünnige zurückschlugen. Oder möglicherweise doch an die einen wie an die anderen? Es gab eine Phase, da La Boëtie in der Gegend von Bordeaux zum Vermittler zwischen Protestanten und Katholiken eingesetzt wurde, ohne dass eine Beschwichtigung hätte zustande kommen können. Dass Menschen gegen Pfähle gebunden, vielfach gequält und lebendigen Leibes verbrannt oder ertränkt wurden, geschah auf Entscheid der katholischen wie der calvinistischen – auch der lutheranischen oder zwinglianischen – „Tyrannen“. Gleichzeitig wurden von Fürsten und Königen auf Grund von deren Herrschafts- und Bereicherungswünschen Heiraten geschlossen und andere Bündnisse eingegangen, gebrochen und mit barbarischen Kriegen zu Lasten und gleichzeitig durch Mitwirkung ihrer „Untertanen“ in sinnloser Masslosigkeit umgesetzt und fortgesetzt.

„Alle Laster haben doch ihre natürliche Grenze, die sie nicht überschreiten können: zwei können sich vor einem fürchten und wohl auch zehn. Wenn aber tausend oder eine Million oder tausend Städte sich nicht gegen einen wehren, so ist das keine Feigheit mehr, so weit treibt es sie nicht, ebenso wie die Tapferkeit sich nicht so weit versteigt, dass ein einziger eine Festung stürmte, ein ganzes Heer angriffe oder ein Königreich eroberte. Welch eine Ausgeburt von Laster ist es denn, das nicht einmal den Namen Feigheit, für das kein Wort schändlich genug ist, das die Natur als ihr Werk verleugnet und die Sprache sich zu benennen weigert?“[29]

La Boëtie kommt zur Einsicht, dass es keine Notwendigkeit für Elend und Unglück in einem Land und einem Volk gebe, dass ein einziger Tyrann weder zu bekämpfen noch zu stürzen sei. Er stürze von selbst, wenn das Land nicht in seine Knechtschaft einwillige. „Man braucht ihm nichts zu entziehen, sondern nur nichts zu geben. Das Land braucht sich gar nicht der Mühe zu unterziehen, für sich etwas zu tun, wenn es nur nichts gegen sich tut. Die Völker sind es selbst, die sich quälen lassen, oder vielmehr, die sich selber quälen, denn würden sie Schluss machen mit dem Dienen, so wären sie frei davon. (…) Wenn es das Volk etwas kostete, seine Freiheit wieder zu erringen, würde ich es nicht bedrängen, obwohl es nichts Köstlicheres für den Menschen gibt, als sich wieder in den Stand seiner natürlichen Rechte zu setzen und sozusagen vom Tier wieder zum Menschen zu werden. (…) Wer kühn ist, scheut keine Mühe. Wer feig und träge ist, vermag weder ein Übel zu ertragen noch das Gute zu erlangen, er bleibt beim Wünschen stecken, seine Feigheit nimmt ihm die Kraft, es zu erstreben, doch die Gier des Habenwollens belässt ihm die Natur. In dieses Wünschen und Wollen teilen sich die Weisen und die Narren, die Mutigen und die Memmen (…). Bei einem einzigen nur verlässt, ich weiss nicht wie, die Natur den Menschen in seinem Sehnen: das ist die Freiheit, die doch so gewaltig und so herrlich ist, dass ihr Verlust alle Übel nach sich zieht, und selbst das Gute, was noch bliebe, verliert völlig den Geschmack und den Reiz, verrottet durch die Knechtschaft. Die Freiheit allein begehren die Menschen nicht, aus keinem anderen Grund, scheint es, als dem: sie besässen sie schon, wenn sie sie begehrten, und sie verschmähen diese schöne Eroberung auch nur deshalb, weil sie so mühelos ist. (…) Suchen wir doch durch Vermutungen herauszufinden, wie sich diese hartnäckige Knechtstimmung so tief verwurzelt hat, dass es jetzt so aussieht, als sei sogar die Freiheitsliebe weniger natürlich als sie.“[30]

Die „Vermutungen“ von La Boëtie haben ohne Zweifel Montaigne bei der Lektüre beflügelt und nachdenklich gestimmt, wie es heute noch geschieht, wenn wir sie lesen. Sie gehen davon aus, dass in der Seele aller Menschen ein Keim der Vernunft liege, der durch guten Rat  und Umgang gehegt werde und zu voller Kraft erblühe, leider umgekehrt aber ersticken und absterben könne. Im Grunde genommen diene dieser Kern dem Zweck, „dass wir uns untereinander alle als Genossen oder als Brüder erkennen“, und selbst wenn wir unterschiedliche Kräfte und Begabungen haben, heisse das nicht, dass die Stärkeren und Klügeren wie bewaffnete Wegelagerer über die Schwächeren herfallen sollen, im Gegenteil. „Vielmehr ist es so, dass die Natur, die dem einen mehr als dem anderen gab, damit der brüderlichen Liebe Raum schaffen wollte, sich zu betätigen, denn die einen haben Macht, Hilfe zu leisten, und die anderen das Bedürfnis nach Hilfe. Als gute Mutter hat sie uns allen die die ganze Erde zum Aufenthalt gegeben, uns allen im selben Haus Wohnung bereitet, uns alle nach demselben Muster geschaffen, damit jeder sich im anderen spiegele und gleichsam sich selbst erkenne. (…) so besteht kein Zweifel, dass wir von Natur aus alle frei sind, und keinem kann es in den Sinn kommen, dass die Natur auch nur einen in die Knechtschaft gegeben hätte, da sie uns doch alle in Gesellschaft braucht. In Wahrheit ist es ganz nichtig zu erörtern, ob die Freiheit natürlich sei, da man niemanden in Knechtschaft halten kann, ohne ihm Unrecht zu tun, und da nichts auf der Welt so gegen die von Grunde aus vernünftige Natur ist wie das Unrecht.“[31]

Dass der Keim des Guten im Menschen durch „Erziehung und Behandlung“ geprägt wird, dass die Entwicklung zum eitlen und menschenverachtenden, grausamen Tyrannen wie zum unterwürfigen Untergebenen ein bedauernswertes Abrichten des Menschen zu einem würdelosen Werkzeug bedeutet, belegte La Boëtie durch Beispiele aus der Antike, im Wissen, dass seine Zeit sich davon nicht unterschied. Von grösster Bedeutung erschien ihm zu betonen, dass es jedem Menschen auf gleiche Weise zustehe, unabhängig von jedem Macht- und Herrschaftszusammenhang, in den er/sie ohne geringste Wahlmöglichkeit hineingeboren wurde, sich gegen die Dressur zur stummen Anpassung und Unterwerfung, zum Vollzug von Zwängen zur Wehr zu setzen und sich davon zu befreien, im Sinn der zwar unterdrückten, jedoch ihm angeborenen, zutiefst noch vorhandenen, darbenden Freiheit.

Als Beispiel, das ohne jeglichen Zwang, somit ohne geringste Form von Knechtschaft ein Leben in Freiheit und vielfältig stärkender Offenheit verdeutliche, nannte er die Freundschaft. „Freundschaft klingt nicht nur heilig, sie ist es auch. Sie entsteht nur zwischen guten Menschen und gründet sich auf gegenseitige Achtung. Man erhält sie weniger durch Wohltaten als durch ein rechtschaffenes Leben. Ein Freund ist des anderen gewiss, weil er seine Redlichkeit kennt: deren Bürgen sind sein guter Charakter, seine Treue und seine Zuverlässigkeit. Wo Grausamkeit herrscht, Treulosigkeit und Ungerechtigkeit, da gedeiht die Freundschaft nicht. Wenn schlechte Menschen sich versammeln, so bilden sie eine Rotte, aber keine Gemeinschaft. Statt Liebe verbindet sie Furcht voreinander und sie werden nicht Freunde, sondern Spiessgesellen.“[32]  Daher könne auch kein Tyrann einen sicheren Freund gewinnen, da er niemanden sich gleich stelle. Das Gebiet der Freundschaft sei aber die Gleichheit. „Lernen wir doch einmal, lernen wir recht zu handeln!“

Meines Erachtens ist die schrecklichste Tyrannei, die sich seit ältesten Zeiten stets erneuert und der sich die Mehrheit der Menschen unterwirft, die Angst. Die Angst in ihren zahlreichen Gesichtern ist die Tyrannin, die sich mit ihrer dunkeln Macht der Freiheit entgegenstellt, die sich seit der frühesten Kindheit eines Menschen in dessen Seele einzunisten beginnt und sein Denken zunehmend beherrscht. Es ist die Angst vor den Folgen des Ungenügens im Erfüllen der  Bedingungen der Liebe, die Angst vor Dunkelheit, vor Entbehrung und Hunger, vor Ausgestossenwerden, vor Verlassenheit und Alleinsein, vor Bestrafung und Leiden, vor Sterben und Tod. Wer die Angst in ihrer tyrannischen Macht zu durchschauen vermag und sich bewusst werden kann, wie eng verwandt sie mit Eifersucht, Neid und Hader ist, mit wie viel schweren Zwängen und Leiden sie ihre Herrschaft ausübt, wird den Wunsch spüren, sich von ihr lösen zu können. Der Wunsch ist der aufglimmende Lichtschein der Freiheit. Diese wird sich stärken und zu leuchten beginnen, sobald der Mensch sie zu nutzen beginnt, und sie wird sich durchsetzen, wenn die Erleuchtung zugelassen wird, dass die sich fortgesetzte Unterwerfung unter die Angst einer Gegenkraft bedarf, die zur Verfügung steht. Die Gegenkraft wächst aus dem Entscheid für die Freundschaft zum leidenden Ich, für die Einigung des im Aufleuchten der Freiheit erkennenden und denkenden Teils des Ichs mit jenem des im Dunkeln zusammengepressten Gemüts. Aus der Macht der Angst austreten und angstfrei werden kann gelingen! Der Mut zur Freundschaft mit dem eigenen Ich öffnet alle anderen Räume der Freundschaft. Für zahlreiche spätere Denkerinnen und Denker war Etienne de la Boëtie’s mutige Schrift und die Freundschaft zwischen ihm und Michel de Montaigne von grosser Bedeutung, schon für Francis Bacon, für Baruch de Spinoza[33], für Adrien Baillet, für Jean-Jacques Rousseau, Jean-Paul Marat und Mirabeau wie für zahlreiche Kommentatoren der vorangegangenen französischen Geschichte im 19. Jahrhundert, für Félicité de Lamennais, Pierre Leroux, Louis Blanc, Sainte-Beuve und weitere mehr, doch ebenso für Denker im Umfeld der österreichischen, russischen und deutschen aufständischen Arbeiterbewegungen, unter diesen für Ferdinand Derfler, für Tolstoi und ganz besonders für Gustav Landauer.[34]

Wie Etienne de La Boëtie und Michel de Montaigne ihre Freundschaft leben und umsetzen konnten, so lange beide noch gesund waren, lässt sich nicht belegen. Wir wissen, dass diese für knappe drei oder vier Jahre als Erfahrung von höchstem Wert erlebt wurde, die sie geheim hielten und zu schützen suchten. Montaigne hielt in seinem Essai De l’amitié fest: „Drängt man mich zu sagen, warum ich ihn liebte, so denke ich, lässt es sich nur mit den Worten ausdrücken: Weil er es war, weil ich es war“[35].  In der eigenen Besonderheit  war der eine dem anderen lieb, in völliger Unabhängigkeit und Ebenbürtigkeit.

Doch La Boëtie war erst 33 Jahre alt, als er infolge nicht mehr heilbarer Infektionen – Dysenterie, Pest – erkrankte und nach schwerem Leiden starb. Montaigne war in dieser Zeit bei ihm. Er schrieb seinem Vater, Pierre de Montaigne, den er verehrte und der ebenfalls wenig später starb: „Wenn jemand von den letzten Worten des Herrn de La Boëtie Rechenschaft geben soll, so muss ich es sein: teils, weil er in seiner ganzen Krankheit mit niemandem lieber als mit mir gesprochen hat, teils weil ich durch die geheime und brüderliche Freundschaft, welche wir für einander hegten, seine Gedanken, seine Urteile und seinen Willen genauer als jemand in der Welt hatte kennen lernen können. Ich wusste, seine Denkungsart war erhaben, tugendhaft, höchst gesetzt, und wenn ich alles zusammen nehme, ganz unvergleichlich. Ich sah zum voraus, dass, wenn ihm die Krankheit zu reden erlaubte, er nichts anderes als etwas Grosses und Nachahmungswürdiges hervorbringen würde. Ich war daher desto mehr auf meiner Hut und gab auf alles Achtung.“[36]

Für seinen Freund  und „Bruder“, wie er  ihn auch nannte, übernahm Montaigne den Schutz und die Verwaltung von dessen Schriften, in steter Trauer, dass er nicht mehr lebte. Er wollte ihm einen unvergesslichen Platz unter den angesehenen Zeitgenossen, die ihm nahe standen, schaffen, wie aus zahlreichen Briefen deutlich wird. „Nachdem ich sorgfältig alles gesammelt hatte, was ich Ganzes unter seinen Heften und zerstreuten Papieren hier und dort finden konnte, das Spielzeug des Windes und seiner Studien, schien es mir gut, alles, was es auch sei, zu verteilen und in so viele Stücke wie ich konnte zu zerlegen, um dabei die Gelegenheit zu finden, sein Gedächtnis einer so viel grösseren anzahl von leuten zu empfehlen – wobei ich die hervorragendsten und würdigsten personen meiner Bekanntschaft auswählte, und deren Zeugnis für ihn das ehrenvollste sein muss.“[37] Die Veröffentlichung des Discours de la Servitude volontaire schob Montaigne immer wieder auf, bis er sie gegen 1580 im Rahmen der eigenen Essais zuliess. Die anderen livrets seines Freundes hatte er schon 1570 in zwei Sammelbänden veröffentlicht, die Plutarch- und Xenophon-Übersetzungen sowie die lateinischen und französischen Gedichte, nachdem er im Jahr zuvor den letzten Wunsch seines Vaters erfüllt und die von diesem verehrte Theologia naturalis des katalanischen Philosophen Raimundus  Sabundus – Raimond Sebond (urspünlich Ramon Sibiuda[38])  ins Französische übersetzt hatte. Nach der Publikation der politisch nicht belastenden Manuskripte von Etienne de la Boëtie gab er seine öffentlichen Ämter auf und zog sich ins väterliche Schloss – La Montaigne – zurück, um aufzuzeichnen, was ihm persönlich wichtig erschien und sich auf den Tod vorzubereiten. Es standen ihm noch zwölf Jahre zur Verfügung.

Jean Starobinski hat sich eingehend mit Montaigne befasst, mit der vielschichtigen Bedeutung  der Freundschaft und der Trauer um den verstorbenen Freund, mit der Entwicklung von  Montaigne’s Beziehung zu sich selbst und zu seinem Schreiben, zu seinem ebenfalls verstorbenen Vater und zur grossen Gesellschaft voller Schein und Betrügereien resp.  zur Welt, von der er sich mehr und mehr zurückzog, gewissermassen in skeptischer, sorgfältiger Umsetzung von Montaigne’s  Warnung, die im Vorwort seiner Essais steht, die Leser mögen sich auf eigene Weise mit seinem „aufrichtigen“ Buch befassen, da er sich nicht um diese kümmere, sondern sich ausschliesslich mit sich selbst und den eigenen Ansichten befasse.  Zugleich aber stelle er sich für Kommentare zur Verfügung. Gewissermassen geschah auch Montaigne’s Selbstanalyse im Dialog mit dem verstorbenen Freund,  der, wie Starobinski zitiert, „sich allein meines wahren Bildes erfreute und dieses mit sich fortnahm. Eben deshalb entschlüssele ich mich selbst so sorgsam.“[39]

Sich mit einem Buch befassen bedeutet im Sinne von Montaigne somit in einen dialogischen Prozess eintreten, das heisst in ein Gespräch mit der Autorin oder dem Autor, der /die sich durch die Sprache enthüllt und als Objekt anbietet, dabei aber durch den gleichen Gestus den Subjektwert wieder beansprucht.

 

Rosa Luxemburg und Mathilde Jacob

Wronke, den 23. 04. 1917                                                                                                                 „Liebste Mathilde, schreiben Sie mir gleich eine gute Zeile, mir ist so elend zumute … Ich umarme Sie und Mimi[40] und grüsse herzlichst ihre Mutter und Schwester. Ihre R.“[41]

  1. 04. 1918        „Meine liebste Mathilde, es ist sehr leer und einsam, nachdem Sie plötzlich verschwanden. Ich warte ungeduldig auf Nachricht. Sie Unverbesserliche, die prachtvollen Geranien! Das war eine grosse Überraschung! Die botanischen Büchlein (Schuhmacher) brauchen Sie nicht zu schicken. Kuss und Gruss –  Ihre R.“[42]
  2. 05. 1918  „Liebste Mathilde, endlich kam heute eine Nachricht von Ihnen! Ich hatte schon so sehr darauf gewartet. Es war nichts Bestimmtes, worauf ich wartete, nur die allgemeine Unruhe, die sich meiner namentlich um diese Zeit zu bemächtigen pflegt. Es ist überhaupt im Sommer bei den langen Tagen viel schwerer im Gefängnis als im Winter. Auch von Klara[43] habe ich auffallend lange kein Lebenszeichen, ich befürchte immer was Schreckliches für sie: ihr älterer Junge[44] ist ja an der Front (…). Ich umarme Sie und grüsse herzlichst Ihr Mütterlein und Fräulein Gretchen. Ihre R.“ [45]
  3. 11. 1918 „Meine liebe Mathilde, eben erhalte ich Ihren Eilbrief. Sie Ärmste, was haben Sie für Scherereien mit meiner Bude! Es ist mir schrecklich, dass all dies kleine ärgerliche Zeug Ihnen zugefallen ist. Natürlich werde ich nun nichts ohne Sie in dieser Sache tun. Dass die Mietsteigerung irgendwie abgewehrt werden könnte, hatte ich keine Ahnung: mir graute nur vor dem Gedanken, dass Sie nun auf die Suche nach einer neuen Wohnung gehen müssten und dass wir unser liebes Nest in Südende verlieren könnten. Deshalb dachte ich, es gebe keine Wahl, und stimmte zu. Jetzt ärgert mich das natürlich mächtig. Kann ich jetzt durch Kündigung nichts erreichen? Die 10 M hätte ich nicht übel Lust, von der Militärbehörde einzufordern – aus purer Bosheit. Sie ist doch verantwortlich für solchen Schaden, der aus meiner Haft entsteht. – Ich umarme Sie in Eile. Ihre R.“[46]

In die Freundschaft zwischen Rosa Luxemburg[47] und Mathilde Jacob[48] eintreten, die in vielen Dokumenten festgehalten blieb, bedeutet Teilnahme an einer sich stets verstärkenden Nähe. Es sind 153 Briefe[49], die Rosa an Mathilde geschrieben hat, davon 148 aus den verschiedenen Gefängnissen, in denen sie zwischen 1915 und dem 7. November 1918 inhaftiert war, bevor sie am 15. Januar 1919 in Berlin von Offizieren und Soldaten mehrerer Freikorps abgeführt und ermordet wurde. Zusätzlich sind es Erinnerungen[50], die Mathilde Jacob aufgezeichnet hat und die sie im Sommer 1939, unmittelbar vor Ausbruch des Kriegs, dem amerikanischen Historiker Herbert Hoover[51] übergeben hat, rechtzeitig bevor sich die Lebensbedrohung um sie persönlich zuspitzte und sie am 27. Juli 1942 ins KZ Theresienstadt abtransportiert wurde. Neun Monate später, am 14. April 1943, kam sie dort um.

Wie hatten sich die zwei Frauen kennen gelernt? Was verband die beiden in den knapp fünf Jahren, vom 27. Dezember 1913 bis zum 15. Januar 1919, in denen sie einander unter schwierigsten Bedingungen nahe standen, eine Nähe, die sich für Mathilde Jacob auch nach der Ermordung Rosa Luxemburgs fortsetzte? In ihren Erinnerungen hielt sie fest: „Ich hatte das Glück, im Jahr 1913 zu Rosa Luxemburg in persönliche Beziehungen zu treten. Niemals vorher hatte eine Frau einen so tiefen Eindruck auf mich gemacht. Ihre grossen, leuchtenden Augen, die alles zu verstehen schienen, ihre Bescheidenheit und Güte, ihre fast kindliche Freude an allem Schönen liessen mein Herz für sie höher schlagen. (…) Ich erinnere mich, wie Rosa Luxemburg mich zum ersten Mal bat, sie in ihrer Häuslichkeit aufzusuchen. Wir trafen zur Zeit ihrer Neuköllner Vorträge[52] fast immer am Potsdamer Platz in einer Strassenbahn zusammen. ‚Sie müssen mich einmal besuchen‘, sagte sie eines Tages bei dieser Gelegenheit, ‚erstens wegen Mimi, zweitens meiner Bilder wegen und drittens, um mir eine Freude zu machen‘. (…) Ich glaube, Rosa Luxemburg oft eine Freude mit meinem Besuch bereitet zu haben. Wenn es sich darum handelte, für sie etwas zu tun, so sagte ich mit Conrad Ferdinand Meyer: Genug ist nicht genug! Und doch war sie stets der gebende Teil. Eine Unterhaltung mit ihr, ein Blick aus ihren grossen Augen, von einem warmen Händedruck begleitet, liess viele den Lebenskampf mit neuen Hoffnungen aufnehmen.“[53]

Die erste Begegnung, die von Mathilde Jacob erwähnt wurde, fand tatsächlich am 27. Dezember 1913 statt, und zwar im Gartenhaus in Berlin-Moabit, im zweiten Stock, Altonaerstrasse 11, wo sie mit ihrer Mutter und mit Gretchen, ihrer jüngeren Schwester, wohnte und ein Schreib- und Vervielfältigungsbüro betrieb. Sie bezeichnete sich als „Stenotypistin und Übersetzerin“, doch ihre Tätigkeit umfasste viel mehr. Sie war von Rosa Luxemburg zusammen mit Franz Mehring[54] und Julian Balthasar Marchlewski[55] aufgesucht worden, um die Herstellung der Sozialdemokratischen Korrespondenz zu besprechen und deren Herausgabe zu vereinbaren, eine zeitkritische, politische Zeitschrift, mit welcher die proletarische Bewegung gestärkt werden sollte. Die darin veröffentlichten Informationen und Überlegungen sollten insbesondere kleineren sozialdemokratischen Zeitungen zum Nachdruck zur Verfügung stehen. Im ersten Jahr, ab dem 27. Dezember 1913 bis zum 21. Dezember 1914,  erschienen wöchentlich dreimal 150 hektographierte  Exemplare, später noch  ein Exemplar pro Woche, das letzte Mal am 13. Mai 1915.[56]

Rosa Luxemburg hatte in leidenschaftlichen Artikeln zu den innerparteilichen Spaltungsprozessen innerhalb der SPD zwischen „Radikalen“ und „Revisionisten“ und zur verhängnisvollen Zustimmung letzterer zu der von Kaiser Wilhelm II vom Reichstag geforderten  „Burgfriedenspolitik“ und zu den Kriegskrediten Stellung bezogen, gegen welche allein Karl Liebknecht Nein gestimmt hatte, schliesslich zur Kriegserklärung Deutschlands an Russland und an Frankreich zwischen dem 1. und dem 3. August 1914, ferner zu den revolutionären Entwicklungen in Polen und in Russland. Es waren Artikel, die sie zum Teil Mathilde diktiert hatte, die diese stenographisch festhielt und druckfertig umschrieb. Zusätzlich lag auf  Mathilde die ganze Produktions- und Vertriebsarbeit der Sozialdemokratischen Korrespondenz und laufend viel mehr. Die Trennung der kritischen Linken von der Sozialdemokratischen Partei SPD und die daraus 1916-1917 erfolgte Bildung der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands USPD ging mit einem breiten Meinungsaustausch in Briefen und Zeitungsartikeln einher, gleichzeitig im Sinn von Rosas aufklärerisch-politischem Kampf gegen Kapitalismus, Imperialismus und Militarismus mit der sich herausbildenden Spartakusgruppe[57], die in Zusammenhang der Novemberrevolution von 1918 zum Spartakusbund wurde und zur Bildung der Kommunistischen Partei Deutschlands KPD führte, die in klar ausgesprochener Differenz zu jener der Parteimacht der Bolschewiki in Russland eine für ganz Deutschland gerechte Räterepublik anstrebte.

Nach Beginn des Kriegs, den Rosa  mit stärkstem Einsatz ihrer Kräfte zu verhindern  gesucht hatte, und nach deren bald darauf erfolgten offiziellen Verurteilung und Erkrankung, Spitalaufenthalt  und schliesslich Verhaftung  wegen Hoch- und Landesverrat wurde Mathilde zu ihrer persönlichen Sekretärin, zur Betreuerin ihrer Katze Mimi, ihrer Blumen und persönlichen  Sachen, zur Vertrauten und nahen Freundin, die aufs verlässlichste wichtige Dokumente in die Gefängnisse und aus den Gefängnissen[58] schmuggelte – ungezählte Briefe an Kollegen und Kolleginnen, Freunde und Freundinnen, Flugblätter, Aufrufe, politische Schriften, die Rosa alle in ihrer Zelle verfasst hatte  (Artikel für Zeitschriften und Zeitungen und theoretisch-politische Arbeiten, die Spartakusbriefe, die Juniusbroschüre, den Text zur Revolution in Russland und vieles mehr). Mathilde war es, die ununterbrochen um die gesundheitlich und politisch gefährdete Freundin besorgt war und für sie alles beschaffte, was sie brauchte – eine grosse Menge Bücher, Schreibzeug und Farben, Medikamente, Vogelfutter und Süssigkeiten, vieles mehr. Sie war im Sinn oder im Auftrag Rosas stets auch in Kontakt mit Paul Levi, ihrem Anwalt und nahen Freund, mit Leo Jogiches, dem langjährigem Geliebten und seit der gemeinsamen Studienzeit in Zürich trotz heftiger Kontroversen ihr treu gebliebenem, politischem Verbündeten, mit Sonja Liebknecht, die sich in ähnlicher Sorge um Karl bemühte, der ebenfalls im Gefängnis war , überhaupt mit den von ihr geliebten und mit ihr politisch nah verbundenen Menschen[59], die sich alle mit Überzeugung und Mut für eine – im Sinn der frühen Marx’schen Kapitalismus- und Herrschaftskritik – angestrebten Korrektur der ausbeuterischen Arbeits- und Lebenssituation der Arbeiter und Arbeiterinnen einsetzten, für eine gerechte Bildungs- und Einkommensverteilung, letztlich für eine ausgewogene wirtschaftspolitische, gesellschaftliche Struktur ohne erniedrigende Standesunterschiede, ohne ideologische Verhärtung und Rivalisierung partei-interner Herrschaft, wie sie in Russland – mit Rosa Luxemburgs warnender Vorausschau – zum Verhängnis wurde, ganz besonders ohne sinnlose, menschenverachtende  Kriege, letztlich für einen internationalen Frieden.

Die furchtbaren Kriegsjahre von 1914 bis Ende 1918, die Millionen von Toten und Verwundeten, die völlige Zerstörung grosser Landesteile und aller gesellschaftlichen Strukturen, die sich ausbreitenden Seuchen und der Hunger der Bevölkerung führten zu einer revolutionären Stimmung in Deutschland, der Anfang November 1918 mit dem Aufstand der Matrosen in Kiel begann und der sich wie ein Lauffeuer in ganz Deutschland fortsetzte, mit sich ausweitenden Streik- und Widerstandsbewegung im Sinn der vom Spartakusbund entworfenen Umsetzung einer revolutionären Auflehnung des Proletariats, eines frühkommunistischen Sozialismus und der Bildung einer Räterepublik[60]. Doch durch die in Verbindung mit den kaisertreuen Mitterechtsparteien und nationalistischen Freikorpstruppen von Friedrich Ebert geleiteten Gegenbewegung der SPD ergab sich gegen Ende Dezember 1918 /Anfang Januar 1919 eine Umkehrung der Aufstände in konterrevolutionäre, pogromartige Zuspitzung kollektiver Wut, die der Projektionsobjekte bedurfte. Es waren nicht mehr die Verantwortlichen für den sinnlosen Krieg, für Ausbeutung und Verarmung, sondern  die linken, kriegskritischen Denkerinnen und Denker, in Berlin insbesondere die Spartakisten, auch in München und anderswo, generell die Juden. Kaiser Wilhelm II, der um die deutsche Niederlage und um die von den Allierten gegen ihn geplante Anklage wegen Kriegsverbrechen wusste, setzte sich am 9. November 1918 fluchtartig nach Holland ab, wo ihm Königin Wilhelmina Asyl gewährte, auch seinem Sohn, Kronprinz Wilhelm von Preussen, der sich bald mit Hitler und seiner SA anfreundete. Beide blieben vom stumpfen Hass der Bevölkerung ebenso unbehelligt wie deren kriegstreibende politische und militärische Clique.

Politische Gefangene waren schon am 20. Oktober 1918 freigelassen worden – unter ihnen Karl Liebknecht, nicht aber Rosa Luxemburg. Ihre Freilassung aus dem Gefängnis in Breslau wurde ihr am 8. November 1918 mitgeteilt, erst spät abends.  Als Mathilde Jacob am 9. November davon erfuhr, verliess sie kaum mehr die Wohnung, um keine direkte Nachricht zu verpassen. Sie hörte von Leo Jogiches, dass Rosa an jenem ersten freien Abend mit Parteifreunden durch die Strassen Breslaus zog, wo die Nationale Revolution ausgerufen wurde und wo sie eine erste öffentliche Rede hielt. Am 10. November 1918 traf sie in Berlin im Schlesischen Bahnhof ein. Mathilde, die sie an einem der anderen Bahnhöfe erwartet hatte, hielt später fest: „In einem durch den Rücktransport der Truppen völlig überfüllten Zug, eingeengt zwischen Gepäcksstücken und Reisenden, hatte sie, auf einem Koffer sitzend, die Heimreise angetreten. Der Zug lief in den Schlesischen Bahnhof ein, und Rosa Luxemburg stand ein Weilchen verwirrt neben ihrem Gepäck, bis sie auf den Gedanken kam, mit meiner Mutter zu telefonieren. Die gab ihr den Rat, zu uns zu kommen, da ich mich sicher melden würde. Das tat ich auch und eilte heim, um die lang entbehrte Gefangene zu den Freunden zu begleiten“[61] resp. zu Leo Jogiches, Paul Levi, Karl Liebknecht und Ernst Meyer[62], die sie auf der Redaktion des Berliner Lokal-Anzeigers erwarteten, wo sofort eine Abendausgabe der Roten Fahne fertig gestellt und eine für den nächsten Tag geplante Morgenausgabe geplant wurde.  Die Schwierigkeiten mit dem Verlagsbesitzer verunmöglichten diese, und so musste für die technische Arbeit der Herausgabe sofort eine andere Redaktion gefunden werden. Es gelang mit dem Aufkauf des Berliner Kleinen Journals am 18. November 1918, womit Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht die Chefredaktion der Roten Fahne übernahmen. Das bedeutete tägliche Leitartikel, landesweite Informationen und zahllose kleinere, wichtigeArtikel, Zusammenarbeit mit den Setzern etc., gleichzeitig die Teilnahme an drei bis vier Versammlungen in Betrieben und auf öffentlichen Plätzen mit Reden, Gesprächen mit der Arbeiterschaft und politischer Planung, eine pausenlose, bis spät in die Nacht sich fortsetzende Tätigkeit von höchster Konzentration.

Mathilde beobachtete mit grosser Sorge Rosas Kräfteverschleiss, gleichzeitig die wachsende, allgemeine Hetze gegen die Spartakisten und die Rote Fahne. Wo war die Freundin noch in Sicherheit? Im Hotel Exzelsior, wo sie seit der Rückkehr aus Breslau ihre Unterkunft hatte, war keine Bleibe möglich, so dass sie immer wieder in einem anderen Hotel die Nacht verbringen musste, oft unter einem falschen Namen. „Dieser Hetzjagd müde, ging Rosa Luxemburg Ende Dezember (1918) in ihre Wohnung.  Ich schlief bei ihr. Nachts zwischen 12 und 1 Uhr holte ich sie nach vorheriger telefonischer Verständigung von der Bahn ab. Müde ass sie dann eine Kleinigkeit zu Nacht und ging schlafen. Wie ein Kind streckte sie sich im Bett zufrieden aus und sagte: ‚Ich werde sehr gut schlafen, ich habe alles geschafft, was ich mir vorgenommen hatte. Ich bin zufrieden.“[63]

Auch für die Rote Fahne sollte Mathilde für Rosa wieder als persönliche Sekretärin arbeiten, doch sie geriet in einen zunehmenden Zwiespalt, der an ihr zerrte. Einerseits habe sie nichts mehr gewünscht als die nahe Verbindung und Zusammenarbeit mit Rosa, andererseits sei sie plötzlich, wie sie festhielt, ihren „wechselnden Stimmungen nicht mehr mit gleichem Verständnis ergeben gewesen. Tausend Kleinigkeiten zerrten an mir herum.“[64] Sie habe in der Folge mehr Zeit für Leo Jogiches aufgewendet, habe sich aber deswegen Vorwürfe gemacht. Eines Abends habe sie am Südende lange vergeblich auf  Rosa Luxemburg gewartet. Paul Levi habe ihr mitteilen lassen, sie solle auf die Redaktion kommen, bei der herrschenden Pogromstimmung sei es nicht zu verantworten, dass Rosa in ihrer Wohnung übernachte. Sie sei so schnell wie möglich zum Potsdamer Platz gelangt, doch Rosa habe nur den Kopf geschüttelt und gefragt, wie sie dazu komme, so zu laufen. Als sie ihr antwortete, sie habe Angst um sie, es sei nicht vorhersehbar, wie alles werde,  habe sie gesagt: „Wenn es gefährlich zu werden droht, so verreisen wir beide in den nächsten Tagen.“[65] Doch daraus sei nichts geworden. Sie hätten weiter von morgens um 9 Uhr bis nachts um 12 gearbeitet. Eines Nachts seien sie kurz vor Mitternacht unterwegs zur Bahn gewesen. Vor Müdigkeit habe Rosa kaum sprechen können,  doch plötzlich habe sie gesagt: „Kannst du mir sagen, weshalb ich stets so lebe, wie ich nicht die geringste Neigung habe? Ich möchte malen und auf einem Fleckchen Erde leben, wo ich Tiere füttern und lieb haben kann.  Ebenso möchte ich Naturwissenschaften studieren, aber vor allem friedlich für mich allein leben können, nicht in dieser ewigen Hetzjagd.“[66]

Rosa Luxemburg wie auch Karl Liebknecht waren aufs schwerste gefährdet. Nacht für Nacht musste für sie ein anderes Versteck gefunden werden, und wo immer sie untergebracht waren, fürchteten die Gastgeber um ihre eigene Sicherheit. Mathilde Jacob forderte, dass  die beiden unterschiedliche Schutzorte bräuchten, doch Liebknecht wollte davon nichts wissen. Schliesslich teilte Mathilde Rosa mit, was sie unterwegs erfahren hatte, dass Wolfgang Fernbach, ein Redakteur des Vorwärts, erschossen worden sei[67]. Das war am 11. Januar 1919. Die Mitteilung löste grösste Bestürzung aus.  Mathilde hielt in ihren Aufzeichnungen fest, Rosa habe leise geweint und habe gesagt, dass sie tatsächlich in der kommenden Nacht nicht mehr am selben Ort gefunden werden könne. Sie würde es allmählich vorziehen, wieder in einer Zelle im Gefängnis eingemauert zu sein.

In jener Nacht blieb Mathilde bei ihr. Sie habe den dringlichen Wunsch gespürt, sich bei ihr zu entschuldigen. „Ich muss dir sagen, Rosa, ich komme sonst innerlich nicht zur Ruhe. Ich war stets im Unrecht, wenn ich mich durch dich verletzt fühlte (…)“[68]. Nun habe Rosa ein wenig gelacht und sie beruhigt. Sie hätten einander umarmt und sie habe  Rosa zugeflüstert, sie würde sie am nächsten Tag wieder sehen, es sei nun alles in Ordnung, sie fühle sich glücklich.

Doch es war das letzte Mal, dass Mathilde und Rosa einander sahen.

Als Mathilde am nächsten Morgen zur Redaktion der Roten Fahne gehen wollte, wurde sie von Regierungssoldaten, die das Gebäude umstellt hatten, verhaftet und zur Garde-Kavallerie-Schützen-Division abgeführt. Bevor sie verhört wurde, gelang es ihr, die Briefe von Rosa Luxemburg und von Karl Liebknecht zu vernichten, die diese in der Nacht geschrieben und ihr für Frau Fernbach mitgegeben hatten. Sie wurde in einen kleinen Raum gesperrt, in welchen ständig Soldaten kamen, die sie anstarrten, da ein Gerücht herumgegangen war, Rosa Luxemburg sei gefangen genommen worden. Darauf wurde sie von diesen in ihre Wohnung abgeführt. Dort wartete Paul Levi auf sie,  um ihr Briefe diktieren zu können. Beide wurden ins Moabiter-Gefängnis transportiert. Diese Gefangennahme habe Levi das Leben gerettet, hielt sie fest, er habe es mehrmals versichert. Nach einigen Tagen sei ein junger Anwalt vor ihr erschienen, den sie gefragt habe, was „draussen“ geschehe. Dieser habe geantwortet: „Nichts Neues. Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht sind ermordet worden. Nun ist wieder Ruhe eingetreten.“

Mit Entsetzen habe sie den jungen Mann angestarrt und nur schluchzen können. Hatte ihre Verhaftung Rosas Tod ausgelöst? Diese hatte einmal erwähnt, jede Verhaftung sei Folge einer Unvorsichtigkeit. Am 24. Januar 1919 wurde sie gleichzeitig mit Paul Levi aus dem Gefängnis entlassen, einen Tag später erlebte sie auf dem Friedhof von Friedrichsfelde die Beisetzung von Karl Liebknecht und 29 weiteren Opfern, unter diesen auch Wolfgang Fernbach. Leo Jogiches begleitete sie, beide waren verzweifelt. Die brutale Ermordung Rosa Luxemburgs, deren verstümmelter Körper, wie Mathilde allmählich erfuhr, von Soldaten auf  Befehl der Offiziere in den Landwehrkanal geworfen worden war, liess keine Beisetzung und keine Trauer zu, nur Entsetzen.

Um die innere Verbindung mit Rosa nicht zu verlieren, arbeitete Mathilde  ab nun täglich für Leo Jogiches. Aufs dringlichste erschien ihm, den Mord an Rosa – und an Karl Liebknecht – aufzuklären und die Täter anzuklagen, andererseits lastete auch die Fortsetzung der KPD und der Roten Fahne auf ihm, die Fortsetzung des Anliegens und des Engagements der beiden. Eines Abends, als Mathilde mit ihm auf dem Weg zum Potsdamer Vorortbahnhof war, sagte er  „Mathilde, ich habe meine Mutter zärtlich geliebt, und ich habe lange Zeit gelitten, nachdem sie mir frühzeitig durch den Tod entrissen worden war. Aber ich fand mich mit meinem Schicksal ab. Über Rosas Verlust werde ich niemals hinwegkommen.“[69] Er erklärte auch, dass er sich nicht vorstellen könne, in Rosas Wohnung im Südende zurückzukehren, als Clara Zetkin[70], eine von Rosas nächst stehendsten politischen Freundinnen, Anfang März 1919 eine Unterkunft brauchte und sich bei Mathilde erkundigte, ob ihr in Rosas Wohnung  ein Platz zur Verfügung gestellt werden könnte. Sie war anlässlich des Parteitags der USPD von Stuttgart nach Berlin gekommen, um aus dieser auszutreten und der KPD beizutreten. Mathilde bereitete für Clara Zetkin die Schlafgelegenheit und ein Abendessen zu, und erlebte mit Staunen, dass im Lauf des Abends Leo Jogiches anrief und fragte, ob auch er am Abendessen teilnehmen dürfe, er habe sich alles nochmals überlegt. In seiner Verzweiflung war die Kraft der Freundschaft, die Mathilde im Gedenken an Rosa ihm gegenüber bekundete, zum tragenden Halt geworden. Er sagte, es sei schön, in der Wohnung zu sein, als ob Rosa jeden Augenblick erscheinen würde, und er beauftragte Mathilde, beim Vermieter die Fortsetzung des Mietvertrags zu verlangen. Als sie ihn spät abends wieder zum Bahnhof zurück begleitete – vermutlich am Samstag, 6. März 1919, bat sie ihn aufs dringlichste, nicht mehr in seine Wohnung zurückzukehren, sondern zu verreisen und sich einen Schutzort zu ermöglichen. Er winkte ab und sagte, er könne nicht verreisen. Er habe in seinem Leben stets nach seinem Kopf gehandelt und werde dies weiter tun.

Am Montag, 18. März, reiste Clara Zetkin nach Stuttgart zurück. Mathilde Jacob, die sie zur Bahn begleitet hatte, wollte auf dem Rückweg vom Bahnhof  sich im Moabiter Kriminalgebäude nach einer Genossin erkundigen, von deren Gefangennahme sie erfahren hatte, doch sie fühlte sich zu müde und ging am Dienstagmorgen dorthin. In der Wandelhalle stiess sie auf den Anwalt Kurt Rosenfeld[71], der zu den Mitbegründern der USPD und zu den Freunden von Rosa Luxemburg wie von Leo Jogiches gehörte. Er nahm Mathilde  in einen der Anwaltsräume mit und sagte, er müsse ihr etwas mitteilen, leider nichts Gutes. Sie vermutete gleich, Leo Jogiches sei verhaftet worden, doch Rosenfeld antwortete, es sei viel schlimmer. Er zeigte ihr die Vossische Zeitung, in der in einer knappen Notiz stand, Leo Jogiches sei ermordet worden. Sie war vor Entsetzen sprachlos, wollte es nicht glauben. In dem Moment kam Theodor Liebknecht[72] in den Raum, der Bruder von Kurt Liebknecht, auch er ein Anwalt, und sie bat ihn, sie in die Hannoversche Strasse ins Leichenhaus zu begleiten. Der Türhüter forderte Mathilde Jacob jedoch auf, draussen zu warten, sie würde den Anblick nicht ertragen. So musste sie sich von Theodor Liebknecht den Tod von Leo Jogiches bestätigen lassen. Er begleitete sie auch bei der Vorbereitung der Beisetzung.

Leo Jogiches hatte Aussagen von Zeugen gesammelt und diese gleichzeitig mit einem Dokument veröffentlichte, „das wie ein Brandmahl wirkte“, wie Paul Frölich festhielt. Es war „das photographische Bild vom Gelage der Mörder nach der Tat. Er unterzeichnete dadurch sein eigenes Todesurteil.“[73] Tatsächlich war er am 10. März 1919 verhaftet und im Gefängnis des Polizeipräsidiums vom Kriminalbeamten  Ernst Tamschik „auf der Flucht erschossen“, d.h. ermordet. Wichtig erschien Mathile, Käthe Kollwitz[74] erreichen zu können und sie zu bitten, ein Totenbild von ihm zu zeichnen, so wie sie es von Karl Liebknecht gemacht hatte. Sie willigte sofort ein. Es entstanden zwei eindrückliche Kreidezeichnungen.

Die Verantwortung für die KPD und für die Rote Fahne  übernahm darauf Paul Levi, der als Anwalt stets Rosa Luxemburg und Leo Jogiches freundschaftlich beigestanden hatte. Da sich in Berlin die Pogromstimmung fortsetzte, wurden Redaktion und Druck zuerst nach Hanau verlegt, dann nach Leipzig, als in ganz Hessen der Belagerungszustand erklärt wurde. Da Mathilde Jacobs Arbeit dringend benötigt wurde, war auch sie nach Leipzig gezogen, wo sie unangemeldet gegenüber dem Gebäude der Leipziger Volkszeitung in einer Wohnung untertauchen konnte.  Doch nach Ende der Frühjahrmesse wurde auch über Sachsen der Ausnahmezustand erklärt. Die reaktionäre Konterrevolution nahm auch hier mit Gewalt überhand. Sie hielt in ihren Erinnerungen fest, dass sie am 11. Mai 1919 am frühen Morgen durch Lärm und Pferdegetrappel erwacht sei und durchs Fenster festgestellt habe, dass das Haus der Leipziger Volkszeitung von Soldaten besetzt war. Zum Glück sei in Vorahnung der politischen Entwicklung alles wichtige Material rechtzeitig fortgeschafft worden, wieder nach Berlin. Die Druckerei der Roten Fahne in Leipzig sei völlig demoliert worden.

Nach einigen Tagen des Abwartens reiste auch Mathilde zurück nach Berlin, allerdings nicht in ihre Wohnung. Die Verfolgung von Mitgliedern der revolutionären Arbeiterbewegung ging in Berlin aufs brutalste weiter. Illegal unterzutauchen war sicherer. Da kam ihr in mehreren Zeitungen die Meldung entgegen, Rosa Luxemburgs Leichnam sei im Landwehrkanal gesichtet worden. Irgendwo hiess es auch, dieser sei nach Zossen – im Süden Berlins – verschleppt worden, auf  Befehl von Gustav Noske[75], des für Heer und Marine zuständigen SPD-Reichsministers, der im Schutz von Reichspräsident  Friedrich Ebert[76] auch den brutalen Einsatz der Freikorps und –  unter der Führung von Waldemar Pabst[77], dem Ersten Generalstabsoffizier der Garde-Kavallerie-Schützen-Division – die Tötung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht sowie überhaupt die Vernichtung des Spartakusbundes veranlasst hatte. Waren es Gerüchte? War es wahr? Wollte Noske den toten Körper unauffällig begraben lassen?

Für Mathilde gab es nichts Dringlicheres, als Klarheit über die Todesursache ihrer Freundin zu beschaffen und ihr ein würdiges Begräbnis zu ermöglichen. Offenbar lag ein Obduktionsbericht vor, den die Garde-Kavallerie-(Schützen)-Division in Auftrag gegeben hatte, doch um einen glaubwürdigen Bericht zu erhalten, bedurfte es eines verlässlichen Arztes, der diesen überprüfte. Zwei Ärzten, die Mathilde als vertrauenswürdig angesehen und angefragt hatte,  fürchteten sich vor der Aufgabe und lehnten sie ab. Ein dritter versprach hoch und heilig, am nächsten Tag die Obduktion vorzunehmen, doch er fuhr nicht nach Zossen. So wandte sich Mathilde an Maxim Zetkin[78], Clara Zetkins älteren Sohn, der im Schöneberger Krankenhaus als Hilfsarzt arbeitete. Dieser nahm es auf sich, sich ins Hotel Eden zu begeben, ins berüchtigte Quartier der Division. Es wurden ihm Fotografien des Leichnams und einzelne Sachen, die der Toten abgenommen worden waren, zur Identifikation vorgelegt, doch er hatte Rosa Luxemburg persönlich zu wenig genau gekannt – im Gegensatz zu seinem jüngeren Bruder Kostja[79], der während etwa sieben Jahren (1908 – 1915) eine Liebesbeziehung mit ihr gehabt hatte – und so schlug er den Offizieren vor, dass Mathilde Jacob zur Rekognoszierung beigezogen werden sollte. Für sie gab es keinen Zweifel: die vorgelegten Handschuhe hatte sie selber für Rosa gekauft, auch das Stück Samt war Teil eines Kleids, das diese oft getragen hatte. Als sie nach der Freigabe des Leichnams fragte, wurde ihr ein Schein ausgehändigt mit der spöttischen Bemerkung, die Militärbehörde  beharre nicht auf der Toten, doch es werde bezweifelt, dass Herr Noske die Freigabe bestätige.

Nun war für Mathilde klar, dass sie sich beeilen musste. Paul Levi, dem sie die Fotografien der toten Rosa und den Schein vorlegte, bestätigte ihr, sie solle nicht warten, sondern mit dem Schein in der Hand nach Zossen fahren und Rosa ins Leichenschauhaus in Berlin überführen lassen. Das tat sie am nächsten Tag, wieder von Maxim Zetkin begleitet, der als Todesursache die Verletzungen durch Kolbenschläge und durch Erschiessen bestätigte, darauf aber wieder ins Krankenhaus zurückkehren musste. Die Verwesung war so weit fortgeschritten, dass keine Waschung mehr möglich war. So wurde Rosa mit einem Laken zugedeckt und auf ein Kissen gelegt, darauf mit dem Leichenauto nach Berlin gefahren, in Begleitung von  Mathilde, die neben dem Fahrer sass. „Der Weg ging durch das im Frühlingsschmuck prangende Lichtenrade, an Wäldern und Wiesen vorbei, wo Rosa Luxemburg frohe Stunden verbracht hatte. Auch durchs Südende fuhr der Wagen und in Berlin an der Redaktion der Roten Fahne vorbei, Rosa Luxemburgs letzter Wirkungsstätte.“[80]

Wie die Ermordung erfolgt war, darüber finden sich in den Aufzeichnungen Mathilde Jacobs keine Hinweise. Es ist Paul Frölich, der in seiner ausführlichen Biografie festhalten konnte, was er an Dokumentation zusammengetragen hatte, zum Teil an Hand von Jogiches‘ Aufzeichnungen:

„Eine Unzahl besoldeter Spitzel hatte sich zur Überwachung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht in Bewegung gesetzt, war doch auf deren Gefangennahme oder Tötung eine Kopfprämie von 100 000 Mark versprochen worden. Dahinter stand der mit der sozialdemokratischen Berliner Stadtregierung eng verbandelte bürgerlich-konservative, militärisch und finanzpolitische Machtapparat, der die Hetze gegen die streikenden Matrosen und Arbeiter und die Mitglieder der Kommunistischen Partei, deren Verfolgung und standrechtliche Tötung als Befreiung Berlins von den Arbeiterräten,  den Mitgliedern und leitenden Köpfen der Spartakisten als den Urhebern des „Bürgerkriegs“ legitimierte und  auf brutale Weise vorantrieb. Nach der Gefangennahme von Leo Jogiches und der Tötung nächster, wichtiger Verbündeter wurde die Schlinge um Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht immer enger.

Den beiden war am 13. Januar 1919 von Freunden in Wilmersdorf, im westlichen Teil von Berlin,  an der Mannheimer Strasse 15, eine Unterkunft angeboten worden, die Schutz bieten sollte. Doch die Wilmersdorfer Bürgerwehr hatte durch Spitzel davon Kenntnis. Am 15. Januar, gegen 21 Uhr, drang eine uniformierte Truppe in das Haus ein. Wilhelm Pieck[81], der als Soldat gegen den Krieg rebelliert hatte und vor Kriegsgericht gestellt worden war, jedoch untertauchen konnte und Mitglied des Spartakusbundes und der Kommunistischen Partei wurde, befand sich mit Rosa Luxemburg und  Karl Liebknecht im Gespräch. Alle drei wurden verhaftet und abgeführt, Karl Liebknecht erst ins Hauptquartier des Bürgerrats, dann ins Hotel Eden, dem Quartier der Garde-Kavallerie-(Schützen)-Division, Rosa und Pieck gleich hinterher.

„Im Edenhotel war unter der dem Kommando von Hauptmann (Waldemar) Pabst die Ermordung Karls und Rosas beschlossen und organisiert worden. Als Liebknecht ankam, erhielt er zwei Kolbenschläge auf den Kopf. Verbandzeug wurde ihm verweigert. Rosa Luxemburg und Pieck wurden mit wildem Geschrei und widerlichen Beschimpfungen empfangen. Während Pieck in einem Winkel im Korridor unter Bewachung blieb (er konnte entkommen), wurden Rosa und Karl zu Hauptmann Pabst zur ‚Vernehmung‘ geschleppt. Kurz darauf führte man Liebknecht ab. Beim Verlassen des Hauses schlug ihn der Jäger Runge durch Kolbenhiebe nieder. Dann wurde er in ein Auto geschleift, das der Kapitänleutnant Horst von Pflugk-Harttung, der Hauptmann Heinz von Pflugk-Harttung, die Leutnants Liepmann, von Ritgen, Stiege, Schultz und der Jäger Friedrich bestiegen, die alle zum Stabe Pabsts gehörten. Sie hatten den Scheinbefehl, den Verhafteten ins Untersuchungsgefängnis Moabit zu überführen. Am Neuen See im Tiergarten, an einer wenig beleuchteten Stelle, hatte das Auto angeblich eine Panne. Der halb ohnmächtige Liebknecht wurde aus dem Auto gerissen und unter Bedeckung von sechs Mann, alle mit entsicherten Pistolen und Handgranaten bewaffnet, einige Schritte weitergeführt. Nach wenigen Minuten wurde er, angeblich weil er einen Fluchtversuch machte, erschossen, d.h. ermordet. Das Auto war danach wieder fahrbereit, die Leiche wurde zur Rettungswache gebracht und als die Leiche eines „Unbekannten“ eingeliefert.

Kurze Zeit danach wurde Rosa Luxemburg durch den Oberleutnant Vogel aus dem Hotel geführt. Vor dem  Tor erwartete sie Runge, der von den Oberleutnants Vogel und Pflugk-Harttung den Befehl erhalten hatte, Rosa Luxemburg niederzuschlagen. Er zerschmetterte ihr mit zwei Kolbenhieben den Schädel. Die fast Leblose wurde auf ein Auto geworfen. Einige Offiziere sprangen auf. Einer schlug Rosa mit einem Kolben auf den Kopf. Der Oberleutnant Vogel tötete sie durch einen Schuss ins Gehirn.  Der tote Körper wurde nach dem Tiergarten gefahren und dort, auf Befehl Vogels, von der Lichtensteinbrücke in den Landwehrkanal geworfen.“[82]

Der Beisetzung Rosa Luxemburgs am 13. Juni 1919 im Zentralfriedhof Friedrichsfelde war ein unendlich erscheinender Trauerzug vorausgegangen, von Matrosen und feldgrau gekleideten Soldaten, Arbeitern und Arbeiterinnen, von unzählbar vielen Menschen in grosser Betroffenheit und Trauer. Ausgewählte Arbeiter hatten den verlöteten Sarg auf einen offenen Wagen getragen, der mit Kränzen und Blumen bedeckt wurde. An Mathilde  Seite war Clara Zetkin, die gekommen war, um am Grab der Freundin Abschiedsworte zu sprechen, die für alle gelten, in grösster Ergriffenheit.

Für Mathilde Jacob wurde die Trauer um die getötete Freundin und um deren getötete Freunde zur Verpflichtung, deren Überzeugung fortzusetzen und weiter umzusetzen. Die Freundschaft setzte sie fort, indem sie in Kontakt mit den wenigen blieb, die aus Rosas Kreis überleben konnten. So blieb sie die nahe Mitarbeiterin Paul Levi’s bei der Leitung der KPD, die dieser – vermutlich in anwaltschaftlicher Verpflichtung gegenüber Rosa – im Sinne der bei der Gründung von ihr vermittelten Überzeugung fortsetzte, dass die deutsche Arbeiterschaft  in Hinblick auf die gerechte Partizipation am Gewinn der Arbeit auch über Arbeiterräte zur Selbstbestimmung hinsichtlich der Eigentumsverteilung berechtigt sein sollte, jedoch ohne Einbindung oder Unterwerfung unter das seit der Oktoberrevolution 1917 in Russland geltende Machtkonzept der „Bolschewiki“ (jenes der „Mehrheitler“) und dessen Umsetzung durch ein bedingungsloses, starres Kadersystem auch mittels bedenkenloser Gewalt. In Deutschland war die politische Situation der linken Parteien, der USPD wie der KPD, nach der konterrevolutionären Erdrosselung des Spartakusbundes und seiner Mitglieder hoch komplex. Es gab innerparteiliche Abspaltungen, Verbindungen  und Neugründungen, die 1921 dazu führten, dass  Paul Levi von der KPD ausgeschlossen wurde, auch unter Lenins[83] Einfluss in der Komintern-Führung, obwohl – möglicherweise weil – er von diesem als deren wichtigster Denker gesehen wurde. Von der KPD ausgeschlossen wurde auch Mathilde Jacob. Wie Levi trat auch sie wieder dem linken Flügel der SPD bei. Sie blieb seine Sekretärin, auch als er Rosa Luxemburgs bedeutenden Aufsatz  Die russische Revolution[84] publizierte, die sie im Gefängnis 1917/1918 verfasst hatte, auch bei der Herausgabe seiner Zeitschriften Unser Weg und Sozialistische Politik und Wirtschaft, bei der Niederschrift seiner bedeutenden kritischen Artikel und grösseren Werke, ebenso bei dem von ihm angestrebten Revisionsprozess in Zusammenhang der Ermordung von Rosa Luxemburgs und Karl Liebknechts.

Anfang Februar 1930 erkrankte Paul Levi an einer Lungenentzündung und starb auf unerklärte Weise am 9. Februar 1930 infolge eines Sturzes aus seiner Dachwohnung in Berlin. Für Mathilde Jacob muss sein Tod ein schwer belastender Schock gewesen sein. Sie behielt ihr kleines Schreibbüro bei und schützte weiter Rosas Schriften, mit grösster Vorsicht, da der seit 1919 anwachsende nationalsozialistische Terror ab 1933 mit voller gesetzlicher Legitimation umgesetzt wurde. Ihre Bemühungen, selber aus Deutschland auszureisen – u. a.  indem sie Kontakt mit einer Schwester von Paul Levi in den USA aufnahm – blieben erfolglos. Wenigsten konnte sie, wie schon erwähnt wurde, 1939 rechtzeitig vor Kriegsausbruch Rosas Schriften in sichere Hände geben. Sie selber wurde am 28. Juli 1942 in Zusammenhang des „30. Altentransports“ mit 102 weiteren Frauen und Männern aus dem Jüdischen Altersheim Berlin nach Theresienstadt deportiert. Bestätigt ist, dass Mathilde Jacob  um 14. April 1943 umgekommen ist.

 

Hannah Arendt und Mary McCarthy

„Und vieles                                                                                                                                                    wie auf den Schultern eine                                                                                                                                               Last von Scheiten ist                                                                                                                                           zu behalten.“[85]

Hölderlins Gedichtzeilen, die Hannah Arendt[86] in ihren Aufzeichnungen immer wieder erwähnte, beinhalteten für sie eine Zustimmung zur vergangenen Geschichte, insofern sie mehr wie die nicht lösbare „Last von Scheiten“  bedeutet, nämlich ein Angebot an Vorbildhaftigkeit in der Kunst zu leben. So wirkte sich vermutlich auch die Kraft der Freundschaft aus, die Rosa Luxemburg alle Menschen spüren liess, mit denen sie in den schwierigen Jahren des Kriegs, der Gefangenschaft und des geistigen sowie öffentlichen Kampfs um die Umsetzung ihrer gesellschaftlichen Zielsetzungen – Veränderung der Machtverhältnisse zu Gunsten der Entrechteten und Ausgebeuteten  – in naher Verbindung stand.

Hannah Arendts Verbindung zur ermordeten Denkerin beruhte in erster Linie auf dem Schock, den Martha Arendt, ihre Mutter, sie anlässlich der gewaltbesetzten Januarereignisse von 1919 spüren liess. Schon damals stellte sich die Frage, ob fliehen oder auszuharren die richtige Entscheidung war. Hannah war damals 12 Jahre alt. Die indirekte Erfahrung der Geschichte, die in ihr haften blieb, wurde durch Kurt Rosenfeld bestätigt, der als Anwalt zum Freundeskreis von Rosa gehört hatte und den Hannah im jüdischen Emigrantenkreis in Paris wie später auch in New York wieder traf. Am stärksten jedoch wurde ihr diese durch Heinrich Blücher[87] vermittelt, ihren zweiten Ehemann. Dieser war in armen Arbeiterverhältnissen in Berlin aufgewachsen, allein mit seiner Mutter, die als Wäscherin zu überleben gesucht hatte, und war 1918, als er als Funker in die deutsche Armee eingezogen worden war,  Mitglied des Soldatenrates, dann des Spartakusbundes geworden. So hatte er  die Novemberrevolution in Berlin wie auch die durch breiteste Aufhetzung und Gewalt, Gefangennahmen und Erschiessungen umgesetzte Konterrevolution persönlich erlebt. Nach der Ermordung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht, wenig später von Leo Jogiches, hatte er sich der antistalinistischen Kommunistischen Partei-Opposition angeschlossen, war 1933 nach Prag, 1935 nach Paris geflohen und1936 aus der KPD ausgeschlossen worden. In seiner oppositionellen, machtkritischen Haltung  war er jedoch gegenüber dem Nationalsozialismus wie gegenüber dem Stalinismus aktiv geblieben. In diesem Zusammenhang trafen er und Hannah Arendt in Paris zusammen und wurden zum Paar, dem es gelang, sich rechtzeitig aus den offiziell noch bestehenden, aber nicht mehr gelebten Ehen scheiden zu lassen[88] und zu heiraten, sich aus unterschiedlichen Inhaftierungen durch die Vichy-Polizei zu befreien, im Januar 1941 gemeinsam über Lissabon aus Europa zu fliehen und in die USA zu gelangen. Dass er Mitglied der KPD gewesen war, konnte Blücher bei der offiziellen Befragung verschweigen, so dass nicht nur Hannah Arendt als jüdischem Flüchtling Asyl zugestanden wurde, sondern auch ihm. Gemeinsam und trotzdem auf je eigene Weise konnten beide ein bedeutendes Werk entstehen lassen, das vom Einfluss des und der Anderen geprägt war.[89]  Die erste grosse Publikation, die unter Hannah Arendts Namen 1955 in New York erschien – The Origins of Totalitarism[90] -, war Heinrich Blücher gewidmet, ohne dessen umfassendes politikgeschichtliches und –theoretisches Wissen, das er bedingungslos beisteuerte, das Buch nicht zustande gekommen wäre.

Beide hatten ein Netz an Freundschaft aus Europa in die USA mitgetragen, Hannah Arendt insbesondere die jüdischen Intellektuellen, die u. a. Verlage gründeten (so den Verlag Schocken Books, bei dem Hannah als Lektorin die Werke von Franz Kafka, Walter Benjamin, Bernard Lazare  u.a.m. für die Herausgabe betreute, wobei sie gleichzeitig seit 1944 eine volle Stelle als Forschungsleierin der Commission on European Jewish Cultural Reconstrucion inne hatte), oder Zeitungen oder Zeitschriften herausgaben (u. a. den seit 1934 in New York angesiedelten deutschsprachigen  Aufbau) und damit Möglichkeiten zu publizieren anboten, während es für Heinrich Blücher kommunistische Genossen und Genossinnen waren, die im Widerstand  sowohl gegen die deutschen rechtsextremen Schergen der Freikorps wie gegen den anwachsenden Stalinismus zu Freunden geworden waren und die einander bei der Flucht und beim Überleben unterstützten.

Gleichzeitig entstanden in Amerika neue Freundschaften. Für Hannah bewirkte die Begegnung mit der sechs Jahre jüngeren Schriftstellerin und Literaturkritikerin Mary McCarthy[91] eine Öffnung hinsichtlich der amerikanischen gesellschaftlichen und politischen Verknüpfungen mit den europäischen, gleichzeitig für beide eine genauere Unterscheidung der zeitgeschichtlichen Besonderheiten der zwei Kontinente sowie einen sehr nahen Austausch der je persönlichen Erfahrungen im Guten wie im Belastenden. Über 26 Jahre Lebenszeit – bis zum Tod Hannah Arendts und über diesen hinaus – war es eine nahe und liebevolle Verbindung und Begleitung.

Die zwei Frauen waren 1944 einander eher zufällig in einer Bar in Manhatten begegnet und waren im Gesprächsaustausch gegen einander geraten, doch nach einer ersten Phase der Distanz wurde das selber verursachte Missverständnis mit Leichtigkeit gelöst und es begann eine sich schnell vertiefende Beziehung. Ab dem 10. März 1949 bis zum 12. November 1975 liegt eine Fülle von Briefen vor, in denen die zwei Frauen in grösster Offenheit einander berichteten, was sie an Begegnungen und Gesprächen, Gefühlen und Überlegungen, Lektüren und Schreibprojekten, Schwierigkeiten und Erfolgen im privaten und im öffentlichen resp. politischen  Leben erlebt haben[92], wobei Hannah mit ihrer sich vertiefenden Beziehung zu Heinrich Blücher für Mary mit deren wechselnden Liebesgeschichten, Scheidungsproblemen  und der schliesslich mit James (Jim) West neu geschlossenen Ehe eine oft vermittelnde, beinah mütterliche Präsenz bedeutete, während Mary mit ihrer unbefangenen Offenheit keinen Selbstschutz benötigte noch die unbefangene Kritik an Hannahs eher unbesonnener, selten überarbeiteter  Sprache scheute, insbesondere in den auf Englisch verfassten Texten. Ohne Bedenken akzeptierten beide wechselseitig die Besonderheit der anderen.  Was sie vereinte, war eine grossbürgerliche Kindheitsprägung ohne materielle Noterfahrungen, die bei Hannah im sechsten Altersjahr mit dem Verlust sowohl des Vaters wie des väterlichen Grossvaters, bei Mary im gleichen Alter mit dem Verlust beider Elternteile ein schwer zu verarbeitendes Trauma bewirkte. Das Bedürfnis beider nach einer Ehe mit einer starken männlichen, sowohl geistig wie gesellschaftlich sie begleitenden Persönlichkeit mag aus diesen frühen Verlusterfahrungen gewachsen sein.

Was Hannah und Mary ebenfalls vereinte, war eine offene und kritische, sowohl wissenshungrige  wie urteilsbewusste Grundhaltung in vielfacher Hinsicht. Diese galt auf unterstützende Weise gegenüber allem, was beide publizierten, ob in Zeitschriften oder in Büchern. Hannahs erster  Brief an Mary vom 10. März 1949  war Ausdruck des Vergnügens nach der Lektüre deren jüngsten Romans The Oasis, der von ihr als weit bedeutender bewertet wurde als der vorangegangene  The Company she keeps. Er sei nicht nur besser, sondern „von ganz anderem Niveau“, ein „echtes kleines Meisterwerk“[93]. Und im ersten Brief Mary’s an Hannah, der erhalten blieb – vom 16. April 1951  – ging diese ausführlich auf ihre Lektüre von The Origins of Totalitarism ein, voller Lob und Bewunderung. „In den letzten zwei Wochen war ich ganz versunken in Dein Buch, habe es in der Badewanne, im Auto, in der Schlange im Lebensmittelgeschäft gelesen. Ich halte es für eine wahrhaft aussergewöhnliche Arbeit, für einen Fortschritt des menschlichen Denkens mindestens eines Jahrzehnts, und zugleich ist es fesselnd und faszinierend wie ein Roman. Es bringt fast auf jeder Seite etwas Neues, das man auf Grund des Vorhergegangenen nicht erwartet hätte, was man dann aber als absolut schlüssig und von der Grundidee her bereits angelegt erkennt. (…) Meine Bemerkungen beim Essen über den Stil (die grösstenteils aus zweiter Hand stammten) nehme ich ganz und gar zurück. Es gibt einige sprachliche Barbarismen, wie die Verwendung von ignore im Sinn von be ignorant of, die nicht folgenschwer sind, aber in einer Neuauflage berichtigt werden müssen. Einen grösseren Einwand habe ich jedoch: Im schieren Eifer, die Wirkungsweise der totalen Herrschaft zu erklären, unterstellst du, diese entspringe dem Plan bestimmter Fanatiker, andere ihres Realitätssinnes zu berauben. Damit unterschlägst Du in meinen Augen das Element des Zufalls in der Entstehung dieses ganzen Phänomens, die Tatsache nämlich, dass diese Bewegungen gewisse Züge ohne spezielles Kalkül einfach deshalb angenommen haben, weil sie sich bewährten. Mit anderen Worten, du legst manchmal nahe, dass es Gesetze politischer Führung gäbe – ähnlich den Gesetzen der Ästhetik -, zu denen die Nazis und Stalin besonderen Zugang hatten, dass sie den Geist ihrer Zeit verstanden und gedeutet haben wie ein grosser maître, das heisst, dass sie die platonischen Schattenbilder von etwas bereits Existierendem sind. Das mag zwar durchaus zutreffen, und sicherlich gewinnt man oft diesen Eindruck. Aber im Text ist es nicht wirklich nachgewiesen, denn an anderen Stellen scheinst Du die Gegenposition zu vertreten: dass nämlich der Mensch nicht der Interpret oder artiste eines rationalen Universums ist, sondern ein Schöpfer ohne Modell. (…)“[94]

Die Grundhaltung des kritischen Denkens vertraten beide Frauen in gleicher Offenheit gegenüber eingebildeten und arroganten, letztlich denkunfähigen Intellektuellen wie gegenüber den vergangenen und den jeweils aktuellen politischen Machtverhältnissen sowohl in Amerika wie in Europa, aus denen sich zumeist ideologische Rechtfertigungen für verhängnisvolle soziale, politische und militärische Auswirkungen ergaben, selten sozial und rechtlich aufbauende Entwicklungen. Zu den einen wie zu den anderen bezog Hannah Arendt unmissverständlich Stellung, besprach ihre Meinung und Beurteilung nicht nur mit Heinrich Blücher und Karl Jaspers sowie mit anderen nahen Bekannten, sondern eingehend mit Mary und publizierte alles, was ihr wichtig erschien. So erschien 1958 The Human Condition (deutsch Vita activa oder Vom tätigen Leben)[95], 1961 Between Past and Future (deutsch Zwischen Vergangenheit und Zukunft. Übungen im politischen Denken I)[96] und 1963, als sie als Professorin an die University of Chicago berufen wurde, den Gertud und Karl Jaspers gewidmeten Band  On Revolution, der wenig später auch in deutscher Sprache erschien[97] und der nicht zuletzt auf der Bedeutung der Black Power Bewegung beruhte, die zur gewaltfreien, von Martin Luther King angeführten Civil Rights Bewegung führte. Sie setzte sich u.a. für ein Schulsystem ein, das die schwarzen Kinder nicht zu Objekten rassistischer Rachehaltungen durch weisse Schüler machte, indem sie begründete, weshalb noch für einige Zeit getrennte Schulen beizubehalten seien, jedoch von gleicher Qualität, eine Haltung, die ihr gegenüber enorme Kritik auslöste und die Mary zu beschwichtigen suchte.

Zusätzlich erschienen 1963 von Hannah Arendt in der Zeitung The New Yorker unter dem Titel A reporter at large: Eichmann in Jerusalem ihre Artikel über den Eichmann Prozess in Jerusalem von 1961, bald darauf  das Buch Eichmann in Jerusalem. A report on the Banality of Evil, das 1964 in einer ersten Ausgabe auch in München erschien[98] und das n jüdischen Kreisen in den USA, in Europa und besonders in Israel eine sehr einseitige, vernichtende Kritik auslöste. Die 2. Auflage von 1965 erschien in überarbeiteter Fassung, doch die harsche, öffentliche Verurteilung wurde dadurch nicht gemässigt. Im Gegenteil, sie ging über Jahre weiter und bewirkte für Hannah den Verlust zahlreicher „Freunde“, d.h. die schlimmste Form der Verfemung, da auch der Begriff der Freundschaft damit in Frage gestellt werden musste[99].

Umso stärker bewährte sich von Anfang an die Freundschaft zwischen Mary und ihr als stützender Halt.  Am 16. September 1963 schrieb Hannah mit Erschrecken, nun sei sie zum Objekt einer „politischen Kampagne“  geworden. „(…) Du weisst vermutlich, dass sich die PR auch gegen mich gewendet hat, und zwar  recht bösartig (Lionel Abel[100], der ohnehin in der Stadt herumspaziert und Verleumdungen über mich und Heinrich ausstreut), und allgemein kann man sagen, dass der – intellektuelle oder sonstige – Mob erfolgreich mobilisiert worden ist. Ich habe gehört, dass die Anti-Defamation League an alle Rabbiner in New York einen Rundbrief geschickt hat, mit der Aufforderung, am (jüdischen) Neujahrstag gegen mich zu predigen. Nun, ich glaube, dass mich das nicht übermässig durcheinanderbringen würde, wenn alles andere in Ordnung wäre. Aber so beunruhigt, wie ich bin, kann ich mich nicht mehr darauf verlassen, dass ich nicht den Kopf  verliere und explodiere. Was für eine riskante Sache, die Wahrheit auf Tatsachenebene[101] zu sagen ohne theoretische und akademische Verbrämung.“[102] Doch im gleichen Brief gratulierte Hannah auch  aufs herzlichste Mary zum neuen Roman The Group[103] und zum grossen Erfolg, der ihr dadurch zukam. Ebenso schilderte sie ihre Sorge um Heinrichs Gesundheitszustand, der mit häufigen Herzattacken so belastend sei, dass sie kaum  daran denken könne, für die bevorstehenden Vorlesungen nach Chicago zu reisen. Sie und Heinrich seien nun 28 Jahre zusammen, und ein Leben ohne ihn wäre für sie undenkbar.

Fortan bemühte sich Mary in jedem Land und an jedem Ort, wo sie sich befand, sich für Hannah und ihr Buch über den Prozess in Jerusalem  einzusetzen, auch Hannah über  jede positive Rezension, die ihr begegnete, zu informieren und ihr ein Exemplar zu schicken. Sie wollte alle stärkenden Elemente, die ihr im kaum erfassbar weiten, persönlichen Umkreis begegneten, zu Gunsten der zu Unrecht angegriffenen Freundin überzeugen und dieser deren Reaktionen sofort vermitteln. Und ebenso informierte sie Hannah warnend, wenn irgend etwas Negatives zu befürchten war oder vorlag. So schrieb sie ihr aus Paris am 11. Oktober 1966:  (…) „Weisst Du, dass der Nouvel Observateur Auszüge aus Deinem Eichmann bringt? Mit einem höchst leisetreterischen und feigen Vorwort von, so meint einer meiner Freunde, Jean Daniel[104]. Wer auch immer es geschrieben hat, er zitiert Raymond Aron und mich als Fürsprecher des Buches. Als ich das Vorwort las, griff ich nach der Schreibmaschine. Aber dann beruhigte ich mich. Es ist Zeit genug, sagte ich mir, sich auf diese Kontroverse einzulassen. Ich beschloss abzuwarten. Meine Freundin Eileen Geist (hast Du sie schon kennen gelernt?), die mit den Verlegern des Nouvel Observateur gut bekannt ist, allerdings nicht mit Jean Daniel, meint, die französischen Juden werden Dein Buch ganz anders aufnehmen als die amerikanischen. Die französischen Juden, sagt sie, sind nicht so jüdisch. Sie selbst bewundert das Buch sehr, was ich bezeichnend finde, da sie nach dreizehn Jahren hier eine starke französische Färbung angenommen hat. (…) Übrigens erzählte mir (die Cembalistin) Sylvia Marlowe, die kürzlich zum Abendessen da war, sie sei ‚vernarrt‘ in Deinen Artikel über Rosa Luxemburg. Sie meint, er sei ‚Hannahs persönlichste Arbeit‘. Ihre Vorstellung ist, dass Du Dich mit Rosa Luxemburg ‚identifiziert‘ hast und ihren Streit mit den deutschen Sozialisten als Deinen Streit mit den organisierten Juden ansiehst. ‚So eine Leidenschaft‘ etc. Ich sagte ihr, dass ich das ganz und gar nicht so sehe, wurde sogar ziemlich wütend, als sie darauf  beharrte. Mir erschien diese Identifikationstheorie wie ein grosses Schlüsselloch, durch das sie in Deine geheimen Gefühle hineinschauen konnte. Sie ist ein schrecklicher voyeur, diese Frau. Aber vielleicht irre ich mich.“

Tatsächlich hatte Hannah Arendt am 6. Oktober 1966 in The New York Review of Books eine eingehende Rezension der von J. P. Nettl verfassten Biographie Rosa Luxemburgs[105] publiziert, unter dem Titel A Heroine of Revolution. In deutscher Fassung erschien diese am 12. Dezember 1968 in der Zeitschrift Der Monat (Nr. 243) sowie  im gleichen Jahr in Arendts Essay-Sammlung Men in Dark Time, ein Jahr später auch auf Deutsch[106]. Es ist anzunehmen, dass die Besprechung der Biographie in Heinrich Blüchers  Interesse und unter seiner Mitwirkung zustande kam, dass aber gleichzeitig in starkem Mass Hannahs eigene Empfindungen Ausdruck fanden, insbesondere wenn sie vom jüdischen Mittelstand und den jüdischen Intellektuellen schrieb. „Der jüdische Mittelstand in Paris und London, Berlin und Wien, Warschau und Moskau war in Wirklichkeit weder kosmopolitisch noch international, obwohl sich die Intellektuellen in seinen Reihen dafür hielten. Er war vielmehr europäisch, was man von keiner anderen Gruppe behaupten konnte. Und zwar war dies keine Frage der Überzeugung, sondern eine objektive Tatsache. Mit anderen Worten: Während die Selbsttäuschung der assimilierten Juden gewöhnlich in dem Irrtum bestand, sich für ebenso deutsch wie die Deutschen und für ebenso französisch wie die Franzosen zu halten, lag die Selbsttäuschung der intellektuellen Juden in dem Glauben, dass sie kein ‚Vaterland‘ hätten, während ihr Vaterland in Wahrheit Europa war. Das galt insbesondere für die osteuropäische Intelligenz, die mehrsprachig war – Rosa Luxemburg selbst sprach Polnisch, Russisch, Deutsch und Französisch fliesend und konnte sehr gut Englisch und Italienisch. Sie konnten niemals ganz begreifen, warum das Schlagort ‚Das Vaterland der Arbeiterklasse ist die sozialistische Bewegung‘ sich als so katastrophal gerade für die arbeitenden Klassen erweisen sollte. Es ist allerdings mehr als beunruhigend, dass Rosa Luxemburg selbst mit ihrem untrüglichen Wirklichkeitssinn und ihrer Ablehnung jeden Klischees nicht herausgehört hat, was an dem Schlagwort grundsätzlich falsch war. Ein Vaterland ist schliesslich in erster Linie ein Land, und eine Organisation ist eben nichts dergleichen, nicht einmal im metaphorischen Sinn. So liegt tatsächliche eine grimmige Berechtigung in der späteren Abwandlung des Schlagwortes ‚Das Vaterland aller Werktätigen ist die Sowjetunion‘, denn Russland war wenigstens ein ‚Land‘, und damit war dem utopischen Internationalismus dieser Generation ein Ende gesetzt. Man wird noch mehr solche Tatsachen anführen und dennoch kaum behaupten können, dass Rosa Luxemburg in der nationalen Frage ganz und gar unrecht hatte.  Was hat schliesslich mehr zu dem katastrophalen Niedergang Europas beigetragen als der wahnwitzige Nationalismus, der den Niedergang des Nationalstaates im Zeitalter des Imperialismus begleitete?“[107] Meines Erachtens hatte die von Mary zitierte Sylvia Marlowe in Hannahs Auseinandersetzung mit Rosa Luxemburg tatsächlich eine wichtige persönliche Komponente erfasst, die nichts mit deren Überzeugung von der Umsetzung von Gerechtigkeit zu Gunsten der Arbeiterklasse zu tun hatte, sondern mit der Erkenntnis der verhängnisvollen  Destruktivität des Nationalitätenwahns, der den Ersten wie den Zweiten Weltkrieg beherrscht hatte und der auch dem zionistischen Entwurf des Staates Israel zugrunde lag, vor welchem Hannah Arendt im Aufbau mehrmals gewarnt hatte[108].

1970, als Hannah seit gut zwei Jahren auch Professorin an der New School for Social Research in New York war, erschien von ihr in Zusammenhang des Vietnamkriegs und der weltweit, vor allem an den Universitäten einsetzenden Anti-Kriegsbewegung das Buch On Violence (im selben Jahr auch in deutscher Version unter dem Titel Macht und Gewalt[109]). Die offizielle Widmung ist „Für Mary. Ein Unterpfand unserer Freundschaft“.

Mary war schon 1966 von der New York Review of Books angefragt worden, als Reporterin nach Vietnam zu fahren, hatte damals aber aus Rücksicht auf ihren Ehemann James (Jim) West, der zum diplomatischen Corps gehörte, abgesagt. Sie lebten schon damals in Paris. Ein Jahr später nahm sie die erneute Anfrage mit Jim’s Zustimmung an. Am 1. Februar 1967  schrieb sie an Hannah, dass sie am nächsten Tag nach Saigon abfliegen würde. Sie hatte sich offen gegen den 1955 beginnenden vietnamesischen Bürgerkrieg in Opposition gestellt, insbesondere gegen die wachsende amerikanische Einmischung, nachdem 1954 mit der Niederlage Frankreichs endlich der Indochinakrieg zu Ende gegangen war. Die Aufteilung des verbluteten Landes in Nord- und Südvietnam erachtete sie als verhängnisvoll, und als ebenso verhängnisvoll einen Bürgerkrieg. Sie ahnte, dass sich dahinter ein Stellvertreterkrieg zwischen den Weltmächten anbahnen würde, was tatsächlich die Absicht war: zwischen den USA (in Verbindung mit sechs weiteren westlichen Staaten) auf der Seite Südvietnams und der UdSSR zusammen mit China auf der Seite Nordvietnams. Als 1961 John F. Kennedy als neu gewählter Präsident sich zur Unterstützung des korrupten südvietnamesischen Regimes und dessen Armee mit der Entsendung weiterer Militärtruppen und Waffen sowie mit dem Einsatz auch schwer toxischer Chemikalien als Kampfmittel einverstanden erklärte, konnte der Vietnamkrieg nicht mehr tabuisiert werden.  Nach der 1963 erfolgten Ermordung Kennedy‘s wuchs dieser unter Lynden B. Johnson ins Masslose an, griff 1964 auf Laos über, 1970 auf Kambodscha, nachdem ab Februar 1965 Nordvietnam bombardiert wurde, immer mehr Bodentruppen eingesetzt und mittels tief fliegender Flugzeugen und Hubschrauber im Rahmen der „Operation Ranch Hand“  giftigste Dioxine zur  Entlaubung weitflächiger Agrar- und Waldgebiete versprüht wurden. Der Einsatz von „Agent Orange“, wie die schwer toxischen Chemikalien genannt wurden, erreichte 1967 / 1968 eine höchste Steigerung.  Die Folgen der über 80 Millionen Liter chemischer Gifte, die aus „Kriegsgründen“ bedenkenlos eingesetzt wurden, bewirkten bei der vietnamesischen Bevölkerung entsetzliches Leiden und  während Generationen irreversible Schäden, Krebserkrankungen sowie körperliche Missbildungen und Fehlentwicklungen[110]. Eine masslos gesteigerte Brutalität setzte sich fort, auch von  nordvietnamesischer Seite her –  etwa im Rahmen der Tet-Offensive, die am Vorabend des vietnamesischen Neujahrsfestes 1968 begann und sich über Monate fortsetzte -, wie ebenso von amerikanischer Seite her – u. a. das Massaker von My Lai vom 16. März 1968, das ein Journalist dokumentierte, Seymour Hersh, so dass es nicht verheimlicht werden konnte.

Aus der Zeit von Mary’s Aufenthalt in Südvietnam findet sich nichts in den Briefen an ihre Freundin. Die kompromisslos kritische Berichterstattung über ihre Kontakte mit Militärexperten und Soldaten sowie über ihre Wahrnehmungen der absolut sinnlosen, verhängnisvoll schlecht geführten und aussichtslosen Kriegführung  erschienen in der New York Books Review sowie im gleichen Jahr auch als Buch. Als sie 12. September 1967 wieder an Hannah schrieb, befand sie sich in Castine / Maine, im alten Küstenstädtchen auf der in den Atlantik herausragenden Halbinsel, im schönen Landhaus inmitten einer grossen Gartenanlage, das von ihr und Jim West als Ort des Rückzugs und der Erholung gekauft worden war, so wie auch Hannah und Heinrich über ein Ferienhaus in Palenville verfügten, im Hinterland von New York, im zauberhaften Hügelgebiet der Catskills, in welchem sich auch das Bard-College befindet  und das dem Hudson entlang mit einer kleinen Eisenbahn leicht erreicht werden kann. Darauf folgten von Mary Alltagsschilderungen aus Paris und packende Reiseberichte aus Sizilien, wo sie mit Jim die Weihnachtstage verbracht hatte. Hannah ging in ihrem Brief vom 9. Februar 1968 ausführlich auf die Begeisterung der Studenten in Chicago über Mary’s Vietnam-Buch ein. Dauernd werde dieses diskutiert und ihr Name mit Bewunderung erwähnt.

Mary’s Wissenshunger war allerdings mit dem Aufenthalt in Südvietnam nicht gestillt.  Am 7. März 1968 teilte sie Hannah mit, sie werde mit Jim’s Zustimmung über Kambodscha nach Hanoi fliegen, während er sich in Japan aufhalten werde. Sie habe mit ihm vereinbart, dass sie in Phnom Penh im Hotel Royal bleibe, falls der Bombenabwurf  über Hanoi zu intensiv sei. Dort würde sie im alten Hotel Metropol wohnen, dessen vietnamesischer Name ihr nicht einfalle.

Während in Chicago und in Paris wie überall in Europa kriegsähnliche Schlachten zwischen aufständischen Studenten und schwer bewaffneter Polizei geschahen, die Hannah in einen Konflikt zwischen ihrem Interesse an der revolutionären Bewegung, ihrer Anteilnahme am Mut der Studenten und ihrem Erschrecken über die anwachsende Gewalt versetzten[111], erschienen Mary’s packende Berichte aus Nordvietnam sowohl in The New York Review of Books wie als Buch unter dem Titel Hanoi[112]. Am 13. Juni 1968 schrieb Hannah ihr aus New York, dass sie eben die dritte Folge des Hanoi-Buches gelesen habe. „Ich habe Heinrich selten so begeistert gesehen. Mir gefällt es unglaublich. Deine ruhige und schöne Pastorale zeigt die ganze Monstrosität unserer Unternehmungen in einem grelleren Licht als es jede Anprangerung oder Beschreibung des Schreckens könnte.“[113] Sie schrieb darauf  von ihrer Sorge um die Folge leichterer Herzanfälle, die Heinrich in den letzten Wochen heimgesucht hatten, in verstärktem Mass in der vergangenen Nacht. Es sei kein Infarkt gewesen, doch niemand könne sagen, ob es sich nicht dahin entwickeln werde. Mary antwortete ihr fünf Tage später, es mache keinen Sinn, über Heinrichs Herzkrankheit zu reden. Sie erinnere sich, mehrere dieser Attacken bei ihm erlebt zu haben. Er sei wohl anfällig, aber unverwüstlich: darauf setzte sie. Sie ging anschliessend auf die Diskrepanz zwischen  ungleichen erschütternden Erfahrungen ein. Hanoi sei erschütternd gewesen, doch auch die Ereignisse in Paris seien erschütternd. Das Verhalten der Pariser Literaten sei diesbezüglich einfach lächerlich, nach ihrer Sicht widerwärtig. „Ich meine, wenn Leute wie Marguerite Duras in revolutionären Komitees sitzen. Und die Gruppe Tel Quel gibt Manifeste des Inhalts heraus, dass fortan alle Literatur marxistisch-leninistisch zu sein habe. (…) Im Grunde  steckte viel tartufferie – frömmelnde Heuchelei – in all dem äusseren Verhalten. Aber das galt nicht für die Studenten, wenigstens nicht für die, die ich schon kannte oder während der ‚Revolution‘ kennen kernte. Man weiss nicht, ob man das Wort in Anführungszeichen setzen soll oder nicht, und möglicherweise liegt darin die Tragödie.“[114]

Die Freundschaft zwischen Hannah Arendt und Mary McCarthy war für beide ein Rückhalt ohne Vergleich geworden, in allen Lebensbelangen. Sie stimmten nicht in allem überein, wie sich in einzelnen Kommentaren zu Textentwürfen oder zu Publikationen zeigte, doch das beeinträchtigte das Vertrauen nicht, im Gegenteil. Das persönlich Alltägliche, Begegnungen und Gespräche mit Bekannten, aufwühlende Beziehungserfahrungen, das politische Denken und Urteilen in Zusammenhang der Weltgeschichte, die sie erlebten, alles vertrauten sie einander an. Am 1. oder 2. November 1970 erhielt Mary, die damals in Paris war, von Hannah  ein Telegramm: „Heinrich Samstag an einem Herzinfarkt gestorben“[115].  Am Morgen des 31. Oktober 1970 war ihm nach dem Frühstück plötzlich übel geworden. Er schaffte es kaum, sich zum Sofa zu begeben, wo er zusammensank, Hannah‘s Hand drückte und leise sagte: „Das wars.“[116]

Seit zehn Jahren hatte Hannah diesen Tod befürchtet, doch nun war er für sie ein nicht fassbarer Schock. Sie empfand sich in völliger Verlorenheit und tiefster Trauer. Freunde und Freundinnen trafen bei ihr ein, auch Mary aus Paris, Anne Mendelssohn Weil, die sie seit der Kindheit kannte, auch Studenten Heinrichs aus dem Bard College, mehrere seiner alten Freunde. Freundschaft war der mittragende Kreis, der sie begleitete und zu schützen trachtete, auch am 4. November 1970 bei der Abschiedszeremonie in der Riverside Chapel in New York und etwas später bei der Beisetzungsfeier im Gelände des Bard College. Mary McCarthy  hielt eine ergreifende Rede der Erinnerung, andere Freunde ebenfalls. Heinrich Blücher war für alle ein aussergewöhnlicher Denker gewesen, ein Einzelgänger ohne Vergleich, ein „wahrer, hoffnungsloser Anarchist“, wie ihn Dwight McDonald, einer seiner amerikanischen Freunde, bezeichnete, jemand mit liebenswert leidenschaftlicher Lust am Diskutieren, die er mit Hannah Arendt teilte, gleichzeitig jemand von sokratischer Bescheidenheit und sozialer Weisheit. Die Trauer um seinen Tod setzte sich bei Hannah in den fünf Jahren, die sie ihn überlebte, stets fort.  Sie arbeitete an ihrem Werk über das Denken[117] und über das Urteilen[118] und schrieb die Texte auf Heinrichs Schreibmaschine, machte noch Reisen, unter anderem in die Schweiz, nach Tegna (oberhalb von Locarno), wo sie sich wohl fühlte, schrieb weiter lange Briefe an Mary und traf sie – unter anderem über die Weihnachtstage 1974 in Paris -, nahm in Dänemark im Frühling desselben Jahres eine hohe Ehrung entgegen – den Sonning Preis für „Verdienste um die europäische Zivilisation“ -, lehnte auch eine Einladung zu einem Internationalen Symposium in Paris zum Thema „Terror im Jahr 2000“ nicht ab, ebenso wenig eine Einladung des Bürgermeisters von Boston, in Zusammenhang der Feier zu 200 Jahren amerikanischer Unabhängigkeit eine Rede zu halten. In dieser Rede ging sie auf die jüngsten „Jahre der Verirrung“ ein, die sie als „Verfall der Macht der Republik“ bezeichnete, mit grossem Bedauern  – „den Vietnam-Krieg, der unter Präsident Nixon ein chaotisches Ende nahm, den Watergate-Skandal und die Vertuschungsstrategie, Fords Blanko Begnadigung für Nixon“[119] und mehr. Sie schrieb Mary, so viele Fan-Briefe wie kaum je habe sie als Reaktion auf diese Rede erhalten. Anschliessend fuhr sie nach Köln, um auch einen Vortrag zu halten, dann für mehrere Wochen nach Marbach, um dem Deutschen Literaturarchiv ihre Korrespondenz mit Karl Jaspers[120], mit Kurt Blumenfeld[121] und mit Erwin Loewenson  zu übergeben und die Briefe dort zu ordnen.

Die Briefe an Mary wiederspiegeln all diese Reisen und Erfahrungen, ebenso die zärtliche Aufmerksamkeit, mit der sie das  Leben ihrer Freundin verfolgte und in Sorge war um deren Gesundheitszustand. Jedes zweite Wochenende telefonierte sie ihr nach Paris. Sie selber fühlte sich erschöpft.  Am Abend des 4. Dezember 1975 hatte sie ein befreundetes Paar zum Abendessen bei sich – Salo und Jeannette Baron -, mit denen sie sich anschliessend zusammensetzte, um ein gemeinsames Projekt in Verbindung mit den Jewish Social Studies zu besprechen. Nach einem kurzen Hustenanfall  sank sie plötzlich zusammen und verstummte. Lotte Köhler, eine weitere nahe Freundin, und ihr Hausarzt, die sofort angerufen wurden, kamen zu spät. Ein Herzversagen hatte Hannahs sofortigen Tod bewirkt.

Am 8. Dezember 1975 fand in der Riverside Memorial Chapel – wie für Heinrich Blücher – eine Trauerzeremonie  statt, in welcher Mary in einer ergreifenden Rede Hannah’s bezaubernde und überzeugende  Persönlichkeit schilderte, wie sie diese in den beinah 30  Jahren, seit sie einander kennen gelernt hatten , in naher Freundschaft hatte erleben können, und Hans Jonas ging auf die vielweiter zurückliegende, ergreifende Begegnung mit Hannah an der Uni in Marbach zurück, weitere Freunde vermittelten ihre Erinnerungen und ihre grosse Trauer um Hannah’s plötzlichen Tod. Die Beisetzung fand ebenfalls im Gartenareal des Bard Collage statt, im selben Grab, in welchem Heinrich Blücher beerdigt war.

Mary McCarthy liess in der Folge alle ihre persönlichen Schreibpläne  liegen und widmete sich ausschliesslich dem Ordnen, Zusammenstellen und Lektorieren von Hannah‘s letztem Werk zum Leben des Geistes- The Life oft he Mind, bis sie es nach ca. drei Jahren zur Publikation frei geben konnte. Es war für sie eine intensive Fortsetzung der Freundschaft über den Tod hinaus, „ein imaginäres Zwiegespräch mit ihr (…), das manchmal, wie im Leben, an Streit grenzte. (…) Ich glaube nicht, dass sie mir wirklich fehlen wird, dass ich den Schmerz in dem ambutierten Glied spüren werde, bevor die Arbeit nicht beendet ist. Mir ist klar, dass sie tot ist, aber gleichzeitig nehme ich ihre Gegenwart eindeutig in diesem Raum wahr, spüre, wie sie meinem Worten zuhört, während ich schreibe (…).“[122]

Mary McCarthy konnte nach Erscheinen von Hannahs letztem Werk sich wieder mit  ihrem Romanprojekt[123] befassen, an welchem sie schon Jahre vor ihrem Tod zu arbeiten begonnen hatte. Auch schloss sie ihr eigenes Buch der Lebenserinnerungen[124] ab, bevor der Lungenkrebs, der sie befallen hatte, überhand nahm  und 1989, nach ihrem 77. Geburtstag, den Tod bewirkte. Liebevoll wurde sie in dieser letzten Lebenszeit von Jim West begleitet, mit dem sie über dreissig Jahre verheiratet war, in einer Liebe, die sich zur verlässlichen Freundschaft vertieft hatte.

Hatte Mary die Gedichte aus Hannahs Jugendjahren gekannt? Wie ein sich schliessender Kreis zwischen den zwei Frauen erscheinen mir einige der Zeilen: „Neige Dich Du Tröstende leis meinem Herzen / Schenke mir Schweigende Lindrung der Schmerzen. / Deck Deine Schatten vor alles zu Helle –  / Gib mir Ermatten und Flucht vor der Grelle.“[125]  Anderswo, mitten aus einem Gedicht zu dessen Abschluss:   „Der Abend hat mich zugedeckt / So weich wie Samt, so schwer wie Leid. / Und nirgends sich Empörung reckt / Zu neuer Freud und Traurigkeit.  //  Und alle Weite, die mich rief / Und alles Gestern klar und tief, / Kann mich nicht mehr betören.  //  Ich weiss ein Wasser gross und fremd / Und eine Blume die keiner nennt / Was soll mich noch zerstören?  // Der Abend hat mich zugedeckt / So weich wie Samt, so schwer wie Leid.“[126]

 

Ausklang

Freundschaft – Freunde – Freundinnen. Können wir klarer verstehen, was zu Beginn der begrifflichen Spurensuche bewog, diese nicht im Oberflächlichen zu belassen, sondern sie in die Tiefe der Erfahrungen zu lenken? Aus dem Erkunden, Nachvollziehen und Mitfühlen der Freundschaft zwischen Menschen, die diese in Briefen dokumentiert haben, lässt sich bestätigen, dass Freundschaft bei aller Varietät der Lebensformen und Zeitzusammenhänge, Alter und Geschlecht, ein wärmendes, festes Band ist, das Menschen untereinander verbindet, zwangsfrei, ohne Erwartungen und ohne Berechnung, ohne Begehren und ohne Forderungen,  in wechselseitiger Freiheit und stetem Wohlwollen, ja in Liebe, die sich umsetzt mit Sorge für einander und grossem Vertrauen, mit Offenheit und Respekt. Die Sehnsucht nach Nähe ist nicht Sehnsucht nach Besitz, sondern nach Erneuerung der Freude, der Kenntnis von einander, des Austauschs von Erlebnissen und Gedanken, von Kummer und Hoffnung.

Freundschaft zu erleben bedeutet Glück.

 

Literaturangaben:

Hannah Arendt. Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft. 1962 Frankfurt am Main, Europäische Verlagsanstalt

Hannah Arendt.  Rosa Luxemburg. In: Men in Dark Times. 1955 Orlando / USA, Harcourt  Brace Iovanovich Edition

Hannah Arendt. Macht und Gewalt. 1970 München, R. Piper Verlag

Hannah Arendt. Das Urteilen. Texte zu Kants politischer  Philosophie. Aus dem Amerikanischen von Ursula Ludz. 1985 München

Hannah Arendt / Mary McCarthy. Im Vertrauen. Briefwechsel 1949 – 1975. 1006 München, R. Piper Verlag

 

 

 

 

 

 

 

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[1] Rainer Maria Rilke (1875 – 1926). Requiem. Für eine Freundin (1908). In: Sämtliche Werke. Bd. I. 1955 Frankfurt am Main, Insel Verlag. S. 654

[2] Paula Modersohn-Becker (1876 – 1907)

[3] Mathilde (Tille) Modersohn (1907 – 1998)

[4] Heinrich Vogeler (1872 – 1942)

[5] Clara Rilke- Westhoff (1878 – 1954)

[6] Ruth Rilke (1901 – 1972)

[7] vom 14. 02. 2016  bis zum 08. 05. 2016

[8] Siegfried Krakauer (1889 – 1966). Über die Freundschaft. Editorische Notiz und Nachwort von Karsten Witte. 1971 Frankfurt am Main, Suhrkamp Verlag

[9] Krakauer. Über die Freundschaft. 1971 Frankfurt am Main. S. 9 – 11

[10] im Verlag von Moyshe Shmuel Shklarski; eine Neuerscheinung in Deutsch (übersetzt aus dem Yiddischen von Niki Graça und Esther Alexander-Ihme) 2014, Berlin, im Verlag Kometen der Anderen Bibliothek.

[11] Yankev Glatshteyn resp. Jacob Glatstein (1896 – 1971) wanderte in Folge der Pogrome mit 17 Jahren kurz vor dem Ersten Weltkrieg aus dem unter russischer Herrschaft stehenden, polnischen Lublin nach New York aus, wo er für den Rest seines Lebens als Yiddisch schreibender Dichter und Schriftsteller lebte.

[12] Aristoteles (384 v. u. Z – 322 v. u. Z.)  Nikomachische Ethik. Auf der Grundlage der Übersetzung von Eugen Rolfes, herausgegeben von Günther Bien. 1972 Hamburg, Felix Meiner Verlag, ab  S. 209

[13] Klaus Bartels. Streiflichter aus der Antike.1982 Zürich, Verlag NZZ, S. 27, aus: Aristoteles. Nikomachische Ethik. Neuntes Buch, Elftes Kapitel, 1171 a21-b28

[14] Titus Pomponius Atticus (110 v. u. Z. – 32 v. u. Z.)

[15] Marcus Tulllius Cicero (106 v. u. Z. – 43 v. u. Z.) Lälius oder Gespräch über die Freundschaft. Aus dem Lateinischen mit Einleitung von Dr. Max Oberbreyer. Ohne Zeitangabe, Leipzig, Verlag Philipp Reclam jun. S. 38-39 ff

[16] Lucius Annaeus Seneca (04 v. u. Z – 65 u. Z.) Epistulae morales ad Lucilium – Briefe an Lucilius (vermutlich aus dem Jahr 62 u. Z)

[17] Hekaton von Rhodos (ca. 100 v. u. Z.) war ein Stoiker, den Seneca als Vorbild. Gewissermassen als Lehrer verehrt hat.

[18] Bartels. Streiflichter der Antike. 1981 Zürich, NZZ-Verlag. S. 116

[19] Marcus Porcius Cato (224 v. u. Z. – 140 v. u. Z.)

[20] cf. Platon. Phaidon. In: Sämtliche Werke. Herausgegeben von Ernesto Grassi und Walter Hess. Bd. 3. In der Übersetzung von Schleiermacher mit der Stephanus-Numerierung, 1963 Reinbek bei Hamburg. – Phaidon hatte Sokrates am letzten Tag vor seiner Hinrichtung im Gefängnis besucht und berichtete in diesem Gespräch, das von Platon aufgezeichnet wurde, seinen Freunden Echekrates, Kebes und Simmias, was der verehrte, weise Freund, bevor er das Gift zu sich nehmen musste, über die Unsterblichkeit der Seele gesagt hatte: dass die Seele „dem Göttlichen, Unsterblichen, Vernünftigen. Eingestaltigen, Unauflöslichen und sich selbst gleich Verhaltenden am ähnlichsten sei“ (Phaidon. 28 / 80 a-b), in völligem Gegensatz zum Körper des Menschen.

[21] Marcus Tullius Cicero. Cato maior de senectute / Cato der Ältere über das Alter. Lateinisch/Deutsch. Übersetzt und herausgegeben von Harald Merklin. 1998 Stuttgart, Verlag Philipp Reclam jun., S. 101-103

[22] Hilde Domin (1909 – 2006 / ursprünglich Hilde Löwenstein, verheiratet Hilde Palm). Nur eine Rose als Stütze. Gedichte. 1959/1994/2004 Frankfurt am Main, S. Fischer Verlag. S. 60

[23] Jean Starobinski. Montaigne. Denken und Existenz. 1986 Darmstadt, Wissenschaftliche Buchgesellschaft.  S. 83

[24] Starobinski. Montaigne. 1986 Darmstadt. S. 88

[25] Starobinski. Montaigne. 1986 Darmstadt. S. 85

[26] 1533-1592

[27] 1530 – 1563

[28] Etienne de La Boëtie. Von der freiwilligen Knechtschaft. Unter Mitwirkung von Neidhard Bulst übersetzt und herausgegeben von Horst Günther. Französisch-deutsche Ausgabe (mit ausführlichen Quellenangaben). 1980 Frankfurt am Main , Europäische Verlagsanstalt

[29] La Boëtie. Von der freiwilligen Knechtschaft. 1980 Frankfurt am Main. S. 37

[30] La Boëtie. Von der freiwilligen Knechtschaft. 1980 Frankfurt am Main. S. 41 / S. 45

[31] La Boëtie. Von der freiwilligen Knechtschaft. 1980 Frankfurt am Main.  S. 47 / S. 49

[32] La Boëtie. Von der freiwilligen Knechtschaft. 1980 Frankfurt am Main. S. 91

[33] Maja Wicki-Vogt. Erbschaften ohne Testament. 2014 Zürich, edition 8. S. 30-45

[34] s. das ausführliche Nachwort Quellen, Umkreis, Wirkung von Horst Günther in Etienne de la Boëtie. Von der freiwilligen Knechtschaft. S. 99 – 235

[35] „Parce que c’estoit luy, parce que c’estoit moy“: La Boëtie. Von der freiwilligen Knechtschaft. 1980 Frankfurt am Main. S. 106

[36] La Boëtie. Von der freiwilligen Knechtschaft. 1980 Frankfurt am Main. S. 106

[37] Jean Starobinski (geb. 1920). Montaigne en mouvement. 1982 Paris. Editions Gallimard – Montaigne. Denken und Existenz. Aus dem Französischen von Hans-Horst Henschen. 1986 Darmstadt, Wissenschaftliche Buchgesellschaft. S. 76

[38] 1385 – 1436

[39] Starobinski. Montaigne. Denken und Existenz. 1986 Darmstadt. S. 65

[40] Mimi ist Rosa Luxemburgs Katze, für die Mathilde Jacob während all der Kriegsjahre und Jahre von Rosas Gefangenschaft sorgte.

[41] Rosa Luxemburg. Ich umarme Sie in grosser Sehnsucht. Briefe aus dem Gefängnis 1915 bis 1918. 1984 Berlin / Bonn, Verlag J.H.W. Dietz. S. 182

[42] Luxemburg. Ich umarme Sie in grosser Sehnsucht. 1984 Berlin / Bonn. S. 294

[43] Clara Zetkin-Eissner (1857-1933)

[44] Maxim Zetkin (1883-1965)

[45] Luxemburg. Ich umarme Sie in grosser Sehnsucht. 1984 Berlin / Bonn. S. 293

[46] Luxemburg. Ich umarme Sie in grosser Sehnsucht. 1984 Berlin / Bonn. S. 316

[47] Rosa Luxemburg (05. 03. 1871 –  15. 01. 1919)

[48] Mathilde Jacob (08. 03. 1873 – 14. April 1943)

[49] Rosa Luxemburg. Ich umarme sie in grosser Sehnsucht. Briefe aus dem Gefängnis 1915 bis 1918. Hrsg.  von Nahrihiko Ito. 1972 Tokio / 1984 Berlin/Bonn Verlag J.H.W. Dietz Nachf. GmbH.

[50] an Felix Weil, den Mitbegründer des Instituts für Sozialforschung, der sie Paul Frölich zur Verfügung gestellt hat, der damals ebenfalls noch in Paris lebte und an einem Buch über Rosa Luxemburg arbeitete: Paul Frölich. Rosa Luxemburg. Gedanke und Tat. 1939 Paris / 1949 Hamburg / 1967 Frankfurt am Main Europäische Verlagsanstalt (Durchsicht und Bearbeitung von Rose Frölich).

[51] Herbert Hoover Institution Library in Stanford /California

[52] Seit Herbst 1914 hielt Rosa Luxemburg in Berlin-Neukölln, wo 1913 – auf dem heutigen Rosa-Luxemburg-Platz – auch die Volksbühne gebaut worden war, wöchentlich am Sonntag Vorträge über die Entstehung und Entwicklung des Kapitalismus.

[53] Luxemburg. Ich umarme sie in grosser Sehnsucht. 1984 Berlin. S. 17

[54] Franz Erdmann Mehring (1846 – 1919)

[55] Julian Balthasar Marchlewski (1866 – 1925), der polnische Mitbegründer des Sparakusbundesm auch ein naher Freund Lenins, der Vater von Zofia (Sonja) Marchlewska, die sich 1918 im Zusammenhang der Novemberrevolution nach Worbswede zurückgezogen hatte und 1923 Heinrich Vogeler, den Begründer des Barkenhoff (gemeinsam mit Marie Griesbach, der rebellischen Arbeiterin aus Dresden und Dichterin) , auf seiner ersten Reise in die Sowjetunion begleitet hat.

[56] Rosas Korrespondenz mit Mathilde widerspiegelt allein schon durch die Anrede die wachsende Nähe und Vertrautheit –  erst „Sehr geehrtes Fräulein Jacob“, dann „Liebes Fräulein Jacob“, ab Anfang 1916  „Liebes Fräulein Mathilde“, schliesslich ab Ende Oktober 1916 „Meine liebe Mathilde“, ja ab Mitte April 1917 „Meine liebste Mathilde“, vermutlich seit der Versetzung ins Gefängnis von Wronke und anschliessend nach Breslau.

[57] Die Bezeichnung beruhte auf dem Vorbild des Sklavenaufstands von 73-71 v. u. Z unter der Führung von Spartacus, einem vermutlich thrakischen Gladiator und Sklaven gegen die Entrechtung und Ausbeutung von Menschen  in den römischen Armeen, Arenen und Latifundien

[58] Berliner Polizeipräsidium, Frauengefängnis Barnimstrasse 10 in Berlin, Festungshaft im Zentralgefängnis von  Wronke in der Provinz Posen, dann im Frauengefängnis von Breslau

[59] Leo Jogiches, Sonja und Karl Liebknecht, Karl und Luise Kautsky, Clara Zetkin, Franz und Eva Mehring, Mathilde Wurm, Eduard Fuchs, der Mediziner und persönliche Freund Hans Diefenbach, der mit 33 Jahren am 25. Oktober 1917 an der Westfront, bei Domremy, von einer Granate getötet wurde, Marta Rosenbaum, Hugo Haase, Ernst Meyer, Eugen Leviné, Eva Schrick (Leiterin des Gefängnisses in Wronke) und viele andere mehr, deren je einzelne Geschichte höchst erzählenswert wäre.

[60] vgl. Rosa Luxemburg. Was will der Spartakusbund? Erstveröffentlichung am 14. 12. 1918 in Berlin, Rote Fahne Nr. 29 / Abdruck in: Rosa Luxemburg. Politische Schriften. Hrsg. von Ossip K. Flechtheim. 1987 Frankfurt am Main, Athenäum Verlag. S. 383 ff

[61] Luxemburg. Ich umarme Sie in grosser Sehnsucht. 1984 Berlin. S. 54

[62] Ernst Meyer (1887 – 1930)

[63] Luxemburg. Ich umarme Sie in grosser Sehnsucht. 1984 Berlin. S. 58

[64] Luxemburg. Ich umarme Sie in grosser Sehnsucht. 1984 Berlin. S. 59

[65] Luxemburg. Ich umarme Sie in grosser Sehnsucht, 1984 Berlin. S. 59

[66] Luxemburg. Ich umarme Sie in grosser Sehnsucht. 1984 Berlin. S. 60

[67] Revolutionäre Arbeiter hatten am 10. Januar 1919 das Gebäude der Vorwärts-Redaktion besetzt, das wenig später von Regierungstruppen belagert wurde. Wolfgang Fernbach wollte mit diesen verhandeln, doch er und weitere Redakteure wurden in die Dragonerkaserne abgeführt und am 11. Januar, morgens um 10 h, erschossen. Keine Klage der Angehörigen wurde beachtet, keiner der Mörder kam vor Gericht.

[68] Luxemburg. Ich umarme Sie in grosser Sehnsucht. 1984 Berlin. S. 62

[69] Luxemburg. Ich umarme Sie in grosser Sehnsucht. 1084 Berlin. S. 67-68

[70] Clara Zetkin (11957 – 1933)

[71] Kurt Rosenfeld (1877 – 1943)

[72] Theodor Liebknecht (1879 – 1948)

[73] Frölich. Rosa Luxemburg. Gedanke und Tat. 1967 Frankfurt am Main. S. 350

[74] Käthe Kollwitz (1867 – 1945)

[75] Gustav Noske (1868-1946)

[76] Friedrich Ebert (1871 – 1925)

[77] Waldemar Pabst (1880 – 1970)

[78] Maxim Zetkin (1883 – 1965)

[79] Kostja Zetkin (1885 – 1980)

[80] Luxemburg. Ich umarme Sie in grosser Sehnsucht. 1984 Berlin. S. 79

[81] Wilhelm Pieck (1876 – 1960)

[82] Frölich. Rosa Luxemburg. Gedanke und Tat. 1967 Frankfurt am Main. S. 348-349

[83] Wladimir Iljitsch Lenin  (1870 – 1924)

[84] Rosa Luxemburg. Die russische Revolution. In: Luxemburg. Politische Schriften. Hrsg. und eingeleitet von Ossip K. Flechtheim. 1966 / 1968 Frankfurt am Main, erst Europäische Verlagsanstalt, dann Athenäum Verlag. S. 536-571

[85] Friedrich Hölderlin, in: Bernd Neumann. Hannah Arendt und Heinrich Blücher. Ein deutsch-jüdisches Gespräch. 1998 Berlin, Rowohlt Verlag. S. 192

[86] Hannah Arendt (1906 – 1975)

[87] Heinrich Blücher (1899 – 1970)

[88] Hannah Arendt von Günter Stern (1902 – 1992), der sich später Günther Anders nannte und unter diesem Namen eine Reihe bedeutender gesellschaftskritischer Bücher publizierte, der 1936 aus Paris in die USA ausreiste und 1937 in die Scheidung von Hannah Arendt einwilligte,  mit ihr jedoch in Freundschaft verbunden blieb und 1940 ihr, ihrer Mutter Martha und Heinrich Blücher die dringlich benötigten Visa in die USA besorgte. Heinricht Blücher von seiner zweiten Ehefrau, der aus Litauen stammenden Natascha Nefroikyn, die er in Berlin aus politischen Gründen geheiratet hatte, die kaum mit ihm zusammengelebt hatte, jedoch zusammen mit ihrer Schwester auch nach Paris geflohen war, wo auch ihr Bruder Israel Nefroikyn lebte. Diesen kannte wiederum Hannah aus der Zusammenarbeit bei der zionistischen Jugend-Aliya.

[89] s. Bernd Neumann. Zu  Hannah Arendts Leben und Werk, auch in der Beziehung zu Heinricht Blücher, s. auch Maja Wicki-Vogt. Kreative Vernunft. 2010 / 2013  Zürich. S. 143-166

[90] in deutscher Sprache unter dem Titel Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft, 1962, Frankfurt am Mai, Europäische Verlagsanstalt, von Hannah Arendt neu bearbeitet.

[91] Mary McCarthy (1912 – 1989)

[92] Between Friends. The Correspondence of Hannah Arendt and Mary McCarthy 1949 – 1975. Edited and with an introduction by Carol Brightman. 1995 Orlando / Florida, Harcourt Brace & Company. – Hannah Arendt / Mary McCarthy. Im Vertrauen. Briefwechsel 1949 bis 1975. Hrsg. und mit einer Einführung von Carol Brightman. Aus dem Amerikanischen von Ursula Ludz und Hans Moll. 1995 München, Piper Verlag.

[93] Arendt/McCarthy. Im Vertrauen. 1995 München. S. 47

[94] Arendt / McCarthy. Im Vertrauen. 1995 München. S. 48

[95]  Hannah Arendt. Vita activa oder Vom tätigen Leben. 1967 München, R. Piper Verlag

[96] Hannah Arendt. Zwischen Vergangenheit und Zukunft. Übungen im politischen Denken I. Hrsg. von Ursula Ludz. 1991 München, R. Piper Verlag.

[97] Hannah Arendt. Über die Revolution. 2. Auflage 1974 München, R. Piper Verlag.

[98] Hannah Arendt. Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen. 1964 München, R. Piper Verlag

[99] Ein Beispiel ist  die Beziehung zwischen Gershom Scholem und Hannah Arendt, s. Ein Briefwechsel in: Hannah Arendt. Nach Ausschwitz. Essays  Kommentare I. Hrsg. von Eike Geisel und Klaus Bittermann. 1989 Berlin. Edition TIAMAT. S. 63-81

[100] ein damals erfolgreicher Theaterschriftsteller und Übersetzer von Jean-Paul Sartre’s Werken

[101] H.A. meint damit vermutlich die von ihr offen ausgesprochene Willfährigkeit der Judenräte, die von den Nazi-Behörden geforderte Registrierung der Gemeindemitglieder vorzunehmen. Sie nahm in keiner Weise an, dass Widerstand die von Hitler geplante Vernichtung der jüdischen Bevölkerung verhindert hätte, doch sie nahm an, dass diese hätte verzögert und erschwert werden können.

[102] Arendt / McCarthy. Im Vertrauen. 1995 München,. S. 231-232

[103] dt. Fassung: Die Clique. 1971 erstmals im Droemer Verlag erschienen

[104] „Jean Daniel war der damalige Herausgeber des Nouvel Observateur, der 1964 Mary McCarthy’s Artikel über die Literaturdebatte in der Mutualité mit den ätzenden Portraits von Sartre und de Beauvoir abgelehnt hatte.“ (Arendt / McCarthy. Im Vertrauen. Fussnote S. 295)

[105] J. P. Nettl. Rosa Luxemburg. 1966 Oxford University Press. 2 Bde / In überarbeiteter und verbesserter Version: J. P.Nettl. Rosa Luxemburg. Übersetzung ins Deutsche durch Karl Römer 1967 Köln-Berlin. Verlag Kiepenheuer & Witsch

[106] Hannah Arendt. Menschen in finsteren Zeiten. 1989 München, R. Piper Verlag

[107] Arendt. Menschen in finsteren Zeiten. 1989 München. S. 57-58

[108] Hannah Arendt. Die Krise des Zionismus. Essays & Kommentare 2. Hrsg. von Eike Geisel und Klaus Bittermann. 1989 Berlin. Edition TIAMAT –  Maja Wicki-Vogt. Freundschaft in der Bedrängnis. Hannah Arendt. In: Erbschaften ohne Testament. Über Freiheit und Unfreiheit im persönlichen Werden. Essays zu einer dialogischen Kultur. 2014 Zürich, edition 8. S. 197 – 230

[109] Hannah Arendt. Macht und Gewalt. 1970 München, R. Piper Verlag

[110] An US-Soldaten wurden wegen gesundheitlicher Schäden Wiedergutmachungsgelder entrichtet, an die vietnamesische Bevölkerung bis heute nicht. Noch 2005 wurden die Sammelklagen, die eingereicht wurden, von den USA abgelehnt.

[111] Wolfgang Kraushaar. Hannah Arendt und die Studentenbewegung. Anmerkungen zum Briefwechsel zwischen Hans-Jürgen Benedict und Hannah Arendt. In: Mittelweg 36. Zeitschrift des Hamburger Instituts für Sozialforschung. 17. Jahrgang, Februar/März 2008, S. 2-13

[112] 1968 im Verlag Harcourt, Brace & World wie 1987 auch Vietnam

[113] Arndt/McCarthy. Im Vertrauen. 1996 München. S. 326

[114] Arendt / McCarthy. Im Vertrauen. 1996 München. S. 328

[115]Arendt / McCarthy. Im Vertrauen. 1996 München. S. 386

[116] Elisabeth Young-Bruehl. Hannah Arendt. Leben, Werk und Zeit. Aus dem Amerikanischen von Hans Günter Holl. 1986 Frankfurt am Main, S. Fischer Verlag. S. 588

[117] Hannah Arendt. Vom Leben des Geistes. Bd. I: Das Denken  Bd. II Das Wollen. 1979 München, Verlag R. Piper

[118] Hannah Arendt. Das Urteilen. Texte zu Kants politischer Philosophie. Hrsg. und mit einem Essay von Ronald Beiner. 1985 München, Verlag R. Piper

[119] Arendt / McCarthy. Im Vertrauen. 1996 München. S. 534-535

[120] Hannah Arendt / Karl Jaspers. Briefwechsel 1926 – 1969. Hrsg. von Lotte Köhler und Hans Saner. 1985 München, Verlag R. Piper

[121] Hannah Arendt / Kurt Blumenfeld. „…in keinem Besitz verwurzelt“ Die Korrespondenz. Hrsg. von Ingeborg Nordmann und Iris Pilling. 1995 Hamburg, Rotbuch Verlag

[122] Arendt / McCarthy. Im Vertrauen. 1996 München. S. 554

[123] Mary McCarthy. Kannibalen und Missionare. Aus dem Amerikanischen von Willy Thaler. 1981 München, Verlag Droemer & Knaur

[124] Mary McCarthy. Was sich verändert, ist nur die Phantasie. Erinnerungen. Aus dem Amerikanischen von Christa E. Seibicke. 1989 München, Hanser Verlag

[125] Young-Bruehl. Hannah Arendt. 1986 Frankfurt am Main. S. 100

[126] Young-Bruehl. Hannah Arendt. 1986 Frankfurt am Main. S. 99

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