Begriffsklärung „Freiheit“

Begriffsklärung „Freiheit“

 

In sprachanalytischer Hinsicht ist der Begriff, der gebraucht wird, Ausdruck einer Prägung durch erzieherische und gesellschaftliche Kriterien (Gebot/Verbot) oder von Wahlmöglichkeiten.

In etymologischer Hinsicht trägt jedes Wort in sich eine Geschichte, die über Jahrhunderte reicht, vergleichbar der genetischen Fülle von menschlicher Geschichte, welche den Wert individueller Besonderheit des einzelnen Menschen prägt.

In der deutschen Sprache ist der Begriff “Freiheit” abgeleitet vom althochdeutschen und gotischen “frî” – “frîhals”, bedeutet “einen freien Hals haben” resp. keinen Ring um den Hals haben, nicht  Sklave resp. nicht “leibeigen” sein. (Das genaueste Synonym von “frei” ist somit “ungebunden”, gleichzeitig “offen” – das “freie Feld” – sowie “unbehindert” – die “freie Hand”[1]). Im frühesten Germanischen bedeutete “frî – frija” auch “lieb, geliebt”, “frijabwa” – “Liebe”. (Analoge etymologische Verwandtschaft zwischen dem lateinischen “liber” und “lieb”. Interessant ist, dass von “liber” im Französischen nicht nur “liberté” entstand, sondern auch “libertin” – “ungebunden” im Sinn von “ausschweifend, liederlich”).

Die germ. Wurzel “frî”  hat auch die Bedeutung von “hegen, schonen” (mhd. “vrî-ten”, got. “frei-djan”). In etymologischer Hinsicht zeigt sich eine nahe Verwandtschaft zwischen “frija” und dem indogermanischen “priya”, was ebenfalls “lieb, geliebt” heisst, zugleich “Gattin, Tochter” (cf. noch heute “freien” – “heiraten”; der “Freier” etc.). Im Altslavischen heisst “prijati” – “beistehen, “prijatelji – “Freund”.

Aus dem einen Stamm  “frî” hat sich sowohl “Freiheit” wie “Friede” abgeleitet.[2]

Politische “Freiheit”: Begriff voller Widersprüchlichkeit: “liberté, égalité, fraternité” (an den Häusern geschrieben mit dem Zusatz “ou la mort”) wurde 1791 von Robespierre und seiner Anhängerschaft lautstark verkündet (Schiller: “Freiheit und Gleichheit hört man schallen”), aber mit dem Schaffott umgesetzt (nicht nur für Königtum und Adel, sondern auch für kritische Denkerinnen und Denker, so für Olympe de Gouges: “Déclaration des droits de la femme et citoyenne” etc.).

Was über Revolutionen von 1848 an als “Republik” (“res publica”) erklärt wurde – als “Freistaat” – bedeutet sofort die Negierung der Negation von Herrschaft durch neue Herrschaft. “Freistaat” hiesse von der Bedeutung her “Anarchie” (“arche” – Herrschaft, “archein” – herrschen) und ist somit Ausdruck einer Utopie. Eine Beispiel Wilhelm v. Humboldt’s  “Ideen zu einem Versuch, die Grenzen der Wirksamkeit des Staates zu begründen” (von 1851): Schutz nach Aussen, Rechtssicherheit nach Innen, im übrigen der freien individuellen und nationalen Entwicklung Raum lassen. Die zentrale Frage ist, wer über Recht verfügt und wem daher “Raum gelassen” wird.

“Willensfreiheit”: Vielfach unklarer Begriff. Gemäss Determinismus liegt eine vollständige kausale Erklärung des menschlichen Wollens im Rahmen wissenschaftlicher Möglichkeiten; gemäss Indeterminismus sind einzelne Handlungsentscheide wohl erklärbar, andere sind jedoch der Erklärbarkeit entzogen. Psychologie und insbesondere Psychoanalyse gehen der Komplexität von Verhalten, von Handeln und Nicht-Handeln nach; sie befassen sich mit der Multiplizität von je subjektiven Hintergründen von Wünschen, Begehren und Streben, von Gehorsam, Anpassung und Unterwerfung unter autoritäre Kriterien oder von Widerstand, Abwendung und Verweigerung – von Möglichkeiten der Erkenntnis von Wahlmöglichkeiten und deren Folgen. Eine grosser Teil menschlicher Wahlmöglichkeit wird eingeschränkt durch die Kräfte des Unbewussten, insbesondere durch verdrängte frühkindliche Erfahrungen, durch Abwehrreaktionen, durch triebhaft gesteuerte Wünsche, durch Ängste, durch aggressive Impulse (Wut, Hass, Rache etc.), durch Machthunger etc. (cf. S. Freud: Traumdeutung, Neurosenlehre, Totem und Tabu, Der Mann Moses und die monotheistische Religion).

Auch in der Philosophie – vor allem bei den skeptischen Denkern und Denkerinnen seit der Antike bis in die jüngste Zeit – wird die Bedeutung der Begriffe, die als Aussage von Erkenntnis gebraucht werden und die dazu dienen, Urteilsvermögen und Handlungsentscheide zu beurteilen, hinterfragt.

Wie wirkt sich die häufige Widersprüchlichkeit resp. die schwierige Übereinstimmung der Bedürfnisse, Forderungen oder Hemmungen von Körper, Seele (gr. psyche) und Geist (lat. intellectus) auf das aus, was “Freiheit” bedeutet?

Als Beispiel u.a. wähle ich Baruch de Spinoza (1632-1677 in Amsterdam):

“Der menschliche Körper kann auf vielfache Weise affiziert werden, durch die seine Wirkungskraft vermehrt oder vermindert wird, und ebenso auf andere Weisen, die seine Wirkungskraft entweder grösser oder kleiner machen. (…) Lehrsatz 1. Unsere Seele tut einiges, anderes aber leidet sie: nämlich sofern sie adäquate Ideen hat, tut sie notwendig einiges, und sofern sie inadäquate Ideen hat, leidet sie notwendig einiges” (Baruch de Spinoza)[3].

Unter “Definitionen der Affekte” geht er dabei auf die geheimen Kräfte des Menschen ein, durch welche das, was der Mensch als gut und als nützlich erachtet, durch ihn und in ihm beurteilt wird. Für Spinoza sind es: Begierde, Freude, Trauer, Bewunderung,, Geringschätzung, Liebe, Hass, Zuneigung, Abneigung, Verehrung, Spott, Hoffnung, Furcht (später auch Angst), Sicherheit, Verzweiflung  (…), Hochmut, Kleinmut, (…) Neid, Zufriedenheit mit sich selbst, Reue, Scham, Mitleid, (…), Dank oder Dankbarkeit, Rache, Grausamkeit, Kühnheit, Zaghaftigkeit, Bestürzung, Liebenswürdigkeit oder Bescheidenheit, (…) Habgier, Wollust[4].

Für Spinoza ist es die grosse, kaum zu erfüllende Aufgabe des Menschen, sich aus der “Knechtschaft der Affekte” zu befreien resp. Freiheit zu erlangen. “Die menschliche Ohnmacht, die Affekte zu meistern und zu hemmen, nenne ich Knechtschaft; denn der von seinen Affekten abhängige Mensch handelt nicht aus eigenem Recht, sondern unterliegt dem Schicksal, in dessen Gewalt er in dem masse steht, dass er oft gezwungen ist, dem Schlechteren zu folgen, obgleich er das Bessere sieht.[5]

Ein weiteres Beispiel in der Fortsetzung des skeptischen Denkens findet sich beim schottischen Denker David Hume (1711-1776 in Edinburgh): “Wir fühlen, dass unsere Handlungen in der Regel von unserem Willen abhängen, und meinen zu fühlen, dass der Wille selbst von nichts abhängt; denn wenn dieses bestritten wird, wird man bei einem Versuch bemerken, dass der Wille (oder die Velleïtät, wie die Schule sagt) nach jeder Richtung hinneigt, selbst in die Richtung, zu der er sich nicht entschliesst. Nun meint man, dass diese Velleïtät in diesem Augenblick gewollt oder ausgeführt werden konnte, weil es, wenn bestritten, im Augenblick eines zweiten Versuchs geschehen kann. Man bedenkt nicht, dass der phantastische Wunsch, unsere Freiheit zu beweisen, dann der Beweggrund des Handelns ist”( aus “Untersuchungen über die Prinzipien der Moral von 1751).

Gemäss der Bedeutung von “velleïtas” – halbes Wollen, schwaches und unvollkommenes, zögerndes Wollen (gemäss Thomas von Aquin ist damit der Gegensatz zur “voluntas absoluta” gemeint) kommt Hume (und mit ihm Fritz Mauthner) zur Einsicht, dass von “Willensfreiheit” zu sprechen ebenso absurd ist wie von einem “hölzernen Eisen” oder von der “Quadratur des Kreises” zu sprechen.

Dass Wahlmöglichkeiten somit nicht nur von den intellektuellen Befähigungen des Erkennens und Denkens geprägt werden, sondern ebenso – wenn nicht noch stärker –  nach dem Empfinden des richtigen Handelns ist eine Erkenntnis, die seit der Antike vermittelt wurde – bei Socrates(von Plato überliefert) von zentraler Bedeutung:

Polos: “Du wolltest also lieber Unrecht leiden als Unrecht tun?”

Sokrates: “Ich wollte wohl keines von beiden; müsste ich aber eines von beiden, Unrecht tun oder Unrecht leiden, so würde ich vorziehen, lieber Unrecht zu leiden als Unrecht zu tun.”

Polos: “Du also möchtest nicht ein Tyrann sein?”

Sokrates: “Nein, wenn du darunter dasselbe verstehst wie ich.”

Polos: Ich verstehe darunter eben das Vorige: dass man macht habe, im Staate was einem gut dünkt auszurichten, zu töten, zu vertreiben und alles zu tun nach eigenem Wohlgefallen.” (cf. Platon. Gorgias. Gespräch zwischen Kallikles, Sokrates, Chairephon, Gorgias und Polos)[6].

Sokrates im Gespräch mit Kallikles: ….”ich wenigstens, du Bester, bin der Meinung, dass besser meine Lyra verstimmt sein und misstönen möge oder ein Chor, den ich anzuführen hätte, und dass eher die meisten Menschen nicht mit mir übereinstimmen, sondern mir widersprechen mögen, als dass ich allein mit mir selbst nicht zusammenstimmen, sondern mir widersprechen müsste.[7]

…”ein Leben ohne Selbsterforschung verdient gar nicht, gelebt zu werden”…. (cf. Platon. Apologie von Sokrates: Nach der Verurteilung)[8].

Immanuel Kant (1724 – 1804 in Königsberg) führte das skeptische Denken zu einer umfassenden Architektur der komplexen Zusammenhänge von “Freiheit”. In seiner “Kritik der reinen Vernunft” (1787) hält er fest, dass “zwar der Verstand  einer Belehrung und Ausrüstung durch Regeln fähig, Urteilskraft aber ein besonderes Talent sei, welches nicht belehrt, sonder nur geübt sein will”[9]. In der “Kritik der praktischen Vernunft” (1788) geht er auf die existentielle Umsetzung von Erkenntnis und “Üben” ein, aus welcher er das “subjektive Prinzip zu handeln” ableitet, das er als den “kategorischen Imperativ” resp. als die für den Menschen gültige “Maxime” in seinen Wahlmöglichkeiten bezeichnet. “Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde[10]. Aus dem “kategorischen Imperativ”, der die Grundlage für die Tragbarkeit von Handlungsentscheiden bedeutet, leitet Kant den “praktischen Imperativ” ab: “Handle so, dass du die Menschheit – sowohl in deiner Person als in der Person eines anderen – jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloss als Mittel brauchst”[11].

Es geht um die zentrale Bedeutung der durch die Menschenrechtserklärung von 1948 ausgesprochenen Norm, dass die gleiche Ehre des Menschseins jedem Menschen in seiner individuellen Besonderheit zusteht, dass Menschen andere Menschen nicht missbrauchen, nicht demütigen und nicht quälen dürfen, da sie selber nicht ertragen könnten, dass ihnen dies angetan würde.

Freiheit erachte ich in erster Linie als menschliches Grundbedürfnis, das der Umsetzung bedarf und daher als menschliches Grundrecht reziproker Beachtung bedarf, d.h. auch den Einbezug von Pflicht (cf. Simone Weil. Enracinement). Wie das Erproben und Erkunden, die Erfahrung von Wahlmöglichkeiten in der frühen Kindheit zugelassen werden, in welchem Mass auch “falsches” Verhalten oder Handeln als Teil des praktischen Lernens und Wissens von “hierarchisch” (“hieros” – heilig, zu den Göttern gehörig; “arche” – Herrschaft) nächststehenden Bezugspersonen (Mutter, Vater u.a.m.) ertragen oder gar mitgetragen wird, beeinflusst massgeblich das Mass des  Ich-Wertes (den inneren Persönlichkeitswert) eines Kindes resp. Menschen, damit die Wahlmöglichkeit unter massgeblichen Impulsen und Gefühlen (hemmend: Angst; aktivierend: Hunger, Wunsch, Sehnsucht etc.).

Grundhaltung der Reziprozität (“recus” – rückwärts; “procus” – vorwärts), mit dem Prinzip der Grammatik der Subjekt-Objekt-Verbindung über das vom Subjekt bestimmte Handeln (Verb) vermag Wahlmöglichkeiten zu erleichtern, deren Folgen tragbar sind, so dass die von Sokrates gemeinte sowie die von Kant mit dem kategorischen und dem praktischen Imperativ angestrebte Übereinstimmung möglich wird. (cf. auch Volksweisheit: “Was ich nicht mag, dass man mir tut, das tu ich keinem anderen zu”. – “Was du nicht magst, das man dir tut, das tu auch keinem andern zu” etc).

Gemäss Hannah Arendt bedeutet Freiheit den mir der menschlichen “Gebürtlichkeit“ immer wieder sich offenbarenden Neuanfang, der dank des kritischen Denkens Wahlmöglichkeiten des Urteilens, Entscheidens und Handelns ermöglicht. Freiheit setzt sich gemäss H. A. auf vornehmste Weise um im Verzicht auf das Tun des Gleichen, wenn dadurch Leid, Schmerz oder Schaden verursacht wurde, letztlich im Verzicht auf Rache – im Verzeihen.

 

[1] Fritz Mauthner. Wörterbuch der Philosophie. Bd. I. Nachdruck der Erstausgabe von 1910. Diogenes Verlag, Zürich 1980.

[2] Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. Friedrich Kluge. Verlag Karl J. Trübner, Strassburg 1915

[3] Baruch de Spinoza (1632 – 1677). Die Ethik nach geometrischer Methode dargestellt (1665). Übersetzung von Otto Baensch. Felix Meiner Verlag, Hamburg (o.J.), S. 111

[4] a.a.O. S. 167 – 183

[5] a.a.O. S. 186

[6] nach Übersetzung von Friedrich Schleiermacher. Rowohlt Verlag, Reinbek b. Hamburg

[7] a.a.O. S. 238

[8] a.a.O. S. 27

[9] Immanuel Kant. Werke in 12 Bänden. Kritik der reinen Vernunft. Hrsg. von Wilhelm Weischedel. Insel Verlag, Wiesbaden 1956, S.184

[10] ibid. Kritik der praktischen Vernunft. S. 51

[11] a.a.O. S. 61

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