Eröffnung von Olivia Heusslers Photoausstellung ‚Bildbruchbild’ in der Universität Zürich am 19. April 1991

Eröffnung von Olivia Heusslers Photoausstellung ‚Bildbruchbild’ in der

Universität Zürich am 19. April 1991

 

Gibt es für eine Photographin oder für einen Photographen Regeln des Sehens? Kann das Auge trainiert werden, wie etwa die Beinmuskulatur eines Langstreckenläufers? Oder ist das professionelle ‚Seherinnen’- und ‚Seher’auge feinnerviger als andere Augen? Ist die Sehkraft stärker? Oder ist es wie andere professionelle Organe durch Abnützung bedroht, durch Ermüdung und Abstumpfung?

Was hat es mit dem Auge auf sich, das einzelne Bilder aus der gesamten in-Erscheinung tretenden Realität isoliert und herausrückt, sodass Fremdheit Nähe wird, unausweichbare Nähe, die beglücken oder erregen oder verstören kann wie eine Berührung?

Ich denke, dass alle unsere Sinne, das Auge aber auf besondere Weise, Rezeptoren sind im Dienst der Aufmerksamkeit, dieser innersten Befähigung, das Verborgene sowie das Offenbare zugleich wahrzunehmen und diese auf Uebereinstimmung oder auf innere Brüche zu prüfen. Spinoza, der verfemte Philosoph, der für seinen Lebensunterhalt Lupen herstellte, zur Stärkung geschwächter Sehkraft, sagte von der Aufmerksamkeit, sie sei ’das Auge der Seele’, sie stelle die Vermittlung her zwischen der Vielfalt aller Erscheinungen, die jedoch mehr sind als blosse Erscheinungen, die das Ganze zu Anschauung bringen, und dem Prinzip schöpferischer Göttlichkeit im Menschen.

Scheint Ihnen das weit hergeholt zu sein?

Ich denke, dass die Aufmerksamkeit, die das gleitende Sehen zum besonderen Sehen anhält und zum Verweilen auf einem besonderen Ausschnitt der Realität, dass sie tatsächlich über die ganze Kraft der Seele, über die unverwechselbare individuelle Persönlichkeit des sehenden Menschen, hier nun der Photographin Olivia Häussler, Auskunft gibt, über die Werte, die für sie ausschlaggebend sind, damit sie ein ganz bestimmtes Segment der Welt und der Gesellschaft ‚sieht’ und ins Bild nimmt.

Die Werte aber, die eine Photographin vertritt, sind nie auf zufällige Weise ‚einfach’ gegeben. Sie haben sich zumeist aus dem eigenen Erleiden und Verzeihen, aus der Erfahrung von Widerständen, Härte oder Grossmut ergeben, aus erlebter Not oder aus erlebtem Glück, aus all dem und aus mehr, das verarbeitet erden musste, damit eigene Kriterien für das Urteilen und für das Mitgefühl, für das Zustimmen, Ablehnen und für das Handeln- damit auch für das Sehen- entstehen konnte.

Olivia Heussler und ich hatten einige Male die Arbeit zusammen geleistet, die Arbeit der Aufmerksamkeit: in Bulgarien etwa, in der Türkei, aber auch in der Schweiz. Das war zugleich Begleitung und gegenseitige Unterstützung. Ich kann sagen, dass die Welt zu ‚sehen’, sie mit dem besonderen Auge der Photographin aufmerksam zu sehen, ihre Leidenschaft ist, aber zugleich die ihr selbst gestellte schwierige Aufgabe: durch die festgehaltenen Realitätsausschnitte das Ganze der Realität nicht zu verfälschen, dieses weder grausamer zu machen, als es ist, noch harmloser. Mir scheint jedoch, dass in allen Photos, die hier ausgestellt sind, in all diesen Realitätsausschnitten aus 9 Ländern der Welt, das ganze Menschenbild und das ganze Weltbild, das sie vertritt, erkennbar ist: dass es keinen Menschen gibt, kein Kind, keine Frau und keinen Mann, die nicht ganz und gar wertvoll wären, um im Bild festgehalten zu werden, dass auch die Arbeit der Menschen – ihr Lebensunterhalt und ihr Werk – Respekt verdienen, und dass es keine politischen Zustände gibt, weder alltägliche noch aussergewöhnliche, die nicht von Bedeutung für das Leben der Gemeinschaft wären.

Ich denke, dass hierin die Bedeutung dieser Bilder liegt, ihre Zusammengehörigkeit in der Verschiedenheit, die Bedeutung dieser ‚Bildbruchbilder’, die einen Teil der Welt herausbrechen, um die ganze darzustellen.

Ich wünsche Ihnen bei der Betrachtung der Bilder viel Gewinn und viel Vergnügen. Wie sie wahrscheinlich wissen, sind alle ausgestellten Photos auch käuflich. Wer sich nicht heute Abend entschliessen mag, kann sie beim Schweizerischen Arbeiterhilfswerk bestellen.

 

 

 

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