Was wollen Kinder wissen, wenn sie Fragen stellen?

Was wollen Kinder wissen, wenn sie Fragen stellen?[1]

Überlegungen zu Macht und Ohnmacht im Verhältnis von Eltern und Kindern

 

Im Leben der Kinder wird der Alltag in starkem Mass geprägt durch die Bedingungen von Sicherheit und Unsicherheit der Eltern. Diese sind verknüpft mit persönlichen und familiären Geschehnissen im Beziehungs-, Berufs- und Wohnbereich, andererseits mit Tatsachen, die im weiteren Umfeld oder gar im weltweiten Bereich die Realität prägen, ob mit Staunen oder mit Gefühlen der Hilflosigkeit oder gar der Ohnmacht. Naturkatastrophen, politischer Fanatismus und militärische Gewalt, menschliche Masslosigkeit mit destruktiven Folgen im technologischen und wirtschaftlichen, im chemischen und medizinischen Bereich werden zum Teil selber erlebt, im Umkreis miterlebt oder in Bildern und Berichten durch die Medien vermittelt.

Angst und Entsetzen, oft Ungewissheit in Hinblick auf die Zukunft lasten auf den Erwachsenen durch das, was die Gegenwart prägt. All dem sind die Kinder in doppeltem Mass ausgesetzt: nicht nur den Bedingungen der Zeit, sondern auch den Empfindungen und Reaktionen der Eltern wie dem Wissen oder Unwissen, das Kinder in ihrem Bedürfnis, Antworten auf ihre Fragen zu bekommen, ständig erleben – oft auf widersprüchliche Weise. Denn alles ist rätselhaft für die Kinder, und jede Frage und jede Antwort sind von Bedeutung, damit Lebenssicherheit und Ichsicherheit möglich werden. Die grosse Aufgabe, die sich den Eltern – den Erwachsenen überhaupt – stellt, ist, den Weg des Deutens und Erklärens richtig zu finden.

 

Kindheit – dunkler Erdteil

 

“Mischung

dieser Mutter

dieses Vaters

unterm geschlossenen Augenlid

aus Stern.”

Die Zeilen von Nelly Sachs schliessen viel von dem ein, was Erwachsene an Fragen in sich spüren, wenn sie Kindern gegenüber ihrer Verantwortung gerecht werden sollen, resp. gerecht werden möchten. Was wurde an Erfahrungen der Ohnmacht in ihnen selber zugedeckt, um erwachsen werden zu können? Worin zeigt sich die Macht, die sie als Mutter oder als Vater ausüben, nicht nur als Aufgabe, sondern als ängstigende Belastung?

Es ist eine Entdeckungsarbeit in die Zusammenhänge von Angst und von Möglichkeiten deren Lösung.

Kinder “kommen zur Welt”. Der Ausdruck ist schön, beinah biblisch. Aber “Welt” bedeutet dabei nicht Himmel und Erde, nicht Seen und Wälder, nicht Küsten und Meere, sondern einen winzigen Bruchteil Platz im sogenannten “Elternhaus”, das heute in den wenigsten Fällen ein Haus ist. Meistens  ist es – in unserer Weltgegend – eine “Eltern”wohnung, selten weiträumig, eher eng, häufig auch nur ein Zimmer, manchmal nur ein “Mutter”zimmer, aus dem der Vater sich davongemacht hat, obwohl es unbestrittenermassen Vater und Mutter braucht, damit ein Kind zur Welt kommt.

Als vor vielen Jahren eine junge Frau, die sich in einem Strafverfahren befand, mich anrief, nannte sie ihren Namen und fügte bei: “So heisse ich, obwohl ich nicht weiss, was der Name mit mir zu tun hat”. Sie war in Waisenhäusern aufgewachsen, ohne Kenntnis ihrer Mutter, die sie nach der Geburt der staatlichen Adoption ausgesetzt hatte. Keine Erinnerung blieb ihr an die ersten sechs Kindheitsjahre. Vom zwölften Altersjahr an wurde sie missbraucht, gebar mit sechzehn Jahren ein erstes Kind, ein Mädchen, das sie zur Adoption freigab, aber nach wenigen Wochen erfuhr, dass es im “Durchgangsheim” gestorben war, worauf sie ihr Land verliess. Sie zog in ein nordeuropäisches Land, lebte von Schwarzarbeit, gebar infolge verschiedener flüchtiger Beziehungen zwei weitere Töchter, für die sie nicht zu sorgen vermochte und die sie weitergab, schliesslich einen Sohn, den sie bei sich behielt und alleine aufzuziehen beschloss. “Den Mädchen, die ich geboren habe, soll es besser gehen als mir. Das Waisenhaus war ein Gefängnis. Eine bessere Mutter sollen sie haben, als ich es für sie sein könnte”, sagte sie mehrmals. Da in ihrem Land Kriegsgewalt herrschte, versuchte sie, mit dem kleinen Knaben in der Schweiz Unterschlupf zu finden, mit dem Wissen um ihre Verantwortung und zugleich ohne Erfahrung stärkender und sichernder Beziehung, täglich von Ängsten besetzt, dass ihr dieses Kind entzogen würde, wenn sie nicht als “gute” Mutter Anerkennung finden könnte.

Es war ein weiter Weg in die vielen Schichten ihres seelischen Leidens, die sie unter dem Überlebensdruck zugedeckt hatte. Allmählich gelang es ihr, der Stimme der Verzweiflung in ihr Ausdruck zu geben, mit Gefühlen der Wut zu schreien, auch zu wimmern und zu schluchzen, dann nach und nach über die Lebenskraft ihres eigenen Ichs zu staunen und allmählich dieses Staunen in ein Gefühl der stärkenden Fürsorge für sich selber und ihr Kind zu verändern. Als sie die Schweiz verlassen musste, war ihr bewusst, dass sie erstmals durch die Aufarbeitung ihrer Geschichte die unbekannte Herkunftsinsel mit dem Namen “Mutter”, in welcher sie ihre Herkunft hatte, akzeptieren  konnte.

Die individuelle Besonderheit menschlichen Lebens, die mit der Geburt eines Kindes sichtbar und spürbar wird, ist mit der mütterlichen Zustimmung zum Leben des noch ungeborenen Kindes während der Schwangerschaft – in der pränatalen Zeit – verknüpft, wird jedoch durch den quälenden Schmerz geprägt, wenn die Mutter das kleine Kind “preisgibt”, resp. preisgeben muss, um es  in der Entwicklung und Entfaltung seines eigenen Ichs zu begleiten.

Das Kind wird nicht gefragt, ob es zur Welt kommen will.. Es muss vorlieb nehmen mit den Verhältnissen, in die hinein es geboren wird, mit den materiellen ebenso wie mit den geistigen. Eltern können dem Kind zuerst keine andere Realität bieten als die eigene, und diese ist zumeist geprägt von Ängsten, Verunsicherungen und Verletzungen, vom – häufig verdrängten – Leiden der eigenen Kindheit. Ob dieses in materieller oder in seelischer Not bestand, in Hunger und Zank, in erlebter Kälte, Verlogenheit oder Gewalt, in mangelnder Anerkennung oder in vermisster Förderung, so oder so hing für die meisten Erwachsenen, die nun Vater und Mutter sind, immer wieder dumpfe Traurigkeit  über den eigenen Kindertagen und –nächten.

Kindheit ist ein dunkler Erdteil, über den wir wenig wissen, obwohl wir ihn, als wir Kinder waren, alle durchquerten, obwohl eine grosse Anzahl Fachleute aus Psychologie und Psychoanalyse, aus Pädagogik und Medizin, aus allen Sparten der Sozialwissenschaften sich damit befassen, obwohl es kaum Dichterinnen oder Dichter gibt, die nicht versucht haben, ihre eigene Kindheit darzustellen. Aber wie diese ersten Welt- und Selbsterfahrungen wirklich sind, diejenigen des Wohlbefindens ebenso wie diejenigen der Angst oder der Auflehnung, können wir nur im Ungefähren nachvollziehen, durch spätere Erinnerungen, durch Erzählungen von Familienangehörigen oder durch Beobachtung anderer Kinder. Wir wissen kaum mehr, wie das war, als die “Erziehung” einsetze, schon in der Wiege, als unser Wille – die geheime Sprache unserer innersten Bedürfnisse – der Macht der Eltern ausgesetzt war (der “Elterngewalt”, wie es im Gesetz heisst), später derjenigen der Pädagoginnen und Pädagogen auf vervielfachte Weise, als wir spürten, dass das, was uns wichtig war, nicht ernstgenommen wurde, dass wir auf Fragen keine Antworten erhielten – dass wir “bloss” Kinder war, “das” Kind, Objekt, Sache.

Bedürfnisse der Kindheit, die ungestillt bleiben, nicht Launen oder Festtagswünsche, sondern Grundbedürfnisse wie diejenigen nach Nahrung, nach Geborgenheit, nach Liebe, nach Wissen, nach Respekt, nach Selbstentfaltung – Bedürfnisse, die zugleich jene  nach Sicherheit wie dasjenige nach Freiheit einschliessen –  wirken fordernd oder hemmend weiter und werden im Erwachsenenalter häufig auf verhängnisvolle Weise kompensiert, wie dies seit den Untersuchungen von Anna Freud, von Melanie Klein, von Winnicott und anderen sorgfältigen Analytikern und Analytikerinnen nachgewiesen wird, wie ich durch meine eigenen langen Erfahrungen immer wieder erkenne. Erst wenn das Leiden, das aus dem Mangel oder aus der Vernachlässigung, aus der Überfütterung oder Überbetreuung erwachsen ist, in den Zusammenhängen erkannt und verstanden werden kann, kann es auch verziehen und korrigiert werden. Es wird nicht erneut anderen Menschen, zum Beispiel den eigenen Kindern, weiter auferlegt oder sogar erneut angetan. Denn die Aufarbeitung der längst vergangenen Kindheitsbedingungen allein reicht nicht aus, um das Leiden zu heilen, ob dieses gross oder klein war. Dass Groll und Wut sich Ausdruck zu schaffen vermögen, dass die Anklage nicht mehr diffus, sondern begründet formuliert werden kann, befähigt noch nicht zum Neubeginn, im Gegenteil. Solange es bei Anklage und Wut  bleibt, können Aufmerksamkeit und Verständnis für die Bedürfnisse des eigenen Kindes nicht zustande kommen, nicht anders, als wenn erlebte körperliche Verletzungen verdrängt werden. Letztlich macht nur Versöhnung liebesfähig.

Versöhnung hat nicht mit schulterklopfender Gestik zu tun. Damit ist nichts Äusserliches gemeint, sondern eine innere Bereitschaft, die über die Erkenntnis der verstrickten Zusammenhänge hinausgeht, in denen Täter oder Täterinnen immer auch Opfer sind: die Bereitschaft, diejenigen Menschen, die uns weh getan haben – häufig in Unkenntnis der weittragenden Verantwortung – aus der Anklage zu entlassen und sie “von den Folgen ihres Handelns zu entbinden”, wie dies die Philosophin Hannah Arendt formuliert. Hannah Arendt führt weiter aus, dass das Heilmittel gegen das Unwiderrufliche, das heisst gegen die Tatsache, dass nichts, was getan wurde, rückgängig gemacht werden kann, allein in der Fähigkeit zu verzeihen liegt.  Weil damit ein neuer Anfang gesetzt werden kann, ist diese Fähigkeit zutiefst Ausdruck von Freiheit. Verzeihen kann daher weder gefordert noch erwartet werden. Es erfolgt aus der verstehenden Bereitschaft, der Freiheit, die ein Grundbedürfnis ist, eine Chance zu geben: die Chance, zukünftiges – eigenes – Handeln von den Schatten vergangenen – fremden – Handelns zu befreien.

Wenn das Aufwachsen allerdings schwerelos und heiter war, durch liebevolle und sichere Hände geleitet, was einzelnen Menschen zweifellos gewährt wurde resp. gewährt wird, genügt es als Vorbild und Basis fürs Erwachsenwerden, letztlich auch für die Verantwortung, Kinder  auf die Welt zu bringen.

Das klingt theoretisch, ist aber nichts anderes als das, was für ein Kind das “Milieu” ausmacht, in das es hineingeboren wird und von dem es selber wieder geprägt wird. Es ist der “Erfahrungsvorsprung” von Frauen und Männern, die Mütter und Väter – eventuell auch KindergärtnerInnen, LehrerInnen und Verantwortliche in vergleichbaren Bereichen – sind und die damit eigentlich wieder am Anfang stehen. Es ist nicht leicht, diese Situation angstfrei, als Raum der Freiheit und zugleich der Verantwortung anzunehmen und zu nutzen, als Raum, in dem Zukunft Tag für Tag gelebt werden kann. Immer wieder gilt es sich zu fragen, warum viele trotz eines aufgeklärten Bewusstseins und/oder einer unkonventionellen Lebensführung in Erziehungsmuster zurückfallen, unter denen sie selber gelitten haben. Warum oft das Fragen und Träumen der Kinder erstickt wird, vielleicht durch zu viele Erklärungen. Warum immer mehr Spielsachen gekauft werden, statt mehr mit den Kindern selber zu spielen. Warum die Zeit haushälterisch eingeteilt wird, statt die Zeit darauf zu verwenden, das Kind zu lehren, mit Händen, Augen und Gaumen, mit der Nase im Wind und mit dem Ohr auf der Erde die “Welt”, in die es gekommen ist, mit ihren Düften und ihrem Geschmack, mit den weichen und trockenen, nassen und harten Elementen, mit den Pflanzen und Tieren zu erkunden, selbst wenn dies schmutzige Schuhe nach sich zieht oder sogar ein paar Schrammen am Knie, selbst wenn Eseleien dabei unvermeidlich sind. Warum unnötige Gebote und Verbote aufgestellt werden, statt zu überlegen, was das Kind tatsächlich gefährdet und was es daher nicht tun sollte. Warum auf das Kind Ängste übertragen werden. Warum es behandelt wird wie eine Sache, wie ein Besitz, wie ein Werk, über das verfügt werden kann. Warum es nicht von Anfang an als Subjekt respektiert wird. Warum Theorien ausprobiert werden. Warum leichtfertig damit umgegangen wird statt mit grosser Aufmerksamkeit. Warum das Kind nicht das wichtigste Engagement ist, aus welchem Erwachsene erst entlassen werden, wenn das Kind sie entlässt, wenn  es stark genug ist, allein die Welt zu durchqueren.

Nicht nur Kindheit ist ein dunkler Erdteil. Das Leben, das wir als Erwachsene leben, wurzelt weiter darin, und das, was wir tun und was wir unterlassen, auch den Kindern gegenüber, die wir in die Welt gestellt haben, trägt lange an den frühen Schatten, die während langer Zeit nicht aufgelöst erden konnten. Diesen fügen sich Schatten an, die, handelnd oder unterlassend, durch Schuld geschaffen wurden, leichte oder schwerere, aus der sich niemand selber entlassen kann, aus der nur entbunden werden kann durch das Verzeihen, das Kinder gewähren können.

Von grossem Wert ist es, Versöhnung mit der eigenen Kindheit zu schaffen, damit Kinder, denen das Leben als Erwachsene bevorsteht, die Verlässlichkeit des Lebenswertes nie in Frage stellen müssen.

 

[1] Vortrag Elternschule Chur am 25. 11. 2003

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