Was bedeutet Dialogik? – Salongespräche am Falkenplatz, Weiterbildung Universität Bern

Was bedeutet Dialogik?

Salongespräche am Falkenplatz, Weiterbildung Universität Bern

 

Bevor wir auf die dialogischen Ansätze im Werk der fünf Autorinnen eingehen, möchte ich erläutern, was unter Dialogik in der Philosophie zu verstehen ist, resp. wie und wann Philosophie sich als Dialogik entwickelt hat.

Sie alle kennen den Begriff des Dialogs. Der Wortsinn ist klar: Zwei-/ Zwiegespräch. Nicht doppelter Monolog, sondern Neben- und Miteinander im Gespräch, gegenseitiges An- und Zuhören, dabei auch Aushalten und Stehenlassenkönnen der Differenz, des anderen Arguments, der anderen Überzeugung, der Andersheit des anderen Menschen, des – vielleicht störenden – Widerspruchs, all dies in Anerkennung der Parität der beiden Positionen, ohne Herabsetzung oder Entwertung.

All dies hat schon sehr viel mit Dialogik zu tun, mit der Überwindung der Mono-Logik, d.h. der monokausalen und/oder apodiktischen Theorien der einzigen, alleinigen Wahrheit, wie sie z.B. in Aristoteles’Logi., im Satz vom Widerspruch, Ausdruck findet: dass es unmöglich sei, dass „dasselbe demselben in derselben Beziehung zugleich zukommen un dnicht zukommen könne“. Die dialogische Veränderung kann etwa heissen, dass es möglich ist, dass demselben in derselben Beziehung zugleich Verschiedenes zukommen kann, oder dass es unmöglich ist, dass nur dasselbe demselben in derselben Beziehung zugleich zukommen oder nicht zukommen kann.

Die dialogischen Ansätze finden sich schon in der Antike. Sie sind konnotiert mit denjenigen Denkangeboten und Welterklärungsversuchen, welche die Dualität oder gar die Pluralität von Realität annahmen, die auch den methodischen Zweifel, oder die Erfahrung des Gegenteils und Widerspruchs oder gar die Erfahrung der unstillbaren, unaufhörlichen Wahrheitssuche als Erkenntnisweg vertraten. In der hebräischen Bibel, zum Beispiel, findet sich in den Sprüchen des Jesus Sirach (33, 15, 16; 42, 25) die Feststellung dieses vielfach Doppelten:

„Also ist das Gute wider das Böse, und

das Leben wider den Tod, und der

Gottesfürchtige wider den Gottlosen

geordnet. – Also schaue alle Werke des

Höchsten: so sind immer zwei und zwei,

und eines wider das andere

geordnet …

und er hat ein jegliches geordnet,

dass eines dem anderen nützlich sei.“

Die Verse finden sich als Motiv in Hermann Levin Goldschmidts „Philosophie als Dialogik“, dem in diesem Jahr im Alter von 84 in Zürich verstorbenen Dialogiker (geb, 1914 in Berlin). Ich denke allerdings, dass es weniger die monotheistische Bibel war, die das notwendige Nebeneinander von Wahrheiten und die den nicht-abschliessbaren Weg zur „Wahrheit“ begründet hat, als Sokrates, der bekanntlich die Form des Dialogs als ein gegen- und wechselseitiges Zuhören, des Fragens, des Dagegensprechens, des vorläufigen, vorweg neu sich entwickelnden Antwortens begründet hat, ja, der im „Symposion“ den Eros, der den Philosophen/die Philosophin erfüllt (tatsächlich, schon damals, auch die Philosophin, erklärt er doch die weise Diotima als seine Lehrerin), als den Sohn des Poros, des göttlichen Wegefinders, und der Penia, der Bedürftigkeit, als „Daimon“, der unbeschuht, aber voll unermüdlicher Kraft, von Haus zu Haus geht und auf den Türschwellen übernachtet. (Text lesen, Symposion, 23. 202e-203a ff).

Sie wissen, Sokrates war der Stadtregierung von Athen unbequem, er wurde als Jugendverführer angeklagt und im Jahr 399 v. Chr., im siebzigsten Altersjahr (geb. 469), zum Tod durch den Giftbecher verurteilt.

Weil die Einführung nur den knappesten Überblick erlaubt, will ich die ganze Linie des Skeptizismus seit der Antike bis heute nur gerade erwähnen und so stehenlassen, diese Linie der Infragestellung aller apodiktischen Wahrheitslehren; es wäre dies ein Vorlesungs- und Seminarprogramm für ein ganzes Semester. Ich setze daher mit dem –noch nicht abgeschlossenen – Programm der Emanzipation ein. Politisch gingen ihm die Proklamationen der Freiheit voraus, in denen erstmals die gleichen Rechte der Menschen (auch wenn darunter ausschliesslich die Männer verstanden wurden) gegen die Vorrechte, resp. den alleinigen Herrschaftsanspruch der Mon-archen verkündet wurden: die Bill of Rights von Viginia vom 12. Juni 1776, die französische Verfassung vom 3. September 1791, in welcher die Déclaration des Droits de l’Homme verankert wurden, die ebenfalls 1791 verkündete Déclaration des Droits de la Femme et Citoyenne der anschliessend durch Robespierre zum Tod verurteilten Olympe de Gouges, überhaupt die schon zu Beginn des 19. Jahrhunderts sich Öffentlichkeit verschaffenden frühfeministischen Ansätze (mary Wollstonecraft, Flora Tristan, Rahel Varnhagen etc., mit den Forderungen, Frauen neben und mit den Männern gleichberechtigt in allen Bereichen von Gesellschaft, Politik, Rechtswesen, Kultur etc. partizipieren zu lassen), sodann die Verfassungen von 1848 überall in der Welt – ja bis zur Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte von 1948, nachdem das je  gleiche Recht aller so verschiedenen Menschen auf Differenz und auf den Respekt vor der Differenz millionenfach in den Gasöfen und Massengräbern für nichtig erklärt und das alleinige und einzige Recht auf Leben totalitär auf die nur je Gleichen und auf die einzige „Wahrheit“ des Führers eingeschränkt worden war.

Philosophisch ging wohl die erste systematische Infragestellung einer alleinigen und genügenden Wahrheitsbegründung von Ludwig Feuerbachs „Grundsätzen der Philosophie der Zukunft“ aus, im Spätherbst 1843 im Verlag des Literarischen Comptoirs, Zürich und Winterthur, erschienen. Mit dem damals 44jährigen Feuerbach wurde Hegels absolutistischer Anspruch auf DIE Vernunft als Quelle DER Wahrheit aufgehoben. Wohl hatten schon Kierkegaard, Stirner und Marx korrigierend eingegriffen, insofern Wahrheit, nach Kierkegaard, nur von Gott ausgehen konnte, nach Stirner vom ICH, nach Marx in den Verhältnissen begründet lag. Aber Feuerbach lehnte jede EINE Wahrheit ab, weil EINE Wahrheit nicht DIE Wahrheit sein  konnte. Erhielt fest, dass der „menschliche, der republikanische Philosoph dagegen sagt: ich bin auch im Denken, auch als Philosoph, Mensch mit Menschen“, und, etwas später „Die wahre Dialektik ist kein Monolog des einsamen Denkers mit sich selbst, sie ist ein Dialog zwischen Ich und Du.“ Für den Feuerbach jener revolutionären Jahre bestand die Aufgabe der Philosophie nicht darin, „von den sinnlichen, das heisst, den wirklichen Dingen weg-, sondern zu ihnen hinzukommen“.

Es war ein Ansatz, den er selber nicht durchhalten konnte. Wenige Jahre später, bis zu seinem Tod im Jahre 1872, verfiel er wieder der beinah fanatisch monomanen Monologik der wissenschaftlichen Leugnung Gottes, der Einseitigkeit und Ausschliesslichkeit der so in einer ganzen Reihe von Werken behaupteten Beweisführung.

Während Feuerbachs dialogischer Ansatz der „Grundsätze einer Philosophie der Zukunft“ von einigen anderen, weniger bedeutenden Jung-/Nachhegelianern als Antwort auf Hegels gewaltigen monolithischen Vernunftrekurs, auf diesen „Monolog des einsamen Denkers mit sich selbst“, zwar geteilt, aber nicht weitergeführt wurde, fand eine nachhaltigere, weiterführende Wiederaufnahme der Dialogik in der Zeit nach den Ersten Weltkrieg statt. Zu erwähnen sind Hermann Cohen und Martin Buber. Wilhelm Dilthey hatte schon 1890 der Preussischen Akademie eine Abhandlung vorgelegt, die „Beiträge zur Lösung der Frage vom Ursprung unseres Glaubens an die Realität der Aussenwelt und seinem Recht“, worin er die Erfahrung der Aussenwelt als eine Erfahrung des Widerstandes darlegte, in welcher das andere Ich, das Du, von besonderer Bedeutung ist. 1919 wurde aus dem Nachlass Hermann Cohens „Religion der Vernunft aus den Quellen des Judentums“ herausgegeben, in dessen 8. Kapitel die Unterscheidung zwischen Mitmensch und Nebenmensch gemacht wird. Der Mitmensch als das Du (und nie als ein Es) wird in dieser Unterscheidung wenig später, 1923, von Buber in seinem berühmt gewordenen „Ich und Du“ aufgenommen. Im gleichen Jahr 1923, dann 1925, 1926 erschienen weitere Werke mit dialogischem Ansatz – von Ehrenberg, Max Scheler, Friedrich Gogarten, Eberhard Grisebach, und, vor diesen schon, 1921, von Ferdinand Ebner mit „Das Wort und die geistigen Realitäten“ oder im gleichen Jahr ein „Bekenntnisbuch“  von Max Brod, dem Freund Kafkas, „Heidentum, Christentum, Judentum“, in welchem er die „Unvereinbarkeit des Zusammengehörigen“ festhielt, weiter, Ende der Zwanzigerjahre, Karl Löwith, („Individuum in der Rolle des Mitmenschen“), Nicolai Hartmann („Ethik“), Romano Guardini, Franz Rosenzweig („Stern der Erlösung“), später dann Ansätze in der Existenzphilosophie und in einer vom ursprünglichen Marxismus inspirierten politischen Philosophie, beide letztgenannten Ansätze gerade auch bei den Autorinnen, die wir an den nächsten Abenden kennenlernen werden. Goldschmidts „Philosphie als Dialogik“ erschien erstmals 1948, im Jahr der „Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte“, als philosophische Antwort auf den Abbruch alles Dialogischen durch den pluralitätsfeindlichen Ausschliesslichkeitsanspruch der totalitären Ideologien, des Stalinismus, des Faschismus, insbesondere des Nationalsozialismus.

Zusammenfassend: In allen dialogischen Ansätzen geht es um die gleichzeitige Pluralität und Diversität, Vielfalt und Verschiedenheit von Realität, von Erfahrungen, Denken und Handeln, Zustimmung und Ablehnung, auch um den Wandel dieser Vielfalt und Verschiedenheit, um die Ablehnung einseitiger Schwarz-Weiss-Modelle, um das gleichzeitige Nebeneinander auch gegensätzlicher „Wahrheiten“ oder Realitäten, schliesslich um das gelingende oder nicht gelingende Aushaltenkönnen der vielfachen Identitäten und Andersheiten/Fremdheiten im eigenen Ich, das sich in dieser Vielfalt als Du und als Ich zugleich konstituiert, über das Du, über die Herstellung einer verlässlilchen, eben dialogischen Beziehung. Im weiteren Raum des Zusammenlebens der Menschen liegt hierin letztlich die Voraussetzung, wenn nicht gar die Garantie eines gelingenden demokratischen Entwurfs, solange dieser durch das gleichzeitige Nebeneinander des Verschiedenen, Gegensätzlichen, vielfach Anderen lebendig bleibt, solange er nicht vereinfachenden – komplexitätsvereinfachenden, damit menschenverachtenden -, rassistischen und faschistischen „Reinheits“- und „Gleichheits“ideologien weicht.

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