Politischer Widerstand in der digitalisierten Welt – „Bens Fukushima“

 

Politischer Widerstand in der digitalisierten Welt

„Bens Fukushima“[1]

 

„Um die alten Paradigmen zu brechen, genügt es nicht, wenn ein paar Leute wissen, dass die Höhle brennt. Denn der Brand ist, wie Sie vermuten, nicht sichtbar, er wütet im Verborgenen, in Laptops und in den Datenbanken, wo die Berichte über die Messwerte, die Störfälle und die Gutachten lagern, die niemand kennen darf.“

Die Realität, die sich in Thomas Rüsts Roman von der ersten Seite an kund tut, ist vielschichtig. Diese Tatsache löst einen Sog aus zu lesen, der vom Einstieg bis zur letzten Seite anhält: vom Landeflug eines Flugzeugs in Kloten, bei welchem ein Reisender, Jonathan Baker, der zum Erzähler wird, einen rasenden Pulsschlag spürt und sich bewusst wird, dass er knapp einem Herzstillstand entkommt. Die Ursache?

Es ist das plötzliche, spurlose Verschwinden von Ben Schwarz, eines Mitglieds seiner Crew auf der Segelyacht „Friendship“, die er als erfahrener Skipper von Europa über den Atlantik in die Karibik hinein gelenkt hatte, bis Ben am Morgen des 21. Dezember 2011, auf offenem Meer, etwa 30 Meilen östlich von Martinique, nicht mehr auffindbar war. Um sechs Uhr frühmorgens hatte er seinen Wachposten angetreten, angeschnallt, versehen mit der Rettungsweste, doch drei Stunden später , wie Jonathan ihn ablösen wollte, war er nicht mehr vorhanden. Kein Lebenszeichen gab es mehr von Ben, keine Erklärung, nicht den geringsten Hinweis. Alle persönlichen Gegenstände, inklusive Identitätsausweise und Pass, fanden sich in der Koje vor, als ginge die Reise für ihn weiter. Ein traumatisierendes Nichtwissen nahm überhand, das eine Panik auslöste, per Satellitentelefon ein verzweifeltes MAYDAY, der Entschluss des sofortigen Zurücksegelns auf der gleichen Route, eine akribische Suchaktion, an welcher sich die ganze Crew, auch andere Schiffe und Hubschrauber der französischen Armee beteiligten, doch ohne Erfolg.

Die Tatsache des verschollenen Ben geht einher mit Jonathans Verpflichtung, die Suche nach dem Freund fortzusetzen, zwischen Wut und verzweifeltem, detektivischem Wissenshunger, nicht allein, sondern unter Mitwirkung von Bens ehemaliger Freundin Katja, die sich von ihm unmittelbar vor der Reise in die Karibik getrennt hatte, sowie eines vielfältig klugen, weiblichen Netzwerks, das den Zugang auf der digitalen Ebene zur  Kerngeschichte ermöglicht: zu Bens Bericht über das geheim gesteuerte Untertauchen in eine neue Identität.

Damit führt der Roman mitten hinein in die Realität der atomaren Katastrophe von Fukushima, aus welcher sich in Japan ein Geheimbund des aufklärerischen Widerstandes sowie der öffentlichen Information mit weltweitem Auftrag entwickelt. Hier findet Ben, wonach er sucht, nämlich „eine Mission, all jenen Institutionen und Geheimnisträgern Daten (zu) entreissen, die Daten horten. Daten sind der Sprengstoff der Gesellschaft. (…) Wikileaks war ein vielversprechender Anfang.“  Professor Saito gibt ihm zu verstehen, „dass die herrschenden Paradigmen nicht von Japan aus zum Einsturz gebracht werden. Wir haben nur die Katastrophe dazu geliefert. In Europa aber, wo es Gefolgschaft und Korpsgeist, dieses Gift einer immanenten gesellschaftlichen Korruption, etwas weniger gibt als bei uns, bei Ihnen vielleicht werden dereinst die Datenmengen explodieren und wird eine kritische Masse entstehen, dank der das prekäre Gleichgewicht auch bei uns zerstört wird.“

Der Auftrag führt Ben, der nicht mehr Ben Schwarz heisst, sondern über einen neuen Namen und neue Identitätspapiere verfügt, zuerst nach London, wo sich die Zentrale des geheimen Widerstandes befindet, dann mitten hinein in das in Frankfurt stationierte „Planning House“ der „Gesellschaft zur Koordination von Studien zur Sicherheit nuklearer Anlagen“, mit einer Funktion, die ihm den Zugang zu den geheimen Daten ermöglicht.

Es ist eine pausenlose Abfolge von Schwierigkeiten, trotz konstanter Überwachung so geschickt wie möglich die Daten zu entwenden und weiter zu leiten, gleichzeitig das private und offizielle Leben des Geheimagenten zu leben. Die Resultate, die plötzlich in den Medien erscheinen, sind alarmierend: dass in Uralt-AKWs in Deutschland wie in der Schweiz „im Stahlmantel des Reaktors Risse festgestellt wurden, die viel länger sind als bisher bekannt war“, dass die Pannenserie von den Betreibergesellschaften verschwiegen wurden, dass die informierten Regierungsverantwortlichen einbezogen waren und vieles mehr. Für Ben selber wird alarmierend, dass die Enthüllungen bei seinen Arbeitgebern ihm gegenüber ein zunehmendes Misstrauen schüren. Im sich steigernden Stress wagt er einen Zugriff auf höchster Ebene – und kommt zu Fall.

Die Romansequenzen werden knapper und drängender: Verfolgung, Ausweglosigkeit, schwerste Gewalt, ein knappes Überleben dank der im Untergrund tätigen politischen Freundschaft. Die Rahmengeschichte und die Kerngeschichte, Jonathans und Bens Aktionen, Aufträge und Vernetzungen fliessen im Finale ineinander hinein. Die Spannung löst sich erst auf der letzten Seite.

Und der Autor? Thomas Rüst, geboren 1952, der nach Abschluss des Jurastudiums als Journalist in der Schweiz, in Deutschland und in den USA gearbeitet hat, sieben Jahre davon für Printmedien und Radio als Wirtschaftsjournalist, der selber als Segler mit seiner Frau Agnes den Atlantik überquerte, er hat mit seinem Roman eine Zeitanalyse geschaffen, die das Wagnis der Aufklärung und des Tabubruchs in den Mittelpunkt der politischen Verantwortung rückt, gleichzeitig die Bedeutung von Freundschaft in Momenten existentieller Schwierigkeiten als Erfahrung verlässlichen Halts, somit höchsten Werts bestätigt. Es ist ein grossartiger Krimi!

 

 

 

[1] Thomas Rüst. Bens Fukushima. Roman. 2014, Zürich, edition 8. 351 Seiten. Fr. 33.-

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