Annäherung an die Mutter – Bettina Spoerri. Herzvirus. Roman

Annäherung an die Mutter

Bettina Spoerri.  Herzvirus.  Roman. 287 Seiten. 2016 Wien, Verlag Braumüller

 

Die Mutter ist für die Tochter hinter dem Schutzschild der Nähe das grosse Geheimnis, anwesend und fremd, zärtlich und schmerzhaft. Wie lassen sich die Schleier lichten, die Erinnerungen ordnen und klären, ohne dass verkrustetes Leiden aufgerissen wird? Wie lässt sich die Mutter verstehen, die selber längst tot ist und nicht mehr erklären kann, was ungeklärt blieb?

Der Roman lässt nächste Nähe zu. Erinnerung und Vorstellungskraft vereinen und verdichten sich, vermögen schonungslos, das Vergangene in die Gegenwart zu versetzen und drängen zu grösster Genauigkeit in der Sprache. Es gilt, die Sprache des Kindes wieder zu finden, das in der Abhängigkeit von der Mutter und in der Sehnsucht nach ihr, nach dem Duft ihres Pullovers auf dem Bettkissen als Bannkraft der Angst vor dem Einschlafen beim Schreiben – wie beim Lesen – wieder auflebt, nach ihren flinken, geschickten und verbrauchten Hände, die beim Kochen und Flicken magische Fähigkeiten bewiesen, nach den Büchern ihres Büchergestells, deren Lektüre den Zugang zu anderen, neuen Welten ermöglichte, nach ihrer unerschrockenen Präsenz gegenüber jeder boshaften Lehrerin, obwohl die Mutter selber grösste Angst vor Insekten hatte und kein Gift scheute, um diese auszumerzen. Und grösste Genauigkeit wird gefordert, um in die Sprache der heranwachsenden Tochter zurückzufinden, die viel zu früh, noch vor der Adoleszenz, sich in schmerzhaftem Aufbegehren und Widerwillen von der Mutter und deren neuem Beziehungsgeflecht lösen muss, um überleben zu können, die in die Sprache der Einsamkeit des Erwachsenwerdens hineinwächst, um ohne Präsenz der Mutter beharrlich den eigenen Weg zu gehen, gleichzeitig zu lernen und Geld zu verdienen, die Matura und weitere Prüfungen zu bestehen, das Leben zu bestehen. Sprachlich ebenso präzise gilt es, dem Wechsel im Verhältnis zur Mutter gerecht zu werden, der Distanz zu ihr, die gleichzeitig  mit deren Begleitung einhergeht, ein analytisches Verstehen von ihren Ängsten, von ihrer Erschöpfung und Flucht in die existentiellen Randlinien von Nebelwolken, in denen sie durch Zigarettenkonsum und Psychopharmaka zu schweben versucht. Es braucht Zustimmung zum Wagnis. Der Weg ist schmerzhafter als jener zum fehlenden Vater, der über die Dokumente von dessen Tante und durch das Erforschen der Welt- und Zeitgeschichte indirekt ein wenig erfassbar wurde, ohne dass sich die Fremdheit aufheben liess.[1]

Die Annäherung ist das Wagnis der Rückkehr zur Mutter, ausgehend von deren Tod, von der Vorstellung, wie sie an den Folgen des  Herzvirus starb, an Myokarditis, gemäss der Diagnose des Gerichtsmediziners, die mit der Erfahrung der Tochter übereinstimmt – „das passt. Ihr Herz wurde infiziert, langsam vergiftet, paralysiert, es war zu viel für sie hier“. Und so erweist sich, dass die Mutter trotz äusserer Ablösung  und Tod in der zermalmenden Widersprüchlichkeit von kindlicher Sehnsucht nach ihrer Nähe und Sehnsucht nach Befreiung von ihr nah geblieben ist, trotz des über Jahre fortgesetzten Versuchs der Verdrängung von Erinnerungen, letztlich im Akzeptieren der unausweichlichen Dringlichkeit, sie in ihrem Mut und in der Tragik ihrer persönlichen Geschichte zu verstehen. Mit dedektivischer Beharrlichkeit gilt es, in deren Kindheit und in die nie von ihr ausgesprochene Widerlichkeit des engen Kleinbürgertums einzudringen, aus welcher sie um jeden Preis aussteigen wollte. Doch die gesellschaftlichen Bedingungen in der Nachkriegszeit liessen für eine junge Frau keine andere, freiere und offenere Welt zu als jene von erzieherischer Berufsarbeit und Ehe, die nach der Geburt von Sohn und Tochter durch das Verschwinden von deren Vater sich  in die alleinige Verantwortung fürs Überleben und Heranwachsen der Kinder verengte, in ein bedrängendes Pflichtenkarussell triangulärer Einheit von Mutter, Sohn und Tochter, das unter prekärem wirtschaftlichem Überleben von Wohnung zu Wohnung wechseln musste, um kunstvoll irgendwie den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen zu genügen, das aber Ermüdung und Abschwächung des Lebensmutes bewirkte.

Die Form des Romans bringt es zustande, das Gefühl von mütterlicher Verlässlichkeit, von Besonderheit und Aussenseitertum wieder aufleben zu lassen, das trotz aller Einschränkungen den Kindern Erfahrungen des Glücks ermöglichte und sie allmählich stark werden liess, das aber zusammenbrach, als die Mutter mit der neuen Beziehung, für die sie sich entschloss, die Rückkehr ins verhasste Kleinbürgertum auf sich nahm. Zwar bot ihr diese zweite Ehe materielle Sicherheit, doch gleichzeitig bewirkte sie den Verlust ihrer Freiheit und ihres Selbstwertes, den Verlust der Nähe ihrer Kinder, die die Enge  eines Lebens voller Verbote und Gebote nicht ertragen konnten und sich viel zu früh von ihr trennten. In der knappen, genauen Schilderung der abrupten Veränderung der Lebensform wird verdeutlicht, wie die Anpassung und Unterwerfung der Mutter unter das von ihr selber gehasste Ehesystem ihrer Eltern den Verlust ihres Mutes, auf eigenen Füssen zu stehen, bewirkte, wie unausgesprochene Resignation und Ambivalenz die Ängste in ihr überhand nehmen liessen und zur erniedrigenden, tückischen Abhängigkeit von Psychopharmaka führten, schliesslich, nach dem Krebstod dieses zweiten Ehemannes, wohl einige Jahre mässiger Zufriedenheit erlaubten, bis Ängste und Schlaflosigkeit wieder übermächtig wurden und die stete Begleitung durch ihre Tochter forderten, bis der Herzvirus den Stillstand des überwachen, überbelasteten Herzens in der unbegleiteten Morgenfrühe zuliess.erzens

In den Roman einzusteigen und Kapitel für Kapitel zu lesen wird zum Sog, wie ihn die Lektüre jedes packenden Buches auslöst. Es ist ein hervorragender Roman, der im ersten Teil die Beziehungsgeschichte zwischen Tochter und Mutter aufrollt und im zweiten Teil mit grösster Sorgfalt das Gewebe von Mut und Traurigkeit, letztlich von Liebe durchsucht, die unauslöschlich das Verhältnis zwischen Kind und Mutter prägt und die dem Mantra gerecht wird, das im Vorspann mit einem Zitat aus Hanns Dieter Hüschs Lied Seite um Seite begleitet: „Ich sing für die Verrückten, die seitlich Umgeknickten /   Die eines Tags nach vorne fallen und unbemerkt von allen / Sich aus der Schöpfung schleichen, weil Trost und Kraft nicht reichen.“

 

[1] Bettina Spoerri. Konzert für die Furchtlosen. Roman. 2014 Wien, Verlag Braumüller

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