Über die Suche nach dem Glück

Über die Suche nach dem Glück

84 FOCUS MUL 24, Heft 2 (2007)                                                                                              

„Dass der Mensch glücklich sei, ist im Plan der ‚Schöpfung’
nicht erhalten“ (1), hielt Freud in einem seiner
gesellschaftsanalytischen Texte fest, den er 1929-1930
schrieb, als er beinah 74 Jahre zählte. Freud, selber krebskrank
und der bedrohlichen gesellschaftspolitischen
Entwicklung bewuss, bezieht sich in seiner letzten Lebensphase
oft auf die Tora, diese grosse Mythologie der
Entwicklung des individuellen Menschseins im Zusammenleben
mit einer vielfach unterschiedliche, sowohl
machthungrigen und regelüberschreitenden wie weisen
oder ohnmächtigen Menschheit. Freud hält dabei fest,
dass „Glück“ nur als „episodisches Phaenomen“ erlebbar
ist, ja dass die „Fortdauer einer vom Lustprinzip
ersehnten Situation nur ein Gefühl von lauem Behagen“
ergebe. „Wir sind so eingerichtet, dass wir allein den
Kontrast intensiv geniessen können, den Zustand nur
sehr wenig“. Er skizziert dann, quasi mit existenztphilosophischer
Resignation, seine Diagnose der sowohl
lebensbedingten wie kulturbedingten Komponenten
menschlichen „Unglücks“: die Körperlichkeit mit ihrer
Anfälligkeit für Krankheiten und Leidern, letztlich die
Sterblichkeit jedes Menschen, sodann die „Aussenwelt
mit ihren unerbittlichen, zerstörenden Kräften“, resp.
die fremdbestimmten oder externen nicht, beeinflussbaren
Bedingungen unseres Daseins (darunter die grossen
naturbedingten oder zeitgeschichtlichen bedingten
Verhältnisse), schliesslich die Bedingungen, die sich aus
den Beziehungen zu anderen Menschen ergeben.
Grosse Ängste oder Gefühle der Erschöpfung und der
Wertlosigkeit in breiten Teilen der Bevölkerung werfen
die Frage auf, ob sich unter den aktuellen postmodernen
und postindustriellen Zeitbedingungen die Suche, ja der
Hunger nach Glück sich auf schmerzhafte Weise verdichtet.
Tatsächlich bedarf diese Frage der Klärung wie
auch die damit konnotierte Frage, ob diese Sehnsucht
– wie andere Süchte – durch das Erkennen der Ursachen
des leidvollen Mangels (im Sinn des analytischen
Prozesses) heilbar ist, eventuell durch das Umwandeln
der Sehnsucht in Wünsche, die erfüllbar sind, und in Erfahrungen,
die nicht täuschen, oder in eine allmähliche
Akzeptanz deren Nichterfüllbarkeit, die von einer anderen,
neuen Lebenszustimmung getragen wird.
1. Was heisst „Suche nach Glück“ unter den Bedingungen
der aktuellen Zeit?
In Zusammenhang meiner therapeutischen Arbeit wird
zunehmend deutlich, dass insbesondere bei jungen
Menschen die Suche nach Glück in erster Linie eine
Suche nach Sicherheit ihres eigenen Ich und ihres Lebenswertes
ist. Eine grosse Verunsicherung steht hinter
der Frage, die immer wieder gestellt wird: Wer bin ich
tatsächlich, wohin und zu wem gehöre ich, wie kann
ich erfahren und wissen, was mein Lebenswert ist? Es
geht letztlich um die zentrale Frage nach der Identität
sowie nach der Übereinstimmung von Identität und Individualität,
d.h. um die Frage nach dem Daseinswert
und Lebenswert des eigenen Ich in seiner Besonderheit.
Vielfältige Familienzerwürfnisse, Migration und Flucht,
die mangelnde Zeit Erwachsener für Kinder, zu schnelle
Wechsel und eine zu grosse Menge von Bezugspersonen,
Mangel an verlässlichen Gesprächen, an Spiel
und an Ruhe, an vertieftem Lernen, Ersatz durch technologische
Kommunikation, ein Abgleiten in die irreale
Realität der Virtualität, gleichzeitig ein Druck von Medien,
Mode und Markt, der mit Anpassungsforderungen
an vorgegebene Kriterien des Glücks einhergeht – all
dies bewirkt ein Ausmass an persönlicher Unsicherheit,
die zur Leere wird und in der Leere zum nicht mehr
benennbaren Hunger nach Glück. Geht diese einher mit
der Suche nach Identität? Wie lassen sich diese zentralen
Fragen lösen?
1a) Die Suche nach dem eigenen Ich
Identität in der konventionellen Bedeutung ist ein relationaler
Begriff, dessen verschiedene Teile klar benennbar
sind. Auch in älteren philosophischen oder religiösen
Ansätzen verbindet sich die Frage: Wer bin ich? mit der
Frage: Wer bin ich in Relation zu wem? Es mag sich dabei
um eine metaphysische, geistige Relation zwischen
dem absoluten Sein und dem menschlichen Sein handeln,
oder um eine religiöse Relation der Glaubenszugehörigkeit,
oder um eine soziale und politische, letztlich
existentielle Relation wie früher zwischen Fürsten und
Untertanen, heute zwischen Staat und Staatsangehörigen,
zwischen Partei und Parteimitgliedschaft, zwischen
Arbeitgeber und Arbeitnehmer etc. Oder es mag sich
um die Familienzugehörigkeit handeln resp. um die mit
Herkunft und Namen verbundene Relation. Von grösster
Bedeutung ist die Relation des Menschen zu sich selbst,
zu seinem eigenen Ich, die in der Frage nach der Identität
jedoch kaum Beachtung fand noch findet. Sie gehört
zur zentralen Frage in der Psychoanalyse.
Die relationale Struktur von Identität bestand seit jeher
in der Angleichung (lat. „idemeadem-idem“ – gleich)
des einen Teils an den anderen, des Abbilds an das
Bild oder an das Vorbild, des Untergeordneten an den
Übergeordneten, des Sohn und der Tochter an Vater und
Mutter, des Lehrlings an den Meister, der Frau an den
Mann. Der hierarchisch gelenkte Angleichungsdruck
hatte eine Disziplinierungsfunktion gegenüber dem bedrohlichen
Wilden der Individualität, gegenüber dem
Unbekannten, Anarchischen, das möglicherweise allein
schon Kindsein oder Weiblichkeit, überhaupt das Andere
beinhaltete. Darauf beruht der zumeist verschwiegene,
zweckgerichtete Teil der patriarchalen Geschlechterordnung
sowie der Normativität vieler Erziehungstheorien.
Hinter den mit hohem Angleichungsdruck verbundenen
Identitätsforderungen stand – und steht zum Teil erneut
-, die Tatsache, dass das Ungleiche und Fremde im anderen
Menschen als bedrohlich erscheint. Die Nicht-
Anpassung wird mit Ausschluss aus einer Zugehörigkeit
bestraft, mit Feinderklärungen und mit Strategien deren
Bekämpfung.
Es ist eine geheime Diktatur, die selbst in demokratischen
Verhältnissen zunehmend überhand nimmt. Sie
stützt sich generell auf ein ideologisch genährtes Weltbild
ab (auch das neoliberale Weltbild gehört dazu),
das sich nicht nach Normen der gleichen Lebensrechte
und Freiheitsrechte – letztlich des gleichen Rechts auf
Glück – aller Menschen ausrichtet, sondern nach kategoriellen
Bedingungen. Menschlicher Wert wird nach
Massstäben ideologisch definierter Anpassung, nach
gesundheitlicher und gesellschaftlicher Brauchbarkeit,
nach Einkommenshöhe und ethnischer Zugehörigkeit
berechnet. Die jüngste Vergangenheit setzt sich unter
anderen Namen fort.
Individualität geht unter diesen Bedingungen mit Einsamkeit
einher; das Bedürfnis nach Glück wird, wie
schon erklärt wurde, zum Hunger nach Glück, der als
nicht mehr stillbar auf dem Menschen lastet; er ist Teil
der schwer tragbaren Einsamkeit. Die Flucht in Ersatz
von Glück bewirkt jene überhandnehmende Abhängigkeit
junger wie älterer Menschen von Psychopharmaka,
von Alkohol und anderen Drogen – mit erschütternden
Folgen. Der Selbstbetrug, der damit einhergeht, äussert
sich in Depressivität und Aggressivität, in manischen
Zuständen, in zunehmenden somatischen Leiden, in
wachsender Lebensangst bis hin zu Suizidalität.
Meine klinischen Erfahrungen stimmen mit jenen anderer
Forscherinnen und Forscher überein. Ich verweise
auf Raymond Battegy (2), der in zahlreichen Fallbeispielen
die mit psychischen oder physischen „Unersättlichkeiten“
verbundenen „Hungerkrankheiten“ belegt.
Es gehören für Battegy alle Essstörungen dazu – die
Anorexia nervosa, die Adipositas u.a.m., ebenso der
„Hunger“ nach Fusion bei narzisstisch Gestörten, die
unersättliche, destruktive Tendenz zu einer totalen Fusion
mit einem Objekt und dessen Zerstörung, auch Herzund
Kreislauferkrankungen bei behindertem oder übersteigertem
Tatenhunger, der emotionale Hunger bei lebensbedrohenden
Krankheiten und weitere mehr. Es ist
die Unersättlichkeit der Workaholics, die miteinbezogen
werden kann, oder jene der Konsum-, Kauf- und Sammelsüchtigen,
vor allem auch der ungezügelte, masslose
Machthunger, der mit vielerlei Gewalt einhergeht.
Auf das Verhängnis existentieller „Ersatzbefriedigungen“
beim Hunger nach Glück (resp. auf die „Hilfskonstruktionen“,
wie sie in Theodor Fontanes Roman
„Effi Briest“ erscheinen) hatte Sigmund Freud schon
1929-30 (3) aufmerksam gemacht. „Das Leben, wie es
uns auferlegt ist, ist zu schwer für uns, es bringt uns zu
viele Schmerzen, Enttäuschungen, unlösbare Aufgaben.
Um es zu ertragen, können wir Linderungsmittel nicht
entbehren. (…) Solcher Mittel gibt es dreierlei: mächtige
Ablenkungen, die uns unser Elend geringschätzen lassen,
Ersatzbefriedigungen, des es verringern, Rauschstoffe,
die uns für dasselbe unempfindlich machen. Irgend
etwas dieser Art ist unerlässlich“. Und etwas weiter,
nachdem er die „ungezählte Male gestellte Frage
nach dem Lebenszweck“ aufgenommen hat, bemerkt er,
es sei „einfach das Programm des Lustprinzips, das den
Lebenszweck setzt. Dieses Prinzip beherrscht die Leistung
des seelischen Apparates vom Anfang an. An seiner
Zweckdienlichkeit kann kein Zweifel sein, und doch ist
sein Programm im Hader mit der ganzen Welt, mit dem
Makrokosmos ebensowohl wie mit dem Mikrokosmus.
Es ist überhaupt nicht durchführbar, alle Einrichtungen
des Alls widerstreben ihm“. Hier kommt Freud zum
Schluss, den ich schon zitiert habe: „Dass der Mensch
‚glücklich’ sei, ist im Plan der ‚Schöpfung’ nicht enthalten“.
1b) Der Hunger nach Glück unter Bedingungen der
Masslosigkeit
Die gesellschaftspolitische, ideologisch geprägte Entwicklung
geht einher mit der technologischen und wissenschaftlichen
Entwicklung unsere Gegenwartszeit,
die als Endzeit der „Postmoderne“ bezeichnet wird.
Vom Begriff her hat sie die Moderne, mit welcher die
vielfältig kritische, gesellschaftliche Öffnung einsetzte,
weit hinter sich zurück gelassen, in allen Bereichen
menschlichen Lebens. Die sozialen und wirtschaftlichen
Zusammenhänge der technologischen Entwicklung,
auf welche schon eingegangen wurde, der industriellen
Produktion an Hand virtueller Potenzen, der
dadurch bewirkten Massenarbeitslosigkeit, der digitalisierten
Kommunikation, der Aufhebung zeitlicher und
räumlicher Distanz, der kosmischen Erkundungs- und
Besitzansprüche, der biologischen und medizinischen,
physikalischen und chemischen Innovationen von Leben,
der digitalen Täuschungsmöglichkeiten von Information
mit der damit verbundenen Steigerung medialer
Massenbetörung, der ökologischen Überbelastungen
und Verluste sowie der klimatischen Störungen, der
computermässig gesteuerten militärischen Angriffsund
Zerstörungsmethoden über grösste Distanzen, mit
der Anonymisierung der Angreifer und der kaum mehr
beachteten, realen Leidensfolgen etc. etc. – alle diese
Entwicklungen beeinflussen Lebensalltag und Lebensempfindung
der Menschen dieser Zeit.
Die Grenzen der Aufklärung sind längst vielfach überschritten.
Kritische Untersuchungen werden zwar zugelassen,
jedoch kaum ernst genommen. Die „Subversion
des Wissens“ (4) wie Michel Foucault sich ausdrückt,
kann nur in kleinen Kreisen Beachtung finden, resp. das
Wissen um die Brüchigkeit und Unzulänglichkeit allen
Wissens, das Misstrauen gegenüber allumfassenden
Rezepten und Heilslehren, überhaupt die Absage an das
„Totale“. Ich verweise auf Freuds eindrücklichen Essay,
in welchem er 1915 „Zeitgemässes über Krieg und Tod“
(5) analysierte und der noch immer Beachtung verdient,
ebenso auf Walter Benjamins Aufsatz „Über den Begriff
der Geschichte“ (6) , den er unter der wachsenden
Bedrängnis des Krieges 1940 schrieb, als eine Art
Vermächtnis kurz vor seiner Flucht aus dem besetzten
Frankreich und seinem Selbstmord an der Grenze zu
Spanien. Eindrücklich ist die Knappheit und Intensität
seiner Warnung, mit welcher er die Interpretation von
Paul Klees „Angelus Novus“ als Engel der Geschichte
verbindet. „Seine Augen sind aufgerissen, sein Mund
steht offen und seine Flügel sind ausgespannt. (…) Er
hat das Antlitz der Vergangenheit zugewendet. (…) Aber
ein Sturm weht vom Paradies her, der sich in seinen
Flügeln verfangen hat und so stark ist, dass der Engel
sie nicht mehr schliessen kann. Dieser Sturm treibt ihn
unaufhaltsam in die Zukunft, der er den Rücken kehrt,
während der Trümmerhaufen vor ihm zum Himmel
wächst. Das, was wir den Fortschritt nennen, ist dieser
Sturm“ (7).
Wie lässt sich der Trümmerhaufen abbauen, der Sturm
mässigen? Ist Glück im Sinn von Wohlbefinden und innerer
Übereinstimmung noch möglich? Wie lässt sich
der psychische Hungerzustand zahlloser Menschen korrigieren?
Was braucht es, damit Grenzen des Fortschritts
im Sinn Walter Benjamins beachtet werden, das Diesseits
und Jenseits der Grenzen, die Folgen der Grenzüberschreitungen,
die Dringlichkeit der Machtkritik und
des Widerstandes? Es soll gewiss keine Regression in
die Vormoderne angestrebt werden. Die Zielsetzungen,
um die es geht, setzen den Mit der Klärung von Ertragbarkeit
und Sinnhaftigkeit voraus, die Klugheit einer
Grammatik des menschlichen Zusammenlebens, in
welcher Mass anstelle von Masslosigkeit sowie Reziprozität
von Respekt zu den Grundregeln gehören, durch
welche das tatsächlich Leben jedes Menschen in seinem
Bedürfnis nach Glück nicht mehr gefährdet ist, sondern
Beachtung findet. Ist dies überhaupt erreichbar?
– oder ist es eine Illusion, so wie Freud 1927 in seinen
kritischen Überlegungen über die damalige Entwicklung
der unglücklichen und glückshungrigen Menschen
fragte?
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2. Glück als Grundbedürfnis – Glück als Grundrecht?
Es gilt, diesen letzten Fragen nachzugehen. Gemäss Sigmund
Freud mag selbst eine Illusion noch sinnvoll sein.
„Für die Illusion bleibt charakteristisch die Ableitung
aus menschlichen Wünschen, sie nähert sich in dieser
Hinsicht der psychiatrischen Wahnidee, aber sie scheidet
sich, abgesehen von dem komplizierten Aufbau der
Wahnidee, auch von dieser. An der Wahnidee heben wir
als wesentlich den Widerspruch gegen die Wirklichkeit
hervor, während die Illusion nicht notwendig falsch,
d.h. unrealisierbar oder im Widerspruch mit der Realität
sein muss“ (8). Tatsächlich ist die Suche nach Glück
ein Teil der Realität, und diese in ihrer Komplexität zu
verstehen eine Aufgabe, die lösbar ist. Sie jedoch unter
den Zeitbedingungen der Postmoderne mit dem Sturm
der Beschleunigung und den anwachsenen „Trümmerhaufen“
als lösbar zu erachten, ist eine Aufgabe von zusätzlicher
Komplexität.
Es sind Bedingungen, unter welchen der einzelne Mensch
schnell als überzählig gilt. Überzählig sein zerbricht den
Grundwert des Menschseins, den Ich-Wert. Dessen Sicherheit
zu spüren hängt tatsächlich, wie schon erläutert
wurde, seit der frühesten Kindheit von der Art der Beachtung
des Individuums in seinem Glücksbedürfnis ab.
Interessanterweise entwickelte die französische Philosophin
Simone Weil, die 1943 im Exil in London mit 34
Jahren an den Folgen einer sich über Jahre fortsetzenden
Anorexie starb (9), in ihrem letzten, kurz vor dem Tod
abgeschlossenen Werk „Enracinement“ (10) (dt. „Einwurzelung“)
eine Theorie der Grundbedürfnisse, die beachtenswert
ist, gerade hinsichtlich deren Einbezuges in
die psychoanalytischen Erkenntnisprozesse. Gemäss Simone
Weil sind es die Grundbedürfnisse, die das körperliche
und das psychische Leben jedes Menschen sowohl
als Individuum wie als Teil einer Sozietät mitprägen. In
der Befriedigung der Grundbedürfnisse sind die Menschen
in wechselseitiger Abhängigkeit von einander; die
Art und der Wert deren Beachtung beeinflusst zugleich
den seelischen Zustand des einzelnen Menschen wie
jede private Beziehung und jedes soziale Empfinden.
Es ist die Nichterfüllung der Grundbedürfnisse, die
gemäss Simone Weil immer Hungererscheinungen bewirkt,
ob es sich um Hunger nach emotionaler, nach
körperlicher oder nach geistiger resp. intellektueller
Nahrung handle. Die Verbindung des einen mit dem anderen
äussert sich im psychischen Hungerzustand, der
tödlich sein kann. Dabei ist das Bedürfnis nach Sinnhaftigkeit
der eigenen Existenz und nach guter Integration
in einem sozialen Umfeld, nach liebevoller Zuwendung
uns Sicherheit ebenso prioritär wie dasjenige nach körperlicher
Ernährung und nach einem Dach über den
Kopf, und dieses wiederum ebenso unverzichtbar wie
jenes nach Freiheit und nach Würde, nach einer zustimmungsfähigen
Ordnung menschlichen Zusammenlebens
ohne Diskriminierung und ohne Marginalisierung. Das
Bedürfnis nach Glück nennt Simone Weil nicht. Es ist in
alle Grundbedürfnisse miteinbezogen, resp. es besteht
in deren Verbindung.
Den vielfachen Hungerzustand, der durch mangelnde
Erfüllung der Grundbedürfnisse, durch Diskriminierung
und Marginalisierung bewirkt wird, kannte Simone
Weil durch ihre nahen Beobachtungen der politischen
und sozialen Zustände in den Zwanzigerjahren bei der
durch den Ersten Weltkrieg ausgebluteten Bevölkerung
Frankreichs wie in den Dreissigerjahren bei der arbeitslosen
oder industriell ausgebeuteten Arbeiterschaft,
ebenso bei der zunehmend entrechteten und bedrohten
jüdischen Bevölkerung, zu welcher sie gehörte. Sie
hatte den Philosophieunterricht aufgegeben und sich
um Fabrikarbeit bemüht, sie hatte sich 1936 nach Spanien
begeben und die durch den Bürgerkrieg bewirkte
menschliche und politische Katastrophe kennen gelernt.
Ebenso hatte sie eine persönliche Auseinadersetzung
mit den von Gewalt und Angst geladenen Spannungen
in Deutschland gewagt, als sie im Dezember 1932 nach
Berlin fuhr, um kurz vor Hitlers Machtübernahme deren
Ausmass zu klären.
Was Simone Weil in „Enracinement“ ausführt, ist ein
Entwurf zur Korrektur des menschlichen „décracinement“
resp. der „Entwurzelung“, die sie als Folge der
vielfach unerfüllten Grundbedürfnisse der Menschen
erachtet. Ob die Tatsache, dass Grundbedürfnisse mit
Grundrechten einhergehen, hängt ich ihren Überlegungen
von einer Zwischenverbindung ab, gewissermassen
von einer zwischenmenschlichen Synapse,
durch welche eine Realisierung gesichert werden kann.
Von massgeblicher Bedeutung ist für Simone Weil, dass
die gleiche menschliche Bedürftigkeit als Grundlage für
die gleiche Verbindlichkeit (fr. „obligation“) gilt, auf
die Bedürfnisse anderer Menschen zu achten. Auf der
Reziprozität der Verbindlichkeit gegenüber den Grundbedürfnissen
beruht die Reziprozität der Grundrechte,
vorausgesetzt, die Verbindlichkeit wird ernstgenommen.
„La notion d’obligation prime celle de droit qui
lui est subordonnée et relative” (11). Dabei erscheint
mir wichtig, auf die Bedeutung des lat. „ligare – binden“
in „obligation“ (lat. „obligare“) hinzuweisen,
das sich auch in „religion“ (lat. „religare“) findet: analog
zur gleichen Verbindung aller Menschen resp. des
Menschseins zum Göttlichen besteht die Verbindung
zwischen Mensch und Mensch im Menschsein. Doch
während Religion im Verständnis Simone Weils allein
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der Aufmerksamkeit – „l’attention“ – bedarf, hängt die
Erfüllung der menschlichen Grundbedürfnisse im Sinn
der „obligation“ vom Denken wie vom Handeln ab,
von der Aufmerksamkeit wie vom Tun der Stärkeren zu
Gunsten der Schwächeren. Was durch die Grammatik
des Zusammenlebens in Hinblick auf die von Simone
Weil angestrebte „Einwurzelung“ erreicht werden kann,
geht einher mit der Verhinderung jeglicher menschlichen
Entwertung, d.h. jeder Unterdrückung menschlicher
Würde.
Doch wie kann in den Wechselwirkungen von vielfältigen
Grundbedürfnissen, von – oft transgenerationellen
– Mangelerfahrungen in deren Erfüllung wie auch von
persönlichen Bemühungen um deren Beachtung gegenüber
andern Menschen ein inneres Gleichwicht der psychischen
Kräfte heranwachsen, das den Hunger auflöst
und dem Grundbedürfnis nach Glück entspricht? Simone
Weil legt einen Entwurf vor, dessen Umsetzung von
grosser Dringlichkeit ist. Was Anna Freud als „privaten
Kompass“ der Psyche versteht, ist eine das Unbewusste
mit dem Bewusstsein resp. die Empfindungen mit dem
bewussten Denken verbindende Intuition des richtigen
Weges, die kaum das „Glück haben“ beeinflussen kann,
jedoch ein „glücklich sein“ ermöglicht. Ob und wie dieser
Weg beachtet wird, steht offen. Wir wissen lediglich,
dass der „innere Kompass“ jedem Menschen zusteht
und dass er grösste Beachtung verdient.
* Copyright: Dr. M. Wicki, Bellerivestrasse 221, 8008
Zürich
(1) Sigmund Freud (1856 –1939). Das Unbehagen in
der Kultur. Internationaler Psychoanalytischer Verlag,
Wien 1930
(2) Raymond Battegay. Hungerkrankheiten. Unersättlichkeit
als krankhaftes Phaenomen. Fischer Taschenbuch,
Frankfurt a.M. 1992. (Erstausgabe Verlag Hans
Huber, Bern 1982).
(3) Sigmund Freud. Das Unbehagen in der Kultur (1929-
30). Studienausgabe Bd. 9. S. Fischer Verlag, Frankfurt
a.M. 1974
(4) Michel Foucault (1926-1984). Von der Subversion
des Wissens. Hrsg. sowie aus dem Französischen und
Italienischen übersetzt von Walter Seitter, Fischer Taschenbuch
Verlag, Frankfurt a.M. 1987
(5) Sigmund Freud. Zeitgemässes zu Krieg und Tod.
Studienausgabe Bd. 9. S. Fischer Verlag, Frankfurt a.M.
1974, S. 34 ff
(6) Walter Benjamin. Über den Begriff der Geschichte
u.a. in Illuminationen. Suhrkamp Verlag, Taschenbuch
Nr. 345, Frankfurt a.M. 1977. S. 251 ff
(7) a.a.O.S. 255
(8) Sigmund Freud. Die Zukunft einer Illusion./VI. S.
Fischer Verlag, Frankfurt a.M. 1974, S. 165
(9) cf.Maja Wicki-Vogt. Simone Weil – Eine Logik
des Absurden. Haupt Verlag. Bern 1983 – M.W.-V. Jüdisches
Denken in geleugneter Tradition. S. 137-156
in: Heinz Robert Schlette und André Devaux. Simone
Weil. Philosophie, Religion, Politik. Verlag J. Knecht,
Frankfurt a.M. 1985. – M. W.-V. Handlungen die wie
Hebel hin zu mehr Wirklichkeit sind. Wie funktioniert
das? Oder: Warum hungerte Simone Weil zu Tode? S.
151-169 in: Imelda Abt/Wolfgang W. Müller. Simone
Weil. Ein Leben gibt zu denken. Eos Verlag, St. Ottilien
1999. – M.W.-V. Simone Weil. Kontingenz im Widerspruch
der Identität. S. 54-86 in: Philosophinnen des
20. Jahrhunderts. Wissenschaftliche Buchgesellschaft,
Darmstadt 2004
(10) Simone Weil. Enracinement. Prélude à une declaration
des devoirs envers l’être humain. Hrg. Von Albert
Camus. Editions Gallimard, Paris 1948
(11) “Die Verbindlichkeit geht dem Recht, das der Verbindlichkeit
untergeordnet und von dieser abhängig ist,
voraus”. a.a.O.S. 9

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