Erst die Arbeit, dann (vielleicht) das Leben? Worin besteht der menschliche Wert? Gedanken zur Wiederherstellung des Gesellschaftsvertrags von unten

Erst die Arbeit, dann (vielleicht) das Leben? Worin besteht der menschliche Wert?

Gedanken zur Wiederherstellung des Gesellschaftsvertrags von unten

KMU-Wertstatt – Bereich Gesundheit und Arbeit, Bern, 17. Oktober 2008

 

Verehrte Anwesende

Die „Wertstatt“ ist heute der Rahmen für den gedanklichen Austauschs über Arbeit und Anstellungsmöglichkeiten von Menschen mit Behinderungen. Es geht hier um den „Wert statt“ der  Bewertung und Entwertung von Menschen –  ein wichtiger Anlass. Ich nehme gern daran teil und danke Frau Magdalena Hebeisen für die Einladung.

Bei allem, was die Zusammenhänge von Arbeit und Gesundheit betrifft, handelt es sich um vielfältige Hintergründe persönlicher Geschichte und Zeitgeschichte. Behinderungen körperlicher oder geistiger Arbeits- und Erwerbsfähigkeiten haben viele Ursachen; sie mögen auf genetisch oder pränatal bedingten Einschränkungen beruhen oder Folgen späterer krankheits- oder unfallbedingter Geschehnisse sein, auch Folgen von Überbelastungen oder Erschöpfungszuständen. Die zunehmende Anzahl Menschen mit kaum mehr ertragbaren nervlichen Anspannungen und Angstzuständen oder Gefühlen konstanter Müdigkeit und Kraftlosigkeit bis zum Burnoutsyndrom ist eine Tatsache, die nachdenklich stimmt.

Behinderung ist ein weiter Begriff und was damit einher geht, kann Teil der eigenen Familiengeschichte oder des persönlichen Schicksals sein. So betrachtet wird klar, warum es von grösster Bedeutung ist, dass Menschen, die davon betroffen sind, zugleich die nötige Rücksichtsnahme kennen wie die Zustimmung erleben, mit den Fähigkeiten, über die sie verfügen, einen ebenbürtigen Platz unter den anderen Menschen ausfüllen können, auch einen Arbeitsplatz.

Der menschliche Wert ist ein bedingungsloser Wert – ein Wert ohne Einschränkung. Es stellt sich daher die Frage, was es braucht, damit auch für Menschen mit eingeschränkten Leistungsmöglichkeiten Ausbildungen und Arbeitsplätze gesichert bleiben.

Sie alle wissen, wie sehr durch die technischen Fortschritte, durch Digitalisierung und Virtualisierung von Produktion und Kommunikation die menschliche Arbeit einerseits erleichtert wurde, wie andererseits das individuelle Leben und das Zusammenleben unter das Diktat ständig wachsender Beschleunigung und Fremdheit gesetzt werden. Sie wissen auch, wie sehr der angestrebte wirtschaftliche Profit zur Verdrängung der Substanz der menschlichen Grundbedürfnisse führt, wie sehr der Respekt vor dem Leben selber und vor der Besonderheit jedes Menschen zunehmend in Frage steht.

Wo jedoch Grundbedürfnisse vernachlässigt werden, treten Schäden auf. Zu den Grundbedürfnissen gehört der Respekt im ganzen menschlichen Beziehungsgefüge, und zum Beziehungsgefüge gehören auch Ausbildungsmöglichkeiten sowie Arbeits- resp. Anstellungsverträge, die der individuellen Besonderheit des Menschen gerecht werden, die ihn in seinen Fähigkeiten und Kräften ernst nehmen und ihm ermöglichen, die Beziehung zu sich selber wieder zu stärken so wie das Zusammenleben mit anderen Menschen gut zu ertragen.

Was fehlt und was es braucht, bedarf der Beachtung. Es braucht einen neuen Gesellschaftsvertrag von unten, der gemeinsam von der Arbeitgeberseite wie von der Seite der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer durchdacht wird, der in jedem Unternehmen, überhaupt in jedem System umgesetzt werden kann, um den negativen Folgen des Fortschritts Einhalt zu gebieten und um denjenigen, deren Kräfte eingeschränkt sind oder durch das System ausgebrannt  (burn out) wurden, eine Rehabilitation und eine andere Arbeitsmöglichkeit zu bieten, kurz, um generell neue Wahlmöglichkeiten zu realisieren, die zugleich den menschlichen Grundbedürfnissen wie der Stabilität der Unternehmen gerecht werden.

Damit habe ich zusammengefasst, worauf wir eingehen werden. Es sind grundsätzliche Fragen, die in Zusammenhang von Gesundheit und Arbeit gestellt werden: Was ist der Mensch und was ist er wert? Was ist die Arbeit des Menschen und was ist sie wert? Wie ist ein Gesellschaftsvertrag von unten zu verstehen?

 

Was ist der Mensch?

Sie mögen sagen, es handle sich um eine Frage, die seit Jahrtausenden gestellt werde, die Antwort sei doch klar. Doch, ist die Antwort so klar?  Wenn wir fragen „Was ist der Mensch?“ handelt es sich um eine Sachfrage. Der Mensch wird durch diese Frage zum Gegenstand, d.h. zum Objekt gesellschaftlicher und wirtschaftlicher, staats-und sozialrechtlicher, zivil- oder strafrechtlicher, pharmakologischer, medizinischer und weiterer wissenschaftlicher Untersuchungs- und Bewertungsmethoden, Absichten, Zwecke und anderem mehr. Der Mensch wird verdinglicht. Er wird gemessen und gewogen, beurteilt und benotet, geprüft und zugeordnet, benutzt und vermarktet, manchmal beachtet, er wird als passend oder als unpassend, als gut oder als schlecht, als gesund oder als krank erklärt, als genügend akzeptiert oder als ungenügend abgewiesen. Die Frage nach dem „was“ ist eine Frage nach den materiellen körperlichen Eigenheiten, analog zu jenen der wirtschaftlichen Berechnung und Bewertung. Das „was“ kategorisiert und entrechtet. Es gibt hierzu eine grosse Dokumentation, eine Literatur menschlichen Leidens.

Nach allen Erfahrungen der jüngsten Jahrzehnte erscheint es angemessener zu fragen, „Was braucht  der Mensch?“

Es geht um den Subjektwert des Menschen, der nicht Bedingungen unterstellt sein darf. Das Grundbedürfnis von Freiheit und von Respekt, von Zugehörigkeit, von Sicherheit und von Lebenswert wird nicht durch Gesundheit und Leistungsfähigkeit bestimmt, sondern gilt für jeden Menschen gemäss der Besonderheit seiner Empfindungen. Diese wiederum spiegeln wider, wie die Seele des Menschen durch das, was von Aussen getan und ihm angetan wird, geprägt und bewegt wird, wie der Mensch in seiner Besonderheit sich selber, das Leben und das Zusammenleben mit anderen Menschen erlebt, auf welche Weise das Bild seiner selbst, auch seine Begrenztheit verarbeitet wird, sei es im Empfinden von Selbstwert oder mit vielfältigem Mangel, mit Ungenügen und Leiden. Oft scheint es, als ob der Fortschritt und die Herrschaft der Technologie die Menschen auf eine Weise der Virtualität unterworfen hätten, dass es ungebräuchlich wurde zu fragen, was der einzelne Mensch tatsächlich unter den Bedingungen und Strukturen seines Lebens braucht.

Was es braucht, ist die Rückkehr zum Dialog, so wie Martin Buber den Dialog[2] verstand, in der Beachtung des menschlichen Grundbedürfnisses nach Beziehung, nach Beziehung des Ich zum Selbst und des Ich zum Du, zum Sie und zum Er, auch zum Es, so dass ein Wir entsteht, das durch  die Verlässlichkeit des Dialogs jedes menschliche Wesen  in seiner subjektiven Besonderheit schützt und stärkt. Der tiefste Hunger des Menschen, angstfrei leben zu können und verstanden zu werden, könnte im wechselseitigen dialogischen Respekt gestillt werden. Dazu gehören auf zentrale Weise auch die Anstellungs- und Arbeitsbeziehungen.

Die Widersprüchlichkeit des Menschen, von der Kindheit bis ins höchste Alter voller Bedürftigkeit und zugleich voll ungleich verteilter Fähigkeiten zu sein, ermöglicht, dass eine wechselseitige Ergänzung Sinn macht. Jeder Mensch braucht das Verstehen und den Einbezug seiner selbst in die Zusammenhänge des Lebens durch die anderen. Jeder Mensch braucht die Möglichkeit, seinen Platz in der Gesellschaft zu finden, einen Platz der Genesung und einen Platz der aktiven Umsetzung seiner Fähigkeiten, einen Arbeitsplatz, der seinen Bedürfnissen und Fähigkeiten entspricht und einem Vertrag entspricht, der für alle gelten könnte, auch für den Arbeitgeber selber, d.h. einen Vertrag, der dem menschlichen Subjektwert gerecht wird.

 

Was ist die Arbeit?

Es lohnt sich gewiss, sich nicht nur der Bedeutung des Dialogs wieder stärker bewusst zu werden, sondern auch der Bedeutung der Arbeit. Sie wissen, in der Bibel wurde sie als Fron verhängt, als Strafe und Sühne für die ursprüngliche Schuld des Menschen, ungezügelt den Griff nach dem Apfel der Erkenntnis gewagt zu haben. In der Antike, ja bis in die Neuzeit dauert die Verbindung von Arbeit und Fron an: Arbeit war die verachtete Tätigkeit der Sklaven, der Nicht-Freien, der Frauen; Arbeit gehört zum Bereich des „oikos” – des Haushalts. Die antike „polis” dagegen, der Bereich der Freiheit und des Sprechens, der Bereich des Politischen, entwickelte sich und blühte auf dem Rücken der Sklaven und der Frauen. (Dem Herstellen von Gegenständen, insbesondere von Kunst, kam schon in der Antike eine Sonderstellung zu, die aber nur zur Partizipation am Politischen befähigte, wenn der Status des freien Besitzenden dazukam).

Eine erste Veränderung des Arbeitsbegriffs erfolgte in der frühen Neuzeit, als Handarbeit resp. Handwerk zur Standesauszeichnung wurde, als über das Zunftwesen die Regeln der Zugehörigkeit durch die arbeitenden Handwerker selber definiert wurden. Diese Arbeit ist nicht mehr spurenlos wie jene der Sklaven. Wer sie betätigt, hat Recht auf den Erlös der Arbeit, die ein mehrwertfähiges und marktfähiges Produkt zustande bringt, das Dauerhaftigkeit bedeutet und damit zur Schaffung einer Welt von Dingen beiträgt.

Sie wissen auch, in welchem Mass das Verhältnis des Menschen zur Arbeit und vor allem zum Produkt der Arbeit mit der Industrialisierung nochmals verändert wurde. Anstelle der ersehnten Aufhebung von der Fron kam es infolge der Fliessbandarbeit zur maschinellen Entwürdigung der arbeitenden Menschen, auch wenn die damit verbundene Ausbeutung noch weniger gefürchtet wurde als Arbeitslosigkeit und Hunger. Erst die Selbstorganisation der Arbeitenden verschaffte allmählich bessere Arbeitsbedingungen: die Aufhebung der Kinderarbeit, gerechtere Löhne, weniger lange Arbeitszeiten und mehr Sicherheit an den Arbeitsplätzen. Gemäss den frühen Schriften von Karl Marx war das Elend der industriellen Produktion – die Entfremdung des Menschen vom Produkt der Arbeit – verursacht durch das kapitalistische, private Eigentum an den Produktionsmitteln, sodass es nach seiner Vorstellung lediglich der Sozialisierung des Eigentums an den Produktionsmitteln bedurfte, um die Entfremdung aufzuheben. Die französische Philosophin Simone Weil, die selber die Fabrikarbeit kannte, stellte dagegen fest, dass dies ein trügerischer Ansatz sei: nicht die Eigentumsverhältnisse, sondern die Produktionsverhältnisse, d.h. die Struktur der industriellen Produktion seien schuld an der Entpersönlichung und an der Anonymisierung, damit an der erneuten Versklavung der Menschen. Diese geschehe infolge der maschinenähnlichen Instrumentalisierung der Menschen als Arbeitskraft zum Zwecke der Massenproduktion und dadurch der Maximierung der Mehrwertsteigerung. Wer diesem Zweck nicht in genügendem Mass gerecht werden könne, werde skrupellos ersetzt, durch andere, ertragreichere Arbeitskräfte, schliesslich durch Maschinen. Dieser Prozess der Zweckmaximierung wurde Rationalisierung genannt.

Solange die Rationalisierung bloss technische Verbesserung betraf, etwa vom Gänsekiel zur Schreibmaschine oder zum Computer, war sie ertragbar. Wenn aber durch die Rationalisierung Menschen zu nutzlosen Objekten erklärt werden, zu einem ihnen fremden Zweck instrumentalisiert werden und, wenn sie diesem Zweck nicht mehr genügen, selber wegrationalisiert werden, d.h. für ungenügend, für überflüssig, für nutzlos deklariert werden, geschieht etwas Verhängnisvolles. Eines der wichtigsten ethischen Postulate wird überschritten: der von Kant formulierte „praktische Imperative”, der genau dies untersagt, was heute geschieht.

Mit der jüngsten neoliberalen Globalisierung wiederholt sich der Imperialismus des letzten Jahrhunderts, durch welchen der Arbeitsbegriff nochmals verändert wurde. Schon damals wurde die Produktion zunehmend ins jeweils billiger produzierende Ausland ausgelagert, während im teureren „Mutter- oder Vaterland” proportional dazu der Dienstleistungs- und Verwaltungssektor anwuchs. Dieser wird heute als marktgenügend erachtet, und entsprechend wird die Beschäftigung in diesem Bereich bezahlt. Damit geht einher, dass jede andere Arbeit – vor allem die Arbeit kräftemässig geschwächter Menschen oder die Arbeit der Frauen im Rahmen von Erziehung und Haushalt – als Arbeit erneut degradiert wird und an Anerkennung einbüsst.

Zusätzlich zur Verachtung der marktmässig ungenügenden, schlecht bezahlten oder nicht bezahlten Arbeit hat sich in allen Sektoren von Lohnarbeit resp. von bezahlter Arbeit der Skandal der Instrumentalisierung und damit der skrupellosen Rationalisierung noch mehr verschärft. Er hat auch die privaten und die öffentlichen Beziehungen vergiftet. Wer in einer privaten Beziehung nicht mehr „leistungsfähig” genug ist, ob für die Lust- oder für die Arbeitsproduktion, wird „entlassen” und ausgetauscht wie ein Paar Strümpfe. Und indem staatliche Institutionen sich zur Firma, zum Unternehmen erklären, gibt es in der Pluralität des Zusammenlebens schnell die Ausmarchung zwischen den „leistungsfähigen Klienten und Klientinnen”, die den Anforderungen genügen können, und jenen, die als „ungenügend” eingestuft werden.

Arbeitszeit ist jedoch immer und unter allen Bedingungen Existenzzeit, unabhängig von der Art der Arbeit. Da der Existenzwert aller Menschen auf Grund des gleichen Menschseins gleich ist, sollte jede Art Arbeit als Beitrag zum arbeitsteiligen Gelingen des Zusammenlebens genügend anerkannt werden.

Die Herabsetzungen und Demütigungen, die durch das aktuelle gesellschaftliche System Menschen mit eingeschränkter Arbeitsmöglichkeit angetan werden, wenn sie auf staatliche Unterstützung angewiesen sind, bedürfen der Korrektur; sie sind in ethischer Hinsicht nicht akzeptierbar. Die Vermischung des Staates mit einer Firma und jeder grösseren Firma mit einem Staat bewirkt den Verlust der menschenrechtlichen Normen. Um im einen wie im anderen Bereich genügen zu können, werden Bedingungen gestellt, die sich allein noch nach der Marktkonformität richten. Der menschliche Wert aber, wie schon erläutert wurde, ist ein Wert an sich. Er bedarf in der individuellen Besonderheit jedes Menschen des Schutzes und der Achtung, er bedarf des Verstandenwerdens und der Erfüllung der Grundbedürfnisse, er bedarf des Dialogs und der gesellschaftlichen Partizipation, resp. der sinnvollen Arbeit.

 

Ein neuer Gesellschaftsvertrag von unten

Was kann in der aktuellen Situation hilfreich sein zu tun? „Die einzige subversive Kraft ist das Denken”, stellte Simone Weil fest, die als junge Frau ihre Lehrtätigkeit in Philosophie aufgegeben hatte, um die Fliessbandarbeit im damaligen Fabriksystem selber zu kennen[3]. Unter den heutigen Zeitbedingungen kann die Schulung des kritischen und kreativen Denkens, des Verstehens und Argumentierens, der Bildung und Weiterbildung auf analoge Weise genutzt werden, wie dies Simone Weil als wichtig erachtete: als Voraussetzung für die Veränderung mangelhafter oder schwieriger Lebensbedingungen, sowohl zu Gunsten der eigenen Bedürfnisse wie jener der anderen. Es geht heute um die Rückgewinnung des menschlichen Subjektwertes im Zusammenleben unter den Zeitbedingungen von heute: um einen neuen Gesellschaftsvertrag von unten.

Als sich in der Mitte des 19. Jahrhunderts in Zusammenhang der wachsenden Folgen der Industrialisierung eine ähnliche Dringlichkeit erwies, geschah sie durch die Bildung von Arbeiterräten, in denen erstmals auch Frauen vertreten waren. Es ging um den Schutz vor Arbeitslosigkeit, um Unterstützung bei Unfällen und Krankheiten, um paritätische Mitsprache bei den Anstellungs- und Lohn- und Entlassungsbedingungen, bei den Produktionsprozessen wie bei den Entscheiden über die Reinvestition des Mehrwerts. Eine Konsequenz etwa bestand in der Errungenschaft der Gesamtarbeitsverträge, oder in der Bildung von Produktionsgruppen, welche für das gesamte Zustandekommens eines Produkts verantwortlich waren, vom Rohprodukt bis zur definitiven Fertigung. Den politischen Verfassungen, die um 1848 herum und in der Folge entstanden, ging die gemeinsame soziale Verantwortung voraus, die als Gesellschaftsvertrag erarbeitet worden war, als eine Übereinkunft der komplementären Verbindlichkeit zwischen den verschiedenen gesellschaftlichen Schichten und wirtschaftlichen Sektoren innerhalb der Bevölkerung. Auch heutige Gesamtarbeitsverträge können als spezifische Form eines Gesellschaftsvertrags verstanden werden, dessen Nutzen sowohl den Schwächeren wie den Stärkeren eines Arbeitssystems zugute kommen. Es wundert daher nicht, dass rücksichtslose Rationalisierungsprozesse der jüngsten Zeit zumeist mit der Kündigung der Gesamtarbeitsverträge einsetzen.

Der ursprüngliche Sinn des Gesellschaftsvertrags, der in allen Verhältnissen und Beziehungen, bis in die privaten Beziehungen hinein, gewirkt hatte, ist abhanden gekommen. Er bestand in einem komplementären Solidarverhältnis zwischen den Verschiedenen, die zusammen auf je individuelle Weise dazu beitragen, dass die existentielle Sicherheit jedes einzelnen Menschen respektiert wird. Die Zerstörung des Gesellschaftsvertrags war zuerst das Ergebnis der faschistischen Zuspitzung des Kapitalismus und ging nach dem zweiten Weltkrieg über in die zunehmende Marktdiktatur neoliberaler Globalisierung, gleichzeitig in die sich in allen Gebieten durchsetzende Deregulierung aller gesellschaftlichen Regeln des Entscheidens und Handelns, resp. aller Vertragsregeln. Mit der Deregulierung wurde die im Gesellschaftsvertrag mitverstandene Rücksicht auf die Schwächeren, ja die Haftung der Starken für die weniger Tüchtigen, für die Gebrechlichen, für die Kinder und die Alten, auch für die Fremden und für den Respekt des Gastrechts für überholt erklärt. Es geht so viel verloren dadurch, dass das menschliche Zusammenleben aufs schwerste erkrankt. Es geht um ein Leiden, das aufs dringlichste alarmiert und Beachtung fordert.

Die Frage, die sich stellt, ist, wie die „subversive Kraft des Denkens” heute eingesetzt werden sollte, damit Menschen nicht länger als ungenügend oder gar als unnütz, als überflüssig und damit als wertlos erklärt werden können. Die Beantwortung der Frage kann nicht innerhalb des neoliberalen Systems gefunden werden. Ein System, welches Menschen für überflüssig erklärt, ist gemäss Hannah Arendt ein totalitäres System. Da heute das neoliberale Wirtschaftssystem zunehmend totalitäre Macht über die Gesellschaft entwickelt hat, da auch der Staat und die mit ihm verknüpfte Administration sich von oben her dem neoliberalen System anpasst, muss die Veränderung zu Gunsten des menschlichen Lebenswertes von unten her geschehen, von den Menschen im Rahmen kleiner und mittlerer Unternehmen gemäss deren Eigenverantwortung. Was in kleinen Kreisen beginnt, in neuen Anstellungs- und Vertragsverhältnissen, das kann sich auf andere Kreise auswirken.

Die Grundregel eines neuen Gesellschaftsvertrags, der sich in den Arbeitsverhältnissen kund tut, sollte sein, dass die Lebens- und Arbeitsbedingung, die jeder einzelne Mensch für sich selber braucht, einem anderen Menschen nicht verweigert werden, ja nicht verweigert  werden dürfen.

Die „subversive Kraft des Denkens” im Sinn Simone Weils geht als Potential des Widerstandes einher mit der Kraft der kreativen Vernunft. Sie entwirft konstruktive Gegenmodelle und ermöglicht deren Durchsetzung. Die kreative Vernunft mag das Potential des  „Selberdenkens” einbeziehen, wie Kant es bezeichnet hatte, sie mag das Potential sein, das Mut, Eigenverantwortung oder Innovation auch zu Gunsten der des Schwächeren umsetzen lässt. In religiösen Termini mag es die tätige, konkrete Hoffnung sein, die Vertrauen ermöglicht.

Sind es nur grosse Worte? Im Gegenteil. Die kreative Vernunft, wie ich sie verstehe, könnte sich im Entschluss zeigen, einen Gesellschaftsvertrag von unten nicht bloss zu denken, sondern tatsächlich wiederherzustellen, auf praktische Weise. Es geht um ein Verstehen der Dringlichkeit, um einen Entschluss und ein Handeln, das viele teilen und viele brauchen. Es ist die Umsetzung einer wachsenden, für einander und unter einander verantwortlichen Koalition, bei welcher auf die Grundbedürfnisse der anderen Menschen so geachtet wird wie jeder/jede einzelne es für sich selber bräuchte, wenn er/sie in Not wäre. Wer dies versteht und tut, kann für weitere Menschen zum Beispiel werden, so dass im öffentlichen Raum eine Veränderung geschehen kann: eine andere Aufmerksamkeit derjenigen, die Entscheidungsbefugnisse haben für das Wohlbefinden derjenigen, die auf diese Aufmerksamkeit angewiesen sind und die durch den persönlichen Einsatz ihren Teil zum Gelingen beitragen. Voraussetzung ist das Verstehen, was die Beachtung von Respekt, Angstfreiheit und innerer Sicherheit bewirkt.

Mag sein, dass dies wie ein grosses Projekt erscheint, doch es ist umsetzbar. Es bedarf des Zusammenschlusses all jener, die nicht länger in Wut, Frustration und Ohnmacht passiv zusehen und leiden wollen, sondern die sich wieder ihr Recht als Handelnde erkämpfen. Vielleicht bilden sich im Sinn des grossen Projekts viele kleine Einzelprojekte, die sich mit der Zeit zusammenfügen wie die einzelnen Teile einer komplizierten Architektur, zum Beispiel wie in den frühen Siebzigerjahre, als selbstverwaltete Produktionsprojekte im Zusammenschluss von Stärkeren und Schwächeren, von Älteren und Jüngeren, von Einheimischen und Ausländern realisiert wurden, analog zu den vielen Projekten von Frauen, die wir in Burkina Faso, in Somaliland, in Nicaragua oder anderswo bewundern. Dass das Vorbild der solidarischen Frauenmodelle auch in der Männergesellschaft aufgenommen und umgesetzt wird, kann als echten Fortschritt verstanden werden.

Damit komme ich zum Abschluss und zugleich zum Anfang: Es geht um die Zustimmung zum Leben ohne Fragzeichen. Die Wiederherstellung des Gesellschaftsvertrags von unten mit sich ergänzenden Arbeitsmöglichkeiten auch für die Schwächeren – für alle – würde eine durch Übereinkunft entstehende Ethik als praktizierte Theorie des gelingenden Lebens bedeuten, gemäss John Rawls eine Ethik „der praktizierten Gerechtigkeit“[4]. Gegen die partikuläre Ethik der Gewinnmaximierung weniger Profiteure liesse sich wieder eine Ethik des gleichen Lebenswerts aller Menschen, die zusammenleben, umsetzen: eines aktiv gelebten Lebens, gemäss den verfügbaren Kräften, unabhängig von Alter, Herkunft und Geschlecht, eines Lebens, in welchem Musse wieder zum Genuss würde und nicht mehr Stigma der Unnützerklärung wäre, in welchem Verpflichtungen prinzipiell zwar reziprok, jedoch in erster Linie von oben nach unten gelten, in welcher Rechte und Grundbedürfnisse unabhängig von Bedingungen und Leistungen erfüllt werden, in welchem Beziehungen wieder den Wert des gelebten und geteilten Lebensprojekts bekommen. So könnten Kinder und Jugendliche angstfrei ins Leben hineinwachsen, die Frauen müssten nicht mehr bis zur Erschöpfung um die Anerkennung ihrer gleichen Rechte kämpfen, die Starken könnten getrost auch einmal schwach oder krank werden dürfen, die Schwächeren oder Geschwächten, irgendwie Behinderten könnten sich stärken in der Gewissheit, einen Platz in der Gesellschaft und eine Anerkennung zu finden.

All dies ist keine Utopie. Es ist im Bereich von Gesundheit und Arbeit ein dringliches Anliegen. Es ist dringlich wegen des ängstigenden Zustands unserer Gesellschaft, es ist dringlich wegen der vielen Menschen, die das Leiden ob der Demütigung des Nichtgenügens, der Passivität und der Zukunftsangst nicht mehr ertragen. Zur Verwirklichung dieses Anliegens bedarf es des Einstiegs und der nicht ermüdenden kreativen Vernunft, über die Sie verfügen. Der neue Gesellschaftsvertrag von unten ist realisierbar.

 

[1] geb. 1940, Doktorat in Philosophie, allgemeinem Staatsrecht und Menschenrechte,  Politologie; Zweitstudium in Psychologie und Psychoanalyse; eigene Praxis für Psychoanalyse und Traumatherapie; Lehraufträge an schweizerischen und ausländischen Universitäten, grosse Publikationsliste; vier erwachsene Kinder und Grosskinder.

[2] Martin Buber. Das dialogische Prinzip. Verlag Lambert Schneider, Heidelberg 1979. S. 22

[3] Simone Weil. Fabriktagebuch und andere Schriften zum Industriesystem. Aus dem Französischen übersetzt von Hein Abosch. Edition Suhrkamp 940.

[4] John Rawls. Eine Theorie der Gerechtigkeit. Suhrkamp Verlag, Frankfurt a.M. 1975

Write a Reply or Comment

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.