Zeitverhältnisse – Transzendierte Zeit – Zukunft – Phantasie, Hoffnung und Angst, Flüchtigkeit des Lebens, Tod.

Zeitverhältnisse – Transzendierte Zeit

Zukunft –  Phantasie, Hoffnung und Angst, Flüchtigkeit des Lebens, Tod.

 

Innerhalb der vorgegebenen Zeitordnung im Versuch, die vielfach rätselhafte Zeit – die Zeitverhältnisse – zu ergründen, werden wir uns heute mit der noch nicht erlebten Zeit befassen, mit den Zeitentwürfen, mit der Zukunft, sowohl der planbaren und vorhersehbaren, wie der durch die Begrenztheit des menschlichen Lebens zwar bewussten, jedoch zumeist gefürchteten und daher verdrängten, der Vorstellung endgültig entgleitenden Zukunft. Es geht am heutigen Abend um Überlegungen, in welchen versucht werden soll, die vielfache Zeitvernetzung im menschlichen Leben zu entfalten. Es mag in den mit dem 4. Abend verbundenen Denkprozessen deutlich geworden sein, dass durch die aktive, die je aktuelle lebendige Zeiterfahrung die erinnernde und die sich zum Teil der Erinnerung entziehende Rückschau einbezogen oder beiseite geschoben wird. Dass die guten Spuren zumeist sorgfältig gehütet und bewahrt werden, als könnten sie das Zerrinnen der Zeit aufhalten und eine Garantie darstellen gegen das Vergehen, während die lebensbedrohlichen Spuren ins Unbewusst eingepackt werden, als sei mit der Verdrängung eine Heilung verbunden – was nie der Fall ist.

Beim unbewussten psychischen Vorgehen der Verdrängung geht es um das mit der Zeitvernetzung verbundene Vorausschauen auf Zeitabläufe, die noch nicht sind, bei einzelnen Menschen eine sorgenvolle und ängstigende Unsicherheit, bei anderen ein vorausschauendes Streben und Hoffen, wiederum bei anderen Menschen ein Berechnen und Planen, immer gestützt auf die psychischen Voraussetzungen, je nachdem auf die im Innern verborgene, auf das Erleben und Erkennen sich abstützende Kraft, die Bergson „l’élan de la conscience“ nennt, d.h. den mit dem Bewusstsein verbundenen Schwung. Ob das Bewusstsein es vermag, wie Bergson annimmt, dass die im Unbewussten eingebetteten und daher sprachlos gewordenen, geheimen Erfahrungen der gelebten Zeit sich im Dunkeln rühren und eventuell gar lichterfüllt in die sprachliche Mitteilung und so in die Verarbeitung vorrücken, ob sie dadurch die kommende Zeit des Ich-Seins im nicht abwendbaren Vergehen der körperlichen Lebendigkeit auf stärkende Weise beeinflussen, ist sehr unterschiedlich. Dass es auf gute, beruhigende Weise gelinge, ist ein grosser Wunsch. „Zu wissen, dass die Zeit eine Einbildung ist und nichts mich zur Eile drängt. Ich möchte einmal wirklich schauen dürfen und die Dinge so sehen, wie sie sich uns nie zeigen“, hielt Marlen Haushofer fest, die österreichische Schriftstellerin, für welche die Sprache als Weg aus der Kolonisation in die Autonomie und die geheimnisvollen Kräfte, die Liebe heissen, die grösste Bedeutung hatten. Ob Liebe mit der Lebenskraft des Atems übereinstimmt, mit dem warmen Hauch, in welchem die Sprache in der Weiblichkeit wie in der Männlichkeit zum verstehenden Austausch wird und zugleich die Differenz trägt, oder ob sie die stärkste Manifestation der in der Menschlichkeit kaum erfüllbaren, tiefen Sehnsucht nach Aufhebung der Zeit ist, mittels der Sexualität – des „schönen Beischlafs“, wie Elfriede Jelinik schreibt -, wie dank der Fortsetzung der eigenen begrenzten Lebendigkeit in einem Kind – vielleicht in mehreren Kindern -, wie dank der Erfahrung zeitunabhängiger Dauer (cf. Bergson) durch zwischenmenschliche Zusammengehörigkeit in Beziehungen, immer ist Liebe verbunden mit der zeitlosen Zeit und mit dem nicht begrenzten Raum, d.h. Liebe ist die in der Menschlichkeit am stärksten spürbare Dauer.

Die Frage, wie und warum sowohl die vergangene wie die noch nicht erlebte Zeit die jeweilige Bedeutung der Zeit vorweg beeinflussen, trifft einerseits, im Bereich der Philosophie, mit der Kernfrage der Ethik zusammen: mit der Frage, was ein „gutes“ und was ein weniger gutes, eventuell gar ein „schlechtes“ Leben sei und was es bewirke. Wäre Zeitlosigkeit die „condition humaine“ und nicht Zeit, und würde Zeit nicht immer im Zeichen des Todes stehen, würde sich die Frage nach dem „guten Leben“ nicht stellen. Die Kernfrage der Ethik hat mit der Tatsache zu tun, dass die zu lebende Zeit befristet ist, dass aber die Frist mit Hilfe der Erkenntnismöglichkeiten, trotz aller Einschränkungen in der Umsetzung des Erkennens ins Handeln, möglichst gut genutzt wird. Ob Gefühle der inneren Befriedigung, des inneren Friedens, sogar des Glücks damit einhergehen, mag ein spürbarer Massstab für ein gelingendes Programm der Ich-Entwicklung sein. Leicht ist dies kaum. Sarah Kofman, zum Beispiel, hielt im letzten schmalen Werk vor ihrem Tod im Jahre 1994 eine vorsichtige, selbst im Nachlesen schmerzliche, fragmentierte Spurensicherung ihres eigenen Ich fest[1], über das Erzählen des Erinnerbaren aus der Kindheit und aus der Zeit des Heranwachsens, über das Benennen und Untersuchen der Leerstellen, der Brüche, der sprachlos gebliebenen Verluste, so der Deportation und der Tötung des Vaters in Auschwitz, auch über das Nachspüren der traumatisierenden Identifikationsdiffusion zwischen der inneren Beziehung zur Mutter und andererseits zur Hilfsmutter/Ersatzmutter/Wahlmutter. Es ist eine späte Spurensicherung mit Hilfe der Sprache, nachdem sie mit grosser Sorgfalt und vorbildlichem Respekt in ihrem ganzen Werk den Versuch der Rückgewinnung des Ich in den Erzählungen der Überlebenden aus den Lagern der Vernichtung des individuellen Ich und des Menschheits-Ich mit Hilfe der analytischen Arbeit zu verstehen versucht hatte. Das Schreiben, das Zuhören, das Verstehen und Sprechen werden bei Sarah Kofman zur Möglichkeit, die Bilder aus der Sprachlosigkeit zu befreien und das Unsägliche zu benennen, das das Ich seinen/ihren Platz und Namen in der eigenen Geschichte, in den Beziehungen der Welt, auch in Hinblick auf die nicht berechenbare Zukunft – den letztlich unabwendbaren Tod – wiedergewinnen kann.

Immer wieder stelle ich in meiner existenz- und gesellschaftsanalytischen Arbeit fest, dass das Gefühl für die Bedeutung der Realität, auch das Gefühl für den Rhythmus der Zeit, häufig selbst das Gefühl für Recht und Unrecht verloren geht, wenn Ermattung überhandnimmt und die Kraft des Widerstands gegen bedrohliche Machteinflüsse schwächer wird. Die Unterwerfungszugeständnisse, die in solchen Zeiten gemacht werden, demütigen die Menschen vor sich selber in einem Mass, dass sie sich klein und ohnmächtig fühlen. Ein Verlust der Lebensliebe ist beim Verlust jeglicher sicheren Liebe zu befürchten, wenn Gefühle der Entfremdung überhandnehmen. Doch immer besteht auch die Möglichkeit, dass diese Krisenerfahrungen zu einer Ich-Stärkung führen, zu einer zustimmenden Identitätsfindung sowohl im Zusammenhang der Geschichte (der weit zurückführenden Herkunftsgeschichte wie der eigenen, häufig schmerzlichen Entwicklungsgeschichte) wie des Entwurfs des noch offenen, aber begrenzten Lebens. Es geht um die von der Psyche aus beeinflussbare Sinnhaftigkeit des Lebens – selbst im Wissen um den Tod.

Neben den für mich so bedeutenden Überlegungen Sarah Kofmans gibt es eine Fülle von Texten, welche diese Überlegungen auf spezifische bestätigen. Nur auf sehr wenige ist es möglich, kurz hinzuweisen. Als Margarete Susman fast neunzig Jahre alt war (1963, drei Jahre vor ihrem Tod), vollendete die erblindete Philosophin und Dichterin ihren Lebensrückblick[2], den zu schreiben das Leo Baeck Institut in New York sie gebeten hatte. Persönlich zu schreiben war nicht mehr möglich, und so verschlang das ungewohnte Diktieren mehrere Jahre. Als sie das Buch abschloss, bezeichnete sie es als Fragment. „So ist die Zeit“, hält sie in der Einleitung fest. „Ein Tag nach dem anderen vergeht. Eben noch war es Abend, nun ist es wieder Morgen geworden, und ich muss ein Blatt von dem grossen Kalender auf meinem Schreibtisch abreissen, und in kaum mehr als einer Minute wird es wieder Abend sein. So geht es fort, und aus all diesen Minuten spinnt sich ein langes, unbegreifliches Menschenleben zusammen, ein Leben (…), in dem das Selbstverständliche unbegreiflich und das Unbegreifliche selbstverständlich geworden ist.“  Dies galt für sie auch beim angstfreien Wegrutschen aus der Zeit, beim spürbar angstlosen Hinübergleiten in den Tod, wie die Margarete Susman nahestehende Begleiterin mir vor Jahren erzählte.

Auf besondere Weise berührte mich auch die präzise, sorgfältige Selbstbetrachtung[3] des amerikanischen Schriftstellers Harold Brodkey, der, 1930 geboren, 1996 in New York an den Folgen eines nicht heilbaren Aids-Infektes starb. Er schildert sich selber als „Hypochonder“ während seiner ganzen Lebenszeit, die erfahrungsreich und beziehungsreich war, auch immer geprägt durch „einen äusserst festen Sockel für meine Stimmungen und Geisteszustände, für meine mentale Landschaft”. Eines Tages aber musste er die Symptome einer völlig neuen Krankheit in sich entdecken. „Mein Leben hat sich irreversibel verändert, auf dieses Sterben hin“. Um verständlich zu machen, was die „irreversible Veränderung“ bedeutet, nimmt er die früheren Erlebnisse und Denkprozesse auf und geht zunehmend auf das sich leise entwickelnde „echte Staunen“ ein. „Man möchte das Wirkliche noch hie und da erspähen. Gott ist etwas Unermessliches, während diese Krankheit, dieser Tod, der in mir steckt, dieses kleine, banale Ereignis, lediglich real ist, restlos, ohne ein Wunder zu bergen – oder eine Lehre. Ich stehe auf einem frei dahintreibenden Floss, einem Kahn, der sich auf der biegsamen, fliessenden Oberfläche eines Stroms bewegt. Eine unsichere Situation. Ich weiss nicht, was ich da tue. Die Unwissenheit, die angespannte Balance, die abrupten Stösse und die Instabilität breiten sich in kleinen, immer weitere Kreise schlagenden Wellen über all meine Gedanken aus. Frieden? Den hat es auf der Welt nie gegeben. Doch auf dem geschmeidigen Wasser, unter dem Himmel, unverankert, reise ich nun dahin und höre mich lachen, zuerst vor Nervosität und dann vor echtem Staunen. Ich bin davon umgeben.“

Vor einigen Jahren bat mich auch eine seit sieben Jahren an Krebs leidende Bekannte, die sich der Unheilbarkeit und der sich beschleunigenden Todesnähe bewusst war, dass wir gemeinsam auf all dies – das gelebte Leben und die sich verengende Zukunft – eingehen. Sie war weder Philosophin noch Literatin, sie stammte aus einfacher, bäuerlicher Familie. Dank ihrem Schönheitsgefühl hatte sie einen erfolgreichen Kunsthandel aufgebaut. Die „Abschlussarbeit“, die sie, müde und erschöpft,  mit grosser Verdichtung zustandebrachte, entsprach einer ausklingenden Komposition. Was ich aus den Gesprächen während der letzten Lebenstage erlebte, hielt ich fest, so wie ich es hier wiedergebe[4]: In der Welt sein und Teil der Welt sein ist der einzige Zustand, den wir kennen. Es ist gleichbedeutend mit Lebendigsein, mit Leben. Er schliesst alles ein, was unsere Existenz ausmacht, was sie seit dem Anfang des erwachenden Bewusstseins in frühester Kindheit erfahren hat: erwachen, tätig sein, ruhen, durch Strassen und über Plätze eilen, Gewässern entlang oder durch Wiesen streifen, allein sein oder nicht allein sein, lernen und immer wieder lernen, planen, Pläne ausführen, eine Hand halten, lieben, geliebt werden, Verluste erleben, Trauer und Verzweiflung durchstehen, sich stark fühlen oder krank und verlassen, Hunger haben, sich gesättigt fühlen, einen Platz ausfüllen in einem Tätigkeitsbereich, in einer Familie, in einem Dorf oder in einem Freundes- und Freundinnenkreis, Entscheide fällen, Entscheiden ausweichen oder fremde Entscheide annehmen müssen, schuldig werden, Gutes tun, Verzeihung erfahren oder selbst verzeihen, nützlich sein, für politische Ideale wirken, leiden, Angst kennen und Ausweglosigkeit, die Nähe des Todes spüren, Distanz nehmen, loslassen und zugleich sich verwurzelt fühlen in dieser geschenkten, befristeten und verpflichtenden Welthaftigkeit, die das Leben bedeutet.

Nur dies kennen wir, sonst nichts, nur diese Welthaftigkeit. Über deren Grenzen und Bedingungen aber, über deren Ursprung und Ziel drängt es uns, nachzudenken, ist doch unsere – menschliche und diesseitige – Welthaftigkeit zugleich Geisthaftigkeit, Ahnung einer geheimnisvollen und verborgenen Zugehörigkeit zu einer zeitüberdauernden, bedingungsfreien, jenseitigen Welt, von der wir, die Lebenden, keine Kenntnis haben, die sich erst jenseits der Zeit und jenseits des Todes erschliesst. “Sterben” nennen wir die Passage von dieser Welt in die unbekannte jenseitige.

Wie ich von ihr wegging, erinnerte ich mich einiger Zeilen von Karl Kraus, in denen Gott zum sterbenden Menschen spricht (so ist auch der Titel des Gedichts “Der sterbende Mensch”):

“Im Dunkel gehend, wusstest du ums Licht,

nun bist du da und siehst mir ins Gesicht.

Sahst hinter dich und suchtest meinen Garten.

Du bliebst am Ursprung. Ursprung ist das Ziel”.

Der Ursprung ist das Ziel? Wenn das Leben der Ursprung ist – die Kraft der Schöpfung-, so ist das Ziel wiederum das Leben? Ist deshalb Sterben etwas Friedvolles? Weil es eine Passage ist aus dem “Gehen im Dunkel” der unbeantwortbaren Fragen ins Licht? Aus dem zerfliessenden, gehetzten Leben unter dem Diktat des Chronometers, der erbarmungslos tickenden Zeit in die Stille des zeit- und bedingungslosen Lebens?

Der Ursprung ist das Ziel. Vielleicht findet sich in diesem knappen Satz die Antwort auf die Frage, wie wir uns vorbereiten sollen auf den Tod, ohne ständig daran zu denken. Die Antwort würde dann heissen, dass wir das Leben, wie wir es hier als Welthaftigkeit erfahren und dank unserer Geisthaftigkeit, dank unseren Talenten gestalten und verwirklichen können, ernst nehmen – gemäss den Bedingungen der Zeit, gemäss der “condition humaine”. Denn immer ist die Zeit nur als Gegenwart erlebbar, als Abfolge von nicht wiederholbaren, einmaligen Augenblicken, die in ihrer Einmaligkeit und Nichtwiederholbarkeit, in ihrer Unaustauschbarkeit jeden Atemzug, jeden Schritt, jede Begegnung und jede Berührung, auch jede Erkenntnis einmalig machen. Mir scheint, dass Brigitte gegen Ende ihres Lebens darum wusste. Mehrmals sprach sie vom Glück, frühmorgens dem ersten Lied einer Amsel zu lauschen, oder sich im winterlichen Garten von der Nachmittagssonne wärmen zu lassen, oder einfach eine Hand zu halten.

Das Leben nach den Bedingungen der Zeit ernst nehmen, heisst auch, den Aufgaben gerecht werden, die jede Einzelne und jeder Einzelne für sich selbst als verpflichtend erachtet, so verschieden diese Aufgaben und die Auffassungen davon sein mögen. Brigitte war in ihrer Pflichtauffassung ganz und gar unbeirrbar. Makellose Ordnung und Pünktlichkeit gehörten dazu, geregelte Formen, grösste Präzision in Abmachungen und in der Einhaltung von Abmachungen, und was sie von sich selbst forderte, erwartete sie mit fragloser Selbstverständlichkeit von ihren Mitarbeiterinnen und Geschäftspartnern, eigentlich von allen Menschen, die sie umgaben. Möglicherweise habe sie damit einigen Unrecht getan, überlegte sie sich in einem unserer letzten Gespräche.

Warum diese Ordnungsliebe, fragte ich mich öfters. Sie entsprach einem grossen Bedürfnis. Mag sein, dass Angst vor dem Unberechenbaren, Undurchschaubaren, auch vor dem Unverfügbaren dahinter stand. Mag sein, dass sie ihrem ästhetischen Bedürfnis entsprach, diesem grossen Bedürfnis nach Regeln der Harmonie. Ich weiss es nicht.

Dass die Harmonie selbst eine Übereinstimmung ist, die sich nicht durch Regeln erzwingen lässt, nicht durch Willensanstrengung und Durchsetzungskraft, dass sie einem als Geschenk widerfährt, wenn man bereit ist, loszulassen und vom eigenen Verfügen abzusehen, das hatte Brigitte eigentlich nur durch die unerfüllte Sehnsucht nach Harmonie, nur durch den inneren Mangel erfahren. Diese Unerfülltheit mag der Kern ihres Leidens und ihrer Lebenstrauer gewesen sein. Wir sprachen mehrmals darüber, als sie noch gesund war und dann gegen Schluss ihrer schweren Krankheit, die sie mit der gleichen Ordentlichkeit und mit dem gleichen Stil zu bestehen suchte wie jede andere anspruchsvolle Aufgabe. Ebenfalls am Freitag, bei unserem letzten Gespräch vor einer Woche, sagte sie, sie habe das nun verstanden, sie sei nun bereit.

Die Kraft zur Synthese der Zeitverhältnisse ist, denke ich, die eigentliche kreative Vernunft. Sie befähigt nicht nur zur Sinngebung in Bezug auf das Vergangene und das Gegenwärtige der Zeiterfahrung, sondern auch zu jener Wachheit, zu jener freiheitlichen Bereitschaft, die Margarete Susman „Rechtzeitigkeit“ nennt. In ihrem Lebensrückblick bezeichnet sie die Rechtzeitigkeit als Gnade. „Ich möchte diese seltene Gnade als einen Augenblick bezeichnen“, hält sie fest, „in dem die Zeit sich aus unserem Leben zurückzieht und nur die reine Gegenwart übrig lässt, und je öfter dies geschieht (ich würde sagen, je intensiver) um so mehr ist ein Leben ein Leben gewesen.“

 Zukunft ist in jeder Lebensphase eine korrigierende und eine schöpferische Zeit. Auf viele Überlegungen und Fragen mögen die damit verbundenen Gespräche eingehen.

 

 

[1] Sarah Kofman. Rue Ordener – Rue Labat

[2] Margarete Susman. Ich habe viele Leben gelebt. Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart  1964

[3] Harold Brodkey. This wild darkness. Die Geschichte meines Todes. Übersetzerin: Angela Praesent. Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 1996

[4] wie ich es auch im Rahmen ihrer Begräbnisfeier aussprach, gemäss ihrem Wunsch.

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