…..das heimliche Rauschen der Tiefe – Über das Erkennen der davoneilenden Zeit

 

… das heimliche Rauschen der Tiefe

 

Über das Erkennen der davoneilenden Zeit

 

Wie verknüpfen sich die wachsenden Jahreszahlen mit der immer knapperen Frist der noch lebbaren Zeit? Kommt die Vergangenheit vor wie eine Heimat? – oder wie ein Wirrwar von Fluchtwegen? Was bedeuten Gegenwart und Zukunft, wenn die Zukunft immer weniger planbar wird?

Innerhalb der Zeitordnung ist der Versuch, die vielfach rätselhafte Zeit – die Zeitverhältnisse – zu ergründen, einem unstillbaren Hunger ähnlich. Dazu gehört neben dem Erzählen der bewussten Erinnerungen das Aufwickeln und Durchschauen der zum Teil im Unbewussten auf verborgene Weise gespeicherten gelebten Zeit wie der von der Lebendigkeit getragene Versuch, die noch nicht erlebte Zeit vorherzusehen und zu planen, Zeitentwürfe zu gestalten, welche die Stunden des je aktuellen Tages ebenso einbeziehen wie die im Wissen um die Begrenztheit des menschlichen Lebens traumhafte Vision der irgendwann endgültig entgleitenden Zukunft.

Ich will versuchen, die vielfache Zeitvernetzung im Älterwerden des menschlichen Lebens zu verdeutlichen. Es geht dabei um Denkprozesse, in welchen auf erstaunliche Weise klar wird, dass diese einerseits durch gute Zeiterfahrungen, andererseits durch die von Leiden  und Ängsten überschatteten Lebensetappen geprägt sind, dass dabei sowohl die erinnernde wie die sich der Erinnerung verwehrende Rückschau einbezogen oder beiseite geschoben wird. Klar wird auch, dass beim Älterwerden die guten Spuren zumeist sorgfältig gehütet und bewahrt werden, als könnten sie das Zerrinnen der Zeit aufhalten und eine Garantie darstellen gegen das Vergehen, während die belastenden Spuren ins Unbewusst eingepackt werden, als sei mit der Verdrängung eine Heilung verbunden – was nie der Fall ist. Beim unbewussten psychischen Vorgehen der Verdrängung geht es um das mit der Zeitvernetzung verbundene Bedürfnis, die gelebte Zeit zu vergessen und den Blick allein auf die kommende, noch offene Zeit auszurichten. Weil durch das Verdrängen das Aufarbeiten und Verstehen blockiert oder verhindert wird, wird der psychische Genesungsprozess unterbunden, so dass das erlebte Leiden zur hemmenden, nicht erklärbaren Angst vor der Zukunft wird, zu einer Lebensangst und Todesangst. Die wachsende Unsicherheit vor jedem kommenden Tag und jeder Nacht, die in der Phase des Älterwerdens viele Menschen befällt, ist die von den Ursachen her nicht geklärte Angst, die zunehmend zur inneren Gewalt wird. Die Frage stellt sich, was es braucht, damit Unsicherheit sich in Gelassenheit wandelt, vielleicht auch in ein vorausschauendes Streben, Hoffen und Planen, das sich auf die nächste, absehbare Zukunft ausrichtet und sich mit den gegebenen körperlichen und geistigen Voraussetzungen abfindet?  Es gibt in jedem Menschen eine verborgene, auf das Erleben und Erkennen sich abstützende Kraft, die Bergson „l’élan de la conscience“ nennt, d.h. den mit dem Bewusstsein verbundenen Schwung, den es zu wecken gilt.

Ob das Bewusstsein es vermag, wie Bergson annimmt, dass die im Unbewussten eingebetteten und daher sprachlos gewordenen, geheimen Erfahrungen der gelebten Zeit sich im Dunkeln rühren und eventuell ohne Anstoss von Aussen lichterfüllt in die sprachliche Mitteilung und so in die Verarbeitung vorrücken, ob sie dadurch die kommende Zeit des Ich-Seins im nicht abwendbaren Vergehen der körperlichen Lebendigkeit auf stärkende Weise beeinflussen, ist sehr unterschiedlich. Dass es auf  gute, beruhigende Weise gelinge, ist ein grosser Wunsch. „Zu wissen, dass die Zeit eine Einbildung ist und nichts mich zur Eile drängt. Ich möchte einmal wirklich schauen dürfen und die Dinge so sehen, wie sie sich uns nie zeigen“, hielt Marlen Haushofer fest, die ungewöhnliche österreichische Schriftstellerin, für welche die Sprache als Weg aus der Kolonisation in die Autonomie und die geheimnisvollen Kräfte, die Liebe heissen, die grösste Bedeutung hatten. Ob Liebe mit der Lebenskraft des Atems übereinstimmt, mit dem warmen Hauch, in welchem die Sprache in der Weiblichkeit wie in der Männlichkeit zum verstehenden Austausch wird und zugleich die Differenz trägt, oder ob sie die stärkste Manifestation der in der Menschlichkeit kaum erfüllbaren, tiefen Sehnsucht nach Aufhebung der Zeit ist, mittels der Sexualität – des „schönen Beischlafs“, wie Elfriede Jelinik schreibt -, wie dank der Fortsetzung der eigenen begrenzten Lebendigkeit in einem Kind – auf glückhafte Weise vielleicht in mehreren Kindern -, wie dank der Erfahrung zeitunabhängiger Dauer durch zwischenmenschliche Zusammengehörigkeit in Beziehungen, immer ist Liebe verbunden mit der zeitlosen Zeit und mit dem nicht begrenzten Raum, d.h. Liebe ist die in der Menschlichkeit am stärksten spürbare Dauer.

Die Frage, wie und warum sowohl die vergangene wie die noch nicht erlebte Zeit die jeweilige Bedeutung der Zeit vorweg beeinflussen, trifft einerseits, im Bereich der Philosophie, mit der Kernfrage der Ethik zusammen: mit der Frage, was ein gutes und was ein weniger gutes, eventuell gar ein schlechtes Leben sei und was es bewirke. Wäre Zeitlosigkeit die „condition humaine“ und nicht Zeit, und würde Zeit nicht immer im Zeichen des Todes stehen, würde sich die fast suchtartige Frage nach dem guten Leben nicht täglich stellen. Die Kernfrage der Ethik hat mit der Tatsache zu tun, dass die zu lebende Zeit befristet ist, dass aber die Frist mit Hilfe der Erkenntismöglichkeiten, trotz aller Einschränkungen in der Umsetzung des Erkennens ins Handeln, möglichst gut genutzt wird. Ob Gefühle der inneren Befriedigung, des inneren Friedens, sogar des Glücks miteinhergehen, mag ein spürbarer Massstab für ein gelingendes Programm der Ich-Entwicklung sein. Leicht ist dies kaum. Sarah Kofman, zum Beispiel, hielt im letzten schmalen Werk vor ihrem Tod im Jahre 1994 eine vorsichtige, selbst im Nachlesen schmerzliche, fragmentierte Spurensicherung ihres eigenen Ich fest[1], über das Erzählen des Erinnerbaren aus der Kindheit und aus der Zeit des Heranwachsens, über das Benennen und Untersuchen der Leerstellen, der Brüche, der sprachlos gebliebenen Verluste, so der Deportation und der Tötung des Vaters in Auschwitz, auch über das Nachspüren der traumatisierenden Identifikationsdiffusion zwischen der inneren Beziehung zur Mutter und andererseits zur Hilfsmutter/Ersatzmutter/Wahlmutter. Es ist eine späte Spurensicherung mit Hilfe der Sprache (auf welche ich selber immer wieder stosse), nachdem sie mit grosser Sorgfalt und vorbildlichem Respekt in ihrem ganzen Werk den Versuch der Rückgewinnung des Ich in den Erzählungen der Überlebenden aus den Lagern der Vernichtung, des individuellen Ich und des Menschheits-Ich mit Hilfe der analytischen Arbeit zu verstehen versucht hatte. Das Schreiben, das Zuhören, das Verstehen und Sprechen werden bei Sarah Kofman zur Möglichkeit, die Bilder aus der Sprachlosigkeit zu befreien und das Unsägliche zu benennen, damit das Ich seinen/ihren Platz und Namen in der eigenen Geschichte, in den Beziehungen der Welt, auch in Hinblick auf die nicht berechenbare Zukunft, die sie ablehnte – den letztlich unabwendbaren Tod, den sie selber wählte – wiedergewinnen kann.

Immer wieder stelle ich fest, dass das Gefühl für die Bedeutung der Realität, auch das Gefühl für den Rhythmus der Zeit, häufig selbst das Gefühl für Recht und Unrecht verloren geht, wenn die Ermattung überhandnimmt und die Kraft des Widerstands gegen bedrohliche Machteinflüsse schwächer wird. Die Unterwerfungszugeständnisse, die in solchen Zeiten gemacht werden, demütigen die Menschen vor sich selber in einem Mass, dass sie sich klein und ohnmächtig fühlen. Ein Verlust der Lebensliebe ist beim Verlust jeglicher sicheren Liebe zu befürchten, wenn Gefühle der Entfremdung überhandnehmen. Doch immer besteht auch die Möglichkeit, dass diese Krisenerfahrungen zu einer Ichstärkung führen, zu einer zustimmenden Identitätsfindung im Zusammenhang der Geschichte (der weit zurückführenden Herkunftsgeschichte wie der eigenen, häufig schmerzlichen Entwicklungsgeschichte) mit dem Entwurf des noch offenen, aber begrenzten Lebens. Es geht um die vom Denken beeinflussten spürbaren Gefühlsempfindungen der Sinnhaftigkeit des Lebens selbst im Wissen um den Tod.

Neben den so bedeutenden Überlegungen Sarah Kofmans gibt es eine Fülle von Texten, in welchen sich die je persönliche Tiefe und Weite des aufarbeitbaren wie des entschwindenden Lebens öffnet. Nur auf sehr wenige ist es möglich, kurz hinzuweisen. Als Margarete Susman fast neunzig Jahre alt war (1963, drei Jahre vor ihrem Tod), vollendete die erblindete Philosophin und Dichterin ihren Lebensrückblick[2], den zu schreiben das Leo Baeck Institut in New York sie gebeten hatte. Persönlich zu schreiben war nicht mehr möglich, und so verschlang das ungewohnte Diktieren mehrere Jahre. Als sie das Buch abschloss, bezeichnete sie es als Fragment. „So ist die Zeit“, hält sie in der Einleitung fest. „Ein Tag nach dem anderen vergeht. Eben noch war es Abend, nun ist es wieder Morgen geworden, und ich muss ein Blatt von dem grossen Kalender auf meinem Schreibtisch abreissen, und in kaum mehr als einer Minute wird es wieder Abend sein. So geht es fort, und aus all diesen Minuten spinnt sich ein langes, unbegreifliches Menschenleben zusammen, ein Leben (…), in dem das Selbstverständliche unbegreiflich und das Unbegreifliche selbstverständlich geworden ist.“  Dies galt für sie auch beim angstfreien Wegrutschen aus der Zeit, beim spürbar angstlosen Hinübergleiten in den Tod, wie die Margarete Susman nahestehende Begleiterin mir vor Jahren erzählte.

Auf besondere Weise berührte mich auch die präzise, sorgfältige Selbstbetrachtung[3] des amerikanischen Schriftstellers Harold Brodkey, der, 1930 geboren, 1996 in N.Y. an den Folgen eines nicht heilbaren Aids-Infektes starb. Er schildert sich selber als „Hypochonder“ während seiner ganzen Lebenszeit, die erfahrungsreich und beziehungsreich war, auch immer geprägt durch „einen äusserst festen Sockel für meine Stimmungen und Geisteszustände, für meine mentale Landschaft”. Eines Tages aber musste er die Symptome einer völlig neuen Krankheit in sich entdecken. „Mein Leben hat sich irreversibel verändert, auf dieses Sterben hin“. Um verständlich zu machen, was die „irreversible Veränderung“ bedeutet, nimmt er die früheren Erlebnisse und Denkprozesse auf und geht zunehmend auf das sich leise entwicklende „echte Staunen“ ein. „Man möchte das Wirkliche noch hie und da erspähen. Gott ist etwas Unermessliches, während diese Krankheit, dieser Tod, der in mir steckt, dieses kleine, banale Ereignis, lediglich real ist, restlos, ohne ein Wunder zu bergen – oder eine Lehre. Ich stehe auf einem frei daheintreibenden Floss, einem Kahn, der sich auf der biegsamen, fliessenden Oberfläche eines Stroms bewegt. Eine unsichere Situation. Ich weiss nicht, was ich da tue. Die Unwissenheit, die angespannte Balance, die abrupten Stösse und die Instabilität breiten sich in kleinen, immer weitere Kreise schlagenden Wellen über all meine Gedanken aus. Frieden? Den hat es auf der Welt nie gegeben. Doch auf dem geschmeidigen Wasser, unter dem Himmel, unverankert, reise ich nun dahin und höre mich lachen, zuerst vor Nervosität und dann vor echtem Staunen. Ich bin davon umgeben.“

Vor einigen Jahren bat mich eine knapp fünzigjährige, seit sieben Jahren an Krebs leidende Frau, die sich der Unheilbarkeit und der sich beschleunigenden Todesnähe bewusst war, dass wir gemeinsam auf all dies – das gelebte Leben und die sich verengende Zukunft – eingehen. Dadurch wurde sie zur nahestehenden Freundin. Sie war berufsmässig weder eine Intellektuelle noch eine  Literatin, sie stammte aus einer dörflichen Familie, hatte jedoch dank ihrem Schönheitsgefühl einen bedeutenden Kunsthandel aufgebaut. Unter dem Druck der sich beschleunigenden Knappheit der Lebenszeit, müde und erschöpft, entfaltete sie in sich ein wunderbares Denkvermögen, um eine  „Abschlussarbeit“ zustandezubringen, wie sie sagte, die sie mit grosser Verdichtung zustandebrachte, mich ergreifend wie eine ausklingende Tonkunst. Was ich während der Gespräche in den letzten Lebenstagen von ihr hörte, hielt ich fest. Ich gebe es hier wieder. Sie kam zum Schluss, dass in der Welt sein und Teil der Welt sein der einzige Zustand ist, den wir kennen. Er ist gleichbedeutend mit Lebendigsein, mit Leben. Er schliesst alles ein, was unsere Existenz ausmacht, was sie seit dem Anfang des erwachenden Bewusstseins in frühester Kindheit erfahren hat: erwachen, tätig sein, ruhen, durch Strassen und über Plätze eilen, Gewässern entlang oder durch Wiesen streifen, allein sein oder nicht allein sein, lernen und immer wieder lernen, planen, Pläne ausführen, eine Hand halten, lieben, geliebt werden, Verluste erleben, Trauer und Verzweiflung durchstehen, sich stark fühlen oder krank und verlassen, Hunger haben, sich gesättigt fühlen, einen Platz ausfüllen in einem Tätigkeitsbereich, in einer Familie, in einem Dorf oder in einem Freundes- und Freundinnenkreis, Entscheide fällen, Entscheiden ausweichen oder fremde Entscheide annehmen müssen, schuldig werden, Gutes tun, Verzeihung erfahren oder selbst verzeihen, nützlich sein, für politische Ideale wirken, leiden, Angst kennen und Ausweglosigkeit, die Nähe des Todes spüren, Distanz nehmen, loslassen und zugleich sich verwurzelt fühlen in dieser geschenkten, befristeten und verpflichtenden Welthaftigkeit, die das Leben bedeutet.

Immer wieder hielt sie fest, dass wir nur dies kennen, sonst nichts, nur diese Welthaftigkeit. Über deren Grenzen und Bedingungen aber, über deren Ursprung und Ziel nachzudenken, spüre sie als stärksten seelischen Hunger.  Sie spüre, dass die  – menschliche und diesseitige – Welthaftigkeit zugleich Geisthaftigkeit, Ahnung einer geheimnisvollen und verborgenen Zugehörigkeit zu einer zeitüberdauernden, bedingungsfreien, jenseitigen Welt sei, von der wir, die Lebenden, keine Kenntnis haben können, die sich erst jenseits der Zeit und jenseits des Todes erschliesse.

“Was weisst du vom Sterben”, hatte sie mich gefragt, als Angst sie tagsüber und nachts überfiel wie Hundegebell.

“Ich weiss nur wenig, nur was ich aus beobachtender Nähe erfahren konnte, mehr nicht”.

“Ist es schrecklich?”

“Ich denke nicht, da die Ängste dann ein Ende haben”.

“Dann ist es etwas Friedvolles?”

“Ja”, sagte ich, “ich denke, dass es etwas Friedvolles ist, die Passage von dieser Welt in die unbekannte jenseitige“.

Als die Gespräche sich dem Ende zunäherten, fielen mir ein paar  Zeilen von Karl Kraus ein, in denen Gott zum sterbenden Menschen spricht:

“Im Dunkel gehend, wusstest du ums Licht,

nun bist du da und siehst mir ins Gesicht.

Sahst hinter dich und suchtest meinen Garten.

Du bliebst am Ursprung. Ursprung ist das Ziel”.

Ist wirklich der Ursprung das Ziel? Die Fragen wurden immer aufregender, immer nahrhafter. Wenn das Leben der Ursprung ist – die Kraft der väterlich-mütterlichen Schöpfung und des eigenen Geborenwerdens -, ist das Ziel wiederum das Leben? Ist deshalb Sterben etwas Friedvolles? Weil es eine Passage ist aus dem “Gehen im Dunkel” der unbeantwortbaren Fragen ins Licht? Aus dem zerfliessenden, gehetzten Leben unter dem Diktat des Chronometers, der erbarmungslos tickenden Zeit in die Stille des zeit- und bedingungslosen Lebens?

Wenn der Ursprung das Ziel ist, bedeutet dies, dass das Leben, wie es als nicht gewählte, sondern gegebene Lebenszeit in der häufig schwierigen Welthaftigkeit erfahren wird, zur konstanten Glückserfahrung werden kann, dank den Talenten, den Gefühlsempfindungen und Denkprozessen, die, unabhängig von Zeitbedingungen, durch den Austausch mit anderen Menschen, mit nahestehenden und mit fremden, gestaltet und verwirklicht werden? Denn auf spürbare Weise ist die Zeit immer nur als Gegenwart erlebbar, als Abfolge von nicht wiederholbaren, einmaligen Augenblicken, die in ihrer Einmaligkeit und Nichtwiederholbarkeit, in ihrer Unaustauschbarkeit jeden Atemzug, jeden Schritt, jede Begegnung und jede Berührung, auch jede Erkenntnis einmalig machen. Mir scheint, dass die krebskranke Freundin gegen Ende ihres Lebens darum wusste. Mehrmals sprach sie vom Glück. „Glück“ sagte sie, „ist, frühmorgens dem ersten Lied einer Amsel zu lauschen, oder sich im winterlichen Garten von der Nachmittagssonne wärmen zu lassen, oder einfach eine Hand zu halten“.

Ich erinnere mich, dass sie auch von den Pflichten sprach, die sie nicht mehr erfüllen konnte. In ihrer Pflichtauffassung war sie immer unbeirrbar gewesen. Makellose Ordnung und Pünktlichkeit gehörten dazu, geregelte Formen, grösste Präzision in Abmachungen und in der Einhaltung von Abmachungen, und was sie von sich selber forderte, erwartete sie mit fragloser Selbstverständlichkeit von allen Menschen, die sie umgaben. Möglicherweise habe sie damit einigen Unrecht getan, sagte sie in einem unserer letzten Gespräche. Warum hatte sich diese Ordnungsliebe entwickelt, die sich zur Pflichtensucht zuspitzte, fragte ich mich öfters. Standen Angst vor dem Unberechenbaren, Undurchschaubaren, auch vor dem Unverfügbaren dahinter? Oder war es eine Folge des aesthetischen Bedürfnisses in ihr, des grossen Bedürfnisses nach Regeln der Harmonie?

Dass die Harmonie selbst eine Übereinstimmung ist, die sich nicht durch Regeln erzwingen lässt, nicht durch Willensanstrengung und Durchsetzungskraft, dass sie einem als Geschenk widerfährt, wenn man bereit ist, loszulassen und vom eigenen Verfügen abzusehen, das hatte die kranke Freunden, die alt geworden war, bevor die Anzahl Jahre das Weggleiten unausweichlich auferlegte, eigentlich nur durch die unerfüllte Sehnsucht nach Harmonie, nur durch den inneren Mangel erfahren. Diese Unerfülltheit mag der Kern ihres Leidens und ihrer Lebenstrauer gewesen sein. Wir sprachen mehrmals darüber, als sie die letzte Phase mit der ihr entsprechenden Ordentlichkeit und mit dem sie kenneichnenden Schönheitsempfinden zu bestehen suchte – wie jede andere anspruchsvolle Aufgabe.

Als sie nicht mehr lebte, meine Gedanken sich jedoch weiter mit ihr unterhielten, wurde mir bewusst, dass nicht das Eindringen in Wissenschaften die aufregendsten Verschärfungen und Vertiefungen des persönlichen Wissens bewirkt, sondern die Intensität der Verbindung von Erfahrung, Empfindung und Denken, wie sie sich in Gedichten oder in musikalischen Kompositionen einen Ausdruck schafft. Es geht um „das heimliche Rauschen der Tiefe“, wie  Nelly Sachs es in einem ihrer späten Gedichte festhielt:

„Immer ist die leere Zeit

hungrig

auf die Inschrift der Vergänglichkeit.

In der Leere der Nacht

mit allen Wundern eingerollt

wissen wir nichts,

als dass die Einsamkeit nicht die meine ist.

Vielleicht dass ein Traum – verwirklichtes Grün

oder

ein Sang

aus der Vorgeburt schimmern kann –

und von den Seufzerbrücken unserer Sprache

hören wir das heimliche Rauschen der Tiefe“.

Die Kraft zur Synthese der Zeitverhältnisse, der immer wieder neu beginnenden wie der weggleitenden, ist, denke ich, die eigentliche kreative Gabe. Sie befähigt nicht nur zur Sinngebung in Bezug auf das Vergangene, das Gegenwärtige und das unbekannt Bevorstehende der Zeiterfahrung, sondern auch zu jener Wachheit, zu jener freiheitlichen Bereitschaft, die Margarete Susman „Rechtzeitigkeit“ nennt. In ihrem Lebensrückblick bezeichnet sie die Rechtzeitigkeit als Gnade. „Ich möchte diese seltene Gnade als einen Augenblik bezeichnen“, hält sie fest, „in dem die Zeit sich aus unserem Leben zurückzieht und nur die reine Gegenwart übriglässt, und je öfter dies geschieht (ich würde sagen, je intensiver) um so mehr ist ein Leben ein Leben gewesen“.

 

 

 

 

[1] Sarah Kofman. Rue Ordener – Rue Labat. Editions Galilée, Paris 1994.  (Aus dem Französischen übersetzt von Ursula Beitz, erschienen unter dem gleichen Titel bei: edition diskord, Tübingen 1995).

[2] Margarete Susman. Ich habe viele Leben gelebt. Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart  1964

[3] Harold Brodkey. This wild darkness. Die Geschichte meines Todes. Übersetzerin: Angela Praesent. Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 1996

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