Wer bin ich? Woher komme ich? Was ist mein Ich wert?

publiziert in: Schweizerische Fachstelle für Adoption, Jahresbericht 2000

 

Wer bin ich?

Woher komme ich?

Was ist mein Ich wert

 

Als eine junge Frau, die in ein Strafverfahren verwickelt war, mich anrief und mich um eine erste Therapiestunde bat, nannte sie ihren Namen und fügte bei: „So heisse ich, obwohl ich nicht weiss, was der Name mit mir zu tun hat.“ Sie war in einem osteuropäischen Land in wechselnden Heimen aufgewachsen, ohne Kenntnis ihrer Mutter, ohne Erinnerung an die ersten sechs Lebensjahre, war vom zwölften Altersjahr an missbraucht worden, hatte mit sechzehn Jahren ein erstes Kind geboren, ein Mädchen, das sie zur Adoption freigab, worauf sie ihr Land verliess, in ein nordeuropäisches Land zog, in Fabriken arbeitete, aus veschiedenen flüchtigen Beziehungen zwei weitere Töchter gebar, die sie wieder weitergab, schliesslich einen Sohn, den sie bei sich behielt und alleine aufzog, mit wachen Gefühlen der Verantwortung und täglichen Ängsten, dass ihr dieses Kind gegen ihren Willen entzogen würde, wenn sie nicht als „gute Mutter“ Anerkennung finden konnte. Die Therapie, den sie anfänglich als „einen den Behörden bewiesenen Gehorsam“ empfand, wurde nach kurzer Zeit zu einem Weg in die vielen Schichten ihres seelischen Leidens. Dabei gelang es ihr immer wieder, über die Lebenskraft ihres eigenen Ichs zu staunen. Gleichzeitig erlaubte sie sich zu weinen, nicht nur mit Gefühlen der Wut, sondern erstmals mit Verzweiflung, dann allmählich mit dem Empfinden, dass gute Kräfte, die ihr unbekannt waren, in ihr erwachten. Als sie nach 36 Therapiestunden die Schweiz verlassen musste, war ihr bewusst, dass sie erstmals ihre eigenen Wurzeln und jene ihrer Kinder zu erkennen vermochte.

Was mit der Geburt eines Kindes einsetzt, ist mit der mütterlichen Zustimmung zum Leben des noch ungeborenen Kindes während der Schwangerschaft verknüpft, ist jedoch mit der „Freiheit“, die Hannah Arendt mit der „Gebürtlichkeit“ verbindet, nur als ständiger Hunger eins. Kindheit ist wie ein Weltteil der Kolonisation. Die unterschiedlichen, häufig dunkeln Herkunftsgeschichten von Mutter und Vater sowie deren Mutter und Vater, in Verbindung mit den Auswirkungen der Zeitbedingungen, unter denen die elterliche Vorgeschichte stand, sind auf verborgene Weise in jedem Menschen spürbar wie ein fremder Teil des Ich, als dunkles, verschlossenes Leiden, das häufig in der Pubertät schwer wird wie eine hemmende und lähmende Barrikade, oder schwarz wie ein verschlossenes Tunnel, das alle weiteren Schritte ängstigt. Aufruhr, Fluchtversuche in Süchte oder in destruktive Widerstände, schwere Depressivität wie jede Art des Widerstandes gegen Fremdbestimmung entwickeln sich als Folge.

 

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