«Das hier … ist mein ganzes Leben» «Sagen, was ist»

 

«Das hier … ist mein ganzes Leben»

«Sagen, was ist»

Leben unter Bedingungen der «Nothilfe»: Eine bemerkenswerte Studie legt verborgene Realitäten offen – und dokumentiert gesetzlich legitimierte Menschenrechtsverletzungen im Asylbereich.

 

«Das hier …. ist mein Leben», herausgegeben vom Solidaritätsnetz Ostschweiz und der Beobachtungsstelle für Asyl- und Ausländerrecht Ostschweiz, beruht auf einer empirisch-dialogischen Methode, wie sie unter anderen von Pierre Bourdieu vertreten und gelehrt wurde – eine bemerkenswerte soziologische Dokumentation, die in knappen Porträts und sorgfältig geführten Interviews mit dreizehn betroffenen jungen Frauen und Männern den Alltag unter Bedingungen der Nothilfe in der Schweiz aufzeigt.

Beweggrund dafür war die Dringlichkeit, der zunehmend menschenverachtenden Asylpolitik entgegenzustehen (Marina Widmer liefert dazu einen wertvollen Überblick über die jüngste asylrechtliche Entwicklung in der Schweiz) – dies allerdings nicht im Rahmen eines akademischen Forschungsauftrags und auch nicht in Form einer lauten Manifestation; sondern durch eine möglichst unverfälschte Offenlegung der alltäglichen subjektiven Erfahrungen dieser «sonst so stummen bzw. ungehörten und unerhörten Zeitgenossen» (der an der Universität St.Gallen lehrende Soziologe Franz Schultheis in seiner Einleitung).

Gezwungen zur «Un-Existenz»

«Sagen, was ist», dieses Leitmotiv persönlichen Aufbegehrens vieler WiderstandskämpferInnen mag auch die dreizehn Frauen und Männer aus unterschiedlichsten Ländern bewogen haben, offen über sich und ihren Alltag zu sprechen. Sie wissen, dass sie Teil einer Menschengruppe von etwa 8000 Männern, Frauen und Kindern sind, die verstreut in der Schweiz an «Un-Orten» eine «Un-Existenz» führen: Menschen, die ohne Pass in die Schweiz gelangten und es wagten, in Vallorbe, Basel, Kreuzlingen, Chiasso oder Kloten ein Asylgesuch zu stellen.

Tatsache ist: Wer nicht über einen Pass oder eine Identitätsurkunde seines Herkunftslandes verfügt, wird im Vorhinein als unglaubwürdig bewertet, je nach Hautfarbe und Herkunftserklärung als potenziell kriminell. Er oder sie werden zwar registriert, jedoch ausschliesslich negativ als Menschen mit NEE (Nicht-Eintretensentscheid) – als Illegale und Rechtlose, die bedrängt werden, die Schweiz wieder zu verlassen. Doch wohin?

Ebenso Tatsache ist: Mit der Verweigerung des Aufenthaltsrechts geht die Verweigerung des Arbeitsrechts einher. Für die Betroffenen bedeutet es die Verweigerung eines Zukunftsentwurfs. In der Schattenwelt menschlicher Entwertung zu leben, ist mehr als ein prekäres Überleben: in überfüllten Containern, lichtlosen unterirdischen Bunkern, weit abgelegenen Baracken im Gebirge oder Notunterkünften in Aussenbezirken – immer ohne Privatheit im Schlafen und Wachsein, mit immer neuen MitbewohnerInnen, neuen Transfers an unbekannte Orte, Rayoneinschränkungen, täglichen Kontrollen und erniedrigenden Abhängigkeiten, mit Arbeits-, Bewegungs- und Begegnungsverbot – und der zermürbenden Angst vor plötzlicher Gefangennahme und Ausschaffung.

Das Buch gibt weitere Beispiele der menschenunwürdigen Politik: So etwa wird für alleinstehende Männer unterschiedlichster Sprache, Kultur- und Generationenzugehörigkeit der knappe Platz in einer gemeinsamen Unterbringung schnell zum Anlass für Streit. Man stelle sich vor, was es bedeutet, wenn eine einzige Küche, Toilette oder Dusche mit 14 oder 32 oder 60 anderen Bewohnern geteilt werden muss, oder wie es ist, wenn Pritsche neben oder über Pritsche steht und Privatheit, Schlaf und Erholung kaum möglich sind – während Wochen, Monaten, manchmal Jahren. Für Familien mit Kindern wird in der Regel eine Wohnung zur Verfügung gestellt, doch selten mit genügend Platz, oft bloss ein Zimmer in einer Wohnung, die mit einer anderen Familie oder mit Frauen, die als «vulnerable Personen» in der Unterbringung eine kleine Sonderbeachtung bekommen, geteilt werden muss.

 

Sklavenähnliche Zustände

Und doch gibt es selbst unter den prekären Bedingungen der Notunterkünfte Menschen, die sich bemühen, die Bedürfnisse der anderen zu beachten. Kinder können wenigstens zur Schule gehen, doch um in Ruhe lernen zu können, über die nötigen Schulmittel und Kleider zu verfügen, an Ausflügen teilzunehmen und für vieles mehr fehlen die Mittel. Erwachsenen werden täglich höchstens acht Franken zugestanden, Kindern vier, in einzelnen Kantonen wird nicht einmal Geld zur Verfügung gestellt, sondern ein Migros-Gutschein oder abgepackte Lebensmittel, die selber nicht ausgewählt werden können. Wie soll da eine gesunde Ernährung möglich sein, wie der Erwerb von Windeln, Tampons und anderen Hygienemitteln, wie jener von warmen Kleidern und wasserfesten Schuhen im Winter? Wie können Kinder lernen, sich frei zu bewegen, wenn ihre Mütter oder ihre Eltern kein Recht dazu haben? Wie können sie wie andere Kinder lernen zu spielen und die Welt um sie herum zu erkunden, wenn der Kontakt ihrer Eltern mit Schweizer Familien quasi verboten ist? Welche Jugendlichen halten es aus, nicht mal in der Nachbargemeinde einen Kollegen besuchen zu können, weil sie den Rayon des Dorfes, in dem sie untergebracht sind, nicht verlassen dürfen?

Für alle jungen und älteren Frauen und Männer, die dem Interview zustimmten, bedeuten die Kontakte mit Leuten aus  Basisorganisationen Lichtblicke. Es finden öffentliche Demonstrationen statt, es gibt individuelle Unterstützung in Form von Rat oder von Geld, es werden Mittagstische und Sprachkurse organisiert. Oft sind es einzelne Personen, die sich dazu bereit erklären, oft grössere Gruppen.

Die in einzelnen Kantonen von offizieller Seite her angebotenen «Beschäftigungsprogramme» hingegen sind zweischneidig: Einerseits ermöglichen sie mit Küchen- oder Reinigungsarbeit, mit dem Einsatz bei der Velovermietung an den Bahnhöfen oder mit einer Kontrollaufgabe im Unterbringungsgebäude eine Tagesstruktur, andererseits wird für volle Arbeitsleistung ein Stundenlohn von gerade drei Franken bezahlt, so dass sich das Gefühl sklavenähnlicher Ausnutzung einzunisten beginnt.

Die am meisten stärkende Kraft findet sich in der Erfahrung von Freundschaft, wie sie durch Begegnungen im Kreis des politischen Widerstands entstehen kann. Wie ein Wunder mutet es an, wenn die erloschene Hoffnung trotz Erniedrigung und rechtlicher Unfreiheit wieder aufkeimt und das erfrorene Herz zu wärmen beginnt.

(Fussnote)

«Abgewiesene Asylsuchende mit Nothilfe in der Schweiz. 13 Porträts und Gespräche»: Herausgegeben vom Solidaritätsnetz Ostschweiz und der Beobachtungsstelle für Asyl- und Ausländerrecht Ostschweiz. Limmat-Verlag. Zürich 2012. 240 Seiten. 32 Franken.

 

(Möglicher Quote)

In der Schattenwelt menschlicher Entwertung zu leben, ist mehr als ein prekäres Überleben.

 

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