Ist das, was schön ist, auch gut? – Ein Abend mit dem Werk von Berlinde de Bruyckere (geb. 1964)

Ist das, was schön ist, auch gut? – Ein Abend mit dem Werk von 

Berlinde de Bruyckere (geb. 1964)

 

Mysterium Leib

Leib und Leid – Leib und Lust

 

„… es geht immer um die geistigen Zustände der Menschen, die durch den sichtbaren Leib ans Licht kommen.“[1]

 

Der „sichtbare“ Leib ist das Gehäuse von Mensch und Tier, von Pflanze, Tier und Mensch, das die geheimen, verborgenen inneren Erfahrungen zugleich verbirgt und offenbart, die schmerzvollen Erfahrungen und leidvollen Gefühle ebenso wie die lustvollen. Für Berline de Bruyckere ist der Leib das leidvolle Werkgehäuse, aufgehängt oder hingestreckt, gebrochen, gewunden oder gebunden, ein hohles Klanginstrument von Schmerz und Klage. Sichtbar sind die Glieder mit ihren Gelenken – Beine, Füsse und Zehen, Arme, Hände und Finger -,  der Unterkörper mit den Organen des Ausscheidens und der Sexualität, das Becken einerseits mit dem Gesäss und andererseits mit  Bauch und Nabel als dem äusseren Signum des einstigen Innenlebens im Mutterleib, der Oberkörper mit den Strukturen der Rippen als Schutzschild vorn und hinten für Herz und Lungen sowie der Schulterblätter und Schultern, die Rückenwirbel als vertikale Verbindung zwischen Schultern  und Unterleib, die  vielfältigen Stränge der Muskulatur, vielleicht auch der Sehnen als Verbindung von Muskeln und Knochen, vielleicht auch der Venen und Arterien als der feinen Kanäle des erstarrten Bluts, alles eingehüllt in das Gewebe der Haut, das zugleich Schutzmantel des Leibes  ist und – für den lebenden Menschen, für Berlinde de Bruyckere selber – höchst empfindliches Sinnesorgan von der frühen Kindheit an bis der Atem erlischt.

Für Berlinde de Bruyckere gibt es keinen Zweifel an der Tatsache, dass „die geistigen Zustände des Menschen“ durch den Leib sichtbar und dadurch spürbar werden. Wie kommt sie zu diesem Wissen? Durch ihren eigenen Körper? Durch die schöpferische Verarbeitung von Erfahrungen ? Sind daher ihre Werkfiguren, diese Skulpturen aus Wachs, sich selber überlassene, ausgehöhlte Leib-Strukturen, Werke ohne Kopf und ohne Ausdruck eines Gesichts, da ihr eigener Kopf stellvertretend präsent ist, da ihre eigenen Organe der Wahrnehmung und ihre cerebralen Verarbeitungsinstrumente im Denken, Fühlen und Entscheiden gegenwärtig sind, wenn sie die Skulpturen herstellt und sie irgendwann zum Betrachten frei gibt? Ist es nicht ebenso bei ihren Wandbildern, die so durchscheinend sind wie die Netzhaut der Seele? Erklärt sich durch diese „Kopflosigkeit“ der Figuren die Fortsetzung der umfassenden Präsenz der Künstlerin, die während der Phase der schöpferisch-handwerklichen Arbeit durch ihr Denken und ihr Empfinden die Identität ihres Werks, jeder Skulptur und jedes Bildes zustande gebracht hat?

Im Gespräch, mit welchem das Buch zur Ausstellung Mysterium Leib eröffnet wird, drückt Berlinde de Buryckere zuversichtlich die Hoffnung aus, durch ihr Werk Trost zu spenden, obwohl sie selber sich nicht an einziges Bild erinnern könne, das ihr Trost geboten hätte.[2] Trost? Die Aussage verblüfft, sagt sie doch von sich selber, nie Trost in den Werken der Kunst gefunden zu haben, sondern durch die Präsenz und Sprache ihrer Nächsten, durch das, was sie von diesen an Halt und an Ruhe erhalte, gewissermassen was sie über Kopf und Herz aufnehme und was sich so der „galoppierenden Unruhe“ in ihr entgegenstelle. Trost bedeutet in erster Linie Stärkung bei Verlusten, bei Enttäuschungen, bei Misserfolg oder bei auferlegtem Verzicht, Trost bezieht sich auf Vergangenes, das schmerzlich in der Gegenwart nachwirkt, weniger auf Bevorstehendes oder Künftiges, das eher der Hoffnung bedarf, im Sinn von Henri Bergson’s Frühwerk und Spätwerk, oder der beruhigenden und stärkenden Präsenz nahestehender Menschen.

Die „galoppierende Unruhe“ Berlinde de Bruyckere bezieht sich ohne Zweifel auf das noch Nicht-Getane und Nicht-Erfüllte, auf die Zukunft. Die drängende, verbissene Leidenschaft im Erfüllen der künstlerischen Aufgabe mag damit gemeint sein, das leuchtet ein. Bei den meisten Künstlerinnen und Künstlern, die ich kenne, zeigt sich im schöpferischen Drang etwas Massloses. Doch Berlinde de Bruyckere strebt gleichzeitig „Trost“ an. Die Zielsetzung erscheint schwer erreichbar, sie verblüfft. Wie ist ihr Streben zu verstehen? Strebt sie danach, den seit Generationen, ja seit Jahrtausenden fortgesetzten Schmerzempfindungen des Leibes durch die künstlerische Formgebung Einhalt zu gebieten? Oder erhofft sie durch die skulpturale Darstellung „Trost“ im Sinn der Befreiung von den eigenen inneren Bildern des Leidens?

Sie schildert im Gespräch, aus dem ich schon zitiert habe, dass sie als Kind durch das Ansehenmüssen der toten Tiere  – ihr Vater war von Beruf Jäger und Metzger gewesen – wie der religiösen Schmerzgemälde in den Kirchen und Museen ihrer Vaterstadt Gent erschüttert wurde, dass sie dabei Angst erlebte. Sie erwähnt u.a. die Gemälde von Hieronymus Bosch mit den Höllenqualen, jedoch besonders diejenigen von Lucas Cranach dem Älteren von Jesus am Kreuz, bei der Kreuzabnahme oder im Arm seiner Mutter, Bilder des „Schmerzensmannes“, die sie nicht mehr losliessen, auch jene des enthaupteten Holofernes oder Johannes des Täufers mit den unerschütterten und lieblichen, fast lustvollen Frauenfiguren von Judith und von Salomé daneben.  Tod und Leben, Leiden und Lust, Religion und körperliche Qual – „Leib und Blut“ – waren im kindlichen Empfinden auf erschreckende Weise nicht voneinander zu trennen, und, als sie nicht mehr Kind war, die Bilder Flanderns, ihrer Heimat, als menschliches Schlachtfeld während der grossen europäischen Kriege. Später kamen die Filme Pasolinis hinzu, die sie aufwühlten wegen der Unverblümtheit der ursprünglichen Unschuld körperlichen Spiels zwischen Zärtlichkeit und Leidenschaft, dem die menschliche Gesellschaft keinen Raum lässt, wohl aber jenem gnadenloser, zugleich genüsslicher Gewalt, die in quälende Folter bis zum Tod mündet.

Erhofft Berlinde de Bruyckere mit ihren Skulpturen Trost zu schaffen durch die Darstellung des  V e r s t e h e n s  körperlicher Qual? – des Verstehens der Ursachen? Pasolini erscheint ihr wie ein Vertrauter. Verstehen kann Leiden nicht aufheben, wohl aber mindern und lindern. Weil Verstehen ein Innehalten bewirkt, ein Nachdenken, vielleicht eine Trauer und eine Umkehr, eine Absage an jegliches Zufügen  körperlicher Qual? So ist die Bedeutung von Trost bei Berlinde de Bruyckere eine viel weiter in die Philosophiegeschichte zurückführende: es ist die von Platon  resp. von Sokrates  im Gespräch mit Protagoras erwähnte Bedeutung des Mitgefühls, deren Mangel, verbunden mit dem Mangel an Scham – Scham und Mitgefühl -, im menschlichen Zusammenleben Ursache jeglicher Grausamkeit ist.

Was kann die Kunst bewirken? Die Kunst der Sprache? Die Kunst der Musik? Was können Skulpturen und Bilder bewirken? Der leidende und sterbende Jesus in den Gemälden von Lucas Cranach[3]?  Oder etwa ein Jahrhundert später in jenen von Rembrandt[4]? – oder um die gleiche Zeit im Bild von Jacob Jordaens‘[5] nicht Jesus, sondern Prometheus, der entgegen dem Verbot des Göttervaters den Menschen Licht und Feuer brachte, um sie aus dem Dunkeln zu befreien, jedoch zur Strafe an den Felsen über dem Abgrund gefesselt der Folter des Adlers ausgesetzt ist? Oder – jenseits der Künstler Flanderns – die Bilder menschlichen Leidens von Goya[6]? – oder jene von  Chaim Soutine[7] mit den aufgeschlitzten Tieren oder den aufgewühlten Innenschichten der Erde? Oder nun – hier in der Schweiz – die Skulpturen von Berlinde de Bruyckere? Kann das Kunstwerk, indem es ein Erschauern oder ein Entsetzen bewirkt, den Menschen so tief berühren, dass er sich zum Guten hin öffnet?

Eine Antwort findet sich bei Henri Bergson. Er hält fest, dass durch das Betrachten eines Werks, das die Natur oder ein Künstler/eine Künstlerin schuf, „die Schranke beseitigt wird, die Zeit und Raum zwischen seinem/ihrem und unserem Bewusstsein gezogen hatten; und je ideenreicher, je gehaltvoller an Empfindung und Affekten das Gefühl ist, in dessen Bannkreis es uns hineinführt, desto mehr Tiefe oder Erhebung wird das dargestellte Schöne besitzen. Die sukzessiven Intensitäten des ästhetischen Gefühls entsprechen somit Zustandsänderungen in uns und die Grade der Tiefe der grösseren und kleineren Anzahl elementarer psychischer Vorgänge, die wir in der fundamentalen Emotion unterscheiden.“[8]

Kann somit Berlinde de Bruyckere mit ihrem Werk jenen Trost bewirken, den sie anstrebt, Trost im Sinn von Mitgefühl und Scham? Das Gespräch im Anschluss an die Betrachtung des Werks mag zur Klärung der Frage beitragen.

 

[1] Berlinde de Bruyckere. Mysterium Leib. Gespräch mit Hans Theys. S. 15 / S. 19.  2011 München Hirmer Verlag

[2] „Ich habe immer die Hoffnung, mit meinem Werk Menschen zu trösten, aber ich kann mich nicht auf Anhieb an ein einziges Bild erinnern, das mir Trost geboten hätte.“ Berlinde de Bruyckere.

[3] Lucas Cranach der Ältere (1475-1553), der aus Oberfranken stammte und dessen Werk ursprünglich für das kursächsische Fürstenhaus entstand, jedoch in Zusanmmenhang de Religionskriege nach Flandern kam.

[4] Rembrandt van Rijn (1606-1669)

[5] Jacob Jordaens‘ Prometheus-Bild entstand 1642

[6] Francisco de Goya /1746-1828)

[7] Chaim Soutine (1893-1943)

[8] Henri Bergson. 1911 Jena. S. 15

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