Zeitverhältnisse – „Salongespräche am Falkenplatz“

 

Zeitverhältnisse – „Salongespräche am Falkenplatz“

Koordinationsstelle für Weiterbildung am Falkenplatz der Universität Ber

Mai bis 5. Juni 2000, 17.30h – 19.30h

 

Transzendierte Zeit.

 

Zukunft –  Hoffnung und Phantasie, Flüchtigkeit des Lebens, Tod.

 

Innerhalb der vorgegebenen Zeitordnung unternehmen wir heute den fünften Versuch, die vielfach rätselhafte Zeit – die Zeitverhältnisse – zu ergründen. Wir werden uns mit der noch nicht erlebten Zeit befassen, mit den Zeitentwürfen, mit der Zukunft, sowohl der planbaren und vorhersehbaren, wie der im Sterben endgültig entgleitenden, definitiven Zukunft. Es geht am heutigen Abend um Überlegungen, welche die vielfache Zeitvernetzung im menschlichen Leben entfalten, in welchem die aktive, je aktuelle lebendige Zeiterfahrung die erinnernde und die sich zum Teil der Erinnerung entziehende Rückschau einbezieht oder beiseite schiebt; denn die guten Spuren werden teilweise sorgfältig gehütet und bewahrt, als könnten sie das Zerrinnen der Zeit aufhalten und eine Garantie darstellen gegen das Vergehen, während die lebensbedrohlichen Spuren ins Unbewusst eingepackt werden. Dabei geht es um das mit der Zeitvernetzung verbundene Vorausschauen auf Zeitabläufe, die noch nicht sind, bei einzelnen Menschen ein vorausschauendes Streben und Hoffen, bei anderen Menschen ein Berechnen und Planen, immer gestützt auf die im Innern verborgene, auf das Erleben und Erkennen sich abstützende Kraft, die Bergson „l’élan de la conscience“ nennt, d.h. den mit dem Bewusstsein verbundenen Schwung. Ob sie es vermag, dass die im Unbewussten eingebetteten und daher sprachlos gewordenen, geheimen Erfahrungen der gelebten Zeit sich im Dunkeln rühren und eventuell gar lichterfüllt in die sprachliche Mitteilung und so in die Verarbeitung vorrücken, ob sie dadurch die kommende Zeit des Ich-Seins im nicht abwendbaren Vergehen der körperlichen Lebendigkeit auf stärkende Weise beeinflussen, ist sehr unterschiedlich. Dass es gelinge, auf stärkende Weise, ist ein grosser Wunsch. „Zu wissen, dass die Zeit eine Einbildung ist und nichts mich zur Eile drängt. Ich möchte einmal wirklich schauen dürfen und die Dinge so sehen, wie sie sich uns nie zeigen“, hielt Marlen Haushofer, die ungewöhnliche österreichische Schriftstellerin, fest, für welche die Sprache als Weg aus der Kolonisation in die Autonomie und die geheimnisvollen Kräfte, die Liebe heissen, die grösste Bedeutung hatten. Ob Liebe mit der Lebenskraft des Atems übereinstimmt, mit dem warmen Hauch, in welchem die Sprache in der Weiblichkeit wie in der Männlichkeit zum verstehenden Austausch wird und zugleich diesen trägt, oder ob sie die stärkste Manifestation der in der Menschlichkeit kaum erfüllbaren, tiefen Sehnsucht nach Aufhebung der Zeit ist, über die Sexualität – den „schönen Beischlaf“, wie Elfriede Jelinik schreibt – wie über die Fortsetzung der Lebendigkeit in einem Kind – in Kindern -, wie über die zeitunabhängige Dauer zwischenmenschlicher Zusammengehörigkeit in Beziehungen, immer ist Liebe verbunden mit der zeitlosen Zeit und mit dem nicht begrenzten Raum, d.h. Liebe ist die in der Menschlichkeit am stärksten spürbare Dauer.

Die Frage, wie und warum die vergangene und die noch nicht erlebte Zeit die jeweilige Aktualität der Zeit vorweg beeinflussen, trifft einerseits, im Bereich der Philosophie, mit der Kernfrage der Ethik zusammen: mit der Frage, was ein „gutes“ und was ein weniger gutes, eventuell gar ein „schlechtes“ Leben sei. Wäre Zeitlosigkeit die „condition humaine“und nicht Zeit, und würde Zeit nicht immer im Zeichen des Todes stehen, würde sich die Frage nach dem „guten Leben“ nicht stellen. Die Kernfrage der Ethik hat mit der Tatsache zu tun, dass die zu lebend Zeit befristet ist, dass die Frist mit Hilfe der Erkenntismöglichkeiten – trotz aller Einschränkungen – möglichst gut genutzt wird. Ob Gefühle der inneren Befriedigung, des inneren Friedens, sogar des Glücks miteinhergehen, mag ein spürbarer Massstab für ein gelingendes Programm der Ich-Entwicklung sein. Leicht ist dies kaum.

Andererseits geht es um die von der Psyche aus beeinflussbare beglückende Sinnhaftigkeit des Lebens.

Als Margarete Susman fast neunzig Jahre alt war, 1963, drei Jahre vor ihrem Tod, vollendete die erblindete Philosophin und Dichterin ihren Lebensrückblick, den zu schreiben das Leo Baeck Institut in New York sie gebeten hatte. Das ungewohnte Diktieren verschlang mehrere Jahre. Als sie das Buch abschloss, bezeichnete sie es als Fragment. „So ist die Zeit“, hält sie in der Einleitung fest. „Ein Tag nach dem anderen vergeht. Eben noch war es Abend, nun ist es wieder Morgen geworden, und ich muss ein Blatt von dem grossen Kalender auf meinem Schreibtisch abreissen, und in kaum mehr als einer Minute wird es wieder Abend sein. So geht es fort, und aus all diesen Minuten spinnt sich ein langes, unbegreifliches Menschenleben zusammen, ein Leben (…), in dem das Selbstverständliche unbegreiflich und das Unbegreifliche selbstverständlich geworden ist.“

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