»Von Freiheit lässt sich nur sprechen, wenn deren Umsetzung gewagt wird.« Interview von Jeanette Fischer für die WOZ

»Von Freiheit lässt sich nur sprechen, wenn deren Umsetzung gewagt wird.«

Mit dieser Herausforderung überlässt uns die Autorin der Lektüre ihrer spannenden (…) zehn Essays:

Maja Wicki-Vogt, Philosophin, Psychoanalytikerin und Traumatherapeutin unterrichtet seit 16 Jahren am Zentrum für universitäre Weiterbildung an der Universität Bern. In einer überarbeiteten Fassung hat sie jetzt ihre Vorlesungen zum Thema einer dialogischen Kultur in einer lebendigen Sammlung als Buch publiziert.

 

Ungefragt sind wir alle Erbinnen und Erben, so sagt sie. Wir werden hineingeboren in eine Herkunftsgeschichte und Zeitgeschichte, in eine Kulturgeschichte, in eine Geschichte der Wälder und Gebirge und ihrer Bewohnerinnen und Bewohner. Der Begriff der Tradition wird von ihr auf (…) die nicht erinnerbaren, transgenerationellen Erfahrungen erweitert, auf die unbewusste Vielschichtigkeit emotionaler Kräfte: »Sie beeinflussen machtvoll jede neue Erfahrung des Menschen, auch das Entscheiden und Handeln im Verhältnis zu sich selber wie im Verhältnis zu den nächsten und den weiter entfernten anderen.« So sei jede persönliche Geschichte (…) eingebunden in einen Prozess mit dem nicht wählbaren Ererbten, erwirke jedoch, kraft unserer kreativen Veränderung, Verwandtschaften im Denken, die verblüffen.

Jede persönliche Geschichte (…) entspricht (..) einem Prozess der kreativen Veränderung und bewirkt Verwandtschaften im Denken.

Das Buch führt uns hinein in diese Erbschaften und ihre Fortsetzungen. Es geht auf das Ja zum eigenen Denken bei Descartes und bei Spinoza ein, auf Kant und dessen spätes Erkennen der »Kraft der Gefühle des Schönen im Urteils- und Entscheidungsvermögen für das Gute«. (…) Es zeigt uns, wie diese Erkenntnis ihre Fortsetzung findet bei Friedrich Schiller, der dadurch zur Erkenntnis der »Regeln des Spiels« kommt, () wie diese sich in Kafkas Romanfragment Das Theater von Oklahoma und weiter (…) beim Philosophen Walter Benjamin bestätigen, der die Komplexität von Kafka zu verstehen beginnt und der wiederum von Hannah Arendt verstanden wird. So ermöglicht uns die Autorin zu verstehen und uns zu versöhnen, () uns in der Wirklichkeit zu orten und den Mäandern des Werdens zuzustimmen.

Aus den großen Namen werden alltagsnahe Entwicklungsgeschichten, denen nachzufolgen Maja Wicki-Vogt uns mit ihrer (…) klaren Sprache anregt.  Sie ermutigt zur Auseinandersetzung mit den persönlichen, nicht wählbaren (…) Erbschaften und spornt uns an, unsere Gefühle mit ins Spiel und damit zu ihrer Wirkung zu bringen, (…) eine Konfrontation mit den Paradoxien zu wagen und uns (…) Lösungsmöglichkeiten anzunähern.

Damit eröffnet sie einen neuen Begriff der Freiheit, die Freiheit der kreativen Vernunft (in Fortsetzung ihres vorangegangenen Buches: Kreative Vernunft. edition8, Zürich 2009/2013), eine Freiheit, die (…) Mut voraussetzt: »Eingebunden in Erinnerung und Erfahrung verpflichten wir uns einem persönlichen Auftrag,(…) das weiterzuführen und fortzusetzen, was sich als Wert erwiesen hat, und das zu ändern, was einer neuen Ausrichtung bedarf, um Zukunft nicht in der Wiederholung des Schmerzes zu gestalten (…)«.

Die Autorin erleichtert uns, kritisch zu denken, »irrtümliche Überzeugungen oder bedauernswerte Entscheide (…) zu verarbeiten«. Sie fragt sich, ob » (…) das breit angestrebte maßlose Wachstum von Erfolg und Gewinn (…), die ungezügelte menschliche Überheblichkeit, die sich Fortschritt nennt, das geheimnisvolle Testament verdunkelt«. Maja Wicki-Vogt spricht sich für einen Ausstieg aus der Maßlosigkeit (..) und für einen Einstieg in die Nachdenklichkeit aus.

Die von großer Empathie zeugenden Schlusskapitel befassen sich mit der überzeugenden Ethik der Güte des Physikers und Philosophen Moritz Schlick sowie dem Beitrag Simone Weils zum französischen Widerstand in Marseille, den sie als Testament (..) an uns alle erachtet, »voller Ansporn zur Furchtlosigkeit im Denken und Handeln, für eine Befreiung von Unterwerfung unter jegliche Gewalt«, als Abschluss und als Neubeginn: »Von Freiheit lässt sich nur sprechen, wenn deren Umsetzung gewagt wird.«

 

 

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