“Wir waren so erfüllt von unserem Helfenmüssen, dass wir auch andere mitrissen” – Frauenpolitik im Dienst der Flüchtlingshilfe vom zweiten Weltkrieg bis heute

“Wir waren so erfüllt von unserem Helfenmüssen, dass wir auch andere mitrissen” – Frauenpolitik im Dienst der Flüchtlingshilfe  vom zweiten Weltkrieg bis heute

 

“Wir waren von unserem Helfenwollen  derart getragen,  dass wir alle Vorsicht vergassen; wir waren so erfüllt von unserem  Helfenmüssen,  dass wir auch andere  mitrissen” hielt Nettie Sutro,  die Gründerin und Leiterin des Schweizerischen  Hilfswerks  für Emigrantenkinder (SHEK) in ihrem  Rückblick “Jugend auf der Flucht”  fest. Dieses Bekenntnis hat die Bedeutung einer Schlüsselerklärung  für das politische Handeln von Frauen im  Dienst von Flüchtlingen und Verfolgten,  von entwurzelten  und in ihrer Existenz  bedrohten, schutzbedürftigen  Kindern, Frauen und Männern.  Es gibt Aufschluss über die Motivation zum Handeln bei den einzelnen Frauen ebenso wie über die ansteckende  und weitertragende,  eben die politische  Wirkung  individuellen  Handelns.  Immer stand am Anfang die zwingende Gewissenspflicht,  die, weil sie ernstgenommen  wurde, auch die Befähigung  schuf.

 

Maja Wicki (SFH)

 

Politisches Handeln beginnt nicht mit der Zuerkennung  politischer  Rechte. Es beginnt mit dem Erwachen  des politischen Bewusstseins, das heisst mit der Erkenntnis, auf unabwendbare Weise in eine Gemeinschaft  und in eine Zeitzugehörigkeit einbezogen  zu sein, und mit der aus dieser Erkenntnis entstehenden  moralischen  Verpflichtung,  nicht abseits  stehen zu dürfen, sondern handeln zu müssen.

 

Politisches Handeln  auch ohne politische Rechte

Politisches Handeln hängt nicht von Verfassungs- und Gesetzesbestimmungen ab, sondern vom Gewissen. Frauen  in der Schweiz haben daher nicht gewartet,  bis sie handeln durften,  sie haben nicht erst mit der  1971  zuerkannten politisch-rechtlichen  Gleichstellung  begonnen,  sich in die Flüchtlingspolitik einzumischen  und diese zu verändern,  im Gegenteil.  Schon in der Zeit des Ersten Weltkriegs  und nach dessen Beendigung,  als ungezählte  Vertriebene,  Waisen und Heimatlose zusätzlich zu Millionen  hungernder  Arbeitslosen  der Hilfe bedurften,  insbesondere als in den dreissiger Jahren der Spanische Bürgerkrieg  losbrach,  und als die nationalsozialistische Verfolgungs- und Vernichtungspolitik Hundertausende von Menschen jüdischer Herkunft aus Deutschland  und wenig später,  nach Ausbruch des Kriegs, aus fast allen europäischen  Ländern an Leib und Leben bedrohte, als zusätzlich  überzeugte Kommunisten und Kommunistinnen  in der Flucht die einzige Rettung sahen,  sodann nach Beendigung des Kriegs, als Überlebende aus den Konzentrationslagern, Kriegsvertriebene und Waisen neue Flüchtlingsprobleme schufen  – in all diesen Jahren  und Jahrzehnten  war es zum grössten Teil der Unerschrockenheit,  der Initiative und dem unermüdlichen, zumeist unentgeltlichen  Einsatz von Frauen  zu danken, dass, entgegen staatlich  festgelegter Interessen,  Einschränkungen oder gar Abschottungstendenzen, gegen die Ohnmachtserklärungen der Mächtigen  und gegen den Meinungsstrom  der Mehrheit,  Flüchtlingshilfe auf unbürokratische, grossherzige Weise effektiv geleistet wurde.

“Das gute Herz allein  hat die Welt noch nie einen  Schritt weitergebracht”,  hatte Regina Kägi-Fuchsmann  in  ihrem  Lebensrückblick  notiert.  Alle Frauen, die sich seit den dreissiger Jahren in der Flüchtlingshilfe engagierten,  wussten dies.  Sie gaben sich nicht mit Mitleidsgefühlen zufrieden, sondern handelten.  Sie wussten, dass Absichts­  und Mitleidserklärungen  allein nichts taugen,  solange diese mit Zuschauen,  statt mit Tun verbunden  sind, dass für das Nichttun ebenso wie für das Tun Verantwortung  besteht,  dass diese Verantwortung  nicht an den Staat delegiert werden konnte und kann, politische Rechte hin oder her. Sie handelten, weil sie “helfen  mussten”,  wie Nettie Sutro festhielt,   in eigener Verantwortung,  gestützt auf verpflichtende  religiöse und politische Grundsätze, die niclit Theorie bedeuteten,  sondern einfach gelebt wurden.

Alle Aktionsberichte,  Briefe,  Lebensrückblicke  und Erzählungen  von Zeitgenossinnen machen deutlich,  dass dieses gelebte Leben sich nach zwei übergeordneten  Richtlinien des Handelns ausrichtete,  die miteinander verknüpft sind.

 

Richtlinien für das politische Handeln  der Frauen

Die erste Richtlinie entspricht  einem bestimmten  Menschenbild,  die zweite einem ethischen Grundwissen.

­- Die erste bedeutet,  dass  e i n   Menschenbild  für alle Menschen gleichermassen  gilt, unabhängig von Herkunft,  Religion oder irgendwelchen  weiteren Merkmalen,  die zur Bestimmung von So­ und Anderssein,  von Differenz,  Fremdsein  und Gleichsein,  kurz von Identität dienen. Sie bedeutet,  dass dieses Menschenbild  nicht für einen selbst beansprucht werden darf,  wenn es anderen  Menschen abgesprochen  wird.  Wer dieser Richtlinie folgte, konnte von keiner rassistischen,  im besonderen  von keiner antisemitischen  Propaganda verführt oder angesteckt werden.  Dies gilt auch für die heutige Zeit.

­Die zweite entspricht einer der ältesten ethischen  Maximen.  Sie ist sowohl in den Zehn Geboten eingeschlossen,  sie findet sich in den Anfängen der europäischen  Philosophie als  d i e massgebliche sokratische Norm des Handelns ebenso wie als übergeordnete Handlungsanweisung in aussereuropäischen  religiösen  Ethiken,  zum Beispiel in der buddhistischen:  Dass Böses nicht durch anderes Böses zu entschuldigen  ist, respektive dass es besser ist,  erfahrenes Böses nicht mit Bösem zu beantworten.  “Böses”  bedeutet dabei ganz eindeutig  menschenverachtendes Handeln,  das heisst Handeln,  das mit dem für alle Menschen geltenden Menschenbild unvereinbar ist.

Diese Maxime bedeutet einerseits,  dass totalitäre und faschistische Propaganda  erkannt und durchschaut werden konnte.  Andererseits,  dass es bezüglich des so verstandenen  Bösen, das heisst bezüglich menschenverachtender politischer  Praxis,  keine Unentschiedenheit  und kein Abseitsstehen, mithin auch keine politische Neutralität  geben kann.

Die beiden Richtlinien bestimmten  ­ und bestimmen  auch heute noch ­ ein politisches Handeln der Eigenverantwortlichkeit und des Widerstandes  gegen  “bequemere”  Handlungsangebote  ­ gewiss nicht allein für Frauen,  sondern auch für Männer.­Trotzdem  muss festgehalten werden ­ und dies gilt für die Schweiz bis zum Jahr 1971  ­, dass allein  durch die Tatsache,  dass Frauen von der politisch­-rechtlichen Mitbestimmung ausgeschlossen  waren,  das heisst dass sie aktiv an der Ausgestaltung  von Gesetzen und an der offiziellen politischen Praxis nicht teilhaben durften weil  die die machthabenden  Männer ein elitäres Menschenbild  allein für sich beanspruchten und Frauen davon ausnahmen­,  dass mithin Frauen sich im eigenen Land selbst wie “Fremde” fühlten,  abhängig von Männerinteressen,  von Männermacht  und Männerpolitik.  Allein schon diese Tatsache  und die damit verbundenen Erfahrungen  befähigten  sie in  stärkerem Mass, auf aktive Weise mit den Fremden und Rechtlosen solidarisch  zu sein, das heisst Flüchtlingshilfe nicht nach Massgabe der staatlichen Gesetze, sondern nach Massgabe der beiden übergeordneten ethischen  Richtlinien zu leisten.

 

Unentgeltliche und freiwillige Flüchtlingsarbeit ­ trotz offizieller Abwehrpolitik

Obwohl die Frauen  heute die politische Verantwortung  sowohl in der Wahl der Mitglieder der gesetzesbestimmenden und ausführenden Gremien mittragen,  sind die effektiven politischen Verhältnisse  in der Schweiz nach wie vor patriarchalisch  bestimmt.  Es erstaunt daher nicht, dass besonders Frauen  weiterhin bereit sind,   Flüchtlingshilfe gemäss ihrer Überzeugung  und ihrer Eigenverantwortlichkeit ­ manchmal auch heute noch im Widerstand  gegen gesetzliche Restriktionen und Massregelungen in ­ nach wie vor ­ häufig freiwilligen  und unentgeltlichen Einsätzen zu wagen.

Die nun folgende Übersicht  kann lediglich an Hand von Beispielen das gesamthaft viel breitere und vielschichtigere  Frauenengagement im Dienst der Flüchtlinge  aufzeigen. Sie soll vor allem dazu dienen, die Namen nicht nur der wenigen Frauen,  die der öffentlichen  Erinnerung erhalten  blieben,  sondern zusätzlich einer Anzahl jener, die vergessen  gingen,  erneut ins Bewusstsein  zu rufen.

Der gesetzliche Rahmen für die Aufnahme von Flüchtlingen  wurde in der Schweiz während der Zwischenkriegszeit geschaffen:  durch Einführung  von Visumzwang  und Anmeldepflicht  für Ausländer und Ausländerinnen,  durch die Schaffung der Eidgenössischen  Fremdenpolizei sowie durch die  1924 erlassene Botschaft des Bundesrates,  die die Abwehr  von Fremden­ damals schon auf Grund einer deutlich geschürten “Überfremdungsangst” zur Grundlage der Ausländerpolitik  machte.  Die bundesrätliche  Botschaft von 1924  war gleichsam die Rohform, aus der heraus das am 26. März  1931 durch das Parlament  verabschiedete  “Bundesgesetz über Aufenthalt und Niederlassung der Ausländer” (ANAG) entwickelt  wurde,  das im Prinzip bis heute gilt.

Das war die gesetzliche  Situation  in der Schweiz,  als Adolf Hitler  und die Nationalsozialisten am 30. Januar  1933  in  Deutschland  an die Macht kamen.  Zwei Monate später erklärte Bundesrat H. Häberlin,  die Schweiz könne für Flüchtlinge  nur Transitland  sein;  “wesenfremde Elemente”  seien abzuwehren. Diese Politik verstärkte  sich trotz der zunehmenden  und immer offeneren antisemitischen Hetze bis zum Kriegsbeginn  1939,  dauerte im Prinzip auch während des Krieges an und wurde erst 1944 gelockert.

1936,  als der Spanische  Bürgerkrieg   ausbrach,  schlossen sich auf Grund der bedrohlichen internationalen  Situation  die wichtigsten  13  Hilfswerke zur “Schweizerischen  Zentralstelle  für Flüchtlingshilfe”  zusammen.  Eine der Mitbegründerinnen war der Schweizerische  Zweig der Internationalen  Frauenliga für Frieden  und Freiheit.  Im  Lauf der Kriegsjahre traten zusätzliche Organisationen dem Dachverband bei,  andere lösten  sich wieder von ihm.  Heute nennt sich der Dachverband  “Schweizerische Flüchtlingshilfe”   (SFH) und umfasst noch die sechs vom Bund anerkannten  Flüchtlingshilfswerke ­ Caritas,  den Christlichen  Friedensdienst  (cfd),  das Hilfswerk der Evangelischen  Kirchen (HEKS),  das Schweizerische  Arbeiterinnenhilfswerk (SAH),  das Schweizerische Rote Kreuz (SRK) und den Verband  der Schweizerischen Jüdischen Fürsorgen  (VSJF) ­ sowie das Liechtensteinische Rote Kreuz und den Internationalen Sozialdienst  der Schweiz. Präsidentin der SFH ist augenblicklich  Angeline Fankhauser, zugleich  Zentralsekretärin  des SAH.

Unter den vielen Frauen, die sich bei der Zentralstelle  eingesetzt  haben, muss die heute 92jährige Hedy Hotz genannt werden, die 1925  bis  1928  in Boston als Sozialarbeiterin ausgebildet  und diplomiert wurde und die ihr ganzes Leben in den Dienst der Flüchtlinge gestellt  hatte. Während sie zuerst jahrzehntelang  für internationale Flüchtlingsorganisationen tätig war,  leitete sie von 1955  bis 1965  die Abteilung Flüchtlingshilfe bei der Zentralstelle,  als Nachfolgerin von Milly Furrer,  die mit beispielhaftem Einsatz während Jahren unentgeltlich als Zentralsekretärin gewirkt hatte. Hedy Hotz sah sich, kaum ein Jahr nach ihrer Amtsübernahme,  mit den Koordinationsproblemen der Unterbringung und Betreuung der über 10’000 Flüchtlinge aus Ungarn konfrontiert,  für welche die Schweizer Bevölkerung eine fast unbegrenzte Aufnahmebereitschaft zeigte.  Auch die kleinen  Gruppen  tibetischer Flüchtlinge, die Anfang der sechziger Jahr in die Schweiz einreisen durften  und für deren Integration sie mitverantwortlich war, wurden wohlwollend aufgenommen.

 

Von der Spanienhilfe der Arbeiterbewegung zur Rot­-Kreuz­-Kinderhilfe

Doch blenden wir wieder in die dreissiger Jahre zurück.  Von Beginn des Spanischen Bürgerkriegs an suchte Regina Kägi­Fuchsmann, eine sozialistisch  und feministisch engagierte Lehrerin,  Tochter litauisch­jüdischer Emigranten,  die  1933  das Sekretariat des Proletarischen Kinderhilfswerks übernommen  hatte (aus dem das Schweizerische Arbeiterhilfswerk (SAH) entstand,  das sie bis 1952 leitete),  gemeinsam  mit sozialistischen Frauengruppen, für die Kinder im  republikanischen  “Lager” Hilfe zu organisieren.  Schon damals  stellte man sich die Frage,  die bis heute die Verantwortlichen in den Hilfswerken beschäftigt:  obes zu verantworten  sei, die Kinder von den Müttern  zu trennen,  sie aus Schutzgründen  in fremde Länder und Kulturen  zu versetzen.  Im Fall der spanischen Kinder entschied Regina Kägi-­Fuchsmann,  dass es besser sei, sie in weniger gefährdeten Landesteilen in  Kinderheimen unterzubringen  und sie von der Schweiz aus zu versorgen.  Von Anfang an fanden sie und der gemeinsam mit ihr arbeitende  Fritz Wartenweiler Unterstützung  beim Caritasverband,  bei den Quäkern,  bei der  “Centrale sanitaire”  und beim schweizerischen  Zweig des Internationalen Zivildienstes.  Dank der Inititative  des Sekretärs  des letzteren,  Rodolfo Olgiati,  Iiess  sich ein Zusammenschluss  mit der von Regina Kägi­-Fuchsrnann geleiteten Hilfsaktion  finden. So wurde die “Ayuda Suiza” gegründet, die während drei Jahren vielfältigste Hilfe leistete,  unter anderem Tausende von Kindern  und Müttern mit speziellen (von  Karl Ketterer entwickelten)  Camions aus bombardierten Städten evakuierte. Aus der  “Ayuda Suiza” entwickelte  sich unter der Initiative der gleichen Persönlichkeiten  ab Januar  1940 die “Arbeitsgemeinschaft für kriegsgeschädigte Kinder”,  die anfänglich  14, schliesslich  21  Schweizerische  Hilfswerke einschloss und die in Frankreich  unter anderen Hilfstätigkeiten  ein Säuglingsheim  und mehrere  Kinderheime  betrieb,  in denen während der Kriegsjahre über  10’000 Kinder Aufnahme fanden,  die in den südfranzösischen Konzentrationslagern von Gurs,  Recebedou und Rivesaltes sich um die Kinder kümmerte, die in  mehreren  französischen Städten  mit fliegenden Kantinen die zunehmende  Mangelernährung der Kinder zu korrigieren  suchte, die auch Kinderflüchtlinge  aus Polen und Finnland, die in Litauen eine vorläufige Aufnahme fanden, unterstützte,  die schliesslich die drei­ bis sechsmonatigen  Ferienaufenthalte für besonders bedürftige und gesundheitlich gefährdete Kinder insbesondere aus Frankreich,  aber auch Belgien,  Luxemburg, Österreich,  Ungarn und Serbien  in Schweizer  Familien organisierte.  Regina Kägi­Fuchsmann bereiste selbst die kriegführenden  und von den Nazis besetzten Länder,  um zu wissen,  wo und für wen Hilfe am dringendsten  nötig war. Im französischen  Pyrenäenlager  Gurs wohnte sie erschüttert einem Freitagabendgottesdienst elsässischer jüdischer  Deportierter bei.  Unter ihren zahlreichen mutigen Mitarbeiterinnen  sind  Anna Siemsen, Christine Ragaz  und insbesondere Elsbeth Kasser zu erwähnen. Elsbeth Kasser war während dreier Jahre im KZ von Gurs, in diesem trostlosen Wartelager vor der Deportation  in die Vernichtungslager, für die jüdischen Kinder tätig,  für die sie in einer der fensterlosen  Baracken ein Schulzimmer  einrichtete und für die sie im  sumpfigen  Gelände Blumen pflanzte.  Sie wurde “der Engel von Gurs” genannt.  Später holte sie mitten im  Bombenhagel Kinder aus französischen  Städten heraus,  um sie für Ferienaufenthalte in die Schweiz zu bringen.

Auf Grund  der wachsenden,  kaum mehr zu lösenden  Aufgaben  fusionierte  im Dezember  1941 die “Arbeitsgemeinschaft”  mit dem Schweizerischen  Roten Kreuz zur “Rot­-Kreuz-­Kinderhilfe” zusammen, die sich fortan auf die Unterstützung der Landesregierung und der gesamten Schweizerbevölkerung abstützen sollte, damit den wachsenden  Erfordernissen der Unterbringung von Kindern,  der Kleider­ und Nahrungsmittelhilfe entsprochen  werden konnte. Zwar konnte auf diese Weise tatsächlich ein umfassendes Hilfsnetz aufgebaut werden, von dem auf die eine oder andere Weise Hundertausende  von Kindern profitieren  konnten; allein · zwischen dem  16.  September und dem  10.  November  1944 reisten  14’000 Kinder und 2’000 Mütter aus Frankreich,  sowie rund  1000  Kinder aus dem italienischen  Val d’Ossola ein.  Die Kinderflüchtlingshilfe war allerdings  seit der Gründung der “Kinderhilfe”  der Kontrolle und Einmischung  des Bundesrates ausgesetzt,  der auf Grund einer ­ häufig ängstlich und kleinlich. verstandenen  ­ Neutralitätspolitik sich nicht gegen die antijüdischen  Massnahmen der deutschen Besatzungsmacht  in  Frankreich querstellen  wollte und die Einreise jüdischer  Kinder zuerst verbot,  dann zögernd,  in Ausnahmefällen,  zuliess.  Beim Aufbau der  “Kinderhilfe”  hatten Clara Nef und Frau Martig grosse Verdienste,  nicht zuletzt durch ihre offene Kritik an den Männern  an der Spitze des Roten Kreuzes, denen insbesondere Clara Nef vorwarf,  in erster Linie das Prestige  der Institution  im  Auge zu haben statt die Dringlichkeit der Aufgabe selbst. “Es sind grösstensteils ältere ‘Semester’,  manche etwas verknöchert, manche in ausgefahrenem Geleise arbeitend,  konservativ;  allem neuem mit Misstrauen  begegnend,  nicht beweglich genug,  um eine neue Aufgabe mit Vehemenz aufzugreifen”.

An der Spitze der Rot­Kreuz­Kinderhilfe standen also diese ­ von Clara Nef zum Teil heftig kritisierten  ­ Männer,  im operationellen  Bereich  aber waren während des ganzen Kriegs Hunderte von Frauen tätig, zum Teil  mit übermenschlichem  Einsatz,  so etwa Odette  Micheli, die in der besetzten Zone,  und Frau Morax,  die in der unbesetzten Zone Frankreichs zuerst die “Arbeitsgemeinschaft”,  dann die “Kinderhilfe”  koordinierte,  Schwester Rosa Naef,  die das Kinderheim von La Hille leitete und sich unentwegt  für die Rettung der ihr anvertrauten jüdischen  Kinder einsetzte,  ebenso wie Frau Homel und Fräulein  Farny im Heim von St­ Cergues,  die es gefährdeten jüdischen Jugendlichen  ermöglichten, in der Gegend von Genf schwarz über die Schweizer Grenze zu gelangen.

 

Das Hilfswerk für Emigrantenkinder ­ Fraueninitiative auf allen  Ebenen

Schon Jahre bevor es zum Zusammenschluss  der “Rot­Kreuz­Kinderhilfe”  kam, hatten sich kleinere Hilfsorgansiationen um die Kinderflüchtlingshilfe gekümmert  und setzten diese Aktivität auch innerhalb des Dachverbands  eigenständig  fort.  Eine Organisation,  die sich fast ausschliesslich  auf Fraueninitiative  abstützte,  war das schon  1933 durch die Historikerin  Nettie Sutro und zwanzig Frauen aus Zürich gegründete  “Cornite suisse d’aide aux enfants d’emigrés”,  das sich wenig später “Schweizer Hilfswerk für Emigrantenkinder”  (SHEK) nannte. Anlass zur Gründung des Werks war der erschütternde Bericht einer Französin über die Elendsverhältnisse,  in denen die aus Deutschland emigirierten  Menschen ­ insbesondere die Kinder ­ in  Paris lebten.  In kurzer Zeit war nicht nur in Zürich, sondern in zehn weiteren Städten eine eigene Sektion tätig, die für die Finanzierung, für die Unterbringungsmöglichkeiten,  für die Betreuung und die Weiterreise der Flüchtlingskinder verantwortlich  war.  Das Zentralsekretariat in  Zürich wurde durch Nettie Sutro selbst geleitet, die 1952, fünf Jahre nach Auflösung SHEK,  einen genauen Bericht über dessen grosse vernetzende  Hilfstätigkeit veröffentlichte.  Sie hält fest, dass von 1933  bis 1939  rund 5000 Emigrantenkindern vorübergehend durch das SHEK geholfen wurde.  Nach dem l.September 1939 reisten 4868 Kinder illegal oder legal  in die Schweiz ein und wurden durch das SHEK betreut.  4145 von ihnen  waren  1947  wieder ausgereist.

Eine der engsten Mitarbeiterinnen seit 1940,  Liselotte Hilb, lebt heute noch in Zürich.  Sie erinnert  sich der Namen vieler der in den Sektionen  verantwortlichen Frauen,  wobei die Zahl derjenigen,  die sich als Mitarbeiterinnen  engagiert  hatten und zum grössten Teil unentgeltlich arbeiteten,  viel grösser war. Sie erwähnt in  Baden Frau Eichele­Dune, in Basel Georgine Gerhard und Frau Reintje, in  Bern Frau Grütter, in La Chaux­de­Fonds  Madame Ullmann, in Genf Bertha  von Hohermut sowie die heute noch tätige Elisabeth Bertschi, in Luzern Frau Sachs  und Frau Triner,  in Lausanne Madame Dreyfus,  in St. Gallen Dora Rittmeyer,  im Tessin  Doris Hasenfratz, in Winterthur Frau  Bachmann,  in Zürich noch Frau Monakoff, Frau Gonzenbach und insbesondere Marguerite Bleuler,  die gegen den Antisemititsmus  ihrer aristokratischen  Familie antrat und  zur  “Zionistin  des SHEK” wurde.

Liselotte Hilb setzte sich auch nach Auflösung  des SHEK für Flüchtlinge  und Vertriebene  ein, und zwar im  Rahmen der Schweizerischen  Europahilfe (Nachfolgeorganisation der Schweizer Spende), zuerst auf dem Sekretariat in  Bern, dann als Delegierte  in Griechenland,  mit Unterbrüchen bis 1959. (Die Schweizer  Europahilfe war  1948 durch Regina Kägi­Fuchsmann, die Zentralsekretärin des Schweizer Arbeiterhilfswerks SAH,  gemeinsam  mit Pfarrer Hellstem, der sei 1946 das Hilfswerk der Evangelischen  Kirchen der Schweiz HEKS leitete,  gegründet worden. Unter den vielen Mitarbeiterinnen erinnert sich Liselotte Hilb insbesondere an Rosa Leutenegger, die unvermittelt, mitten aus der Arbeit heraus, an Krebs starb.

Die Tausenden von Schweizer Frauen, die angesichts der Not bereitwillig Kinder für kürzere oder längere Zeit in ihre Familien aufnahmen,  müssen an dieser Stelle erwähnt werden. Kein einziges Hilfswerk hätte ohne deren Grossherzigkeit Hilfe realisieren können. Immerhin konnten während des Kriegs rund 60’000 Kinder vorübergehend für einen Erholungsaufenthalt oder für längere Zeit in die Schweiz einreisen.

 

Geheime Adressen und Unterschlupfmöglichkeiten

Wenn schon die Hilfe für die Kinderflüchtlinge trotz der Hilfsbereitschaft in der Bevölkerung und trotz der offiziellen Zustimmung nur gegen grosse Hindernisse zu realisieren war, so war die Hilfe an die erwachsenen Flüchtlinge noch um ein Vielfaches erschwerter. Die offizielle Politik des Bundesrates war offen antisemitisch.  Nach dem Anschluss Österreichs an Deutschland am 12.  März 1938 erliess Heinrich Rothmund, der Chef der Eidgenössichen Fremdenpolizei, die Weisung, Menschen mit deutschen, tschechoslowakischen und ungarischen Pässen, die “wahrscheinlich” jüdisch seien, zurückzuweisen;  Anfang Oktober führte die Schweiz den J­Stempel ein.  Ein Jahr später,  unmittelbar nach dem Einmarsch Hitlers in die Tschechoslowakei,  auf den wenige Monate später  die Besetzung Polens folgte,  erliess die Fremdenpolizei die Weisung, dass alle illegal eingereisten Ausländer und Ausländerinnen sofort in ihr Herkunftsland auszuschaffen seien. Während der Kriegsjahre wurden gemäss offiziellen Zahlen gegen 10’000 Flüchtlinge an der Grenze zurückgewiesen;  tatsächlich waren es wohl sehr viel mehr.  Diejenigen,  denen es trotzdem gelang,  sich über die Schweizer Grenze in ­ vorläufige ­ Sicherheit zu bringen,  bedurften eines Notlagers, Kleider und warmer Mahlzeit,  Papiere und Geld zur Weiterreise.  Anna Elisabeth  Ott­Marti, die im Zürcher Friesenbergquartier aufwuchs und die später zur grossen Kennerin tibetischer Flüchtlingsschicksale wurde, erinnert sich, wie bei ihnen zu Hause nachts nie die Haustür geschlossen war, wie sie jeden Morgen als Kind jemanden auf dem Lager vorfand, der auf geheimen Wegen aus Deutschland, Österreich oder Italien in die Schweiz gelangt war, sich in einem der kleinen Genossenschaftshäuser versteckte und eines Nachts wieder verschwand. Die Adressen der ungezählten  Unterschlüpfe überall in der Schweiz, im Jura, in der Gegend von Genf,  Basel und Schaffhausen  ebenso wie in den grösseren Städten wurden auf geheime Weise immer wieder den hilfebedürftigen Flüchtenden zugespielt. Eine der wichtigen Adressen unter vielen waren auch, in Zürich,  Alice Valangin  und Vladimir Rosenbaum sowie Emmi Oprecht und ihr Mann Emil Oprecht, die sich unentwegt für Hilfesuchende,  insbesondere für verfemte und verfolgte Schriftstellerinnen  und Schriftsteller einsetzten.

 

Die jüdische Flüchtlingshilfe

Auf die jüdischen Gemeinden der Schweiz kam seit  1933 eine kaum zu bewältigende Aufgabe zu. Die zentrale Verantwortung für die Betreuung, Unterbringung und Weiterreise jüdischer Flüchtlinge oblag ab jenem Jahr dem Verband Schweizerischer Israelitischer Armenpflegen (VSJA), der von 1943 an Verband Schweizerischer Jüdischer Flüchtlingshilfen  (VSJF) genannt wurde. Um zu erwirken,  dass möglichst vielen  Verfolgten  in der Schweiz vorübergehendes Asyl geboten werden konnte, erklärte der Schweizerische  Israelitische  Gemeindebund SIG den Behörden gegenüber,  dass sie ihr Flüchtlingshilfswerk mit Hilfe des JOINT selbst finanzieren würden, ohne staatliche Mittel zu beanspruchen.  Zu Beginn des Jahres  1939,  noch vor Ausbruch  des Kriegs,  behauptete Heinrich Rothmund,  es hielten sich etwa 3000  mittellose Jüdinnen  und Juden in der Schweiz auf,  für die der SIG monatlich rund 250’000 Franken aufzubringen  habe. Bis 1942  wurden diese Verfolgten Emigranten  und Emigrantinnen genannt, erst nach  1942 wurden sie als Flüchtlinge bezeichnet.  Von diesem Zeitpunkt an erhielten sie auch eine individuell  unterschiedliche  Beitragsleistung durch den Staat, für deren Auszahlung aber ein unendlicher Papierkrieg  notwendig war.

Ende Juli  1942,  als der Bundesrat auf Grund eines Berichts von Robert Jezler, dem Stellvertreter Heinrich  Rothmunds,  schon Kenntnis von den Vernichtungslagern  im Osten hatte, wurde trotz der Warnungen Jezlers die vollständige Schliessung der Schweizer Grenzen angeordnet.  Damals befanden sich weniger als 10’000  Zivilflüchtlinge  in der Schweiz, auch diese nur als Transitflüchtlinge.

Laut einer sorgfältigen Zusammenstellung  der Flüchtlingszahlen hielten sich während des Kriegs für kürzere oder längere Zeit insgesamt etwa 300’000 Schutzsuchende in unserem Land auf,  darunter  105’000 Internierte;  etwa 55’000  waren Zivilflüchtlinge im engeren Sinn, ungefähr  10’000 gehörten zur Gruppe der Emigranten  und Emigrantinnen.  Die grösste Anzahl zugleich  in der Schweiz anwesender Flüchtlinge wurde im  Mai 1945 gezählt; es waren rund 115 ‘000 Menschen.  Beim VSJF waren  1944 23 ‘000  Emigranten,  Emigrationen  und Flüchtlinge notiert,  von denen  11 ‘000 teilweise oder voll unterstützt wurden.

Während die Namen der verdienstvollen  Männer an der Spitze der jüdischen  Flüchtlingshilfe ­ Saly Braunschweig, Silvain Guggenheim,  Erwin Hüttner und Saly Mayer ­ bekannt sind, gingen jene der Frauen,  ohne deren Einsatz die Arbeit nicht zu bewältigen gewesen wäre, zumeist vergessen.

Eine der bedeutenden Zeuginnen jener  Zeit  ist Edith Zweig-­Weiss. Sie selbst gelangte im Dezember 1943  mit ihrer Tochter illegal  über die verschneiten  Berge bei Poschiavo in die Schweiz,  kannte die überfüllten  Auffanglager,  die Arbeitslager,  die demütigenden Kontrollen und alle übrigen Bedingungen eines Flüchtlingslebens. “Wir nahmen alles in Kauf, überglücklich,  ‘dem dort’  entronnen zu sein”,  sagt sie. Dank der im  VSJF engagierten   Helly Dreyfuss konnte Edith Zweig  für die Jüdische­ Flüchtlingshilfe arbeiten.  Die Leitung der gesamten  Fürsorgearbeit oblag damals der  1938  noch legal aus Deutschland eingereisten Sozialarbeiterin lrene Eger.  Nach deren Tod übernahm  Edith Zweig die Leitung bis zum Jahr 1984. In ihrer Nachfolge ist nun Yolanda Gross  tätig, die 1968  nach dem Zusammenbruch des “Prager Frühlings”  aus Bratislava in die Schweiz gelangte.  “Von den vielen Tausenden von Flüchtlingen,  für die ich verantwortlich  war,  nach den jüdischen  die ungarischen,  die tschechoslowakischen, die vietnamesischen,  gab es keinen,  den ich nicht selbst kannte und von dem ich nicht wusste,  wie er lebte”,  erklärt  Edith. Unter vielen anderen,  die sich für die vertriebenen  und zum Teil seelisch  und körperlich  kranken Menschen einsetzten,   muss Marianne  Lothar­-Kater erwähnt werden,  die, selbst aus Deutschland  geflüchtet,  sich vor allem um spanisch sprechende kommunistische  Flüchtlinge  kümmerte  und die später nach Santo Domingo  weiterreisen  musste, da auch für sie die Schweiz nur Transitland war, ebenso Betty Schwarz,  die in  Eigeninitiative koschere Mahlzeiten an die kranken  Flüchtlinge in den Spitälern  verteilte und verteilen  liess,  auch die heute noch in Genf lebende Alida de Jager. Wie  Edith Zweig  waren  viele der in der Flüchtlingshilfe aktiven Frauen selbst als Flüchtlinge in  die Schweiz gelangt.  Nicht zuletzt  als Übersetzerinnen  leisteten  sie wichtige Dienste, so etwa Janina Kapcynska,  die  1944 in  die Schweiz  kam  und seither  bis heute unentgeltlich  als Übersetzerin  aus dem  Polnischen  wirkte,  ebenso  Sonja Baranovska oder Halszka Vincenz ­ Pontiatovska.

 

Hilfe über die konfessionelle Zugehörigkeit hinaus

Alle Religionsgemeinschaften  setzten sich gegen  das  Unrecht von Krieg  und Rassenverfolgung ein,  in einer  grossen  Anzahl  von kleinen  und grossen konfessionellen  und überkonfessionellen Flüchtlinghilfswerken.  Während der Schweizerische Caritasverband  (später  Caritas  Schweiz) sich vor allem  um die katholischen Flüchtlinge kümmerte und die Evangelische Flüchtlingsfürsorge (später  Teil des Hilfswerks der Evangelischen Kirchen  HEKS)  um die protestantischen,   waren  die religionslosen, die  muslimischen und orthodoxen Flüchtlinge ohne spezielle Betreuung,  bis  1945 die  “Kommission für orthodoxe Flüchtlinge” (KoF)  gegründet wurde, die später, unter dem Patronat der Christkatholischen  Kirche,  zur “Schweizerischen oekumenischen Flüchtlingshilfe”  (SoeF)  wurde.  Jahrzehntelang,  bis zur Auflösung  des Werks im Jahre 1992,  setzte  sich in dessen  Leitung die Puschlaverin  Silvia Plüss­Pozzi ein,  während langer Zeit unterstüzt  durch Heidi Wiesner und Milly Furrer.  Silvia  Plüss­Pozzi und Milly Furrer waren  auch in der Leitung  des Zentralsekretariats der SFH jahrelang tätig gewesen.

Schon  Ende  1938 konstitutierte sich für diese gemischte Gruppe von Flüchtlingen unter  der Leitung von Gertrud Kurz das Flüchtlingshilfswerk der Kreuzritter, das sich später Christlicher Friedensdienst (cfd)  nannte.  In ungezählten Interventionen bei den Behörden versuchte Getrud  Kurz, Hunderte, wenn nicht Tausende von Menschenleben zu retten,  ohne dass sie jedoch  offen  gegen die unmenschliche Abschottungs­ und Rückschaffungspolitik der Regierung Stellung  bezogen  hätte.  Sie stellte Autorität grundsätzlich nicht in Frage ­ wie die meisten  der aus religiösen  Gründen in der Flüchtlingshilfe aktiven  Frauen.  Dies führte zu einer Sowohl­-als­-Auch-­Haltung  zwischen  Widerstand und Zusammenarbeit mit den Behörden, von denen  sie im  Willen  zur Zusammenarbeit auch missbraucht wurde ­ etwa als Botengängerin für unangenehme und unerfreuliche offizielle Mitteilungen an die Flüchtlinge.  Diese  Haltung fand nach dem  Krieg nicht nur Verständnis. Dass Gertrud Kurz nicht grundsätzlich die staatliche ­ offen  antisemitische  ­ Flüchtlingspolitik in  Frage  stellte,  wurde ihr zum Teil vorgeworfen, jedoch  nicht nur ihr,  sondern den meisten Verantwortlichen der Hilfswerke.

 

“In den Vorständen sassen die Männer,  die Frauen machten die Arbeit”

“In den Vorständen sassen die Männer und befahlen,  die Frauen machten die Arbeit”,  sagte mir lachend  eine  meiner betagten Interviewpartnerinnen.  Dies galt vor allem für die grossen konfessionellen  Flüchlingsorganisationen,  ganz besonders  auch für den Schweizerischen Caritasverband  und die Flüchtlingsfürsorge der  Evangelischen  Kirchen.  Im  Hintergrund standen die religiösen  Frauenverbände,  deren Mitglieder bei der wochen-­  und monatewährenden  Aufnahme  und Betreuung der Kinder überall im Land Grosses leisteten, ebenso mit Kleidersammeln,  Stricken  und Backen und Liebesgabenpaketen an die internierten Flüchtlinge.  Frau Wehrle-Keckeis   vom Schweizerischen  Katholischen  Frauenbund unterstützte zum Beispiel namhaft die Gründung und den Aufbau der Rot­-Kreuz­-Kinderhilfe. Bei  meinen Nachforschungen  stiess ich wohl auf einige Namen von Frauen,  doch gab es mit Sicherheit bedeutend mehr, die sich mit selbstlosem  Einsatz hervortaten. Beim Caritasverband muss insbesondere Marianne Gottlieb  erwähnt werden, die,  wie sie selbst erzählte,  in der Nachfolge von Fräulein Studer und  Anna Gutzwiller ­ von 1944 an, gleich nach ihrem Diplom als Sozialarbeiterin,  die Caritas­-Kinderhilfsteile leitete,  welche später in die Familienhilfe integriert wurde. Marianne Gottlieb,  die im besonderen  auch Adoptionen betreute,  lebt heute noch in Zürich.  Sie berichtet,  es seien vor allem Kinder aus dem Elsass und aus Domodossola gewesen,  die einerseits  in Zusammenarbeit mit der Rot­-Kreuz-­Kinderhilfe, andererseits  mit dem Seraphischen  Liebeswerk  in Zug, wo Gusti Kaufmann bei der Betreuung von Flüchtlingskindern  Bedeutendes leistete,  vor allem in katholischen  Kinderheimen untergebracht  worden seien. Hedy Mäder leitete eine Weile die Caritas­Flüchtlingshilfe in Luzern,  sodann  war Clara Reust, Glarus,  während Jahren für die Flüchtlingshilfe tätig. Dreiunddreissig Jahre lang,  von 1959 an,  setzte sich Virginia Geiser für Caritas­Zürich  ein. Auch sie kann selbst noch befragt werden,  über die Aufnahmeaktionen  für Flüchtlinge aus dem Tibet in den frühen sechziger Jahren, über die ­ willkommenen  ­  Flüchtlinge  aus der Tschechoslowakei  im Jahre  1968,  über die Aufnahme von 200 Flüchtlinge  indischer Herkunft aus Uganda während der Schreckensherrschaft Idi  Amins, über die Schwierigkeiten  mit den Bundesbehörden  bei der Aufnahme chilenischer  Flüchtlinge  nach dem Militärputsch gegen Präsident Allende,  über das Elend der vietnamesischen  “Boatpeople”,  der kambodschanischen und laotischen Flüchtlinge,  von denen die Schweiz zwischen  1976  und  1980 insgesamt etwa 8000 aufnahm.

Etwa um die gleiche Zeit,  Mitte der fünfziger Jahre, begann auch Johanna Gamsjäger für die Caritas­Flüchtlingshilfe zu arbeiten,  sie auf der Zentralstelle in  Luzern.  Sie war damals etwas über zwanzig Jahre alt,  heute ist sie 65. Sie hat ihr ganzes aktives Leben für die Entwurzelten und Heimatlosen eingesetzt.  “Es  waren tausend Schritte nötig, auf allen Ebenen”,  sagt sie. Viele Kantone hätten sich geweigert,  Flüchtlinge  zu integrieren,  aus Angst,  sie nicht mehr loszuwerden.

 

Frauenarbeit im Dienst der Flüchtlinge heute

Heute sind die Schwierigkeiten  nicht geringer,  im  Gegenteil.  In dringenden Notsituationen,  wie etwa zu Beginn des noch immer wütenden  Kriegs in  Bosnien­Herzegowina,  war innerhalb  der Bevölkerung ein  starker Wille zu helfen  spürbar.  Doch gleichzeitig  werden die Stimmen, die “das Boot ist voll” schreien,  immer lauter.  Immer noch  leisten  Frauen  überall in der Schweiz als Freiwillige grosse Arbeit,  ob bei Freiplatzaktionen,  bei der privaten  Betreuung von Flüchtlingen  (zum Teil  auch von solchen,  denen Ausweisung droht und die versteckt werden), in örtlichen  Basisgruppen,  die sich  bei der Beratung von Asylsuchenden  und Flüchtlingen engagieren,  oder innerhalb der SFH,  wie etwa die Koordinatorinnen  des jährlich  stattfindenden Flüchtlingstags,   so, unter vielen anderen,  Verena Zindel  aus Graubünden, Pia  Püntener aus dem Aargau,  Vreny Mohr aus Bern, Elke Baliarda aus dem Appenzell oder Josi  Weber­ Hausheer aus Luzern,  sodann als  Leiterinnen  und Betreuerinnen  in kantonalen und hilfswerkseigenen  Durchgangszentren.  Während  eines knappen Jahres ­ 1991/92 ­ arbeitete Regula  Renschler als Zentralsekretärin der SFH.  Deren Präsidentin  ist,  wie oben schon erwähnt,  Angeline  Fankhauser,  die zugleich als Zentralsekretärin des ArbeiterInnenhilfswerks und als Nationalrätin  für eine weitherzige Flüchtlingspolitik wirkt.  Beim HEKS leitet Rosmarie Oetiker das Zentralsekretariat.   Präsidentin des VSJF ist Myrthe Dreyfuss,  und Gaby Rosenstein ist unentgeltlich als Leiterin der jüdischen  Flüchtlingshilfe tätig. Beim cfd nehmen Carmen Jud und Madeleine Strub die leitenden  Funktionen an der Spitze des Hilfswerks ein, und Franziska Läderach steht der Flüchtlingsbteilung  vor. Bei der Caritas­Zentrale  ist heute Barbara  Walther in leitender Funktion für die Unterbringung und Betreuung von Asylsuchenden tätig. Auch bei kleineren Organisationen,  die nicht der SFH angeschlossen sind, sind in der Flüchtlingsarbeit Frauen an (Basel) oder die Nationalrätin Leni  Robert als Präsidentin  der Stiftung  Pestalozzidorf.

Für Frauen  und Männer,  die sich heute in  der Flüchtlingshilfe einsetzen,  wird das Klima immer härter.  In  über 50 Ländern der Welt finden Kriege statt, die Verelendung,  politische Desintegration und nationalistische Aufhetzung in den Ländern der ehemaligen  Sowjetunion nimmt auf beängstigende Weise ständig zu. Hunger,  Arbeitslosigkeit und politische Gewalt in den Ländern  der Dritten Welt bewirken,  dass Millionen von Menschen  unterwegs sind, zwischen  Heimat und nirgendwo.  Das UNHCR rechnet,  dass weltweit  etwa 30 Millionen Menschen als Flüchtlinge  Hilfe brauchen. Die Aufnahme­  und Hilfsbereitschaft in den Ländern der westlichen Hemisphäre,  so auch bei uns, wird jedoch  infolge der zunehmenden wirtschaftlichen  Probleme immer kleiner,  und kurzsichtig chauvinistische und gefährliche rassistische Tendenzen nehmen wieder überhand.

Es müssten sich die gescheitesten,  erfahrensten und innovativsten  Denkerinnen  und Denker mit den verantwortlichen politischen Entscheidungsträgerinnen  und ­trägern  zusammensetzen,  um Handlungskonzepte zu entwickeln,  mit denen den Ursachen für Krieg,  Gewalt und äusserste Verarmung  entgegengewirkt  werden könnte,  damit Heimatlosigkeit,   Entwurzelung  und Fürsorgeabhängigkeit nicht mehr das Schicksal von Millionen von Menschen  wäre. Wenn nicht, wird  die weltweite Zukunftperspektive zum Albtraum.

 

Bibliographie:

Otto H. Heim. Jüdische soziale Arbeit und Flüchtlingshilfe in der Schweiz.  Aus: Festschrift zum 50jährigen  Bestehen. Schweizerischer  Israelitsicher Gemeindebund  1904  ­ 1954.  SIG Zürich  1954

Regina Kägi­Fuchsmann.  Das gute Herz genügt nicht. Ex Libirs Verlag.  Zürich  1968

Gertrud  Kurz.  Im  Dienst des Friedens.  Johannes  Kiefel Verlag.  Wuppertal­Barmen  1966

Carl  Ludwig.  Die Flüchtlingspolitik der Schweiz in den Jahren 1933  bis 1955.  Bericht an den Bundesrat zuhanden der Eidgenössischen  Räte.

Marksteine.  Schweizerische Zentralstelle  für Flüchtlingshilfe (SFH)  1936 ­ 1986.  Chronologie von Irina Lerch-­Bortoli,  Textbeiträge  u.a. von Silvia Plüss­-Pozzi  und Edith Zweig.

Anna Elisabeth Ott-­Marti,  Tibeter  in der Schweiz.  Kulturelle Verhaltensweisen  im Wandel. Eugen Rentsch Verlag.  Erlenbach­Zürich  1971

Anna Elisabeth Ott­-Marti,  Probleme der Integration  vonm Tibetern in der Schweiz. OpusculaTibetana.  Tibet Institut Rikon-­Zürich 1980.

Silvia Plüss-­Pozzi.  Vierzig Jahre im  Dienst der Flüchtlinge in der Schweiz  1945 ­ 1985. Bericht der Schweizerischen  Oekumenischen  Flüchtlingshilfe.  SoeF Bern 1985

Esther Schärer.  Croix­-Rouge Suisse, Secours aux Enfants en France  1942  1945.  Memoire de licence en histoire nationale,  Université de Geneve  1986  (unveröffentlicht)

Rolf Schlatter.  Kirchliche Stellungnahmen  zur Flüchtlings­  und Asylproblematik  in der Schweiz  1939 ­ 1989.  Akzessarbeit in Sozialethik,  Theologische  Fakultät der Universität Zürich  1990 (unveröffentlicht)

Streitfall Friede.  Christlicher Friedensdienst  1938  ­ 1988.  50 Jahre Zeitgeschichte.  Mit Textbeiträgen  u.a. von Catherine  Boss und Simone Chiquet.  cfd  Bern 1988

Nettie Sutro. Jugend auf der Flucht  1933  ­ 1948.  Europa-­Verlag. Zürich  1952

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