Existenz im Spannungsfeld von Hunger und Sättigung – zu Raymond Battegay, Die Hungerkrankheiten, Unersättlichkeit als krankhaftes Phaenomen

Existenz im Spannungsfeld von Hunger und Sättigung – zu Raymond Battegay, Die Hungerkrankheiten, Unersättlichkeit als krankhaftes Phaenomen, Verlag Hans Huber, Bern 1982

erschienen in “Acta Paedopsychiatrica” Vol. 50 1986

 

Was Raymond Battegay mit seinem schmalen Buch zweifelsohne versucht, ist, Existenz als widersprüchliche, aber immer ganzheitliche Austragung von Abhängigkeit und Selbstständigkeit ernstzunehmen. Wenn er in diesem Sinn “Hunger” als “alle jene Manifestationen” versteht, “die des Menschen aktives, “aggressives” Verlangen nicht nur nach (oraler) Fütterung mit Nahrung, sondern auch nach gefühlsmässiger, warmer (taktiler) Zuwendung umfassen”, somit auch die Sehnsucht nach Kontakt und Kommunikation”, den “Hunger nach Mitmenschlichkeit”, so deckt er tatsächlich das Spannungsfeld auf, als dessen Pole einerseits die existentielle Grundbedürftigkeit und das Leiden an ihr, andererseits die in Vernunft und Freiheit begründetetn Impulse zur Ueberwindung der Bedürftigkeit wirken. Nun aber kann der Hunger in diesem weiteren Sinn nur dann als unausweichliche Notwendigkeit verstanden und angenommen werden, für sich selbst und für andere, wenn der Hunger im eigentlichen Sinn ernstgenommen wird: als Schrei der ganzen Existenz, nur und nichts anderes als Kreatur zu sein. Es mutet merkwürdig an, dass Battegay seine Ausführungen über das Hunger-Leiden der physisch Hungernden und Ausgehungerten und über die entwürdigenden, persönlichkeitszersetzenden  Folgen des Hungers nicht an den Anfang, sondern ins letzte Drittel seines Buches stellt, wird doch der emotionale Hunger des kleinen,und des  grössern Kindes wie (des erwachsenen Menschen nur in der ernstgenommenen Analogie mit dem physischen Hunger als dringlichste Bedürftigkeit und nur so Sättigung als Ueberlebensnotwendigkeit  deutlich. Dass dem so ist, beweisen die von Battegay angeführten Beobachtungen von Rene Spitz, denen zufolge Kinder, die kurz nach der Geburt von ihren Müttern getrennt werden, auch bei genügender physischer Nahrung an seelischem Hunger sterben (von 91 Kindern  deren 34, d.h. 37%) noch bevor sie zwei Jahre alt sind oder doch schweren psychischen Schaden erleiden. Denn was die Zuwendung der Mutter vermittelt, ist Antwort auf die offene Frage des Kindes nach seinem Selbst, ist Bekräftigung  seiner Existenz als einer von der Mutter gesonderten, aber doch immer wieder von ihr bestätigten Menschen, die im Kleinkindesalter diese Zuwendung entbehren müssen und die dadurch von jenem ersten expliziten Dialog ausge­schlossen sind, durch den sie Umwelt als aufmerksames Du erfah­ren, können kaum ein genügendes Selbstwertgefühl entwicke1m., um sich später in der aufgesplitterten und unaufmerksamen Umwelt angenommen und verstanden zu fühlen, zumal fortgesetztes Unge­nügen in der zwischenmenschlichen Begegnung, Desinteresse und Beziehungsoberflächlichkeit  die Selbstwertdefizienz noch ver­ stärken. Und so, wenn der emotionale Hunger im Rahmen dialogi­scher Mitmenschlichkeit ungesättigt bleibt, nur so geschieht es, dass der Hunger sich verselbständigt, unkontrollierbar wird, sich der Vernunft als beziehungsschaffender  und damit (umwelt)-­versöhnender Kraft entzieht. Nur so, indem er sich nach Kompen­sationen ausrichtet, die, statt zu allmählicher innerer Bereiche­rung zu zunehmender emotionaler Verarmung und Isolation führen, nur so wird der Hunger “unersättlich” und ein krankhaftes Phaeno­men. Ob er sich dabei als Anorexia nervosa zeigt und damit als scheue, aber offen manifestierte Anklage an die liebesverweigernde Umwelt, oder als Adipositas und damit als übertriebenes, kompensa­torisch motiviertes Einverleiben von mehr und mehr Nahrung, ob als Kleptomanie und damit als imperatives Verlangen nach ­ verwei­gerten­ Gegenständen anstelle verweigerter Liebe, ob als Sucht nach Alkohol, Tabletten und jeder Art von Drogen, immer wird die Fusion mit Sachen angestrebt, um eine ungenügende dialogische Sättigung wettzumachen. Von grösserer Tragweite und Tragik sind Fusionsbestrebeungen, die sich nicht auf Gegenstände, sondern auf Menschen beziehen, die, wenn sie sich der imperativen Forderung des Kranken nach totaler Unterordnung widersetzen, un­ kontrollierte Zorn und Zerstörungsausbrüche, selbst Tötungshand­lungen zu gewärtigen haben. Die furchtbaren Folgen dieser Kompen­sationssättigungen im privaten und politischen Rahmen, die uner­fassbare Zahl der Opfer lassen es nun nicht zu, anders denn auf Abhilfe und Verhütung der unheilvollen “Mangelerscheinungen” zu reflektieren.

Therapie aber, dies führt auch Battegay aus, zeigt sich gerade bei Hungerkrankheiten als überaus schwierig und langwierig, ist doch der Wille des Kranken zu einem Instru­ment der kompensatorischen Sättigung und damit der zunehmenden Unersättlichkeit geworden. Um den Teufelskreis wachsender emo­tionaler Verarmung und Aushungerung zu brechen, bedarf es einer­seits der Rückbesinnung auf die Priorität der Freiheit und nicht der innern Nötigung, somit auf den konstitutiven Zusammenhang von Vernunft und Freiheit­ auch bei psychisch kranken Menschen. Andererseits bedarf es der praktischen Neuorientierung der emotionalen Energien, d.h. der Umwandlung der Sorge um das eige­ne geschädigte Ich in Für­-Sorge, in Sorge für andere und damit in eine neue Bereitschaft zum  zwischenmenschlichen Dialog. Denn Therapie  und  Prophylaxe psychischer Hungerkrankheiten können nicht anders ansetzen denn in der umgreifenden Verant­wortlichkeit der Menschen füreinander.

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