Vergebung im Sinn kreativer Vernunft

Vergebung im Sinn kreativer Vernunft

 

Vergebung ist in philosophischer Hinsicht seit der Antike ein Akt der Befreiung – sowohl für das eigene Ich von der Last leidvollen Opferseins oder entwertender Selbstvorwürfe wie für den/die nahestehenden oder fernen Anderen von Anklage, Schuld und Angst vor Rache. Für Hannah Arendt galt Vergebung als nobelste Umsetzung von Freiheit.

Vergebung ist das Resultat von Vergeben, und Vergeben wächst aus dem Prozess des Verstehens. Es geht um einen dialogischen Prozess der kreativen, wohlwollenden Veränderung im Verhältnis des Menschen zu sich selbst wie im zwischenmenschlichen Verhältnis, durch welchen die verengten oder versteinerten Kriterien des Denkens und Entscheidens sich öffnen und ein Staunen bewirken – „amazing grace“. Da sich im Verstehen das Denken, die Gefühle und die Handlungsentscheide verbinden, kann so die „Gabe“ oder „Gnade“ der Wiederherstellung von menschlichem Wert und Lebenswert erlebt werden. Vergeben löst den inneren Blick des Menschen auf sich selber und auf den/die Anderen von schweren Lasten oder lähmenden Schranken der Vergangenheit, von Vorwürfen und Anklagen wie von leidvoller Erniedrigung, von Schuldgefühlen und Ängsten.

Was in Worten so einleuchtend erscheint, baut sowohl auf der individuellen wie auf der kollektiven Verarbeitung von Leiden auf, das für Opfer wie für Täter und Täterinnen das Gefühl der Identität auf hemmende Weise geprägt hat, oft über Generationen. Die Bedeutung von „Vergebung“, die in unterschiedlichem Mass vom einzelnen Menschen wie von ganzen Völkern ersehnt wird, ist an sechs Abenden während je zwei Stunden Thema der „Salongespräche“, mit Vorlesungen aus dem Fundus von Philosophie und Psychoanalyse, von Geschichts- und Rechtswissenschaft (unter Einbezug von zwei GastreferentInnen) sowie mit dem Austausch von persönlichen Fragen und Überlegungen im Gespräch.

Was im Französischen in Verbindung von „pardon“ und „grâce“ als Erkenntnis bedingungsfreien Wohlwollens verstanden wird oder im Englischen unter „amazing grace“ als religiös-kulturelle Erbschaft in schwarzafrikanischen Gospels verehrt wird, bedarf im Deutschen der kreativen Erweiterung, um von demütigenden Begleitklängen erleichtert zu werden.

Ressentiments gehen mit dem Unverdauten einher, mit angestauten Belastungen, mit bitter-saurem Nachtragen und Groll, das über längere Zeit wie eine Vergiftung wirkt und das ein Aufbegehren oder gar bittere Rache bewirkt. Es ist Hader, der im Menschen schwärt und nach Vergeltung trachtet – eine zugleich kleinliche und tragische Tatsache in so vielen individuellen und kollektiven Unglücksgeschichten.

 

 

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