Vom Werden des Knaben zum Mann oder vom Erkunden der Suche nach Glück

    Melchior Werdenberg, “Teilwelten- Geschichten vom Werden”, Elster Verlag Zürich 2014

ISBN 978-3-906065-23-6, mit einem Nachwort von Maja Wicki

Vom Werden des Knaben zum Mann oder vom Erkunden der Gefühle auf der Suche nach Glück

 

Das Kind wird hineingeboren in die enge Welt der Eltern und Vorfahren. Gebote und Verbote sind deren Richtschnur, Gehorsam und Pflichterfüllung bestimmen den Alltag. Freiheit ist ein fremder Kontinent. Das Kind soll ihn meiden, ob Mädchen oder Knabe. Die Triebkräfte, die dorthin lenken, sind verwirrend. Der Knabe, insbesondere er, soll standfest sein: Stammhalter der Werdenberg. Stammhalter sein verpflichtet.

Doch seine Sinne sind offen, sein Geist ist wach, sein Erkundungshunger heisst Neugier und drängt nach Erfüllung. Er beflügelt zum Wagnis des Ausbrechens, möglicherweise nicht bloss aus dem Dorf aufs Feld, sondern aus dem Unwissen ins Wissen. Er spürt, dass nicht die Anderen die Rätsel lösen können, die sich ihm stellen, nicht die Alten und nicht die Gleichaltrigen, dass es dafür ein eigenes Erleben braucht, ein Vorpirschen, ein Innehalten und Nachdenken. Was strebt er an? Was fordert sein Herz? Was bedeutet der heftige Pulsschlag, das Brodeln im Leib? Fürchtet er sich, doch wovor? Lauert der Tod überall, nicht nur unter der Brücke oder unter der Eisdecke des Teichs?

Schritt für Schritt, die der Knabe vorankommt, im wachsenden Erspüren und Ertasten des eigenen Ich, gleichzeitig mit dem Bild des Grossvaters in sich, der für sich wusste, dass nur eine Richtung die richtige ist, stellen sich Fragen um Fragen, die ohne Antwort bleiben. Wie lässt sich wissen, was richtig ist, was falsch? Es sind Versuche, Initiationen ohne Vorbereitung. Sie  bewirken ein Lernen, das antreibt oder hemmt, wecken Gefühle. Gefühle sind geheimnisvolle Kräfte. Ist auf sie Verlass? Ist die Vernunft in deren Windschatten? Und der Verstand? Sind es ungleiche Kräfte oder stimmen sie zutiefst überein? Worin? Der Knabe ist scheu, auch im Grösserwerden, doch es gibt keinen Zweifel. Die Übereinstimmung besteht im Wunsch geliebt zu sein, im Streben nach Freundschaft, letztlich im Hunger nach Glück.

Das ist die Linie von Melchior Werdenbergs Buch, eine Linie mit den Mäandern des Werdens, welche die Lesenden in Bann zieht und nicht mehr loslässt. Sie beginnt mit der Geschichte vom feenhaften Sterben des kleinen Mädchens, von dessen Verglühen im Schnee, die dem Knaben im frühesten Alter vom Grossvater erzählt wurde. Und sie endet mit dem Tod als Akt der Rache, ohne Beschönigung, wie der Erzähler sie aus nächster Nähe erlebt, wenngleich im Nachhinein, und darob in seinen Gefühlen erstarrt.

Heranwachsen ist abenteuerlich, Erwachsenwerden schwer. Wie weiter? Bleibt das Bild des Grossvaters als Richtschnur, oder hat sich diese verbraucht?

Das Feld erscheint leer. Ein Angebot der Freiheit? Das Gelingen bleibt offen, doch die Chance ist echt und gross. Sie ist kein Betrug.

Freiheit ist zu erproben im Weiterwachsen. Wie und wohin? In die Tiefe bis zur Auflösung von Ängsten und Gram, bis zur gleichen Einwurzelung von Fühlen und Denken. Und in die Weite soweit die Arme reichen und die Hände stark werden im Tragen, Aufnehmen und Geben.

So wird sich das Verblüffende als möglich erweisen: Geben und Vergeben halten sich die Waage. Versöhnung ist denkbar, und was denkbar ist, lässt sich erreichen: Glück, das nicht verglimmt, das wärmt und wächst.

 

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