Das Kunstwerk verlangt mehr, als dass man sich ihm überlässt – Reflexionen zu Christopher Bledowskis Werk

Das Kunstwerk verlangt mehr, als dass man sich ihm überlässt – Reflexionen zu Christopher Bledowskis Werk

 

Die Annäherung an Christopher Bledowskis Werk erfolgt in mehreren Stufen:

über das Auge, über den Verstand und schliesslich über eine gesamtexistentielle Erfahrung, in der nichts ausgespart ist, was das Dasein des Einzelnen in einer Welt der Daseinsentwertung zuinnerst trifft: die Widersprüchlichkeit zwischen Flüchtigkeit und Sehnsucht nach Dauer, zwischen Verlorenheit in massenverstopften Millionenstädten und Hunger nach Gemeinschaft, zwischen industrieller Ueberproduktion von Gegenständen,  die unbenötigt und ungebraucht als Makulatur eingestampft oder vernichtet werden und dem unstillbaren Bedürfnis nach Notwendigem, zwischen unaufhaltbarer Weltzerstörung und wundersamer Erneuerung in der Zyklizität des Werdens.

Die Berührung, die über das Auge erfolgt, hat erst allein mit der Materialität des Kunstwerks zu tun.  Es füllt im Raum eine Wandfläche aus, die den Blick zum Verweilen zwingt. Zwei Meter dreissig auf drei Meter dreissig, zum Beispiel, können nicht mit einem Lidschlag geschluckt werden,  und mit den Ausmassen ist es nicht getan. Da ist eine aus der Distanz schon spürbare Spannung zwischen der strengen Statik der Stahlkonstruktion, der architektonischen Sperrigkeit ihrer vertikalen und horizontalen Elemente und der wechselnden Dynamik zwischen diesen stabilen Elementen, die aus dem Wagnis materialer Kombinationen erwächst. Bemalte Leinwand, Siebdrucke in unterschied­ licher Schärfe, irisierendes Blei, Textilien, Gips und Gegenstände des Alltags, deren scheinbare Zufälligkeit durch die Singularität, mit der sie sich im Bildwerk behaupten, magisch aufgeladen erscheint. So wie das Kunstwerk dem Auge begegnet, löst es Gefühle aus: Abwehr, Erschrecken, Neugierde, Erleichterung, kaum jedoch “Wohlgefallen”, wie die klassische Kunsttheorie es als Ergebnis “reiner Anschauung” postulierte. Diese Gefühle, lebendig­diffuse Vokabeln in der stum­men Sprache der Sinne, wirken als hermeneutisches Ferment, als drängender Anstoss zur Deutung ihrer selbst in der weiteren Auseinandersetzung mit dem Kunstwerk.

Es ist kaum möglich, sich diesem Anspruch zu entziehen, der ein konsti­tutives Element von Christopher Bledowskis Werk ist. “You start with ignorance and you get to know more”, sagt er im Gespräch über sein Schaffen. Im Unwissen zu beginnen und allmählich zu erkennen, das heisst vom ersten Eindruck mit seiner Verwirrung zur Deutung zu ge­langen und damit den Bannkreis des Sinnlichen, der reinen Materialität zu sprengen, ist immer von neuem die weiterführende Wirkung verstehenden Betrachtens, die der Künstler mit seinem Werk auslösen will. Christopher Bledowskis Absicht steht damit in grosser Nähe zu Theodor  Adornos Forderung, wie sie sich in den “Minima Moralia” formuliert findet:

“Der von den Aesthetikern verbreitete Glaube, das Kunst­ werk wäre, als Gegenstand unmittelbarer Anschauung, rein aus sich heruas zu verstehen, ist nicht stichhaltig. Er hat seine Grenzen keineswegs nur an den kulturellen Voraus­setzungen eines Gebildes, seiner ‘Sprache’, der nur der Eingeweihte folgen kann. Sondern selbst wo keine Schwierigkeiten solcher Art im Wege sind, verlangt das Kunstwerk mehr, als dass man sich ihm überlässt”.

Das Kunstwerk verlangt, über das Betrachten und Verstehen seiner selbst hinaus, nach Veränderung der Wirklichkeit.

Christopher Bledowski weiss um die gesellschaftliche Sprengkraft der Kunst, wenn sie mehr anstrebt als das aus “unmittelbarer Anschau­ung” heraus den “Eingeweihten”  zugänglichhe Verstehen. “Looking may be or  is  comparable to art”, sagt er. In diesem Vergleich zwischen der schöpferischen Wirkung des Schauens und der Kunst selbst ist etwas Zwingendes, das mit der Glaubwürdigkeit von Christopher Ble­ dowski als Künstler zu tun hat. Er gibt sich nicht die Aura des zeitenthobenen Aussenseiters; er stellt sich unter die Bedingungen der Zeitgenossenschaft, die er durch sein Werk gleichzeitig in Frage stellt. Aus dieser Dialektik von Uebereinstimmung und Widersprüchlich­keit erwächst die ansteckende schöpferische Wirkung des Kunstwerks im schauenden und verstehenden Auge: Ein Trotz gegen die Kraft der Zer­störung im sogenannten Fortschritt, gegen die mit der Massenpro­duktion einsetzende Vermassung der Gesellschaft, gegen den Bedeutungsverlust des einzelnen Dinges, gegen die Gewalt, die dem einzelnen Individuum angetan wird. “Art is a way of staying alive”, sagt Christopher Bledowski, “and the value of art is the contradiction”

Nur aus der gesamtexistetiellen Erfahrung heraus, dass Realität sich nicht anders als in Widersprüchen kundtut, kann sich Christopher Bledowskis Arbeit ganz erschliessen: Aus der Erfahrung des Schmerzes über die Brüchigkeit und Flüchtigkeit des Daseins in seiner schein­bar zur Unscheinbarkeit verdammten Geschichtlichkeit, und zugleich aus der Erfahrung des Triumphs, dass es gelingt, durch die Kraft der Aufmerksamkeit einem einzelnen Gesicht in der Masse unverwechselbare Würde und damit erkennbare Geschichtlichkeit zu geben  (entgegen Sartre’s Theorie von der todbringenden Wirkung des Blicks); dass es zudem gelingt; durch die Kraft schöpferischen Willens, amorphe Materialität aus der Zufälligkeit zum bleibenden Werk, zum Kunst­werk zu erheben, dem Gesetz der Vergänglichkeit und der Zerstörung zum Trotz.

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