Hommage an Jolana Gross-Deutsch zum 100. Geburtstag

Hommage an

Jolana Gross-Deutsch

zum 100. Geburtstag

 

Nie hätte sich Jolana Deutsch in den Kinderjahren in Bratislava vorstellen können, anderswo zu leben als in dieser alten Stadt an der Donau, ausser vielleicht noch in Wien, der Herkunftsstadt ihrer Mutter.  Geboren am 22. Mai 1911 kannte sie wie ihre zwei jüngeren Schwestern noch den späten Schimmer jenes „goldenen Zeitalters der Sicherheit“, wie Stefan Zweig es genannt hatte, trotz der Armut und Schlichtheit der elterlichen Verhältnisse. Die innerfamiliäre Geborgenheit liess Platz dem Offenen und Schönen, dem Lesen von Büchern, Spaziergängen am Ufer der Donau, einer Eisenbahnfahrt nach Wien zu den lebensfrohen Tanten wie auch dem Strauss Flieder, den an Jolanas Geburtstag Jahr für Jahr die Mutter frühmorgens vom Markt nach Hause brachte.

Der Vater war gegen Ende des Ersten Weltkriegs eingezogen worden – Jolana erinnert sich an seinen abwesenden Blick, als sie ihn mit der Mutter in einer Kaserne besuchen konnte -, aber er kehrte wieder zurück, körperlich geschwächt, still und fromm, und das Leben ging weiter. Unter den politischen Bedingungen der seit 1918 bestehenden Tschechoslowakei lebte die jüdische Bevölkerung in Bratislava damals ohne besondere Diskriminierungen. Jolana konnte die Schulen besuchen, auch das Handelsgymnasium und dieses abschliessen, sie fühlte sich sicher und wohl. Doch allmählich geschahen Veränderungen, die sie aufwühlten. Als junge Erwachsene, die mit ihrer Kenntnis von Stenographie und Buchhaltung sowie zahlreicher Sprachen – zusätzlich zu Deutsch auch Ungarisch, Slowakisch und Tschechisch, Französisch und Englisch – schnell eine Stelle als Daktilographin in einer jüdischen Fabrik fand, musste sie erleben, wie ihre Mutter, die neben dem Haushalt noch Kleider nähte und ein Geschäft führte, strickte und gleichzeitig las, an Krebs erkrankte und ein Jahr später starb. Die drei Töchter lebten mit dem Vater zusammen, in grosser Nähe zu dessen zwei unverheirateten Schwestern, die als Schneiderinnen arbeiteten.

Ab 1938 wurden die Verhältnisse zunehmend ungewisser und bedrohlicher, die radikal-faschistischen Kräfte nahmen überhand. Mitte März war mit dem Einmarsch der deutschen Truppen der Anschluss Österreichs an Deutschland zur bedrückenden Tatsache geworden. Eine der Tanten aus Wien kam mit ihrer Familie nach Bratislava, nachdem Dutzende von Familienmitgliedern ins Ungewisse abtransportiert worden waren und nicht zurückkehrten. Die Slowakei aber bot keine Sicherheit mehr, sie war zwar für autonom erklärt worden, war Spielball politischen Kräftemessens und bloss eine Zwischenstation bis zur Deportation, die auch dieser Familie kein Überleben ermöglichte.

Im Frühjahr 1939, nachdem Jozef Tiso als Ministerpräsident und im Herbst des gleichen Jahres als Präsident der neuen Slowakischen Republik ernannt worden war, wurde diese mit Hitlers „Wohlwollen“ zum deutschen „Schutzstaat“ erklärt. Die Gesetze zur Entrechtung und Enteignung der jüdischen Bevölkerung nahmen von Woche zu Woche zu. Anfang 1940 wurde die Fabrik, in der Jolana angestellt war, arisiert. Vater und Töchter wurden in ein einziges Zimmer umquartiert. Ein Gesuch um ein Ausreisevisum nach England, wo Jolana als Kindermädchen hätte arbeiten können, wurde abgelehnt. Mit dem „Juden-Kodex“ vom September 1941 wurde die völlige Lösung des „Juden-Problems“ programmiert. Bis Mitte Mai 1942 waren schon 28 Transporte à je 1000 Menschen in „Arbeitslager“ erfolgt, bis zum 20. Oktober des gleichen Jahren 29 weitere Transporte, insgesamt über 60‘000 Jugendliche, Männer und Frauen. Auf einer der Namenslisten für den Abtransport von 1000 „gesunden, unverheirateten Frauen“ stand auch Jolana Deutsch. Der Vater begleitete sie bis zum Eingang der Turnhalle am Stadtrand von Bratislava, wo sie sich einfinden musste. Das war das letzte Mal, dass sie ihn sah.

Dass ab Oktober 1942 bis August 1944 in der Slowakei eine Art Aufschub der Verfolgung war, dass die jüngste Schwester mit ihrem Ehemann in die Tatra fliehen konnte und dort von der Bevölkerung geschützt wurde, dass aber im Spätsommer 1944, nachdem ein nationaler Aufstand versucht worden war und die deutsche Armee das Land besetzt hatte, mit den neu einsetzenden Deportationen auch ihr Vater und Margit, die mittlere Schwester, in Ausschwitz eintrafen, dass der alte Mann gleich getötet wurde, während Margit überlebte – all dies erfuhr Jolana erst nach und nach.

Die Jahre in Auschwitz und Birkenau erinnert sie bruchstückhaft, ohne dass vergessen gehen kann, was erlebt wurde; alles ist ausserhalb jedes Zeitgefüges. Mosaikartig bleibt die Entmenschlichung des Lebens präsent, die Brutalität und Aussichtslosigkeit der Tag und Nacht fortgesetzten Bedingungen der abgeschotteten Lagerwelt, der stete Hunger und Durst, Gerüche und Schmutz, die erschöpfende Sklavenarbeit, die konstante Angst vor Versagen, Verzweiflung und Abstumpfung, die Unausweichlichkeit des Todes. Trotzdem ist keine Bitterkeit spürbar, höchstens ein Unverständnis, dass Menschen zu jedem Ausmass an Unmenschlichkeit fähig sind, manchmal ein Staunen, dass Überleben möglich war.

Was mit der Erinnerung an das Grauen einhergeht, ist die Erinnerung an die gleichzeitig erlebte Freundschaft, an jene geheimnisvolle Kraft, die Jolana ermöglicht hatte, sich dem Gefühl der Verlorenheit, der Entkräftung und Angst entgegen zu stehen.

Vier junge Frauen aus verschiedenen Teilen der Slowakei hatten bei der Ausmusterung in Auschwitz Blickkontakt aufgenommen, sich hintereinander eingereiht und waren der gleichen Baracke zugeteilt worden. Jede einzelne war für die anderen eine unterstützende Gegenwart – Jolana war mit 31 Jahren die älteste -, und wenn eine von den vier vor Erschöpfung nicht mehr mochte, wurde sie in die Mitte genommen. Von der je persönlichen Vorgeschichte wussten sie wenig, zum Erzählen fehlten Musse und Energie. Von Bedeutung war ausschliesslich, einander Tag für Tag nicht im Stich zu lassen, nicht in der grössten Kälte oder Hitze, nicht angesichts von Gewalt und Quälereien, nicht angesichts der rauchenden Kamine, nicht angesichts der Tatsache, dass der Tod des eigenen Vaters und der geliebten mütterlichen Verwandten nicht hatte verhindert werden können. Die vier Frauen hatten zusammen ein Lied gedichtet, das der Sehnsucht nach dem einstigen Leben und nach den verlorenen Lieben, gleichzeitig der Unbarmherzigkeit von Auschwitz Ausdruck gab und das jede mit sich trug wie das Testament der anderen. Alle vier überlebten. Gemeinsam hatten sie nach dem Einmarsch der russischen Armee am 27. Januar 1945 auch die Todesmärsche durchgestanden, nach Gross-Rosen, nach Mauthausen und schliesslich nach Bergen-Belsen, wo der Tod vielen völlig Entkräfteten – wie damals Jolana – am nächsten auflauerte.

Als der Krieg zu Ende war und die vier Freundinnen über Prag nach Bratislava zurückkehrten, dann sich in verschiedene Weltregionen verstreuten, zum Teil andere Überlebende heirateten mit Söhnen oder Töchtern, deren Mütter nicht überlebt hatten, zum Teil nach wenigen Jahren einer Krebserkrankung erlagen, da blieb die Freundschaft wach, mit Brief- und Telefonaustausch, wenn möglich mit Besuchen, zunehmend in kleinerem Kreis. Von den vier Frauen ist Jolana Gross die letzte Überlebende und setzt mit den wachen, nicht verglimmenden Erinnerungen, mit dem leisen Erwähnen der Namen der Verstorbenen – auch jenem der Eltern und Schwestern – das Gedenken an deren Nähe fort.

Gleichzeitig konnte im Lauf der Jahre ein neuer Kreis um sie anwachsen. Im August 1968 kamen mit nichts mehr als mit einem kleinen Koffer und einer Geige Jolana Gross und ihr Ehemann aus der stalinistischen Slowakei zu dessen Sohn und Familie in die Schweiz und fanden hier in Zürich ein Bleiberecht. Während es ihrem Mann erschwert wurde, als Arzt arbeiten zu können, wurde sie dank ihrer Sprachen- und Stenogrammkenntnisse im VSJF gleich gebraucht, und diese Arbeit für Notleidende und für Flüchtlinge setzte sie auch während des düsteren Jugoslawienkriegs und dessen Folgen bis ins 95. Altersjahr mit grösster Gewissenhaftigkeit fort. Ungezählte erinnern sich ihrer mit Dankbarkeit.

Schmerzhaft, unverständlich und kaum akzeptierbar war für Jolana Gross 1974 der tödliche Herzinfarkt ihres geliebten Mannes, der plötzliche Abbruch des gemeinsamen Lebens, schmerzhaft allein zu sein – und trotzdem nicht allein. Die Angehörigen des Verstorbenen standen ihr aufs herzlichste zur Seite, wurden ihre Familie und begleiteten sie damals und über die Jahrzehnte hinweg – nun schon die dritte Generation -, auch beim beschwerlichen Älter- und Schwächerwerden. Jede und jeden Einzelnen aus diesem grossen Kreis, zu dem  gleichermassen die Angehörigen ihrer Schwestern gehören, liebt sie als ihre kostbarsten Nächsten.

Wach blieb in Jolana Gross immer der Wert der Freundschaft, den sie hier in der Schweiz neu und anders erfahren konnte, in gleicher Verlässlichkeit und anderer Freiheit, zwischen uns ein Wissen seit vielen Jahren. Oft stellt sich die Frage, ob alles Qualvolle der Kriegs- und Lagerzeit, vielleicht auch der schweren Verluste und körperlichen Leiden durch die Erfahrung der Freundschaft zu einem Teil der Geschichte werden konnte, ob die von Aussen geschaffene, menschlich zerstörerische Macht durch die seelisch nährende Kraft der wechselseitigen, liebevollen Aufmerksamkeit besiegt werden kann? Jolana Gross weiss die Antwort.

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