„Kultur in Bewegung“, eine Initiative der Pro Helvetia

„Kultur in Bewegung“, eine Initiative der Pro Helvetia

 

 

  1. Es war nicht ein einzelnes Erlebnis, sondern sondern es war die gesamte Kindheitssituation während des Kriegs, die mich verstehen liess, dass Krieg und Kultur ganz und gar Verschiedenes bedeuten. Es begann damit, dass mein Vater, der militärdienstuntauglich war, eine Bibliothek für internierte italienische und polnische Armeeangehörige aufgebaut hatte, von denen einzelne bei den Eltern auch zu Gast waren, rätselhafte ernste Gesichter, die auftauchten, sich mir einprägten und wieder verschwanden. Für mich, auf meinem Niveau, gehörten Kinder dazu aus dem besetzten und versehrten Europa – aus Wien, Bruxelles und Strassburg –, die mit Flüchtlingszügen gekommen waren und die oft lange bei uns lebten. Wie die Mutter dies zustandebrachte, weiss ich nicht, da Geld, Nahrungsmittel und Platz knapp waren; irgendwie wurde alles vielfach geteilt. Aber was war es genau, was dabei Kultur bedeutete? Später verstand ich, dass die Bücher allein nicht genügten, auch nicht die Musik oder die Gemälde, schon gar nicht universitäre Titel und ähnliches, dass es von all dem auch in Nazideutschland und in anderen Gewaltsystemen gab und weiterhin gibt, sondern dass es die Art und Weise der Offenheit, der Gastfreundschaft und des Zusammenlebens mit Menschen war, die Fremde waren und andere Sprache sprachen, und dass es die vielfache Beziehungserfahrung war, die daraus entstand. Später, als junge Erwachsene, wurde mir nicht erspart zu lernen, dass systematische Gewalt jeder Art und Kultur, so verstanden, unvereinbare Gegenwelten darstellen.

 

  1. Was ich unter Kultur verstehe, mag in meiner Anwort auf die erste Frage schon aufscheinen: eine vielfach kreative Gestaltung des Zusammenlebens. Unterschiede wecken Neugier und gelten als mögliche Bereicherung, sind Elemente einer immer wieder erneuerten partizipativen Orchestrierung einer sich verändernden Vielfalt von Instrumenten und Stimmen, die selbst die dissonanten integriert. Kultur erweist sich somit als politische und gesellschaftliche Gesamtleistung der Vielen, die zusammenleben, ständig in Bewegung, zerstörungsanfällig und höchst anspruchsvoll, da es dabei um den Raum der Freiheit – der reziproken Freiheit – und der „architekturalen“ Sorgfalt geht, immer unter den Bedingungen der Zeit, sowohl der Geschichte (der vielfach individuellen und der kollektiven), wie der zukünftigen Zeit. Da Kultur den Raum der Freiheit zugleich schafft und sich in ihm entfaltet, definiert sie sich durch diesen, d.h. sie definiert sich  massgeblich durch die Qualität der demokratischen Praxis. In diesem Raum der Freiheit entsteht Kunst als singuläres Werk aus dem individuellen Gestaltungs-und Symbolisierungsbedürfnis, in einem eigenwilligen Zusammenwirken zwischen den Kräften des Unbewussten und den individuell gewählten, mehr oder weniger bewusst erarbeiteten und verfeinerten Mitteln und Formen der Gestaltung, die so als etwas Hervorragendes und Unverwechselbares erscheint, ob flüchtig oder dauerhaft.

 

  1. Kultur definieren sowohl diejenigen, die daran partizipieren wie diejenigen, die ausgeschlossen sind. Es gibt eine unabschliessbare Vielzahl von Kulturdefinierenden und eine ebenso grosse Vielzahl von Kulturdefinitionen. Interessant erscheint mir, dass etymologisch „Kultur“ (cultura) und „Therapie“ (therapeia) eine ähnliche Bedeutung haben: Pflege, Wartung, Sorgfalt. (Darauf hatte schon Sigmund Freud hingewiesen).

 

  1. Nun, was bedeuten „für eine Intellektuelle kulturelle Projekte, die an der Basis entstehen“? „Basis“ ist ein marxistischer Begriff, der je nach dem Kontext entweder alle Lohnabhängigen meint oder die Kinder, die Jugend, die Studierenden etc. In der Regel wird der Begriff von denjenigen gebraucht, die sich selber nicht zur „Basis“ rechnen. Nun aber ist mein Verständnis von Kultur gerade nicht schichtspezifisch. Wenn zum Beispiel abgewiesene Kriegsvertriebene aus dem Bosnienkrieg ein Buch des Widerstands gegen die geplanten pauschalen Rückschiebungen veröffentlichen und dank gegenseitiger Ermutigung bereit sind, zu diesem Zweck ihre individuellen Kriegs-. Flucht- und Exilerfahrungen zu erzählen, bedürfen sie der Unterstützung mehrerer publikationsgewohnter Intellektueller, damit das Projekt gelingen kann. Und wenn die Bevölkerung eines Dorfes beschliesst, Theater zu spielen, finden sich in ihrer Mitte häufig theater- oder gar regieerfahrene Intellektuelle, die sich für das Unternehmen begeistern lassen. Nur im wechselseitigen Austausch mit jeder Art von „Basis“, zu der sie sich selber zählen, gewinnen geisteswissenschaftliche Fachleute die Statur von „Intellektuellen“, nur so vermögen sie, mit Hilfe ihrer spezifischen Kreativität, des sowohl analytischen wie synthetischen, sprachtauglichen „Intellekts“, die oft diffusen Bedürfnisse, die Ängste und Hoffnungen, die Frustrationen und Aggressionen der Vielen, mit denen sie zusammenleben, auf den Punkt zu bringen, diese zu benennen, zu befragen oder zu erklären, nur so vermögen sie antizipatorisch zu verstehen, zu warnen oder zu ermutigen. Gerade diese selbstverständliche, nicht theamtisierte Nähe zur „Basiskultur” unterscheidet Intellektuelle von sogenannten „Akademikerinnen“ und „Akademikern“, deren intellektulle Arbeit sich häufig auf den abgeschotteten universitären oder professionellen  Raum bechränkt.

 

  1. Nein, Kultur kann nicht „produziert“ werden, ausser in totalitären Verhältnissen, das mag aus den vorausgegangenen Antworten schon klar geworden sein. Es ist dagegen unbestritten, dass Theateraufführungen, Musikfestivals, Ausstellungen, Literaturtage etc. „produziert“ werden. Es handelt sich dabei um Gestaltungsprozesse, bei welchen die Leistungen einzelner Künstlerinnen und Künstler mit dem kulturellen Bedürfnis der Vielen, die einer künstlerischen Erfahrung oder einer anderen Realität als jener des Alltags, einer symbolischen Realität, bedürfen, zusammenfallen. Kultur in diesem Sinn bedarf der unablässigen vielfältigen Förderung, sowohl der künstlerischen, der intellektuellen, der organisatorischen wie der finanziellen, von Seiten privater Sponsorinnen und Sponsoren wie von Seiten der öffentlichen Hand. Und da sich die Qualität des Zusammenlebens in der Vielfalt der menschlichen Differenz, die eine plurale Demokratie kennzeichnet, durch Kultur im oben erläuterten Sinn definiert, und da dieses Zusammenleben durch destruktive Kräfte, durch Gewalt, durch partikuläre Dominanz- und Profitbedürfnisse oder durch pauschale Ausgrenzungstendenzen ständig gefährdet ist, bedarf Kulturförderung der wachen, grosszügigen, breiten und sorgsamen Kontinuität. Sie zu reduzieren oder gar für überflüssig zu erklären, käme einer Preisgabe der Kultur an die Kräfte der Gewalt gleich und könnte auch in politischer Hinsicht schwerwiegende Folgen nach haben.

 

Zürich, 17. Oktober 1999

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