Ist Befreiung von Armut eine Utopie? – Menschliche Grundbedürfnisse, Rechte und Interessen

 

Ist Befreiung von Armut eine Utopie? – Menschliche Grundbedürfnisse, Rechte und Interessen

 

Als die UNO das Jahr 1996 zum Internationalen Jahr der Armut  erklärte, liess sie es nicht dabei bewenden. Sie verband damit einen die Staaten verpflichtenden Zehnjahresplan, der beinhaltete, dass bis zum Jahr 2005 , über Stützungs-, Entwicklungs- und Bildungsprojekte, eine massgebliche und nachhaltige Verringerung der Armut erreicht werden sollte. Kann eventuell gar eine Überwindung der Armut erhofft werden? Oder ist dies eine Utopie, ein Traum, für den es keinen Ort (u-topos) der Verwirklichung gibt? Ein Essay.

Von Maja Wicki

Wir wissen zur Genüge, dass Armut nicht naturgegeben und nicht gottgewollt ist, sondern von der Welt geschaffen wird, von jedem Land und von jeder Gesellschaft. Armut ist die Schuld jenes Teils der Welt, der im Überfluss lebt, der diesen Überfluss vergeudet und verschwendet, ob für private oder für militärische und andere nicht-gemeinwohlfördernde öffentliche Zwecke, ist die Schuld jenes Teils der Welt, der eifersüchtig und schlau sein Eigentum verteidigt und die Augen verschliesst vor jenem anderen Teil der Welt, vor jenen Menschen, “die im Dunkeln leben”, wie Bertold Brecht schrieb, die nichts haben, weder die Möglichkeit zu lernen und sich Wissen anzueigenen noch so zu arbeiten, dass sie sich und die Ihren ohne Not ernähren können, die keinen Ort haben, wo sie sich wirklich erholen können, keinen Ort, wo es schön ist, die auch keine Aussicht auf echte Erleichterung und nachhaltige Veränderung ihrer Situation oder jener ihrer Kinder haben. Sie sehen, ich werde nicht von jener Armut sprechen, die als Erfahrung eines geringeren Einkommens und einer Verknappung der Mittel über kürzere oder längere Zeit, aber als befristete Erfahrung beinah jedes Leben einmal, vielleicht auch merhmals geprägt hat. Ich werde von jener Armut sprechen, die in vielen Studien als “grosse Armut” bezeichnet wird und von den Menschen selbst wie ein unentrinnbarer Fluch oder wie eine unheilbare Krankheit oder wie eine ungerechte lebenslängliche Verurteilung empfunden wird.

Ich hoffe, dass sich politische, kulturelle du soziale Bewegungen verstärken, die das unzumutbare Unrecht und, in langfristigen Zusammenhängen, die menschliche Unerträglichkeit der Armut aufdecken und zu deren Bekämpfung aufrufen, vergleichbar anderen Bewegungen, wie zum Beispiel in den siebziger Jahren Black Power (in den USA zur Bekämpfung der Rassendiskriminierung in den siebziger Jahren entstanden) oder wie Greenpeace (gegen die Zerstörung der Weltressourcen). Armut bedeutet die Zerstörung der Hoffnungsressourcen einer ganzen Menschheit. Ich erhoffe daher

  • ein verstärktes Bewusstsein bei immer mehr Menschen, ja eine wachsende Beunruhigung, dass Armut weltweit der am meisten verdrängte und zugleich der grösste und ständig sich noch vergrössernde Menschenrechtsskandal ist, eine Verletzung der körperlichen und seelischen Integrität von Milliarden von Menschen. Und ich erhoffe

(2) eine Aktivierung des gemeinsamen Kampfs der Armen sowie der Nicht-Armen und Weniger-Armen für eine Beseitigung der Ursachen und der Folgen der Armut.

Hoffnungen, im Gegensatz zu Träumen, sind Zielsetzungen. Diese Zielsetzungen will ich nun begründen. Ich werde in einem ersten Teil erklären, warum ich von der Unerträglichkeit der Armut spreche, warum Armut, analog der Folter, eine Verletzung fundamentaler Menschenrechte ist. In einem zweiten Teil werde ich Möglichkeiten des Kampfs gegen Armut und Erniedrigung aufzeigen. In einem dritten Teil werde ich im besonderen auf die Situation der in Armut lebenden Frauen eingehen sowie eine nicht-utopische Option für die Zukunft vorlegen.

Armut – ein Menschenrechtsskandal

Ich will mit ein paar eigenen Beobachtungen und Erfahrungen beginnen: Im Dorf, wohin meine Eltern als “Fremde” gezogen waren, wo ich bis zu meinem zehnten Lebensjahr lebte und auch die ersten Schuljahre absolvierte, gab es nicht wenige arme Familien. Die einen gehörten zur Fabrik, die es im Dorf gab, die anderen wurden zu Hilfsarbeiten zugezogen, auf Abruf, etwa zum Umgraben des Gartens oder zum Waschen und Bügeln der Wäsche, andere wiederum kamen ungerufen, läuteten an der Haustüre, Hausierer und Hausiererinnen, Korbflicker, Messerschleifer oder auch Taglöhner, die fragten, ob es für sie eine Arbeit gebe. Es gab in der Schule auch arme Kinder. Sie waren scheuer als die anderen Kinder, sie bekamen mittags in der Schule eine Suppe und ein Stück Brot zu essen, sie gehörten nicht zu den guten Schülern und Schülerinnen, sie wurden häufig gestraft, sie trugen zu kleine oder zu grosse Kleider.

Eine weitere Erfahrung kam auf mich zu, als ich, siebzehn Jahre alt, damals in der sechsten Klasse des Gymnasiums, beschloss, mich während der Sommerferien für einen Sozial-Einsatz zu melden. Ich wurde in den Solothurner Jura in ein kleines Dorf geschickt, in eine Familie mit neun Kindern und einem blinden, pflegebedürftigen Grossvater, deren Armut ich während fünf Wochen teilte, wobei ich versuchte, die übermüdete, überanstrengte Hausfrau so zu entlasten, damit sie den schweren Karren wieder weiterziehen mochte. Ich bewunderte sie: Sie klagte nie, sie hatte ihre Kinder und ihren Mann gern, sie versuchte, trotz der Enge und Morschheit des Häuschens, wo sie lebten, trotz der entsetzlichen Geldknappheit, trotz der Winterhilfe-Kleider, die kaputt waren, bevor die Kinder sie trugen, trotz des kargen und monotonen Essens, trotz alledem eine herzliche Stimmung zu schaffen. Immer versuchte sie, ihren Stolz zu wahren und etws davon ihren Kindern mitzugeben.

Als ich erwachsen war, lernte ich die Armut in den Aussenbezirken und in den Schächten der Untergrundbahnen der grossen Städte kennen, in Barcelona zum Beispiel die Armut der Arbeitslosen, die aus Andalusien zugezogen waren, als Illegale am Rand der Stadt lebten und gar keine Chance hatten, irgend eine Arbeit zu finden, da sie weder lesen noch schreiben konnten. Oder die Armut der illegalen Immigranten und Immigrantinnen aus Ländern des Südens und des Ostens. Aber auch in der Schweiz konnte ich ihr nicht ausweichen. Ende der achtziger Jahre begann das Schweizerische ArbeiterInnenhilfswerk SAH, Lese- und Schreibkurse für Erwachsenen zu organisieren Überall wurden sie angeboten, in den Städte und auf dem Land, auch hier in Graubünden. In kurzer Zeit waren alle Kurse ausgebucht, die Nachfrage war enorm.  Ich war damals als Journalistin verantwortlich für die Öffentlichkeitsarbeit beim SAH  und machte zahlreiche Interviews mit Frauen und Männern, die sich für diese Kurse angemeldet hatten, funktionale Analphabetinnen und Analphabeten, die von Kindheit an nur auf der Schattenseite der Gesellschaft gestanden hatten, Frauen und Männer meiner Generation, aus diesem Land, deren Biographien nicht anders lauteten als jene, die wir aus Fürsorgechroniken aus dem letzten Jahrhundert kennen, auch kaum anders als jene von Taglöhnerinnen und Taglöhnern aus Brasilien oder aus einem der vielen Armutsländer der Welt.

Trostlosigkeit und Hoffnung

Ich will kurz schildern, was ich aus diesen Lebensgeschichten erfuhr: Da waren zumeist schon trostlose elterliche Verhältnisse, eine düstere Kindheit, Überarbeitung von Vater oder Mutter oder Arbeitslosigkeit, Krankheit, manchmal Alkoholismus, Hilfsarbeit schon im Kindesalter von den frühen Morgenstunden bis in die Nacht hinein, Botengänge, Mitarbeit im Stall oder auf dem Hof, frühe Verantwortung für Geschwister oder fremde Kinder, eine enge Küche, in der die Schularbeiten beim besten Willen nicht gut gemacht werden konnten, Unpünktlichkeit und Unregelmässigkeit des Schulbesuchs, Rückstände, Rügen und Schläge durch den Lehrer, Gespött der übrigen Kinder, Kleider von der Winterhilfe, die zu gross oder zu klein waren, nie neue gute Schuhe, eine ständige Erfahrung der Minderwertigkeit, Abkapselung, Scham, hilflose Wut, häufig Fremdplazierungen, selten zum Guten des Kindes, manchmal schlimmste Ausnützung, selbst sexuelle Ausnützung. Eine Frau, zum Beispiel, lernte ich kennen, die  als Verdingkind mit zwölf – dreizehn Jahren  täglich während des Kirchenbesuchs der Bäuerin durch den Bauern missbraucht wurde, und da war keine Möglichkeit, über Gewalt und Not zu reden, da der Bauer es eingerichtet hatte, dass sein eigener Bruder zum Vormund des Mädchens ernannt wurde, da gab es keine Möglichkeit, Freundschaften zu pflegen, einen Beruf zu erlernen, dagegen wurde sie, wie viele, weitergereicht von einer Hilfsarbeit zur anderen, wurde in fremden Haushalten plaziert,als Mägde bei Bauern, aös Hilfsarbeiterinnen in kleinen Fabrikationsbetrieben, als Hilfskräfte im Gastgewerbe, in Wäschereien, so wie die Männer als Handlanger auf dem Bau und als Knechte in der Landwirtschaft, dann kam es zumeist zur frühen Heirat im gleichen Milieu, zu frühen und zahlreichem Schwangerschaften, und unversehens ging die Trostlosigkeit der Jugend über in die Trostlosigkeit einer Ehe, die sich kaum von jener der Eltern unterschied, und das Unglück nagte an ihnen, den eigenen Kindern, die sie nun in die Welt stellten, nicht ein besseres Leben bieten zu können, als sie es selbst erfahren hatten, Krankheiten stellten sich ein, Betreibungen und Pfändungen, immer wieder erfolglose Stellensuche, Fürsorgeabhängigkeit, Wut, Kraftlosigkeit, Demütigung um Demütigung. Kein bisschen Schönheit, keine Freude. Dann plötzlich, von irgend jemandem aufgeschnappt, bot sich diese Möglichkeit, noch lesen und schreiben zu lernen, und plötzlich keimte leise die Hoffnung auf, vielleicht doch noch aus dem Kreisen im immer gleichen grauen, miefigen Kreis heraustreten zu können, vielleicht doch noch eine Chance zu haben, eine Stelle, eine bessere Stelle finden zu können, sich wehren zu können, geachtet zu sein.

Das hat mich bei all diesen Menschen, die in Armut leben und deren Leben ich kennenlernte, am meisten berührt: der Mangel an Achtung, der Mangel an Anerkennung, der Mangel an Glück, vor allem aber das Leiden über diesen Mangel. Für viele empfand ich grosse Bewunderung. Sie verloren ihre Würde nicht, im Gegenteil, sie schufen sich eine eigene Würde. Andere aber erschienen mir als gebrochen. Woher sollten sie die Kraft nehmen, ihrem Leben eine positive Wende zu geben? Ihre Auflehnung mündete häufig in Wut, wodurch sie nicht selten in Situationen gerieten, in denen sie gar straffällig wurden – ein Ausdruck ihrer grossen Hilflosigkeit und eigenen Verletztheit.

Menschliche Grundbedürfnisse

Wenn ich sage, Armut sei ein Menschenrechtsskandal, so begründe ich dies mit der Nichterfüllung der Grundbedürfnisse. Menschenrechte, Grundrechte haben ihre Allgemeingültigkeit in der Tatsache der gleichen existentiellen Bedürftigkeit aller Menschen. Diese Bedürftigkeit ist dergestalt, dass sie nur durch die Aufmerksamkeit der anderen Menschen und durch ihre Bereitschaft, sie zu stillen, das heisst durch ihr Handeln, ertragen werden kann, ob es sich um den physischen Hunger handle oder um den geistigen, um das Bedürfnis nach Erhaltung und Förderung des körperlichen Leben oder um das Bedürfnis nach Erkenntnis, nach Bildung, nach Liebe, nach Respekt, nach Partizipation an den Entscheiden, deren Folgen viele betreffen, ein ganzes Dorf oder eine ganze Stadt, nach Partizipation an der politischen und sozialen Verantwortung, ob es sich um das Bedürfnis nach Schönheit, nach Erholung und nach sinnhafter Arbeit handle. Niemand kann diese Bedürfnisse allein stillen, jedes Kind, jede Frau und jeder Mann ist dafür auf andere Menschen angewiesen. Nun ist es jedoch so, dass dieser Anspruch scheinbar nur für Menschen gilt, die “im Licht” stehen, die über Mittel, über Geld und Publizität verfügen, damit sie ihre Rechte geltend machen können. Der gleiche Anspruch geht bei den Armen ins Leere. Sie verfügen weder über Publizität noch über andere Druckmittel. Es ist, als seien ihre Stimmen tonlos, pbwohl sie einen riesigen Chor darstellen. Sie erfahren Verachtung statt Achtung, abgewendete Blicke statt Aufmerksamkeit, Fürsorge statt Partizipation.

Ermutigung durch die Gesellschaft?

Setzt sich an einigen Orten allmählich ein Umdenken durch? In Zürich, zum Beispiel, wurden und werden Frauen und Männern, die in Armut leben, Arbeitsprogramme angeboten, Umlern- und Weiterlernangebote, die aus den Engpässen von Arbeitslosigkeit, Fürsorgeabhängigkeit und Selbstwertverlust herausführen sollen, die Kenntnisse und Selbstvertrauen vermitteln sollen. Arme sollen nicht weiter Almosenempfängerinnen und Almosenempfänger sein, sondern sollen sich selbst die  Möglichkeit schaffen, die einseitige Abhängigkeit zu verändern.

Doch die erwähnten Programme genügen nicht, es braucht bei den Armen Mut, vor allem aber braucht es Ermutigung durch die Gesellschaft. Diese aber fehlt zumeist. So ist es häufig der Mut der Verzweiflung, der hinter dem Entschluss steht, sich für Kurse und Weiterbildungsprogramme zu melden, da die heutige Arbeitsmarktsituation Menschen, die keine Erfolgszeugnisse vorzeigen können, die von Misserfolgen gezeichnet sind, schon kaum mehr eine Einstiegschance gewährt. Es ist eine Welt der gnadenlosen Härte. Ist es da verwunderlich, dass viele, die sich ein Herz genommen haben, ihre Situation zu verändern, nach kurzer Zeit resignieren? Ich kenne zum Beispiel eine knapp vierzigjährige Frau, die in armen ländlichen Verhältnissen aufgewachsen war, schon als Sechzehnjähre in einem Gasthaus zu arbeiten begann, schwanger wurde und eine Tochter zur Welt brachte, die schon bald nach der Geburt in einem Kinderheim untergebracht wurde, wo sie aufwuchs, während die Mutter zu trinken begann, häufig die Stelle wechselte und immer weniger belastbar wurde. Vor drei Jahen hat sie sich entschlossen, einen Maschinenschreibkurs zu absolvieren, “vor allem wegen der Tochter”, sagte sie mir, die nun achtzehn Jahre alt wird. Doch der Kurs verhalf ihr nicht zur erhofften Lebensveränderung, da heute auch für einfache Büroarbeiten nicht Maschinenschreiben, sondern Computerkenntnisse erfordert sind. Sie fand schliesslich eine Wohnmöglichkeit und eine Arbeit in einem Heim für Männer, die zwischen die Maschen der Gesellschaft gefallen sind. Sie hat dort einen “Unterschlupf” gefunden, wie sie mir sagte, aber ihren Entschluss, in diesem Heim zu arbeiten, hat sie aus Resignation getroffen. Sie hat den Weg “in der Welt”, in der Stadt, nicht geschafft.

Armut – ein Menschenrechtsskandal

Es sind weltweit Millionen von Menschen, es ist zumindest die Hälfte der Menschheit, die Opfer der Kälte, der Härte und Indifferenz der anderen Hälfte sind, allein in der Schweiz, nach offiziellen Statistiken, an die 500’000, die unter dem sogenannten “Existenzminimum” leben, die ihre Grundbedürfnisse nicht erfüllen können. Die Zahlen wachsen schnell an: 1994 waren es gesamtschweizerisch insgesamt 245’000 Menschen, die Sozialhilfe brauchten, doppelt so viele wie 1990. Innerhalb von zwei Jahren, von 1994 bis heute, hat sich die Zahl wieder verdoppelt.

Um zu wissen, was diese Zahlen bedeuten, müssen wir unsere Vorstellungskraft anstrengen, müssen wir uns 500’000mal je ein einzelnes Leben vorstellen, ein Leben der ständigen Erniedrigung, des ständigen Leidens. Es ist tatsächlich der Folter vergleichbar. Die aufwühlendste Tatsache ist, dass, wer arm ist, keine Freiheit wahrnehmen kann. Wer arm ist, lebt allein unter dem Gesetz zwingender Notwendigkeiten, zwingender “Notdurft”, wie die Philosophin Hannah Arendt die blosse Subsistenzerhaltung nennt. Ein Leben ohne Freiheit ist ein Leben der Unterdrückung

Was aber sind die Folgen eines Lebens in Unterdrückung, in Unfreiheit und in ständigem Leiden? Es sind Hoffnungslosigkeit und Bitterkeit, es sind tiefe Depressionen, das heisst ein allmähliches Absterben der Lebenskräfte – oder es ist Auflehnung, eventuell sogar aggressive Auflehnung, Auflehnung, die in Gewalt übergeht, wie sie immer wieder in grossen Städten, in New York, in Paris, Marseille, London und anderswo aufflammt, wie sie jedoch immer durch die viel mächtigere Gegengewalt des Staates, durch Polizeigewalt, durch Waffengewalt erstickt wird, ohne dass deren Ursachen verändert würden. Darum aber muss es in diesem jahr gehen: um die Veränderung der Ursachen der Armut. Die Folgen der Armut werden sich dann von selbst verändern. Wenn, wenn… Solange mit “wenn” argumentiert wird, geschieht nichts. Daher haben überall in der Welt die Armen begonnen, sich zu wehren, statt länger stumm zu dulden. Sie haben begonnen, für die Erfüllung ihrer Grundbedürfisse und ihrer Rechte zu kämpfen.statt auf eine Veränderung zu warten, die doch nie erfolgt,

Krieg der Armen gegen die Reichen

Der Impuls ist nicht neu. Schon vor rund 160 Jahren schrieb der französische Frühsozialist Auguste Blanqui:Sehen Sie, das ist der Krieg der Armen gegen die Reichen .Allen Besitzenden muss daran liegen, den Ansturm abzuwehren. Dies ist der Krieg zwischen den Reichen und den Armen. Die Reichen haben es so gewollt, denn sie sind die Angreifer. Schlecht finden sie nur, dass sich die Armen zur Wehr setzen.” Der Aufstand, von dem ich Ihnen spreche, ist allerdings kein Krieg, es ist eine Bewegung mit demokratischem Charakter, eine starke Bewegung des Widerstandes gegen Unrecht: eine Menschenrechtsbewegung. Aus dieser Bewegung heraus haben sich Organisationen gebildet, zu denen die Armen selber vorweg den Impuls geben.

Es genügt jedoch nicht, dass die Bekämpfung der Armut Sache der Armen ist. Es genügt schon lange nicht, es genügt heute, wo Erfindergeist und Technologie es ermöglichen, die meisten Probleme zu lösen, erst recht nicht mehr. Die Verringerung und Überwindung der Armut muss ein vorrängiges politisches Ziel sein, nicht nur einer linken Politik, sondern der Politik überhaupt. Eine Gesellschaft ist nur so stark wie ihre schwächsten Glieder es sind. Die Erfahrung der grossen allgemeinen Armut und Verelendung in der Zwischenkriegszeit infolge der enormen Inflation und Arbeitslosigkeit müsste genügen, damit nicht länger gezögert wird. Es braucht

  • dringend neue Arbeitszeitmodelle, damit Arbeit nicht zum seltenen Privileg von wenigen wird, damit nicht länger eine zunehmende Zahl von Menschen ihre Existenz als wertlos erleben;
  • neue Partizipationsmodelle dank einer Verstärkung der Bildungs- und Weiterbildungsangebote und
  • neue Verteilungsmodelle des kollektiven Mehrwerts. Wir haben genug Fachleute, die in der Lage sind, praktische Umsetzungsmöglichkeiten dieser Modelle zu erarbeiten. Was wir jedoch schaffen resp. stärken müssen, ist die Einsicht in die politische Dringlichkeit dieser Aufgabe, sodann der politische Wille, aus der Einsicht die politischen und sozialen Konsequenzen zu ziehen. Das bedeutet im Klartext, dass diejenigen, die nicht in Armut leben, bereit sein müssen, den Gürtel enger zu schnallen.
Die Armut der Frauen

Ich musste – wollte – zuerst die Unerträglichkeit der Armut überhaupt schildern, bevor ich auf die besondere Armut von Frauen eingehe. Eine besondere Armut? Es sind gemäss allen Statistiken und Armutsstudien tatsächlich mehr Frauen als Männer, die unter dem Existenzminimum leben, zugleich aber verwendet der Grossteil der in Armut lebenden Frauen ihre Energie vor allem darauf, die Armut zu verbergen. Im Strassenbild in den grösseren Städten der Schweiz treten sie kaum in Erscheinung, in den Obdachlosenunterkünften sind sie seltener als die Männer, und falls sie dort unterkommen, wirken sie häufig eher wie Pensionärinnen. Auch mit den spärlichsten Mitteln gelingt es vielen,  die sichtbare Verelendung, ja Verwahrlosung aufzuhalten, nicht nur die äussere, die mit der Erscheinung zu tun hat, sondern auch die innere, die mit der sozialen Kompetenz korreliert ist.

Gerade die Tatsache, dass Frauen in besonderem Mass von Armut betroffen werden, hat die Frauen wiederum in besonderem Mass befähigt, gegen die Ursachen und Gründe der Armut anzukämpfen. Sie engagierten sich im Rahmen des sozialistischen Kampfes gegen Ausbeutung, Menschenverachtung und Menschenmissbrauch, sie trugen bei zur Bewusstseinsbildung von Unrecht und Gerechtigkeit.

Was stand für die Frauen, die damals, Initiativen ergriffen, im Mittelpunkt? Es war der Widerstand gegen die Zeitströmungen, es war der Kampf um die Unverfügbarkeit jedes einzelnen menschlichen Lebens und es war der Wert der menschlichen Beziehungen. Sozialarbeit wurde als “politisches Handeln” verstanden, lange bevor dieser Begriff durch Hannah Arendt die Bedeutung bekam, welche Frauen wie Jane Adams und Mentona Moser durch ihr Werk und durch ihr Einstehen für dessen Umsetzung, für dessen praktische sozialpolitische Wirkung vorlebten, wie es zu jener Zeit viele weitere Frauen taten, unter anderen, allein in der Schweiz,  Marie Goegg-Pouchoulin, Rosa Bloch-Bollag, Verena Conzett-Knecht, Clara Ragaz, Caroline Farner, Margarethe Faas-Hardegger, Marie Humbert-Müller, Meta von Salis-Marschlins, Emma Pieczynska-Reichenbach, Regina Kägi-Fuchsmann – um nur einige wenige zu nennen.

Politisches Handeln als Ausdruck von Freiheit setzt Wahlmöglichkeiten für Entscheide der Lebensgestaltung voraus, die über das private Überleben und Leben hinausgehen, die das Zusammenleben mit den anderen Menschen, das Zusammenleben in der Pluralität der Beziehungen betreffen. Diese Freiheit fehlt jenen Menschen, die sich in psychischen, rechtlichen und materiellen Zwangslagen befinden. Darin besteht ja das eigentliche Unrecht sozialer Ungleichheit, dass Menschen in Notlagen der Freiheit verlustig gehen. Dass Kinder und Jugendliche, die in psychischen oder in materiellen Zwangslagen aufwachsen, nur sehr schwer diese Freiheit erringen können. Daraus lässt sich die Forderung ableiten, dass Armut und jede Form der sozialen und politischen Ausgrenzung aus Gründen der Demokratie vermieden werden muss, da Demokratie die Partizipation aller, die zusammenleben, am politischen Handeln bedeutet, das heisst an den Entscheiden, die alle betreffen, die zusammenleben.

Die unheilbringende Fixierung auf Vorteile

Die – heute gemeinhin bedauerte – Lähmung der Demokratie hängt nicht zuletzt mit der Verwechslung von politischem Handeln mit wirtschaftlichem Handeln zusammen. Während das erste sich nach Zielen ausrichtet, die eine Optimierung der Lebensqualität der vielen, die zusammenleben, beinhaltet, strebt das zweite eine Optimierung des partikulären Vorteils an, ob dieser Mehrwert- oder Machtsteigerung bedeute.  Theodor W. Adorno hielt in den 1944 entstandenen “Minima Moralia”, im Paragraphen 13 fest, dass “der Blick auf mögliche Vorteile der Todfeind menschenwürdiger Beziehungen ist. Aus solchen kann Solidarität und Füreinanereinstehen folgen, aber nie können sie im Gedanken an praktische Zwecke entspringen.” Adornos Feststellung entspricht Hannah Arendts Unterscheidung zwischen “polis” und “oikos”, resp. zwischen politischem Handeln, das sich nach überpersönlichen, zwischenmenschlichen Zielsetzungen ausrichtet, und wirtschaftlichem Handeln, das dem Erreichen kurzfristiger Zwecke dient. So verstandenes politisches Handeln könnte somit – theoretisch – zu einem Verzicht auf persönlichen Vorteil führen, auf materiellen wie auf machtmässigen, zu Gunsten des Vorteils der vielen, resp. zu Gunsten der Qualität des Zusammenlebens. Empirisch ist es leider anders. Aus diesem theoretischen Verständnis von Freiheit könnte jene gegenseitig-vielseitig unterstützende Zwischenmenschlichkeit erwachsen, die der ursprünglichen Bedeutung von Solidarität entspricht, sowie jene intensive plurale Kreativität, die ich als “Kultur” verstehe.

Armutsbekämpfung – eine Option für die Zukunft

“Solidarität” und “Kultur” sind – durch ihre Ableitung aus dem politischen Handeln –  Geschwisterbegriffe. Solidarität und Kultur sind jedoch immer kontingent, es gibt dafür keine metaphysischen Legitimationsrekurse, oder falls solche in der Vergangenheit behauptet wurden, haben sie sich als brüchig, wenn nicht gar als totalitär, jedenfalls als obsolet erwiesen. Aber es gibt den pragmatischen (auch wissenschaftlich-theoretisch abgestützten) Rekurs auf die Grundbedürfnisse, die allen Menschen eigen sind, darunter auf jene, deren Erfüllung Respekt vor der Persönlichkeit, soziale Integration und politische Mitbestimmung bedeutet, deren Nicht-Erfüllung leidvolle Entfremdungsfolgen nach sich zieht, die zum Teil interiorisiert werden, sich etwa in Süchtigkeiten und anderen psychischen Erkrankungen zeigen, die andererseits durch Gewalt und Agressivität exteriorisiert werden. Der Rekurs auf die Grundbedürfnisse ist allgemeinverbindlich.

Die menschlichen, zwischenmenschlichen und sozialen Folgelasten der Nichterfüllung wichtiger psychischer und sozio-politischer Grundbdürfnisse sind enorm. Angesichts der kaum mehr tragbaren Folgelasten der Nichterfüllung infolge von Erwerbslosigkeit, Ausgrenzung, Armut und – je nach dem – demütigender Fürsorgeabhängigkeit, aber auch angesichts der gesamten Komplexität der politischen und gesellschaftlichen Erbschaften, welche die Menschen von heute insgesamt zu lähmen scheinen, welche ängstigen und daher die Gefahr neuer (oder alter) komplexitätsverringernder Massenrezepte entstehen lassen, jedoch auch, im positiven Sinn, angesichts der Pluralität der Weltbilder, der Welt- und Existenzerklärungen, die wir als Errungenschaft verteidigen, könnten die Geschwisterbegriffe “Solidarität” und “Kultur”, verstanden als Ausdruck partizipativen politischen Handelns, als Ausdruck von Freiheit, sich im Rekurs auf die Freiheit vorweg als menschenwürdige gesellschaftliche Realiltät konstituieren, als erneuerungsfähige Demokratie und damit als Option für die Zukunft.

Damit diese Option jedoch eine Chance hat, müssen die Voraussetzungen für politische Partizipation auf weitsichtige Weise geschaffen und verstärkt werden. Diese Voraussetzungen beinhalten Grundbildung und Weiterbildung in allen Bereichen, sprachliche Ausdrucksfähigkeit sowie Berufs- und Erwerbsmöglichkeiten für alle Menschen, welches auch ihre Talente und Kräfte seien, ihre Mittel, Herkünfte und Entwicklungsgeschichten. Partizipatives politisches Handeln setzt voraus, dass buchstäblich jeder Mensch, ohne Ausnahme, über die Freiheit verfügen kann, die seine Menschlichkeit prägt, d..h. dass jedem Menschen im Lauf seiner Entwicklung von der Kindheit zum Erwachsenenleben die Chance geboten wird, die Freiheitsbedürfnisse zu erkennen, deren Umsetzung zu erproben und die damit verbundenen Folgen persönlich zu verantworten. Gefühlsmässige, denkerische und handlungsorientierte Widersprüche, Umwege, Fehlentscheide und Korrekturmöglichkeiten müssen sanktionsfrei als Entwicklungs- und Lernprozesse zugestanden werden. Gerade davon sind jedoch diejenigen, die unter Armutsbedingungen leben müssen, zumeist ausgeschlossen. Die damit verbundenen Folgen sind schwerwiegend; sie bedeuten in psychischer wie in menschenrechtlicher Hinsicht eine qualvolle Erfahrung von persönlicher Wertlosigkeit und gesellschaftlicher Nutzlosigkeit.

Armutsbekämpfung und Armutsbefreiung dürfen daher nicht als realitätsferne „Utopie“ beiseite geschoben werden. Sie sind zugleich eine menschenrechtlich erforderte und eine schöpferische Aufgabe. Deren dringliche, aber sorgfältige Erfüllung entspricht einer in politischer und in gesamtgesellschaftlicher Hinsicht sich spürbar auswirkenden Kulturentwicklung: in der Verminderung von Gewalt und Feindseligkeit, von Not und Angst, ja in der vielfältigen Verbesserung des menschlichen Zusammenlebens.

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