Die Kraft der Linien, die Kraft der Farben – für Julian Bledowski

für Julian Bledowski

Die Kraft der Linien, die Kraft der Farben

 

Julian Bledowski kam am 7. Oktober 1993 zur Welt und wuchs als Sohn bedeutender Künstlereltern auf – Chantal Wicki und Chris Bledowski -, in turbulenten Lebensverhältnissen mit verschiedenen Herkunftsgeschichten und verschiedenen Sprachen, mit Hund und Katze als Geschwistern – Murphy und Léonie – und häufigem Wechsel von Umfeld, Begleitung und bergender Nähe. Der plötzliche Tod des Vaters, als das Kind fünf Jahre zählte, war für dieses unfassbar, ein Schock, den es verdrängen und vergessen wollte. Wie kann ein Kind die Trauer ertragen? Träumen und spielen, Pokemon-Welten erobern, zeichnen, malen und träumen, Geschichten zuhören, auf Bäume klettern und mit anderen Jungen Kräfte erproben bei Fussball und Skateboard, leben mit der Mutter, mit der Grossmutter,  in Frankreich auf dem Land und in Zürich in der Stadt, die Wälder und Berge erkunden, Lugano und Genf, Paris und London, Venedig, den Atlantik in Dieppe, die Zauberwelt der Toscana, all dies in den frühen und späteren Jahren der Kindheit. Ein Kindheitsleben mit Verunsicherungen und mit Momenten des Glücks.

Nach der Primarschule die härteren Jahre der „Oberstufe“, erst im Gymnasium, dann in der Sekundarschule A, ein Zwischenjahr der Einsamkeit , ein Abdriften in die Nachtwelt der Party-Szene, eine Zeit der Verzweiflung, ein erster Klinikaufenthalt und die stärkende Mitarbeit in einem der alten Verlage, schliesslich die Lehrstelle als Landschaftsgärtner und während zwei jahren die Nähe zu Pflanzen, Bäumen und Gärten, zum Lernen der Namen auf Lateinisch und Deutsch, zum Gestalten und Pflegen. Doch die Anziehungskraft der Gegenwelt liess nicht los mit den betörenden, täuschenden Angeboten der Flucht aus der realen Welt, eine verhängnisvolle Flucht durch Sucht, Verlust an Halt. Die Ängste nahmen überhand. Wieder brauchte es Aufenthalte in der Klinik, Zeiten des Rückzugs.

Malen  ermöglichte die Auseinandersetzung mit den brodelnden Vulkanen in der verborgenen, inneren Welt und mit der Suche nach einem sicheren Boden für den leidenden, darbenden Baum, nach einer Verwurzelung von Schönheit und Dauer.

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Farben erwachen und wachsen aus der wortlosen Sprache, untrügbar folgen sie Linien, drängen hinaus, wachsen zusammen, füllen die Ecken, die Ränder, die Leere. Wurzeln suchen den schwebenden Baum, dieser die Wurzeln. Sonnen glühen oder erstarren in jeder Dringlichkeit von Rot und Gold und Azur und Schwarz. Das Auge sieht und weint. Es ist der Planet der Vulkane, der glühenden Lava, ein Schreien gegen verklebte Krusten, gegen wortloses Toben unter kaum verwachsenen Narben, darunter das tief verborgene Leiden.  Schwere Verluste und Ängste sind schwarz, Einsamkeit ist schwarz. „Auch das Verborgene hat ein Gesicht“, schrieb Rose Ausländer in der Zeit ihrer Einsamkeit, als diese sich einbohrte in ihr und vertiefte, sie schrieb es doppelt, zu Beginn des Gedichts und zum Abschluss, als Hilferuf des im Düstern darbenden Ich an das stärkere Du und als Bestätigung von dessen Präsenz. „Auch das Verborgene hat ein Gesicht. Du siehst nur den /  Wagenrand verstrickt in / den Gang der Räder / Dein Blick ist / dem Auge fremd“. Doch aufgeben wollte sie nicht, sie wusste um die Lenkkraft des eigenen Blicks. Sie beharrte auf dem Wechsel des Blicks, auf dem Benutzen anderer Organe für die Aufnahmemöglichkeiten von Nahrung.  Wahrnehmen geschieht auf vielfältige Weise. „Rück ins Gesichtsfeld der Lippe / sie sammelt die Stimmen / Das Verborgene / bewegt sich / im Innern des Atoms / In seiner Flamme / baden die Wasser / sich dicht. Auch das Verborgene hat ein Gesicht.“[1]

In der gleichen Zeit untersuchte die Dichterin die Linien der Hand und hielt fest „Aber wisse: du lebst.“[2] Wissen im Überstehen von Leiden wird Bewusstsein von unaustauschbarem Wert. Was für sie in ihrer Wortsprache Ausdruck finden konnte, wird von Julian Bledowski festgehalten in Linien und Farben. die den leeren Raum gestalten und füllen.

Dies gilt auch für die andere Wahrnehmung, die sich ihm aufdrängt und von der er mehr und mehr weiss. Es ist der Planet der lebenden Bäume, der spärlich belaubten, wunden Bäume, doch auch der Bäume in einer Aura von Farbe und Glanz. Auch dieser Planet ist Lebensplanet in seiner Innenwelt. Er lernte, zu diesem den Zugang zu finden im  „Gesichtsfeld der Lippe“, wo sich die leisen, stärkenden Stimmen sammeln, jene des Atems und jene des Lächelns, jene der sachten Berührung und des Verstehens. Zugang findet er durch die Zustimmung zur Tatsache von dessen Präsenz in ihm, allmählich auch zur geöffneten, offenen Tür in einem Rahmen, der die Tür hält. Auch hier kennt Rose Ausländer den Duktus der Orientierung. „Die Tür / nicht das Ding aus Holz / die Tür / offen zu offnen Türen / zu offnen Wegen / zum Wald / Der Wald / nicht Bäume aus Holz / Bäume aus atmendem Grün / Bruderberührung der Luft / Luft geatmet  in die offne Tür / Die Tür / nicht das Ding aus Holz“[3]. Der Baum ist der Körper, beseelt, bedürftig und fordernd, auf schmaler Fläche ausgesetzt und gewachsen, Randgestalt, die durchhält und sich nicht duckt. Oder weitläufig verwurzelt in silbernem Geflecht, als würde Sternenlicht die Tiefe durchdringen und den verborgenen Halt erhellen. Die Sehnsucht nach Schönem wird spürbar in allen Belangen. Die Farben variieren mit kalligraphischem Schwung oder mit hüpfenden geometrischen Figuren. Das Überleben im Nachtschwarz findet die Helligkeit wieder, vom Hintergrund her auch festliche Zeichen, eine geheime Ritzsprache mit lyrisch rhythmischer Struktur.

Maja Wicki

[1] Rose Ausländer. Die Sichel mäht die Zeit zu Heu. Gedichte 1957 – 1965.  1985 Frankfurt am Main, S. Fischer Verlag. S. 161

[2] Rose Ausländer. Gleicher Gedichtband wie (1). S. 178

[3] Rose Ausländer. Gleicher Gedichtband wie (1). S. 265

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