Eröffnung der Ausstellung von Anne Wunnerlich – Bilder

 

Bilder

Eröffnung der Ausstellung von Anne Wunnerlich am 25. Januar 2013

Landschaften – Menschen

 

Es bedeutet mir eine grosse Ehre, Annes Ausstellung mit ein paar Gedanken eröffnen zu dürfen, eine besondere Ausstellung, für viele von Ihnen eine unerwartete. „Man muss immer darauf gefasst sein, etwas  g a n z  Neues zu lernen“ hatte Ludwig Wittgenstein kurz vor seinem Tod in den „Bemerkungen über die Farbe“ festgehalten. Warum? „Weil die Unsicherheit bis an die Wurzeln hinabreicht.“

Anne war Ihnen bis anhin kaum als Malerin bekannt. Ab heute wird sie es sein. Ihre vielen Begabungen haben sich in den letzten Jahren zunehmend auf die Sprache des Bildes konzentriert, auf das Wahrnehmen über das Auge durch das Sehen, auf das Verstehen über das innere Auge, auf die Übersetzung dieser inneren Bilder in Formen und Farben, kurz: auf den Dialog von ihr mit sich selber, mit ihrem Mann, mit jeder und jedem Einzelnen von Ihnen über das Bild.

Was bedeutet das Bild? Möglicherweise erscheint Ihnen die Frage überflüssig, doch sie steht im Zentrum der künstlerischen wie der philosophischen  Arbeit. Im alten Griechenland wurde unter „Bild“ –  „eidos“ ( εἶδος ) – das „zu Sehende“ verstanden, nicht im materiellen, sondern im immateriellen Sinn. Bei Platon geht es dabei um die „Idee“, bei Aristoteles um die „Substanz“.  Husserl brauchte  das Wort „eidos“, um das „Wesen“ eines Gegenstandes, eines Subjekts wie eines Objekts, zu benennen.

Das Bild bietet tatsächlich eine Wahrnehmung des Verborgenen an. So lässt sich sagen, dass jedes Bild, das Sie sehen, einen Teil von Annes Innenleben wiedergibt, dass jedes Bild über die Form wie über die Farben beim Betrachter, bei der Betrachterin das eigene Innenleben berührt. Das meinte ich, als ich sagte, dass über die Malerei ein innerer Dialog zwischen der Malerin und der Betrachterin / dem Betrachter des Bildes geschaffen wird.

Wie sind die Bilder entstanden? Anne liess die Bilder werden, das Werden brauchte Jahre. Sie liess ihre Intuition das Bild finden, ob es das Gesicht von Menschen sei, das sich ihr eingeprägt hatte – das Gesicht eines Kindes, das Gesicht ihr nahestehender Menschen, ihr eigenes Gesicht – oder ob es  Gesichter der Natur seien, die sie auf ihren Spaziergängen durch die Wälder oder am Ufer des Sees, auf der Reise nach Grönland oder beim Betrachten der Wechselspiele von Morgen und Abend von ihrem Balkon an der Kapfstrasse aus aufnehmen konnte. Sie gab dem Bild Raum und liess es auf unterschiedliche Weise Form annehmen, in der Kreidesprache, manchmal mit Acrylfarben, vor allem aber mit zunehmend akribischer Kenntnis der Wasserfarben, der Aquarelltechnik. Immer besser konnte sie in sich die besonderen  Zwischentöne von Licht, Farben und Materie spüren, von gefühlsmässiger, intuitiver Dringlichkeit und von Sorgfalt im Malen, ob es um die Gestaltung einer leeren Fläche ging oder einer Fotografie. Es  ist bei ihr ähnlich, wie Yehudi Menuhin, der grosse Geiger, einmal festgehalten hat, dass „der höchste Grad der Intuition nur denkbar ist, wenn die Technik des Ausdrucks und des Denkens“ (d.h. der wortlosen Sprache) „eine hohe Stufe selbsttätiger Kontrolle und Freiheit erreichen kann. Dies ist der Punkt“, hat er gesagt, „an welchem die Technik, die man sich mit Vorbedacht angeeignet hat, instinktiv geworden ist.“

Diese „mit Vorbedacht angeeignete Technik“ heisst, mit den Farben zurechtkommen. Es ist ein geheimnisvolles Erproben und Lernen, ein allmählich mehr und mehr vertrautes Umsetzen von Linien und Mischmöglichkeiten, das mit der musikalischen, d.h. der klanglichen und rhythmischen  Methode des persönlichen Empfindens von Harmonie- und Disharmonie nah verwandt ist. Es gibt hierfür keine allgemeine Grammatik, die Regeln lassen sich nicht nach logischen Kriterien begründen. Sie ergeben sich von selber beim Malen, sie drängen sich auf und ermöglichen das Entstehen des Bildes, das für Anne erst genügt, wenn sie sich von ihm lösen kann.

Die malerische Arbeit wird weitergehen, hoffentlich noch lange im Dialog Annes mit sich selber, sachte-sachte. Sie, verehrte Damen und Herren, dürfen über das Betrachten der Bilder, die in diesen Räumen ausgestellt sind, Ihnen selber ermöglichen, daran teilzuhaben und eventuell dieses oder jenes für die Fortsetzung des Dialogs zwischen Anne und Ihnen auszuwählen. Lassen Sie sich durch das Betrachten überraschen, lassen Sie die Bilder auf sich wirken. Ich wünsche Ihnen dabei so viel Vergnügen oder Staunen, wie ich selber beim Betrachten und Nachvollziehen von Annes künstlerischer Arbeit empfinde.

 

Zürich, am 25. / 26. Januar 2013

 

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