Volkshochschule 1984: Das Gespräch mit dem Kind – Situationen

 

Volkshochschule  1984: Das Gespräch mit dem Kind – Situationen

 

Die alten Damen sitzen in der Mitte des Hörsaals, wollen im Bild sein, Frau Ryff munter, noch hübsch mit dem kurzgeschnittenen grauen Haar, unverfroren geschwätzig, eine andere mit dem Pelzhut und der grünen Woll-Mousseline um den Hals stumm und aufmerksam; die jungen Frauen fast immer zu zweit, Freundinnen wohl mit gleichaltrigen Kindern, einzelne Männer, ohne Begleitung, Paare, ein älteres (verhärmt resp. jähzornig wirkend), ein jüngeres (ärmlich-picklig resp. ärmlich-bärtig) nah zusammengerückt, die vorlaute, geltungssüchtige, alles besserwissende Kindergärtnerin zuhinterst, einige Frohnaturen, einige Betroffene, Herr Marci schwer die Bank ausfüllend, schwer atmend in der dritten Reihe, Herr Peyer vom Land (erinnert an Franz) immer links aussen auf halber Höhe des Saals, der ältere Mann, der eigentlich kam, um zu wissen, was zu tun, wenn ein Kind “verstockt” ist, kommt leider nicht mehr, die junge Frau mit dem Dreijährigen (ihr Zweites), der noch nicht spricht, nur “so Tierlaute” von sich gibt, fehlt kein einziges Mal, ebenso wenig die selbst wie ein verschüchtertes Kind zusammengekauerte junge Frau mit dem “weissen” Kind, sie selbst hellblond und in weissem Pullover, die Klee-Reproduktion (Das Kind als Einsiedler) krampfhaft in beiden Händen und “Sie sagen also, dass Weiss die Farbe der Intelligenz sei?” und geht eilig weg, ohne meine Antwort abzuwarten (vorher jedoch erfahre ich von der siebenjährigen Tochter, die alles nur weiss haben will und nun in psychiatrischer Behandlung ist), sodass ich zu Beginn der nächstwöchigen Stunde auf die Farbsymbolik zurückkommen muss, ohne mich auf sie zu beziehen (die verängstigte junge Frau, die wiedergekommen ist) und erkläre, dass nur im Bild das weisse, lichtüberflutete Dach über dem Kind das erleuchtete Bewusstsein darstellt, beim Kind die Wahl von Weiss aber Scheu, Angst vor der sinnlichen Berührung, Rückzug bedeute, so als Mitteilung an alle wohl eher annehmbar, als wenn sie, allein auf sie gemünzt, als Urteil über sie und ihr Kind erschiene. Dann die Ausführungen über die Wut des Kindes (“Trotz”, der das Kind abwertet, als phasenabhängig und lästig und der ernsthaften Befassung un­ wert, mag ich nicht) bei den zahlreichen Grenz­Erfahrungen seines Grösserwerdens, beim schmerzlichen und ganz undurchsichtigen Durchstehenmüssen der Differenz zwischen Wollen und Können, zwischen Selbständigkeit und Abhängigkeit, zwischen eigenem und fremdem Willen, da sind nun alle Hörer betroffen. Angst die Grundstimmung, Ausweglosigkeit das auslösende Moment für die Krise: wie diese auch sei, Schlagen ist immer tabu. Und Herr Marci meldet sich mit schwerem Arm zum Wort. “So glauben Sie wirklich, dass man wiedergutmachen kann?” “Nicht ungeschehen machen kann man”, sage ich,  “aber täglich sind neue Momente des Bessermachens, ist doch das Grösserwerden des Kindes ein Prozess, in den auch Sie einbezogen sind”. Und dann die vielen ”Wie  sind denn die immer wiederkehren­ den Krisen bei meinem Kind aufzulösen?” beim Anziehen, beim Einkaufen, beim Schlafengehen, beim Essen, beim Baden, beim Schlafengehen, beim Anziehen?

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