Die maligne Beziehung

Die maligne Beziehung

PSZ WS 1998/99 – 1. Abend: 3. November 1998

 

Meine Motivation, den Kurs anzubieten und durchzuführen, liegt im Bedürfnis, die zum Teil schweren Persönlichkeitsstörungen einiger meiner Patientinnen, deren Pathogenese durch sequentielle maligne Beziehungen gekennzeichnet ist, besser zu verstehen.

 

Unter maligner Beziehung verstehe ich

  • negative, destruktive Primär- und Sekundärbeziehung (frustrierende, ablehnende, „absente“ oder „verschlingende“ Mutter, absenter oder bedrohlicher Vater, sodass weder klare – nur gute oder nur schlechte – Objektbeziehungen und –repräsentanzen zustande kommen noch eine eine eindeutige Unterscheidung der libidinösen und der aggressiven Triebe; infolge der frühen kognitiven und affektiven Speicherung dieser unklaren, unsicheren Primärbeziehungen ergibt sich auch eine – kognitiv und affektiv – unklare, schlecht von den Primärobjekten abgegrenzte Selbstbeziehung, sodass die gesamte innerpsychische Organisation (Ich, Es, Über-Ich) gestört ist[1]. Ich nehme an, dass diese frühe psychische Störung schon für das kleine Kind ein schweres Leiden bedeutet.
  • Zwanghafte Wiederholung der triebhaft unklaren, sowohl libidinösen wie aggressiven Impulse und Beziehungsmuster sowie der diese begleitenden intensiven Affekte in allen weiteren Entwicklungsphasen. Die Destruktivität resp. Malignität dieser Beziehungen kennzeichnet sich durch – häufig sich gleichzeitig äussernde, widersprüchliche – intensive Verschmelzungs-, Bemächtigungs- und/oder Tötungswünsche[2]. Die destruktiven Objektbeziehungen und -repräsentanzen, die diffuse, hinsichtlich der Wertung sehr schwankende Selbstrepräsentanz, die intensiven Triebimpulse, Affekte und Phantasien
  • äussern sich auch und werden spürbar in der therapeutischen Beziehung in Übertragungen und/oder in den Widerständen sowie in der Gegenübertragung, auf vielfache Weise. Eine ständige Arbeit an der Gegenübertragung ist erfordert, damit keine Wiederholung der Malignität in der therapeutischen Beziehung erfolgt.

 

Frau D.

Ein Fallbeispiel (ein wenig ausführlicher geschildert als am 3.11.98 im PSZ)

„Arme Teufel, ewige Hungerleider – hungernd nach dem Mittagessen, hungernd nach Berühmtheit oder hungernd nach den Desserts des Lebens. (…) Einige sind grosse Sadisten, andere grosse Päderasten, wieder andere bekennen mit trauerumflorter lauter Stimme, dass sie brutal mit Frauen umgehen. Mit Peitschenhieben haben sie sie auf den Wegen des Lebens vorwärtsgetrieben. Am Ende stellt sich dann heraus, dass sie ihren Kaffee schuldig bleiben. (…) Ich kenne keine bessere Heilkur für diese Flut von Schatten als die unmittelbare Kenntnis des menschlichen Alltagslebens…“[3].

Anfang Jahr rief mich eine Beamtin der Vormundschaftsbehörde an, erzählte von einem siebenjährigen Knaben, der im Hort durch ängstliches und zwanghaftes Verhalten aufgefallen war, den sie jedoch nicht, wie die Hortnerin empfahl, von der alleinerziehenden Mutter zu trennen gedachte, sondern dem sie indirekt helfen wollte, indem sie die Mutter zu einer Therapie bewegen wollte. Sie bat mich, die Therapie zu übernehmen, wobei sie mir nicht verschwieg, dass diese überaus schwierig sein könnte, da sie die Erfahrung gemacht habe, dass die junge Frau „jede Belehrung als unzumutbare Einmischung“ aufs heftigste ablehne. Ich sagte zu, ohne entscheidende Bedenken, denn die Therapie sollte ja nicht zur „Belehrung“ ausarten. Ich wünschte allerdings, dass sich die Patientin selber anmelde. (Damals wusste ich nicht, dass die Beamtin von den Polizeiakten Kenntnis hatte, deren Hintergründe ich im Lauf der Therapie erst erfahren sollte).

Es vergingen einige Wochen, bis Frau D. bereit war, sich bei mir anzumelden. Ihre Stimme wirkte unmoduliert, aber kräftig; ihr Name und ihre Telephonnummer waren jedoch auf dem Band kaum verständlich, sodass ich die Mitteilung mehrmals abspielen musste. Offenbar zeigte sich hierin schon der Widerstand, „verstanden“ zu werden, den ich im Lauf der Therapie immer wieder deutlich spürte. Als sie zur ersten Sitzung erschien, stimmte ihre äussere Erscheinung mit dem akkustischen Eindruck überein: sie erinnerte an einen kleingewachsenen stämmigen Knecht, mit einem freundlichen Ausdruck im grob geschnittenen Gesicht, das keine Emotion zu verbergen vermochte. Je nachdem wirkte es unkontrolliert übermütig oder erregt, oder misstrauisch-feindselig verschlossen und ängstlich, oder verschlossen und stumpf, mit der Zeit auch manchmal einfach nachdenklich. Sie sprach genügend deutsch, um das Gespräch ohne Übersetzungshilfe zu führen, verfügte aber über einen kleinen Wortschatz, auch infolge ihrer minimalen Schulbildung.

Frau M. war 35 Jahre alt, stammte aus Zentralbosnien, war arbeitslos und hatte einen Flüchtlingsstatus F (sog.Vorläufige pauschale Aufnahme). Der Ausreisetermin stand schon beim Beginn der Therapie fest, der 31. Juli dieses Jahres. Diese Frist ängstigte sie, das war von der ersten Stunde an deutlich spürbar. Auch für mich zeigte sich der mehrfache Zeitdruck als Belastung: einerseits bestand von Seiten der Vormundschaft eine auf 15 Stunden begrenzte Kostengutsprache (die dann allerdings durch die zeitlich nicht begrenzte Kostengutsprache einer anderen Institution abgelöst wurde), andererseits gab es den Termin der behördlich festgesetzten Ausreise. Um die Therapie von diesem Druck zu entlasten, bat ich einen mir bekannten Anwalt, die nötigen Schritte zu unternehmen, um eine Verlängerung der Ausreisefrist oder gar einen anderen Status für die Patientin und deren Sohn zu erwirken, nachdem ich dies mit Frau D. besprochen hatte. In einer der ersten Stunden hatte sie mit grösster Vehemenz ausgerufen, nie, auf gar keinen Fall könne sie nach Bosnien zurückkehren.

Dadurch, dass die Sorge sowie die „Organisation“ einer möglichen Aufenthaltsverlängerung in die Hände des Anwalt gelegt wurden, konnte zweierlei erreicht werden: einerseits liess sich ein Teil der situativ bedingten Ängste ein wenig vermindern, was auch in der Übertragung spürbar wurde. (Erst später verstand ich allerdings, dass im Unbewussten die drohende Ausweisung für sie eine Wiederholung der Ablehnung und Aussetzung durch ihre Mutter bedeuten musste, und die Panik, mit der sie auf die Ankündigung reagierte, spiegelte auch die Panik des alleingelassenen Kindes). Andererseits gab es durch den Beizug des Anwalts eine Möglichkeit der Konstitution einer –ev.guten – „Elternrepräsentanz“. Ich fragte mich, was dies affektiv bei ihr auslösen würde/könnte, und wie das auf die Aussenwelt ausgedehnte „setting“, d.h. die Tatsache, dass sie sich nicht nur „innerlich“ (in der Therapie), sondern auch „äusserlich“ (durch den Anwalt), gegen die von Behörden, Fremdenpolizei ausgehene Bedrohung, unterstützt fühlte, sich therapeutisch auswirken würde, vor allem bei einem negativen Resultat, d.h. bei einem Nichtgelingen der asylrechtlichen Bestrebungen.

Deutlich empfand ich von der ersten Stunde an bei Frau D. eine wechselnd starke, jedoch ständige Gewaltimmanenz, etwas nicht nur gegen aussen, sondern auch für sie selbst Bedrohliches, anfänglich vor allem durch die Gegenübertragung. Ich nahm in mir eine befremdliche, stark ermüdende Vorsicht wahr, zumal sie in den ersten Stunden ein chaotisches „cinéma phantastique“ zum Besten gab, in welchem Fiktionales und tatsächlich Erlebtes und Empfundenes schwer auseinanderzuhalten waren, sowohl was die Schilderung der Aktualität wie des „vorher“ betraf. Ich spürte, dass dies mich ungehalten machte, bis ich im Lauf der Nachbearbeitung verstand, dass sich gerade hierin eine Form ihres Widerstandes gegen die – auferzwungene – Therapie manifestierte. Der Widerstand war umso heftiger, als sie den Verdacht hegte, ich sei eine „Agentin“ und „Zuträgerin“ der Behörden, die ihr nicht zutrauen würden, für ihren Sohn zu sorgen, den sie doch, wie sie beteuerte, mehr als ihr Leben liebte. Es gelang ihr, diesen Verdacht auszusprechen, nachdem ich sie danach gefragt hatte, so dass ich ich ihn mit aller Klarheit ausräumen konnte. Ich versicherte ihr, dass alles, was sie in der Therapie mitteile, durch meine Schweigepflicht geschützt sei, ausser sie selber entbinde mich davon, zum Beispiel falls ein Gutachten zu Handen der Asylbehörden nötig sei. (Dies war tatsächlich so, und ich gab dieses erst – mit ihrem Einverständnis – aus der Hand, nachdem sie es Linie für Linie mit mir durchgegangen und besprochen hatte).

Durch die allmähliche Veränderung des Widerstandes gegen die von Aussen „aufgezwunge“ Therapie konnte diese überhaupt erst einsetzen. (Vertrauen ist ein rätselhaftes Phaenomen, ein allmählich sich einstellendes Resultat aus der Verlässlichkeit aller Komponenten der Therapie. Allein das Vertrauen erlaubt jene „unmittelbare Kenntnis“, von der Pessoa spricht und in welcher die „Heilkur“ möglich wird).

Meine Arbeit an der Gegenübertragung, d.h. am Widerstand, der sich in mir gegen sie und ihr „Theater“ zu bilden begonnen hatte, war erfolgreich. Etwa nach eineinhalb Monaten zeigte sich bei ihr eine Bereitschaft, mich nicht mehr nur unterhalten und beeindrucken zu wollen, sondern ihre Geschichte aufzuarbeiten und in diese zurückzugehen. Sie kam eines Tages spürbar anders als gewohnt in die Stunde, angestrengt-angespannt, und teilte mir mit, sie wolle mir „alles“ sagen, sie habe „nicht mehr viel Zeit“. Ich war alarmiert, fragte mich, wie sich der Zeitdruck, unter dem sie spürbar stand, mindern liesse. Mit ihrem Entschluss, „alles“ zu sagen, setzte ein schutzloser Regress ein, der mir gefährlich erschien. Indem sie ihren Widerstand aufgab, übertrug sie auf mich ein Ausmass an Ohmacht, an Verschmelzungsbedürfnis und zugleich an Gewalt, Wut und Hass, d.h. ein Ausmass an extrem widersprüchlichen Affekten, gegen welches ich eine eigene Abwehr aufbauen musste, um indirekt, ohne die Empathie zu verlieren, mit Hilfe der Gegenübertragung, wiederum die Patientin vor sich selbst zu schützen.

Als unverzichtbar erwies sich ein streng eingehaltenes, klares Setting: wir sassen einander gegenüber, mit einem gleichbleibenden Abstand der Sessel voneinander. Als Frau D. sich einmal auf meinen Sessel setzte, blieb ich freundlich, aber bestimmt stehen. Dies war für sie unmissverständlich. Sie setzte sich auf ihren Sessel, sagte, sie hätte die Sessel verwechselt, aber, ja, sie sehe, dass ich das nicht gut fände. Es schien mir nötig, ihrer Diffusion von Selbst- und Objektbeziehung und -repräsentanz auf symbolische Weise mit einer klaren Abgrenzung zu begegnen. Den Rest der Stunde zeigte sie sich niedergeschlagen und verschlossen, störrisch verstimmt, um sich dann plötzlich bei der Schilderung einer alltäglichen Episode in grosse Wut hineinzusteigern: Sie hatte ihrem Sohn, nachdem sie ihn vom Hort abgeholt hatte, im Bus ein Sandwich und eine Cola aus ihrer Tasche gereicht, worauf sie von einer Schweizerin zurechtgewiesen worden sei, Essen im Bus sei in der Schweiz nicht erlaubt. Auf meine Frage, wie sie darauf reagiert habe, sagte sie, sie habe gehorcht und dem enttäuschten Kind Essen und Trinken wieder weggenommen, aber sie hätte die Frau umbringen wollen. Ich deutete ihre Wut nicht nur als Reaktion auf die Zurechtweisung durch die „böse Schweizerin“  im Bus, sondern auch auf die Tatsache, dass diese sie gezwungen hatte, ihrem Kind eine Frustration zuzufügen, sodann als Reaktion auf die „Versagung“, die ich ihr zu Beginn der Stunde auferlegt hatte.

Eine knappe Zusammenfassung der Geschichte der Patientin, wie sie sich allmählich aus deren Schilderungen zusammenfügte:

Sie war unmittelbar nach der Geburt von der Mutter ausgesetzt worden, so wie die fünf anderen Kinder der gleichen Mutter. Zwei Brüder – resp. ein Bruder und ein Halbbruder – befanden sich zeitweise im gleichen Waisenhaus. Sie trägt jedoch, wie ihre Brüder, den mütterlichen Familiennamen, da die Eltern nicht verheiratet waren. Allein schon der Name ist für sie eine unablösbare Bindung an die „böse“ Mutter.

An die frühe Kindheit hat sie kaum Erinnerungen. Ihre Mutter hat sie nie gesehen, nie zu sehen gewünscht. Sie wusste von ihrem Bruder, dass die Mutter seit dreissig Jahren in einer psychiatrischen Anstalt in einer grossen Stadt Mittelbosniens interniert ist. An den Vater hat sie „gute“ Erinnerungen, er habe sie  zwei-dreimal im Waisenhaus besucht und ihr Bonbons gebracht. Er lebe nun mit einer anderen Frau zusammen, von welcher er wiederum drei Kinder habe. Diese Frau empfinde ihr gegenüber nur Hassgefühle. Sie habe sogar die Bosheit zu behaupten, Vater und Tochter hätten miteinaner sexuelle Beziehungen gehabt. Dies sei gelogen.  Er sei ein guter Vater, er habe sie dreimal besucht. Sie selber sei ein „schwieriges Kind“ gewesen, habe das Bett eingenässt, schlecht gelernt, sei in eine Sonderschule versetzt und viel bestraft und geschlagen worden.

Bis sie 16 Jahre alt war und eine Schneiderinnenausbildung begann, wuchs sie in drei Waisenhäusern auf, von denen sie mir die Adressen niederschrieb. Vom 12. Altersjahr an wurde sie durch einen Mitzögling aufs schwerste maltraitiert, beinah täglich. Er hiess Z. B. Da er ein Glasauge hatte, sei er „Sugo“ genannt worden. Er sei etwa gleich alt wie sie, jedoch bedeutend grösser und kräftiger gewesen. Er habe sie in einen Raum eingeschlossen, habe sie beschimpft, verhöhnt und mit dem Kabel eines Bügeleisens, mit dem Gürtel, mit Schuhen, mit einem Tisch und mit anderen Gegenständen auf den Kopf, auf Arme, Beine, Gesäss und Rücken geschlagen und habe ihr mit dem Tod gedroht, falls sie das Geringste verlauten lasse. Beulen auf dem Kopf, Schrammen und andere sichtbare Verletzungen, zum Beispiel im Gesicht, habe sie in der Schule mit wilden Spielen und Unfällen erklärt.

Als sie dreizehn Jahre alt war, gelang es ihr einmal, aus dem Raum, in den er sie eingeschlossen hatte, durchs Fenster auszubrechen. Voller Angst rettete sie sich auf das Dach der ans Haus angebauten Garage und sprang vom Dach herunter, um dem Täter zu entkommen. Dabei brach sie sich den linken Arm und das linke Bein und musste über einen Monat im Krankenhaus verbringen.

Vom vierzehnten Altersjahr an vergewaltigte der gleiche Täter sie mehrmals wöchentlich. Das erstemal, als er sie sexuell missbrauchte, verletzte er sie derart,  dass sie wiederum ins Krankhaus eingeliefert werden musste, doch war sie durch den Täter so eingeschüchtert, dass sie nicht wagte, ihn zu denunzieren. Die Misshandlungen setzten sich bis zum 16. Altersjahr fort. Damals endlich wagte sie, den zwei Leitern des Waisenhauses, deren Namen sie erinnert und mir mitteilte, die Schläge, Vergewaltigungen und Einschüchterungen mitzuteilen. Als “Sanktion” wurde der Täter in ein anderes Waisenhaus in der gleichen Stadt versetzt, sonst kam er ungeschoren davon. Er sei immer wieder zurückgekehrt, da das Heim, in welchem sie damals wohnte, offen und zugänglich war, er habe ihr aufgelauert und sie von neuem missbraucht.

Bei der Schilderung der erlittenen Misshandlungen in der Adoleszenz hatte Frau D. immer wieder krampfartige, haltlose Weinanfälle. Mehrmals stand sie auf und machte mir die Stellungen vor, zu denen der Täter sie sie bei den Schlägen und Misshandlungen gezwungen hatte. Damals hätten die starken Kopfschmerzen eingesetzt, die seither immer wiederkehren, eine quälende Spannung im Kopf, dazu immer die Bilder der Szenen von damals. Sie könne mit diesen Bildern im Kopf nicht einschlafen, bis heute stellten sie sich immer wieder ein, sie wache auch in der Nacht immer wieder schweissgebadet auf, weil sich in den Träumen die Quälereien wiederholen. Auch tagsüber hat sie alptraumartige Flash-backs, es genügt, dass sie jemanden sieht, der dem Täter von damals gleicht. Zu den Kopfschmerzen kommen Rückenschmerzen, vor allem, wenn sie einige Stunden stehen muss, auch Konzentrationsprobleme sowie immer wieder kaum aushaltbare Spannungszustände, sexuelle Erregungszustände, Angstzustände und eine kaum kontrollierbare Reizbarkeit. Wenn sie diese Spannungszustände im Kopf spüre, habe sie das Gefühl zu explodieren. Da könne es vorkommen, sagte sie, dass sie die Kontrolle verliere. Diese Störungen träten mit neuer Häufigkeit und Heftigkeit auf, seit sie die fremdenpolizeiliche Wegweisung erhalten habe. Früher habe sie episodisch darunter gelitten.

1981, mit siebzehn Jahren, gebar sie ein erstes Kind, eine Tochter. Sie weilte zu Beusch bei ihrem ältesten, damals schon verheirateten Bruders, und war allein im Haus, als die Wehen einsetzten. Es ging schnell und sie mussste ohne Hilfe niederkommen. Das Kind sei kopfvoran auf den Boden gefallen. Da sie nicht gewusst habe, wie sie für das Kind hätte sorgen können, habe sie es zur Betreuung dem Kinderheim anvertraut. Das kleine Mädchen sei am 5. August 1984 an einem Hirntumor gestorben. Der Vater des Kindes sei ein älterer Bosnier gewesen, von dem sie gehofft habe, sie würde Halt und Hilfe bei ihm finden. Er war jedoch verheiratet  und wollte von ihr nichts mehr wissen, als sie schwanger wurde, er habe schon genug Kinder. (Die Inzestphantasie wurde nicht besprochen). Während sie die Schneiderinnenschule machte, die vier Jahre dauerte, wurde sie nochmals schwanger. Das Kind kam gesund zur Welt, und sie gab es zur Adoption frei. „Nie hätte ich das Kind einfach ausgesetzt wie meine Mutter. Ich wollte es besser machen, für das Kind besser. Ein Kind soll ein Zuhause haben“, sagte sie wuterfüllt-rechtfertigend und zugleich traurig.

1986 kam sie erstmals in die Schweiz als Saisonnière. Vorher schon hatte sie sich illegal in Deutschland aufgehalten, wo sie in einer Banananfabrik arbeitete. Sie fand in der Schweiz verschiedenen Stellen im Gastgewerbe, zuerst im Kt. Graubünden, dann in Zürich, und sie hatte viele zufällige, wechselnde Männerbeziehungen. Anfang 1991 gebar sie in Rjeka (Kroatien) einen Sohn, den sie nicht zur Adoption freigab, sondern „behielt“ und der mit ihr lebt. Den Namen des Vaters erinnert sie nicht, der Mann sei „unseriös“ gewesen und ein Säufer. Da 1991 in Kroatien und 1992 in Bosnien der Krieg ausbrach, konnte sie mit dem Kind nicht in ihrer Heimat leben, und sie stellte am 30. 4. 1992 in Kreuzlingen ein Asylgesuch, das abgelehnt wurde. Sie und das Kind erhielten jedoch im Rahmen der sog. “Aktion Bosnien-Herzegowina” eine vorläufige Aufnahme.

1997 wurde sie in der Asylunterkunft in Zürich, in der sie damals lebte, von einem  albanischen Mitbewohner im Treppenhaus mit einer Stange zusammengeschlagen und beraubt. Sie bestand darauf, mir das Arztzeugnis zu zeigen. War der Angriff für sie eine Wiederholung der von Zwangsstrukturen, Gewalt und Promiskuität geprägten Lebensbedingungen während der Jugendzeit in Bosnien? Fühlte sie sich nun, wo sie in einer „eigenen“ Wohnung lebte, allein mit ihrem Sohn, sicherer und weniger bedroht? Ja, sagte sie, schon sicherer, aber trotzdem bestehe weiterhin das Gefühl, die Gewalt könne jeden Augenblick über sie und in ihr Leben einbrechen. Von Innen und von Aussen. Sie wisse nicht, „was für ein Teufel“ in ihr sitze. Aber gegen Aussen wehre sie sich gegen jede Bedrohung, wenn nötig mit ihren Fäusten, sie sei stärker als ein Mann. Immer wiederholt sie, weder dem Kind noch ihr dürfe mehr ein Haar gekrümmt werden.

Das Verhältnis zu ihrem Sohn Marcel schildert sie als die wichtigste Beziehung überhaupt. Sie wolle, dass es ihm gut gehe. Immer wieder betont sie, dass sie ihm eine gute Mutter sei, dass er eine schönere Kindheit haben solle, als ihr beschert war, dass sie ihm nichts vorenthalte, was er brauche, und dass sie sich für ihn wehre, wenn er von anderen Kindern geplagt oder angegriffen werde. Besonders wichtig sei es für sie, dass sie ihn zur Sauberkeit und Pünktlichkeit, zur Ehrlichkeit und Offenheit erziehe. Sie erachtet es als eine grosse Erleichterung, dass Marcel in der Schule und im Hort mit anderen Kindern spiele, er komme gut mit diesen aus, aber er werde auch häufig geplagt, sie nähmen ihm die Spielsachen, die sie ihm gekauft habe, weg.  Trotzdem fühle er sich wohl in der Schule und im Hort, zumal er dank ihr gut deutsch spreche.

In die Stunde kam sie immer auf die Minute genau. Häufig betonte sie, dass sie grösste Aufmerksamkeit auf Pünktlichkeit, Reinlichkeit und Sauberkeit lege. Sich selber, das Kind, die Wohnung, alles unterziehe sie täglich einer sorgfältigen Reinigung. (Eine angestrengte, zwanghafte Abwehr des ängstigenden inneren Chaos? – doch dies liess sich nicht aufarbeiten). Niemand solle ihr vorhalten können, sie sei unpünktlich oder liederlich, oder gar sie vernachlässige ihr Kind oder sie erziehe es nicht richtig. Sie tue alles für ihn. Manchmal sei es vielleicht nicht leicht für ihn, wenn sie ihre Spannungen habe oder Kopfschmerzen und Wut. Aber sie sei eine gute Mutter. Einmal kam sie auf einen „Blick“-Titel zu sprechen, wiederum sehr erregt, und sagte, sie sei nicht so wie die anderen Ausländerinnen, etwa die Albanerinnen. Von diesen gebe es tatächlich zu viele in Zürich, überhaupt in der Schweiz, viel zu viele Albaner, das tue ihr leid für die Schweiz, die müssten alle hinausgeworfen werden, sie wüsste schon wie, das sei ihre Meinung.

Zur Zeit der Schwangerschaft und der Niederkunft mit  ihrem – nun siebjährigen – Sohn war sie während längerer Zeit mit einer älteren Dame aus Zürich intim liiert, Frau F., die 1994 verstorben ist. Von ihr habe sie auch eine – finanziell grosszügige – Unterstützung erhalten, damit sie das Kind nicht weggebe. Diese tatsächlich über Jahre erfahrenen Freundschaft und Hilfe erinnert sie mit grosser Dankbarkeit, bringt auch eine Postkarte mit, die ihr Frau F. geschrieben hatte sowie ein Photo der Verstorbenen. Sie sagte, Frau F. und sie hätten einander wirklich geliebt. Doch mehrmals in der Schilderung wurde deutlich, dass in dieser Beziehung, die durch eine je verschiedene, aber gegenseitige Abhängigkeit geprägt war, sie den aktiven, auch aggressiven Beziehungsanteil ausgeübt hatte. Gleichzeitig hatte sie aber auch flüchtige Männerbekanntschaften. Nicht nur die Geburt des Sohnes fand in dieser Zeitspanne statt; im Frühling 1995 gebar sie in einem Zürcher Spital nochmals eine Tochter, die sie wiederum zur Adoption weggab, da sie keine Möglichkeit gesehen habe, auch noch für ein zweites Kind zu sorgen. Mehrmals betonte sie, dass sie, indem sie auch dieses Kind zur Adoption „freigab“, ihm ein Heimschicksal ersparen wollte, wie sie es durchmachen musste. „Ich gab es einer Familie, die keine Kinder haben kann, freiwillig, damit es dort geliebt wird. Es kam nicht in Frage, dass ich dafür Geld annahm, keinen einzigen Franken.“

Frau F. wiederum hatte eine Lebenspartnerin, Frau B., deren Eifersucht meiner Patientin gegenüber dieser zum Verhängngis werden sollte. Frau D. schilderte die alte Frau B. mit Ekel als ungepflegt, übergewichtig, unordentlich, übelriechend, herrschsüchtig, als eine „Teufelin“, dies mehrmals mit Nachdruck. Frau B. habe auch die liebe Frau F. gequält. Trotz ihres Ekels habe sie die Beziehung mit ihr aufrechterhalten, allerdings keine intime Beziehung, wie Frau B. es von ihr gewollt habe, aber sie habe bei ihr geputzt, Wäsche gewaschen (sie hielt sich, als sie dies erzählte, die Nase zu) und für sie eingekauft, für sie alles geschleppt und ihre Launen ertragen, da sie dies der verstorbenen Freundin auf dem Totenbett versprochen habe.

Nach dem Tod der Freundin hatte Frau B. einen alten Mann in Untermiete bei sich wohnen, an dem sie, wie Frau D. sagte, „ihre Launen auslebte“. Eines Tages, im Frühling 1997, als dieser die alte Frau B. in Wut versetzt habe, weil er sich und das Bett beschmutzt hatte, habe Frau B. meine Patientin angehalten, ihn an ihrer Stelle zu züchtigen. Frau D., ermächtigt durch die ihr „statusmässig“ überlegene alte Frau B., zögerte nicht, den hilflosen alten Mann mit einer ledernen Hundeleine zuerst fünfzig-, dann hundertmal zu schlagen – in Wiederholung dessen, was sie selber erlebt hatte. Er musste sich für drei Wochen in Spitalpflege begeben, und meine Patientin hatte ein Verfahren vor Bezirksanwaltschaft. Die Anstifterin zur Tat verstand es, allein die junge Frau der Misshandlung zu bezichtigen und sich aus jeder Mitschuld herauszureden. Das Opfer war zur Täterin geworden. Die in der Vermischung von Leiden und sexueller Lust erlebte Gewalt wirkte unaufgearbeitet in ihr weiter und war, quasi abrufbereit, aus ihr hervorgebrochen.

Ich muss gestehen, dass ich von der Heftigkeit ihrer Schilderung, mehr denn als von der tatsächlich ausgeübten Gewalt, erschreckt war. Die Schilderung hatte etwas Unheimliches, resp. ich empfand es so in der Gegenübertragung. Ungebremstes hilfloses Schluchzen und ebenso ungebremster Eifer im Erzählen, spürbare Erregung und Lust lösten sich ohne Übergang ab, auf gänzlich unbeschönigte und unbeschönigende Weise. (Mein Erschrecken war etwas anderes als Angst, stellte ich fest, als ich über Gegenübertragung nachdachte. Es hing wirklich mit dem Gefühl des Unheimlichen zusammen. Julia Kristeva, die das Phaenomen der Fremdheit immer wieder untersucht hat, hält fest,[4] dass „die Angst auf ein Objekt weist, während das Unheimliche eine Destrukturierung des Ich ist“, weil allein dieses „Unheimliche“, das im Freud’schen Sinn[5] „Heimliche“ umstülpt, umkehrt, ja aufhebt, Erschrecken auslöst. In der therapeutischen Situation zeigte sich hierin die positive Umkehrung des radikal Destruktiven, das eigentlich hätte „heimlich“, im Geheimen und  verborgen bleiben sollen).

Ich hatte das Bedürfnis nach einer Supervision. Als ich von meinem Erschrecken sprach, wurde mir angeraten, mich vor dem offensichtlich unkontrollierbaren aggressiven Triebbedürfnis der Patientin durch irgend eine Massnahme zu schützen, da das Ausmass der Aggressivität mich in der Isolation der Praxis gefährden könnte. Dieser Rat verunsicherte mich. Als ich darüber nachdachte, erschien mir jedoch jede künstliche Schutzmassnahme als inadäquat, letztlich auch als überflüssig. Zwar hatte ich mich erschreckt gefühlt durch das Unheimliche, das eventuell mit der unverhüllt zur Schau gestellten Vermischung  von sexueller Lust und Tötungswunsch zusammenhing. Zugleich aber fühlte ich mich meiner selbst in der therapeutischen Beziehung, die sich hergestellt hatte, sicher, da diese Beziehung sich von allen anderen Beziehungen, welche die Patientin erlebt hatte, prinzipiell unterschied. Sie war nicht maligne.

Hierin täuschte ich mich nicht. Zwar hatte die Patientin, vor allem in den Anfängen der Therapie, mich zu provozieren versucht, mit der Schilderung ihrer heftigen sexuellen Erregungen und Orgasmen, mit unverhüllt ausgesprochenen Wünschen, sie hatte mich mit ihrem „cinéma phantastique“ verführen wollen und rächte sich immer wieder mit Wutanfällen für die Frustrationen. Sie stellte meine Geduld sehr auf die Probe. Zugleich aber schien mir, dass sie das Vertrauen, das  sie in mich legte, und das sie selber einmal mit einem „Diamanten“ verglich, auf keinen Fall hätte gefährden wollen. Sie spürte eher als dass sie dies wusste, dass ich ihren Triebwünschen, ihren Projektionen, Phantasien und Ängsten nicht erlag, und genau dies stärkte allmählich ihre eigene, anfänglich so prekäre Ichsicherheit. Sie hielt die Regeln des Setting fast immer ein. Sie liess nicht eine Stunde ausfallen und war immer minutiös pünkltich. Allerdings muss ich gestehen, dass selbst dieses „absolute“ Vertrauen mir manchmal „unheimlich“ vorkam, da es auch von mir unablässig eine genaue Kontrolle meiner Gegenübertragung verlangte.

Die Therapie musste nach 30 Stunden unabgeschlossen beendet werden, da der strafrechtliche Makel asylrechtlich ausschlaggebend war. Zwar war sie nur bedingt zu drei Monaten Gefängnis und zu einer Schadenzahlung an den nun infirmen alten Mann von 3000.- Franken verurteilt worden, die sie Monat für Monat mit 100 Franken abstotterte. Doch der Makel war für die Behörden entscheidend, trotz Gutachtens, trotz Wiedererwägungsgesuche und Rekurse, auch trotz der Interessen des Kindes.

Das letzte therapeutische Ziel bestand darin, die Wut und Enttäuschung der Patientin über den zweifachen negativen Entscheid von der Anstifterin zur Misshandlung abzulenken, der sie anfänglich „heimzahlen“ wollte, die sie „umzubringen“ schwor, da diese ihr und ihrem kleinen Sohn „das Leben zerstört“ habe. Eindrücklich war der Moment, als die Patientin erkannte, dass sie der Anstiftung auch hätte widerstehen können, respektive dass sie die Tat selber begangen hatte, unter dem Diktat des Unbewussten, welches die Umkehrung der Opferrolle als Befreiung von den jahrelang erlittenen Demütigungen suggerierte, eine Möglichkeit der plötzlichen Machtausübung und -erfahrung, die ihr zu grossem Lustgewinn verholfen hatte, obwohl sie im nachhinein bedauerte, dies jemandem angetan zu haben, der ihr gegenüber „unschuldig“ war. (Vom philosophischen Standpunkt her ist jede Gewalt, die ausgeübt wird, Missbrauch von Macht, nicht nur von Machtbedürfnis, sondern von Macht-, resp. von Handlungsmöglichkeit[6]).

 

Diagnose und Diskussion:

Eine sado-masochistische Persönlichkeitsstörung, mit starken histrionischen und einigen zwangsneurotischen Merkmalen[7], an deren Anfang ein Initialtrauma – der Verlust der Mutter – stand, sodann eine völlig defiziente, frustrierende, aber „gut“ besetzte Vaterbeziehung, emotionale Deprivationen und Frustrationen während der ganzen Kindheit, aufgeschobene ödipale Bedürfnisse, sequentielle Traumatisierung in der Adoleszenz und in der Folge ausschliesslich maligne Beziehungen, sowohl hetero- wie homosexuelle, ein schwaches, diffuses Selbst, das unter bestimmten Konstellationen von Omnipotenzgefühlen und unkontrollierbar starken, sowohl libidinösen wie aggressiven, Affekten überwältigt erscheint, aber bindungsfähig ist und/oder „verantwortlich“, zum Beispiel in der Beziehung zum kleinen Sohn: eine so schwere und so komplexe Perönlichkeitsstörung übersteigt eventuell die Möglichkeiten einer psychoanalytischen Therapie; andererseits scheint mir, dass gerade die psychoanalytische Technik hinsichtlich der Heilungschancen vielversprechend sein kann, da  diese Heilungschancen in starkem Mass von der lebendigen und sorgfältigen Arbeit an den Übertragungen, insbesondere an der Gegenübertragung abhängen. Auf jeden Fall hätte die Therapie, hätte sie nicht abgebrochen werden müssen, meiner Einschätzung noch Jahre gedauert und wäre wohl unvermindert anstrengend geblieben.

 

[1] s. Kernberg. Wut und Hass, 1997, S. 25 – 33: Die Ursprünge von Phantasie und von Affektzuständen hoher Intensität / Affekte und frühes subjektives Erleben.

[2] s. Kernberg, a.a.O., ab S. 51 ff, Diversität und. Spezifität der Persönlichkeitsstörungen

[3] Fernando Pessoa. Das Buch der Unruhe. Aus dem Portugiesischen übersetzt von Georg Rudolf Lind. Amman Verlag, Zürich 1985. Fragment 88, S. 120. – Der französische Kritiker Robert Bréchon hat Pessoas „Buch der Unruhe als „Tagebuch eines Gefangenen“ des Alltags bezeichnet (s. Nachwort des Übersetzers).

[4] Julia Kristeva. Fremde sind wir uns selbst. Edition Suhrkamp 1990, S.204

[5] Sigmund Freud. Das Unheimliche. Gesamtwerke, Bd. XII

[6] Hannah Arendt. Macht und Gewalt. 1981, München 1970

[7] Kernberg a.a.O., S. 42-48, 55-56, S. 79-80, 115-124 / DSM-IV 302.84 (F65.5), 302.83 (F65.5), 301.50 (F60.4)

Literatur:

 

  1. Freud

– Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie, 1905 (mit Zusätzen 1910 / 1915), in: Studienausgabe, Bd. Sexualleben

– Triebe und Triebschicksale, 1915, in: Studienausgabe, Bd. Psychologie des Unbewussten

– Jenseits des Lustprinzips, 1919/20, in: Studienausgabe, Bd. Psychologie des Unbewussten

– Ein Kind wird geschlagen, 1919, in: Studienausgabe, Bd. Zwang, Paranoia und Perversion

– Das Ich und das Es (insbes. IV Die beiden Triebarten und V Die Abhängigkeiten des Ich), 1923, in: Studienausgabe, Psychologie des Unbewussten

– Das ökonomische Problem des Masochismus, 1924, in: Studienausgabe, Psychologie des Unbewussten

auch Rekurs auf die

– Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse, 1916/17 (27. Vorlesung: Die Übertragung), sowie

– Neue Folge der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse, 1933 (inbes. 32. Und 33. Vorlesung: Angst und Triebleben / Die Weiblichkeit)

– Über die weibliche Sexualität, 1931, in: Studienausgabe, Bd. Sexualleben

 

Sabina Spielrein. Die Destruktion als Ursache des Werdens, 1912

 

Otto F. Kernberg. Wut und Hass, 1992/1997 *

 

Peter Fonagy / Mary Target. Den gewalttätigen Patienten verstehen: der Einsatz des Körpers und die Rolle des Vaters. In: Psychoanalytische Blätter, Band 4, 1996*

 

Ruth Mätzler. Die „friedfertige Frau“ zwischen Scylla und Charybdis. Weibbliche Aggressivität als identitätsverwirrendes Moment. In: Werkblatt. Zeitschrift für Psychoanalyse und Gesellschaftskritik, Nr. 40, 1998 *

 

* zusätzliche Literaturangaben

 

4. Abend / 15. Dezember 1998

Anwesend: Daniel Gasser, Cornelius Textor, Béatrice Wagner; Maja Wicki

Abwesend: Tina Alabor (verhindert), Sophie Christen (verhindert), Christoph Müller (krank), Judith Zehnder

 

Versuch eines Protokolls:

Vorausgehend ist zu sagen, dass dieser vierte Abend merkwürdig chaotisch und unbefriedigend verlief. Da mich dies sehr beschäftigt, möchte ich zugleich skizzieren, was sich tatsächlich im Lauf des Abends ergab wie das, was ich für den Abend vorgesehen hatte (nachdem Christoph Müllers Falldarstellung wegen seiner plötzliche Grippe-Erkrankung wegfiel).

Zu Beginn verwies ich auf M.Masud R. Khans „Erfahrungen im Möglichkeitsraum“, eigentlich mit der Absicht, dessen Fallgeschichte „Die böse Hand“, die Therapie eines „bösen Menschen“, wie der Patient sich selber bezeichnet, einleitend kurz zu schildern, weil Khan in diesem Text wichtige Affekte – Schuldgefühle und Scham – auf spanndende Weise als „moralischen“ Widerstand im therapeutischen Prozess darstellt, einem Widerstand, der, mit dem moralischen Begriff des „Bösen“ konnotiert, gewöhnlich in der psychoanalytischen Literatur so kaum untersucht wird, der aber, wie ich meine, bei vielen Patienten/Patientinnen eine wichtige Funktion hat. Aber es gelang mir nicht, d.h. ich kam irgendwie nicht dazu. Wir blieben bei der Frage stehen, wie sich sozial privilegierte Bedingungen  (infolge von Geld oder Sozialstatus) auf den Patienten/die Patientin sowie auf die Therapie auswirken, und tauschten Überlegungen aus, zum Teil auf Grund von Erfahrungen, zum Teil spekulativ.

Ich schlug darauf vor, auf Kernbergs 6. Kapitel (ab S.115) einzugehen, das in der Stunde zuvor verteilt und als Vorbereitung auf den Abend gelesen worden war. Mir schien vor allem der ökonomische Gesichtspunkt im Zusammenhang mit unbewussten (ev. halbbewussten) Triebimpulsen und Affekten interessant, wie sie sich in den Selbst- und Objektbeziehungen zeigen, bei der Patientin/beim Patienten selber wie in der Übertragung und Gegenübertragung. Zu diesem Zweck wollte ich zuerst auf Freuds ökonomische Idealvorstellung zurückgreifen und zitierte zu diesem Zweck aus Nagera, Psychoanalytische Grundbegriffe, die Stelle aus den Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse, wo Freud festhält, dass, ob und wie es dem Ich gelingt, „aus solchen gewiss immer vorhandenen Konflikten ohne Erkrankung zu entkommen (…), unzweifelhaft von ökonomischen Verhältnissen, von den relativen Grössen miteinander ringender Strebungen abhängen wird“. In der Folge wollte ich eigentlich auf die nicht-gelingende innerpsychische Ökonomie zu sprechen kommen, wie sie sich in allen malignen Beziehungen, in den Objekt- wie in den Selbstbeziehungen wie in den Übertragungen, manifestiert, in denen Hass, Destruktivität und Todeswünsche überhandnehmen, sowie auf die Frage nach den Veränderungsmöglichkeiten der gestörten innerpsychischen Ökonomie des Patienten durch den Prozess der Übertragung und des Verstehens, nicht zuletzt als Folge einer gelingenden Bearbeitung der Gegenübertragung. Wiederum kamen wir nicht soweit, resp. es gelang mir nicht, sondern wir blieben in der Auseinandersetzung stecken, ob es sich bei Kernberg tatsächlich nur um dyadische oder um triadische Beziehungen handelt und was diese sind (mit der zusätzlichen Verwirrung infolge der Verwechslung von triangulären und triadischen Beziehungen).

Als weiteres Element wurden verschiedene knappe Fallbeispiele eingebracht, die illustrierten, wie die in der Therapie sich zeigenden Affekte häufig dazu dienen, andere Affekte zu überdecken (Beispiel: massive Übertragung des lebenslangen Hasses auf Mutter und Schwester im Erstgespräch, wobei diese Übertragung als Widerstand gegen die Therapie und die darin möglicherweise erfolgende ängstigende Veränderung der Abwehrfunktion des Hasses gedeutet werden konnte, da die durch kumulative frühkindliche Traumatisierungen geprägte Patientin beschloss, von einer Therapie abzusehen. – Anderes Beispiel: Misstrauen der Patientin als vom Therapeuten explizit zugelassener „notwendiger“ Begleitaffekt in einer Therapie, die zuerst abgebrochen worden war, dann einen sehr erfolgreichen Verlauf nahm. – Weiteres Beispiel: Irritation und Wut als „Deckaffekte“, hinter denen die Angst, verlassen zu werden, steht). Schliesslich bot Daniel Gasser die Fallgeschichte eines Patienten „ohne Affekte“ an (Minigolfspieler), für deren Besprechung keine Zeit mehr blieb und die nochmals aufgenommen werden soll.

Die Frage, die mich interessiert, ist, wie und warum, eventuell auch infolge welcher Übertragungen in der Gruppe es zu diesem Verlauf des 4. Kursabends kam, für den ich mich eindeutig verantwortlich fühle. Ich denke, dass es nützlich sein könnte, darauf irgendwann nochmals einzugehen.

maw / Zürich, 16. Dezember 1998

 

  1. Kursabend vom 26. Januar 1998

 

1) Frage nach der Weiterführung des Kurses: Wollen wir am Thema der malignen Beziehung weiterarbeiten? – vielleicht noch genauer auf die Differenz zwischen dem Imaginären, dem Realen und dem Symbolischen (Masud R. Khan; Julia Kristeva u.a.) in der Psyche der Patienten/Patientinnen wie auf das genauere Erkennen und Unterscheiden des Triebhaften resp. der Affekte in der Übertragung und Gegenübertragung (Otto F. Kernberg) eingehen? – Besteht Interesse, dass der Kurs im SS 99 eine Fortsetzung findet? – geschlossen oder mit Erweiterung?

 

2) Überlegungen zur Fallgeschichte von Sophie Christen vom 12. 1. 1999:

Die Fallgeschichte hat mich noch weiter beschäftigt. Das triadische Beziehungsgeflecht, in welchem der junge Patient  sich befindet, ist tatsächlich zutiefst verstörend. Die mächtige, „potente“ Mutter hat den Vater impotent gemacht (hat dessen Phallus sich einverleibt), der, um die Impotenz zu larvieren, sich Waffen als Phallus-Fetische zugelegt hat. Dass diese Waffen, die er dem Patienten, dem Knaben, gezeigt hat („er hat ihn zum Schiessen mitgenommen“), Fetischbedeutung hatten und nicht als „reale“ Waffen verstanden wurden, zeigt sich darin,  dass er sich  nicht mit einer dieser Waffen getötet, sondern mit der  weiblichen Waffe, dem Strang, der als Nabelschnur schon um den Hals des Knaben gelegt war. (Die symbolische Bedeutung der Nabelschnur als Symbol der engsten symbiotischen Abhängigkeit von der Mutter wäre genauer zu untersuchen. Auch der Patient hat ja, in symbolischer Wiederholung des väterlichen Suizids, einen Suizidversuch durch Strangulation unternommen, den er durch durch Herbeirufen der – waffentragenden – Polizei unterbrochen hat).

Wenn wir die Unterscheidung Freuds (s. „Die Identifzierung“) zwischen der Vateridentifizierung und dem Vaterobjekt benützen, bei welcher es sich im ersten Fall darum handelt, dass der Vater das ist, was das Kind sein will, und im zweiten das, was er haben will, so wird klar, dass beim Patienten in der Primärphase eine Spaltung einsetzte, die sich fixierte, wobei er zunehmend Mühe hatte, sein Selbst und das Vaterobjekt zu unterscheiden (hierin mag sich der Schizophrenieverdacht, den Cornel Textor auf dem Weg zum Tram mir gegenüber äusserte, verorten): der Patient machte den Vater zum Liebesobjekt und identifizierte sich gleichzeitig nicht mit ihm, sondern mit dessen Potenz- und Phallus-Surrogaten, um die bedrohliche, eventuell aber triebhaft begehrte Identifizierung mit der potenten Mutter abzuwehren, die in dieser Abwehr zum Objekt des Hasses wird, dabei negativ-destruktives Liebesobjekt bleibt, cf. einerseits  den versuchten Suizid durch Strangulation; andererseits den Traum – oder ein reales Erlebnis? – mit den vier Würsten und den drei Gästen sowie der phallusverschlingenden Mutter als Gastgeberin, zu denen er als fünte Person, ungeladen und unwillkommen, abgewiesen, stösst.

Ich vermute, dass die Deutung der Therapeutin, die Mutter erschrecke, weil sie fürchte, dass er sie auffresse, seine verdrängten destruktiv-inzestuösen Wünsche ausformulierte und dadurch etwas Neues in ihm weckte, nämlich die Phantasie der Rache. Dass die Therapeutin damit der möglichen Umkehrung der abgewehrten Identifizierung mit dem schwachen, „kastrierten“ Vater und seiner primären, ihn zutiefst beherrschenden Kastrationsangst einen Ausdruck gab – der Angst vor der Kastration durch die Mutter, die durch das Bild der vier Würste, von denen keine für ihn war, symbolisch bestätigt wurde –, und dass die Therapeutin dadurch im Patienten jenen unbewussten Prozess auslöste, der in der Gegenübertragung sie wiederum zutiefst erschreckte).

 

(Als ich nach dem Kursabend vom 12. 1. 99 nach Hause kam, fand im „Dienstagsclub“ die Diskussion um „den Wolf“ am Simplon statt, in welcher die kollektive Projektion der  maligner Triebwünsche auf „den Wolf“ sich unverhüllt manifestierte – auch dies wäre spannend, weiter zu untersuchen).

 

3) Fallgeschichte von Christoph Müller.

 

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