“Ich habe nichts gegen die Juden, aber…” – Leserbrief-Lesung und Gespräch am 9. Juni 1997 im Neumarkt-Theater

“Ich habe nichts gegen die Juden, aber…”

Leserbrief-Lesung und Gespräch am 9. Juni 1997 im Neumarkt-Theater

 

Überleitung nach der Lesung:

Die Briefe, aus denen Auszüge gelesen wurden, sind nicht “fiction”. Es sind auch nicht einzelne boshafte Verirrungen. Nein, sie sind Beispiele aus einer ganzen Flut von Verunglimpfungen und Bedrohungen, die einzelnen jüdischen Persönlichkeiten direkt ins Haus geschickt werden, zumeist anonym, oder die sich in den Leserbriefressorts der Tages- und Wochenzeitungen sammeln, Ausdruck eines – plötzlich wieder – virulenten, agressiven  Antisemitismus, zu dem ein Teil der schweizerischen Bevölkerung sich unverhohlen bekennt. Dies erschreckt zutiefst. Die schamlose Sprache dieser Briefe erinnert an die Sprache der Nazizeit, an die Verhöhnungen und Bedrohungen, die den Deportationen und den Ermordungen der Juden vorausgingen. Wie ist dies möglich? Warum weckt die heute geforderte Auseinandersetzung mit der Vergangenheit diesen Bodensatz von hässlichen Gefühlen?

Wir wollen heute abend versuchen, den schweizerischen Antisemitismus, wie er u.a. in den eben gelesenen Briefen zum Ausdruck kommt, auszuleuchten. Ist es der immer gleiche Judenhass, der sein altes Gesicht zeigt? – oder ist ein neues Gesicht, eine neue Fratze? Worum geht es beim Antisemitismus? Die Fragen richten sich zuerst an die Gäste am runden Tisch: Shelley Kästner (hat die Auswahl der Briefe und der übrigen Texte besorgt; ihr ist für die ganze Produktion zu danken), Sigrid Weigel (Professorin für deutsche Literatur an der Universität Zürich), Emanuel Hurwitz (Psychoanalytiker und Psychiater in Zürich), Jean Ziegler (Professor für Soziologie an der Universität Genf). Ich bin maw, werde durch das Gespräch führen und dieses nach ca. 45 Minuten auch für Sie, meine Damen und Herren, öffnen.

An Shelley Kästner: Warum haben Sie diese aufwühlende Arbeit auf sich genommen? Was bezwecken Sie damit?

An Frau Weigel, dann an die anderen Gäste: Sie sagten mir im Vorgespräch, Sie hätten Bedenken, diese Briefe öffentlich lesen zu lassen. Sind Sie immer noch dieser Meinung? Worum geht es Ihrer Meinung nach beim Antisemitismus?

An Emanuel Hurwitz: Die Schweiz befindet sich in einer nationalen Depression. Sie erträgt es schlecht, von innen – durch die Arbeit der Historikerinnen und Historiker – und von aussen – insbesondere durch die USA und durch jüdische Organisationen – zu einer Korrektur des bis anhin heroischen Geschichtsbildes gedrängt zu werden, auch mit materiellen Konsequenzen. Warum kommt es dabei  – statt zu Besinnung und Trauer – zu diesem unverschämten Ausdruck von Judenhass, Antisemitismus und Anti-Israelismus? Geht es dabei um Verschiedenes oder um Gleiches? Und warum kommen diese Anfeidungen gar noch im Ton der Selbstbemitleidung daher

An Jean Ziegler: Was haben “Juden” für Sie als Kind bedeutet, als Jugendlichen? Sind Sie ihnen begegnet? Oder wurde im Milieu, in dem Sie aufgewachsen sind, über sie gesprochen? Und wie?

An Sigrid Weigel: In der aktuellen Diskussion, wie sie heute in der Schweiz läuft, werden die politischen und wirtschaftlichen Machtträger zur Rechenschaft gezogen, das Volk aber wird entlastet. Was sich jedoch mit diesen Briefen Gehör verschafft, ist die Stimme des Volkes. Kennen Sie diese Stimme? Woher hat das Volk sein Vokabular?

An Shelley Kästner: Sie gehören der zweiten Generation der Opfer von damals an. Haben Sie innerhalb Ihrer Generation selber diese antijüdischen, antisemitischen Anfeindungen erlebt? Und gab es unter den Briefen, die Sie gesammelt haben, auch Briefe von gleichaltrigen jungen Erwachsenen?

An Sigrid Weigel: Können Aufklärung und Bildung zu einer Veränderung in der Mentalität der Menschen führen? Falls ja, wie ist dann zu erklären, dass unter den schlimmsten Menschenschindern und Verbrechern der Nazizeit auch hoch gebildete Menschen waren, Wissenschafter, Juristen, Ärzte usw.?

An Jean Ziegler: Sie sind Hochschullehrer, Soziologe. Sie sind spezialisiert auf die Untersuchung der Formen und Veränderungen des Zusammenlebens der Menschen. Wie können Ihrer Meinung nach fixierte Feindbilder aufgelöst werden? Welche Rolle spielen dabei Schulunterricht (etwa in Geschichte, Religionsunterweisung etc.), welche Rolle die Presse, welche Rolle massgebliche Autoritäten wie Bundesräte, Parteigrössen etc.?

An Sigrid Weigel: Gemäss Hannah Arent ist der Antisemitismus das “charakteristische Merkmal des Faschismus” resp. die “Hauptstütze faschistischer Propaganda”, und sie folgert, dass ein Staat, der den Antisemitismus duldet oder gar propagandistisch benutzt, faschismusgefährdet ist. Was halten Sie von dieser Aussage, was bedeutet sie – in Hinblick auf die Schweiz, die bekanntlich 1994 das Antirassismusgesetz angenommen hat und damit den Antisemitismus als Offizialdelikt strafrechtlich zu verfolgen sich verpflichtet?

An Jean Ziegler: Bei Edmond Jabès heisst es im gleichen Buch, aus dem am Schluss der Lesung zitiert wurde, “der Rassist ist derjenige Mensch, der sich nicht annimmt, wie er ist”. Könnte Antisemitismus – schweizerischer Antisemitismus – somit als kollektive Projektion von eigenen, unangenehmen Eigenschaften auf die “Anderen”, die “Fremden”, “die Juden”verstanden werden?

An Emanuel Hurwitz: Was bewirken diese enormen Aggressionen bei den Opfern der Aggression, bei den Juden – bei Kindern? bei Erwachsenen?

An Shelley Kästner: Diese Lesung wird in weiteren Städten in der Schweiz stattfinden. Sind sie optimistisch, dass das, was Sie bezwecken – Erschrecken, Besinnung und Trauer –  eine Veränderung im Verhältnis von nicht-jüdischer und jüdischer Bevölkerung bewirken wird?

Dazwischen ev. Rückfragen und Ergänzungen der Gesprächsteilnehmerinnen und -teilnehmer untereinander.

Öffnung des Podiums.

Dank: an das Neumarkttheater (Volker Hesse, Beatrice Stoll), an die Schauspielerinnen und Schauspieler: Shelley Kästner, Franca Basoli, Urs Bihler und Peter Holliger, an die Gäste auf dem Podium, an das Publikum.

 

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