Wo ist der Ort der Erinnerung? Auf und davon

Wo ist der Ort der Erinnerung?

Auf und davon

 

Hätte ich einen Geigenkasten über die Schulter gehängt, wäre ich erkennbar als Geigerin, denke ich, würden in der Tram die Fahrgäste zur Seite rücken und der Künstlerin einen Platz anbieten. Der Glanz meiner Augen würde sie belohnen, als hätten sie so teil an der Festlichkeit eines Applauses unter den Lüstern der Tonhalle.

Schliefe ein Kind in meinem Arm und ich sässe auf der Längsbank gegenüber der Falttür der Tram,  das heftige Gerede der Gymnasiastinnen auf der Querbank vor mir versickerte zu einem Murmeln, und sie würden nicht mehr laut auflachen, sondern mit der Hand vor dem Mund kichern. Und da ein Kind an das Geheimnis der Liebe erinnert, könnte ich aus dem nun beinah geflüsterten Wortwechsel erfahren, dass sie sich von der Mutter nicht länger verbieten lassen wollen, nachts bei „ihm“ zu bleiben.

Stände ein ernster Fremder an meiner Seite, vielleicht gar ein Freund, er grösser als ich und ich kleiner als er, mitten zwischen den eng nebeneinanderstehenden Fahrgästen im Mittelgang morgens um halb acht, und er würde angezischt “Du Sau-Ausländer du, mach Platz”, da  könnte ich meine Unerschrockenheit beweisen, könnte dem Kerl eine schallende Ohrfeige oder einen Box an die richtige Stelle verpassen und laut und zugleich höflich klarstellen “Selber Sau Sie, wenn Sie Sau sagen”.

Tagtäglich ist die Tram mein Fluchtmobil. Sie holt mich ab, und häufig lässt sie mich warten, neulich ungebürlich lange, gerade als E.P. im Keller des Theaters ihr neues Buch vorstellte. Ich fand noch einen Platz mit den Letzten, die den Saal füllten, doch als das Licht auf die zwei kleinen Tische im Proszenium zusammenrückte, trat nicht E.P. mit ihrem Lektor vors Publikum, sondern von der Seite her kam mit Gefolge A.M. herein, alert und sicher, und durchmass augensuchend und lächelnd die ganze Breite des Saals und nahm auf einer mitteren Reihe Platz, als wäre das Theater seinetwegen mit wartenden Menschen gefüllt. Als schliesslich E.P. mit spürbarer Anspannung zu lesen begann, ertönten unregelmäsig und ständig aus dem Publikum trockene Klappergeräusche, wie aneinandergeschlagene Knöchelchen oder wie Röchelerbrechen, dann im Dunkeln auf der Galerie zwei Gestalten, die sich nähern, und drei Gestalten, die sich entfernen, und keine Geräusche mehr. Von L.S. erahre ich, dass es B.M. war, die von Securitasmännern abgeführt wurde

 

Wo ist der Ort der Erinnerung?

Die Frage lässt mich abschweifen, hinein und hinaus. In die Bahnhöfe, Scheunen und Küchen, in die Träume. Heisst „er-innern“ aus dem Innern befreien? Kommt die Befreiung von aussen? Was geschieht dabei? Braucht es Sinneswahrnehmungen, damit Haut, Augen, Ohren, Nase, Gaumen, Eingeweide, Atem, Nervenzellen dem Unbewussten erlauben, die Verkapselungen durchlässig zu machen und das einstmal Erlebte aufscheinen zu lassen, in Gefühlen und Bildern, in Gerüchen und Tönen, in Herzklopfen, Erzittern, Magenkrämpfen oder in plötzlichem Wohlbefinden? Wie kommt es zu den Wachträumen bei den Tramfahrten quer durch die Stadt? Und warum wird meine Stimme jedesmal tonlos vor Behördenschaltern? Warum weckt der abendliche Ruf der Amsel das Bedürfnis zu weinen? Warum erkenne ich in den Bahnhöfen die Flüchtlinge von weitem an den Augen, und warum geht unmittelbar mit diesem Erkennen eine Geruchserinnerung an schimmlige Kleider einher, flüchtig und lästig? Warum brachte der Unbekannte, den ich vor zwei Jahren, in einer Westschweizer Stadt, vom Vortragspodium aus an der Seite von G. H. den Saal betreten sah, meinen Atem zum Flattern und liess vor meinem inneren Auge ein heruntergekommenes Holzhaus aufscheinen und eine knochige, abgearbeitete Frau, grösser als meine Mutter, mit offenem braunem Haar, und in einem Sessel einen schönen stillen Mann, von dem ich wusste, dass er „geisteskrank“ war, im Bruchteil einer Sekunde, während ich in meinem Text weiterfuhr? Und warum hatte ich ausgerechnet in Deutschland, kurz vor dem Rückflug nach Zürich, das Parfum meiner vor Jahren verstorbenen Mutter gekauft, nachdem ich zwei Tage lang ein Seminar über die psychischen Zusammenhänge der Assimilation resp. des Herkunftsverlustes abgehalten hatte, das die Teilnehmerinnen zu einer Aussprache über die Erinnerungsverweigerung ihrer Eltern benutzten? Wo ist der Ort der Erinnerung?

 

Was geschah zuerst und was geschah nicht? Ein theoretischer Exkurs über die Liebe

Sehen ist zuerst Unterscheiden und Wahrnehmen des Anderen, des vom  mangelhaften und unvollständigen Eigenen Getrennten, im Sehen zugleich Einverleiben des Wahrgenommen,  des Anderen, nicht des Ganzen allerdings, sondern Teil für Teil. So unterscheidet das Kind aus dem embryonalen symbiotischen Dunkel heraus, das nach der Geburt sich erst allmählich lichtet, plötzlich das Gesicht der Mutter, ihren Mund mit der „Aura“ – dem Bedeutungszusammenhang –  des Lächelns, und die Brust der Mutter, die milchspendende Warze mit der „Aura“ des Wohlbehagens, mit der Möglichkeit, resp.der imaginären Wiederherstellung der verlorenen Symbiose, unterscheidet mithin sowohl die Mutter wie Teile der Mutter wie sich selber als Teil eines fortan nie mehr zu erreichenden Ganzen. Was mit diesem ganz frühen, irgendwie vom Unbewussten her gelenkten, erkennenden und wiederum im Unbewussten gespeicherten Sehen einsetzt, ist die Herrschaft der Gefühle und Triebe, die Herrschaft der Liebe, im Positiven wie im Negativen, in welcher schon sehr früh, nicht gleichzeitig, sondern in einer zeitlich gestaffelten Abfolge, die wahrgenommenen Teile der Mutter als das Reale (Wohlbehagen durch Zuwendung und Nahrung, aber auch Schmerz über das Fehlen der Symbiose, das Entsagen des Ganzseins, eigentlich das Unmögliche, für welches es nur Akzeptanz oder Verweigerung gibt), als das Imaginäre (das Mögliche, das, was das sich konstituierende und aktiv sich regende, Anerkennung und Liebe begehrende Ich des Kindes sich vorstellt, um sich selber zu stärken) wie auch das Symbolische (die Brust, der Mund, die Stimme, der Geruch, die warme Haut, die Bewegung, das Kommen und das Sich-Entfernen, stellvertretend für viel mehr, für die Mutter überhaupt, oder für Anerkennung, Wohlbehagen und Befriedigung, oder für Ablehnung, Alleingelassensein und Hunger) sich zusammenfinden, existenzbestimmend von den frühen Anfängen an und durch alle Peripetien der Entwicklung und des Lebens hindurch.  Während das Symbolische in den Teilobjekten des Begehrens immer mehr, vor allem nach der Entwöhnung und etwas später nach der frühen, entscheidenden Entdeckung des eigenen Geschlechts als das der Mutter gleiche oder das von ihr verschiedene, das Entzogene und Verwehrte, ja das Verbotene (die Symbiose als Inzest) zur Quelle des Begehrens werden lässt, kreist das Imaginäre um den möglichen narzissstischen Gewinn für das bedürftige, begehrende (anfänglich so schwache, häufig nie wirklich erstarkende) Ich, das im Realen zumeist höchstens das Imaginäre und daraus sich selbst als mangelhaft, als Teil bestätigt, ermutigt und gestärkt – oder beschädigt – findet.

Und all dies ist seit dem frühesten Sehen ein Beziehungsgeschehen aus der Erfahrung des Mangels des Ganzen, aus der Selbsterfahrung als abgetrennter, unerfüllter, leidender Teil, ist Liebe als Streben nach Veränderung des Mangels: Libido (im biologischen Rekurs), Eros (nach dem platonischen Begriff). Wir wissen es seit knapp einem Jahrhundert, seit den ersten Erkenntnissen  Freuds, der, wie Julia Kristeva zu Recht feststellt, den Platonismus und die Biologie zu einer neuen Theorie zusammenführte, eben zu einer neuen Theorie sowohl der Liebe wie des Sehens, aufregend und sich ständig in der analytischen Arbeit bestätigend und zugleich verändernd, in der alle drei Register (das Symbolische, das Imaginäre und das Reale) sich wiederholen. Immer geht es um die Liebe, um den „daimon Eros“, wie Platon im „Symposion“ Sokrates erklären lässt, der sein Wissen von Diotima erhalten und übernommen hat, gemäss deren Wissen (resp. Weisheit) Eros das Kind – der Sohn, männlich, wie Freud betont – der Penia (der mythologischen Gestaltwerdung des Mangels) und des Poros, des göttlichen Wegefinders (der mythologischen Gestaltwerdung des erfinderischen Intellekts), ist, entstanden im Nachspiel zum Geburtsfest der Aphrodite (der mythologischen Gestaltwerdung der Schönheit), zu welchem Poros geladen war, Penia jedoch nicht. Als sie sah, dass Poros, berauscht vom Nektar und müde, sich im Garten des Zeus zum Ruhen legte, legte sie sich neben ihn und empfing den Eros.

Was und wie ist daher Eros? Er ist, wie Sokrates ausführt (in der Übersetzung von Friedrich Schleiermacher), zuerst „arm und bei weitem nicht fein und schön, wie die meisten glauben, vielmehr rauh, unansehnlich, unbeschuht, ohne Behausung (…), der Natur seiner Mutter gemäss immer der Dürftigkeit Genosse. Und nach seinem Vater wiederum stellt er dem Guten und Schönen nach, ist tapfer, keck und rüstig, ein gewaltiger Jäger, allezeit irgend Ränke schmiedend, nach Einsicht strebend (…)“ (Symposion, 203 c,d). Sehen – stellvertretend für alle Sinneswahrnehmungen – und Liebe sind daher unabtrennbar miteinander verbunden, Libido in der Körperlichkeit, Eros in den Strebungen, Eros, der (auch im Weiblichen) aus der Verbindung von Penia und Poros, immer dem Mangel verhaftet und aus dem Mangel heraus tätig, über das Sehen besitzergreifend, sich einverleibend, was den Mangel beheben könnte und dies vorübergehend, in kurzen Momenten, erreicht, ränkereich das Verwehrte oder gar das Verbotene, ja das Leiden zum Guten erklärend oder daran scheiternd, dabei die Realität, täuschungsreich und trickreich, nicht selten bitter verzweifelnd, im Mantel des Imaginären zum Ganzen machend, mehr oder weniger erfolgreich, aus dem im Unbewussten zutiefst gespeicherten Wissen um die Täuschung, zum imaginären Ganzen, in welchem bei jedem Objekt des Sehens, vor allem bei jedem Objekt des Begehrens jeder Teil,  jedes Detail, über den Blick symbolische Repräsentanz eines beherrschenden libidinösen Teilobjekts wird  (Mund, Brust, Phallus etc.) sowie dessen Deutung, einerseits im vorstellenden Denken  (Öffnung, Höhlung, Wölbung, Füllung, Pfeil, Linie, Trennung, Verschmähung, Verschluss, Abbruch etc.) und andererseits im positiven oder negativen libidinösen Empfinden (Wohlbehagen, Lust, Genugtuung, Ruhe, Stärkung, Frustration, Zorn, Hass, Verlust, Leere, Hunger, Zerstörungwut u.a.m.).

So ist im Sehen alles Teil, und als sich vorweg herstellendes Ganzes zeigen sich die Verbindungen, Beziehungen, Verhältnisse, Übertragungen und Gegenübertragungen der Liebe oder deren verhängnisvollen Negationen sowie deren malignen Zuspitzungen und Überhöhungen oder deren Ersatz- und Zerrbilder.

 

Kolonisation und Revolte

Das Kind ist zwar aktiv und tritt im Sehen wie in allem sinnlichen Wahrnehmen, im Erleben von Mangel und Sättigung, gestaltend in ein Beziehungsgeflecht ein, das im ganzen Körper unbewusste Spuren hinterlässt. Zugleich aber ist das Kind Objekt von Besetzungen, die aus  lange vor seiner Ankunft gewobenen und geflochtenen Geschichten gewaltsamer Kolonisationen resultieren, aus generationenalten Beziehungsgeschichten und Mangelgeschichten, aus denen weder die Mutter noch der Vater sich befreien konnten.

Die Kindheit, immer von neuem, ist der dunkle Erdteil der Kolonisation. Die Kolonisation setzt mit der Namengebung ein. Die Namengebung ist die erste Besetzung des Kindes durch die Eltern. Diese Besetzung erfolgt durch eine mächtige unbewusste Projektion von Bildern und Geschichten – seien dies die vorbildhaften gelebten Geschichten verstorbener Angehöriger oder irgendwelcher Helden und Heldinnen, toter, vielleicht auch noch lebender; seien dies die heimlichen, nicht gelebten Geschichten der Mutter oder des Vaters, die Traumgeschichten und Wunschgeschichten, die sich um ein Bild, resp. um einen Namen ranken oder die, auf einen Namen eingefärbt, auf das Kind geheftet werden wie eine definitive, nicht austauschbare, nicht abwaschbare Farbe, lange bevor das Kind beginnen kann, seine eigenen Geschichten zu wagen. Der Name entspricht dem Bild, das die Eltern aus sich für das Kind schaffen, aus dem ihnen gemässen Mass und Format, ein fixiertes Bild, das sie dem Kind als Vorgabe für sein Verhalten in der Welt auferlegen, eventuell ein Bild des unauffälligen, blassen und angepassten Verhaltens oder aber des ungewöhnlichen, auffälligen, vielleicht sogar des exotischen.

Dieses Bild richtet sich in erster Linie nach geschlechtsspezifischen und rollenspezifischen Eigenschaften, welche Vater oder Mutter für sich selbst oder für den Partner, resp. die Partnerin beanspruchen, oder welche sie vermissen und in einer kompensatorischen Projektion mit dem Namen dem Kind überziehen wie ein viel zu grosses Kleid. Bei Hannah Arendt wird die Gebürtlichkeit der Freiheit gleichgesetzt, doch ausserhalb des existenzphilosophischen Modells, in welchem das Verhängnis der Sterblichkeit einer dialektischen Gegensetzung bedarf, eben jener der Freiheit, gibt es für das Kind zuerst vor allem die von den Eltern definierte, durch sie geschaffene Konditionalität, in welche es hineingeboren wird und in welche es hineinwächst. Indem nun das Kind in das kulturell und biographisch elternmassgeschneiderte Kleid hineingestellt wird,  in das durch die persönlichen Wünsche der Eltern und durch gesellschaftliche Normen enggeheftete Identitätskorsett, ergibt sich die erste und die vorweg wichtigste Anforderung an die Freiheit: aus der gebürtlichen Potentialität in die Aktualisierung zu treten und dieses Korsett zu sprengen. Doch davon später.

In Fortsetzung der Namengebung des Kindes erfolgt durch die Eltern die Namengebung der Welt. Existenz ist immer zugleich Welthaftigkeit. Beide sind Gegenstand kulturell definierter, über Generationen konstruierter Beherrschungsstrategien. Das Kind selbst bietet Laute, Namen an für die Gesichter, die sich ihm zuwenden und für die Dinge, die es erblickt, die es ertastet oder kostet und hört, Laute und Namen in allen Sprachen der Welt, welche die Eltern zwar zur Kenntnis nehmen, sogar mit Entzücken, aber verwerfen und durch andere, “richtige” ersetzen, durch Namen, mit denen sie die Gesichter benennen und die Dinge bezeichnen. Die Gesichter neigen sich nicht zu und die Dinge bleiben unerreichbar, wenn sie nicht mit den richtigen Namen bezeichnet werden. Mit den Namen wird die Bedeutung der Dinge definiert. Daher kann selbst die Sprachvermittlung als eine Herrschaftsstrategie verstanden werden, nicht nur als “Sprachspiel” im Wittgenstein’schen Sinn. Augustinus hält in den “Confessiones” (I/8) fest: “Nannten die Erwachsenen irgend eine Gegenstand und wandten sie sich dabei ihm zu, so nahm ich das wahr und ich begriff, dass der Gegenstand durch die Laute, die sie aussprachen, bezeichnet wurde, das sie auf ihn hinweisen wollten. (…) So lernte ich nach und nach verstehen, welche Dinge die Wörter bezeichnen (…) Und ich brachte, als nun mein Mund sich an diese Zeichen gewöhnt hatte, durch sie meine Wünsche zum Ausdruck”.

Fügt das Kind sich der Namengebung nicht, bleiben die Wünsche unerfüllt. Als ich sechs Jahre alt war und infolge eines schweren Unfalls einen ganzen Sommer im Krankenhaus verbringen musste, wünschte ich mir sehr, Früchte zu essen, die ich einmal gesehen, aber nie gekostet hatte, gelbgoldene Früchte mit süssem Duft und mit pelziger Haut. Ich nahm an, sie hiessen „Aprikosen“, da ich diesen Namen in Verbindung mit köstlichen Früchten gehört hatte, die ich wiederum auch nicht kannte. Die Erwachsenen brachten mir Aprikosen, in der Meinung, damit meinen Wunsch zu erfüllen, doch es waren nicht die Früchte, die ich zu essen wünschte. Den Namen “Pfirsich” kannte ich nicht, so dass mir den ganzen Sommer über und noch länger der Genuss dieser Früchte verwehrt blieb.

Als ich jüngst im Sommer den Marktständen entlang flanierte, und der Duft reifer Pfirsiche die Nase streifte, erinnerte ich mich der Einsamkeit des Kindes im Krankenhaus.

Mit der Namengebung setzt die Kolonisierung der Existenz des Kindes und dessen Welthaftigkeit ein, und gleichzeitig nimmt die Kontrolle seiner Bedürfnisse ihren Anfang. Die tatsächliche Stillung und Erfüllung der Bedürfnisse, aber auch deren verweigerte oder prekäre Erfüllung geschieht nie anders als in Verhältnissen der Abhängigkeit. Abhängigkeit aber bedeutet Unterwerfung und Unfreiheit, ein Verhältnis, dem das Kind zustimmen muss, um nicht Hungers zu sterben. Zu den dringendsten körperlichen Bedürfnissen gehört jenes nach Nahrung wie jenes andere nach Entledigung von der Nahrung, nach Defäkation. Die Kontrolle sowohl der Nahrungseinnahme wie der Ausscheidungen schafft grosse Macht, und noch viel mehr Macht schafft  die Koppelung der Erfüllung der körperlichen Bedürfnisse mit der –  genügenden oder der ungenügenden – Erfüllung des Bedürfnisses nach Anerkennung und nach Liebe. Die Erfüllung dieser wichtigsten seelischen Bedürfnisse wird mit einem komplizierten konditionalen System verknüpft, in welchem Beschämung und die Erzeugung von Scham beim Kind über sein ungenügendes Verhalten – ungenügend in Hinblick auf die namen- und vorbildverknüpfte normative Erwartung der Eltern –  eine wichtige Rolle spielen. Beschämung und Scham sind interne Konstrukte der Erniedrigung, die auf der Seite der Eltern wiederum wettgemacht werden durch unerreichbare Grösse sowie durch Güte, jedoch häufig durch ein konditionales Zugeständnis von Güte. Für das Kind wird klar, dass das So- und-nicht-anders-sein-Sollen, aus welchem das Identitätskorsett geschaffen ist, nie erfüllbar ist,  dass es immer in der Schuld bleiben wird. Dies wird im Unbewussten gespeichert und vorweg erinnert, prospektiv als Möglichkeiten des Verhaltens: entweder Anpassung, d.h. eine Art der demütigen Unterwerfung unter die diktierte, nicht erfüllbare Norm, oder Auflehnung und Eigendefinition der Norm.

So wird am einzelnen kleinen Menschen geübt und durchexerziert, was ganzen Völkern und Nationen, ganzen Kontinenten von ihren “Mutterländern” angetan wurde, zum Teil heute noch angetan wird – und was diese zu sprengen versuchen oder versucht haben: Kolonisation.

 

Das indirekte Erinnern

Als vor wenigen Jahren die algerische Schriftstellerin Assia Djebar in der Schweiz ihr Buch “Le blanc d’Algérie” präsentierte sowie einen Film  “La Zerda ou les chants de l’oubli”, den sie 1982 geschrieben und produziert hatte, fühlte ich mich auf merkwürdige Weise aufgewühlt, obwohl nichts aus dem Buch oder Film mich direkt betraf. Der Film, aus Archivaufnahmen zusammengebaut, schildert die generationenlange Geschichte der maghrebinischen Kolonisation, eine Geschichte der nationalen kulturellen Fremddefinition, eine über unzählige Menschengeschichten sich fortsetzende und sich vervielfachende Geschichte der Beherrschung über die Sprache (resp. über die Namengebung), über die Kontrolle der Bedürfnisse, eine Geschichte der mangelnden Anerkennung, der Unterwerfung und der unendlichen Demütigung. Die Demütigung, das wurde deutlich, bestand und besteht in der Verunmöglichung der Eigendefinition der Bedürfnisse und der Art und Weise deren Erfüllung.  „Verun-möglichung“ bedeutet, im Sinn des Wortes, Unterbindung von Möglichkeit. Was als Möglichkeit unterbunden wird, soll nie Realität werden. Zumeist resultiert Verunmöglichung aus dem Missbrauch von Macht, als Folge von Herrschaft. Dass jede externe Definitionsmacht Missbrauch generiert und in Herrschaft ausartet, wurde mir bei der Betrachtung des Films in der Abfolge der Bilder einmal mehr klar, und ich war davon erschüttert. Über das Fremde konnte Eigenes erinnert werden.

Im Gespräch mit Assia Djabar erinnerte ich mich, wie eine ähnliche Erschütterung von Frantz Fanon’s Buch “Les damnés de la terre” ausgegangen war, diesem Manifest des 1924 in der französischen Kolonie Martinique geborenen Bauernsohns, der in Frankreich Philosophie und Medizin studiert hatte, während des Zweiten Weltkriegs in der Résistance mitkämpfte und anschliessend als Psychiater in Algerien während drei Jahren eine psychiatrische Klinik leitete, worauf er in einem öffentlichen Brief an den französischen Generalgouverneur demissionierte und sich der Algerischen Nationalen Befreiungsfront anschloss. 1961 erschien Fanon’s Buch in Paris, mit einem Vorwort von Jean Paul Sartre, in welchem dieser die europäischen Länder, die “Mutterländer”, aufruft, sich in Fanon’s Buch zu vertiefen, damit sie verstehen, was auf sie zukommt, nämlich die Frucht der Demütigung, nämlich die während Generationen  zurückgehaltene Wut, die sich lange nicht als Gewalt gegen das “Mutterland” und dessen Herrschaft zu richten wagte, sondern im kolonisierten Land internalisiert und in sog. “Bruderkriegen” ausgetragen wurde. Sartre schrieb im Vorwort, dass “der Bruder, der sein Messer gegen seinen Bruder erhebt, glaubt, das verabscheute Bild ihrer gemeinsamen Erniedrigung ein- für allemal zu tilgen”. Er versuchte deutlich zu machen, worum es Fanon ging: um die Notwendigkeit, eine kollektive Neurose zu heilen, die von den Kolonialherren durch die Einführung des “Eingeborenenstatus” geschaffen worden war, eines Status der Beherrschung und der Unmündigkeit, jenem ähnlich, der für die Kinder defininiert wird. Das zutiefst Neurotisierende daran war, dass mit dem “Eingeborenenstatus” zugleich der Status des “Menschen” verlangt und verleugnet wurde, mit anderen Worten, dass von den Kolonisierten einerseits verlangt wurde, dass sie sich wie Angehörige des “Mutterlandes” bewegten, kleideten, arbeiteten, marschierten, als Soldaten kämpften, Steuern bezahlten, auch Schulen besuchen und studieren durften, dass sie sich aber andererseits immer ihrer Abhängigkeit und ihrer Minderwertigkeit bewusst bleiben sollten. Wollten sie den Status von “Menschen” im Sinn des “Mutterlandes” erlangen, mussten sie zu Komplizen der Kolonisierung werden.

Um die kollektive Neurose zu heilen, gibt es, nach Frantz Fanon, nur die Gewalt. Fanon rief mit seinem Buch zur Gewalt auf, zum Mut zur Gewalt. “Die Dekolonisation, die sich vornimmt, die Ordnung der Welt zu verändern, ist, wie man sieht, ein Programm absoluter Umwälzung. Sie kann nicht das Resultat einer magischen Operation, eines natürlichen Erdstosses oder einer friedlichen Übereinkunft sein”. Und Fanon fuhr fort, dass so, wie sich die Kolonisierung unter dem Zeichen der Gewalt abspielte und erzwungen wurde, sowohl äusserlich in der Organisation des Landes, wie innerlich in den Köpfen der Kolonisierten, die Dekolonisierung nur durch Gewalt erfolgen könne. Nur über die Gewalt könne der Prozess der Rückgewinnung der zur Folklore denaturierten, fremdbeherrschten eigenen Kultur und der politischen sowie der ökonomischen Unabhängigkeit eingeleitet werden, dieser Prozess der Identitätsfindung, der letztlich unabschliessbar ist.

Sind Fanon’s Thesen geeignet, um zu erklären, was in Türkisch-Kurdistan, in Kosova oder in Gaza sich Ausdruck verschafft, was aber auch die Israelis als Nation bewegt? Ich weiss nicht, wer Fanon’s Buch noch kennt. In den sechziger Jahren, als es erschien, wirkte es wie ein Fanal. Ich war damals knapp über zwanzig. Der Aufruf zur Gewalt,  die Gewalt selbst erschreckte mich. Gleichzeitig aber ahnte ich, dass der mit Gewalt verbundene Aufstand die kollektive Sprache für jene Auflehnung war, die ich selbst seit meiner Kinderzeit als Notwendigkeit empfand, für die ich einen Ausdruck suchte und auch auf unterschiedliche Weise fand, je nach den Möglichkeiten, über die ich vorweg verfügte. Ungehorsam, Widerspruch,  Fluchten (“fugues”), künstlerische, resp. symbolische oder literarische Formen des Ausdrucks, dann auch internalisierte Gewalt, etwa ein schwerer Unfall, stets der Versuch von Gegenentscheiden zu jenen der Vorfahren bezüglich meiner Entwicklung und Bildung, erneute “fugues” und Eigenentscheide, allmählich eine politische Eigendefinition in völliger Abkehr von der von den Herkunftskreisen vertretenen Bürgerlichkeit, welche die Kolonisierung der Frauen als Programm aufrechterhielt, damit eine Absage an die vorgegebenen Modelle der bürgerlichen Sicherheit, Zustimmung letztlich nur noch zum eigenen Programm der Auflehnung gegen Herrschaft, gegen Missbrauch der Kinder, gegen Missbrauch der Menschen in allen Bereichen, daher Zustimmung zur Auflehnung der Schwachen im eigenen Land und anderswo, welche durch die Auflehnung stark werden.

 

Das gelebte Leben

Es gibt Zeiten der Ermattung, in denen es scheint, dass die Kraft zum Widerstand gegen die innere Kolonisation abhanden gekommen ist. In diesen Zeiten geht das Gefühl von Realität verloren, auch das Gefühl für den Rythmus der Zeit, selbst das Gefühl für Recht und Unrecht. Die Unterwerfungszugeständnisse, die in solchen Zeiten gemacht werden, demütigen in einem Ausmass, dass Frustrationen und Selbstentfremdung den Menschen sich immer kleiner und ohnmächtiger fühlen lassen. Um des puren Überlebens willen lässt er/sie die Kolonialmacht gewähren, begehrt nicht mehr auf, aber spürt, wie diese ihn/sie im Innersten auf lebensbedrohliche Weise besetzt. Der Verlust der Widerstandskraft lässt die unbewusste Erinnerung an früheste Abhängigkeitsverhältnisse wach werden, als selbst das Weinen nichts fruchtete.

Was tat damals das Kind? Es war fähig zur Kreativität, es setzte seine Imagination ein und das Unbewusste aktivierte Kräfte aus dem Möglichkeitsraum. Wenn ich an Hecken vorbeigehe und wildes Sperlingsgezwitscher vernehme, kommt es mir vor wie das verzweifelte Hungerweinen der Kinder. Es ist beklemmend, ich spüre meine Ohnmacht, doch da befreit sich plötzlich ein einzelner Vogel aus dem undurchschaubaren Gewirr, manchmal eine ganze Schar. Irgendwie zeigt sich so, in welchem Mass der Kampf um die Erfüllung der eigenen Bedürfnisse einhergeht mit dem Kampf um das Erringen der eigenen Definitionsmacht, und wie dieser dem persönlichen wie dem kollektiven Prozess der Dekolonisierung entspricht. “Es gibt kein richtiges Leben im falschen”, schreibt Adorno in den “Minima Moralia”.

Aber was ist das “richtige Leben”? Selten lässt es sich anders denn im Rückblick erkennen, nach dem Aufspüren und dem Erkennen der Orte der Erinnerung. Es ist ein Weg, der in der Kindheit beginnt, dessen Anfänge aber viel weiter zurückliegen, in den Kindheiten der Eltern und Grosseltern und deren Eltern, dessen Verlauf und Geschichte bei jedem Sturz und bei jeder Ermattung spürbar wird, wobei er über das Erinnern und Bewusstwerden nach und nach weniger ängstigt, ob er schmal und steinig sei oder manchmal gar lustvoll. Fehlentscheide aus Unkenntnis gehören dazu, ungeeignetes und falsches Schuhwerk, Übereiltheit oder gar Blindheit beim Gehen, immer wieder Flucht, Umwege und Irrwege.All dies ist ermüdend und kräftezehrend. Doch Eros ist das Kind der Penia und des Poros, ausnahmslos in jedem Menschen. Wenn das Leben vorweg – mehr oder weniger – gelingt, dann, meine ich, als Zustimmung zu einer zwar kolonial geplünderten, jedoch wiederaufbaubaren und reparierbaren Welt. Im Lauf des Gehens werden nicht nur die Mängel des Weges bewusst, sondern auch Erinnerungen an das Ausstehen- und Überwindenkönnen  von Hunger, Durst, Einsamkeit und Erschöpfung, und ab und zu sogar wunderbar ein Gefühl der Rast und der tiefen, befreienden Erholung, eine Erfahrung von Glück.

 

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