Schutz auf Zeit – Eine Fotousstellung über alleinerziehende Flüchtlingsfrauen aus Bosnien-Herzegowina in der Schweiz und zur Lage in ihrer ehemaligen Heimat

Schutz auf Zeit

Eine Fotousstellung über alleinerziehende Flüchtlingsfrauen aus Bosnien-Herzegowina in der Schweiz und zur Lage in ihrer ehemaligen Heimat.

31. März 2000

 

Ich begrüsse sie herzlich, liebe, mir nahestehende Freundinnen aus dem ehemaligen Jugoslawien und aus der Schweiz, liebe Kinder, meine Damen und Herren.

 

Die von Balz M. Murer erarbeiteten Bilder vor mir zu sehen erfüllt mich sehr, mit starken Gefühlen und mit vielen Gedanken. Bilder bedeuten ein Festhalten der Zeit, in welcher sie aufgenommen wurden, der Zeit, wie die Menschen, die mir nahestehen und die wir hier sehen, sie erlebten, was sie ihnen bedeutete, auch wozu sie gebraucht wurde. Welche Zeit halten die Bilder fest? Eine Zeit des vielfachen Ausharrens der Ungewissheit des Lebens hier in der Schweiz, des alltäglichen Lebens mit den Kindern und deren so unterschiedlichen Bedürfnissen, der wechselseitigen Nähe der Frauen untereinander, die im Verlauf der Jahre, seit sie aus den unheilvollen, entsetzlichen Erfahrungen des Krieges, aus der kaum erträglichen Angst und Not, aus verschiedenen Städten und Orten des ehemaligen Jugoslawien, in die Schweiz gelangten und einander hier vertraut wurden, eine Zeit, in welcher sie einen Teil des Schmerzes heilen spürten und einen anderen Teil, der nicht heilbar ist, tief in sich verborgen hielten, um einander im Kampf gegen die undurchschaubar willkürlichen politischen Entscheide hier in der Schweiz zu unterstützen. Ihre Kinder hatten wiederum auf je eigene Weise die Flucht aus dem Haus, in welchem sie gelebt hatten, und den Verlust jeglicher Sicherheit als eine Zeit des unaussprechbaren Schreckens erlebt. „Wie eine Blume aus der Erde wurde ich ausgerissen aus meiner Kindheit“ hat ein vierzehnjähriges Mädchen die Erfahrung formuliert, die es mit allen verjagten und unter Not leidenden Kindern teilt. Die Kinder und deren Mütter traten hier in der Schweiz in Verbindung zu anderen Kindern und deren Müttern, aus dem Bedürfnis einer stärkenden Zusammengehörigkeit und Freundschaft mit jenen, die wie sie die Entfesselung des Bösen –  den Krieg –  überleben konnten und die alle das Bedürfnis haben, ein neues Leben zu leben. Manchmal gelingt es ihnen auf Grund der Zusammengehörigkeit Momente der Entspannung, ja sogar der Freude zu erleben.

Jedes Bild hält die innere und die äussere Zeit dieser Gruppe von Frauen und Kindern fest, einer Zeit, die vorbei ist, die jedoch von besonderer Bedeutung ist und die weitergeht, vorweg weitergeht, mit immer neuen Aufgaben, deren Erfüllung häufig enorm belastet. Dabei zu helfen sind einzelne Frauen und Männer gerne bereit, die hier in der Schweiz verschiedene Berufe ausüben, die hier unbedroht leben, die aber das Unrecht Flüchtlingen gegenüber nicht ertragen und die sich politisch und sozial, denkerisch und gefühlsmässig für diese Menschen einsetzen, für die Erwachsenen und für die Kinder. Die dadurch entstehenden Beziehungen, einander näher kommen, vertrauter, empfindsamer und verlässlicher werden, bedeuten eine wachsende, tiefe menschliche Wärme.

Ich erinnere mich sehr an die Anfänge der Verstärkung unserer gegenseitigen Beziehung. Am 13. Juni 1997 verschickte ich an mehrere Personen ein Protokoll, das die Besprechung mit vier der so mutigen alleinerziehenden Frauen mit Kindern im Schul- und Ausbildungsalter festhielt, die mir geschrieben und um Unterstützung gebeten hatten. Auf Grund der bundesrätlichen Bestimmungen hätten sie alle im Frühjahr 1998 nach Bosnien-Herzegowina zurückkehren müssen. Wir beschlossen, „alle denkbaren, erfolgversprechenden Anstrengungen zu unternehmen, um die Rückschaffung zu verhindern, oder wenigstens bis zum Abschluss der Ausbildung der Kinder aufzuschieben“. Eine dieser Anstrengungen bestand darin, dass jede Frau ihre Geschichte und die Geschichte ihrer Kinder niederschrieb, innerhalb weniger Wochen, und Anni Lanz und mir zuschickte, 61 Geschichten, aus denen noch im selben Jahr das Buch entstand  So viel standen wir durch. Dorthin können wir nicht zurück, dies mit der enorm grosszügigen Hilfe vieler zusätzlicher Frauen und einiger Männer. Zusätzlich  zum Buch, das auf mich überaus ergreifend wirkte und aus welchem am Abend des 5. April vorgelesen wird, entstanden zahlreiche persönliche Asyl- und Wiedererwägungsgesuche, von denen verschiedene bis heute nicht definitiv entschieden sind. Und nun sind die Photos aufgenommen und entwickelt worden, Photos der Menschen aus Bosnien-Herzegowina und Photos ihrer ehemaligen Heimat, all dies als Schutz auf Zeit.

Genügt Schutz auf Zeit, um leben zu können? Im Gedicht eines Flüchtlings, das ich unter vielen anderen Gedichten sammelte, als ich 1993 in Slowenien einen Teil der rund 70’000 Menschen kennenlernte, wird die gleiche Frage gestellt. Sie waren nach Ausbruch des Kriegs ins „Schwesternland“ geflohen und waren in zahlreichen Aufnahmelagern untergebracht, in alten Militärkasernen, in Barackenlagern ehemaliger Gastarbeiter, in alten ehemaligen Heimen usw.

 

„Jenseits des Flusses strömt das Leben.

Die Menschen besuchen einander,

die Menschen arbeiten, werden älter,

Alles geschieht so. wie man annimmt, dass es

Im normalen Leben geschieht.

Doch wir?

Wo sind wir in dieser Zeit?

Wo ist unser Platz?

Wo ist das Leben?“

 

Eine feste, sichere Antwort kennt kein Mensch, wenn es um die Dauer des Lebens geht, unabhängig von Krieg, Flucht und Not.  Schwere Krankheiten und Todesnähe tauchen häufig ohne Vorhersicht auf. Wenn es aber um den Wert des einzelnen Lebens geht, wird das Wissen vorweg verstärkt durch die Erfahrung, dass andere Menschen sich gegen die Gefühlskälte und die Rücksichtslosigkeit, die immer wieder mit offiziellen unmenschlichen Gesetzen und Asylentscheiden verbunden sind, in Bewegung setzen und sich deren Umsetzung – der Realisierung von Unrecht – entgegenstellen. Ein wenig Vertrauen mag daraus bei den leidenden Kindern und Erwachsenen wieder erwachen, als fühlten sie wieder die Erde unter sich, und mit dem Vertrauen ein allmählich sich stärkendes Wissen um das eigene lebendige Leben und um das Wiedererwachen der vielleicht zugeschütteten oder beinah erfrorenen Kräfte, so wie im Frühling nach einem  grausamen, härtesten Winter die beinah erstarrte Pflanze wieder zu wachsen beginnt und zu blühen. Dies zu ermöglichen und und dafür einzusetzen wollen wir nie aufgeben.

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