Braucht es „neue Werte“ und eine Moral des Verzichts oder eine Moral der Anerkennung der gleichen Menschenrechte und Grundbedürfnisse?

 

Braucht es „neue Werte“ und eine Moral des Verzichts

oder

eine Moral der Anerkennung der gleichen Menschenrechte und Grundbedürfnisse?

 

Unsere Gegenwart wird gemeinhin als die Epoche der  Postmoderne bezeichnet. Vom Begriff her hat sie also an der Moderne teil, lässt diese jedoch hinter sich zurück. Sie bedeutet Kritik und Infragestellung der Moderne, zugleich deren Überschreitung.

Die Postmoderne wird als Epoche der grundsätzlichen „Beliebigkeit“ gekennzeichnet. Der Rekurs auf die  e i n e  Vernunft als verbindliche Instanz ist geschwunden. Sie wurde abglöst durch die unbeschränkte Pluralität der Rekursmöglichkeiten, sei es auf die je individuelle Vernunft resp.Freiheit, sei es auf die Natur, sei es auf die Prozesshaftigkeit alles Zeitlichen, sei es auf den materiellen oder immateriellen, eventuell den hedonistischen Eigennutzen resp. Lebenssinn, sei es auf Gemeinsinn, sei es auf die Kehrseite oder Leugnung von Sinn resp. auf die Aporien der Existenz, auf die Eitelkeit und Vergeblichkeit allen Erkennens, Strebens und Handelns, auf das Absurde. In der Postmoderne zeigen sich klar die Grenzen der Freiheit, damit aber auch das Diesseits und Jenseits der Grenzen, die Grenzüberschreitungen und deren Folgen: neben dem Wirklichen das Virtuelle, neben dem Sagbaren das Unsagbare, neben dem Gestalten die Dekonstruktion und Auflösung. Die grosse Errungenschaft der Postmoderne scheint mir „die Subversion des Wissens[1] zu sein, wie Michel Foucault es ausdrückt, resp. das Wissen um die Brüchigkeit und Unzulänglichkeit allen Wissens, das Misstrauen gegenüber allumfassenden Rezepten und Heilslehren, überhaupt die Absage an das „Totale“ oder „Ganze“. Daraus ergibt sich die Verteidigung der Differenz, ob es sich um kulturelle, politische oder persönliche Zusammenhänge handle, etwa in der Philosophie oder Kunst hinsichtlich der  Konstitution von festen „Schulen“ und deren Zuordnung, was zur Selbstlegitimation jedes einzelnen Werkes führt, oder in der Politik hinsichtlich der Formulierung und Durchsetzung von „Pan“-Bewegungen (Panslawismus, Pangermanismus etc.), was eine Kontrolle und Zurückbindung totalitärer Bewegungen ermöglicht, oder in der Frage der  Persönlichkeitsentwicklung um die Abwehr fest definierter Identitäten, was sowohl bezüglich der Geschlechterrollen wie bezüglich der religiösen oder politischen Überzeugungen jeden Lernprozess, jede Wandlung und Neudefinition legitimiert. Erst dank dieser Entwicklung konnte zum Beispiel eine breite kollektive Ablehnung von Rassismus, Sexismus und Antisemitismus erreicht werden, die, trotz starker Gegenkräfte, unter anderem in der Schweiz im Jahre 1994 zur Annahme der UNO-Konvention gegen Rassismus und  des damit verbundenen Strafgesetzartikels geführt hat.

Die grösste Leistung der Aufklärung, resp. der Moderne war, vorher unanzweifelbare Rekursinstanzen für das Urteilen und Handeln, d.h. für die Rechtfertigung des Handelns, zu verabschieden: die Religion mit ihren strikten Glaubens- und Handlungsmaximen, das absolutistische Königtum mit seinen ständisch definierten Kategorien von Befehlenden und Gehorchenden, die Akademien mit ihren rigiden Massäben für die Anerkennung von Malerei, Literatur und Erkenntis als Kunst oder als Wissenschaft. Alles Handeln, das private und das öffentliche, Glauben und Wissen, wissenschaftliche und künstlerische Tätigkeit hatten fortan nur noch eine Rekursinstanz: die autonome Vernunft, d.h. das Vermögen jedes einzelnen Menschen, selbst das Richtige vom Falschen zu unterscheiden und das eigene Handeln zu rechtfertigen, ein Vermögen, das zugleich subjektiv ist und übersubjektiv, da es jedem Menschen eigen ist. Dank Kant kam es jedoch neben der Selbsteinsetzung der Vernunft als Begründungs- und Rechtfertigungsinstanz des Handelns auch zur Einsetzung der Selbstkritik der Vernunft, mithin zur unablösbaren Koppelung von Vernunft und Freiheit und zur Hinterfragung der durch den Verstand geschaffenen Begriffe durch den Rekurs auf die wahrnehmungsmässige, sinnliche Erfahrung.

Die Moderne bedeutete einen kulturpolitischen und gesellschaftspolitischen Quantensprung. Erst von diesem Moment an konnte Geschichte nicht als Fügung, sondern als „machbar“, d.h. als menschlich gelenkter und zu verantwortender Wandel erkannt werden. Die freiheitlichen Revolutionen und damit die die verfassungsrechtliche, demokratische Entwicklung der politischen Geschichte, von der amerikanischen Revolution mit der „Bill of Rights“ von Virginia von 1776 bis zur französischen mit der „Déclaration des droits de l’homme“ von 1791 bis zu den revolutionären Bewegungen und Verfassungsgebungen in praktisch allen  europäischen Ländern um 1848 herum – all dies waren Manifestationen der Freiheit, kollektive politische Manifestationen, die zugleich vom Freiheitswillen der einzelnen Individuen getragen waren. Und dank mutiger Frauen – Olympe de Gouges, Mary Wollstonecraft, Flora Tristan und andere mehr – wurde gleichzeitig der in der Französischen Revolution und durch die Frühsozialisten von Männern für Männer erklärte Rechtsanspruch auf Freiheitsrechte auch zum Rechtsanspruch der Frauen, damit erst zum Menschenrecht, und ebenso der gleiche Anspruch auf Bildung und Partizipation an der Gesellschaft, zudem jedoch auch auf Schutz vor patriarchaler und wirtschaftlicher Ausbeutung wie auf Teilhabe an Arbeitslosen- und Altersvorsorge.

Auch bei den in der ganzen Welt vor allem von Frauen geforderten und realisierten Verbesserungen im Bereich der Kinderbetreuung und der Berufsbildung von Frauen, bei den  – ebenfalls vor allem von Frauen  getragenen – pazifistischen Bewegungen im Vorfeld des I. Weltkriegs und in der Zwischenkriegszeit, bei der Erarbeitung und Verbreitung der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte von 1948, bei den Aufständen in den kolonisierten Ländern Afrikas und Asiens gegen die imperialistischen Mächte, ja bis zu den Aufständen um 1968 herum, die zugleich von der studentischen Jugend, den Arbeitern, den Frauen, den Schwarzen in Amerika, den pazifistischen Bewegungen gegen den Krieg in Algerien, in Vietnam und gegen atomare Aufrüstung unterstützt wurden – bei all dem ging es um das  emanzipatorische Anliegen, dass ein Leben und Zusammenleben gemäss dem Kriterium menschlicher Würde allen Menschen als Recht zusteht, dass Menschenwürde kein Privileg sein darf. Diese Manifestationen der Freiheit und Menschenwürde wurden immer gleichzeitig durch  massive antifreiheitliche, menschenverachtende Bewegungen und totalitäre Herrschaftskonstellationen unterdrückt, dadurch aber zugleich auch weiter entfacht. Denn immer wieder wurde dem Streben nach freiheitlicher, demokratischer und gerechter Verbesserung der Gesellschaft, d.h. nach der gleichen Partizipation aller an den politischen Entscheidungsprozessen und an der Nutzung des kollektiven Mehrwerts entgegengewirkt; immer wieder wurde dieser durch den Rekurs auf Ordnung und auf Kontrolle sowie auf Festigung der Entscheidungs- und Eigentumsvorrechte weniger bedroht und unterdrückt. Diese antifreiheitlichen und damit antihumanitären Entwicklungen fanden ihre Zuspitzung im Terror der totalitären faschistischen, nationalsozialistischen und stalinistischen Regimes dieses Jahrhunderts.

So sehr die Postmoderne mit den oben geschilderten kulturellen und politischen Entfaltungsmöglichkeiten und Öffnungen einen Fortschritt an Freiheit schafft, indem sie das Individuum für befähigt erklärt, selbst die Normen des Handelns zu setzen und zu rechtfertigen, schafft sie durch den Verzicht auf allgemein verpflichtende Normen und Werte grosse individuelle und kollektive Verunsicherungen, Überforderungen und Ängste, damit eine Beeinträchtigung der Freiheit. Die Folgen sind vielfältig. Sie zeigen sich u.a. in der Verhärtung politischer Forderungen nach mehr Ordnung, nach schärferen und restriktiveren Gesetzen etwa im Bereich des Ausländer- und Asylrechts (wie sich dies vor zwei Jahren im Gesetz über Zwangsmassnahmen äusserte oder in der Ablehnung der erleichterten Einbürgerung junger Ausländerinnen und Ausländer), nach nationaler Abschottung statt nach Öffnung (u.a. erkennbar in den negativen Resultaten der EWR- und UNO-Beitrittsabstimmungen, ja in der ganzen Europadiskussion), nach Leistungsbeschränkungen im Sozialbereich und in der Kultur. Diese Ängste zeigen sich aber auch in der Konjunktur fundamentalistischer Sekten und Religionen.

Zu diesen normativen Verunsicherungen gesellen sich enorme Subsistenzängste infolge der technologischen, wirtschaftlichen und ökologischen Entwicklungen, die sich mit noch nie erlebter Geschwindigkeit verschärfen. Die postindustrielle Gesellschaft kennzeichnet sich durch eine Veränderung der Produktionsbedingungen, -standorte und -arbeitsmöglichkeiten, deren Konsequenzen noch unabsehbar sind.  Schon heute zeigt sich, dass an den damit verbundenen technologischen und wirtschaftlichen Entwicklungen nur noch ein Bruchteil der Bevölkerung partizipieren kann, nur derjenige, der in der Beschleunigung der Marktglobalisierung und der technologischen Innovationen durch spezifische Kompetenz und Effizienz Schritt halten kann. Der andere Teil fühlt sich infolge der Rationalisierungen, Fusionierungen und beschleunigten Innovationen zunehmend marginalisiert und für überflüssig erklärt, auf spürbare Weise durch Entlassung, durch Arbeitslosigkeit, durch materielle Not, durch Sinnverlust oder durch andere Gründe. In den letzten fünf Jahren waren allein in der Schweiz 350’000 Arbeitsplätze verloren gegangen. Selbst wenn sich nun eine allmähliche Verbesserung der Arbeitslosenstatistiken zeigt, bleiben immer noch Hundertausende im Abseits – Ausgesteuerte, Frauen, Frühpensionierte, Jugendliche ohne Chancen.

Freiheit kann jedoch unter Bedingungen der psychischen und physischen Subsistenznot kaum oder nicht wahrgenommen werden. Da gibt es keine Optionen des Handelns, da gibt es nur Notwendigkeiten. Auch infolge dieser Zeitbedingungen werden politische und kulturelle Angebote, welche Sinngebung und/oder feste Strukturen und Sicherheit versprechen, und sei es durch die Konstruktion von Feindbildern, mit Hilfe derer die angeblichen Verursacher der Existenznot benannt und angegriffen werden können, gesucht und angenommen. Die breite Zustimmung der Massen Arbeitsloser in den dreissiger Jahren zum Nationalsozialismus sowie  zu den Zielen der antisemitischen und generell rassistischen Aufhetzung muss in Erinnerung bleiben. Vergleichbare Propagandaresultate sind auch unter den heutigen Bedingungen denkbar. Der Krieg im ehemaligen Jugoslawien mit den unsäglichen ethnischen Säuberungen ist ein Beweis dafür. Auf jeden Fall ist festzustellen, dass die Aufteilung unserer Gesellschaft in Effiziente und „Unbrauchbare“, in „marktkonforme“ Menschen und „nicht-konforme“ oder „überzählige“, wie der französische Kulturkritiker Paul Virilio in einem Interview bemerkte, auf exponentielle Weise zunimmt. Zur zweiten Gruppe gehören neben alten, kranken und/oder ausländischen Frauen und Männern auch viele junge Menschen insbesondere der unteren Bevölkerungsschichten.

 

Grundbedürfnisse sind nicht beliebig

Überzählig zu sein entspricht keinem Grundbedürfnis. Dagegen ist das Bedürfnis nach Integration, nach einer Aufgabe und einem Platz in der Gesellschaft prioritär. Simone Weil, eine französische Philosophin, die 1943 im Exil in London starb, entwickelt in ihrem letzten Werk „Enracinement[2], im ersten Kapitel, eine eigentliche Theorie der Grundbedürfnisse, die noch heute beachtenswert ist. Die Grundbedürfnisse sind allen Menschen eigen, unabhängig von Herkunft und Stand. Sie betreffen das körperliche und das psychische Leben, Körper und Geist jedes Menschen, sowohl als Individuum wie als Glied einer Sozietät. In der Befriedigung der Grundbedürfnisse sind alle Menschen aufeinander angewiesen. Diese Tatsache schafft jene  wechselseitige Abhängigkeit, deren Anerkennung eigentlich die Voraussetzung für gerechte Verhältnisse des Zusammenlebens schaffen müsste. Die Begründung der Grundrechte findet  sich letztlich in der Tatsache der Anerkennung und Stillung der Grundbedürfnisse der anderen Menschen ab. Simone Weil unterscheidet materielle und immaterielle Grundbedürfnisse, deren Nichterfüllung immer zu Hungererscheinungen führt, ja zum Tod des Menschen führen kann, ob es sich um den Hunger nach körperlicher oder nach geistiger Nahrung handle. Gemäss Simone Weil ist etwa das Bedürfnis nach Sinnhaftigkeit und Integration, nach Schönheit und nach Zuwendung ebenso prioritär wie dasjenige nach körperlicher Ernährung und nach einem Dach über dem Kopf, und dieses wiederum ebenso unverzichtbar wie jenes nach Freiheit und nach einer zustimmungsfähigen Ordnung.

Bei der Nichterfüllung von Grundbedürfnissen sind „Hungerkrankheiten“ die Folge, wie zahlreiche Forscher und Forscherinnen nachgewiesen haben, so u.a. der Basler Psychiater Raymond Battegay[3], Krankheiten der Seele, deren angestrebte Selbstheilung häufig in psychische oder physische „Unersättlichkeiten“ ausartet, die zum Teil auch als Süchte bezeichnet werden können. Drogensucht ist eine davon. Battegay untersucht verschiedene andere Erscheinungen, so etwa Anorexia nervosa, Adipositas, den „Hunger“ nach Fusion bei narzistisch Gestörten,  die unersättliche, destruktive Tendenz zu einer totalen Fusion mit einem Objekt und dessen Zerstörung, Herz-Kreislauferkrankungen bei behindertem Tatenhunger, den emotionalen Hunger bei lebensbedrohenden Krankheiten und weitere mehr.  Auch die „Unersättlichkeit“ der Workaholics ist dazu zu rechnen, oder jene der Konsum-, Kauf- und Sammelsüchtigen, vor allem auch der ungezügelte, masslose Machthunger. Schon Sigmund Freud hatte in seinem Essay „Das Unbehagen in der Kultur[4] auf die nicht-zeitbedingten, existentiellen „Ersatzbefriedigungen“ aufmerksam gemacht (oder der „Hilfskonstruktionen“, wie er Theodor Fontane aus dessen Roman „Effi Briest“ zitiert): „Das Leben, wie es uns auferlegt ist,  ist zu schwer für uns, es bringt uns zuviele Schmerzen, Enttäuschungen, unlösbare Aufgaben. Um es zu ertragen, können wir Linderungsmittel nicht entbehren. (…) Solcher Mittel gibt es dreierlei: mächtige Ablenkungen, die uns unser Elend geringschätzen lassen. Ersatzbefriedigungen, die es verringern, Rauschstoffe, die uns für dasselbe unempfindlich machen. Irgend etwas dieser Art ist unerlässlich“. Und etwas weiter, nachdem er die „ungezählte Male gestellte Frage nach dem Lebenszweck“ aufgenommen hat,  bemerkt er, dass die Menschen gemeinhin einfach nach dem Glück streben: „Es ist, wie man merkt, einfach das Programm des Lustprinzips, das den Lebenszweck setzt. Dies Prinzip beherrscht die Leistung des seelischen Apparates vom Anfang an. An seiner Zweckdienlichkeit kann kein Zweifel sein, und doch ist sein Programm im Hader mit der ganzen Welt, mit dem Makrokosmos ebensowohl wie mit dem Mikrokosmus. Es ist überhaupt nicht durchführbar, alle Einrichtungen des Alls widerstreben ihm; man möchte sagen, die Absicht, dass der Mensch ‘glücklich’ sei, ist im Plan der ‘Schöpfung’ nicht enthalten“. Freud stellt fest, dass „Glück“ nur als episodisches Phaenomen“ erlebbar sei, dass die „Fortdauer einer vom Lustprinzip ersehnten Situation nur ein Gefühl von lauem Behagen“ ergebe. „Wir sind so eingerichtet, dass wir allein  den Kontrast intensiv geniessen können, den Zustand nur sehr wenig“. Er skizziert dann, quasi mit  existenzphilosophischem Strich, die Komponenten des sowohl existenz- wie kulturbedingten „Unglücks“: die Körperlichkeit mit ihrer Anfälligkeit für Krankheiten und Leiden, letztlich die Sterblichkeit, sodann die „Aussenwelt mit ihren unerbittlichen, zerstörenden Kräften“, resp. die fremdbestimmten oder externen, nicht zur Disposition stehenden Bedingungen unseres Lebens (etwa die klimatischen oder politischen Verhältnisse unserer Zeit), schliesslich die Bedingungen, die sich aus den Beziehungen zu anderen Menschen ergeben.

Freuds abschliessende Feststellung im Essay über das „Unbehagen in der Kultur“, die „Schicksalsfrage der Menschenart scheine es zu sein, ob und in welchem Masse es ihrer Kulturentwicklung gelingen werde, der Störung des Zusammenlebens durch den menschlichen Aggressions- und Selbstvernichtungstrieb Herr zu werden“, möchte ich im Rekurs auf unsere Zeitbedingungen so modifizieren, dass es mir als entscheidend erscheint, ob und in welchem Mass es dem auf sich selbst zurückgeworfenen Individuum gelingt, seine Autonomie, seine selbstbestimmten Kräfte, letztlich seine Freiheit in den Dienst des besseren Zusammenlebens der vielen zu setzen, oder, in der Sprache der Aufklärung, zum Zweck des Gemeinwohls einzusetzen. Mit Bezug auf diese „Schicksalsfrage“ lohnt es sich, alle innovativen Kräfte aufzuwenden, um die Jugend von der „Attraktivität“ dieses Einsatzes zu überzeugen und um sie zu stärken, selbst neue Perspektiven zu eröffnen.

Unabdingbar erscheint mir, dass die Gefühle der Ohnmacht angesichts der überwältigenden „Unglücksbedingungen“ durch das Schaffen und Stärken von Vertrauen in die eigenen Kräfte gemindert werden, sowohl in die emotionalen und kommunikativen, wie in die praktischen und theoretischen, letztlich, nach Pestalozzi, in „Kopf, Herz und Hand“. Der Macht- und Markttendenz, welche ungezählte Menschen zu „Überzähligen“ stempelt, können nur die Menschen selbst entgegenwirken, indem sie unbedingt „dazu zählen“, „dazu gehören“, d.h. an der Gesellschaft und ihrer Veränderung partizipieren wollen. Dies jedoch setzt voraus, dass auf irgend eine Weise Pflichten angenommen und erfüllt werden. Das allein auf Rechte gegründete Anspruchsverhalten führt in die Passivität und letztlich in die Isolation. Da Integration und Partizipation unleugbare Grundbedürfnisse sind, muss zu deren Erfüllung die Bereitschaft, Pflichten zu übernehmen, vorhanden sein oder geschaffen werden. Nur so kann der einzelne Mensch, der so schnell „überzählig“ werden und abdriften kann, an etwas Grösserem als er oder sie selbst teilhaben, nur so mitverantwortlich werden für die Gestaltung, Veränderung und Verbesserung einer gesellschaftlichen Kultur, in welcher wiederum der einzelne Mensch in seiner Differenz und Besonderheit seinen Platz findet.

Jede Anstrengung muss unternommen, jeder Druck muss ausgeübt werden, damit das Schulsystem auf allen Stufen für alle Kinder und Jugendlichen ohne Einschränkungen offensteht. Die Tendenz, welche die Diskriminierung der Kinder aus ärmerer Herkunft anzeigt, muss unbedingt gebremst werden. Auch muss die Rationalität neuer Zeit- und Arbeitsverteilungsmodelle in allen Kreisen, vor allem in jenen der Arbeitgeber und Arbeitgeberinnen, verständlich gemacht und durchgesetzt werden. Es handelt sich um eine kulturpolitische und finanzpolitische Rationalität, da die Ausgrenzung und Unnützerklärung eines Drittels der Bevölkerung hier, der Hälfte der Menschheit weltweit unverantwortbar, unerträglich und letztlich unzahlbar ist. Das verhängnisvolle Phaenomen der Marginalisierung, welches aus der sozialen Überheblichkeit einer selbstbestimmten Mitte resultiert, kann nur durch die Befähigung und Stärkung der politischen Handlungsfähigkeit und gesellschaftlichen Partizipation jedes Individuums, d.h. durch die Stärkung dessen Subjekthaftigkeit und dessen Würde, korrigiert werden. Der Grundsatz, dass jeder Mensch Würde besitze, wie dies in Art. 1 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte festgehalten ist, ist universal, d.h. er gilt entweder für alle Menschen oder für niemanden, da die Universalität eines Grundsatzes keine Ausnahme erträgt. Gerade wegen oder trotz der Aufhebung allgemeiner richtungsweisender Werte und Normen der Postmoderne muss auf der unverzichtbaren Modernität dieses universalen Postulats bestanden werden.

 

Ein “gutes Leben” heute, eine Illusion?

Wen wundert’s, dass ein grosser Teil der Jugend und der Erwachsenen traurig ist und passiv oder aktiv Widerstand leistet gegen die sogenannten “Sinnangebote”der Zeit, und diese als verloren und unglaubwürdig erklärt? – oder dass ein anderer Teil sich auf rastlose Weise zerstreuen will, mit Sport und “games” und sich auf nichts Ernsthaftes mehr einlassen will? – oder dass ein anderer Teil von chemischen Ersatzangeboten des “Glücks” abhängig wird, sogar im Wissen um den Schaden, den sie sich selber zufügen? – oder dass nochmals ein anderer Teil die überall spürbare Gewalt weniger internalisiert und gegen sich selber wendet, sondern sich Feindbilder schafft – Schwächere, Behinderte, asylsuchende Fremde, Alte, Kinder – und diese terrorisiert? Süchte beschränken sich nicht auf Konsum von Alkohol, Nikotin, Heroin und anderen chemischen Stoffen, sondern haben die vielfältigsten Formen, die alle Ersatz für nicht erfüllte Grundbedürfissse sind – für das nicht erfüllte Bedürfnis nach Angenommensein, nach Zuwendung, nach Frieden, nach Sicherheit und Freiheit, nach einem gestaltbaren, erlebbaren sinnhaften Leben im Zusammenleben mit anderen Menschen.

Aus meiner psychoanalytischen Erfahrung weiss ich, dass jedem Menschen seine eigene Vergangenheit, so wie sie ihm von seinen Eltern geschaffen wurde, sehr viel mehr eigen ist als er/sie dies je bewusst erfassen kann, denn die Geschichte der frühen und späteren Kindheit kommt nicht nur durch eigenes Erleben zustande, sondern auch durch eine Folge unbewusster Übertragungen. Es ist zumeist eine Geschichte des Leidens, des existentiellen Zukurzkommens, der seelischen (manchmal auch der materiellen) Entbehrungen, der Erfahrung von emotionalem Hunger, von Ängsten, von Alleingelassensein, von Stummheit und Streit, von Kälte und von Grausamkeit – häufig unter den verstörenden Beteuerungen elterlicher oder familiärer oder betreuerischer Liebe. Es ist auch bekannt, dass ein eigener Lebensentwurf nur dann vorstellbar ist und nur dann gelingen kann, wenn Menschen sich selbst annehmen können, sowie sie sind, in der je eigenen Besonderheit, mit den je eigenen Schwächen und Talenten. Sich annehmen können aber setzt die Erfahrung des Angenommenseins voraus. Manchmal ist dies erst in der therapeutischen Erfahrung möglich, manchmal überhaupt nie in einem Mass, das erlauben würde, alles Leiden, alle Mangelerfahrungen, auch das Gefühl der “Schuld”, nicht “genügen” zu können, in eine echte und umfassende Akzeptanz zu integrieren. Süchte sind in starkem Mass ein Versuch, die Mangelerfahrungen zu kompensieren: durch Übermässigkeit – eine beinah spiegelbildliche Internalisierung der äussern, nach generellen Kriterien “normalen”, jedoch krankmachenden Masslosigkeiten.

Welches sind, angesichts dieser Summierung von individuellem und von kollektivem Erleben des Werteverlusts und des Selbtwertverlustes, konsensfähige Werte? Welche Werte könnten eine Korrektur, eine zugleich heilende und ermutigende Korrektur in einer Situation der Resignation bedeuten?

Ich denke, dass Menschen gegenseitig, insbesondere Kindern und Jugendlichen gegenüber, vor allem aufmerksam und einfühlsam, und sehr klar und sehr verlässlich sein müssen. In erster Linie gilt es, Voraussetzungen zu schaffen, die es jungen Menschen erlauben, dem Unglück und der Not der Zeitbedingungen – den Paradoxien – standzuhalten und so Zukunft ins Auge zu fassen. Das aber setzt voraus, dass diejenigen Werte, die in Erziehung und Bildung vermittelt werden sollen, von den Erwachsenen spürbar verköpert und glaubwürdig vorgelebt werden (so im Sinn der aristotelischen Ethik). Es sind diejenigen Werte, die das Mass des Menschen, des Menschlichen wiederherstellen: Respekt und Aufmerksamkeit. Es geht darum, der Masslosigkeit, der Hybris der scheinbar allmächtigen “Macher” wie der daraus wachsenden Indifferenz vor dem Leiden den Respekt vor dem Mass des Menschen entgegenzustellen. Im Alltag des Unterrichts, zum Beispiel, bedeutet dies, die Individualität und Differenz der einzelnen Schülerin, des einzelnen Schülers als deren/dessen Mass ernstzunehmen und anzunehmen. Nur über das Angenommenwerden kann sich Freiheit entwickeln. Angenommensein/Aufgehobensein/Vertrauen und Freiheit bedingen sich wechselseitig. Die Kehrseite, resp. die Verweigerung des einen wie des anderen führt zum Gefühl des tödlichen Bedrohtseins, der Leere, der Verlassenheit und der lähmenden Unfreiheit.

Wie aber lässt sich der Wert des menschlichen Masses operationalisieren? In der praktischen Philosophie gibt es eine dreistufige Grundregel, die hier Anwendung finden kann: sehen, resp. hören (Realität wahrnehmen), verstehen und urteilen, handeln. Mit anderen Worten: Gut zuhören, angstfrei zuhören heisst, Aufmerksamkeit auf die individuelle Besonderheit des einzelnen Menschen richten, die weder von Vorurteilen noch von Trends noch von Lehrmeinungen (Doktrinen, Ideologien) abhängig ist, sondern die im urspünglichen Sinn des Wortes “sym-pathein” (“mit-leiden”) bedeutet. Dadurch kann Vertrauen entstehen. Vertrauen ist ein dialogischer Prozess, der sich im gleichen Mass verstärkt, in welchem er Missbrauch ausschliesst. (Vielleicht ist dies der ursprüngliche Sinn von “re-ligio”: Rück-bindung, Rückkoppelung?). Zeit haben für diesen Prozess der Vertrauensbildung, der Herstellung und Festigung von Respekt bewirkt eine spürbare Verlangsamung im Rhythmus der Abläufe von Verpflichtungen, Erfüllungen und Aufgaben. Im dabei entstehenden Dialog wird das gegenseitige gleiche Bedürfnis von Erwachsenen und Kindern, Einheimischen und Fremden nach personalem Respekt, d.h. nach Freiheit und nach Verlässlichkeit der Beziehung, nach gleichem Respekt vor der Besonderheit, vor der Ungleichheit erfüllt – manchmal nicht sofort, manchmal erst nach Überwindung und Heilung eines seit langem bestehenden Misstrauens, ja eines Widerstands gegen mögliche positive Veränderung der Erfahrungen.

Dieser Widerstand darf nicht entmutigen. Ihn zu verstehen und auszuhalten lässt die tragfähige Voraussetzung entstehen, die eine andere Praxis, ein anderes, ein neues Handeln ermöglicht, das dem Sinnbedürfnis, dem Ausdruckbedürfnis des einzelnen Menschen entspricht. Denn zu den wichtigsten nicht-materiellen Grundbedürfnissen gehören diese: ein Leben in tragfähigen Beziehungen leben und der Existenz Ausdruck verleihen. So liesse sich sagen, dass Verlässlichkeit des Beziehungsangebots und Mut, Ermutigung zum sinnhaften Handeln zu den wichtigsten Werten gehören, die als „neue Moral“ vermittelt werden können. Verzicht auf Überflüssiges, vor allem aber auf Ersatzbefriedigungen, bedarf dann nicht der besonderen Moral.

 

Der besondere Kampf gegen die Armut

Die UNO hatte das Jahr 1996 zum Internationalen Jahr der Armut  erklärt. Hat sich seither die Armut weltweit verringert? Im Gegenteil. Meine These, dass Armut eine – buchstäblich unerträgliche – Menschenrechtsverletzung ist, da sie die Freiheit der in Armut lebenden Menschen, resp. die Optionen des Handelns, insbesondere die Möglichkeiten der politischen und kulturellen Partizipation auf diskriminierende Weise einschränkt, gilt nach wie vor.

Dass Armut keine unvermeidbare gesellschaftliche Notwendigkeit ist, wirkt nach wie vor als Provokation. Armut wurde und wird von der Welt geschaffen, von jedem Land und von jeder Gesellschaft. Ökonomisch gesprochen ist sie das Resultat eines bestimmten Verteilungs- und Investitionsschlüssels des gesellschaftlichen Mehrwerts. Moralisch gesprochen ist sie die Schuld jenes Teils der Welt, der im Überfluss lebt, der diesen Überfluss vergeudet und verschwendet, ob für private oder für militärische und andere nicht-gemeinwohlfördernde öffentliche Zwecke, die Schuld jenes Teils der Welt, der eifersüchtig und schlau sein Eigentum verteidigt und die Augen verschliesst vor jenem anderen Teil der Welt, vor jenen Menschen, “die im Dunkeln leben”, wie Bertold Brecht schrieb, welche die Chancen der Freiheit nur in der Theorie haben, tatsächlich aber weder die Möglichkeit zu lernen und sich Wissen anzueigenen noch so zu arbeiten, dass sie sich und die Ihren ohne Not ernähren können, die keinen Ort haben, wo sie sich wirklich erholen können, keinen Ort, wo es schön ist, die auch keine Aussicht auf echte Erleichterung und nachhaltige Veränderung ihrer Situation oder jener ihrer Kinder haben. Auch diesbezüglich braucht es weniger eine Moral des Verzichts, als eine Moral der Gerechtigkeit: Grundbedürfnisse, deren Erfüllung für mich unverzichtbar ist, sind Grundbedürfnisse aller Menschen, und deren Erfüllung ist für alle unverzichtbar. Es bedarf politischer, transnationaler Einrichtungen, in deren Zuständigkeit die gerechte Verteilung der Güter und der wirtschaftlichen Partiziption liegt.

Unter Armut verstehe ich also nicht die Erfahrung eines geringeren Einkommens und einer Verknappung der Mittel über kürzere oder längere Zeit, aber als befristete Erfahrung, wie diese heute viele Menschen kennen. Ich verstehe unter Armut die grosse Armut, die von den Menschen, die in dieser Armut leben müssen, selbst wie eine ungerechte lebenslängliche Verurteilung empfunden wird.

Ich hoffte 1996, dass eine Veränderung – eine nachhaltige Veränderung – erfolge, dass in jenem Jahr eine breite Bewegung entstehe, die das unzumutbare Unglück, die Unerträglichkeit der Armut aufdeckt und zu deren Bekämpfung aufruft – eine Bewegung, wie in den siebziger Jahren Black Power in den USA zur Bekämpfung der Rassendiskriminierung, oder wie Greenpeace zur Bekämpfung der Zerstörung der Weltressourcen. Armut bedeutet die Zerstörung der Hoffnungsressourcen einer ganzen Menschheit. Noch immer erhoffe ich

(1) ein verstärktes Bewusstsein bei immer mehr Menschen, ja eine wachsende Beunruhigung, dass Armut weltweit der am meisten verdrängte und zugleich der grösste und ständig sich noch vergrössernde  Menschenrechtsskandal ist, eine Verletzung der körperlichen und seelischen Integrität von insgesamt Milliarden von Menschen. Und ich erhoffe

(2) eine Aktivierung des gemeinsamen Kampfs der Armen sowie der Nicht-Armen und Weniger-Armen für eine Beseitigung der Ursachen und der Folgen der Armut.

Hoffnungen, im Gegensatz zu Träumen, sind Zielsetzungen. Denn analog zur Folter ist Armut eine Verletzung fundamentaler Menschenrechte und ist daher unerträglich. Unerträglich auch, dass in besonderem Mass Frauen und Kinder die Opfer sind.

 

Armut ist der grosse Menschenrechtsskandal

Wenn ich sage, Armut sei ein Menschenrechtsskandal, so begründe ich dies mit der Nichterfüllung der Grundbedürfnisse. Menschenrechte, Grundrechte haben ihre Allgemeingültigkeit in der Tatsache der gleichen existentiellen Bedürftigkeit aller Menschen. Diese Bedürftigkeit ist dergestalt, dass sie nur durch die Aufmerksamkeit der anderen Menschen und durch ihre Bereitschaft, sie zu stillen, das heisst durch ihr Handeln, ertragen werden kann, ob es sich um den physischen Hunger handle oder um den geistigen, um das Bedürfnis nach Erhaltung und Förderung des körperlichen Leben oder um das Bedürfnis nach Erkenntnis, nach Bildung, nach Liebe, nach Respekt, nach Partizipation an den Entscheiden, deren Folgen viele betreffen, ein ganzes Dorf oder eine ganze Stadt, nach Partizipation an der politischen und sozialen Verantwortung, ob es sich um das Bedürfnis nach Schönheit, nach Erholung und nach sinnhafter Arbeit handle. Niemand kann diese Bedürfnisse allein stillen, jedes Kind, jede Frau und jeder Mann ist dafür auf andere Menschen angewiesen. Nun ist es so, dass, indem ich die Grundbedürfnisse der anderen anerkenne und zu deren Stillung beitrage, ich mir das Recht erwerbe, dass meine eigenen Bedürfnisse anerkannt und gestillt werden. Da dies für alle Menschen so gilt, da bei allen die gegenseitige und wechselseitige Anerkennung der je gleichen Bedürftigkeit vorausgesetzt ist, wird der Anspruch auf Erfüllung der Gundbedürfnisse zum Menschenrecht. Von “universellen” Menschenrechten kann nur die Rede sein, wenn tatsächlich niemand davon ausgeschlossen ist: wenn der Gesellschaftsvertrag, den jede staatliche Verfassung darstellt, die Erfüllung der Grundbedürfnisse garantiert. Nun ist es jedoch so, dass dieser Anspruch noch in keiner Verfassung garantiert ist, sodass die universelle Menschenrechtserklärung Rethorik bleibt. Und der praktische Anspruch scheint nur für Menschen zu gelten, die “im Licht” stehen, die über Mittel, über Geld und Publizität verfügen, damit sie ihre Rechte geltend machen können. Der gleiche Anspruch geht bei den Armen ins Leere. Sie verfügen weder über Publizität noch über andere Druckmittel. Es ist, als seien ihre Stimmen tonlos, obwohl sie einen riesigen Chor darstellen. Sie erfahren Verachtung statt Achtung, abgewendete Blicke statt Aufmerksamkeit, höchstens Fürsorge statt Partizipation. Selbst die Fürsorgeleistungen werden unter neoliberalen Bedingungen zunehmend reduziert und an Effizienzbedingungen geknüpft.

Gewiss, es werden durch kantonale Fürsorgeämter seit einigen Jahren für Frauen und Männer, die in Armut leben, zunehmend Befähigungsprogramme geschaffen, Umlern- und Weiterlernangebote, die aus den Engpässen von Arbeitslosigkeit, Fürsorgeabhängigkeit und Selbstwertverlust herausführen sollen, die Kenntnisse und Selbstvertrauen vermitteln sollen. Arme sollen nicht weiter Almosenempfängerinnen und Almosenempfänger sein, sondern, indem ihnen Hilfe und Anleitung zur Selbsthilfe geboten wird, sollen sie sich selbst die  Möglichkeit schaffen, die einseitige Abhängigkeit zu verändern. Doch es braucht dazu nicht nur diese Programme, es braucht bei den Armen Mut, vor allem aber braucht es Ermutigung durch die Gesellschaft. Diese aber fehlt zumeist. So ist es häufig der Mut der Verzweiflung, der hinter dem Entschluss steht, sich für Kurse und Weiterbildungsprogramme zu melden, da die heutige Arbeitsmarktsituation Menschen, die keine Erfolgszeugnisse vorzeigen können, deren Curriculum nicht Effizienz verspricht, sondern von Misserfolgen gezeichnet ist, schon kaum mehr eine Einstiegschance gewährt. Ist es da verwunderlich, dass viele, die sich ein Herz genommen haben, ihre Situation zu verändern, nach kurzer Zeit resignieren? Armut – ein Menschenrechtsskandal. Es sind weltweit Millionen von Menschen, es ist zumindest die Hälfte der Menschheit, die Opfer der Kälte, der Härte und Indifferenz der anderen Hälfte sind, allein in der Schweiz, nach offiziellen Statistiken, an die 500’000, die unter dem sogenannten “Existenzminimum” leben, die ihre Grundbedürfnisse nicht erfüllen können. Die Zahlen wachsen schnell an: 1994 waren es gesamtschweizerisch insgesamt 245’000 Menschen, die Sozialhilfe brauchten, doppelt so viele wie 1990. Innerhalb von zwei Jahren hatte sich die Zahl wieder verdoppelt.

Um zu wissen, was diese Zahlen bedeuten, müssen wir unsere Vorstellungskraft anstrengen, müssen wir uns 500’000mal je ein einzelnes Leben vorstellen, ein Leben der ständigen Erniedrigung, des ständigen Leidens. Es ist tatsächlich der Folter vergleichbar. Die aufwühlendste Tatsache ist, dass, wer arm ist, keine Freiheit wahrnehmen kann. Wer arm ist, lebt allein unter dem Gesetz zwingender Notwendigkeiten, zwingender “Notdurft”, wie die Philosophin Hannah Arendt die blosse Subsistenzerhaltung nennt. Ein Leben ohne Freiheit ist ein Leben der Unterdrückung. Was aber sind die Folgen eines Lebens in Unterdrückung, in Unfreiheit und in ständigem Leiden? Es sind Hoffnungslosigkeit und Bitterkeit, es sind tiefe Depressionen, das heisst ein allmähliches Absterben der Lebenskräfte – oder es ist Auflehnung, eventuell sogar aggressive Auflehnung, Auflehnung, die in Gewalt übergeht, wie sie immer wieder in grossen Städten, in New York, in Paris, Marseille, London und anderswo aufflammt, wie sie jedoch immer durch die viel mächtigere Gegengewalt des Staates, durch Polizeigewalt, durch Waffengewalt erstickt wird, ohne dass deren Ursachen verändert würden. Darum aber muss es gehen: um die Veränderung der Ursachen der Armut. Die Folgen der Armut werden sich dann von selbst verändern. Wenn, wenn… Solange mit “wenn” argumentiert wird, geschieht nichts. Daher haben überall in der Welt die Armen begonnen, sich zu wehren, statt länger stumm zu dulden. Sie haben begonnen, für die Erfüllung ihrer Grundbedürfisse und ihrer Rechte zu kämpfen.statt auf eine Veränderung zu warten, die doch nie erfolgt,

 

Die vierte Welt sagt der ersten den Kampf an

Der Impuls ist nicht neu. Schon vor rund 160 Jahren schrieb der französische Frühsozialist Auguste Blanqui: “Sehen Sie, das ist der Krieg der Armen gegen die Reichen. Allen Besitzenden muss daran liegen, den Ansturm abzuwehren. Dies ist der Krieg zwischen den Reichen und den Armen. Die Reichen haben es so gewollt, denn sie sind die Angreifer. Schlecht finden sie nur, dass sich die Armen zur Wehr setzen.” Der Aufstand, von dem ich Ihnen spreche, ist allerdings kein Krieg, es ist eine Bewegung mit demokratischem Charakter, eine starke Bewegung des Widerstandes gegen Unrecht: eine Menschenrechtsbewegung. Aus dieser Bewegung heraus haben sich Organisationen gebildet, unter anderen “ATD Vierte Welt” und “Kairos Europa”.

Diese beiden Bewegungen haben zwar religiöse Gründungsimpulse gehabt, sind jedoch in ihrer Ausrichtung sekuläre Bewegungen. Es ist den Kirchen und anderen religiösen Gemeinschaften gewiss nicht abzusprechen, dass sie sich für eine Veränderung der Gründe und Folgen der Armut einsetzen, im Gegenteil. Es gibt an vielen Orten diesbezüglich ein erfreuliches, längst nötiges Umdenken, hatten doch gerade die Kirchen während allzu langer Zeit den Armen die falschen Tugenden gepredigt (etwa Demut in der Annahme von “Gottes Willen”). Ungerechtgkeit, Demütigung, wirtschaftliche und kulturelle Not können nicht “Gottes Wille” sein. Auch dienten die “mitleidvollen Gaben”, wie sie zum Habitus der Kirchen und der Gläubigen gehörten, ja kaum dazu, die Armut zu verändern, sondern eher, die Armen in ihrer Armut, in ihrem “Stand” zu fixieren, resp. die ständische Hierarchie, zu der eben auch die Armut gehörte, aufrechtzuerhalten, gleichzeitig dienten sie der Gewissensberuhigung der mitleidvoll Gebenden. Aber die Armen wollen kein Mitleid, sondern ein Ende der Ausgrenzung. Ich sage es nochmals: Sie wollen Gerechtigkeit und volle gesellschaftlliche und politische Partizipation.

Es genügt jedoch nicht, dass die Bekämpfung der Armut Sache der Religionen ist. Es genügt schon lange nicht, es genügt heute, wo Erfindergeist und Technologie es ermöglichen, die meisten Probleme zu lösen, erst recht nicht mehr. Die Verringerung und Überwindung der Armut muss ein vorrängiges politisches Ziel sein, nicht nur einer linken Politik, sondern der Politik überhaupt. Eine Gesellschaft ist nur so stark wie ihre schwächsten Glieder es sind. Die Erfahrung und politischen Folgen der grossen allgemeinen Armut und Verelendung in den drreissiger Jahren infolge der enormen Inflation und Arbeitslosigkeit müsste genügen, damit nicht länger gezögert wird. Es braucht

(a) dringend neue Arbeitszeitmodelle, damit Arbeit nicht zum seltenen  Privileg von wenigen wird, damit nicht länger eine zunehmende Zahl von Menschen ihre Existenz als wertlos erleben,

(b) neue Partizipationsmodelle dank einer Verstärkung der Bildungs- und Weiterbildungsangebote,

(c) neue Verteilungsmodelle des kollektiven Mehrwerts und

(d) eine Verfassungsgarantie für die Erfüllung der Grundbedürfnisse.

Wir haben genug Fachleute, die in der Lage sind, praktische Umsetzungsmöglichkeiten dieser Modelle zu erarbeiten. Was wir jedoch vorgängig schaffen resp. stärken müssen, ist die Einsicht in die politische Dringlichkeit dieser Aufgabe, sodann den politischen Willen, aus der Einsicht die politischen und sozialen Konsequenzen zu ziehen. Das bedeutet im Klartext, dass diejenigen, die nicht in Armut leben, bereit sein müssen, den Gürtel enger zu schnallen, damit diejenigen, die in Armut leben, weniger eingeengt leben können. Alle diese politischen Forderungen haben jedoch nur eine Chance, verwirklicht zu werden, wenn das Menschenbild enthierarchisiert wird, d.h. wenn die Verschiedenheit der Menschen nicht länger als Wertverschiedenheit gilt, sondern als Varietät des gleichen Menschseins, der gleichen “Menschheit” in jedem einzelnen Menschen, wie Immanuel Kant in der “Kritik der praktischen Vernunft” schreibt.

 

Die besondere Armut der Frauen

Ich musste – wollte – zuerst die Unerträglichkeit der Armut überhaupt schildern, bevor ich abschliessend auf die besondere Armut von Frauen eingehen. Sie ist auf anschauliche Weise eine Folge des hierarchisierten Menschenbilds, das dem konventionellen Geschlechterverhältnis in allen Schichten der Gesellschaft zugrundeliegt, dem entsprechend den Frauen ein noch geringerer Wert, ein noch geringeres Recht auf Freiheit zugesprochen wurde – und zum Teil noch immer wird – als selbst den sozial am wenigsten geachteten Männern. “Jeder Proletarier hat noch eine Frau, die ärmer ist als er und die er unterdrücken kann”, schrieb Flora Tristan, die 1844 in Bordeaux gestorbene Frühsozialistin und Frühfeministin.

Eine besondere Armut? Es sind gemäss allen Statistiken und Armutsstudien tatsächlich mehr Frauen als Männer, die unter dem Existenzminimum leben, zugleich aber verwendet der Grossteil der in Armut lebenden Frauen ihre Energie vor allem darauf, die Armut zu verbergen. Im Strassenbild in den grösseren Städten der Schweiz treten sie kaum in Erscheinung, in den Obdachlosenunterkünften sind sie seltener als die Männer, und falls sie dort unterkommen, wirken sie häufig eher wie Pensionärinnen. Auch mit den spärlichsten Mitteln gelingt es vielen,  die sichtbare Verelendung, ja Verwahrlosung aufzuhalten, nicht nur die äussere, die mit der Erscheinung zu tun hat, sondern auch die innere, die mit der sozialen Kompetenz korreliert ist. Da bei Dreivierteln der Scheidungen die Kinder bei der Mutter bleiben, jedoch bei einem ebenso grossen Prozentsatz Frauen und Kinder nach der Scheidung ärmer sind als vor der Scheidung und ärmer als die Männer nach der Scheidung, bedeutet für viele Frauen Scheidung zugleich Armut. Bis zur jüngsten Revision der AHV hatte eine Scheidung vor allem katastrophale Folgen im Alter, vor allem für Frauen ohne eigenes Einkommen. Seit kurzem werden nun Haus- und Erziehungsarbeit als rentenberechtigt gewertet – ein grosser Fortschritt, der nicht gefährdet werden darf. Doch nicht erst im Alter, zumeist schon im aktiven Leben bedeutet Scheidung für viele Frauen, dass sie von diesem Augenblick an auf Sozialhilfe angewiesen sind, auf staatliche Alimentenbevorschussung, auf stundenweise, schlecht bezahlte Arbeit, falls sie überhaupt Arbeit finden. Noch immer ist es in der Schweiz so, dass die Arbeit von Frauen bis zu einem Drittel schlechter bezahlt wird als die Arbeit von Männern – gleichwertige Arbeit -, um welche Arbeit es sich auch handle, um sogenannt “unqualfizierte” oder um “qualifizierte” Arbeit, um Fabrikarbeit oder um intellektuelle Arbeit. Aber Arbeitszeit ist Lebenszeit, d.h. die Geringerwertung der Arbeitszeit von Frauen bedeutet zugleich die Geringerwertung der Lebenszeit von Frauen. Es ist ein offener Skandal, der jedoch von einem Teil der Arbeitgeberseite kaltblütig fortgesetzt wird. Und da die Löhne der Frauen tiefer sind, da sie infolge von Familienrücksichten und aus anderen Gründen häufiger die Stelle wechseln müssen, sind sie auch bei den Arbeitslosenentschädigungen  benachteiligt, da diese ja nach Lohnprozenten und Dauer der Anstellung ausgerechnet werden. Dazu kommt, dasss in der Schweiz wichtige soziale Absicherungen, wie die Mutterschaftsversicherung, noch immer ausstehen und von bürgerlicher Seite auch weiterhin torpediert werden. Auch die Tatsache der häufigen Konsumkredite führt zu einer weiteren Zunahme der Armut von Frauen, nicht weil diese sich häufiger verschulden würden als Männer, im Gegenteil, sondern weil sie nach Trennungen und Scheidungen auf den Kredit- und Abzahlungsverträgen sitzenbleiben, die sie mitunterschrieben haben, manchmal noch jahrelang, nachdem die Männer sich aus dem Staub gemacht haben.

Gestützt auf die Erfahrungen der Armutsbekämpfung in der Dritten Welt, bei der spürbare Erfolge an der Basis über Frauenbildungs- und Unterstützungsprojekte erzielt werden, sollten auch bei uns die Mittel zur Veränderung der Lebensbedingungen analog eingesetzt werden. Frauenprojekte in Nicaragua, in San Salvador oder in Burkina Faso, von denen ich Kenntnis habe, konnten erreichen, dass Frauen ihre Vereinzelung durchbrechen und sich, zum Beispiel, in Produktions-, Verkaufs- oder Weiterbildungskollektiven zusammenschliessen. Es ist nötig, dass Frauen sich in stärkerem Mass miteinander und untereinander solidarisieren, aus welcher sozialen Schicht, aus welchem Land sie auch kommen, Einheimische und Ausländerinnen.

Jede echte Solidarisierung kann schon nach kurzer Zeit positive Folgen haben, sowohl für die tatsächlichen Lebensbedingungen von Frauen im Zusammenhang mit konkreten Projekten wie auch in politischer Hinsicht, wenn Frauen ihre Abstimmungs- und Wahlzettel in Übereinstimmung mit ihrem Bedürfnis nach gerechten Lebensbedinungen für alle aufüllen, wenn sie sich auch zumuten, selbst für politische Mandate zu kandidieren.. Die Veränderung der Armuts- und Unrechtsbedingungen auf demokratischem Weg ist keine Utopie. Die Frauen sind mehr als die Hälfte der Bevölkerung, und da in der anderen Hälfte auch ein Teil der Männer die grossen sozialen und kulturellen Diskriminierungen als unerträglich empfindet, könnten neue Arbeitszeitmodelle, fortschrittliche Sozialversicherungen, Bildungs- und Weiterbildungsmöglichkeiten, könnten in sozialer und kultureller Hinsicht ganze Strukturveränderungen auf politischem Weg erreicht werden. Nicht nur die Armut, auch die Bekämpfung der Armut ist eine Frage der Verteilung  – der Umverteilung – des kollektiven Mehrwerts. Dass zusätzliche Quellen für die Erfüllung der wachsenden Aufgaben gefunden werden müssen – sei dies zum Beispiel über die Besteuerung der Spekulationsgewinne oder des Verbrauchs der nicht-erneuerbaren Energien – muss ernsthaft mitberücksichtigt werden. Meine Vorstellung und Forderung ist, dass in allen Kantonen und auf Bundesebene zu diesem Zweck aus allen Schichten der Bevölkerung, mithin unter Einbezug von Vertreterinnen und Vertretern der aktiven Anti-Armutsbewegungen, innovative “brain pools” geschaffen werden, welche die verschiedenen kurz- und längerfristigen Massnahmen zur Armutsbekämpfung untersuchen und ausformulieren, nicht zuletzt die Errichtung einer konjunkturunabhängigen Existenzsicherung, d.h. eines gesicherten Grundeinkommens für alle Menschen, die in unserem Land leben. Zusätzlich müssen, parallel zur Globalisierung des Marktes, Massnahmen zur Globalisierung von Kriterien der Lebensqualität durchgesetzt werden, auf nationaler wie auf transnationaler Ebene, damit auch die Phänomene der Migration – zumeist Folgen von unerträglicher Armut – berücksichtigt werden.

Zum Schluss nicht Rezepte, sondern Fragen, die der Klärung bedürfen

Bedarf es dazu einer „neuen Moral“? Vielleicht eher der Rückbesinnung auf Moral überhaupt, die ja immer Ausdruck der individuellen Verantwortung, der Folgen und Wechselwirkungen von Entscheiden und Handeln im Zusammenleben der Menschen ist. Ausschliessliche Ausrichtung auf partikulären Profit ist amoralisch. Und es bedarf der Rückgewinnung der politischen Handlungs- und Regulierungsmöglichkeiten, wenn nicht auf nationaler so doch auf transnationaler Ebene. Vorgängig aber bedarf es einer ernstgemeinten, gründlichen Untersuchung, wie und wann es in der Schweiz zur Priorität der Wirtschaft vor der Politik und vor der Kultur kam, resp. womit der Verlust des Politischen[5] zusammenhängt. Dieser Verlust, nehme ich an,  ist die verhängnisvolle Bedingung sowohl für die Fehler, welche die schweizerische Regierung und das sog. “Establishment” in der jüngsten Vergangenheit begangen haben wie für die heutige Krise. Die Ursachen dieser Krise können nicht verändert werden, solange die Bedingungen hierfür nicht geklärt sind. Mit anderen Worten: Es gilt zu untersuchen, wann der politische Liberalismus begann, vor dem Manchester-Liberalismus klein beizugeben und eine Allianz mit konservativen, ständischen Interessenvertretungen aufzunehmen. Welche Rolle spielt in dieser Allianz der ständische schweizerische Konservativismus, der nicht nur Öffnungen nach aussen verhindert hat und weiterhin verhindert (UNO-Beitritt, Ratifikation von UNO-Konventionen, EWR- und EU-Beitritt etc.), sondern der auch die geistige und politische Innovation im Innern verhindert hat oder weiterhin blockiert? – Darf sich der Wert einer Demokratie an der Wirtschaft messen (wobei der “Erfolg” der Wirtschaft ja nur noch der  schmalen Schicht der profitabrahmenden “shareholders” zugute kommt)?  Welche Rolle spielt das Milizsystem unserer Parlamente, dessen Vertreter zugleich in einem Filz mit Finanz und Wirtschaft sowie mit dem militärischen Milizsystem stecken, beim ständigen wachsenden Missstand des Politischen?

Der Verlust des Politischen bedeutet eine Einbusse und Schwächung der Demokratie. Diese zeigt sich nicht zuletzt in der massiven Diffamierung der “Linken”  (unter der ich nicht nur die Parteien links von der Mitte, sondern das gesamte intellektuelle, künstlerische und politische kritische Potential verstehe). Wie ist zu erklären, dass sich die schweizerischen “Intellektuellen” nie eine Akzeptanz als zivilgesellschaftliches Korrektiv schaffen konnten? Welche Bedeutung hat die Tatsache, dass die Arbeiterbewegung sich parteimässig vor allem in der Sozialdemokratie “institutionalisierte”, die mit dem “Arbeitsfrieden”, mit der Einbindung in “Zauberformel” und “Konsenspolitik” sich der Möglichkeit einer wirksamen demokratischen Opposition beraubte? Hat die “institutionalisierte Linke” selbst zur Diffamierung der “innovativen Linken” beigetragen, z.B. durch Desolidarisierung bei der jahrzehntelangen “Kommunisten”hetze, Desolidarisierung mit Basisbewegungen, Rivalitäten mit Gewerkschaften etc.? Hat die in der Schweiz in allen Bereichen und Schichten so manifeste “Unerträglichkeit der Ambivalenz”[6] auch dazu geführt, dass die “Linke”  sich dem konservativen “mainstream” angepasst hat?

Zu fragen ist auch, wie es kommt, dass in der Schweiz “Kultur” negativ besetzt ist? Wie hat sich das Kulturmisstrauen des grossen Teils der Bevölkerung herausgebildet? – resp. die Konnotation von “Kultur” mit “subversiv”? Zwar stehen “Kulturgüter” als Vermögens- oder Prestigewerte “hoch im Kurs” (Gemälde, Opernhäuser mit Star-Engagements etc.), die Tätigkeit der “Kulturschaffenden” (ein merkwürdiger Begriff, den es so nur in der Schweiz gibt) wird dagegen als überflüssig, wenn nicht gar als schädlich bewertet. Welchen Einfluss übt dabei das ständisch-konservative Grundmuster aus, das ja an den öffentlichen Schulen, Gymnasien und an den Universitäten dominiert, d.h. dort, wo “Kultur” als allgemeines, nicht-materielles Wertesystem generiert werden sollte?

Zu untersuchen ist ferner, wie und in welchem Mass der Identitätsbegriff der Schweiz und des “männlichen Schweizers” die Möglichkeit pluraler – auch aktiver oppositioneller –  Loyalitäten verhindert. Hängt mit diesem Identitätsbegriff das Grundmisstrauen gegenüber Frauen, Juden, Ausländern, “Linken”, Intellektuellen, Armeedienstverweigerern, suchenden jungen Menschen etc. zusammen? Wie lässt sich ein traditionell-männlich-konservativ besetzter Identitätsbegriff, der als gesamt-nationales Identitätskonstrukt dient, dekonstruieren, variieren und pluralisieren?

Der Schweiz steht als dringliche Aufgabe bevor, einen Prioritätenkatalog der zu klärenden Fragen und des mutigen Handelns zu erstellen, soll das 21. Jahrhundert nicht zum Katastrophenkommentar der Unterlassungen dieses Jahrzehnts werden.

 

[1] Michel Foucault. Von der Subversion des Wissens. Hrg und aus dem Französischen und Italienischen übersetzt von Walter Seitter, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt a.M. 1987.

[2] Simone Weil. Enracinement. Prélude à une déclaration des devoirs envers l’être humain. Hrg. von Albert Camus. Editions Gallimard, Paris 1948.

[3] Raymond Battegay. Hungerkrankheiten. Unersättlichkeit als krankhaftes Phaenomen. Fischer Taschenbuch, Frankfurt a.M. 1992 (Erstausgabe Verlag Hans Huber, Bern 1982).

[4] Sigmund Freud. Das Unbehagen in der Kultur (1929/30). Studienausgabe Bd.9, S.Fischer Verlag, Frankfurt a.M. 1974

[6] s. Zygmunt Bauman. Moderne und Ambivalenz. Frankfurt a. Main, 1995

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