Anica Mikus Kos, Kinderpsychiaterin – Die Kraft zur Selbstheilung wecken

Anica Mikus Kos, Kinderpsychiaterin

Die Kraft zur Selbstheilung wecken

 

Auch wenn die Bezeichnung “Mutter Courage” oft leichtfertig gebraucht wird, für Anica Mikus Kos trifft sie zu. Nicht nur in ganz Slowenien, sondern weit darüber hinaus wird sie verehrt als Kämpferin für die Bedürfnisse und Rechte der Flüchtlingskinder.

 

Der Vater war Partisan, die Mutter jüdisch. Anica Mikus Kos, 1935 geboren, wuchs im Widerstand auf, in den serbischen Wäldern und Bergen, wo die Partisanen und ihre Familien im Kampf gegen die nazionalsozialistische und faschistische Bedrohung Unterschlupf fanden. Serbokroatisch war die erste Sprache, die sie sprach, Französisch lernte sie schon als Kind von ihrem Vater, und ein deutscher Offizier auf einem weissen Pferd war der erste Mann, in den sie sich als Sechsjährige verliebte, heimlich und schuldbewusst, da er ja ein Feind war.

Vielleicht rühren von dieser Kindheit die grün gesprenkelten Orchideenaugen her, und das Kecke und Unabhängige, das in dieser so besonnenen und scheuen Frau plötzlich aufleuchtet. “Ich weiss aus eigener Erfahrung, was es heisst, zu einer verfolgten Minderheit zu gehören, was es heisst, ein Flüchtlingskind zu sein”, erklärt sie auf die Frage, welches die Kraft sei, die sie zu ihrem unermüdlichen Engagement befähige.

Nach dem Krieg liess sich die Familie in Ljubljana nieder. Anica Mikus lernte Slowenisch, Russisch und Englisch, beendete das Gymnasium, studierte Medizin und spezialisierte sich in Psychiatrie und Kinderheilkunde. Sie heiratete früh, gebar einen Sohn, einige Jahre später einen zweiten. Die Söhne sind heute erwachsen, sie selbst ist geschieden. Die Jahre, die sie mit ihren heranwachsenden Kindern verbrachte, bezeichnet sie als die glücklichsten ihres Erwachsenenlebens.

Ihr Partner seit vielen Jahren ist der Belgier Lucien Perpette, ehemaliger Gewerkschafter aus Liège, der sich vorzeitig pensionieren liess, um seine Zeit und seine Energie an der Seite von Anica Kos ganz für die Flüchtlingskinder aus Bosnien einzusetzen, von denen mehr als zehntausend seit dem Sommer 1992 in slowenischen Flüchtlingslagern untergebracht sind. So hat er in einem der Lager in Ljubljana eine Fremdsprachenschule eingerichtet und einen Kinderchor organisiert, so bringt er es fertig, dass grosse Gruppen von bosnischen Kindern während der Sommerferien einen Urlaub in Frankreich, Belgien, Spanien oder Italien verbringen können. Die Kinder nennen ihn “den Belgier” und stellen sich wohl vor, dies heisse dasselbe wie “Zauberer”. Im Zentrum seines Wirkens steht die Devise seiner Lebenspartnerin: “Den zerstörerischen Erfahrungen von Gewalt und Verlust Erfahrungen entgegenstellen, die gut sind, Erfahrungen der Lebensbejahung und der Freude. Nur so wissen Kinder um den Wert des Lebens und um ihren Selbstwert, nur so lernen sie, inmitten der Traurigkeit ihres Schicksals die Kraft zur Selbstheilung, zur Veränderung zum Guten zu entwickeln.

Anica Mikus Kos wurde nach vielen Ausbildungs- und Tätigkeitsstationen – als Ärztin in einer Textilfabrik, als Kinderärztin und Psychiaterin in verschiedenen Spitälern, als Leiterin der Kinderpsychiatrischen Abteilung des Universitätskrankenhauses und als Forscherin am soziologischen Institut der Universität von Ljubljana – im Jahr 1978 zur Vorsteherin des “Beratungszentrums für Kinder, Jugendliche und Eltern” in der slowenischen Hauptstadt ernannt. Schon während ihrer Tätigkeit am Universitätskrankenhaus erkannte sie, dass bei schwerkranken Kindern niemand aus dem behandelnden und pflegenden Personal Zeit und Kraft hat, sich um deren Ängste und Fragen zu kümmern. So bildete sie Freiwillige aus, Studentinnen und Studenten verschiedener Fachrichtungen, die je für ein krankes Kind verantwortlich waren, nicht nur während des Krankhausaufenthalts, sondern auch nach der Entlassung. Damit hatte sie mehrere Ziele zugleich im Auge: dass die Kinder sich weniger verloren fühlen, und dass die Studierenden lernen, in menschlich anspruchsvolle Aufgaben hineinzuwachsen und auch sozial schwierige Verhältnisse kennenzulernen; sodann, dass mit der Freiwilligenarbeit in den öffentlichen Institutionen eine Möglichkeit der wirksamen sozialen Kontrolle geschaffen wird wie auch ein soziales Modell für die spätere Berufsarbeit der – ehemaligen – Freiwilligen.

Vom neu gegründeten Beratungszentrum aus baute Anica Mikus Kos ihr eigentliches Werk auf, gemeinsam mit rund 25 MitarbeiterInnen aus verschiedenen Fachbereichen (Psychiatrie, Psychologie, Sozialarbeit, Sonderpädagogik), eine weit über die Landesgrenzen hinaus beachtete Tätigkeit zu Gunsten seelisch leidender Kinder. Bei ihrer Arbeit, die seit 1991 insbesondere den Flüchtlingskindern zugute kommt, geht es ihr immer zugleich um die Verhinderung tiefgreifender psychischer Schäden und um die Heilung seelischen Leidens. “Wo die Grenze zwischen Prävention und Therapie ist, lässt sich schwer sagen”, erklärt sie. “Jahrhundertelang ‘ging’ es ja ohne Psychiatrie. Die Menschen besitzen eigene Kräfte, um sich zu schützen und zu heilen. Was zählt, ist, dass inmitten der verletzenden Erfahrungen das Gute auch wahrgenommen werden kann, und dass die Kraft zur Selbstheilung, das heisst zur Überwindung und zur Integration des seelischen Leidens ins ‘grössere’ Leben, geweckt und gestärkt wird”.

Was für sie ebenso zählt, ist, zu den Menschen hinzugehen und nicht zu warten, bis sie in grösster Not zu ihr kommen. “Gerade die Kinder und die Jugendlichen sind sich selbst überlassen”, stellt sie fest. “Die Erwachsenen sind mit ihrem eigenen Leid so sehr beschäftigt, dass sie weder Zeit noch Kraft für die Kinder aufbringen können, obwohl die Symptome, zum Beispiel Bettnässen, Schlafstörungen, Essensverweigerung, Interesselosigkeit, Konzentrationsschwäche und andere Anzeichen mehr, genügen müssten. Häufig auch schämen sie sich, als ginge es um ein eigenes Versagen”. Allein schon dadurch, dass Anica Mikus Kos sich zu den Menschen hinbegibt, gelingt es ihr, Bedingungen für eine bessere Erträglichkeit schmerzlicher Erfahrungen und anhaltender schwieriger Lebensumstände zu schaffen, bei den Kindern wie bei den Eltern.

Als 1991 der Krieg zwischen Serbien und Kroatien losbrach, und als während zehn Tagen auch Slowenien von Kampfhandlungen betroffen war, teilte sie über Radio der Bevölkerung mit, wie die Kinder zu schützen waren. Schon in dieser ersten Phase des Krieges erkannte sie die Überforderung der offiziellen Stellen, den von Ängsten und Schrecken gezeichneten Flüchtlingen aus Kroatien mehr zu bieten als Nahrung und Obdach. Als dann im Sommer 1992 die Opfer aus Bosnien-Herzegowina in Slowenien eintrafen, etwa 70’000 aus ihrer Heimat vertriebene Menschen, darunter mehrere zehntausend Kinder und Jugendliche, und als der slowenische Staat wiederum nichts als die Überlebenssicherung vorsehen konnte, begann Anica Mikus Kos, ein zusätzliches psycho-soziales Betreuungsnetz aufzubauen. Dabei kamen ihr alle ihre früheren Erfahrungen zugute. Als dringendste Aufgabe erkannte sie die Einschulung der Kinder, da diese in öffentlichen Schulen nicht zugelassen waren. Die Lagerschulen, die dank ihrer unermüdlichen Vorstösse und dank finanzieller Unterstützung durch das UNO-Hochkommissariat für Flüchtlinge (UNHCR) sowie durch Spenden aus verschiedenen Ländern (darunter auch aus der Schweiz sowie vor allem aus Italien) geschaffen wurden, vermögen den Kindern eine Tagesstruktur und eine (wenigstens teilweise) Fortsetzung der verlorenen Normalität zu verschaffen. Auch wenn die Lagerschulen nur ein notdürftiger Ersatz für den verlorenen normalen Schulalltag sind, bieten sie doch ein wenig Sinnhaftigkeit in der nicht-verstehbaren Absurdität von Krieg und Exil. Auch die Lager-Kindergärten gäbe es nicht ohne die Überzeugungskraft und das Organisationstalen von Anica Mikus Kos. Denn die Schwierigkeiten, die mit dem Aufbau der Schulen und Kindergärten verbunden waren, sind fast unvorstellbar. Es fehlte anfangs an allem Notwendigen, an Unterrichtsmaterial, an geeigneten Räumlichkeiten, vor allem an Lehrerinnen, Lehrern und Kindergärtnerinnen. Es galt, unter den Flüchtlingen selbst kinderliebende, pädagogisch begabte Männer und Frauen zu finden und diese für ihre Aufgabe auszubilden. All dies nahm Anica Mikus Kos ohne Zeitverlust an die Hand. Sie organisierte mit Hilfe von Fachleuten kurze Ausbildungsseminarien und begleitet seither die Verantwortlichen durch regelmässige Besuche und Aussprachen bei der Arbeit. Eine kleine psycho-soziale, erzieherische und medizinische Beratungsequipe, die aus Freiwilligen – die meisten von ihnen selbst Flüchtlinge – zusammengesetzt ist, darunter ein Arzt aus Sarajewo und eine erfahrene bosnische Kinderpädagogin, reisen regelmässig von Lager zu Lager, hören zu, beraten und machen Mut. Deren Engagement ist Voraussetzung und Garantie für die Erfüllung der Bedürfnisse unzähliger Kinder und Erwachsener, die durch den Krieg aus ihrer Normalität geschleudert wurden und deren Alltag seither durch Rechtlosigkeit, Armseligkeit, Fremdverwaltung und Ohnmacht gekennzeichnet ist. Anica Mikus Kos selbst und die MitarbeiterInnen aus dem Beratungszentrum in Ljubljana geben für die Flüchtlingsarbeit ihre Abende und freien Tage her.

Anica Mikus Kos hat zwei grosse Sorgen: Die eine betrifft die Finanzierung der psycho-sozialen Hilfe für die Flüchtlinge, sei es die Finanzierung des kleinen mobilen Teams, das von Lager zu Lager reist, sei es die Finanzierung von Ausbildungshilfen an bosnische Jugendliche oder von besonderen Kriseninterventionshilfen. Der Krieg und die Folgen des Kriegs im ehemaligen Jugoslawien dauern an. Das UNHCR aber muss ab diesem Herbst seine Hilfe an die bosnischen Flüchjtlinge in Slowenien verringern, da die Nöte in anderen Teilen der Welt, zum Beispiel in Ruanda, grosse Mittel verschlingen. Ständig ist Anica Mikus Kos daher auf Geldsuche, und das Fund-Raising verzehrt einen beträchtlichen Teil ihrer Kräfte. Auch wenn sie im Zusammenhang mit Gastvorlesungen oder Weiterbildungsseminarien im Ausland unterwegs ist, im vergangenen Jahr auch in der Schweiz, sind die Anliegen “ihrer” Kinder und Jugendlichen ihr dringendstes Problem.

Die andere Sorge hat mit der Fortsetzung dieser von ihr geleiteten Arbeit für Menschen in Not zu tun, wenn sie in einem Jahr das Pensionsalter erreichen wird, und die Leitung des “Beratungszentrums” in andere Hände übergehen soll. Es ist für sie unvorstellbar, von den Aufgaben, die sich täglich stellen, einfach aus Altergründen Abstand zu nehmen. Um die Fortsetzung ihres Werks zu sichern, hat sie nun die “Slowenische Stiftung” und, dieser angegliedert, das “Zentrum für psycho-soziale Hilfe an Flüchtlinge” in Ljubljana gegründet, das seine Tätigkeit mit einigen wenigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern schon aufgenommen hat.

Es erstaunt nicht, dass Anica Mikus Kos’ Name in ganz Slowenien bekannt ist, bedeutet dieser Name doch dasselbe wie grossherzige, verlässliche Menschlichkeit. Es erstaunt auch nicht, dass diese Frau in vielen nationalen und europäischen Organisationen, in fachmedizinischen und in menschenrechtlichen Gremien, einen wichtigen Platz einnimmt, dass sie zahlreiche Ehrungen entgegegnehmen konnte. Was trotzdem immer von neuem Bewunderung abringt, ist die liebenswerte und bedingungslose Bereitschaft, ihre Zeit und ihr Wissen, ihr Herz und ihren Verstand uneingeschränkt denjenigen zur Verfügung zu stellen, die sie am meisten brauchen: den Flüchtlingskindern und Jugendlichen. “Nach allem seelischen Leiden, das ihnen durch den Krieg zugemutet wurde, und nach allen Entbehrungen, die ihnen auferlegt sind, dürfen sie nicht auch noch der Zukunft verlustig gehen”, erklärt sie. Letztlich gilt ihre eigentliche Sorge der Zukunft der von Krieg und Heimatlosigkeit gezeichneten Jugend, einer Jugend, die sie zur Lebensbejahung und zum Zusammenleben in Frieden befähigen möchte.

 

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