“Ich habe ein Herz gehabt, das immer die Liebe suchte und wollte” – Einführung zur Lesung der Alis Guggenheim-Texte durch Maria Becker am 19.3.1996

“Ich habe ein Herz gehabt, das immer die Liebe suchte und wollte”

Einführung zur Lesung der Alis Guggenheim-Texte durch Maria Becker am 19.3.1996

 

 

Liebe Ruth Guggenheim

Liebe Maria Becker

Meine Damen und Herren

Alis Guggenheim würde staunen, fühlte sich vielleicht gar verlegen, dass innerhalb von zehn Tagen ein zweites Mal der grosse Lichthof des Stadthauses sich allein ihretwegen füllt, dass so viele Menschen aus der ganzen Stadt und von weiterher kommen, um sie – posthum – besser kennenzulernen und zu ehren. Während ihres Lebens wurde ihr so viel Anerkennung selten und erst wenige Jahre vor ihrem Tod zuteil.  1954 erhielt die damals 58jährige Künstlerin den Kunstpreis für darstellende Kunst des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebundes (SIG) und im gleichen Jahr gewährte ihr Zürich erstmals eine grosse Einzelausstellung in der städtischen Galerie “Zum Strauhof”, an der sie so gut verkaufen konnte, dass sie plante, eine Weltreise zu machen, per Ozeandampfer nach Neuseeland und Australien zu fahren, auf dem Rückweg in Israel Halt zu machen und überall unterwegs Freundinnen und Freunde zu besuchen und zu malen. Den Plan konnte sie nicht mehr realisieren, sie wurde schwer krank und starb 1958 in Zürich.

Von diesem Plan werden Sie gegen Ende der Lesung über ein Brieffragment erfahren, so wie Sie vorgängig von so vielen Erfahrungen, Hoffnungen und Plänen, von Glück, von Herzhaftigkeit und Mut, von Sorgen und Enttäuschungen hören werden, die das Leben Alis Guggenheims geprägt haben, Erfahrungen, die sie selbst in ihren Tagebuchaufzeichnungen, in Notizen auf losen Zetteln, in Gedichten und in Briefen festgehalten hat. 1896 war sie in Lengnau als drittes von sieben Kindern zur Welt gekommen, in einer armen, frommen jüdischen Familie, die später nach Dielsdorf und schliesslich nach Zürich zog. Alis hatte ein Welschlandjahr absolviert, eine Lehre als Modistin gemacht, einen eigenen Salon eröffnet und geführt  – doch dann kam alles anders: die Liebe zum fremden Mann, zu Mischa Berson, die Kommunistische Revolution, Moskau, das Kind, die Kunst, ein längerer Aufenthalt in Paris, das Alleinsein, die Ausgrenzung durch die bürgerliche Gesellschaft, der eigene Weg – Sie werden alles selber hören, über die Stimme und die Persönlichkeit Maria Beckers wird Alis Guggenheim Ihnen ihr Leben selbst nahebringen, dieses glühende und generöse, für die damalige Zeit ungewöhnliche und furchtlose Leben – das Leben einer schweizerischen Jüdin und Kommunistin, einer eigenwilligen und begabten Künstlerin, die es mit Picasso aufnahm, wie Sie hören werden, einer unverheirateten Frau mit einem Kind, die es – in der damaligen Zeit – fertigbrachte, dass das Kind nie bevormundet wurde, obwohl sie, die Mutter, nie ein regelmässiges Einkommen vorweisen konnte.

Alis Guggenheim begann mit den Tagebuchaufzeichnungen am Tag nach ihrem 18. Geburtstag, und bis kurz vor ihrem Tod hielt sie in irgend einer Form fest, was ihr wichtig erschien, vor allem, was ihr schwer ertragbar erschien. Indem sie dies tat, indem sie schreibend für die existentiellen Widrigkeiten, für die Enttäuschungen und Sorgen, aber auch für die grossen Begeisterungen eine sprachliche Form fand, entlastete sie ihre künstlerische Arbeit davon. So gelang es ihr, in den Plastiken, Malereien und Keramiken  nur dem Ausdruck zu geben, dem sie zustimmen konnte: der Natur, der menschlichen Gestalt, dem liebenden Verhältnis von Menschen, dann, in der letzten Schaffensphase, den Erinnerungen an die dörfliche, von den jüdischen Familienfesten geprägte Kindheit. Alis Guggenheims Schreiben hatte somit nicht einen – primar – literarischen Zweck, sondern entsprach einem Bedürfnis nach Realitätsverarbeitung, das sie erfüllen musste, um  überhaupt schöpferisch arbeiten zu können. Als ich die Textcollage aus dem Nachlass im Sozialarchiv zusammenstellte, Text um Text aus den sechs Kisten las und prüfte, stiess ich auch auf das Testament, das sie 1947,  elf Jahre vor ihrem Tod, in ihrer Tessiner Wahlheimat, in Muzzano, zu Handen ihrer Tochter Ruth verfasst hatte. Darin findet sich der Satz, den sie vermutlich als Erklärung und Rechtfertigung ihres Lebens verstand, der mir zum Schlüssel für ihr Werk wurde und den ich als Motto für den heutigen Abend gewählt habe: “Ich habe ein Herz gehabt, das immer die Liebe suchte und wollte”.

Ich nehme an, dass Sie wissen wollen, was hinter diesem Bekenntnis steckt, und ich will Ihre Geduld nicht länger auf die Probe stellen. Ich wünsche Ihnen, dass Alis Guggenheim, dass dieses Frauenleben mit all seinen Widersprüchen Sie packe und ergreife.

Maria Becker danke ich sehr, dass sie uns die Freude macht, die Texte zu lesen.

Ihnen danke ich für Ihre Aufmerksamkeit.  (Übrigens: einige der Texte finden sich auch in der Monographie Susanne Gisel-Pfannkuchs über Alis Guggenheim “Als ob ich selber nackt in Schnee und Regen stehe”, die in einer zweiten Auflage vorliegt und die ich Ihnen sehr empfehle. Eine kleine Auswahl der Dokumente ist auch im Rahmen der von Urs Hobi konzipierten Ausstellung hier im Stadthaus zu sehen).

Nun freue ich mich, Maria Becker das Wort geben zu dürfen. Danke.

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