Zukunft – Das Ich und die Anderen im Verhältnis zur unbekannten Zeit

Zukunft – Das Ich und die Anderen im Verhältnis zur unbekannten Zeit

5 on the next 5                  Symposium vom  04. 12. 2013 an der Universität Lichtenstein                                                   Fakultät für Architektur und Raumplanung

 

„ Wie geht die Zeit behend vorbei, als wenn sie früher scheu gewesen sei, verpflichtet, achtungsvoll zu zagen, nun aber dürft sie ungehindert fortzujagen wagen.“[1]

Wohin „jagt“ die Zeit? – „jagt“ sie tatsächlich? In den Zeilen von Robert Walser, diesem Dichter von Wachträumen, der nie den Blick des Kindes verlor, findet sich keine Antwort. Es sind Bilder, die die „scheu“ verlaufende, zeitlos wirkende Kinderzeit und die „ungehindert fortjagende“ Zeit im Erwachsenenalter knapp wiedergeben.

Das vielschichtige menschliche Verhältnis zum Unbekannten, das die  Zeit als Raum des Werdens und Vergehens bedeutet, widerspiegelt sich in Walsers Zeilen als immanente, innere Erfahrung des Daseins, ungleich in der Kindheit und in den unterschiedlichen Phasen des Erwachsenenalters, unbegrenzt offen in den frühen Jahren, später flüchtig vorübergleitend zwischen Geburt und Tod oder als Lebensraum des Wirkens und Gestaltens in vielfacher Gleichzeitigkeit mit anderen Menschen. So wie Walser die Zeit empfand, entspricht zum Teil der Erfahrung jedes Menschen, je nachdem, wie die frühen Beziehungserfahrungen und Abhängigkeiten erlebt wurden und wie sie sich in der Erinnerung einprägten.

Zu einem anderen Teil aber wirkt ebenso das Verhältnis zur Zeit als externe, gesellschaftlich und wirtschaftlich streng strukturierte Regelung von Stunden, Minuten und Sekunden im Ablauf der Jahre, das sich kaum bei Walser findet. Diesem eng kontrollierten und hierarchisch ungleich bewerteten Raum der Zeit als Massstab für Leistungs- und Produktionsgewinn versuchte er zu entfliehen, einem Massstab der den Ablauf von Tag und Nacht im individuellen Leben wie im Zusammenleben aufs genaueste ordnet, der schon früh den kleinen Menschen unter Gebote von Pünktlichkeit, von Genügen oder Ungenügen einpfercht und diese vorweg verschärft, eine Regelung, die das ganze soziale Bedingungsregister beherrscht.

Die Erfahrung der Flüchtigkeit der Zeit wurde erst durch die geregelte, berechnete und zunehmend beschleunigte Zeit zum Zeitpfeil, erst durch das stete Empfinden des Ungenügens gegenüber der Macht des wirtschaftlich und politisch vorangetriebenen Konstrukts der Zeit, die dadurch zu einem eng begrenzten Raum wurde, in den durch die mit Lichtgeschwindigkeit realisierbare Kommunikation auch die globale Weite einbezogen wird.

Oft wird durch Trennungen und Verluste, durch Risse und Brüche, durch Leere oder Gehetztheit  in den Zeiterfahrungen der Kindheit und Jugend der Duktus des menschlichen Werdens blockiert – und geht trotzdem weiter. Aus diesem Widerspruch der inneren Zeitempfindung wächst die Angst vor dem unvermeidbaren Ablauf der Lebenszeit, vor Sterben und Tod die Angst, zu der sich mit wachsenden Zweifeln und Anspannungen die Angst gesellt, dem Erfüllungs- und Leistungszwang der zu fremdem Zweck instrumentalisierten, materialisierten und virtualisierten Lebenszeit nicht zu genügen.

Es sind somit zwei erfahrungsgeprägte, sich steigernde Formen der Angst, die aus den ungleichen Zeitverhältnissen wachsen und die den Blick des Menschen auf die Zukunft prägen, auf die noch nicht erfahrene Zeit. „Zukunft“  ist das aus weiter Entfernung auf den Menschen „Zukommende“, das nicht in einem Verhältnis zum erlebten, mit dem Ich verschmolzenen Zeitraum steht wie das Jetzt und das Gestern und Früher, sondern von diesem in ein Objektverhältnis der Vorstellung hineinversetzt wird, die mit Ängsten oder mit Hoffnungen, mit konkreten Zielsetzungen oder mit Visionen die Vorstellungkraft aktiviert.

Darauf näher einzugehen ist in der Zeit, die uns heute zur Verfügung steht, überaus spannend. Insbesondere erscheint mir wichtig zu klären, ob und wie eine Zeit-Existenzwert-Gleichung geschaffen werden kann, in welcher die materielle Berechnung der Zeit aufgehoben wird und ein anderes Zeitgefühl möglich werden kann, in welchem das Bedrohliche und Ängstigende des Zeitablaufs verschwindet und jede Art von Zeiterfahrung sinnvoll wird:  mit dem Staunen Robert Walsers, dass die Widersprüchlichkeit von Flüchtigkeit und Dauer durch das Verstehen der im Unbewussten gespeicherten Zeiterfahrungen und -empfindungen sich löst und in der zeitlich begrenzten Lebenszeit zu einem Wissen von tragendem Wert werden kann, eventuell mit einer Vision oder mit Visionen, die dem in kollektive Ängste verstrickten Individuum zugestehen, einen kreativen Denkentwurf zu entwickeln, der sich den Ängsten entgegenstellt. Es gibt Beispiele von sich fortsetzender Kraft, die sich im Rückblick anbieten, u. a. jene von Olympe de Gouges (1748-1793) betreffend der Aufhebung jeglicher Form von Sklaverei wie betreffend der gleichen Rechte für Frauen, Kinder und Männer, auch der Erbschaftsrechte unehelich geborener Kinder, oder jene von Mary Wollstonecraft (1759-1797) betreffend der gleichen menschlichen Bildungsmöglichkeiten und gesellschaftlichen Aufstiegschancen ungeachtet von Geschlecht und Herkunft, oder jene von Flora Tristan (1893-1844) oder von Simone Weil (1909-1943) von Erfüllung der Grundpflichten der Starken gegenüber den Grundbedürfnissen der Schwachen, von sozialer Gerechtigkeit und staatlichem Frieden.

Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte von 1948 lässt sich als Fortsetzung des Lebens- und Denkwerks der vier Frauen erklären. Nach der ins Masslose gesteigerten und bedenkenlos umgesetzten Missachtung und Vernichtung menschlichen Lebenswertes wurde diese weltumfassende Erklärung  zu einer Art normativen ethischen Verbindlichkeit in der Beachtung der schon 150 Jahre vorher durch Olympe de Gouges und seither immer wieder dokumentierten Vision menschenwürdigen Zusammenlebens. Und auch heute ist diese gleiche Vision angesichts der mit religiösen und politischen Ideologien und technisch entwickelter Fernbedienung als Notwendigkeit erklärten Zerstörung menschlichen Lebens der einzige Halt, der in Hinblick auf die Zukunft vor Verzweiflung bewahrt.

Die Visionen, deren Ursprünge ich mit den Namen der vier Frauen angetönt habe, waren in Zusammenhang der enormen gesellschaftlichen Veränderungen entstanden, die Ende des 18. sowie im 19. und 20. Jahrhundert mit der industriellen und technologischen Entwicklung sowie den damit veränderten Produktions-, Kommunikations- und Zeitstrukturen einhergingen. Was als Fortschritt erklärt wurde, verband sich mit der maschinellen und – in jüngster Zeit –  mit der digitalisierten, virtuellen Verdinglichung der Menschen, mit globalisiertem Machtmissbrauch. Unter den zunehmend marktdiktatorischen Lebensbedingungen, denen der mit keinem materiellen oder wissenschaftlichen Gewinn vergleichbare menschliche Lebenswert ausgesetzt ist, bedarf dieser der neuen Beachtung. Warum? Damit sich die in Aggressivität und Depressivität, in Misstrauen und Abschottung ausufernden Ängste der heutigen Zeit lösen lassen, ohne dass Ideologien wieder zu gefängnisartigen Leitplanken der Anpassung, der Unterwerfung und des Missbrauchs benutzt werden. Goethe hat, wie er 1827 im Zauberlehrling schilderte, die Folgen unkritischer Bedenkenlosigkeit beim Nichtbeachten zentraler Regeln der Sorgfalt vorausgeahnt, Walter Benjamin hat 1940 mit dem Bild des  Angelus Novus, der unter dem Sturm der sich anhäufenden Ruinen des Fortschritts den Blick auf die Zukunft abwendet, davor gewarnt.

Es liesse sich sagen, dass Visionen utopische Zukunftsentwürfe seien, fern der tatsächlichen Realisierung, wie die Geschichte beweise. Doch ich teile diese Meinung nicht. Visionen stellen sich der transgenerationellen Resignation entgegen. Sie wachsen aus der individuellen Verbindung seelischer und intellektueller Verarbeitung erlebten Mangels an innerer Sicherheit und an Lebenswert sowie an durchgestandener, politischer oder sozialer Machtwillkür und Gewalt zu einem Zukunftsentwurf an, auf kreative und freie Weise. Visionen zeichnen ihre Überzeugungskraft durch das Mass an innerer Freiheit und an Mut aus, das ihnen zu Grunde liegt. So wie ich sie verstehe, sind sie weder ideologisch geprägt noch tragen sie einen religionsähnlichen Wahrheitsanspruch in sich, sondern entsprechen der Realisierung von Grundbedürfnissen aller Menschen in der Vielseitigkeit und  Besonderheit des gleichen Menschseins.

Wir können die Geschichte nicht rückgängig machen, aber wir haben Einfluss auf Korrekturmöglichkeiten in der aktuellen Entwicklung, die morgen Realität sein wird, wir haben Einfluss auf die Zukunft. Es besteht auch im Denken eine Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen in der Endlosigkeit von Zeit und Raum, trotz der je aktuellen Lebensbegrenztheit von Zeit und Raum. Wir können uns daher der kreativen Kraft zeitüberdauernder Visionen menschlicher Gleichberechtigung und menschlichen Friedens erinnern, wir können diese neu entfalten und deren Verwirklichung beeinflussen. In der vielseitigen Reziprozität („recus– was eben war“, „procus – was eben bevor steht“) des menschlichen Lebens gibt es klare und umsetzbare Entwürfe der je persönlichen wie der zwischenmenschlichen Anerkennung und Entfaltung jener Grundbedürfnisse und Grundrechte, die ein Zusammenleben ohne Machtmissbrauch und ohne Entrechtung, ohne Gewalt und ohne Krieg ermöglichen. Die Leistungsdiktatur der Beschleunigung, die ins Masslose angewachsen ist, bedroht die Erfahrung der inneren Zeit als Erfahrung von hohem Wert, als Erfahrung der Dauer, die trotz der existentiellen Begrenztheit einen Halt bieten kann. Wir können mit unserem Wissen und unsern Wahlmöglichkeiten die tatsächliche Realisierung der Reziprozität im je individuellen Rahmen umsetzen wie im grösseren Rahmen mitgestalten. Sie ist Vision, nicht Utopie. „Unsere Sicht Vision zu nennen – schliesst ein, dass für uns – alle Objekte Subjekte sind. “[2]

Ich fasse zusammen: Der Blick auf die Zukunft kann/sollte jener einer verpflichtenden Reziprozität im alltäglichen Entscheiden und Handeln sein, einer bewussten Sorgfalt, dank welcher nichts, was der einzelne Mensch selber nicht ertragen könnte, einem anderen Menschen zugemutet oder ihm angetan wird. Er entspricht einer realisierbaren Vision individuell sinnvollen Lebens in Räumen von Ort und Zeit, die zu entwerfen und umzusetzen ein angstfreieres menschliches Zusammenleben ermöglichen kann.

 

 

[1] Robert Walser. Gedichte und Dramolette. Hrsg. von Robert Mächler. Band IX, 1972 Genf und Hamburg, Verlag Helmut Kossodo, S. 407

[2] W. H. Auden. Gedichte – Poems. Europaverlag, Wien 1973, S. 205  (S. 204: „To call our sight Vision – implies that, to us, – all objects are subjects.“)

Write a Reply or Comment

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.