Veränderungen und Trennungen – Über die Zeitverhältnisse des Menschen

 Veränderungen[1]

 Über die Zeitverhältnisse des Menschen

 

Was aber ist die Zeit? Wenn mich niemand danach fragt, weiss ich es; will ich einem Fragenden es erklären, weiss ich es nicht. Aber zuversichtlich behaupte ich zu wissen, dass es vergangene Zeit nicht gäbe, wenn nichts verginge, und nicht künftige Zeit, wenn nichts herankäme, und nicht gegenwärtige Zeit, wenn nichts seiend wäre. Diese beiden Zeiten, Vergangenheit und Zukunft, wie sollten sie seiend sein, da das Vergangene doch nicht mehr ‘ist’, das Zukünftige noch nicht ‘ist’? Die Gegenwart hinwieder, wenn sie stetsfort Gegenwart wäre und nicht in Zukunft überginge, wäre nicht mehr Zeit, sondern Ewigkeit? Wenn also die Gegenwart nur dadurch Zeit ist, dass sie in Vergangenheit übergeht, wie könnten wir dann auch von der Gegenwartszeit sagen, dass sie ist (…)?“

Als Augustinus[3] die „Confessiones“ schrieb und sich im 11. Buch nach der Bedeutung der Zeit und nach seinem Verhältnis zur Zeit befragte, war er 43 Jahre alt. Er stand am Anfang seiner Tätigkeit als Bischof; zehn Jahre vorher hatte er auf paulinische Weise sich fürs Christentum entschieden – in starkem Mass beeinflusst durch das Vorbild seiner Mutter-, hatte Frau und Sohn davon überzeugt und sie verlassen, seinen hohen Posten in der römischen Administration Mailands aufgegeben und sich zurückgezogen, um in eine neue Lebensaufgabe hineinzuwachsen. Seine Auseinandersetzung mit der Flüchtigkeit der Zeit und der Mühe, diese zu verstehen und zu akzeptieren, da sie doch im Widerspruch steht zur nicht endenden Wiederholung von Zeit –zu Zeitlosigkeit und Ewigkeit – hatte mich seit Beginn des Philosophiestudiums begleitet.

Augustinus’ „Confessiones“ hatten somit seit meiner Jugendzeit nicht eine  theologische, sondern eine existenzphilosophische Bedeutung, und sie wurden ergänzt durch die Überlegungen zum Begriff der Dauer wie zum Zusammenwirken von Zeit und Freiheit bei Henri Bergson, diese wiederum durch den Einbezug der Physik in die Philosophie dank des Werks von Hermann Minkowski, insbesondere durch die Bedeutung von Kraft und Bewegung sowie durch das Kontinuum von Raum und Zeit, durch Einsteins Relativitätstheorie auf mathematische Weise ergänzt und gleichzeitig durch diese vom gelebten Leben in eine abstrakte Dimension abgerückt, jedoch abgefangen und verwoben mit allen menschlichen Zeiterfahrungen durch Sigmund Freuds psychoanalytische Untersuchungen, durch Simone Weils verzweifelte Suche nach Aufhebung der Widersprüchlichkeit zwischen der Sehnsucht nach umfassender Erkenntnis und der hilflosen Vernetzung in eine Zeitgeschichte sinnloser Entwurzelung und Gewalt, durch Hannah Arendts optimistische Vision der Kraft der Gebürtlichkeit resp. des steten Neubeginns dank der auf Erkenntnis- und Entscheidungsmöglichkeit beruhenden Freiheit des Menschen.

Doch früh schon wusste ich, dass der grosse Fundus von Wissen, den Philosophie und Physik, Psychologie und Soziologie bieten, Teil einer intellektuellen Bibliothek bleibt, wenn er nicht einbezogenen wird in die Hürden und Fallstricke, in das Gefälle und auf die Inseln des eigenen Lebensflusses, wenn diese nicht bewusst erlebt und verarbeitet werden. Die Geburt meiner Kinder nach Monate dauernder Erwartung , deren Begleitung bei der Weltendeckung, beim Wachstum, beim Lernen und Sich-Entfalten, der Tod einer kleinen Tochter, der Ablauf der Lebenszeit meiner Eltern und vieler mir nahestehender Menschen, die ungleich lange Lebenszeit jedes Menschen, mein eigenes Älterwerden, die Gleichzeitigkeit und Ungleichzeitigkeit von selbstbestimmter Lebensweise hier in der Schweiz und von lebenszerstörender Gewalt in der Wiederholung entmenschlichter Kriege selbst in Europa und in anderen Teilen der Welt, die wachsende Beschleunigung in allen technologisch beeinflussten Gebieten, die den menschlichen Alltag beeinflussen – die gelebte Zeit bot jede Möglichkeit an, mein Verhältnis zu ihr mit Aufmerksamkeit zu befragen und neu zu sehen. Zunehmend wusste ich, dass Zeit und Werden, Zeit und Vergehen synchron sind, wie ein musikalische Suite. Dass Dauer nicht ein Widerspruch ist, sondern der bildhaft gespeicherten Abfolge von Wahrnehmungen und Empfindungen entspricht resp. dem unbewussten, geheimnisvoll zeitlosen Innenleben, das dank der Erinnerung abrufbar bleibt. Dass ein Teil des Zeitablaufs durch die Art und Weise zu leben mitbestimmbar ist, ein Teil jedoch nicht, dass es eine genealogische Zugehörigkeit gibt, die früher „Schicksal“ genannt wurde. Ich will näher darauf eingehen.

Vor acht Jahren, kurz vor meinem 60. Geburtstag, hatte ich eine Hirnblutung. Während weniger Minuten geschah eine dramatische Veränderung meines Verhältnisses zur Zeit. Ich erlebte sie wie eine Erleuchtung. So wie ein Vulkanausbruch den Ablauf des pflanzlichen Wachstums unterbricht, so erscheint mir im Rückblick der mir durch meinen Körperhaushalt auferlegte Rückzug in den Dämmerzustand. Während sechzehn Tagen war ich im Koma, wie ich später erfuhr, eine Zeit ohne bewusste Erfahrung und ohne Erinnerung. Als ich daraus erwachte, erlebte ich mit Staunen, dass ich nicht mehr verstehen konnte, was die Menschen, die sich an mich wandten, sprachen noch konnte ich in Sprache übersetzen was ich dachte, was ich fühlte oder zu fragen wünschte. Ebenso wenig konnte ich mehr gehen, da infolge der Hirnblutung noch ein Treppensturz erfolgt war, der einen Beckenbruch und den Bruch der Schulterblätter bewirkt hatte. Ich war sehr verwirrt und meinte, mich irgendwo in Russland, vielleicht in Sibirien zu befinden

Als ich in der Rehabilitationsklinik erstmals wieder den Ablauf der Tageszeit wahrnehmen konnte, vom Erscheinen des Morgenlichts mit der darauf einsetzenden Abfolge der Tagesstunden bis zum Eindunkeln und bis zum Aufleuchten der Sterne, erfüllte mich ein Gefühl von Glück, das ich seither oft beim Erwachen aus dem Schlaf neu erlebe, frühmorgens, wenn ich mir bewusst werde, dass mir ein neuer Tag offen steht, dass ich die Umdrehung der Erde um sich selbst im Kreislauf der Erde um die Sonne wieder erleben werde, ein kleines Wesen unter den vielen. Ich kann mich erinnern, wie ich damals mein Herzklopfen anders zur Kenntnis nahm, auch meinen Puls, den ich am linken Handgelenk unterhalb des Daumens erstmals wieder zu zählen wünschte, um meine innere Uhr zu kennen. Sie pochte und pochte und pochte, mir wurde beinah schwindlig ob dieser Bestätigung meines eigenen Kreislaufs, der offenbar nicht still gestanden war. Ich war abwesend gewesen im Zeitgefühl, jedoch nicht abwesend im Rhythmus der Zeit. Zwar war ich ohne Erinnerung an die im Dunkeln durchlebten Tage und Nächte, doch das Dunkel hatte sich nicht ausserhalb und nicht jenseits der Zeit befunden, sondern war Teil meines inneren Zeitraums gewesen, meines Körperraums und meiner Körperzeit.

In den Tagen und Nächten meiner inneren Absenz war der Winter eingebrochen, Schnee war gefallen, der Blick durch das Fenster bot ein anderes Bild als vor der erinnerungslosen Zeit. Ein grosser Wandel war geschehen. Durch das Fenster sah ich nicht auf die Stadt, sondern auf weisse Hügel und auf vereinzelte Bäume, die schwer bezuckert sich beugten. Ich war in einem fremden Raum, in dem sich ein Bett, ein Tisch und ein Sessel befanden, mehr nicht. Ich musste wieder gehen lernen, musste wieder Worte finden. Hatte sich mein Lebensrad rückwärts gedreht? Erinnerungen an weit entfernte Tage wurden geweckt in einer der ersten Nächte.

Auch als ich sechs Jahre alt war, hatte ich nicht mehr gehen und kaum mehr sprechen können. Der Krieg war eben zu Ende gegangen, ich war von einem Auto überfahren worden und hatte drei Monate im Spital bewegungslos auf dem Rücken gelegen, das rechte Bein an einen Galgen gehängt. Als ich nach dieser endlos wirkenden Zeit aus dem Krankenzimmer entlassen wurde, war es nicht Winter geworden, sondern Spätsommer mit heiss vibrierender Luft, die kaum mehr einzuatmen war. Mir schien, es hätte doch möglich sein sollen, aus dem versengten Garten, in welchen ich gesetzt worden war, in den Wald zu gelangen, unter die dichten Kronen der Bäume. Doch was ich mir vorstellte und wünschte, war ein raschelndes Blätterwerk von Ideen, das ich nicht umsetzen konnte. Gehörte ich nicht mehr zu den Kindern, sondern zu den alten Leuten, die mit kraftlosen Beinen im Altersheim sassen und nie mehr würden gehen können? Damals hatte mir geschienen, die Zeit sei ausserhalb von mir und ohne mich verglüht worden. Gleichzeitig hatte ich gespürt, dass ich es nicht ertragen konnte aufzugeben, dass ich Hilfe brauchte – vielleicht einen Zauberspruch -,  zu welchem ich jedoch selber etwas beisteuern musste, um wieder den Zeitrhythmus zurück in die Kindheit zu finden.

Hatte ich meine Gedanken Franz erklärt, dem Knaben aus Wien, der drei Jahre älter war wie ich und der mir eine Seifenkiste baute, damit ich wieder lernen sollte zu gehen, ja vielleicht lernen konnte?

Es war damals Frühherbst geworden, noch immer waren die Tage warm und lang, als Franz die Seifenkiste neben mich stellte, ich irgendwie drin Platz nahm und mit klopfendem Herzen den steilen Hügelweg hinterrasselte, mit Franz, der mal voraus mal nebenher lief. Doch wie gelangte ich wieder hinauf? Gestützt auf die Kiste mit den wackligen Rädern, die Franz von hinten stützte und schob, erst nur einen Schritt, dann lange Pausen, dann zwei oder drei. Ich gab nicht auf, und Franz half weiter.

Diese Erinnerung war vor acht Jahren von grosser Bedeutung, sie war gelebte Erfahrung im Überwinden des Erschreckens vor der zeitlos erlebten Dunkelheit, auch im neu zugänglichen Zurechtfinden mit der Zeit. Inzwischen war es Winter geworden; ich war alt geworden. Seit der Kindheit, schien mir, hatte ich viele Leben gelebt, doch erstmals war die Zeit wieder ohne mein Wissen verflossen; sie war in Bewegung gewesen, ohne dass ich sie weder wahrnehmen noch spüren konnte. Als ich wieder erwacht war und erfasst hatte, wer ich war – dieselbe wie vorher und zugleich ganz anders – durchdrang mich das früher gelesene und oft diskutierte Wissen ganzer Generationen wie eine Neuentdeckung: die Zeit war stets in Bewegung, Raum hin oder her, sie hielt nicht an, toc-toc, toc-toc, voran-voran, zurück in die Kindheit und weiter voran-voran, sie war von Dauer, zurück und voran, wie weit? – wie weiter? Mir war bewusst geworden, dank der Erinnerung an das Trauma der Kindheit, dass ich ein Teil der Zeit war, ein Teil des Zurück und Voran, die gleiche und zugleich andere damals und heute, heute wie damals. Auch dass ich auf der Linie meiner eigenen Mutter, meiner Tanten und meiner Grossmutter für die zukünftige Zeit eine zweite Hirnblutung zu erwarten hatte, die endgültig sein würde. Mein Verhältnis zur Zeit hatte an Intensität gewonnen, da war ein Fächer von Emotionen, der sich öffnete –  ein Gefühl von Dauer, ja von Zeitlosigkeit, zugleich von nicht vorhersehbarem Verglühen.

Mir wurde klar, dass ich mich zu entscheiden hatte, ähnlich wie vierundfünfzig Jahre früher. Dass ich erneut der Hilfe bedurfte. Zu früh, spürte ich, um aufzugeben, selbst wenn sprechen und gehen nicht wieder auffindbar wären; zu früh, um dem tobenden Kopfschmerzvulkan das Gedächtnis zu opfern und damit die eigene, innere Zeit. Ich wünschte, die noch nicht erlebte, kommende Zeit zu erleben – wie damals dank der Seifenkiste. Der Tag ging zu Ende, ich blickte zum Fenster. Die Nacht begann, der Wind setzte ein mit heulenden Böen und steigerte sich in die sausenden Wellen des Nachtorkans, der pausenlos tobte und Schnee vor sich trieb wie weissen Sand in der Wüste. Ich hatte entschieden. Ich lag im Klinikbett unter der Decke, die drei Finger der rechten Hand auf dem Pulsschlag der linken, ich zählte nicht, sondern spürte das Glück der Kindheit, mitten im jagenden Zischen der Windflut, das gleiche „Zu-früh-noch“ wie damals. Der nächste Morgen wurde nicht hell, der Winterorkan zerriss den Rhythmus der Zeit, doch der Entscheid blieb in mir wie eine starke Krücke.

Das Lernen setzte ein, Bild für Bild und Wort für Wort, ein Suchen im Bilderwörterbuch, das mein ältester Sohn mir gebracht hatte, dann ein Skizzieren und Notieren ins leere Heft: Tisch/der, Fenster/das, Türe/die und weiter und weiter. Schwierig war, Deutsch und Französisch zu unterscheiden. Ich konnte nicht gehen und trotzdem zerfloss die Zeit. Tage später begannen Logopädiestunden nach einer Methode aus Deutschland, Versuche zu lesen und zu erinnern, ein Stolpern, verzweifeltes Üben und Wiederholen. Weshalb hatte ich so Mühevolles entschieden? Wie konnte es wieder gelingen, Wörter im Durcheinander der Wörterwüsten zu ordnen? Bedeuteten Babylon und Hirnblutung dasselbe? Meine zwei Töchter und meine zwei Söhne besuchten mich oft, auch meine Enkel, sie waren klug und, wie ich staunend empfand, weit über mich hinausgewachsen. Einzelne Freundinnen und Freunde, einzelne Geschwister legten lange Reisen zurück und verharrten ein wenig im Zimmer an meinem Tisch, bevor sie sich wieder entfernten. Die Nähe tat gut, ich war dafür dankbar. Doch ich spürte mit Klarheit, dass niemand mir abnehmen konnte, was mir oblag: den Entscheid umzusetzen, den ich nach dem ersten Erwachen getroffen hatte; mit den Veränderungen, die in mir geschehen waren, ein Gleichgewicht zu schaffen; ob den Beeinträchtigungen nicht zu verzagen; das Leben zu lieben.

Die Tage tickten über in Nächte, die Nächte in Tage, und langsam lernte ich, kleine Sätze zu stottern, Linie für Linie zu schreiben. Ich hörte Musik und wagte, den Rhythmus zu suchen für Schritte und langsam wieder zu gehen.

Fortan war die Zeit – anders wie vorher – Begleiterin meines Ich von Augenblick zu Augenblick, untrügerisch selbst in der Stille der Nacht, sie war die Wirklichkeit meiner Geschichte, das war mit bewusst, wenngleich allein von Tag zu Tag, beschränkt auf eine Anzahl von Stunden. Würde ich wissen wie viele? Waren es nicht pro Tag 24, pro Monat 720, pro Jahr 8’750? Auch die Zahlen wieder zu lernen ging Schritt für Schritt einher mit der Zeit, ein Ordnungsgefüge, das den Raum erfüllte, meinen Körperraum mit dem Herzraum, den Raum im Raum und diesen wieder im Raum, Innen und Aussen, und nach dem Tod im Erdinnenraum oder im Erdaussenraum, das erschien mir gewiss, die Zeit war gezählt und zugleich nicht zählbar-unendlich.

Die Intensität des täglichen Lernens verdichtete die Zeit, das Lernen von Worten und deren Bedeutung, das Lernen von Hören und Verstehen dessen, was Andere sagten, von Übersetzen in Worte und Sätze dessen, was ich dachte und fühlte; zugleich das Lernen mich zu bewegen, erst irgendwie dem Bett entlang, dem Tisch entlang, dann entlang einer Linie im Raum und später von Stufe zu Stufe. Das tägliche Lernen versetzte mich in alle Variationen eines Prozesses (im Sinn von  „procedere“) mit den Gefühlen der Neugier, der Genugtuung und der Enttäuschung, des schleppenden Rhythmus, der Müdigkeit und des Rückschritts, der Fülle von Erinnerungen oder des lähmenden Mangels – in alle Variationen gelebten Lebens.

Ich hatte als Übungslektüre Pessoas[4] „Buch der Unruhe“ vor mir. Mit dem über sein Unwissen Klagenden ergab sich ein stilles Gespräch. „Ich weiss nicht, was die Zeit ist“ hatte er geschrieben. „Ich weiss nicht, welches ihr wahres Mass ist, falls sie überhaupt eines hat. Ich weiss, dass die Uhrzeit falsch ist. Sie unterteilt die Zeit räumlich, von aussen. Die gefühlte Zeit, weiss ich, ist ebenfalls falsch. Sie unterteilt nicht die Zeit, sondern unsere Empfindung von der Zeit. Die Zeit der Träume ist gleichfalls falsch. In ihnen streifen wir das eine Mal eine verlängerte, das andere Mal eine verkürzte Zeit, und, was wir erleben, ist übereilig oder langsam infolge irgendeines Vorgangs beim Verfliessen der Zeit, dessen Natur ich nicht kenne. Zuweilen meine ich, alles sei falsch, und die Zeit sei nur ein Rahmen, um das einzufassen, was ihr fremd ist. In der Erinnerung an mein vergangenes Leben sind die Zeiten aus sinnlosen Ebenen angeordnet (…). Ich überlege mir, ob die Bewegungen wirklich synchron sind, die die gleiche Zeit beanspruchen, in denen ich eine Zigarette rauche, diesen Abschnitt niederschreibe und auf dunkle Weise nachdenke“. Später hielt Pessoa fest: „Sich bewegen heisst leben, sich aussprechen heisst überleben. (…) Alles ist, was wir sind, und alles wird für diejenigen, die uns in der Mannigfaltigkeit der Zeit nachfolgen werden, so sein, wie wir es uns intensiv vorgestellt haben, das heisst, wie wir es dank unserer Phantasie wahrhaft gewesen sind. Ich glaube nicht, dass die Geschichte mit ihrem grossen farblosen Panorama mehr ist als eine Abfolge von Deutungen, ein verworrener Konsens zerstreuter Zeugen.“

Der heimliche Dialog mit Pessoa war für mich wichtig; in vielem war ich mit ihm nicht einverstanden. Die gelebte Zeit empfand ich nicht als Illusion, nicht die vergangene und nicht die kommende, selbst wenn für diese unbekannte Grenzen sein würden. Die Zeit in ihrer ganzen Komplexität, in allem, was in ihr „heimlich und unheimlich“[5] erscheint, war/ist/wird sein als eine aus dem Gewesenen sich vorweg weiter entwickelnde Tatsache, meine Lebenszeit wie diejenige meiner Vorfahren und meiner Kinder ebenso wie die grosse, kaum erfassbare Zeitgeschichte der Völker.

Bevor ich die Klinik verliess, um zurückzukehren in die Stadt, die ich nicht mehr kannte, erschien es mir wichtig, meine Überlegungen über die Zeit und über die Veränderungen im Verhältnis zur Zeit zu notieren und daraus für die Ärztinnen und Ärzte, Krankenschwestern und Logopäden, für die Physiotherapeuten und für einzelne Patientinnen ein kleines Abschiedsgeschenk zu stricken, für diese vielschichtige Innenwelt der Klinik, von welcher ich ein Teil geworden war. Die Vorbereitung hatte viele Wochen beansprucht, sie kam mir vor wie Arbeit in einem Bergwerk. Mein Wunsch war gewesen zu stricken, tatsächlich musste ich meisseln. Meine Kinder hatten mir seit Beginn des Klinikaufenthalts einzelne Bücher aus meiner Bibliothek gebracht –  Gedichte von Nelly Sachs, einen schmalen Band Spinozas, die „Confessiones“ von Augustinus, Kants „Kritik der praktischen Vernunft“, ein Lehrbuch in Neurologie, „Zeit und Freiheit“ von Bergson, wie schon erwähnt „Das Buch der Unruhe“ von Fernando Pessoa, „Vita activa“ von Hannah Arendt, einen Band der „Cahiers“ von Simone Weil und einiges mehr. Mich wieder in gedruckte Texte hinein zu versetzen, deren Bedeutung in mir zwar gespeichert, jedoch nicht mehr abrufbar war, diese wieder zu finden und neu zu lesen erschien mir, als müsste ich mich in verschüttete Stollen vortasten, um Leuchtkäfer zu finden. Welch ein Geheimnis war dieser Speicherkasten von Zeit und Erinnerung, Zeit des Erkundens und Verarbeitens. Einmal mehr fühlte ich mich an den Anfang versetzt.

Als ich den heutigen Abend vorbereitete, las ich den Text von damals wieder durch und fragte mich, wie das mühselige Mosaik verstanden werden konnte. Augustinus’ Fragen, das wurde bestätigt, vernetzen sich darin in ihrer Unabschliessbarkeit; sie vernetzen sich mit jedem Zeitbezug, mit jeder Zeiterfahrung und allen Zeitverhältnissen. Sie finden sich auch in Pessoas Klage über die ständig entschwindende Zeit. Doch würde Zeit nur in der menschlichen Vorstellung bestehen, wie Pessoa sie empfand, so wäre sie nichts anderes denn ein subjektives Produkt. Gewiss, sie ist es insofern als die Zeit auf je subjektive Weise erfahren und erlebt wird. Daraus ergeben sich Zeitbilder, die dazu beitragen, ein Verhältnis zur Zeit zu erarbeiten. Das Verhältnis zur Zeit betrifft die persönliche Mitbeteiligung am Verstehen der Zeit und am Umgehen mit der Zeit; es beruht – wie jedes andere Verhältnis – auf dem Wert der Reziprozität, der sich auf der schmalen Linie des Augenblick zwischen rückwarts (recus) und vorwärts (procus) immer wieder neu entscheidet. Es sind die Knoten im Geflecht und Muster des Lebensteppichs, die zu knüpfen den Menschen zusteht und die ermöglichen, das Vergangene und Gewesen, selbst wenn es dunkel war, zu akzeptieren und zu integrieren, die lähmende Angst vor dem noch nicht erlebten Unbekannten zu mindern und die stärkende Kraft der Neugier und des Selbstvertrauens wieder zu wecken, die dem Kind das Leben als Entdeckung einer Palette von Farben anbietet.

Was jede Vorstellung sprengt, ist die grosse Zeitgeschichte, in welche die eigene Zeit eingeflochten ist und mit deren Unruhe, deren nicht beeinflussbaren Macht und sich steigernden Destruktivität keine Übereinstimmung möglich ist. Hamlets Klage, von Shakespeare vor über 400 Jahren notiert, zehrt heute an den Menschen stärker denn je. „The time is out of joint, the cursed, spite I was born to set it right“[6]“Die Zeit ist aus den Fugen, Schmach und Gram, dass ich zur Welt sie einzurichten kam.”  Es ist die Verzweiflung ob dem Druck der berechneten und gewerteten Zeit, die seit Menschengedenken durch jede Art von Sklavschaft geschaffen wurde, es ist die Unfreiheit in der Lebensgestaltung und die Verunmöglichung, dem eigenen Zeitrhythmus gerecht zu werden. Mit der Unterwerfung des menschlichen Zeit- und Arbeitsrhythmus unter das industrialisierte Produktionstempo der Maschine, die einherging mit der gewinnorientierten Kontrolle über Zeitmass und Lebenswert, setzte sich eine Verdinglichung der Menschen durch, die mit der Digitalisierung und Virtualisierung ins Masslose gesteigert wurde. Die Forderung tempo-tempo, die schon vor Generationen die Menschen krank machte, ist heute nicht einmal mehr aussprechbar. Die Masslosigkeit menschlicher Destruktion, die sich schon im Ersten Weltkrieg ankündigte, wurde mit dem Zweiten Weltkrieg und den Kriegen, die seither eine Tatsache der Sinnlosigkeit waren, vielfach bestätigt. Jede Art von Grenze wurde aufgehoben, auch das mit der Tonsprache verbundene Mass, auch die Erfahrung des Raums resp. der Distanz zwischen einem Teil der Erde und einem anderen durch den Aufwand von Zeit. Was heute als “Fortschritt” erklärt wird, hat seit bald zwei Jahrzehnten – seit dem ersten Golfkrieg -, mit der digitalen Kommunikation die Lichtgeschwindigkeit erreicht und seit über über fünf Jahrzehnten mit dem atomaren wie auch mit dem chemischen Waffensystem die Möglichkeit der Vernichtung der gesamten Menschheit.

Dass jegliches Mass und hiermit auch jegliches Zeitmass überschritten ist, löst so grosse Ängste aus, dass auch heute viele Menschen darob erkranken. Während einer kurzen Etappe mag die Anpassung an die durch Technik und Wirtschaft geforderte Tempo- und Leistungssteigerung gelingen, doch jede Art von Masslosigkeit bewirkt Atemlosigkeit und Erschöpfung. Herzbeschwerden, Kreislaufprobleme und viele weitere Leiden sind die Folge. Ihnen zu Grunde liegt die Angst, die sich als unsichtbare Herrschaft seit Generationen gesteigert hat und die schon Heinrich Heine in seiner Zeitbetrachtung meinte, als er schrieb, dass „(…) eine Solidarität der Generationen herrscht, die aufeinanderfolgen, ja die Völker, die hintereinander in die Arena treten, übernehmen eine solche Solidarität, und die ganze Menschheit liquidiert am Ende die grosse Hinterlassenschaft der Vergangenheit“.

Wie ist mit diesem ängstigenden Zukunftsbild umzugehen? Wie lässt sich die Angst vor der Zukunft lösen? Wie lässt sich trotz der nicht mehr messbaren und nicht mehr steigerbaren Beschleunigung, die den Äther durchzieht, für jeden einzelnen Menschen wieder ein Zeitmass finden, dass sein Verhältnis zum Leben, zu seinem eigenen Leben und zum Leben der anderen Menschen auf gute Weise ordnet und begleitet?

Der Rekurs auf die Vernunft mag nützlich sein; die Vernunft kann ordnende und regulierende Kriterien anbieten, doch sie genügt nicht. Die Vernunft lässt sie sich zu jedem Zweck benutzen oder missbrauchen. Es bedarf der sorgfältigen Prüfung des Zwecks, um den es geht, wenn bei Entscheidungen der Rekurs auf die Vernunft vorgegeben wird. Es bedarf des kritischen Denkens und zugleich bedarf es der „raison du coeur“, das heisst, es bedarf des Muts als der Sprache des Herzens, es bedarf dieser probeweisen Aktivierung mit kleinen Energiemengen, um zu spüren, dass es andere Möglichkeiten gibt als die Unterwerfung unter die Angst, andere Möglichkeiten als Mutlosigkeit, auch andere Möglichkeiten als Flucht in eine der zahlreichen ideologischen oder pharmakologischen Ersatzmöglichkeiten, die angeboten werden. Der damit einhergehende Zweck bewirkt nach kurzer Zeit neue Ängste. Es ist wichtig zu wissen, dass die Angst nur so lange auf Notwendigkeit beruht, als sie eine warnende Funktion hat. Wenn sie zur konstanten inneren Gewalt wird, hat sie diese Funktion verloren. Sie zu hinterfragen und ihre Ursachen zu klären ist, gehört zu den grossen Chancen.

Die Angst vor der Zeit als einer mächtigen, lähmenden Klammer oder als einem bedrohlich jagenden Torpedo – Zeitbilder, die sich aus Gesprächen mit Patienten ergaben -, beruht auf Erfahrungen psychischer oder körperlicher Gewalt, die weit zurückliegen, die jedoch ein Gefühl der Machtlosigkeit oder der Wertlosigkeit bewirkt haben, das sich fortsetzte und verstärkte. Dies zu erkennen ermöglicht einen anderen Blick auf sich selber, auf den eigenen Lebenswert und auf den persönlichen Wert des Überlebens. Es gewährt die Genesung aus dem bedrückenden Mangel an innerer Sicherheit, welcher der Angst zugrunde liegt; es ermöglicht eine andere Beachtung lebenswichtiger Bedürfnisse und eigener Wahlmöglichkeiten in Hinblick auf deren Erfüllung. Ein solches Erkennen kommt nie zu spät, es gibt in der Lebenszeit hierfür keine Schranke. Der Zeitpunkt ist immer der richtige, um die „Intuition“ wirken zu lassen und aus dem verborgenen Leiden durch das Erkennen der Ursachen jene Leidenschaft oder  „Intensität“  der Lebenszustimmung wachsen zu lassen, die den Sinn auch dieses Lernprozesses spürbar werden lässt, des ganzen Lernprozesses, der mit dem Leben, über das wir verfügen, angeboten wird. Hannah Arendt hatte auf einem ihrer späten Notizblätter festgehalten, dass  – ich zitiere ungefähr, ohne den Text vor mir zu haben – denjenigen, die unter Wüstenbedingungen die Leidenschaft fürs Leben aushalten können, zuzutrauen ist, in sich jenen Mut zu sammeln, der an der Wurzel des richtigen Tuns liegt.

Ich komme zum Schluss: Mut (courage) bekundet die Vernunft der Seele (la raison du coeur). Mut ist die wortlose Sprache des Gemüts. Nicht der Mutlosigkeit anheimfallen heisst,  auf die Empfindungen achten, die den nicht messbaren Wert des Lebens kundtun: die Unersetzbarkeit der menschlichen Wärme und des tiefen Atems, mit welchem jedes menschliche Wesen im Augenblick der Geburt dem Leben seine Zustimmung vermittelt. Die persönliche Lebenszeit, die damit beginnt, bedarf gleichzeitig der wärmenden und stärkenden Präsenz anderer Menschen, sie bedarf in jeder Phase des Austauschs und des Teilens von Wissen und von Kräften in der Beachtung der menschlichen Grundbedürfnisse. Das Verhältnis zur Zeit wird geprägt durch diese auf die Beachtung der Grundbedürfnisse abgestimmte Erfahrung der Verlässlichkeit der Menschen untereinander und zueinander. Sie ist – ohne Ausnahme- eine zentrale Voraussetzung für ein hohes Mass an Angstfreiheit. Auch wenn sie während langer Zeit brüchig war oder gefehlt hat, lässt sie sich nachholen, sobald der Erkenntnisprozess gewagt wird, wie ich es – gestützt auf meine Erfahrungen – zu erläutern versuchte. So kann das Verhältnis zur Zeit  angstfrei werden, obwohl der Ablauf der Zeit pausenlos weitergeht und das Ausmass an Zeitgeschichte nicht mehr erfassbar erscheint. Wahrnehmen und Beachten des menschlichen Zeitrhythmus in Hinblick auf die Begrenztheit des Lebens heisst letztlich, zum Lebensmut des Anfangs zurückfinden.

 

[1] Weiterbildung Philosophie / Kantonsspital Luzern, 26. November 2007

[2]  Dr. phil. (Philosophie, Psychoanalyse Und Traumatherapie), geb. Anfang 1940

[3] geb. 354 im nordafrikanischen Thagaste, gest.430 in der Nähe von Karthago

[4] Fernando Pessoa (geb. 1888, gest. 1935); Buch der Unruhe. Amman Verlag, Zürich 1986, S. 252 ff / S. 294. (Livro do Desassossego. Übersetzung aus dem Portugiesischen ins Deutsch von G. R. Lind)

[5] Julia Kristeva. Fremde sind wir uns selbst. Edition Suhrkamp 1604, Frankfurt a. M. 1990. S. 199 f

[6] William Shakespeare. Hamlet I. Aufzug, 5. Szene (vermutlich zwischen 1600 und 1602 verfasst).

 

 

Trennungen

 

„’Links wer,

rechts wer

und genau in der Mitte ich’ –

betont

der Spalt in der Mauer“.[2]

 

Anders als bei Übergängen stellt sich bei Trennungen kaum das Bild einer Brücke ein, die überblickbare oder vorausschaubare Teile in räumlicher wie in zeitlicher Hinsicht verbindet, ein Wechsel zwischen hier und dort, zwischen jetzt und nachher oder später, der auf spürbare Weise getragen wird. Trennung geht mit einer Erfahrung des Werdens einher, die tiefgreifend ist. Ein wichtiger Bezug zu einem anderen Menschen, zu einem Ort oder einer Sache wird abgebrochen, oft auf schmerzliche, manchmal auf befreiende Weise. Dadurch entsteht ein Bruch zwischen dem, was war, und dem, was noch nicht ist, ein Bruch im Zeitgefüge, der besondere Aufmerksamkeit fordert. Trennung, Bruch, Spalt, Verlust an Bindung, an Halt und Sicherheit, Unbekanntes… die Leere zwischen dem Gewesenen und dem noch nicht Seienden nimmt in der Seele des Menschen Platz ein, löst Spannungen und Vibrationen aus, Schrecken und fast namenloses Leiden, Angst, manchmal auch Neugier.

Auch als Wort steht Trenn u n g  immer in Beziehung zu anderen Worten, substantivisch oder verbal, auf aktive oder passive Weise: Trennung vonTrennung zwischen Trennung durchTrennung fürTrennung in Hinblick aufTrennung wegen…  Und so wie Trennung als Wort in Beziehung zu anderen Worten steht und dadurch aus Variationen von Bedeutung eine bestimmte, besondere Bedeutung zum Ausdruck gebracht wird, gibt es keinen anderen zentralen Bedeutungszusammenhang, der mit Trennung einhergeht,  als jenen der Beziehung. Nichts, was ist, kann ohne Beziehung sein. Nochmals: mit Trennung wird eine Änderung in einem wichtigen Beziehungsgeflecht ausgedrückt. Die existentielle, insbesondere die emotionale Bedeutung von Trennung verändert sich je nach dem Beziehungszusammenhang, in welchem das Wort gebraucht wird.

Die deutsche Sprache schafft mit den -u n gWorten, den –heit– und – keitWorten eine Tatsache. Was im Denken oder Tun, im Wahrnehmen oder Erleben ein aktives oder ein passives Handeln ist oder eine Mitteilung der Seinsweise, gerät aus den unmittelbaren Zeitgeschehnissen heraus und wird als ein factum benannt. Die Bewegung des Setzens – der Satz – kommt zu einem Punkt, worauf ein neuer Satz beginnt, eventuell auch ein neuer Abschnitt. Wie diese Tatsache wahrgenommen und erlebt wird, bleibt offen. Erneut: Mit dem Wort allein wird die Bedeutung von Trennung nicht klar. Es braucht grössere Kenntnis dessen, was mit der Trennung geschieht. Handelt es sich um etwas Gutes oder um etwas Belastendes? Bedeutet sie Befreiung oder Verlust? Geschieht sie auf eigenen Wunsch und Entscheid, oder durch Einwirkung oder Beschluss von Aussen, eventuell gar durch Gewalt? Stärkt sie den Ich-Wert des Menschen oder bewirkt sie ein Empfinden der Hilflosigkeit, des Verlusts und der schmerzvollen Verletzung, so wie ein Leck – gr. trauma –am Schiff entsteht, das durch den Sturm den Bezug zur Lenkungskraft der Segel verliert und gegen ein Felsenriff geworfen wird? Was geht mit Trennung einher? Wer oder was trennt wen oder was wovon? – wer trennt sich von wem oder wovon? – wer wird von wem oder wovon getrennt?

Was beinhaltet Trennung? Der Anfang menschlichen Lebens geschieht durch Trennung – nicht im Moment der Zeugung, sondern nach Monaten der Symbiose von Mutter und Kind im schmerzlichen, lebensnotwendigen Prozess der Geburt. Doch diese erste Erfahrung von Trennung – Trennung von der Geborgenheit im Mutterbauch, die Sigmund Freud als das grundlegende menschliche Trauma bezeichnete – bedeutet für die meisten Kinder nicht Verlust der Mutter. Das erste Erwachen des individuellen Lebens, dadurch das erste Aufblühen der Freiheit, auch der erste Willensakt  geschieht in Zusammenhang der ersten Trennung. Mit den ersten Atemzügen äussert das Kind die erste Zustimmung zum eigenen Leben. Durch das Abtrennen der Schnur setzt die Beziehung des Kindes zu sich selbst ein, und gleichzeitig erfolgt eine neue, andere Beziehung des Kindes zur Mutter. Es ist eine Beziehung voller Nähe, die einhergeht mit dem Verstehen von Blick und Klang der Stimme, mit Sicherheit im Getragenwerden, im allmählichen Loslassen und Begleiten, mit vielen neuen Erfahrungen im Wahrnehmen über alle Sinnesorgane, im Erlernen eigener Schritte und allmählich im Erkunden, Kennenlernen und Benennen des eigenen Umfelds, mit wachsender Beziehungserfahrung des Kindes zu sich selbst, zu den nächsten Angehörigen, zu weiteren Menschen, zu Licht und Schatten, zu den Sachen, allmählich zur Welt.

Trennung ist Teil des Werdens. Trennung kennzeichnet den zeitlichen Aspekt des individuellen Menschseins, das mit dem Trauma der Geburt beginnt und das anders die individuelle Einzigartigkeit gar nicht entfalten kann. Jedes neue Individuum wird gleichzeitig mit der gebürtlichen Trennung von der symbiotischen Beziehung zur Mutter hineinversetzt in ein Geflecht von Beziehungen  – und sich wiederholenden Trennungen. Es ist tatsächlich so, dass jedes andere Kind und jeder/jede Erwachsene, die in Beziehung stehen zum heranwachsenden Menschen, selber Trennungen erleben oder Trennung vollziehen, deren Auswirkungen für alle am Beziehungsgeflecht Beteiligten, auch für das Kind, Folgen haben, Trennungen, deren Ursachen meist viel unklarer sind wie jene anlässlich der Geburt. Auf ungewählte Weise erfolgt mit dem Werden sowohl die Teilnahme an einer Generationengeschichte wie an der aktuellen Zeitgeschichte.

… trennen, sich trennen, getrennt werden, getrennt sein, Trenn u n g

Wir sind am vergangenen Abend auf die Folgen eingegangen, die für Alen die Trennung von seinem Haus und seinen Tieren bewirkt hat, ebenso auf jene, die Sarah Kofman als achtjähriges Mädchen durch die Trennung von ihrem Vater erlebt hat und später durch die Kenntnis von seinem Tod. Jede Trennung, die nicht selber gewünscht oder gesucht wird, verursacht einen Verlust der inneren Sicherheit und Schaden mit langen Folgen. Im Leiden der Seele bleibt die Zeit verknotet, der Körper lebt weiter, doch das seelische Leiden wird auf Herz und Kopf, auf das cerebrale Nervensystem, auf den Magen und auf die Muskulatur übertragen. Müdigkeit und Kraftlosigkeit, Schlafstörungen, Kopfschmerzen, Unruhe, Allergien, Verdauungsprobleme – der Mensch in jedem Alter und von jeder Herkunft, der von Tag zu Tag den Ablauf der Zeit zu realisieren hat, spürt in sich selber einen übergangslosen Bruch, er wird älter und kommt trotzdem nicht weiter.

– Neulich rief mich ein Unbekannter mit ostschweizerischem Dialekt an, versicherte sich, dass ich die alte Therapeutin bin und berichtete mit gehetzter Stimme, dass vor drei Wochen sein Haus niedergebrannt sei, dass seine Frau und die fünf Kinder zwar ohne körperlichen Schaden seien, jedoch den Schock der innerhalb von Minuten erfolgten, totalen Trennung von ihrem Daheim mit den Tieren, den Spielsachen und schönen Räumen nicht verarbeiten können, dass Nacht für Nacht der Schlaf von angstbesetzten Schreien der Kinder unterbrochen werde. Dass er sich nicht mehr auf seine Arbeit konzentrieren könne, dass seine Gedanken vom Ausbruch und von der rasenden Ausbreitung des Brandes nicht mehr loskämen, dass seine Frau ihren warmen Blick im Brand verloren habe, dass ihre Augen wie verbrannt seien.

– Wenig später der Anruf eines anderen Familienvaters, der als Flüchtling mit gutem beruflichem Hintergrund in die Schweiz gekommen war, lange Zeit nicht arbeiten durfte und darunter litt, vor neun Monaten eine Anstellung finden konnte und die Hoffnung spürte, den verlorenen Lebenswert wieder gefunden zu haben. Nun hatte er unversehens die Kündigung erhalten, auf Ende Monat, aus saisonalen Gründen, er trage sie in der Jackentasche wie einen Stein,  unmöglich zu akzeptieren, unmöglich den zwei Töchtern mitzuteilen, dass sie sich wieder von den Ferienplänen trennen müssen, unmöglich… ein verzweifeltes Weinen.

– Am gleichen Tag eine knapp 60jährige Chemikerin, das einzige Kind ihrer Eltern, die den Beruf und das Geschäft ihres Vaters übernommen hatte und die sich Rechenschaft gibt, dass sie am Ende ihrer Kräfte ist, dass sie nicht mehr aufstehen und nicht mehr gehen mag, dass ihr Erschöpfungszustand jedoch nicht auf den beruflichen Anstrengungen, Änderungen und Belastungen beruhen kann, da sie diese immer wieder gut zu lösen wusste, sondern auf der Tatsache, dass seit dem 16ten Altersjahr jede Beziehung, die für sie Wert bedeutet hat – Liebe, Wärme, Lebensfreude -, mit Enttäuschungen und Trennungen einhergegangen ist,  dass sie seit der letzten Trennung die Beziehung zu sich selbst nicht mehr ertragen kann, dass eine lähmende Angst sie beherrsche vor dem Älterwerden und vor der definitiven Trennung von allem, was sie in ihrem Erwachsenenleben aufgebaut hat.

Oft ist es, als ob ein Teil des eigenen Ich durch die Trennung verloren gegangen sei, insbesondere wenn Trennungen sich fortsetzen und neue Trennungen auferlegt werden, oder wenn in neuen Beziehungsstrukturen der Subjektwert Bedingungen unterstellt wird, die nicht erfüllt werden können. Wenn das Kind nach der ersten Trennung von der Mutter, nach jener der Geburt, wenig tragenden, sicheren Halt erleben konnte, mag zwar ein Lebensmut – ein Überlebensmut – anwachsen, der einen starken Lern- und Erfolgswillen erscheinen lässt, jedoch häufig mit grosser Verletzbarkeit und brüchigem Selbstwertgefühl einhergeht. Das Mass an innerer Sicherheit verbindet sich mit dem Mass an erlebter Aufmerksamkeit und verlässlicher Wärme, wodurch der Lebenswert in der frühen Kindheit verstärkt wird;  materielle Mängel sind von viel geringerer Bedeutung.

Die Aufarbeitung von Biographien macht deutlich, dass, wer mit einem Mangel an psychischen, emotionalen Werten heranwächst, bestrebt ist, sich an alle Bedingungen anzupassen, um überleben zu können, und Unterwerfung im Sinn nicht hinterfragbarer Pflichterfüllung mit der Hoffnung zu verbinden, dadurch Geborgenheit und Anerkennung des eigenen Lebenswerts zu erleben. Häufig wird die Ausrichtung auf Sachen und auf den Besitz von Sachen zum Beziehungsersatz. Sein und Haben, Liebe und Gehorsam, Sicherheit und Flucht in Ersatz sind eng vernetzt. Daher geht jede Art von Trennung in dieser Vernetzung mit einem unterschiedlichen Mass an Angst einher, mit Angst um Verlust des eigenen Ich-Wertes, mit Angst um Verlorenheit und Verlassenheit. Angst ist die sprachlose innere Kraft, die ursprünglich wohl warnt und zur Vorsicht oder zum Handeln antreibt, die aber zunehmend hemmend und beklemmend wird und vor all jenem zurück hält, was nicht erlebt werden konnte, jedoch erlebt werden möchte und eventuell erlebt werden könnte. Was mit auferlegter, nicht gewählter und nicht gewünschter Trennung einhergeht, ist von dieser Angst geprägt; da scheint nichts Befreiendes und Stärkendes damit in Verbindung zu stehen. Es braucht viel, bis Trennung angstfrei erlebt werden kann und zu einer bewussten zeitlichen, örtlichen und beziehungsmässigen Neuorientierung führt.

Wie viel Unterschiedliches an Bedeutung sich mit Trennung verbindet, ist eine schon im Wort verborgene Geschichte. Die sprachliche Klärung, insbesondere das Erspüren und Erkunden von Synonyma ist hilfreich, um zu verstehen, was für das eigene Ich gemeint ist. Es ist ein nachdenkliches Auflisten von Worten, das sich der psychischen Übersetzung dessen, was das Wort aussagt, annähert. Immer geht der Tatsache des Substantivs, das in der Bedeutung grosse Unterschiede aufweist, eine verbale Entwicklung voraus. Einige Beispiele mögen zur näheren Untersuchung einladen:

… trennen, sich trennen, getrennt werden, getrennt sein, Trenn u n g

… entfernen, sich entfernen, entfernt werden, entfernt sein, Entfern u n g

… lösen, sich lösen, gelöst werden, gelöst sein, Lös u n g

… loslösen, sich loslösen, losgelöst werden, losgelöst sein, Loslös u n g

…loslassen, losgelassen sein / Gelassen h e i t

… entlassen, sich entlassen, entlassen werden, entlassen sein, Entlass u n g

… verlieren, sich verlieren, verloren werden, verloren sein, Verloren h e i t  / Verlust

… verlassen, verlassen werden, verlassen sein, Verlassen h e i t / sich verlassen, Verlässlich k e i t

… spalten, sich spalten, gespalten werden gespalten sein, Spalt u n g

… absondern, sich absondern, abgesondert werden, abgesondert sein, Absonder u n g

… sperren, sich sperren, gesperrt werden, gesperrt sein, Sperr u n g

… absperren, sich absperren, abgesperrt werden, abgesperrt sein, Absperr u n g

… brechen, sich brechen, gebrochen werden, gebrochen sein, Brech u n g / Bruch

… ausbrechen, ausgebrochen sein, Ausbruch

…auseinanderbrechen, auseinander gebrochen werden, Gebrochen h e i t

… entmischen, sich entmischen, entmischt werden, entmischt sein, Entmisch u n g

… entzweien, sich entzweien, entzweit werden, entzweit sein, Entzwei u n g

… scheiden, sich scheiden, geschieden werden, geschieden sein, Scheid u n g

… entwirren, sich entwirren, entwirrt werden, entwirrt sein, Entwirr u n g

… unterscheiden, sich unterscheiden, unterschieden werden, unterschieden sein,

Unterscheid u n g

… verabschieden, sich verabschieden, verabschiedet werden, verabschiedet sein,

Verabschied u n g / Abschied

… entsorgen, sich entsorgen, entsorgt werden, entsorgt sein, Entsorg u n g / Sorglosig k e i t

… ändern, sich ändern, geändert werden, geändert sein, Änder u n g

… verändern, sich verändern, verändert werden, verändert sein, Veränder u n g

… befreien, sich befreien, befreit werden, befreit sein, Befrei u n g

… vergeben, sich vergeben, vergeben werden, vergeben sein, Vergabe / Vergeb u n g

 

Um das Untrennbare in der Beziehung zwischen der eigenen Seele – dem eigenen Ich – und der eigenen Zeitgeschichte zu begreifen und um auf diese Weise, mittels des Begreifens und Verstehens – einen inneren Halt zu finden, bedarf es des persönlichen Hinterfragens, wann, in welchem Kontext von Geschehen und Erfahrung, in welchem Zusammenhang von Beziehung und Lebensgeschichte die Wahl welchen Wortes als richtig erscheint, um die besondere Bedeutung von Trennungen erfassen zu können, die auferlegt und/oder erlebt wurden. Die Möglichkeit das, was erinnerbar ist, zu erzählen, sei es in Bildern, in Worten oder über die Sprache des Körpers, das kann von grosser Hilfe sein.

 

„Wie ist der Moment zu erklären,

da Bewegung transzendiert?

Raus kommt etwas, ruft etwas, flüstert etwas;

Schreit es?

Rot, gelb, dann doch rosarot

– vielleicht blau.

Der Duft der Sehnsucht, der Geschmack dessen dort,

In den Kniekehlen, hinter den Ohren.

Nur ein sich bewegender Körper.

Hacke. Spitze. Eins. Zwei. Drei.

Wie ist der Moment zu erklären,

da Bewegung transzendiert? (…)“[3]

 

Die Fülle an Bedeutung, die mit Trennung einhergeht sowie das Erkunden und Suchen nach dem richtigen Wort, das der Bedeutung gerecht wird, erinnert an die vielen Teile eines Fächers, der in der Hand gehalten wird, um den Atem zu stärken. Je nach den Teilen, die geöffnet werden, ergibt sich ein anderes Bild mit anderen Farben, mit anderer Enge oder Weite, gleichzeitig eine unterschiedliche Möglichkeit, den Atem zu erleichtern und zu vertiefen. Die frühesten Erfahrungen im Lebensprozess, in diesem Voranschreiten (lat. procedere) gelebter Zeit, die mit Trennung beginnt, begleiten spätere schmerzhafte, von Aussen bestimmte und auferlegte oder selber gewählte Erfahrungen, bis der Mensch sich  zugestehen kann, den Fächer weiter zu öffnen. Erst dann wird es ihm möglich zu verstehen, dass selbst das Schmerzhafte und Leidvolle, das mit auferlegter, nicht selber gewählter und nicht selber gewünschter Trennung verbunden ist, Sinn macht im Lernen. Jede Art von Trennung ermöglicht, die Frage nach dem Wert – dem Beziehungswert, dem Lebenswert, dem Wert von Sein und von Haben – neu zu verarbeiten. Trennung geht in der ganzen Bedeutung des Wortes einher mit dem grossen Lernprozess des zeitgebundenen und beziehungsvernetzten Lebens.

 

„Vergangenwart

Gegenheit

Anfangen was wir endfangen

Zu Krallen gelegt

Ein Weltwind nimmt                                                                               Erfind ich Dich mit

Sich ein Leben                                                                                        Jeder Pulskrümmung“[4]

 

 

(b) Trauma und Genesung[5]: Was leidvoll war, darf Teil der Vergangenheit werden

 

„Ich

Die Wunde. Ich klärt sich auf

Dann in einer Sehstörung

Geht die Welt unter

 

Spiegel verstellt mir

Den Weg

Herzwand gleicht Schatten

Ewiges Kleid

 

Atem gleichrecht

Verdamalst

Heute vom zittrigen Morgen

Bis nachts zu Dir

Würgendem.“[6]

In der zwischen Grosselternzeit und Elternzeit, Zeitgschichte und Kindeszeit vernetzten, transgenerationellen Geschichte menschlichen Lebens sind die Belastungen zahlreich. Sie setzen sich fort und werden unerträglich schwer, wenn die vergangenen und die je aktuellen in eine Kumulation der Gleichzeitigkeit anwachsen. Es mag von grossem Nutzensein zu wissen, dass Genesung und Befreiung von Unrecht, seelischem Leiden, Wut und Angst möglich ist, wenn ihr zugestimmt werden kann. Die Auseinandersetzung mit Fragen der inneren und der äusseren Zeit, der Bedeutung von Wahlmöglichkeiten nach erlebter oder angetaner Gewalt, von Aufarbeitung ungewünschter Trennungen, Verluste und unerfüllter Hoffnung, all dies bedarf der Sorgfalt im Klären und Aufarbeiten, im Verstehen der Ursachen und Folgen, vielleicht im Verzeihen, dadurch in der Zustimmung zur gelebten Zeit.

“Wissenschaften entfernen sich im Ganzen immer vom Leben und kehren nur durch einen Umweg wieder dahin zurück.

Mit den Jahren steigern sich die Prüfungen.”[7]

Nach meinem Ermessen lässt Philosophie als Wissenschaft nicht zu, sich vom Leben zu entfernen. Insbesondere Philosophie in psychoanalytischer, sprachanalytischer und gesellschaftsanalytischer Weise als Prozess des immer neuen Klärens und Verstehens umsetzen bedeutet, die Denkprozesse, Erkenntnisse und Theorien, die vorliegen, auf die Zeitzusammenhänge sowie auf die Herkunfts- und Entwicklungsgeschichte von Denkerinnen und Denkern hin untersuchen, deren Werk Anlass zum Weiterdenken gibt; das ist seit über vierzig Jahren meine Arbeit. Seit über dreissig Jahren verbinde ich diese Arbeit mit Traumatherapie, nachdem mir zunehmend bewusst wurde, wie das Werk mir nahe stehender Denkerinnen und Denker durch schwere Traumata mitgeprägt wurde. Das ist so bei Rosa Luxemburg, Simone Weil, Hannah Arendt, Sarah Kofman, Etty Hillesum, Walter Benjamin, Ludwig Wittgenstein und vielen mehr. Und so wie es sich mit dem Klären und Verstehen in Verbindung mit dem Werk dieser Verstorbenen verhält, verhält es sich mit dem Alltag der heute Lebenden, deren Zeit- und Lebensverhältnisse durch die erlebten Trennungen und Ängste, die Verluste wichtiger Beziehungen, die Verluste an Sicherheit sowie durch weitere schwere Belastungen vor einer Fortsetzung von Lebenszeit zurückschrecken. Immer wieder von neuem drängt sich die Frage auf: Wie lässt sich Vergangenes so verarbeiten, dass es nicht verdrängt werden muss, dass die aktuellen Lebensumstände mit einer offenen Befragung und Wahrnehmung eigenverantwortlicher Möglichkeiten angeschaut werden können, damit das Unbekannte der Zukunft nicht angstbesetzt abgewehrt werden muss?

Die Wortbedeutung von Trauma wurde mir erstmals durch die Philosophie vertraut; sie bestätigt sich durch die psychoanalytische und traumatherapeutische Arbeit. Ich habe schon mehrmals darauf hingewiesen, dass in der griechischen Literatur mit „trauma“ ein Leck im Schiff des Odysseus bezeichnet wird, das gegen einen Felsen prallt und in Gefahr ist zu sinken. In diesem Sinn ist unter Trauma eine Wunde in der Seele des Menschen zu verstehen, die nicht eines Pflasters bedarf, sondern der sorgfältigen Verarbeitung und dadurch eines Heilungsprozesses, der sich auf längere Zeit erstreckt.[8]

In den hier vorliegenden Untersuchungen gehe ich auf Aspekte von Traumata ein, die mir hinsichtlich der menschlichen Lebenszeit wichtig erscheinen. Sie betreffen erstens die Frage nach den Ursachen und Zusammenhängen von Gewalt, von transgenerationeller Gewalt, insbesondere von Gewalt im geschlossenen, privaten Raum, die schwere Leiden bewirken und die innere Zeit eines Menschen zutiefst belasten. Ich werde im zweiten Teil auf  eine Fallgeschichte eingehen, in welcher deutlich wird, wie die nicht geheilten Kindheitstraumata einer Patientin bewirkten, dass sie zur Mittäterin von Gewalt wurde, die ihrem eigenen Kind angetan wurde, und wie sie später als Erwachsene zustande brachte, sich aus der in der Kindheit erfolgten und fortgesetzten Zeitblockade zu lösen sowie die schweren Belastungen von Schuld und Scham zu verarbeiten. In einem dritten Teil werde ich kurz noch auf methodische Aspekte der Traumatherapie eingehen, d.h. auf die Grammatik des therapeutischen Dialogs, die mir von zentraler Bedeutung erscheint. Die Verarbeitung von Scham, Scheu und Wertlosigkeit kann nur mit der Erfahrung, Subjekt zu sein, geschehen. Diese neue Erfahrung bedarf der Erprobung von Verlässlichkeit, damit die als Objekt erlittene Vergangenheit als Teil der Lebensgeschichte so abgeschlossen werden kann, dass kein „Anheimfallen” mehr droht, wie Hannah Arendt formulierte. Nur so wird es möglich, dem eigenen Ich Freiheit und damit Wahlmöglichkeiten im Denken und Handeln zuzugestehen, eine existentielle Rehabilitation, die einen angstfreien Blick auf die Zukunft zulässt.

 

Gewalt, Gesellschaft, Geschlecht etc.

Dass in der Tierwelt die Starken die Schwachen, die Stärkeren die Schwächeren jagen und hetzen, unterwerfen und töten, instinktmässig, gnadenlos, häufig qualvoll, wird als Beweis für die Grausamkeit animalischer Triebhaftigkeit erklärt. Gewalt wird als notwendiges Mittel zum Zweck des Überlebens beurteilt, als Ausdruck triebhafter Rationalität, die der Tierwelt eigen sei. Die Tatsache weckt Ängste, auch in der Menschenwelt, schon bei Kindern. Die Vorstellung, selber das schwächere Tier zu sein und der Gewalt des stärkeren nicht entkommen zu können, ihr ausgesetzt zu sein, hilflos und wehrlos, lässt vor Schrecken erstarren. In albtraumhaften Vorstellungen scheint kein Entrinnen möglich zu sein. Mythologische Dokumente, Sagen und Märchen wie Der Wolf und die sieben Geisslein, Rotkäppchen und der Wolf u.a.m. machen deutlich, wie animalische Grausamkeit in Menschengestalt seit Generationen zum Zweck der Einschüchterung benutzt wurde. Doch angstbesetzte Vorstellung bedeutet noch keinen Schutz, im Gegenteil. Was vor wenigen Monaten in der Peripherie von Zürich geschah, ein von Hunden – von Hunden aus menschlichem Beziehungsgeflecht – zum Tod zerfleischtes Kind, macht die Frage nach den Ursachen von Gewalt noch dringlicher.

Tatsache ist auch, dass in der Tierwelt Gewalt keineswegs tägliche Realität ist. Es bestehen grosse Unterschiede im Beziehungs- und Machtverhalten der Tiere untereinander so wie im Verhalten gegenüber Menschen. Selbst im karnivoren Teil der Tierwelt findet sich Gewalt nicht ausschliesslich; die Pinguine mögen ein Beispiel sein. Schutz und Fürsorge für Kinder, für Schwächere und für Verletzte wird in den nicht-karnivoren Teilen der Tierwelt meist mit grosser Selbstverständlichkeit durch die Stärkeren umgesetzt, ohne Gebote und ohne Gesetze. Anzunehmen ist, dass es auf Grund einer moralischen Triebhaftigkeit geschieht, entsprechend einer inneren Verpflichtung, die ohne Zweifel in der Seele (gr. psyche) der Tiere dem Wert von Solidarität oder von Reziprozität entspricht und die sich fortsetzt, weil sie erlebt wurde.

Die Frage stellt sich nach den Kriterien menschlichen Verhaltens. Zivilisation und Kultur, religiöse, staatliche und gesellschaftliche Ordnung gelten seit Jahrhunderten als Bestreben, die Gewalt im Zusammenleben zu bändigen und zu kontrollieren, wieder nach Kriterien der Rationalität. Ob jedoch Kontrolle, Aufschub und Sublimation der triebhaften, animalischen Kräfte im Menschen, der aggressiven der Fäuste wie der sexuellen, individuell gelingen, hängt von vielem ab.

Die Auseinandersetzung um Macht und Recht im Bestreben, Gewalt als Unrecht zu erklären, wurde zu einer Fortsetzung theoretischer Erkenntnis- und Denkarbeit, die bis heute wenig Einfluss auf das Zusammenleben der Menschen erreichen konnte. “Die Eitelkeit der Zivilisation ist aufsässiger als der Hochmut der Barbarei”, hielt Benjamin Constant 1814 in seinem Werk Sur la violence fest, und seither ist die Gewalt, mit allem, was Fortschritt beinhaltet, ins Ungeheuerliche angewachsen. Freuds Aufsatz von 1929/30 über Das Unbehagen in der Kultur spannt dazu einen weiten Bogen, der jedoch nicht genügt, trotz der prophetischen Warnung, die er enthält. Der menschliche Aggressions- und Selbstvernichtungstrieb, den Freud immer wieder thematisiert, erklärt noch nicht die wirtschaftsideologisch programmierte Bagatellisierung und systematische Umsetzung von Gewalt, wie sie sich seit der Industrialisierung entwickelt hat, wie sie durch den Ersten Weltkrieg konkretisiert wurde, wie sie durch den Zweiten Weltkrieg ins Masslose weiterentwickelt wurde, wie sie nun durch die technologische Fortsetzung dessen, was als Fortschritt erklärt wird, durch die digitalisierte aktuelle Kommunikation, welche die Medien der Erwachsenen wie jene der Kinder beherrscht, die Vorstellungskraft in die Virtualität abgleiten lässt, in welcher jede Art von Gewalt überhand nimmt.

Der Mangel an kritischem Denken und an sozialpolitischem Mut angesichts einer wachsenden Akzeptanz von Gewalt, die einhergeht mit einer wachsenden Verminderung des Respekts der Rechte von Kindern, Frauen und Männern gesellschaftlich unterschiedlicher Herkunft, kann nicht vor allem mit „wachsendem und zunehmend belastendem Schuldgefühl” in Zusammenhang stehen, wie Freud zu erklären versuchte. Tatsächlich ist die Menschheitsgeschichte bis heute geprägt durch ständige Fortsetzung individueller Gewalt, die oft im Namen von nationalen und ideologischen – von religiösen, politischen und wirtschaftlichen, rassistischen und ethnischen – Begründungen zum Zweck kollektiver Gewalt als notwendig und als legitim erklärt wird. Ideologien und staatliche Gesetze oder offizielle Funktionen sind Vorgaben, wie Uniformen, welche benutzt werden, um andere, schwächere Menschen zu Objekten individueller Gewaltbedürfnisse zu machen. Auferlegte Trennung von wichtigen Bezugspersonen, Erniedrigung, Angst und Entsetzen, Hunger, Durst und Schmerz, jede Art von  körperlichem und seelischem Leiden anderer Menschen, selbst unbekannter Kinder und Frauen, wird von unzählbar Vielen zur Bestätigung der persönlichen Macht, resp. zur Stärkung des eigenen, schwachen Ich-Wertes benutzt. Gewalt geschieht im Zusammenleben der Menschen nicht anders wie in Teilen der Tierwelt, nur berechnender, raffinierter und unersättlicher.

Gewalt wie sie in Diktaturen und Kriegen tägliche Realität ist, bis in die jüngste Vergangenheit und Gegenwart hinein, auch hier in Europa, ist die eine Tatsache, die immer wieder fassungslos macht. Die andere Tatsache besteht in der Erklärung des Gewaltmonopols des Staates überhaupt – auch des demokratischen Staates – sowie der strukturellen und funktionalen Ausübung von Gewalt durch Personen, an welche im Rahmen von Bürokratie, Militär, Polizei, Gerichtswesen, Strafvollzug etc. quasi das Recht zur Gewalt delegiert wird, an Männer und an Frauen, die sich oft – nicht immer – ihrer Funktion bedienen, um diese zum Zweck des persönlichen Machthungers gegenüber anderen, schwächeren Menschen umzusetzen. Was in der eigenen Kindheit an Mangel erlebt wurde, wird durch Ausübung von Macht und Gewalt Schwächeren gegenüber kompensiert. Da die westliche Gesellschaft – auch jene der Schweiz – seit Jahrhunderten patriarchal und hierarchisch (gr. hieros – heilig) strukturiert ist und daher Rang und Geschlecht, Status und Funktion mit einer Differenz menschlichen Wertes verbindet, wird diese Wertedifferenz als richtig und als notwendig erklärt, wie dies erneut die jüngsten Entwicklungen im schweizerischen wie im gesamteuropäischen Asyl- und Ausländerrecht, im Zivilrecht und Kinderrecht, im Sozialrecht und im Strafrecht usw. beweisen. Gewalt ist trotz Aufklärung, trotz Fortschritt und trotz  Modernisierung in der Gesetzgebung eine atavistisch vorgeprägte, ständige Tatsache. Selbst die 1948 nach dem Zweiten Weltkrieg zustande gekommene Erklärung der Menschenrechte als oberste, normative Verbindlichkeit aller Nationen, aller Gesetze und deren Umsetzung wie die 1952 nachfolgende EMRK (Europäische Menschenrechtskonvention) und die weiteren internationalen Konventionen haben die Ausübung von Gewalt nicht aufs geringste beigelegt.

Da gesetzlich geregelte Institutionen wie die Ehe, die trotz der 1971 erfolgten rechtlichen Gleichstellung der Frauen nach wie vor ein institutionalisiertes Geschlechterverhältnis bedeutet, ebenso wie Elternschaft und Familiensystem mit noch immer ungenügend respektiertem Kinderrecht, wie Religionsgemeinschaften, Schulen, Angestelltenverhältnisse in Firmen, in Polizeicorps und Armeen, in Verwaltungen und Spitälern etc. offiziell hierarchisch strukturierte Verhältnisse sind, in welchen sich – quasi legitime – Gewaltgefälle konstituieren, wirken sich auch in ihnen vielfache Erniedrigungen untergeordneter Menschen durch übergeordnete als gewöhnliche, beinah reguläre Tatsachen aus, gegen welche auf rechtlicher Ebene kaum vorgegangen wird. Dazu kommt die seit Jahrzehnten wachsende Diktatur der Wirtschaft, die mit grösster Schonungslosigkeit über Erwerbsarbeit und Erwerbslosigkeit, damit über Existenzwert oder Existenzwertlosigkeit eines Grossteils der Menschen entscheidet, mit erniedrigenden Folgen für junge Menschen mit geringeren Ausbildungsmöglichkeiten, für ältere und geschwächte Menschen sowie für jene im Asyl- und AusländerInnenbereich, deren Lebenswert als überflüssig erklärt wird. Zunehmend erschreckt – wie ich schon erwähnt habe –  die wachsende Propaganda und dadurch Bagatellisierung von Gewalt durch die digitalisierten Medien, durch Internet, CD’s, Video Games, Fernsehfilme, Filme u.a.m., durch welche vorgegeben wird, dass durch das Ausüben von Gewalt die Angst vor Gewalt korrigiert werden könne, oder dass Erfahrung von Gewalt nicht nur zum Alltag gehöre, sondern Voraussetzung sei, damit Kinder heldenhafte Erwachsene würden. Die Harry Potter-Filme sind nur ein Beispiel für die Vermischung von Wunschbildern heldenhaften Lebens mit Gewalt.

Für jede Art von psychischer, körperlicher oder struktureller Gewalt, für jede Art von menschlicher Erniedrigung, von beruflicher oder arbeitsmässiger Entwertung, letztlich von Infragestellung des Existenzwertes werden – falls nicht eine gute psychische Verarbeitung möglich ist – von den Betroffenen Projektionsobjekte gesucht, auf welche Wut und Hassgefühle übertragen werden können, da dies den Verursachern gegenüber nicht möglich ist. Zum Projektionsobjekt kann das Opfer sich selber machen – oder es sind Lebewesen, die schwächer sind und die benutzt werden. Bei Polizeiuntersuchungen und in Gefängnissen, auf der Strasse und in Hinterhöfen, in Büros und in Fahrzeugen, in Sportvereinen und Schulen, selbst in Praxen und Psychiatrien findet ein Ausmass und eine Häufung unterschiedlicher Gewalt statt, die zu einem grossen Teil verborgen bleibt – so wie jene in den Familien. Gewalt ist allgegenwärtig – strukturell und instrumentell, psychisch und körperlich,  sexuell wie brachial.

 

Opfer und Täter im geschlossenen Raum: eine transgenerationelle Fallgeschichte

Was verborgen bleibt, geschieht zwischen Täter und Opfer. Rohe Grausamkeit – erniedrigende Worte, ungerechtfertigte Anschuldigungen, Androhung von Tod, Fusstritte, Tritte mit Stiefeln und schweren Schuhen, Schläge mit Fäusten, Keulen, Stöcken und mehr, Einsperren in Räumen, in Kellern und Kästen, jede Art von psychischer und körperlicher Quälerei ebenso wie jede Art sexueller Gewalt gegen Kinder und gegen Jugendliche beiden Geschlechts so wie gegen Frauen geschieht meist im Verborgenen, meist hinter geschlossenen Türen. Zeit und Raum – der geschlossene Raum, auch der häusliche Raum – sollen im Dunkeln bleiben und der Absonderung des Opfers dienen. Das lateinische privatus  heisst abgesondert, für sich. Die Absonderung der Opfer dient dem Schutz der Täter. Allerdings geht mit der Absonderung oft nicht Unkenntnis der Gewalt durch Dritte einher. Häufig gibt es Mitwissende, die aus unterschiedlichen Gründen schweigen, ob aus Angst, Scham oder Scheu wie die Opfer selber, ob aus Indifferenz, aus falschem Gehorsam resp. aus Unterwerfungshaltung dem Täter gegenüber. Deren Schweigen wird zur Mittäterschaft.

 

Das schutzlose Kind

Durch eine Sozialarbeiterin wurde eine knapp 26jährige Frau, Mutter von drei Kindern, wegen Suizidgefahr notfallmässig bei mir angemeldet. Gleich im ersten Gespräch schilderte sie mit tonloser Stimme, wie ausweglos ihr das Leben erschien. Während Jahren hatte sie erlebt, wie ihr Ehemann die einzige Tochter – das zweitgeborene Kind –  zum Objekt jeder Art von Gewalt machte. Jeder Umstand oder Anlass, der ihn aufbrachte oder in ihm ein negatives Gefühl weckte, wurde dazu benutzt: Wut ob irgend einer Unhöflichkeit oder Ungerechtigkeit bei der Arbeit (er arbeitete als Hilfsarbeiter bei einer Baufirma), Unbehagen ob der engen Wohnung, Ungeduld ob eines verspäteten Abendessens, Zorn ob des weinenden Kindes. Der geringste Ärger liess ihn ausrasten, so masslos, dass er das Kind gegen die Wand warf, mit den Füssen trat, auf es einschlug, bis es bewusstlos wurde und nicht mehr weinen konnte. Angstbesetzt erlebten der ältere und der jüngere Bruder, was der Schwester angetan wurde; angstbesetzt versuchte die Mutter, das Kind mit den vielen Verletzungen, mit seinem Stottern und den dunkeln, wie leeren Augen vor der Öffentlichkeit zu verstecken. Als eines Nachts das Mädchen mit schweren Blutungen aus Ohren, Nase und Mund bewusstlos liegen blieb, brachte der Ehemann es selber ins Krankenhaus. Er gab einen Unfall vor, doch die zahlreichen Kopfverletzungen so wie die vielen verwachsenen Knochenbrüche an Armen, Beinen und Rippen, die bei der Röntgenuntersuchung erkennbar wurden, auch Schwellungen im Sexualbereich des Kindes – das ganze Ausmass an Leiden und Schaden war so evident, dass noch in der gleichen Nacht die Polizei aufgeboten wurde. Der Vater des Kindes wurde gefangen genommen. Es folgten Untersuchungshaft, Strafverfahren, schliesslich Verurteilung zu 18 Jahren Gefängnis.

Auch die Mutter des Kindes wurde angeklagt und als Mittäterin – als passive Mittäterin –  verurteilt. Nach einigen Wochen Untersuchungshaft wurde sie frei gelassen. Die Betreuung der zwei Knaben, die in dieser Zeit in einem Heim untergebracht worden waren, durfte sie wieder übernehmen, unter steter Kontrolle durch die Sozialarbeiterin. Die Tochter wurde ihr entzogen. Nach einem langen Spitalaufenthalt – wo wusste sie nicht – wurde das Mädchen einer Pflegefamilie anvertraut, in einem anderen Teil der Schweiz. Von der Sozialarbeiterin konnte die Mutter erfahren, dass das Kind an einem guten Ort war, dass es einen sicheren Halt erlebte, eine Sonderschule besuchen durfte, traumatherapeutische Hilfe bekam; dass Hoffnung bestand, dass es überleben, vielleicht gar genesen würde. Die noch junge Frau sollte ihr Kind nie mehr sehen.

Diesen richterlichen Entscheid konnte sie nicht akzeptieren. Sie konnte nicht akzeptieren, dass sie nicht wissen durfte, wo das Kind lebte; dass sie keinen Kontakt mit ihm haben durfte. Zwischen ihr und den zwei Knaben herrschte ein Klima des Unaussprechbaren – der Scham, des hilflosen Aufbegehrens, der täglichen freudlosen Pflichterfüllung. Schlaflosigkeit, stete Unruhe und Kraftlosigkeit, Kopfschmerzen und Schwindelgefühle, ein Gefühl der grauen Leere vor ihr, der schweren Last auf ihr, der Angst vor jedem nächsten Tag – all dies konnte sie der Psychotherapeutin schildern: sie mochte nicht mehr leben. Sie fühlte sich festgefroren in einer Zeit, aus welcher es für sie keinen Ausweg gab. Doch dies auszusprechen überstieg schon, was sie sich zugestand. Sie wusste nicht mehr weiter, war dem Ehemann – dem Folterer ihres Kindes – zur Treue verpflichtet, besuchte ihn regelmässig im Gefängnis. Seine Grausamkeit leugnete sie nicht, sie wehrte jedoch ab, dass er dem Kind auch sexuelle Gewalt angetan habe, ein gewalttätiger Mann sei er gewesen, aber ein unanständiger, nein, das könne nicht sein.

Das Aufarbeiten ihrer Scham und ihrer Trauer, ihres eigenen Versagens und ihrer Mitschuld am Leiden ihrer Tochter ging einher mit dem Ergründen ihrer Hilflosigkeit angesichts väterlicher Gewalt, männlicher Gewalt überhaupt, einer lähmenden Hilflosigkeit, die sie in der eigenen Kindheit auch bei ihrer Mutter erlebt hatte. Es bedurfte einer langen Zeit, in welcher die Klage mit kaum tragbarer Verzweiflung einherging, worin sich – wie ich spürte – die Verzweiflung von Generationen von Frauen verdichtete, bis sie sich zugestehen durfte zu weinen, bis sie zu verstehen begann, dass es an ihr lag zu verändern, was sie als ausweglose Fortsetzung ihrer Kindheit als Mädchen, als Fortsetzung von Frauenleben erlebt hatte. Dass sie sich nicht länger schicksalhaft unter Gewalt ducken musste, dass sie sich gegen Gewalt zur Wehr setzen durfte: dass sie Wahlmöglichkeiten hatte.

Allmählich wurde es möglich, dass sie akzeptieren konnte, dass ihre Tochter in einer anderen Familie lebte. Sie konnte ihr zugestehen, mehr Sicherheit und mehr Lebenswert zu erleben, als sie ihr hatte geben können. Sie wünschte ihr ein Leben, das sich ohne Angst weiterentwickeln konnte. So wurde es nach und nach möglich, dass sie ja sagen konnte zur Trennung  von ihrem Kind, vielleicht nicht für immer, wie sie zu hoffen begann. Sie begann zu hoffen, dass es eines Tages selber den Wunsch äussern würde, die Mutter wieder zu sehen. Durch diese Zustimmung empfand sie sich nicht länger als Opfer eines ungerechten Gerichtsentscheid, wie dies während langer Zeit der Fall war. Eine andere, neue Art von Liebe zu ihrem Kind begann sie zu spüren: es ging nicht um ein ihr entzogenes Eigentum, das sie vermisste, es ging um ihr Kind, das sie mit der Last der eigenen Wertlosigkeit, die sie als Kind und Mädchen selber seit der frühen Kindheit erleben musste, in die Welt gesetzt hatte und das darob so schwer hatte leiden müssen, dass es kaum mehr leben durfte. Es lag an ihr zuzustimmen, dass es genesen durfte. Ihre eigene Genesung hing von dieser Zustimmung zur Trennung von ihrem Kind ab.

In dieser Zeit veränderte sich auch die Beziehung zu den beiden Söhnen. Ein neues Interesse wurde in ihr wach an deren Ängsten und Bedürfnissen. Sie sprach mit ihnen über die Schwester, auch über den Vater, wenn sie Fragen stellten. Die Beziehung zum Ehemann blieb lange ungelöst. Sie besuchte ihn weniger häufig, machte eine Ausbildung als Pflegerin für betagte, kranke Menschen. Auch der Heilungsprozess von der Mittäterschaft brauchte eine lange Zeit. Eigenverantwortung und Lebenszustimmung unter schwierigen Bedingungen können nicht mit Selbstverachtung einher gehen, das wurde ihr zunehmend klar. Sie wünschte, nicht nur verstehen zu können, sondern – vielleicht – selber Verzeihung zu spüren. Es bedurfte eines neuen Lernens: der Achtung vor ihr selbst, des Aufbaus ihres Wertes als Subjekt in einem Beziehungsnetz, das sich neu gestalten liess.

 

Worauf beruht die psychoanalytische Traumatherapie? – wie kommt sie voran?

“Behutsam, ihr Götter,

denn das Herz aus Porzellan

ist spröde und leicht

zu verletzen” (…)[9].

Ein Einblick in die psychoanalytische Traumatherapie mag von Interesse sein. Diese hängt in starkem Mass von der Methode ab. Die Methode meint den Weg – gr. hodos -, über welchen ein Heilungsprozess eingeleitet und fortgesetzt wird, um das Ziel der Therapie zu erreichen (gr. meta – nach, hin). Freud sprach von der Technik, d.h. von der Kunst oder vom Handwerk (gr. techne) einer Kur. Am 12. Dezember 1904 hatte er vor dem Wiener medizinischen Doktorenkollegium einen Vortrag Über Psychotherapie gehalten, in welchem er mit Hilfe eines literarischen Fallbeispiels auf den Ton resp. die Bedeutung des „seelischen Instruments” des leidenden Menschen einging. Freud gab zuerst seinem Unmut über „diesen und jenen Kollegen” Ausdruck, „welche Sprechstunden mit einem Patienten einrichten, um eine psychische Kur mit ihm zu machen, während ich sicher bin, dass er die Technik einer solchen Kur nicht kennt. Er muss also erwarten, dass ihm der Kranke seine Geheimnisse entgegenbringen wird, oder sucht das Heil in irgendeiner Art von Beichte oder Anvertrauen. Es würde mich nicht wundern, wenn der so behandelte Kranke dabei eher zu Schaden als zum Vorteil käme. Das seelische Instrument ist nämlich gar nicht leicht zu spielen. Ich muss bei solchen Anlässen an die Rede eines weltberühmten Neurotikers denken, der freilich nie in der Behandlung eines Arztes gestanden, der nur in der Phantasie eines Dichters gelebt hat. Ich meine den Prinzen Hamlet von Dänemark”[10].

Hamlet als literarisches Fallbeispiel mag sich eignen, um deutlich zu machen, dass Traumatherapie nicht gelingen kann, wenn der Patient zum therapeutischen Objekt gemacht wird. Die Erfahrung von Hilflosigkeit und Entwertung, die mit dem Trauma einherging, würde dadurch auf retraumatisierende Weise wiederholt. Freud verweist auf die Auseinandersetzung zwischen Hamlet und den zwei Adlaten des Königs, Rosenkranz und Güldenstern, die den Auftrag haben, Hamlet „das Geheimnis seiner Verstimmung zu entreissen” und zu diesem ‘Zweck’  Flöten hereintragen lassen[11]. Freud unterlässt es allerdings, auf die erste Reaktion Hamlets einzugehen, in welcher er seine Ahnung äussert, dass es sich dabei um eine Art Verführung handle. Ich will den Passus, der mir vom dialogischen Konzept her wichtig erscheint, aus Shakespeare’s Text kurz zitieren:

Hamlet: O die Flöten! Lasst mich eine sehn. – Um Euch insbesondere zu sprechen (nimmt Güldenstern beiseite): Weswegen geht Ihr um mich herum, um meine Witterung zu bekommen, als wolltet Ihr mich in ein Netz treiben?” (…) Wollt Ihr auf dieser Flöte spielen”?

Güldenstern: “Gnädiger Herr, ich kann nicht.”

Hamlet: “Es ist so leicht wie lügen. Regiert diese Windlöcher mit Euern Fingern und der Klappe, gebt der Flöte mit Euerm Mund Odem, und sie wird die beredetste Musik sprechen. Seht ihr, dies sind die Griffe.”

Güldenstern: “Aber die hab ich eben nicht in meiner Gewalt, um irgendeine Harmonie hervorzubringen; ich besitze die Kunst nicht”.

Erst Hamlet’s Aufbegehren wird von Freud zitiert:

Hamlet: “Nun seht Ihr, welch ein nichtswürdiges Ding Ihr aus mir macht? Ihr wollt auf mir spielen; Ihr wollt in das Herz meines Geheimnisses eindringen; Ihr wollt mich von meiner tiefsten Note bis zum Gipfel meiner Stimme hinauf prüfen, und in diesem kleinen Instrument hier ist viel Musik, eine vortreffliche Stimme, dennoch könnt Ihr es nicht zum Spielen bringen. Wetter, denkt Ihr, dass ich leichter zu spielen bin als eine Flöte? Nennt mich was für ein Instrument Ihr wollt, Ihr könnt mich zwar verstimmen, aber nicht auf mir spielen”.

Hamlet gibt aufs klarste zu verstehen, dass er nicht den Ton seiner Seele preisgeben will, nachdem er spürt, dass die zwei Adlaten den eigenen Atem nicht zu regulieren verstehen, resp. das eigene seelische Instrument nicht spielen können. Es geht ihm nicht nur um die Feststellung, dass sie „die Technik der Kur” resp. des Spiels nicht kennen. Hamlet wehrt ab, zu deren Zweck benutzt zu werden. Er wehrt ab, deren Objekt zu sein. Seine Abwehr verweist auf  eine der klarsten Regeln, die zu beachten ist – jedoch auf welche? Es ist die Grammatik des therapeutischen Dialogs.

Den Begriff Grammatik erachte ich als klärend und hilfreich. Sie wissen, dass mit dem griechischen Wort „grammatike” alles, was die Bedeutung der Anfangsgründe, Anfangskenntnisse der Sprache beinhaltet, gemeint ist. Mit Grammatik ist somit das Regelsystem gemeint, durch welches das Sprechen, das Lesen wie das Schreiben Klarheit erlangt. Dank der Grammatik besteht die Möglichkeit mitzuteilen, was in der eigenen inneren Sprache von Bedeutung ist sowie zu deuten und zu verstehen, was in der gesprochenen Sprache der Zusammenhang der Worte aussagt sowie jener des Sprachrhythmus und des Tons sowie der Pausen, was andererseits in der geschriebenen Sprache das Neben- und Hintereinander der Schriftzeichen – der sprachlichen Graphik (gr. „graphein” heisst ja schreiben, auch einritzen) vermittelt, gemäss der Gesamtheit der Regeln, die mit der Sprache als Möglichkeit der Kommunikation (lat. „communicatio“ – Verbindung, Verständigung und Mit-teilen) einhergehen.

In grammatikalischer Hinsicht ist von zentraler Bedeutung die Unterscheidbarkeit von Subjekt und Objekt. Es ist das Subjekt, nach welchem die aktive oder passive Form des Verbs sich ausrichtet und womit ein Objekt  – ob im Genitiv, Dativ, Akkusativ oder Ablativ –  in Verbindung steht, je nach der Präposition, durch welche das Verhältnis zum Subjekt deutlich wird. Entscheidend für den ganzen Satz ist immer das Subjekt, durch welches nicht nur das Verb resp. das Handeln bestimmt wird, sondern das Ordnungssystem des ganzen Satzes. Auch jedes Komma (gr. „komma” – Einschnitt, Abschnitt, abgeleitet von „koptein” – schlagen) verdeutlicht die Art des Bezugs zum Subjekt, während der Punkt mit grosser Klarheit eine Trennung zwischen dem einen und dem anderen Satz oder einen neuen Abschnitt schafft (lat. „pungere” – stechen, aus dem Zusammenhang der Schrift mit dem Griffel auf Wachstafeln oder mit dem Meissel auf Stein), sodass ein neuer Satz beginnen kann[12].

Hamlets Widerstand macht ihn zum Subjekt. Hamlet gibt zu verstehen, dass  e r  selber die Art des Handelns – das Verb – bestimmen will, dass  e r  weder das Objekt des Königs noch das Objekt seiner Adlaten sein will. Er will nicht benutzt werden, will nicht der Neugier und nicht der Ruhmessucht Anderer ausgesetzt sein. Wie und wann er sich wem mitteilt, um sich von dem, was ihn belastet, zu entlasten, will er selber bestimmen. Auf jeden Fall setzt Hamlet voraus, dass die Person, der er sich anvertraut, das Instrument der inneren Sprache, der Psyche, in jeder Hinsicht kennt und zu deren Übersetzung in die Grammatik der Sprache fähig ist. Er kann nicht sein geheimes Inneres öffnen, wenn er nicht voraussetzen kann, als Subjekt respektiert zu werden. Er fordert, dass die Auseinandersetzung resp. der Dialog (gr. „dia-logos” resp. „dia” – auseinander und „legesthai” –  sich unterreden resp. „legein” – sprechen) mit den unbewussten, geheimen Teilen der Psyche, die das Denken, die Empfindungen, die Beziehungsstruktur und das Handeln prägen, nicht auf vorgetäuschte Weise erfolgt; denn dergleichen zu tun sei „so leicht wie lügen” , wie er spöttisch bemerkt. Damit gibt er zu verstehen, dass er sich nicht in ein trügerisches Spiel zu einem ihm fremden Zweck einlassen will.

Die Grundregel der therapeutischen Grammatik, die dadurch vermittelt wird, heisst, dass ein Patient/eine Patientin in einer therapeutischen Beziehung nicht zum Objekt gemacht werden darf, nicht zum Objekt der Selbstanalyse des „Arztes”, wie Freud suggeriert, auch nicht zum Objekt narzisstischer Befriedigung, wissenschaftlicher Forschung oder Karriere. Der Patient/die Patientin ist auf dialogische Weise das andere, ebenbürtige Subjekt in der therapeutischen Situation der Kommunikation mit dem Therapeuten /der Therapeutin. Wird diese zentrale Regel beachtet, bewirkt sie eine spürbare Veränderung im Ich- und Selbstwert der Patientin/des Patienten, die/der durch vielfache Erfahrungen der traumatisierenden resp. verletzenden Objekthaftigkeit, der dabei erlebten Entwertung oder Erniedrigung, der mit Gefühlen der Ohnmacht verbundenen Ausgesetztheit sich in einen Kokon der Überlebensstrategie zurückziehen musste, in welchem die Zeit sistiert wurde, mit vielfachen Zeichen des psychischen Leidens, häufig zusätzlich mit schwerwiegenden somatischen Folgen. Die spürbare Veränderung im Ich- und Selbstwert entwickelt sich durch das Erwachen, das Erstarken und die Erfahrung der Sicherheit als Subjekt, wodurch nicht nur der eigene Handlungsmodus als Gefühl der Freiheit sich umsetzt, sondern die Beziehung zum eigenen Ich als eine selbststärkende, selbstheilende Kraft erlebt wird, so dass der Blick auf die Zukunft wieder geöffnet werden kann. Die psychische, häufig auch die damit einhergehende körperliche Genesung wird möglich durch die spürbare Veränderung der sequentiellen Objekthaftigkeit in ein neues Verhältnis des Menschen zu sich selbst: in ein Subjekt-Objektverhältnis des eigenen Ich zum eigenen Selbst.

Auf die Bedeutung dieser Grundregel möchte ich näher eingehen. Man muss sich bewusst sein, was seit der frühesten Kindheit an Objekterfahrungen das mit der Geburt geschaffene Subjektsein erschwert, verdunkelt oder lähmt. [13] Mit dem eigenen Herzton, der vom Moment der Geburt an das Leben bestimmt, mit dem eigenen Atem und dem damit verbundenen eigenen Rhythmus der Sprache verbindet sich die Sehnsucht, einen persönlichen Dialog in einer warmen, sichern Beziehung zu finden und als Subjekt verstanden zu werden, als Ausdruck des Hungers, der Wünsche und des Wohlbefindens, der Ängste und des Schmerzes, in allem der Empfindungen und allmählich der Erkenntnisse, immer im Bestreben, nicht abgewiesen, sondern in die Kommunikation aufgenommen zu werden.

Das Kind spürt, ob es in seinem Subjektwert verstanden wird oder nicht, ob es in seiner persönlichen Besonderheit geachtet wird oder als es –  das Kind, das Ding – gilt, über welches verfügt wird. Sein Ich-Wert hängt davon ab, w i e  das grundlegende Bedürfnis, in der Besonderheit als Subjekt anerkannt und geliebt zu werden, erfüllt wird. Wenn die dialogische Grammatik von Mutter- und/oder Vaterseite her nicht stimmt, wenn das Kind ausschliesslich als Ding-Objekt gilt, entwickeln sich in ihm aus der Mangelerfahrung, aus der Angst oder aus der Sehnsucht Grundhaltungen des Überlebens, welche in der Folge jede Art von Beziehung und jede Art von Kommunikation prägen, mit starkem Einfluss auf die geschlechterspezifische Besonderheit und/oder Differenz.

 

Subjekt sein im Prozess des traumatherapeutischen Dialogs

Die Überlegungen wie die vorher geschilderte Fallgeschichte mögen deutlich machen, dass transgenerationelle Gewalt unterschiedliche Ursachen haben kann –  z.B. armutsbedingte oder zeitgeschichtlich bedingte -, dass sich jedoch jede entwürdigende Objekterfahrung, wenn sie sich wiederholt, sequentiell verschärft. Ich stimme mit David Becker (Santiago de Chile) überein, der unter Trauma einen Prozess versteht, der zwar mit einer verstörenden Erfahrung beginnt, jedoch nicht auf die Erfahrung begrenzt bleibt, sondern sich fortsetzt. Mit jeder traumatisierenden Erfahrung geht ein Zuviel einher, sei dies ein Zuviel an Gewalt oder an Deprivation. Dies ist auch der Fall, wenn es um den Verlust einer wichtigen Bezugsperson geht.

Als psychisches Trauma wird daher sowohl eine einmalige wie eine fortgesetzte Gewalterfahrung verstanden, durch welche die Lebenskontinuität durchbrochen wird und eine schwere Verletzung der seelischen Integrität, des Selbstwertgefühls und des Beziehungsgefüges erfolgt: durch welche der psyche eine schwere Verletzung angetan wird.[14]

Von zentraler Bedeutung ist es, Opfern von Gewalt die traumatisierende Erfahrung, Objekt von Übergriffen, von Besitz und Fremdherrschaft zu sein – eine Erfahrung der Hilflosigkeit und Wehrlosigkeit, der erniedrigenden Abhängigkeit und Wertlosigkeit – durch eine Erfahrung verlässlichen, stärkenden und tragenden Subjektwertes zu korrigieren. Im traumatherapeutischen Zusammenhang heisst dies, dass eine dialogische Grammatik von Subjekt zu Subjekt zwischen Therapeutin resp. Analytikerin und Patientin von der ersten Stunde an besteht und fortgesetzt wird. Je nach kultureller Zugehörigkeit und je nach sprachlichen Möglichkeiten entwickelt sich der Dialog langsamer und bildhafter, oder impulsiver, heftiger und direkter. Oft geht ein schwieriges Suchen nach dem richtigen Wort mit einher, ein filigranähnliches Übersetzen tabuisierter Empfindungen, verdrängter Geschehnisse, verbotener Kenntnisse. Zeichnen oder Malen ist manchmal eher richtig als Sprechen.

Genesung wird möglich, wenn der Ablauf der Zeit in die erlebte Geschichte integriert werden kann, so dass das Geschehene zum Vergangenen wird. Traumatherapeutische Erfahrungen mit Überlebenden der nationalsozialistischen Verfolgungen und Konzentrationslager aus allen europäischen Staaten, mit Söhnen und Töchtern aus Täterländern, deren Familiengeschichte, Kindheit und Jugend mit Tabus belegt war, mit kurdischen und armenischen Frauen und Männern, mit Überlebenden aus Krieg, Vertreibung und Lager im ehemaligen Jugoslawien, mit Überlebenden aus afrikanischen und asiatischen Kriegsgebieten, mit Töchtern und Söhnen aus Schweizer Familien, von denen für einige die bürgerliche Enge, für andere seit Generationen grosse Armut dazu kam – beinah alle Erfahrungen belegen die Dringlichkeit einer psychischen und existentiellen Rehabilitation des persönlichen Lebenswertes, durch welche Vergangenheit als Teil der Geschichte verarbeitbar wird und Zukunft als neu gestaltbare Geschichte sich öffnet.

Die transgenerationelle Wiederholung von Gewalt, von Erniedrigung, Leiden und Angst bei den Opfern wie von Schuld, Scham und Leiden bei den Tätern von Gewalt mag die Frage wecken, ob Resignation angezeigt sei. Es könnte scheinen, als gäbe es keine andere Möglichkeit. Doch dem ist nicht so.

Jede Art von Resignation bedeutet Unterwerfung unter Gewalt, und jede Unterwerfung bewirkt, dass Gewalt als unüberwindbar erscheint. Ob daher grössere Härte gegenüber Gewalttätern gefordert sei, um Gewalt aufzuheben, wird gefragt, so wie in der jüngsten Zeit von den westlichen und den östlichen Regierungen vorgegeben wird, durch Antiterrorgesetze und Antiterrorstrafmassnahmen jede Art von Terror zu sistieren? Doch Terror und Antiterror basieren auf der gleichen Verachtung menschlichen Lebenswertes, auch sie basieren auf Gewalt. Gewalt kann nicht allein durch Verbot und Bestrafung aufgehoben werden.

So stellt sich die Frage noch eindringlicher, was es braucht, um Gewalt zu mindern. In gesellschaftsanalytischer und psychoanalytischer Hinsicht ist es klar, dass jede Art von Gewalt auf die Vorgeschichte der Gewalt, auf deren Ursachen und Gründe hin befragt werden muss. Was aufgearbeitet werden kann, ermöglicht ein Verstehen. Auch wird klar, dass es  keinen unbedingten Zwang zur Wiederholung von Gewalt gibt, obwohl Herkunft und Zeit, in welche ein Mensch hineingeboren wurde, nicht gewählt werden konnte. Die individuellen wie die familiären wie die grösseren kollektiven Geschichten sind veränderbar. Sie können jedoch nur dann eine Veränderung finden und sich nicht weiter fortsetzen, wenn mit Bedacht und Umsicht, zugleich mit Mut und Klarheit aufgearbeitet werden kann, warum, durch wen und wozu das Leiden der Opfer geschah. Hierin liegt die therapeutische Chance für die Opfer selber wie für Täter und Täterinnen. Auch in rechtlicher, sozialer und kultureller Hinsicht bedarf es anderer Bedingungen der Sorgfalt, anderer Gesetze und anderer Formen menschlichen Respekts, damit eine Heilung kranker Verhältnisse auf nachhaltige Weise möglich wird. (Nicht von ungefähr haben Therapie und Kultur etymologisch eine ähnliche Bedeutung).

Das Zusammenleben der Geschlechter und der Generationen kann nur dann angstfreier und gerechter werden, wenn Gewalt in keinem System, auch nicht in jenem der Wirtschaft, als courant normal akzeptiert oder gar verherrlicht wird. Menschen dürfen nicht austauschbar gemacht werden wie Ersatzteile einer Maschine, sie dürfen weder für unnütz noch für überflüssig erklärt werden, ob aus Gründen der Profitsteigerung, ob aus versicherungstechnischen Gründen oder ob aus irgend welchen anderen Gründen. Wenn Ethik überhaupt noch verbindliche Massstäbe setzen kann, muss diese Maxime allen anderen übergeordnet werden. Es bedarf eines gemeinsamen Widerstandes von Frauen und Männern gegen die Unerträglichkeit systematischer Menschenverachtung und Menschenausbeutung, es bedarf eines kritischen und kreativen Denkens. Es bedarf der Rehabilitation des Subjektwertes aller Menschen in der wechselseitigen, vielfachen Abhängigkeit von einander. Der Leidensdruck ist in der aktuellen Zeit nicht nur gewachsen, sondern – hoffentlich – auch bewusster geworden.

Die Frage, was es braucht, damit Gewalt in der Fortsetzung von Gewalt in der ganzen Sinnlosigkeit durchschaut und erkannt werden kann, kann nur beantwortet werden, wenn der Verzicht auf Gewalt als Gewinn menschlicher Freiheit und als Voraussetzung eines Zusammenlebens ohne Angst und ohne sinnlos zugefügtes Leiden erlebt werden kann, letztlich wenn Menschen einsehen, dass sie aus der transgenerationellen Gewalt und aus der Abfolge von Rache und Leiden aussteigen dürfen und können, dass sie der Gewalt nicht mehr bedürfen.

Es ist anzunehmen, dass reale Veränderungen im öffentlichen Rahmen sich auf positive Weise auch im häuslichen Rahmen auswirken. Als reale Veränderung würde vor allem gelten, dass das gleiche Recht aller Menschen auf Erfüllung der gleichen Grundbedürfnisse anerkannt und umgesetzt wird. Die menschlichen Grundbedürfnisse sind geschlechter- und statusunabhängige Bedürfnisse, deren Erfüllung die Voraussetzung ist für die Erfahrung gewaltfreien Zusammenlebens. Meines Erachtens sind die von Freud erarbeiteten Erkenntnisse des Aggressionstriebs – überhaupt der menschlichen Triebhaftigkeit – durch jene der Grundbedürfnisse zu ersetzen.

Ich fasse zusammen: Die Zielsetzung des analytisch-traumatherapeutischen Prozesses richtet sich auf das dialogische Erkennen und Verstehen aus, durch welches für jeden Menschen – für Opfer wie für Täter – eine neue Erfahrung von Subjektwert zustande kommen kann, welche ermöglicht, dass leidvolle Objekterfahrung so verarbeitet werden können, dass für die weitere Existenz  Wahlmöglichkeiten erkannt werden können und erlebte Gewalt nicht der Fortsetzung bedarf. Dazu gehört aufzuzeigen, dass Gewalt als Gegengift zur eigenen Ohnmachtserfahrung potentiell immer verfügbar ist, um als Kompensation eigener Schwäche an Schwächeren ausgeübt zu werden, dass Gewalt jedoch nicht ausgeübt werden m u s s , sondern unterlassen werden kann – unabhängig von Geschlecht, Alter, Herkunft und Stellung. Gewaltverzicht ist ein Beweis tatsächlicher Freiheit, Genesung von den Folgen durchgestandener Traumata infolge von Wehrlosigkeit und von Gewalt. Es ist ein  Prozess persönlichen und zwischenmenschlichen Subjektwertes, der die transgenerationelle Geschichte korrigiert.

 

(c) Das magische Zeitphänomen der Träume

Als Sigmund Freud[15] 1899 das Manuskript seines Buches Die Traumdeutung abschloss und mit dem Datum des folgenden Jahrs 1900, dem Beginn des neuen Jahrhunderts, erstmals veröffentlichte, hoffte er auf einen grossen Erfolg. Er ahnte damals nicht, dass es noch einige Jahre bräuchte, bis sich dieser einstellen würde, obwohl er kurz darauf, 1902, mit 46 Jahren, den Titel eines ausserordentlichen Titular-Professors zugesprochen bekam.  Auch ahnte er nicht, dass zu jeder Neuausgabe des Buches strukturelle Änderungen und inhaltliche  Erneuerungen hinzukommen würden. Als 1930 in einer zweibändigen Ausgabe die 8. Auflage[16] erschien, war im Vergleich zur ersten viel zusätzliches Material hinzugefügt worden, ohne dass in den Erkenntnissen und Theorien der Erstausgabe grosse Einbussen geschehen wären. Schon dieser Erstausgabe war eine über Jahre dauernde, vielfache Vorarbeit vorausgegangen, die in Entwürfen sowie in Briefen  – erst an seinen Lehrer Josef Breuer, allmählich insbesondere an seinen Freund Wilhelm Fliess – festgehalten und laufend erweitert wurde.

Es ist aus zeitlichen Gründen nicht möglich, im Rahmen dieser Vorlesung auf Freuds grosse theoretische Entwicklung einzugehen, die für ihn von der anatomischen Lehre der Neuronen ausging, deren Zustands- und Tätigkeitsveränderungen während des Schlafs Träume bewirken, die er später mit der metapsychologischen, schliesslich psychoanalytischen Erkenntnis erweiterte und zu einer umfassenden Traumdeutung entwickelte. Wichtig erscheint mir, dass Freud in seinem Bestreben, die Träume zu verstehen und über das Verstehen zu deuten, sich einerseits wohl auf die Schilderung von Träumen seiner Patientinnen abstützte und diese in den Anfängen mit der Annahme verknüpfte, dass früh erlebte, nicht erinnerbare, sondern verdrängte sexuelle Gewalt dafür Anlass gab, Annahmen, die er später nicht mehr in dieser Einseitigkeit vertrat, sondern vielseitig erweiterte; dass er sich andererseits mit der Tatsache befasste, dass ihm selber beim Aufwachen die Erinnerung an seine eigenen Träume klar bewusst blieb und dass deren Deutung sich aufdrängte. Diese Erkenntnis  war in Zusammenhang des Sterbens und des Todes seines Vaters von bahnbrechender Bedeutung[17]. Freud bedurfte der aufwühlenden Selbsterfahrungen, um im Lauf der Jahre von dem, was er in den Anfängen die psychologische Analyse der Neurosen nannte, zur Bedeutung und zum Erkenntniswert der Symbolik zu gelangen und um so den Anschluss an die grosse Erweiterung und Vertiefung der Deutung über die Mythen, die Dichtung, die Farben- und Klangerinnerungen, die körperlichen Impulse sowie die vielfach verkapselte Bedeutung der Worte zu finden[18].

In erster Linie möchte ich im Rahmen der Vorlesungen dieses Semesters auf die magische Auslösung und Auflösung von Zeitzusammenhängen im Traum eingehen, durch welche jede Art von Zeitdifferenz aufgehoben wird und eine verblüffende Gleichzeitigkeit von früher und jetzt, von Zusammenhängen der allgemeinen, grossen Zeitgeschichte und der je persönlichen Geschichte vermittelt wird, die ermöglicht, verdrängte, unverarbeitete Kindheitserfahrungen ebenso zu verarbeiten wie Tagesrestbestände.

Drei Träume der 58jährigen Frau C. mögen verdeutlichen, in welchem Mass die Traumsprache ihr ermöglichte, die schwierige Beziehung zur Mutter, überhaupt zur Familie, aufzuarbeiten, sowohl die in der Kindheit erfahrenen Mängel an Nähe und an Verstehen wie die daraus sich fortsetzenden Zweifel am persönlichen Wert, die eine Abfolge von Enttäuschungen in Liebesbeziehungen und Freundschaften nach sich zog, bis zu den wachsenden Ängsten, auf der schmalen Linie, die ihr unter dem gesellschaftlichen Kontroll- und Erfolgsdruck für sich selber blieb, den Ort, der ihr zustand, nicht mehr zu kennen und die eigene Identität zu verlieren.

„Es war am Sonntag, ca. 17.30 Uhr. Den ganzen Tag hatte ich vor dem Computer gesessen und gearbeitet. Gegen fünf Uhr abends fühlte ich mich müde und legte mich aufs Sofa für einen kurzen Schlaf. Ich erwachte aus folgendem Traum: Meine verstorbene Mutter sitzt vor mir auf dem weissen Sessel in meinem Wohnraum, neben dem Fenster, in einem leuchtend roten, bis zum Hals geschlossenenen Kleid aus feiner Wolle, ohne Schmuck, mit schön gelocktem braunem Haar. Ein helles Sonnenlicht fällt auf sie. Erstaunt frage ich: ‚Bist Du schon zurück?’, doch da fällt mir ein, dass sie ja gar nicht mit nach Rom gereist ist mit dem Vater, der von seiner neuen Freundin begleitet wird. Lächelnd sagt sie: ‚Du weisst doch, ich bin so gerne daheim’. Im gleichen Augenblick bemerke ich den dreijährigen Enkel meiner Schwester, der neben ihr steht, mit seinen strahlenden, dunkeln Augen und einem zustimmenden, verschmitzten Lächeln. Er trägt eine Zipfelmütze im gleichen hellen, leuchtenden Rot. Die Zipfelmütze wirkt ganz neu, sie hat einen umgelegten breiten Rand, ist mit zwei Bändeli unter dem Kinn festgebunden und fällt ihm bis in die Mitte des Rückens. Auch auf ihm liegt das gleiche warme Licht. Es ist ein Bild voller Glück. Ich erwache, und das Bild sowie das Gefühl von Glück bleiben in mir.“

Nach einiger Zeit fährt sie fort:

„Auf einen weiteren Traum möchte ich eingehen, den ich vor zwei  Jahren im Frühsommer hatte, vermutlich im Mai, einen akkustischen Traum ohne Bild. Er hat auch mit meiner Mutter zu tun. Es war damals mehr wie ein Jahr her, dass D. mich verlassen hatte, und noch immer quälte mich sein Verrat. Ich erfuhr damals von der in Florenz stattfindenden Hochzeit eines mit uns befreundeten Paars; beide mochte ich gern, sie hatten häufig mit uns zu Abend gegessen. Auch erfuhr ich von Chr. in Strasbourg, dass D. wegen eines Anlasses von England nach Italien geflogen sei. So wusste ich, dass er mit der jungen Ärztin, mit welcher er schon während unserer Beziehung eine Liebesgeschichte begonnen hatte, an jener Hochzeit in Florenz teilnahm. Ich grämte mich vor Eifersucht. – Eines Morgens erwachte ich von einem Traum, aus welchem mir nur die klar erkennbare Stimme meiner Mutter blieb. Sie sagte: ‚Das mit Italien ist schon in Ordnung’. Nichts weiter. – Ich erinnere mich, dass mir dieser eine Satz während den darauf folgenden Tagen und Wochen spürbar half, mich vom Gefühl meiner Abhängigkeit zu befreien, mit der ich mich selber entwertet hatte. Es war, als ob die Zeit in mir seit der Trennung stagniert hätte und sich mit diesem Traum von der Stagnation löste. Aber vielleicht geht ein Teil der Stagnation bis in die Kindheit zurück. Auf jeden Fall kam ich dank dieser knappen Traumsequenz mit mir selber wieder voran.“

Einige Wochen später:

„Kurz vor dem Erwachen hatte ich folgenden Traum: Ich lag auf einem ‚Befragungstisch’, mit wirren Kleidern aus kürzeren oder längeren Stoffbahnen. Ich muss dort schon lange gelegen haben, fühlte mich voller Angst und kraftlos, denn ich konnte mich meiner Adresse nicht mehr erinnern, wusste den Strassennamen nicht mehr, mehrmals jedoch sagte ich: ‚Früher wohnte ich an der Efstrasse, genügt das nicht?’ Ich fühlte starre Augen und Licht auf mich gerichtet, ich hatte schrecklich Angst, ich würde in eine psychiatrische Klinik eingeliefert. – Der Traum war mir noch gegenwärtig, als ich erwachte und als ich mich laut sagen hörte: ‚Zestrasse 10’. Ich musste für mich leise lachen, doch nur aus Verlegenheit. In mir blieb das Erschrecken ob dem Traum. Der schmale Schragen, auf dem ich befragt und beurteilt – oder verurteilt  – wurde, liess mich nicht mehr los, auch nicht die Angst, die ich spürte. Warum wusste ich im Traum nicht den Ort, wo ich lebe? Heisst das, dass ich nicht weiss, wohin ich gehöre und wer ich bin?“

Tatsächlich ermöglichten die drei Träume eine grosse Aufarbeitung sowohl der Kindheitsjahre wie der späteren Entwicklung von Frau C., ein Verstehen der Verlusterfahrungen und Einsamkeit, in welcher sich ihre Mutter befunden hatte, und deren Folgen sich auf das Kind ausgewirkt hatten, allmählich eine Versöhnung mit ihrer Mutter und infolge dieser Versöhnung auch ein Abbau der Eifersucht gegenüber ihrer Schwester und ebenso eine andere Beziehung zu ihrem Vater.

Beim Eingehen auf die drei Träume wurden Nacht- und Tagerinnerungen geweckt und waren so nah wie das Gespräch selber, es entstand eine Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen, durch welche das gelebte Leben mit grosser Intensität, jedoch mit einem anderen inneren Blick nochmals gelebt wurde. Zunehmend staunte Frau C. über sich selber, über ihre Fähigkeit, mehr und mehr zu verstehen, über das Schmerzliche und lange nicht Verstanden weinen zu können, allmählich vom Hadern frei zu werden.

Die Abwesenheit ihres Vaters sowohl für die Mutter wie für sie und ihre Schwester, nicht  eine räumliche Abwesenheit, sondern eine innere Abwesenheit, welche zu einer Sehnsucht nach Nähe geführt hatte, die nie erfüllt werden konnte, dies gehörte zu den schwierigsten Schmerzstellen. Über lange Zeit war die Beziehung zum Vater wie zu einem fernen göttlichen Wesen unantastbar erschienen, da alle Vorwürfe auf die Mutter als Verursacherin des seelischen Leidens projiziert worden waren. Bei diesem anderen Erkennen ging es nicht um eine andere Anklage, sondern um einen neuen, anderen Kontakt mit der verstorbenen Mutter wie mit dem Vater, der noch lebte, 82jährig. Dieser wehrte die Fragen seiner Tochter nicht ab, im Gegenteil.

So vieles wurde Frau C. zunehmend klar, die Fremdheit zwischen ihm und ihrer Mutter, eine kulturelle und sprachliche Fremdheit, ohne dass die Ehe in diesem bürgerlichen Milieu je hätte in Frage gestellt werden dürfen, die psychische Ursache für die körperlichen Leiden, die während C’s Kindheit und Jugend zu Spitalaufenthalten der Mutter wie des Vaters geführt hatten, Ursache auch für die symbiotische Nähe der Mutter zur jüngeren Schwester, die ihr Trost bedeutete, wie für die Schwermut, die sie immer mehr belastete, als die Töchter erwachsen wurden und anderswo lebten, schliesslich für ihren frühen Tod.

Als Frau C. die schmerzhaften Schuldgefühle ihres Vaters wahrnehmen konnte, der den Tod seiner Frau als Schicksalsschlag und Strafe deutete, da er die zunehmend schwindende Lebenskraft nicht hatte beleben können, verstand sie ihr eigenes Leiden auf ganz andere Weise. Hatte sie nicht verdrängt, dass auch in ihr Schuldgefühle immer schwerer wurden? Es war, als ob ein verborgener See von Tränen sich lösen konnte, ihre eigenen und jene, die sie gewünscht hätte, gemeinsam mit ihrer Mutter zu weinen und sie dabei zu halten.

Dass ihr das Zeichen der Verzeihung und Versöhnung von ihrer Mutter selber in den zwei Träumen klar vermittelt worden war, sowohl durch das wunderbare, warme Licht wie durch die kluge Stimme mit dem versöhnlichen Rat, das beinhaltete tatsächlich viel mehr, als sie unmittelbar nach dem Traum verstanden hatte. „Italien“  bedeutete auch eine Versöhnung, die ihrem Vater gegenüber galt, wie sie spürte, als sie ihm davon erzählte. Und beide Träume waren eine umfassende Bestätigung ihrer Liebe zur ihr, der ältesten Tochter, in deren Wohnraum sie ein Glück vermittelte, das ihr galt wie auch dem Enkel ihrer Schwester, diesem Kind, das die vierte Generation darstellte und zum Symbol für die neue Orientierung des inneren Blicks auf die Herkunftsgeschichte wie auf die damit verbundenen Beziehungen wurde, zurück und über den Augenblick hinaus: zur Mutter ebenso wie zum Vater wie zur Schwester und zu deren Kind und ebenso zu sich selbst.

Mit dem Verstehen der umfassenden Aufarbeitung und Neuorientierung der Zeit- und Beziehungszusammenhänge wurde es möglich, die Spannungen und Ängste zu lösen, für deren Ursachen der dritte Traum eine Vermittlung bot. Der eigene Ort, der eigene Raum, das eigene Hauthaus und sein Name – die Sicherheit in Bezug zum eigenen Ich –, es bedurfte keines Zweifels mehr. Das Bild der bewertenden Augen der Gesellschaft konnte sie als Erfahrung des Zwangs, sich ihrer selbst nicht sicher zu fühlen, von sich lösen. Sie hob den rechten Arm zu einer hohen Kreisbewegung, atmete langsam ein und atmete tief aus, was an Belastungen angestaut war, nachher den linken Arm, wie eine feste Raum- und Zeitzusicherung ihres Lebens. Und so wurde es für Frau C. – da sie sich selber nicht mehr in Frage stellte -, allmählich möglich, das Älterwerden und das Alleinsein anders wahrzunehmen, auch die beruflichen Herausforderungen mit weniger Anspannung zu akzeptieren, allmählich gegenüber sich selber Vertrauen aufzubauen. Es war für sie, als sei sie nochmals erwachsen geworden, auch nochmals Kind und Kleinkind gewesen, gleichzeitig durch das Überstehen der schweren Krise sich eines reichen Lebens bewusst geworden, für den Augenblick selber wie als festen, inneren Halt für die Zeit, die ihr noch unbekannt war.

„Wenn ein Arm eine Bewegung macht

Und diese im Kontinuum von Raum und Zeit

genau eingeplant und präzise gesetzt ist,

so nennt man dies Choreographie.

Diese bewusst geführte Bewegung existiert

Nur für den Moment, in dem sie geschieht.

Sie hat keine Vergangenheit und keine Zukunft

Und existiert nur im Jetzt – eine

nicht zweckgebundene Bewegung,

welche nur durch die Fähigkeit der Erinnerung

länger in unserem Bewusstsein bleibt

und somit in Zusammenhang gesetzt erden kann.

Seien dies die nachfolgenden Bewegungen

oder die vorherigen,

die Art der gestalteten Zeit, in der die Bewegung stattfindet

oder der Raum, in welchem sie sich entfaltet,

die Bewegung des Armes an sich bleibt

bedeutungsleer und verloren.

Erst durch ihr Umfeld, nicht durch die Bewegung als solche,

erhält sie Form, Sinn, Ästhetik und vielleicht Bedeutung.

Und doch geschieht durch die Bewegung selbst,

dass für eine Sekunde

der Atem stocken könnte.

Es ist, als dürften wir

für den Bruchteil eines Momentes,

hinter die Dinge schauen.“[19]

 

 

[1] Dr. phil., geb. 1940, 4 erwachsene Kinder und Grosskinder. Philosophin (Existenzphilosophie, politische Theorien, Ethik), Psychoanalytikerin und Traumatherapeutin, umfangreiche gesellschaftsanalytisch.-publizistische Arbeit betr. Macht, Gewalt, Armut, Ideologien, Krieg, Flucht, Traumata, Generationenfrage, Krankheit, Menschenrechte etc.  Dozentin an zahlreichen Universitäten, eigene Praxis in Zürich.

[2] Ales Rasanau. Das dritte Auge. Punktierungen. Verlag Urs Engeler, Weil am Rhein 2007. S.47

[3] Marcia Breuer. Pretty please. Stuttgart/Hamburg, Verlag in der Hochschule f. bildende Künste 2003-2005, S. 5

[4] ibid.3,  S. 51

[5] überarbeitete Fassung eines Vortrags im Psychoanalytischen Seminar Zürich PSZ, WS 2005

[6] ibid. 3, S. 13

[7] Johann Wolfgang Goethe. Gedanken und Aufsätze. Gesamtwerke, 12. Band, S.49. Verlag Birkhäuser, Basel 1944

[8] Meine klinische Arbeit, die mit Überlebenden der Vernichtungslager des Zweiten Weltkriegs begann, die sich mit Opfern von Kriegen und Diktaturen in Europa und ausserhalb Europas fortsetzte wie mit Kindern und Erwachsenen aus transgenerationeller Geschichte von Gewalt hier in der Schweiz – verband ich immer mit einem zeit- und kulturanalytischen Erkunden der Geschichte und Vorgeschichte der Patientinnen und Patienten, ebenso mit einer ständigen Beachtung von Übertragung und Gegenübertragung im therapeutischen Prozess, jenem „Nichtwort, ausgespannt zwischen Wort und Wort”, wie Hilde Domin formulierte[8], sodann mit einer kritischen Auseinandersetzung mit wichtigen Aspekten aus den Aufzeichnungen von Sigmund Freud, Anna Freud, Melanie Klein, Theodor Reik, Hans Keilson, Sarah Kofman, Mohammed Masud R. Khan, Johannes Cremerius, Léon Wurmser, Julia Kristeva u.a.m.

[9] Aus “An die Umzugsleute” von Ernst van Heerden, einem südafrikanischen Dichter (geb. 1916), übersetzt von Hans Günther Hirschberg, in: Der Rhythmus der Regens. Gedichte und Nachdichtungen. Pro Lyrica. Schaffhausen 1999. S. 164-165

[10] Sigmund Freud. Schriften zur Behandlungstechnik und Ergänzungsband. Über Psychotherapie (1951904). S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 1975. S. 113

[11] Hamlet, III. Akt, 2. Szene

[12] Damit möchte ich deutlich machen, dass die grammatikalischen Regeln im Verhältnis von Subjekt und Objekt in der therapeutischen Beziehung nichts mit  Subjektivismus gemeinsam haben.

[13] von Mohammed Masud R. Khan im Zusammenhang des “kumulativen Traumas” entwickelt, s. M.M.R.Khan. Das kumulative Trauma. In: Selbsterfahrung in der Therapie. Verlag Dietmar Klotz, Frankfurt a.M. 1997. S. 50 ff

[14] Im Zusammenhang der langen klinischen Arbeit wurde zunehmend deutlich, dass der Begriff des PTSD[14] – der posttraumatische Belastungsstörung – zu eng gefasst ist, dass an dessen Stelle eine kulturell und menschlich weitere und zugleich differenziertere Erfassung der Leidenssymptome angezeigt ist, dass statt von Störung eher von seelischer Reaktion auf nicht tragbare, nicht verarbeitbare Verletzungen des Ich-Wertes und der Lebenssicherheit gesprochen werden sollte, die so sehr belasten, dass die psychischen und somatischen Reaktionen eine ständige Fortsetzung der durchgestandenen Gewalt-, Leidens- und Verlusterfahrungen in der Bedeutung von Trauma resp. Traumata ist.

[15] geb. 6. Mai 1856, gest. 23. September 1939

[16] Ab der 4. Auflage war Otto Rank der Herausgeber

[17] Freuds Oedipus-Theorie beruht in erster Linie auf den damit einhergehenden Erkenntnissen.

[18] cf. beigelegten Textauszug aus Sigmund Freund. Die Traumdeutung, S. 218 – 227

[19] ibid. 3, S. 52

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