Zeitverhältnisse – Magische Zeit – tragische Zeit – berechnete Zeit – bewertete Zeit: gelebte Zeit

 

Zeitverhältnisse

Magische Zeit – tragische Zeit – berechnete Zeit – bewertete Zeit: gelebte Zeit

 

„Nicht einmal Zeit zu einer kleinen Klage gewähren mir die hurtig gehenden Tage. (…)

Wie geht die Zeit behend vorbei, als wenn sie früher scheu gewesen sei,

verpflichtet, achtungsvoll zu zagen, nun aber dürft sie ungehindert fortzujagen wagen.“[1]

 

Verehrte Anwesende

Mit den Zeilen von Robert Walser, dieses Dichters von Wachträumen, trete ich im Rahmen des Kolloquiums ins Rätsel Zeit ein. Es ist das grosse Thema, das mich in philosophischer wie in analytischer und therapeutischer Hinsicht seit langem beschäftigt.

Wir werden uns mit einigen der vielfältigen Aspekte, welche die Zeit betreffen, auseinandersetzen, insbesondere mit den Erfahrungen der inneren Zeit des Menschen, mit der Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen, mit der Tatsache, dass die vergangene, gelebte Zeit in der je gegenwärtigen, vorweg erlebbaren anhaftet – trotz ihrer Flüchtigkeit – und weiter anhaftet hinsichtlich der noch nicht erlebten, kommenden Zeit. Oft wird durch Mangelerfahrungen, durch Trennungen und Verluste, durch Risse und Brüche in den Zeiterfahrungen der Kindheit und Jugend der Duktus des menschlichen Werdens blockiert – und geht trotzdem weiter. Zu diesem Widerspruch hinzu kommt Angst ob der Bedingungen der gesellschaftlich geregelten und bewerteten Zeit, denen zu genügen mit Zweifeln, Anspannungen und neuen Ängsten einhergeht, mit dem Stress durch die zu fremdem Zweck instrumentalisierten, materialisierten und virtualisierten Lebenszeit. Hinzu kommt Angst vor dem unvermeidbaren Ablauf der Zeit, Angst vor Sterben und Tod. Wir werden darauf eingehen. Und ebenso werden wir auf die Frage eingehen, wie eine Zeit-Existenzwert-Gleichung geschaffen werden kann, in welcher die materielle Berechnung der Zeit aufgehoben wird und ein anderes Zeitgefühl möglich werden kann, in welchem das Bedrohliche und Ängstigende des Zeitablaufs verschwindet und jede Art von Zeiterfahrung sinnvoll wird:  mit dem Staunen, dass die Widersprüchlichkeit von Flüchtigkeit und Dauer durch das Verstehen der im Unbewussten gespeicherten Zeiterfahrungen und -empfindungen aufgehoben wird und in der zeitlich begrenzten Lebenszeit zu einem Wissen von tragendem Wert wird.

 

  1. Auftakt

Es gibt nichts im menschlichen Leben ausserhalb der Zeit, keine Sinneswahrnehmung, keine Begegnung und keine Erfahrung, kein Bedürfnis und kein Empfinden, kein Denken und keine Übersetzung von Denken und Empfinden in Sprache, kein Entscheiden und kein Tun, ob wir uns dessen bewusst seien oder nicht. Und es gibt nichts im Beziehungsgeflecht mit anderen Menschen – ob es sich um den privaten Kreis handle mit den grossen Differenzen von Lebenszeit in der Gleichzeitigkeit oder um den beruflichen, gesellschaftlichen oder politischen Kreis -, es gibt keinen Tagesablauf, keine Begegnung, keine Vereinbarung und keinen gemeinsamen Entwurf ohne die Vernetzung in einen Zeitcode mit präzisen Kalender- und Uhrzeiten. Selbst im inneren Beziehungsgeflecht des Menschen zu sich selbst gibt es das stete Empfinden der Zeitgebundenheit, d.h. des zugleich bewussten wie unbewussten Eingebundenseins in die Zeit, zum Teil mit dem inneren Halt an dem, was war und der Hoffnung auf das, was sein wird, zum Teil mit den psychischen und körperlichen Belastungen dessen, was war und dem hemmenden Nichtwissen dessen, was sein wird. Was ist und was geschieht, ist immer gleichzeitig mit dem, was war und mit dem, was sein wird, sowohl in der individuellen Zeitgeschichte, die das einzelne, persönliche Leben bedeutet, wie in der nicht gewählten oder gewählten Vernetzung und Verbindung des individuellen Lebens mit dem gleichzeitigen Dasein anderer Menschen und deren Zeitgeschichte, wie in der Unausweichbarkeit, als Mensch ein Mikrowesen in der unfassbaren, grossen Zeitgeschichte zu sein. Jedes Leben ist geprägt von der Ungleichzeitigkeit des Gleichzeitigen. Dazu gehören die ungleichen Zeitprägungen der gleichzeitig lebenden verschiedenen Generationen, und ebenso gehört dazu die Diskrepanz zwischen dem „gesellschaftlichen Code“, wie Norbert Elias[2] die Zeit bezeichnete, und dem – wie Anna Freud schrieb – „inneren Kompass“ jedes Menschen. Ständig stellt sich die Frage:

Was ist die Zeit?                                                        „Früher Morgen.

                                                                                  Eine Krähe krächzt –

                                                                                  näht

                                                                                 Zeit und Raum zusammen

                                                                                 mit einem groben Garn.“[3]

Von den zwei massgeblichen Bedingungen, welche die Existenz jedes Menschen prägen – Räumlichkeit und Zeitlichkeit – ist die Zeit das rätselhaftere Phänomen. Während der Raum seit der frühesten Kulturgeschichte gemessen, eingeteilt, eingegrenzt und als Eigentum Einzelner oder als Raum für viele erklärt wurde – etwa die Allmenden oder die Strassen und Plätze, später die Länder und Nationen -, blieb die Zeit ein Geheimnis. Zwar versuchten schon die ältesten Kulturen, mit Hilfe von Mythologien die Zeit in Zusammenhang mit der Schöpfungsordnung der Gestirne und der Erde zu deuten – etwa die babylonischen oder die ägyptischen Mythologien, die griechischen, römischen und keltischen, oder die jüdische Mythologie mit dem Buch Genesis, das vom Christentum übernommen wurde und das Sie als die biblische Schöpfungsgeschichte kennen. Früh schon setzte durch die Beobachtung der Gestirne, insbesondere des Mondes und der Sonne, eine Einteilung der Zeit in Tag und Nacht und in wiederkehrende Perioden ein. Noch Platon (427 – 347 vor Chr.), der in der Tradition der vorsokratischen Denker – etwa Anaximanders oder Herkalits – über die Entstehung der Zeit nachdachte, hielt in seinem Dialog „Timaios” fest, der Schöpfer des Weltganzen habe ein „bewegliches Bild der Unvergänglichkeit gestalten” wollen, und habe „dabei zugleich den Himmel ordnend, dasjenige gemacht, dem wir den Namen Zeit beigelegt haben”. Platon fuhr fort, dass es sich daher nur „von dem in der Zeit fortschreitenden Werden gezieme” zu sagen, es „war” und es „wird sein”, dass dagegen dem Unvergänglichen nur das „ist” zukomme[4]. Es ist ein fliessender Übergang von der Mythologie zur Philosophie, der sich bei Platon findet, das heisst ein Übergang vom Geschichtenerzählen zur fragenden, erkenntnisgesteuerten Reflexion des skeptischen Denkens.

Weniger fliessend als hin- und hergerissen zwischen Glaube und Philosophie bewegen sich die aufwühlenden Fragen Augustins (geb. 354 n. Chr. an der römisch-christlichen Zeitenwende im nordafrikanischen Thagaste, gest. 430 in der Nähe von Karthago). Er hielt sie im Rahmen seiner „Bekenntnisse” fest (im 11. Buch)[5], wobei es ihm nicht wie bei Platon um die Gegenüberstellung der Idee der Unvergänglichkeit mit dem Werden und Vergehen ging, sondern um die „Ewigkeit” Gottes, die – darüber gab sich Augustin Rechenschaft – eigentlich gar nicht sprachlich abgehandelt werden kann, da alles Sprechen in der Zeit geschieht. “Was also ist Zeit?” fragte Augustinus, und er fuhr fort: “Wenn mich niemand danach fragt, weiss ich es; will ich einem Fragenden es erklären, weiss ich es nicht. Aber zuversichtlich behaupte ich zu wissen, dass es vergangene Zeit nicht gäbe, wenn nichts verginge, und nicht künftige Zeit, wenn nichts herankäme, und nicht gegenwärtige Zeit, wenn nichts seiend wäre. Diese beiden Zeiten, Vergangenheit und Zukunft, wie sollten sie seiend sein, da das Vergangene doch nicht mehr ‘ist’, das Zukünftige noch nicht ‘ist’? Die Gegenwart hinwieder, wenn sie stetsfort Gegenwart wäre und nicht in Vergangenheit überginge, wäre nicht mehr Zeit, sondern Ewigkeit? Wenn also die Gegenwart nur dadurch zu Zeit wird, dass sie in Vergangenheit übergeht, wie könnten wir dann auch nur von der Gegenwartszeit sagen, dass sie ist (…)? Rechtens also nennen wir sie Zeit nur deshalb, weil sie dem Nichtsein zufliesst.”

Augustins Fragen machen deutlich, dass die Auseinandersetzung mit der Zeit unabschliessbar ist, nicht zuletzt, weil sie mit der eigenen, ängstigenden Erfahrung der Vergänglichkeit zu tun hat: mit der Erfahrung, dass die Zeit dem „Nichtsein zufliesst”. Diese Erfahrung hat einerseits existentielle Folgen, Folgen hinsichtlich des Sinns, der Sinngebung oder Sinnlosigkeit der flüchtigen Frist. Andererseits hatte diese Erfahrung schon früh „regulative” Folgen: die entschwindende Zeit musste eingeteilt, kontrolliert und festgehalten werden. So entstanden die ersten Kalenderstrukturen, die es erlaubten, den Fluss der Zeit  zu kontrollieren, mithin die Zeit und die Zeitintervalle verbindlich zu machen: „calendae” hiessen bei den Römern die ersten Tage jedes Monats, an denen die Schuldner gerufen wurden („calare“ – rufen), die Schulden zu zahlen („calendarium“  – das Schuldverzeichnis). Der Gregorianische Kalender, den wir heute benutzen, wurde allerdings erst vor ca. 425 Jahren, im Jahr 1582 durch Papst Gregor XIII festgelegt, nachdem der Julianische – d.h. der von Julius Caesar eingeführte – Kalender sich als revisionsbedürftig erwiesen hatte. [6]

Die Festsetzung des Kalenders war resp. ist somit ein Ordnungsakt, der wieder aufgehoben oder korrigiert werden kann. Die gesellschaftliche Übereinkunft, die aus diesem Ordnungsakt resultiert, hat nur einen begrenzten und relativen Anspruch auf Bedeutung.[7]  In unserem Kulturkreis, zum Beispiel, beansprucht neben dem Gregorianischen Kalender, dem zufolge wir das Jahr 2008 zählen, der Jüdische Kalender eine gleichzeitige Geltung. Diesem Kalender zufolge wird nun das Jahr  5769 berechnet, das zwischen dem 30. September und dem 1. Oktober 2008 aus dem vollendeten Jahr 5768 ins neue Jahr wechselte. In anderen Kulturkreisen gelten wiederum andere Kalender. Die grossen Zeiteinteilungen sind somit alles andere als unumstösslich, sie sind Menschenwerk.

 „Hin und her: Aus den Tiefen des Raums

erlangt das Pendel im Kirchturm – die Zeit.“[8]

Auch die Feineinteilung der Zeit, die Uhrzeit, hat noch keine lange Geschichte. Sie ist ebenso ein Ordnungsakt wie die Berechnung der Jahre. Noch Augustinus rief aus: “Weh mir Armen, da ich nicht einmal weiss, was ich nicht weiss”, denn es werde etwas gemessen, das gar nicht gemessen werden könne, da nicht bekannt sei, was es sei. „Weder die zukünftigen noch die vergangenen noch die vorübergehenden Zeiten können wir messen, und doch messen wir die Zeiten”, hielt er mit Resignation fest.

Es war im 13. Jahrhundert, dass die Räderuhr die anderen Zeitmesser abzulösen begann – die Schatten werfende Sonne, den verrinnenden Sand oder das tropfende Wasser -, doch erst 1657 wurde durch Christian Huygens die erste Pendeluhr gebaut, eine Zeitmessung, die 1674 durch die Erfindung der Spiralfederuhr perfektioniert wurde. Das heisst, dass die Zeitmessung nach Stunden, Minuten und Sekunden, wie wir sie durch die uns geläufigen Chronometer kennen, erst etwas mehr wie dreihundert Jahre geläufig ist. Doch auch die viel feineren und komplizierteren elektronischen und anderen Zeitmessmethoden, die zur Erfassung der Lichtgeschwindigkeit, der Mikroprozesse in der Biologie, Physik und Chemie oder für die Koordination der unterschiedlichen Weltzeiten entwickelt wurden, auch sie beruhen, wie letztlich alle älteren Uhren, auf dem einen Prinzip: dass eine Dimension, die Zeit genannt wird, in Einheiten eingeteilt wird, und dass die Einheiten oder Intervalle verglichen werden, kurz, dass Vergängliches mit Vergänglichem in einen Bezug, in eine Relation gesetzt wird.

Dabei stellt sich heraus, dass der dialektische Prozess, der sich mit der Zeit verbindet, etwas schafft, was unvergänglich ist: die Relation selbst, den Bezug zwischen Sein und Werden. Die französische Philosophin Simone Weil, die 1943 mit 34 Jahren im englischen Exil starb, hielt diese Erkenntnis mit grosser Klarheit fest: „Der Bezug zwischen Vergangenem und Zukünftigem ist ein ewiger Bezug; der Ablauf der Zeit selbst ist ewig“ („Le rapport entre passé et avenir est un rapport éternel; l’écoulement même du temps est éternel”). Oder  Maurice Merleau-Ponty (geb.1908, gest. 1961) verdeutlichte „Was nicht der Zeit unterworfen ist, ist der Ablauf der Zeit“ („Ce qui ne passe pas dans le temps, c’est le passage du temps”).

Die Fähigkeit zur Verknüpfung von Ereignissen, die Fähigkeit, etwas und etwas anderes in einen Bezug zu setzen, ist, gestützt auf Immanuel Kants (geb.1724, gest. 1804) „Transzendentale Ästhetik“[9], eine dem Menschen inne seiende, quasi angeborene Fähigkeit, die er das „synthetische Vermögen a priori” nennt. Darunter versteht er ein Vermögen, welches die Voraussetzung für jegliche Erfahrung bildet, für jegliche Verknüpfung und Erklärung von Wahrnehmungen. Für Kant steht daher fest, dass die Zeitempfindung, das Wissen um die Zeit resp. das Zeitgefühl dem einzelnen Menschen vor jeder Erfahrung und daher vor jedem Wissen vorgegeben sind, als eine „Form der inneren Anschauung“. Er versteht sie als eine subjektive Bedingung des menschlichen Verstandes, die sinnlichen Wahrnehmungen und Ereignisse in eine zeitliche Abfolge zu bringen. Kant gibt auch zu bedenken, dass diese apriorische Fähigkeit nicht zu verwechseln sei mit den Trugschlüssen der Empfindung, die scheinbare Gültigkeit beanspruchen, obwohl sie keine ordentlichen Denkprozesse voraussetzen, so etwa die Empfindung, dass die Zeit dahinfliege oder dass sie sich nicht vom Fleck bewege.

Die Psychologie, insbesondere die Entwicklungspsychologie, etwa die des Genfers Jean Piaget (geb. 1896, gest. 1980), hat im 20. Jahrhundert allerdings die Kant’sche Erkenntnis zugleich korrigiert und erweitert, indem sie nachwies, dass das Zeitgefühl nicht als voraus gegebenes gelten könne, sondern dass es auf sehr unterschiedliche Weise im Lauf der Sozialisation dem Kind vermittelt und vom Kind angeeignet werde. Schon einige Jahrzehnte vorher hat der französische Philosoph Henri Bergson (geb. 1859, gest. 1941) festgehalten, dass die qualitativen Zeiterfahrungen nicht einfach als Trugschlüsse abgetan werden dürfen. Dies war die bahnbrechende Erkenntnis, die er erstmals 1889 in seinem Essai sur les données immédiates de la conscience in Frankreich, 1911 in Deutschland unter dem Titel Zeit und Freiheit veröffentlicht hat. Bergson kritisiert, dass zeitliche Momente ausschliesslich wie räumliche gemessen werden, d.h. dass die Zeit auf etwas Quantitatives reduziert werde. Zeitliche Momente oder Intervalle seien jedoch nicht nach quantitativen Kriterien messbar, sondern allein nach qualitativen, d.h. allein nach den Kriterien der Intensität. Für Bergson gilt daher als das eigentliche Zeitphänomen die gelebte Zeit. Diese wird in Bewusstseinszuständen, die einander durchdringen, erlebt, wobei die aktuell erlebte Zeit mit der vergangenen und der vorweg sich einstellenden in eine Synthese gebracht werde, die er als das Phänomen der Dauer erklärt. Dauer ist jedoch, nach Bergson, nicht eine Eigenschaft, die zur Existenz hinzukommt. Die Existenz selbst ist ein Dauern: als Erleben, als Bewahren der erlebten Zeit, als Vorwegnahme der kommenden. Dass die innere Verschiedenheit zwischen dem unmittelbar Erlebten und dem vorher Erlebten erfasst werden kann, erklärt Bergson durch eine spezifische Erkenntnis, die er Intuition nennt. Die Intuition (lat. „intueri“ – genau hinschauen) ist für Bergson gewissermassen die Methode der Zeiterfassung resp. der Zeiterkenntnis.

Ohne die von Bergson geleistete Arbeit hätte weder das psychoanalytische Ergründen und Lösen der Angst vor der unbewältigten vergangenen wie vor der unbekannten anrollenden Zeit zustande kommen können, noch hätte die Erkenntnis der Existenzphilosophie formuliert werden können, dass die Bedingung der Zeitlichkeit für den einzelnen Menschen nur ertragbar ist, wenn er/sie dem gelebten Leben vorweg Sinn geben kann. Diese Sinngebung ist zugleich Aufgabe und vorweg Resultat der Freiheit , der „Gebürtlichkeit“ im Sinn Hannah Arendts, d.h. der Fähigkeit, immer wieder einen Anfang zu setzen und zwischen Möglichkeiten des Entscheidens und Handelns zu wählen. Die Tatsache der Freiheit, d.h. der Wahlmöglichkeiten dank der Erkenntnis- und Denkfähigkeit,  schafft die Verantwortung für das Suchen nach Erkenntnis, für das Entscheiden zu handeln wie für die Folgen des Handelns. Daraus wächst die Mitverantwortung für die persönlich gelebte Zeit wie für jene der mit uns gleichzeitig lebenden Menschen.

Es war ein knappes Jahrhundert nach der Erfindung der Spiralfederuhr gewesen, in den sechziger Jahren des 18. Jahrhunderts, dass James Watt die Dampfmaschine erfand. Damit begann der Siegeszug der industriellen Steigerung des Mehrwerts und dessen Kapitalisierung, zu deren Zweck die Menschen als die billigste Ressource eingesetzt, gebraucht und verbraucht wurden. Diese Instrumentalisierung der Lebenszeit der Menschen als Arbeitskraft und Arbeitszeit zu einem Zweck ausserhalb ihrer selbst ist das, was – im Anschluss an die Kritik der Ausbeutung durch Karl Marx (geb. 1818 in Trier, gest. 1883 in London) – die systematische Entfremdung der Menschen von sich selbst bewirkte[10]. Deren katastrophale Folgen sind uns bekannt. Die Selbstentfremdung der Menschen durch das System der kapitalistischen Mehrwertsteigerung, das auch in den staatskapitalistischen Systemen der nun – in Europa – in das neoliberale Marktssystem umgeschwenkten sozialistischen Staaten nicht korrigiert worden war, hängt mit einem grundsätzlichen ethischen Vergehen zusammen: mit der Übertretung des von Immanuel Kant formulierten „praktischen Imperativs”. Dieser beinhaltet das Verbot, Menschen zu instrumentalisieren, d.h. Menschen zu Objekten resp. zu Mitteln zu machen, um einen bestimmten Zweck zu erreichen, z.B. den der Mehrwertsteigerung des Kapitals, dessen Ertrag eben nicht den arbeitenden Menschen zugute kommt. Es ist die gewinngesteuerte Instrumentalisierung der Menschen, welche Voraussetzung und Grund für die Ungleichwertung und Entwertung der Existenzzeit als Arbeitszeit wurde und dies noch immer ist, d.h. für die Monetarisierung und Kommerzialisierung der menschlichen Zeit, für den Warencharakter der Lebenszeit.

Doch da stellt sich die Frage, wie es mit der Notwendigkeit der Sinngebung der individuellen Zeit unter den Bedingungen der monetarisierten Existenz steht, die über die Kategorie der Arbeitszeit als niedriger oder als hoher Markwert gehandelt wird, die sogar als wertlos erklärt wird, wenn sie aus dem kommerzialisierten Arbeitsprozess ausgeschaltet wird und für den Zweck der Kapitalisierung des Mehrwerts uninteressant wird. Wie sollen Freiheit und Mitverantwortung für andere unter Bedingungen der Wertloserklärung von Existenz noch sinngebend wirken können?

Und wie ist es uns möglich, auf selbstverständliche Weise für die Geschichte der Kulturen und Staaten, für das Alter der Erde, der Sonne und der anderen Gestirne wie für die uns existentiell gegebene Frist im Werden und Wachsen zwischen Geburt und Tod die gleichen Zeitbegriffe zu gebrauchen und damit so Ungleiches zu meinen?  Wie haben sich in uns die Kenntnisse der Zeit und die Benennungen der Zeit entwickelt?

 

  1. Über die Wahrnehmung der Zeit in der Kindheit

(…) „Niemals eine Atempause wie in Ur

Da ein Kindervolk an den weissen Bändern zog

Mit dem Mond Schlafball zu spielen – (…)“[11]

Einen weiten Zeitraum müssen wir bereit sein zu ertasten, zurück in die Vorzeit jeglicher Zeitempfindung, in die Vorzeit der Erinnerung und der Sprache, in die Vorzeit des Wissens. In welchem Urgefilde ist die Kindheit? Was bedeutet die Zeit, wie erlebt sie das Kind?

Die Zeit ist ein transgenerationelles Geflecht, eine Gleichzeitigkeit der dem neuen Leben übertragenen Ahnengeschichte und dessen Entwicklung innerhalb weniger Monate im verschlossenen Raum des Mutterbauchs, in deren Wärme, im Summen der warmen Blutkanäle, in deren pulsierendem Plätschern und Sausen, im Zeitrhythmus des pochenden Herzens der Mutter, pausenlos geschaukelt vom Atem der Mutter, genährt mit der Wärme ihres Körpers, angeheizt manchmal schier bis zum Verbrennen von glühender Lust am Rand des kleinen Innenraums, vielleicht bei der Gleichzeitigkeit von Vaters Pulsschlag in anderen Fächern, oder benachteiligt und fast verhungernd, wenn mit Unbeachten getragen, eventuell von atemlähmender Angst eingeengt und sich selber überlassen, im Dunkeln gefangen unter der beklemmenden Not der Mutter vor der nächsten und der bevorstehenden Zeit: so oder so im ständigen Wiegen der Mutter getragen, im  stärkenden oder im beklemmenden Gespräch mit der Sprache ihrer Seele, die ihr Körper übermittelt.

Dann, wenn zu klein der mütterliche Innenraum wird, freigelassen, losgestossen aus Atem- und Blutsymbiose ins vielfach hilfebedürftige, geheimnisvoll unbekannte, nicht wählbar geformte, unverwechselbar besondere, eigene Ichleben in der eigenen Haut, die nun verletzbarer Halt wird wie Instrument der Wahrnehmung von Wärme und Kälte und von jeder Berührung, dieses eigene Hauthaus, aus der Genesis geschaffen (sowohl im Sinn von gr. „gennan“ – erzeugen, hervorbringen und gr. „gignesthai“ – entstehen, geboren werden), diese Umgrenzung der verborgenen psyche nach Aussen, wie vor der Geburt das Dasein unter der Mutterhaut war, nun als feines Geflecht der sinnlichen Wahrnehmung über dem eigenen pulsierenden Herzen und dem Ateminstrument der Lungen, mit dem Zeichen des eigenen Geschlechts, das dem Ausstossen des Verdauten wie der sinnlichen Hungerstillung im Ablauf der sich folgenden Stunden dienen wird, mit den sich öffnenden Fenstern und Türen der Sinne – Augen, Nase, Mund und Ohren -, mit deren je eigenen, langsam erwachenden Fähigkeit der Vermittlung von Helligkeit, Farben und Dunkelheit, von Gerüchen und von Geschmack, von Klängen und Tönen, von Hunger, von Freude und von Angst, dieser präzisen Wahrnehmungen, die sich zugleich ins grosse Empfindungsregister der Seele und der cerebralen Funktionen übersetzen über den dialogischen Kontakt mit dem Blick, mit der Bewegung der Hände, dem Betasten und Spüren und allmählich, zusätzlich zur Sprache von Haut und Atem über die hörbare Sprache mit den vielfältigen Tonkomponenten, durch welche über Bronchien und Mund der Dialog mit der Mutter sich fortsetzt, nicht mehr in ihrem Inneren, sondern nun aus dem von ihr getrennten, aber noch tief mit ihr verbundenen eigenen Körper, allmählich dann Austausch mit anderen Menschen auf unterschiedliche Weise, vielleicht mit dem Vater, mit weiteren Gesichtern und Gestalten, die allmählich neben einander oder gegen einander das Kind umringen – all dies auf eigene, persönliche Weise, die das Kind als Individuum kennzeichnen(lat. „individuum“das Unteilbare, Ungeteilte, aus der Negativform des Verbs „dividere“ teilen), jedoch auch in der sich fortsetzenden Entwicklung verwandt mit Völkern von Ahnen auf Mutter- und Vaterseite, mehrmals vierhundertvierzigtausend bis zurück zum Anfang des Menschseins zu Beginn der zählbaren Zeit, gleichzeitig in allem vernetzt und geleitet durch die eigene Zeit, Atemzeit, Tag- und Nachtzeit, Existenzzeit im Dasein und Hiersein, durch die persönliche Raumzeit.

So ist die erste Zeit des persönlichen Ich im nicht wählbaren, zwar genetisch und anthropologisch erklärbaren, zugleich aber geheimnisvollen innersten Teil des In-der-Welt-Seins zu finden, im Innenraum des Entstehens der Lebenszeit, im Mutterbauch. Hier ist der Beginn der seelischen und körperlichen Entwicklungsgeschichte, der  inneren Zeit des Ich, auf welche die weitere Entwicklungsgeschichte folgt, die mit der Geburt einsetzt, wenn die nach den äusseren Zeitmassstäben berechnete Zeit mit dem eigenen Atem eine Sekunde zählt, dann einen Tag, der einen Namen trägt – Geburtstag -, auf den die Kindheitsjahre folgen, Geburtstag Jahr für Jahr – die lange Geschichte im persönlichen Hauthaus, die zum Raum und Ort des Erfahrens und Lernens, der Beziehungen und des Handelns wird, als Teil der zuerst nah bekannten anderen Menschen, dann der unzählbar vielen, die je eine eigene Geschichte haben.

„Einmal verschlossen

in der Geburtenbüchse der Verheissungen

seit Adam

die Frage schläft zugedeckt

mit unserem Blut“[12].

Kurze Zeit später, mit dem Eintreten in Krippe, Kindergarten und Schulzeit, wird das Kind in die geregelte und bewertete Zeit des sozialen Systems einbezogen. Es geschehen Brüche und Zerwürfnisse in den frühkindlichen Zeiterfahrungen, die vielfache, unterschiedliche Reaktionen bewirken, Angst und Widerstand, Angst und schnelle Anpassung, Verlustängste und Traurigkeit, Verlorenheit und Trauer, allmähliche Kenntnis des Ablaufs von fort und zurück, der zu jenem von dunkel und hell hinzukommt, allmählich mehr oder weniger Akzeptanz. Auf jeden Fall ist das soziale Zeitsystem mit den berechneten Minuten und Stunden, in welches hinein das Kind versetzt wird, schon Teil des grossen Marktsystems der Erwachsenen, dem der individuell strukturierte, innere Zeitbedarf des Kindes fremd ist. Die Zeit ist nicht länger der offene, weite, unstrukturierte Raum des Kindes; sie wird eingehagt, gezählt und berechnet.

Letztlich ist schon jedes Kind durch das Zeitempfinden der Erwachsenen, durch deren Unruhe, deren Ängste und deren Strukturnotwendigkeit der bedrückenden Widersprüchlichkeit zwischen der inneren Zeit und der gezählten, durch Leistung bewerteten Zeit ausgesetzt, oft auf verhängnisvolle Weise.

Dass die individuelle Zeit, die Existenzzeit, über die Kategorie der berechneten Zeit zum Marktwert wurde, dass diese in Geld gemessen und je nach gesellschaftlicher Funktion des Menschen mit höherem oder geringerem Wert gemessen wird, dass sie gar als wertlos erklärt wird – diese Tatsache ist die erschreckende Fortsetzung einer seit Beginn der menschlichen Kulturgeschichte geschaffenen Ungleichheit innerhalb des gleichen Menschseins, Fortsetzung der Unterwerfung Machtloser unter Mächtige sowie der Benutzung menschlicher Fähigkeiten, Kräfte und Zeit zu Gunsten des Gewinns der Besitzenden und Mächtigen. Es ist die Fortsetzung des in der Umsetzung nicht auf die Folgen hinterfragten Fortschritts, damit der grossen Entfremdungsursachen des Menschen von sich selbst und von der inneren Zeit, in verstärktem Mass seit Beginn der Moderne, die mit der Lebenszeit der Ururgrosseltern begann, mit dem Beginn der Industrialisierung, und die sich mit der daraus folgenden Massenverelendung grosser Bevölkerungsteile Europas in die Vorbereitung und sinnlose Umsetzung menschlicher Vernichtung ohne anzuhalten steigerte, in die Weltkriege mit der von Menschen umgesetzten industriellen Tötung von Millionen von Menschen, deren Masslosigkeit seit der chemischen und atomaren Vernichtungsgewalt kaum mehr gesteigert werden kann und die trotzdem nicht inne hält. Sie entwickelte sich weiter in die heutige postindustrielle Krise hinein mit der damit verbundenen skrupellosen Logik, der zufolge wiederum Millionen von Menschen auf Grund virtueller Wertekategorien als überflüssig erklärt werden, weil deren Arbeits- und Lebenszeit nicht mehr markt- und gewinnkonform eingesetzt werden kann, weil diese Zeit entsprechend der Herrschaftslogik weniger Mächtiger nicht mehr für die Mehrwertsteigerung instrumentalisiert werden kann und daher zu teuer wird. Es ist die Entwicklung der Monetarisierung resp. Kommerzialisierung, schliesslich der Virtualisierung menschlicher Lebenszeit, damit der – wirtschaftlich definierten – Ungleichwerterklärung menschlicher Existenzzeit, die zu immer absurderen und menschlich entwertenderen, zu immer ängstigenderen Folgen führte und die sich in der Aktualität fortsetzt.

Sollen diese Tatsachen beschleunigter Zeitentwicklung, mit welchen wir alle in unserer Lebenszeit konfrontiert werden, Resignation bewirken? Doch Resignation würde Unterwerfung unter ein gewaltbestimmtes und hemmendes, äusseres Zeitdiktat bedeuten, Resignation würde die kreativen Kräfte der eigenen inneren Zeit unbeachtet lassen. Resignation kann nicht sinnvoll sein. Auf eine andere Beachtung der Zeit gilt es einzugehen, das ist von grosser Dringlichkeit.

 

2a) Fallbeispiel:

Eine Kinderstimme am Telefon, Knabenstimme: „Meine Mutter ist krank. Sie ist gefallen. Sie hat gesagt, sie könne nicht mehr weiter gehen, heute im Park, mit dem kleinen Bruder an der Hand. Eine Frau hat mir im Park Ihre Nummer gegeben, ich weiss nicht wer Sie sind.  Wann kann die Mutter zu Ihnen kommen? Nicht ich komme mit ihr, der grössere Bruder wird mit der Mutter zu Ihnen kommen. Wo können er und die Mutter Sie finden? Bitte sagen Sie mir wo, ich schreibe auf, langsam bitte, Buchstaben bitte.“  Der Knabe, der um Hilfe für seine Mutter anrief, war acht Jahre alt, der „grössere“ Bruder, der gegen Abend mit ihr in die Praxis kam, zählte zwölf Jahre, die Augen überweit geöffnet, kein Lächeln, nichts Kindliches im Blick, die Stimme klar, trotzdem fast tonlos schwer. Die Mutter mit bitterem, dumpfem Gesicht, auch sie ohne Lächeln, kaum grösser, aber zehnmal schwerer und wie verloren neben dem Sohn, der ihre Seele zu tragen schien wie einen Berg. Er war Kind und gleichzeitig hatte er nie Kind sein dürfen. Er hatte die Funktion des schützenden Begleiters der Mutter.

Wie er im Sessel sass, getrennt von der Mutter, doch untrennbar von ihr, der ihr auch als Übersetzer diente, wurde langsam seine Stimmer vor Weinen erstickt. Er schluchzte und weinte, so wie ein Kind weint, weinte voller Erschrecken, dass er das Weinen nicht anhalten konnte. Und seine Mutter? Sie blickte ihn an, selber hilflos klein und herrscherisch alt, vielleicht zum ersten Mal bewusst der Grenze zwischen ihr und ihrem Kind. Er konnte nun weinen, was sie es sich selber nie zugestanden hatte – und ebenso wenig ihrem Kind. Mehrmals während des Gesprächs betonte sie, dass ihr schweres Hautleiden unmittelbar nach der Geburt dieses Sohnes begonnen habe, dass damals die auf ihr lastende Armut noch schwerer wurde, nach dem ersten Knaben noch zwei weitere Kinder plus Ehemann und sie, zusammengepfercht in einem einzigen Zimmer im niedrigen Haus der Schwiegereltern, in welchem noch zwei Brüder ihres Mannes mit Frau und Kindern in je einem Zimmer lebten, ohne Einkommen, kaum zu essen, und gleichzeitig die stete Präsenz der Besatzungspolizei mit Schlagstöcken und Geldforderungen. In der Schweiz angelangt mit der Hoffnung, besser leben zu können, doch ohne Sicherheit, dann der Ausschaffungstermin und die von den Behörden geforderte Rückkehr in die Heimat, aus der sie geflohen waren – all die Angst, die Stunde für Stunde, tagsüber und nachts, den Sohn und die Mutter besetzt hielten. Wie und wo die Zeit sinnvoll nutzen, wenn Angst den Atem erdrosselt und den Innenraum des Körpers wie mit Steinen füllt?

Auch damals stellte sich mir die Frage, die sich immer wieder stellt: Welche Art von Zeiterfahrung braucht ein Kind, damit der Lebensimpuls, der während der Monate im Innenraum der Mutter sich zum persönlichen Leben entwickeln konnte, sich unter den zahlreichen nicht wählbaren Lebensbedingungen entfalten kann? Können vielfältige Angst und Noterfahrungen mit dem Zeitdruck, der damit einhergeht, zusätzlich zu jenem, der von den Erwachsenen auf das Kind übertragenen wird, das Kindsein so beeinflussen, dass Überleben und geistige Wachheit allein noch Pflicht bedeuten, eine psychische Klammer, die das langsam und spielerisch erkundende innere Wachstum überdeckt? Geht die Frage des Lebenswertes, damit des Ich-Wertes des Kindes mit diesem auferlegten, nicht wählbaren Pflichtempfinden gegenüber der Zeit einher, letztlich mit dem Mangel an angstfreier und pflichtenfreier Kindheitszeit? Wächst daraus eine Verstärkung des Wissens um die Existenzzeit oder eine Verminderung? Was bewirken früheste Erfahrungen dessen, was Beziehung heisst – mit der Mutter, dem Vater, mit Grossmutter, Ersatzmutter usw. – im Zeitempfinden des Kindes? Wie und was können spätere Erfahrungen – Veränderungen, Trennungen, Verlust, Ersatz u.a.m. – dazu beitragen? Was heisst Ersatz? Bleibt das Ich intakt, zu dessen Innenzeit und Seinswert es keinerlei Ersatz gibt? Oder sind Verlust- und Ersatzerfahrungen gar nicht heilbar, höchstens erkennbar und dann – eventuell – akzeptierbar als zeitgeprägte Geschehnisse? Können sie durch das Erkennen korrigierbar werden, da die innere Zeit im Moment des Erkennens das, was war, in ein neues Licht der Gegenwart versetzt: dessen, was ist und sein wird?

Wie sehr die biographische, insbesondere die analytische Aufarbeitung dem menschlichen Klärungsbedürfnis gerecht werden kann, wissen wir alle. Zu wenig wird dabei beachtet, dass die Tatsache der Klärung allein nicht genügt. Es genügt nicht, die schweren Belastungen der auferlegten Zeit aufzuarbeiten, wenn das Erkennen der Zusammenhänge nicht zum kreativen Prozess (lat. „procedere“ – vorwärtsschreiten) wird, in welchem eine Versöhnung mit den schweren Belastungen, mit den Verlusten und Mangelerfahrungen der auferlegten Zeitgeschehnissen erfolgen kann. Wenn dies nicht geschieht, nehmen Hader und Verzweiflung überhand.

Ein Beispiel unter so vielen anderen ist Sarah Kofman[13], deren autobiographische Notizen[14]  mit der Benennung der überlebensbedingten Strapazen ihres Ich und den damit verknüpften Emotionen sie erst nach langen Jahren der intellektuellen Flucht in theoretisch-philosophische und zeitanalytische Denkübungen, dann in die mitfühlende Aufarbeitung des Berichts von Robert Antelme[15] über dessen Erfahrungen[16] sowie nach einer sich über zehn Jahre erstreckenden Psychoanalyse zu formulieren vermochte.

Die festgehaltenen Überlegungen und Notizen, sowohl in „Paroles suffoquées“ wie in „Rue Ordener, Rue Labat“, sind knapp, präzise, aufwühlend, als habe sie bei deren Niederschrift unter Zeitdruck gestanden. Was sie mit acht Jahren erlebt hatte, hatte bei ihr einen Abbruch im inneren Zeitgefüge der Kindheit bewirkt, ohne dass diese mit einem anderen Namen hätte bezeichnet werden können, doch der Name und das, was der Name tatsächlich bedeutete, stimmten nicht überein. Nachdem sie sich eingehend mit Freud und mit Nietzsche befasst hatte, mit der Aussagekraft der Bilder und der Bedeutung von Kunst, hatte sie sich auf die Abfolge ihrer eigenen Erinnerungen eingelassen, durch welche die gelebte Zeit für sie etwas Unauslöschbares und Andauerndes darzustellen begann, das durch die kleine Anzahl an Jahren umso gewichtiger und letztlich ausschliesslich wurde. Kurz nach Erscheinen von „Rue Ordener, rue Labat“ schied Sarah Kofman aus dem Leben.

Warum war sie so gnadenlos gegenüber der eigenen Lebenszeit? Warum gestand sie sich keine mehr zu? Warum brach sie selber den Lebenslauf ab? Hatte sie sich zu sehr in die Theorie des Schreibens versetzt, an Hand welcher sie zehn Jahre vorher sich mit ihrer Arbeit über E.T.A. Hoffmanns Kater Murr[17] auf das Schreiben der Autobiographie konzentriert hatte? Sie hielt damals fest, dass durch das Schreiben der Autobiographie zwar „ein Selbst konstruiert werde, jedoch das eigene Ich verloren gehe“? War bei Sarah Kofman mit dem definitiven, schriftlichen Festhalten der vergangenen, erlebten Zeit ein Abbruch und Abschluss der weiteren, noch möglichen eigenen Existenzzeit geschehen? Es ist beklemmend, ohne Antwort zu bleiben auf die Frage, warum in ihr die Kraft der kindlichen Neugier auf das Unbekannte der noch nicht gelebten Zeit nicht wieder geweckt werden konnte, warum sie sich selber diese Lebenskraft nicht länger zugestand. Anzunehmen ist, dass bei ihr die Trauer tatsächlich nicht in Verstehen und Sich-Versöhnen-Können überging, nicht in eine daraus wachsendes Vertrauen in die geheimnisvolle noch bevorstehende Lebenszeit, sondern dass die in der Kindheit erlebte Ohnmacht durch die Erkenntnis der Zusammenhänge in Hadern, Grämen und Verzweiflung mündete, die nur noch die Macht über die eigene Lebenszeit akzeptierte.

Das Aufarbeiten der gelebten Zeit bedarf der Versöhnung. Sigmund Freuds Erkenntnis der Bedeutung der Träume, d.h. der Möglichkeit, die verschlüsselte, verborgene Sprache des Unbewussten angeboten zu bekommen, diese zu verstehen und durch das Verstehen als kreative Kraft zu nutzen, hilft weiter.

 

  1. Das magische Zeitphänomen der Träume

Als Sigmund Freud[18] 1899 das Manuskript seines Buches Die Traumdeutung abschloss und mit dem Datum des folgenden Jahrs 1900, dem Beginn des neuen Jahrhunderts, erstmals veröffentlichte, hoffte er auf einen grossen Erfolg. Er ahnte damals nicht, dass es noch einige Jahre bräuchte, bis sich dieser einstellen würde, obwohl er kurz darauf, 1902, mit 46 Jahren, den Titel eines ausserordentlichen Titular-Professors zugesprochen bekam.  Auch ahnte er nicht, dass zu jeder Neuausgabe des Buches strukturelle Änderungen und inhaltliche  Erneuerungen hinzukommen würden. Als 1930 in einer zweibändigen Ausgabe die 8. Auflage[19] erschien, war im Vergleich zur ersten viel zusätzliches Material hinzugefügt worden, ohne dass in den Erkenntnissen und Theorien der Erstausgabe grosse Einbussen geschehen wären. Schon dieser Erstausgabe war eine über Jahre dauernde, vielfache Vorarbeit vorausgegangen, die in Entwürfen sowie in Briefen  – erst an seinen Lehrer Josef Breuer, allmählich insbesondere an seinen Freund Wilhelm Fliess – festgehalten und laufend erweitert wurde.

Wiederum ist es aus zeitlichen Gründen nicht möglich, im Rahmen diess Vortrags auf Freuds grosse theoretische Entwicklung einzugehen, die für ihn von der anatomischen Lehre der Neuronen ausging, deren Zustands- und Tätigkeitsveränderungen während des Schlafs Träume bewirken, die er später mit der metapsychologischen, schliesslich psychoanalytischen Erkenntnis erweiterte und zu einer umfassenden Traumdeutung entwickelte. Wichtig erscheint mir, dass Freud in seinem Bestreben, die Träume zu verstehen und über das Verstehen zu deuten, sich einerseits wohl auf die Schilderung von Träumen seiner Patientinnen abstützte und diese in den Anfängen mit der Annahme verknüpfte, dass früh erlebte, nicht erinnerbare, sondern verdrängte sexuelle Gewalt dafür Anlass gab, Annahmen, die er später nicht mehr in dieser Einseitigkeit vertrat, sondern vielseitig erweiterte; dass er sich andererseits mit der Tatsache befasste, dass ihm selber beim Aufwachen die Erinnerung an seine eigenen Träume klar bewusst blieb und dass deren Deutung sich aufdrängte. Diese Erkenntnis  war in Zusammenhang des Sterbens und des Todes seines Vaters von bahnbrechender Bedeutung[20]. Freud bedurfte aufwühlender Selbsterfahrungen, um im Lauf der Jahre von dem, was er in den Anfängen die psychologische Analyse der Neurosen nannte, zur Bedeutung und zum Erkenntniswert der Symbolik zu gelangen und um so den Anschluss an die grosse Erweiterung und Vertiefung der Deutung über die Mythen, die Dichtung, die Farben- und Klangerinnerungen, die körperlichen Impulse sowie die vielfach verkapselte Bedeutung der Worte zu finden[21].

Ich werde als Fallbeispiel noch kurz auf die Abfolge von Träumen einer Patientin eingehen, bei welchen die magische Auslösung und Auflösung von Zeitzusammenhängen deutlich wird, durch welche jede Art von Zeitdifferenz aufgehoben wird und eine verblüffende Gleichzeitigkeit von früher und jetzt, von Zusammenhängen der allgemeinen, grossen Zeitgeschichte und der je persönlichen Geschichte vermittelt wird, die ermöglicht, verdrängte, unverarbeitete Kindheitserfahrungen ebenso zu verarbeiten wie Tagesrestbestände.

3a. Fallbeispiel:

Die drei Träume der 58jährigen Frau K. mögen verdeutlichen, in welchem Mass die Traumsprache ihr ermöglichte, die schwierige Beziehung zur Mutter, überhaupt zur Familie, aufzuarbeiten, sowohl die in der Kindheit erfahrene Beziehungsarmut wie die sich daraus fortsetzenden Zweifel am persönlichen Wert, die eine Abfolge enttäuschender Liebesbeziehungen und Freundschaften nach sich zog, bis zu den wachsenden Ängsten, auf der schmalen Linie, die ihr unter dem gesellschaftlichen Kontroll- und Erfolgsdruck für sich selber blieb, den Ort, der ihrem Ich zustand, nicht mehr zu kennen und die eigene Identität zu verlieren.

„Es war am Sonntag, ca. 17.30 Uhr. Den ganzen Tag hatte ich vor dem Computer gesessen und gearbeitet. Gegen fünf Uhr abends fühlte ich mich müde und legte mich aufs Sofa für einen kurzen Schlaf. Ich erwachte aus folgendem Traum: Meine verstorbene Mutter sitzt vor mir auf dem Sessel in meinem Wohnraum neben dem Fenster, in einem leuchtend roten, bis zum Hals geschlossenenen Kleid aus feiner Wolle, ohne Schmuck, mit schön gelocktem braunem Haar. Ein helles Sonnenlicht fällt auf sie. Erstaunt frage ich: ‚Bist Du schon zurück?’, doch da fällt mir ein, dass sie ja gar nicht mit nach Rom gereist ist mit dem Vater, der von seiner neuen Freundin begleitet wird. Lächelnd sagt sie: ‚Du weisst doch, ich bin so gerne daheim’. Im gleichen Augenblick bemerke ich den dreijährigen Enkel meiner Schwester, der neben ihr steht, mit seinen strahlenden, dunkeln Augen und einem zustimmenden, verschmitzten Lächeln. Er trägt eine Zipfelmütze im gleichen leuchtenden Rot. Die Zipfelmütze wirkt ganz neu, sie hat einen umgelegten breiten Rand, ist mit zwei Bändeli unter dem Kinn festgebunden und fällt ihm bis in die Mitte des Rückens. Auch auf ihm liegt das gleiche warme Licht. Es ist ein Bild voller Glück. Ich erwache, und das Bild sowie das Gefühl von Glück bleiben in mir.“

Nach einiger Zeit fährt die Patientin fort:

„Schon vor zwei  Jahren, im Frühsommer, vermutlich im Mai, hatte ich einen Traum, der mit meiner Mutter zu tun hatte und der mir nun wieder einfällt. Es war ein akustischer Traum ohne Bild. Es war damals mehr wie ein Jahr her, dass D. mich verlassen hatte, und noch immer quälte mich sein Verrat. Ich erfuhr damals von der Hochzeit eines mit uns befreundeten Paars in Florenz; sie hatten häufig mit uns zu Abend gegessen. Auch erfuhr ich von D’s Cousine in Strasbourg, dass D. wegen eines Anlasses von England nach Italien geflogen sei. Da wurde mir klar, dass er mit der viel üngeren Frau, mit welcher er schon während unserer Beziehung eine Liebesgeschichte begonnen hatte, an jener Hochzeit in Florenz teilnahm. Ich grämte mich vor Eifersucht. – Eines Morgens erwachte ich von einem Traum, aus welchem mir nur die klar erkennbare Stimme meiner Mutter blieb, die sagte: ‚Das mit Italien ist schon in Ordnung’. Nichts weiter. – Ich erinnere mich, dass mir dieser eine Satz während den darauf folgenden Tagen und Wochen spürbar half, mich vom Gefühl meiner Abhängigkeit von D. zu befreien, mit der ich mich selber entwertet hatte. Mir wurde klar, dass die Zeit in mir seit der Trennung stagniert hatte und sich mit diesem Traum von der Stagnation lösen konnte. Nun scheint mir, dass vielleicht ein Teil der Stagnation bis in die Kindheit zurück geht. Auf jeden Fall half mir diese knappe Traumsequenz, mit mir selber wieder voran zu kommen.“

Einige Wochen später fügte Frau K. einen weiteren Traum hinzu:

„Der Traum muss kurz vor dem Erwachen gewesen sein. Ich lag auf einem ‚Befragungstisch’ mit wirren Kleidern aus kürzeren oder längeren Stoffbahnen. Ich muss dort schon lange gelegen haben, fühlte mich voller Angst und kraftlos, denn ich konnte mich meiner Adresse nicht mehr erinnern, wusste auch den Strassennamen nicht mehr. Mehrmals sagte ich: ‚Früher wohnte ich an der Efstrasse, genügt das nicht?’ Ich fühlte starre Augen und grelles Licht auf mich gerichtet und fürchtete, ich würde in eine psychiatrische Klinik eingeliefert. Ich erwachte und hörte mich laut sagen: ‚Zestrasse 10’. Ich musste für mich leise lachen, doch nur aus Verlegenheit. In mir blieb das Erschrecken ob dem schmalen Schragen, auf dem ich befragt und beurteilt – oder verurteilt  – wurde. Das Bild liess mich nicht mehr los, auch nicht die Angst, die ich spürte. Warum wusste ich im Traum nicht den Ort, wo ich lebe? Heisst das, dass ich nicht weiss, wohin ich gehöre und wer ich bin?“

Tatsächlich ermöglichten die drei Träume eine umfassende Aufarbeitung sowohl der Kindheitsjahre wie der späteren Entwicklung von Frau K., ein Verstehen der Verlusterfahrungen und der Einsamkeit, in welcher sich ihre Mutter befunden hatte und deren Folgen sich auf das Kind ausgewirkt hatten, allmählich eine Versöhnung mit der Mutter und infolge dieser Versöhnung auch ein Abbau der Eifersucht gegenüber ihrer Schwester, ebenso eine andere Beziehung zu ihrem Vater und insbesondere zu sich selbst.

Beim Eingehen auf die drei Träume wurden Nacht- und Tagerinnerungen lang zurückliegender Zeit geweckt und waren so nah wie das therapeutische Gespräch selber, es entstand eine Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen, durch welche das gelebte Leben mit grosser Intensität, jedoch mit einem anderen inneren Blick nochmals gelebt wurde. Zunehmend staunte Frau K. über sich selber, über ihre Fähigkeit, mehr und mehr zu verstehen, über das Schmerzliche und lange nicht Verstandene weinen zu können, allmählich vom Hadern frei zu werden.

Die Abwesenheit ihres Vaters sowohl für die Mutter wie für sie und ihre Schwester, nicht  eine räumliche Abwesenheit, sondern eine innere Abwesenheit, welche zu einer Sehnsucht nach Nähe geführt hatte, die nie erfüllt werden konnte, dies gehörte zu den schwierigsten Schmerzstellen. Über lange Zeit war die Beziehung zum Vater wie zu einem fernen göttlichen Wesen unantastbar erschienen, da alle Vorwürfe auf die Mutter als Verursacherin des seelischen Leidens projiziert worden waren. Bei diesem anderen Erkennen ging es nicht um eine andere Anklage, sondern um einen neuen, anderen Kontakt mit der verstorbenen Mutter wie mit dem Vater, der noch lebte, 82jährig. Dieser wehrte die Fragen seiner Tochter nicht ab, im Gegenteil. Er selber bedurfte der Möglichkeit aufzuarbeiten. So vieles wurde Frau K. zunehmend klar, die Fremdheit zwischen ihrem Vater und ihrer Mutter, eine kulturelle und sprachliche Fremdheit, ohne dass die Ehe in diesem bürgerlichen Milieu je hätte in Frage gestellt werden dürfen, die psychische Ursache für die körperlichen Leiden, die während Frau K’s Kindheit und Jugend zu Spitalaufenthalten der Mutter wie des Vaters geführt hatten, Ursache auch für die symbiotische Nähe der Mutter zur jüngeren Schwester, die ihr Trost bedeutete, wie für die Schwermut, die sie immer mehr belastete, als die Töchter erwachsen wurden und anderswo lebten, schliesslich für ihren frühen Tod.

Als Frau K. die schmerzhaften Schuldgefühle ihres Vaters wahrnehmen konnte, der den Tod seiner Frau als Schicksalsschlag und Strafe gedeutet hatte, da er ihre zunehmend schwindende Lebenskraft nicht hatte beleben können, verstand sie ihr eigenes Leiden auf ganz andere Weise. Waren nicht auch bei ihr Schuldgefühle immer schwerer geworden? Es war, als ob ein verborgener See von Tränen sich lösen konnte, ihre eigenen und jene, die sie gewünscht hätte, mit ihrer Mutter zu weinen und sie dabei zu halten.

Dass ihr das Zeichen der Verzeihung und Versöhnung von ihrer Mutter selber in den zwei ersten Träumen klar vermittelt worden war, sowohl durch das warme Licht wie durch den versöhnlichen Rat, das beinhaltete tatsächlich viel mehr, als sie unmittelbar nach dem Traum verstanden hatte. „Italien“  bedeutete auch eine Versöhnung, die ihrem Vater gegenüber galt, wie sie spürte, als sie ihm davon erzählte. Und beide Träume waren eine umfassende Bestätigung ihrer Liebe zur ihr, der ältesten Tochter, in deren eigenem Wohnraum sie erschienen war und ein Gefühl von Glück vermittelte, das sowohl ihr wie auch dem Enkel ihrer Schwester galt, diesem Kind, das die vierte Generation darstellte und zum Symbol für die neue Orientierung des inneren Blicks auf die Herkunftsgeschichte wie auf die damit verbundenen Beziehungen wurde, zurück und über den Augenblick hinaus: zur Mutter ebenso wie zum Vater wie zur Schwester und zu deren Kind und ebenso zu Frau M.K. selber.

Mit dem Verstehen der umfassenden Zeit- und Beziehungszusammenhänge, mit deren Aufarbeitung und Neuorientierung wurde es Frau K. möglich, die vielen Spannungen und Ängste zu lösen, für deren Ursachen der dritte Traum eine Vermittlung bot. Der eigene Ort, der eigene Raum, das eigene Hauthaus und sein Name – die Sicherheit in Bezug zum eigenen Ich –, all dies bedurfte keines Zweifels mehr. Das Bild des grellen Lichts und der bewertenden Augen konnte sie als Erfahrung des Zwangs, sich ihrer selbst nicht sicher fühlen zu dürfen, von sich lösen. Sie hob den rechten Arm zu einer hohen Kreisbewegung, atmete langsam ein und atmete tief aus, alles was an Belastungen angestaut war, nachher den linken Arm, wie eine feste Raum- und Zeitzusicherung ihres Lebens. Und so wurde es für Frau K. – da sie sich selber nicht mehr in Frage stellte -, allmählich möglich, das Älterwerden und das Alleinsein anders wahrzunehmen, auch die beruflichen Herausforderungen mit weniger Anspannung zu akzeptieren, allmählich gegenüber sich selber Vertrauen aufzubauen. Es war für sie, als sei sie nochmals erwachsen geworden, auch nochmals Kind und Kleinkind gewesen, gleichzeitig durch das Überstehen der schweren Krise sich eines reichen Lebens bewusst geworden, für den Augenblick selber wie als festen, inneren Halt für die Zeit, die ihr noch unbekannt war.

Ich komme zum Abschluss: Die gesellschaftlichen Polarisierungen auf Grund wachsender Diskrepanz im Wert gelebter und berechneter Zeit, die Überaktivierung auf der einen Seite und auf der anderen die Hilflosigkeit und Verlorenheit zahlloser Menschen, der damit verbundene soziale Stress mit den anwachsenden politischen und wirtschaftlichen Engpässen, in denen die aktuelle Zeitgeschichte steckt, die daraus resultierenden Überbelastungen und Ängste, die das Burnout-Syndrom bewirken, zusätzlich zu vielen anderen psychischen Erkrankungen, zu  Gewaltausbrüchen und Fluchten in Suchtverhalten und Ideologien, all diese Tatsachen sind Resultate einer während des vergangenen Jahrhunderts betriebenen manischen Beschleunigung und masslosen destruktiven Erweiterung der Zeitabläufe, durch welche die gelebte Zeit des einzelnen Menschen in ihrem Wert zerrieben wird.

Es erweist sich als dringliche Aufgabe, im Sinne von Bergson die Kräfte der Intuition zu wecken und auf die Bedeutung der Intensität zeitlicher Erfahrung einzugehen, im je individuellen Alltag sowie entsprechend den Fähigkeiten im privaten, beruflichen und sozialen Umkreis. Es ist ein Projekt kreativer Vernunft.  Durch das Verstehen kann es gelingen, die Folgen der durch Industrialisierung und Virtualisierung der Zeit, durch deren Verdinglichung und Vermarktung, durch deren Missbrauch und deren Beschleunigung im Mass der Lichtgeschwindigkeit geschaffene Entfremdung des Menschen von sich selbst und der ihm gegebenen Lebenszeit zu korrigieren, sachte und klar: Die Zeit bleibt geregelt, doch sie wird von der Entwertung gelöst. Jede gelebte Zeit ist von unbedingtem Wert. Und es gibt Momente der Erkenntnis, die Glück bedeuten.

„Wenn ein Arm eine Bewegung                                                 Es ist, als dürften wir

Und diese im Kontinuum von Raum und Zeit                            Für den Bruchteil eines Moments

Genau eingeplant und präzise gesetzt ist (…)                          Hinter die Dinge schauen. [22]                                                 

 

                 

[1] Robert Walser. Gedichte.und Dramolette. Hrsg. von Robert Mächler. Band IX. Verlag Helmut Kossodo, Genf und Hamburg 1972, S. 407

[2] Norbert Elias. Über die Zeit. Arbeiten zur Wissenssoziologie II. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Mai 1984

[3] Ales Rasanau (geb. 1947 in Sjalez / Weissrussland, lebt seit 1999 als Flüchtling im Ausland). Das dritte Auge. Punktierungen. Weissrussisch und Deutsch, übersetzt von Elke Erb. Verlag Urs Engeler, Weil am Rhein 2007, S. 57.

[4] Platon. Timaios, in Bd. V Sämtliche Werke. Nach der Übersetzung von Friedrich Schleiermacher und Hieronymus Müller mit der Stephanus-Numerierung, 10.d ff, S. 160

[5] Augustinus. Confessiones-Bekenntnisse. lat. und dt. Kösel-Verlag, München 1955, S. 629

[6] Diese Kalenderrevision gilt allerdings bis heute nicht für die Zeiteinteilung der orthodoxen Kirchen Griechenlands, Serbiens, Russlands u.a.m..

[7] So hat z.B. im Lauf der Französischen Revolution der Konvent das Jahr 1792 zum Jahr 1 erklärt; zudem sollte  ab dem Jahr 1794 und der Abschaffung des Christentums ein neuer Kalender mit Monaten à je drei Wochen und à je 10 Tagen gelten.

[8] cf. 3, S. 89

[9] cf. Transzendentale Ästhetik  in: Kritik der reinen Vernunft (1781)

[10] cf.  Karl Marx. Die ökonomisch-philosophischen Manuskripte. Kröner Verlag, 1971 – Erich Fromm. Das Menschenbild bei Marx. Mit den wichtigsten Teilen der Frühschriften von Karl Marx. Ullstein Verlag 1988

[11] Nelly Sachs. Späte Gedichte. Suhrkamp Verlag, Frankfurt a.M. 1981, S. 225

[12] cf. (1)

[13] geb. 14. 09. 1934, gest. 15. 10. 1994

[14] Sarah Kofman. Rue Ordener, Rue Labat. Editions Galilée, Paris 1994; deutsche Übersetzung: gleicher Titel, Passsagen Verlag, Wien 1995.

[15] L’espèce humaine. Gallimard, Paris 1957; deutsche Übersetzung: Das Menschengeschlecht, Carl Hanser Verlag, München 1987.

[16] Sarah Kofman. Paroles suffoqués. Edition Galilée, Paris 1987; deutsche Übersetzung: Erstickte Worte, Passagen Verlag, Wien 1988.

[17] Sarah Kofman. Schreiben wie eine Katze. Zu E.T.A.Hoffmanns Lebensansichten des Katers Murr. Passagen Verlag Graz-Wien 1985

[18] geb. 6. Mai 1856, gest. 23. September 1939

[19] Ab der 4. Auflage war Otto Rank der Herausgeber

[20] Freuds Oedipus-Theorie beruht in erster Linie auf den damit einhergehenden Erkenntnissen.

[21] cf. beigelegten Textauszug aus Sigmund Freund. Die Traumdeutung, S. 218 – 227

[22] ibid.3, S. 52

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