Der Himmel – so fern, so nah – Paul Hindemiths Symphonie “Die Harmonie der Welt”

Der Himmel – so fern, so nah

Paul Hindemiths Symphonie “Die Harmonie der Welt”

 Salongespräche Herbstsemester 2014, Universität Bern, Zentrum für universitäre Weiterbildung ZUW

 

Es liegt ein  Brief von Gertrud Hindemith-Rottenberg[1] vom 5. November 1953 an die Deutsche Grammophongesellschaft DG vor, in welchem sie Bezug nahm zum Generalvertrag für die Aufnahme von jährlich drei Werken ihres Mannes Paul Hindemith[2], der ihm im Lauf des Sommers angeboten worden war. Sie selber war eine hochbegabte Musikerin, die Tochter des ersten Kapellmeisters der Frankfurter Oper, die ihrem Ehemann seit Beginn der Ehe – die Hochzeit hatte am 15. Mai 1924 stattgefunden – stets zur Seite stand, mit Humor, mit Ausdauer und mit Feingefühl.

Auf Wunsch der DG sollten zuerst die Symphonischen Tänze, die Symphonie Mathis der Maler sowie die Variationen für Klavier und Streichorchester Die vier Temperamente gespielt werden. Gertrud Hindemith schrieb, das sei wohl ein guter Vorschlag, doch Paul wünsche natürlich am liebsten, dass die Harmonie aufgenommen werde.

Auf diesen Wunsch ging die Deutsche Grammophongesellschaft sofort ein, und so wurde am 20. bis 24. März 1954 von den Berliner Philharmonikern in der 1914 geplanten und 1932 eingeweihten protestantischen Jesus-Christus-Kirche[3] in Berlin-Dahlem, die über eine aussergewöhnliche Raumakustik verfügt, die Harmonie der Welt gespielt und aufgenommen.

Gemäss Giselher Schubert, der  ab 1974 Hindemiths Werkherausgabe leitete[4], war die CD- Aufnahme eine erstaunliche Leistung. Es gelte zu berücksichtigen, hielt er fest, „dass dieses satztechnisch ausserordentlich kunstvoll komponierte, ungemein komplexe dreisätzige Werk, das im Finalsatz eine Fuge und eine Passacaglia einschliesst, nur drei Jahre zuvor entstanden und von den Berliner Philharmonikern erst dreimal Anfang Dezember 1952 unter Wilhelm Furtwängler gespielt worden war.“[5]

Diese Komposition zählt ohne Zweifel zu Hindemith‘s Hauptwerken. Sie war in der Zeit des Umzugs von den USA in die Schweiz mit der Auftragsunterstützung von Paul Sacher zustande gekommen. Hindemith hing sehr daran, die Aufführung selber zu dirigieren. Nach seinem Empfinden verfälschte jeder fremde Dirigent das Werk. Mit anderen Musikern hatte er es schon mehrmals aufgeführt, u. a. in Stockholm, Oslo, Minneapolis und in Bonn, doch gemäss Giselher Schubert liess Hindemith bei der Aufführung in Berlin-Dahlem, die mit der CD-Aufnahme einherging, überaschende Besonderheiten hervortreten. Er habe die einzelnen Teile ausserordentlich deutlich artikuliert, er habe unterschiedliche Vortragstempi gewählt, die nicht mir den Angaben in der Partitur überein gestimmt hätten. Das Hauptthema habe er sehr ausdrucksvoll ausspielen lassen, während er für die musikalischen Begleitsysteme eine klanglich sehr individuelle – agogische – Differenzierung zugelassen habe, möglicherweise auf Kosten der Homogenität. Alle Instrumente habe er auf diese Weise singen lassen. Die Interpretation des Schlusssatzes sei wie eine Vorwegnahme des Schlusssatzes seiner erst 1957 vollendeten Oper Die Harmonie der Welt gewesen. Eigentlich ist es nicht überraschend, dass sich in der Symphonie- wie in der Opern-Fassung im grossen Finale ein Zusammenstossen und Zusammenklingen der widerstreitenden Kräfte der grossen Harmonie des Kosmos und der entsetzlichen Wirklichkeiten menschlichen Hochmuts und Handelns finden.

Als ich während der Arbeit an den Vorlesungen dieses Herbstsemester – in Kenntnis von Johannes Keplers ergreifendem, trostsuchendem Werk Harmonia Mundi – erstmals die Aufnahme der von Hindemith selber dirigierten Symphonie hörte, wurde mir bewusst, dass die wunderbar vielschichtige Aussagekraft der Musik davon abhängt, ob sich Dirigent und Musiker im konzertanten Vortrag frei von persönlicher Eitelkeit ausschliesslich dem ihnen anvertrauten Inhalt widmen und diesem emotional und formal gerecht werden möchten. So muss die Grundhaltung bei der Konzertaufnahme in Berlin-Dahlem gewesen sein. Wieder ist es Giselher Schubert, der in seiner Erinnerung festhält, dass für Hindemith bei einer musikalischen Interpretation ausschliesslich die Aufgabe gegolten habe, „eine Komposition ohne störende individualistische Beimischung darzubieten“[6]. So sei es gewesen. Die Vorgänge auf dem Podium hätten nichts Feierliches, nichts Sensationelles gehabt, wie von Schubert ein anderer Rezensent zitiert wird, im Gegenteil. „Der mittelgrosse, untersetzte Mann mit dem mächtigen Schädel, der da vor den Musikern mit selbstverständlicher Nochchalance agiert, wirkt wie einer der ihren. Rund und elastisch sind seine Bewegungen, der ganze Körper ist locker, die fast tänzerische Agilität seiner Erscheinung überträgt sich auf das Orchester. Es folgt ihm, ohne sichtlichen Zwang, einfach, weil es spürt, hier ist jemand, der sein Handwerk bis ins Letzte versteht, der mit klarem Kopf und sehr viel Herz nur Musik macht.“[7]

„Mit klarem Kopf und sehr viel Herz nur Musik machen“ schliesst denkerisches und handwerkliches Können ein, ein Wissen um die Abläufe, gleichzeitig eine emotionale Untrügbarkeit. Vermutlich baute sich aus diesen Voraussetzungen Hindemiths Werdegang auf. Während Getrud Rottenberg aus einem grossbürgerlich-musikalischen  Elternhaus stammte, wuchs Paul Hindemith in einem Handwerker-Arbeiter-Milieu auf, erst in Hanau und bei den väterlichen Grosseltern in Schlesien, dann ab dem sechsten Altersjahr in Frankfurt am Main. Seine Eltern setzten sich jedoch voll für die musikalische Ausbildung ihrer drei Kinder ein, die früh als „Frankfurter Kindertrio“ auftraten, mit Paul, dem Ältesten, der neben anderen Instrumenten in erster Linie die Geige, später die Bratsche spielte, Antonie resp. Toni, der drei Jahre jüngeren Schwester, die eher im Hintergrund blieb, während Rudolf, der ebenfalls hochbegabt Jüngste, als Cellist und später als Komponist und Dirigent Beachtung fand, sich jedoch im Schatten seines Bruders fühlte und sich mehr und mehr dem Jazz zuwandte. Paul Hindemith hatte mit Anna Hegner, einer aus Basel stammenden Geigerin und Musikpädagogin, die einige Zeit in Frankfurt am Main lebte, eine hervorragende Lehrerin erlebt, die ihn auch ans Hoch’sche Conservatorium vermittelte, einer 1878 von Josef Hoch, einem reichen Frankfurter Bürger, als Stiftung eingerichteten Musik-Akademie für begabte, mittellose Menschen jeden Alters. Seine Ausbildung als Geiger und Bratschist erreichte höchste Perfektion, ebenso jene im Bereich der Komposition, auch dank seines Lehrers Arnold Mendelssohn, einem Grossneffen von Felix Mendelssohn-Bartholdy. Bald wurde Hindemith Bratschist im Frankfurter Orchester und ab 1915, mit zwanzig Jahren, mitten im 1. Weltkrieg, Konzertmeister auf der Frankfurter Opernbühne.

Im gleichen Jahr wurde Hindemith’s Vater, der sich mit 44 Jahren freiwillig für den Kriegsdienst gemeldet hatte, als Infanterist in einer der fürchterlichen Schlachten in der Champagne getötet. Paul selber wurde trotz dieses Verlustes im Januar 1918 als Soldat eingezogen und der Militärmusik zugeteilt, die in die entsetzlichen Kriegsplätze im Elsass – Verdun -, in Nordfrankreich und in Belgien versetzt wurde, bis er es nicht mehr aushalten konnte und noch vor Kriegsende, Ende Dezember 1918,  entlassen wurde. Sein kritischer, politischer Geist hing vermutlich mit den Erfahrungen dieser Gräuel zusammen, auch mit der nationalistischen Aufblähung, die sich in den Kriegsjahren entwickelte und sich mit der militärischen Niederlage sowie den politischen und wirtschaftlichen Bedingungen des Versailler Vertrags verstärkte.

In musikalischer Hinsicht war Paul Hindemith jede Art von Romantik fremd. Es waren vielschichtig klare, manchmal vielleicht sogar karge Klangstrukturen, die er entwarf und spielte. Er wollte nie mit Musik betören. 1923, im gleichen Jahr, als er Gertrud Rottenberg heiratete, bat ihn Paul Wittgenstein um eine Klavierkomposition für die linke Hand, Ludwig Wittgensteins älterer Bruder, der Pianist war und dem zu Beginn des 1. Weltkriegs an der russischen Front nach einer schweren Verwundung der rechte Arm amputiert wurde. Diese Komposition blieb lange verschollen. So viel ich weiss, wurde sie erst 2002 wieder gefunden und erstmals gespielt, ebenfalls von den Berliner Philharmonikern.

Ein wichtiger Freund Paul Hindemiths war Hans Flesch, der Ehemann von Gabriele Rottenberg, Gertruds Schwester, somit auch sein Schwager. Flesch war Arzt, hatte sich als einer der ersten auf Radiologie spezialisiert und kannte sich in technischer Hinsicht hervorragend aus. So wurde er 1924 als erster zum Leiter des Frankfurter Rundfunks gewählt und ermöglichte Paul Hindemith zahlreiche Kompositionsaufträge, unter anderem gemeinsam mit Kurt Weill und Bertolt Brecht. Hindemith wurde auch Mitglied des Amar Quartetts, das er  zwischen 1923 und 1930 massgeblich mitbestimmte. Seine Kompositionen wurden an den Donaueschinger Musiktagen aufgeführt und er wurde zunehmend als hervorragender Komponist neuer Musik  bekannt, eckte an und wurde bewundert.

Fleschs tragische Geschichte bald nach Hitlers Machtübernahme und während der Kriegsjahre kann hier nicht geschildert werden, doch sie muss für Hindemith ständig präsent gewesen sein, der als „entarteter Künstler“ und durch seine Ehe als  „Halbjude“ ebenfalls bedroht war, der jedoch dank einer rechtzeitig erfolgten Einladung in die USA gelangen konnte und sich dort in Sicherheit befand, während es für Gertrud schwieriger war, aus Deutschland wegzukommen. Ihre  Flucht über die Schweiz, Frankreich und Portugal war viel komplizierter und unsicherer, doch 1940 gelangte auch sie nach Amerika.

In Amerika konnten sich Hindemith und seine Frau von 1940 bis 1953 in New Haven (Connecticut) ein wirkliches Zuhause schaffen, mit einem grossen Freundeskreis, in welchem die politischen Geschehnisse in Europa diskutiert und gleichzeitig gemeinsam musiziert werden konnte. Hindemith hatte eine Professur für Komposition in Yale mit einer grossen Anzahl von Schülern, mit zahlreichen Einladungen zu Konzerten, in denen er vor allem als Dirigent wirkte, und in Verbindung damit mit unzählbar vielen Reisen durch die ganze Welt, meist gemeinsam mit seiner Frau.

Ab 1953 lebten Hindemith’s in Blonay am Genfersee, Paul Hindemith noch zehn Jahre, auch von hier aus mit vielen Reisen – u. a. in die skandinavischen Länder und dann nach Berlin in Zusammenhang der Aufnahmen für die Deutsche Grammophongesellschaft -, auch mit grossen Ehrungen,  die ihm zuteil wurden, bis er am 28. Dezember 1963 während eines Aufenthalts in Frankfurt am Main an den Folgen einer Pankreasentzündung starb.

Gertrud Hindemith lebte noch vier Jahre in Blonay und widmete sich ganz der Aufarbeitung des Nachlasses ihres Mannes. Sie schlief bei sich zu Hause am 13. März 1967 für immer ein.

 

Das gemeinsame Grab von Paul und Gertud Hindemith befindet sich auf dem Friedhof von St. Légier.

 

[1] Johanna Gertrude Hindemith, geb. Rottenberg  (1900 – 1967)

[2] Paul Hindemith (1895 – 1963)

[3] Von 1933 bis 1945 war diese Kirche immer wieder der Treffpunkt der Bekennenden Kirche, in welcher insbesondere Martin Niemöller seine politisch kritischen Predigten hielt. Sie war auch in den letzten Jahren immer wieder ein Schutzraum für Asylsuchende, die für bedrohte Menschen Kirchenasyl bot. Gleichzeitig ist sie einer der besonderen Konzerträume, in welcher viele der grossen Musiker und Musikerinnen, Dirigenten und Orchester auftraten.

[4] von 1991 bis 2011 auch Direktor des Hindemith-Instituts in Frankfurt a. M. in der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst (ursprünglich im ehemaligen Rothschild-Palais, wo nun das Jüdische Museum ist)

[5] Begleitblatt zur CD Hindemith conducts Hindemith. 1954/2003 Hamburg,  Deutsche Grammophongesellschaft, S. 11

[6] Begleitblatt zur CD Hindemith conducts Hindemith. 1954/2003 Hamburg,  Deutsche Grammophongesellschaft, S. 10

[7] Begleitblatt zur CD Hindemith conducts Hindemith. 1954/2003 Hamburg,  Deutsche Grammophongesellschaft, S. 10

 

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