Sterben und Tod der Platane am See

Sterben und Tod der Platane am See

 

Im Sonett 119 fasste William Shakespeare zusammen, was die geheimnisvollen Abläufe vom Kindsein zum Altwerden prägt, die „manch ein Schatten fällt und unterbricht“, mit den Grenzerfahrungen des Aufbäumens und des Zerrinnens der Kräfte:

„So wie die Wogen roll’n zum kiesbedeckten Strand / so eilen unsre Stunden an ihr Ziel. / Wetteifernd überdeckt ein jedes Wellenband /  Das vor ihm eilende in stetem Wechselspiel. / Geboren wirst du in ein strahlend Licht, / erklimmst die Reife dann als dein gekröntes Ziel. / Doch manch ein Schatten fällt und unterbricht / der Zeit so hoffnungsreiches Gabenspiel. / Die Zeit durchbohrt der Jugend Schwingen, / schürft, deine Stirn mit Furchen zu durchziehn, / weiss ihre herbe Wahrheit aufzuzwingen. / Kein Halm, der wuchs, kann ihrem Schnitt entfliehn. / Und doch: In Hoffnung habe dies mein Lied Bestand, / dass es dich preist trotz ihrer grausam harten Hand[1].

Jedes Lebewesen, selbst jedes pflanzliche, ist dem „Gabenspiel“ der Zeit ausgesetzt, das irgendwann endet. So geschah es mit der hochgewachsenen, zweiarmigen Platane auf der kleinen Wiese am See. Sie war meine treue Baumgefährtin, seit ich vor vielen Jahren ins alte Miethaus wohnen kam, wo ich nach wechselnden Unterkünften in der Stadt ein Zuhause finden konnte. In ihrem Schatten am Ufer des Wassers hatte ich ungezählte Male geruht.

Dieses Jahr, zu Beginn des Frühlings, als sich ringsum die anderen Bäume mit neuem Blattwerk zu schmücken begannen, stellte ich fest, wie sehr die Platane gealtert hatte. Noch hoffte ich, dass die spärlichen Blättchen an den zahllosen Zweigen der ausgreifenden Äste grünen und wachsen würden, doch schnell waren sie vergilbt. Beim ersten, noch schwachen Gewittersturm im Frühsommer flatterten sie zu Boden. Mir wurde bewusst, dass mit dem abklingenden Winter der Frühling bei ihr zu wirken versucht hatte, dass jedoch der Spätherbst schon Einzug gehalten und keinen Neubeginn mehr zulassen wollte. Die Erneuerungs- und Wachstumskräfte waren von den Wurzeln bis zu den Spitzen erschöpft, die Zellen ausgelaugt, brüchig und matt. Doch die grosse Platane fiel nicht selber mit Beugen und Brechen, wie Gottfried Keller das Sterben der Eiche geschildert hatte, nein. Modernste Technik kam ihr entgegen.

Frühmorgens war auf einem Lastwagen mit langem Sattelzug ein grosser pinkfarbener Mobilkran angefahren worden, der auf der Wiese vor der Platane abgestellt wurde, hinter diesem ein kleinerer,  grüner Kran mit einer Fassklammer. Der pinkfarbene Mobilkran führte seinen Riesenarm mit einer sich öffnenden Klammer wie eine mächtig zugreifende Hand erst zu den stärksten Ästen, ergriff diese, liess eine Säge vorrücken und führte Ast um Ast hoch aufgerichtet, wie ganze Bäume, in grosser Ruhe der grünen Kranklammer entgegen, die jeden ergriff und entweder in einer offenen Mulde auf dem Lastwagen sorgsam  deponierte oder auf den Boden legte, wo er von einem jungen Mann mit einer Handmotorsäge zerkleinert, anschliessend wieder hochgehoben und in die Mulde gelegt wurde. So ging der Abbau voran,  Ast um Ast, dann von den zwei Baumspitzen her Teil um Teil der zum Himmel ragenden Arme der Platane, dann der breite, mächtige Hauptstamm, aus welchem die zwei Arme auf gleicher Höhe herausgewachsen waren, der jedoch, während er vom Kran festgehalten wurde, mit der Handmotorsäge auf Erdhöhe durchsägt werden musste, in einem auf- und abschwellenden,  fordernden und klagenden, stöhnenden Lied. Es wollte nicht enden. Weisse Holzspäne bedeckten die Wiese wie einen Teppich. Dann wurde der letzte schwere Teil des Baumes, der Unterkörper mit dem verbleibenden Rest der Arme,  langsam dem grünen Kran entgegengetragen und vor diesem auf der Erde abgesetzt, durch den jungen Mann mit der Handsäge in Teile zerkleinert, die von der grünen Klammer wieder gefasst, hochgehoben und in der Mulde deponiert wurden. Darauf war kein Laut mehr zu hören. Am darauf folgenden Morgen sah ich, dass über dem breiten abgesägten Wurzelteil ein Erdhügel lag, wie ein zugedecktes Grab.

„Das Frühjahr ist wie ein Herbst, / ein Abschiednehmen / von allem, was kommt  (. . . ) Keiner ausser dir kennt die kleine Linie, / den Strich auf dem Boden, / den riesigen Strom, / den du nie mehr / überquerst.“[2]

 

[1] William Shakespeare. Sonett 119. In: Hans Günther Hirschberg. Der Rhythmus des Regens. Gedichte und Nachdichtungen aus fremden Sprachen. 1999 Schaffhausen, Verlag Pro Lyrica. Schweizerische lyrische Gesellschaft. S. 193

[2] Hilde Domin (1909 –  2006). Noch gestern. In: Nur eine Rose als Stütze. Gedichte. 1994, Frankfurt am Main, Fischer Taschenbuch Verlag. S. 80-81

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