Wir Menschengewächse, Menschentiere: Werden und Sein – Das Rätsel des eigenen Ich unter dem Aspekt der Evolution – oder: Auf der Spur verborgener Verwandtschaften

Wir Menschengewächse, Menschentiere: Werden und Sein

Das Rätsel des eigenen Ich unter dem Aspekt der Evolution

oder

Auf der Spur verborgener Verwandtschaften

 

  1. Abend

„Im Erdenschoss rückt leise die Alraune

An ihren Wurzeln, engerlingbehangen.

Es taut und bröckelt. Wie in Seherlaune

Sind ihre Augen keimend aufgegangen.

So steht im Amber, schwärzlich eingeronnen,

die zarte Fliege, golden überschildert;

Jahrtausende, an welchen Vorweltsonnen,

ein Bleibendes, vom Untergang gebildet:

So ruhen Sänger in dem Traumgedächtnis

der brachen Zeit und wirken ihren Wandel

durch ihres Todes offenes Vermächtnis,

durch ihrer Adern dunkeln Wasserhandel.“[1]

 

Nicht unter den ersten, doch unter den geheimnisvollsten Pflanzen war die Alraune – Mandragora[2], die „Menschenpflanze“ -, schon in der ägyptischen wie in der griechischen und hebräischen Antike als Heilkraut und Zauberwurzel verehrt, giftig – wenn falsch eingenommen – und hilfreich zugleich, ein Aphrosidiakum und Narkotikum, das bis zum Atemstillstand führen konnte, „menschenähnlich“ in seiner im “Erdenschoss“ tiefgestreckten, vielarmigen Gestalt, fürs Auge verborgen, sichtbar allein in der breit ausholenden, an den Boden verhafteten Rosette der Blätter rings um die langstieligen und glockenförmigen, lilahellen Blüten, schliesslich in den gelbbraunen Früchten, die übel riechen, jedoch essbar sind, ein Nachtschattengewächs, das des Sonnen- und Windschutzes bedarf und auf steinernem Boden im Ödland zwischen Ruinen gedeiht, in den Ländern Nordafrikas, des Nahen Ostens, in allen Mittelmeerländern und auf den Inseln, da wo die Eidechsen sandfarben ruhen und, vom feinsten Schritt erschreckt, vorüberhuschen wie vor Jahrtausenden.

Viel weiter zurück, in undenkbar zurückliegenden Zeiten, begannen aus den sich im brodelnden Erdinnern bildenden Einzellern[3] allmählich die ersten pflanzenähnlichen Organismen sich zu entwickeln, die aus der Erdenergie –  Luft und Wasser, Mineralien und Spurenelementen – und der kosmischen Energie, der Sonnenenergie, mittels Chlorophyll aus dem Anorganischen Organisches bildeten (Zucker, Fett,  Eiweiss, Vitamine) und sich zunehmend in weitere Organismen  entwickelten, in unbeschreibbarer Vielfalt an Farben und Formen, Grössen und Arten, die, wiederum nach Jahrmilliarden, die Gleichzeitigkeit bewahrten und ebenso den Tieren und schliesslich den Menschen das Leben und Überleben ermöglichten – und weiter ermöglichen, in fortgesetzter Abhängigkeit von den Kräften der Erde und des Kosmos, immer im Licht der Sonne, des Mondes und der Sterne.

 

„Der Farben zwölf, kaum gekannt auf Erden, gaben Licht im Dunkeln,

Aufgestellt in der Ordnung der Sterne, als die fünf Sinne

Den erdgebundenen Menschen überfluteten; dann wurden

Die beweglichen Augen zu zwei Fixsternen, alle Dinge in sich bündelnd.

Die immer neu sich wandelnden Spiralbahnen zu den Himmeln der Himmel

Wurden niedergelegt, und der Nüstern goldene Tore schlossen sich,

Kehrten sich nach Aussen, versperrt und versteinert gegen das Unendliche.“[4]

 

Ob William Blake’s mystische Vorstellung des ersten menschlichen Blicks aus der Dunkelheit des pflanzlich-animalischen Überlebens und Unwissens, die er vermutlich um 1790 herum schrieb, beeinflusst wurde von Giambattista Vico’s Scienza Nova[5], die 1730 erstmals erschienen war (auf welche später eingegangen wird), lässt sich nicht belegen. Es ist eine Vermutung, die sich aus Blake’s Sicherheit ableitet, mit welcher er seine Einfühlungskraft in die inneren Bilder, d.h. seine von ältester Erinnerung und von Vorstellungkraft geleitete Intuition, über die Sprachbilder der Dichtung, der Kupferstiche  wie der Malerei zu veröffentlichen wagte. Vico hatte auch in England für Aufsehen gesorgt, empfahl er doch – ein eigenwilliger Vorgänger Rousseau’s -, sich weniger auf die Vernunft und mehr auf die Intuition zu verlassen, nicht nur in Fragen der Erziehung und der gesellschaftlichen Ordnung, sondern auch in den Zusammenhängen von Forschung und Wissenschaft. Damit bot er gegen Descartes’ Zweifel an aller nicht nach strengsten logischen Kriterien bemessenen Erkenntnis, die mit den Regulae[6]  in der wissenschaftlichen Welt zum alleinigen Masstab erklärt wurden, eine entgegengesetzte Möglichkeit von Wissen an, die vom Zweifel an der Alleinrichtigkeit der Logik ausging und die sich auf das Staunen bezog, das durch die Wahrnehmungsvielfalt der Sinnesorgane ausgelöst wird und Erkennen ermöglicht.

Es ist tatsächlich ein Staunen, das beim Bewusstwerden der vielseitigen Gemeinsamkeit der Ursprungsgeschichte mit dem Anblick der Pflanzenwesen einhergeht – der feinsten Gräser und Hälmchen über die Fülle an Duft, an Farben- und Formenpracht der Blumen und Blüten zu den Disteln und Sträuchern bis zu den mächtigen Eichen und Walnussbäumen, den Pinien und Zedern oder den knorrigen Olivenbäumen –, der Gemeinsamkeit mit uns wurzel- und sonnenhungrigen, durstenden Menschengewächsen, die zugleich den Rückblick in die Anfänge des Erdendaseins einschliesst: Mit jeder Pflanze aus der ungreifbaren Diversität organischer Wesen teilen wir den Ursprung. Und aus diesem gleichen Ursprung entwickelte sich dank der unterschiedlichen Aufnahmebereitschaft und Verarbeitungspotenz gegenüber den Angeboten von Erde und Kosmos zu wachsen und sich zu vermehren eine unerfassbare Fülle an Gestaltungskräften, die jede Besonderheit in der Anpassung an Wasser, Fels und Erde, an Wärme und Kälte in den klimatischen Veränderungen sowie jede Weiterentwicklung in mannigfaltigen Erscheinungsformen ermöglichten.

Auf Grund der Ungleichheit der Bedürfnisse und Kräfte ergaben sich wechselseitig fördernde und unterstützende wie auch rivalisierende und schädigende Einflüsse zwischen den pflanzlichen Bewohnern und Bewohnerinnen der Erde, ähnlich und doch wieder anders wie zwischen den Tieren und Menschen, eine Ungleichheit im gegenseitigen Sich-Abgrenzen oder Sich-Zugestehen von Raum oder Boden, von Grundwasser oder Tau, von Licht oder Schatten, auch eine Ungleichheit im Ertragenkönnen der Macht der grossen Elemente, allein schon der Willkür von Wind und Wetter. Ob Pflanzen Gefühle haben, stellt sich mir immer wieder als Frage. Sicher ist, dass sie Aufmerksamkeit registrieren, dass sie vor allem Wohlbefinden und Mangelempfinden, Leiden und Sterben deutlich manifestieren. Die wachsende Lebensfreude ist ebenso erkennbar wie die schwindende, wenn die Kräfte sich zurückziehen und die Farbe erblasst, ja der Glanz allmählich welkt und sich löscht. Was wir mit unserem Blick wahrnehmen, kann den Pflanzen untereinander nicht verborgen bleiben. Rätselhaft bleibt, in welcher Art Sprache sie unter einander kommunizieren.

Wer erinnert sich nicht an La Fontaine’s Fabel von der Eiche und dem Schilfrohr, in welcher sich ein Beispiel der tatsächlichen und zugleich symbolischen Auseinandersetzung mit den naturgegebenen, ungleichen- Lebensbedingungen findet:

 

„Die Eiche sprach eines Tages zum Schilfrohr:

‚Ihr habt wahrlich Grund, die Natur anzuklagen;

Ein Zaunkönig ist für Euch eine schwere Last.

Der geringste Windhauch, der zufällig

Das Antlitz des „Wassers kräuselt

Nötigt Euch, das Haupt zu senken,

indessen meine Stirn, dem Kaukasus gleich,

nicht allein damit zufrieden, die Strahlen der Sonne aufzuhalten,

der Gewalt des Sturmes trotzt. (…)

Die Natur erscheint mir gegen Euch höchst ungerecht!’-

‚Euer Mitgefühl’, antwortete ihr der Strauch,

‚entspringt einem guten Naturell; doch lasst diese Sorge.

Die Winde sind für mich weniger gefährlich als für Euch.

Ich beuge mich und breche nicht. Ihr habt bislang

ihren furchtbaren Schlägen

widerstanden, ohne den Rücken zu krümmen.

Doch warten wir das Ende ab!’ – Als er diese Worte sprach,

eilt vom fernen Horizont voller Wut

das schrecklichste der Kinder herbei,

das der Nordwind je in seinem Schoss getragen.

Der Baum hält stand; das Schilfrohr beugt sich.

Der Wind verdoppelt seine Anstrengungen,

und zwar so sehr, dass er den entwurzelt,

dessen Haupt dem Himmel nahe war

und dessen Füsse bis an das Reich der Toten rührten.“[7]

 

In der griechischen Mythologie findet sich ein Zusammenspiel von Eiche und Schilfrohr in Zusammenhang mit Pan, dessen Mutter die Eichennymphe Dryops und dessen Vater Hermes war und der als Mischwesen mit dem Oberkörper eines Menschen und dem Unterkörper eines Ziegenbocks zugleich Gott des Waldes und der Hirten war. Als Hüter der Herden wurde er zugleich verehrt und gefürchtet. Eines Tages verliebte er sich zutiefst in die Nymphe Syrinx, doch diese wandte sich von ihm ab und floh vor ihm, bis sie an den Fluss Ladon gelangt. Da sie nicht mehr weiter wusste, verwandelte sie sich in ein Schilfrohr, um sich zu schützen. Doch Pan umarmte sie, und als er die klagenden Laute hörte, mochte er diese nicht mehr missen. Er brach das Schilfrohr in sieben sich verkleinernde Teile, die er nebeneinander band und daraus eine Flöte entstehen liess, die alle Windklänge wiedergibt.

Als La Fontaine im 17. Jahrhundert seine Fabel schrieb, waren der pflanzliche Gigant und die zarte Gestalt des Schilfrohrs ohne Zweifel seinen Zeitgenossen in ihrer Abhängigkeit von den überirdischen Kräften und in ihrer Ungleichheit an körperlicher oder gesellschaftlicher Grösse ebenso vertraut wie uns heute. Für Horaz[8], den grossen römischen Denker und Dichter, legt das Beispiel vom Tod des Achilleus[9], dieses starken, eigentlich unbesiegbaren griechischen Helden beim Kampf um Troja, den Vergleich mit dem Fall mächtister Bäume nahe:

 

„Wie eine Fichte, die der Hieb des Eisens trifft,

oder eine Zypresse unter des Südwinds Anprall,

Schlug er breit zu Boden und legte das Haupt

In troïschen Staub.“[10]

 

Der grosse erzählerische Reichtum der Mythen, die sich in den Fabeln und Märchen fortsetzten, war aus der undurchschaubaren, aber spürbaren Verwandtschaft mit den ältesten Erdgeschöpfen entstanden, die Fragen weckte und nach Antwort suchte. Wir werden ihnen ständig begegnen.

Vorerst steht als Ahnung, als Annäherung an Wissen, nur wenig fest: Was im Voranschreiten und in der vielseitigen Diversität der Entwicklung von Pflanzen, Tieren und Menschen zeitlos bleibt, sind die Anfänge, damit die Verwandtschaft in der Erdhaftigkeit, in der herkunftsbedingten Verwurzelung oder der Neu-Einwurzelung, in der Abhängigkeit von Sonnenenergie, von Luft und Wasser, von Mineralien und Spurenelementen, von weiterer Nahrung und von Ruhestunden, um die Verarbeitung der Energie geschehen zu lassen. Zeitlos bleibt auch die Abhängigkeit vom richtigen Platz auf der Erde, entsprechend der Besonderheit jedes Wesens, letztlich die grosse Abhängigkeit aller von einander, der schwächeren Pflanzen von den stärkeren, der schwächeren Tiere von den stärkeren, der schwächeren Menschen von den stärkeren, und ebenso der Pflanzen von den Tieren und den Menschen, der Tiere von den Pflanzen und den Menschen, der Menschen von den Tieren sowie am ursprünglichsten von den Pflanzen, der Kraftquelle und Grundnahrung aller lebendigen Wesen.

Als ich vor 20 Jahren in Island durch eine baumlose Hochebene ging – Anfang Juni, als im Frühlingsübergang zum kurzen Sommer die Winterzeit noch spürbar war -, vorbei an dampfenden Quellen und eiskalten Bächen, umgeben von niedern Vulkanen und von Felsen in metallen schillerndem Rot, Grün und Blau, tiefer unten am Fuss der Berge die graue Weite des Meers bis zum Horizont, da schien mir der Beginn der Erdegeschichte zeitlos nah, als sähe ich als erster Mensch die Moose und Flechten entlang der zu Stein erstarrten Lava wachsen, auch im moorigen Boden die mageren Gräser und Halme sich im steten Wind behutsam wiegen. Lautlos und unberührt kam mir das Hochland vor, kaum ein Busch, magere Vögel mit dünnen Stimmen, mit stelzigen Beinen und hungrigen Augen auf der Suche nach Speise. Beim Gehen lag vor mir unerwartet eine handgrosse Pyramide aus schwarzglänzendem Stein, drei Stunden später eine weitere, die sich später als auseinandergespaltener Teil der ersten erwies, zwei Teile „schwarzen Goldes“ – eines Obsidian[11] -, aus den Unterschichten der Erde hervorgestossenes Magma, das durch die Gleichzeitigkeit von vulkanischer Eruption mit einem Wasserbruch aus den Wolken schnell erkaltet war, in steinzeitlichen Kulturen von grossem Wert, in der Hand ohne Unterschied zwischen Vorzeit, Evolution und heute ein Zeichen jener unlenkbaren Mächte, die einst Götternamen hatten – Hephaistos, Vulcanus und andere mehr -, als physikalische Kräfte wohl erkennbar, doch unlenkbar durch uns Menschen. Jedes organische Leben, vom stärksten bis zum kleinsten, ist dem Erdfeuer und den kosmischen Kräften von Wind und Wasser hilflos ausgeliefert.

Schwarz war auch der Strand am Meer, von den mächtigen Wasserfluten zu Asche zerriebene Lava. Als ich mich im Zwielicht der Frühsommernacht darauf setzte, den ruhenden Ozean vor mir, der ohne Horizont sich mit dem Himmel verband, ein endloser Raum, erschien aus der grauschimmernden Wasserfläche ein menschlich schönes Gesicht. Ruhig blickten mir die grossen Augen entgegen, bevor sie wieder in die Tiefe versanken. Welch magisch geheimnisvolle Begegnung mit segur[12]! Kein Zweifel schien mir zugelassen, ein Stellvertreter für den verstorbenen Vater war aufgetaucht aus dem Hades, so nah, dass der Blick mich berührte, ein stummer Dialog im Dämmerlicht und in der zeitlosen Stille der nördlichen Nacht. Begegnung und Ahnung verschmolzen, dass in der Wachheit zwischen Diesseits und Jenseits die friedvolle Grenzerfahrung geschieht, eine Begegnung am Acheron – ganz anders als Orpheus sie erlebte – , wo Unterwelt und Erdbeginn, Menschenleben und Lebensende sich treffen, mit der Rückkehr in die Lebensgründe, letztlich in die unverlierbare Präsenz der Liebe zwischen Menschen. Zeitlichkeit ist ungleich-gleich und schwindet.

Wieder zurück in der Schweiz, nach der Weite und Stille der Vaterbegegnung im Norden, dieser Erfahrung des Lebensbeginns und der Raum-Zeit-Entgrenzung am Rand der Vulkane, schien es mir schwer, den  Asphalt und Lärm der Stadt zu ertragen, mein Erwachsenenleben inmitten der Zivilisation. Ich  brauchte die Farben und Düfte aus der Fülle des vollen Sommers. Mit spürbarer Dringlichkeit schuf sich die Sehnsucht nach der vor längerer Zeit entschwundenen Mutter Raum, nach ihrer Kenntnis von den Heilwirkungen der Natur – von Ringelblume und Kamille, von Lorbeer und Johanniskraut, von Salbei und Pfefferminz, von Tymian und Arnika. Ich benötigte die andere Rückkehr, jene in ihre Welt der Gärten und Wiesen am Rand der Wälder mit den Lichtschimmern im kühlen Schatten, mit lautlosen, weichen Pfaden und dem Rauschen der Blätter im Wind, den Beeren im Unterholz und den Spuren der Hasen und Rehe, auch die Rückkehr in die wärmende Fülle der Kräuter und Blumen an den Hängen der Hügel und der sanft ansteigenden Berge.

Erinnerungen und Begegnungen hielten sich die Hand, die Massliebchen und Margeriten, die wir in der Kindheit zu Kränzlein flochten, roter Klee, den wir aussaugten wie die Bienen, und Gänseblümchen, Veilchen und Vergissmeinnicht, Löwenzahn und Wiesenschaumkraut. Diese gingen über in Leimkraut und Hauswurz, in Waldmeister und Majoran, in Weissdorn, Brombeer- und  Haselnusssträucher, in Holunder- und Sauerkirschenbäume, immer wieder in Rosen und Kletterreben, allmählich in Anemonen und Glockenblumen, in Habichtskraut und Storchenschnabel, schliesslich in Heidelbeeren und Königskerzen, in Enzian und Alpenrosen, in Stockschwämmchen und Hallimasch in den Laubwäldern, später im Herbst in Preiselbeeren und Hagebutten bis in die roten und goldenen, allmählich erdbraun raschelnden Blätter der herbstlichen Linden und Buchen, Ulmen und Eschen, auch der weit ausladenden Kastanienbäume.

Wie hatten Flechten und Halme, Blumen, Büsche und Bäume gelernt, die Lebensbedingungen der Welt, jene des Bodens und der Wetter, der Tiere und der Menschen zu ertragen? Wer lehrt und unterrichtet sie im Ablauf der Generationen noch heute? Sind es die Sterbenden der eigenen Art? Ist es der Morgen- und Abendwind? Sind es die Bienen, die Schmetterlinge oder die Ameisen? Wagnis und Beharrungsvermögen, Klugheit und Schönheit manifestieren sie, ohne geringste Sicherheit, dass Wunsch oder Klage wahrgenommen werden.

 

„Der Unterwelt so schamlos angeboten

wie Staub und Stein in euren Nymphenschösschen

dem Flügeltier: o Arme, die aus Schoten,

gestriemten Kapseln, löchrigen Gefässen,

den Samen sieben durch des Todes Hände –

Wer gab euch ein, um jene falsche Dauer,

die Sarkophagen eigen ist, zu buhlen,

und ihrem Dach, dem Eierstab der Mauer,

zu folgen als des Orkus[13] Hierodulen[14]:

Verbenen, Wolfsmilch, Gras der Winterwende,

Wer löst euch ab die furchtverkrümmten Zehen

Aus Riss und Ritz der eingestürzten Dinge

Und lehrt euch sanft in stetem Aufwärtsgehen

Die Stufenzahl der blattgefüllten Schwünge,

In denen Form wie Frucht bereits am Ende?“[15]

 

Erinnerung schafft Zeitlosigkeit: Die Wälder mit der Dichte von Farnkraut und Dornen, die in Säulenhallen aus geraden und gekrümmten, ungleich breiten Stämmen übergehen mit dem Dach aus den Kronen der Bäume, sie waren in der Kindheit von märchenhafter Anziehungskraft gewesen, tatsächlich der Wohnort der Nymphen und Hexen, der Kobolde und Zwerge, und ebenso aller kleinen und grossen Tiere, die nicht hinter geschlossenen Zäunen eingesperrt waren oder gar in Ställen angekettet leben mussten. Sie waren der Spielraum der schönsten und geheimnisvollsten Vögel, die zwischen den Ästen und Blättern alle Varationen von Rufen, von Gesprächen, von Streit und Liedern pflegten, morgens und abends miteinander und durcheinander flöteten und trillerten und plötzlich verstummten, wenn die Dunkelheit einbrach. Blau schimmerten Heidelbeeren aus grünen Teppichen, von Ast zu Ast schwang sich ein Eichhorn, an modernden Ästen am Boden  wuchs Frauenschuh. Und erst die höher gelegenen Bergwälder mit dem harzigen Duft der Steineichen und Tannen, der Kiefern und Fichten! Auch die Bäche plätscherten und sprudelten anders in den Wäldern als durch die Felder oder in den Dörfern.

In allen Jahreszeiten und bei jedem Wetter boten die Wälder Schirm und Schutz, ein Ort der Freiheit und des Glücks, sie kamen mir heilig vor. Selbst Schmetterlinge und Ameisen lebten ungestörter und sicherer als überall sonst, liessen sich nicht stören in ihren Wünschen oder Pflichten, sie machten Halt auf dem Haar oder krabbelten über den Fuss. Dass es Kinder gab, die vor Furcht kaum wagten, durch den Wald zu schweifen und auf dem Moos halbwach zu träumen, schien mir unverständlich und doch auch verständlich, waren doch Rotkäppchen und Schneewittchen, Hänsel und Gretel auch Kinder gewesen. Sollte tatsächlich Gefahr bestehen, einem bösen Wolf zu begegnen? Waren Wölfe wirklich böse? Im Winter suchten wir Tannenreisig und fanden Tierspuren im Schnee, feine und tapsige, doch waren diese zu fürchten?

Als ich erwachsen war und mit meinen Kindern die Sommertage in den Wäldern am Rand der Stadt verbrachte, war es da anders oder gleich? Auch wir suchten nach Durchgängen im Unterholz und fanden Mooskissen in kleinen Lichtungen, die wie unberührt schienen. Wenn ein Sonnenstrahl hineindrang, bildete sich goldschimmernd ein feinster Rand um jedes Blatt, und die Spinnweben leuchteten wie versilbert. Aus trockenen Ästen, die im Sturmwind von den Bäumen gebrochen waren, bauten wir kleine Hütten und sammelten Tannenzapfen, Bucheckern und Eicheln, Brombeeren und Haselnüsse. Ein frischer Zweig von einem Busch wurde zur Armbrust gebogen, und die Kinder spielten Jagd, die Pfeile gegen den mächtigen Bären gerichtet, der als Felsbrocken hinter der Lichtung kauerte. Im schmalen Waldtal war dem Bach entlang ein Weg, der nach Sturm und Regen von Baumstämmen versperrt war, die sich vom steilen Abhang gelöst hatten, die Wurzeln in der Luft, mal ein hohes Klettergewirr wie im Urwald, mal eine Brücke übers Wasser. Am gegenüber liegenden Ufer des Bachs fand sich Lehm, den wir nach Hause trugen und kleine Tiere oder Schalen formten. Immer wieder suchten wir den Waldteich auf – im Frühsommer Wohn- und Tummelplatz von Fröschen und Libellen -, und stundenlang gingen wird durch die bunten, raschelnden Blätter, wenn der Herbstwind blies und sie von den Buchen und Eichen flattern liess. Wie nah war in diesen Laubwäldern Gottfried Kellers Lied, das ich von meinem Vater kannte, nicht anders in meiner Kindheit wie in der Kindheit meiner Töchter und Söhne:

 

„Arm in Arm und Kron’ an Krone steht der Eichenwald verschlungen,

Heut hat er bei guter Laune mir sein altes Lied gesungen.

Fern am Rande fing ein junges Bäumchen an sich sacht zu wiegen,

Und dann ging es immer weiter an ein Sausen, an ein Biegen;

Kam es her in mächt’gem Zuge, schwoll es an zu breiten Wogen,

Hoch sich durch die Wipfel wälzend kam die Sturmesflut gezogen.

Und nun sang und pfiff es graulich in den Kronen, in den Lüften,

Und dazwischen knarrt’ und dröhnt’ es unten in den Wurzelgrüften.

Manchmal schwang die höchste Eiche gellend ihren Schaft alleine.

Donnernder erscholl nur immer drauf der Chor der ganzen Haine!

Einer wilden Meersbrandung hat das schöne Spiel geglichen;

Alles Laub war weisslich schimmernd nach Nordosten hingestrichen.

Also streicht die alte Geige Pan der Alte laut und leise,

Unterrichtend seine Wälder in der alten Weltenweise.

In den sieben Tönen schweift er unerschöpflich auf und nieder,

In den sieben alten Tönen, die umfassen alle Lieder.

Und es lauschen still die jungen Dichter und die jungen Finken,

Kauernd in den dunkeln Büschen sie die Melodien trinken.“[16]

 

Undurchdringliche Wälder müssen ganz Europa und Vorderasien überdeckt haben, bevor die ersten Dörfer und später die ersten Städte gebaut wurden, allmählich Strassen und Brücken. So wie Giambattista Vico das Leben der frühesten menschlichen Waldbewohner schildert – der „Giganten“, wie er sie nennt -, war es ein tierähnliches und zugleich menschliches Leben und naturnahes Überleben im Dunkeln, in welchem kaum andere Bedürfnisse und Bestrebungen wirkten ausser Nahrung und Vermehrung. Erst als die Fähigkeit wach wurde, die Bäume zu fällen und in der Lichtung  – im „lucus“[17] – das Licht des Himmels zu erblicken, sei es möglich geworden, wie Vico annimmt, die Macht des Göttlichen zu ahnen und zu verehren. Gleichzeitig sei die Erkenntnis bewusst geworden, dass Zeugen und Gebären nicht genügten, sondern dass für die Fortdauer von Leben ein Zusammenhalt nötig war, der sich von Generation zu Generation fortsetzte. So sei das Familiensystem – „matrimonium“ – geschaffen worden, d.h. Ehe und Verpflichtung in der wechselseitigen Verantwortung für die Kinder, die Grosskinder sowie für die Ahnen, allmählich ein Wissen um Herkunft und Abstammung gemäss dem Stammbaum, analog zu den wachsenden Kreisen im Innern jedes Baums, mit denen Lebensalter  und Wert gemessen werden. Doch alles Wissen beruhte auf Erfahrung und Erzählung; der schriftlichen Dokumentation bedurfte es nicht.

Mit dem zunehmenden Bewusstsein der Eigenverantwortung und damit der grösseren Freiheit in der Gestaltung des Lebens verband sich auch die Beerdigung der Toten mit dem sichtbaren Zeichen ihres Grabes. Da wo die Toten beerdigt waren, da war das eigene Land, das den über Generationen wachsenden Lebenskreis belegte und das zunehmend als Eigentum erklärt, gepflegt und verteidigt wurde. Die Pflege – „cura“ und „cultura“ – des Bodens und damit des Wohnsitzes ermöglichte eine andere Form des Weiterlebens als das Herumschweifen und die Jagd, grenzte ein und grenzte gleichzeitig aus, je nachdem, wer zum Eigentum als zugehörig oder als fremd betrachtet wurde.

Ausführlich findet sich bei Robert Pogue Harrison[18] die Auseinandersetzung mit Vico’s These, dass es die Wälder gewesen seien, die Rohheit bewirkt hätten, und dass die menschliche Zivilisation erst ihren Anfang finden konnte, als die Wälder für den Blick zum Himmel gerodet und dadurch geöffnet wurden. Tatsächlich konnten die Vögel fortan in ihrem Flug beobachtet werden, Donner und Blitz kündigten sich durch die Ansammlung der Wolken an. Nichts mehr, was geschah, war sinnlos oder zufällig: das Göttliche tat sich durch die Erweiterung des Blicks als die tragende Kraft der Natur und der Himmelskörper kund und alles Leben, auch jede menschliche Erfahrung geschah gemäss dem göttlichen Willen. Gemäss Vico fand das Schicksal der Menschen Sinn innerhalb des mit dem „lucus“ heller und weiter gewordenen Weltganzen, das ermöglichte, dass die drei „universellen Grundlagen“ zustande kamen: Religion, Ehe und Familie sowie die Bestattung der Toten.

Durch diesen Wechsel in eine zum Himmel hin erweiterte Struktur des menschlichen Daseins, in welchem Geborenwerden, Überleben und Sterben in der wechselseitigen Vernetzung der früheren und der je aktuellen gegenüber der späteren Generation erkannt wurden, entwickelte sich das Empfinden des Früher und Später, des Jetzt und des Noch-nicht, das Empfinden der Zeit und der Zeitlichkeit, das sich allmählich zu einem System der Ordnung – der Mathematik, der Metaphysik und der Astrologie – verfeinerte und erweiterte, auch der räumlichen Umsetzung dieser Ordnung in Geometrie und in Architektur sowie in staatliche Gesetze. Doch gemäss Vico geschah nichts „in dieser Entwicklung aus dem Leben in den Wäldern zu jenem in Hütten, dann in Dörfern, in den Städten und schliesslich in den Akademien“[19], das ausserhalb der grossen Machtverteilung der Götter gewesen wäre, nicht die kosmischen und nicht die staatlichen Gesetze, nicht die Zeitordnung der Menschen und nicht deren kriegerischen Entwicklungen, ebenso wenig deren handwerklichen und künstlerischen Fähigkeiten oder deren Möglichkeiten des Erkennens und Denkens. Doch obwohl Vico die Weiterentwicklung unter der Herrschaft des christlichen Gottes als von „ewiger Dauer“ bezeichnete, schilderte er die menschliche Entwicklung als verhängnisvoll. „Menschen empfanden als erstes die Notwendigkeit, dann achteten sie auf die Nützlichkeit, anschliessend bemühten sie sich um Behaglichkeit, doch später beschäftigten sie sich nur noch mit Vergnügen, das in Schwelgerei ausartete, bis sie schliesslich verrückt wurden und ihre ganze Substanz verwüsteten.“[20]

Vicos Untersuchung, in der es vor allem um die Gründungsgeschichte, den Aufbau und den Zerfall des römischen Reiches ging, durch welche die Entwicklung der Menschheit verdeutlicht werden konnte, legte nahe, dass durch „sinnlose Bürgerkriege, wachsende Vereinsamung der Menschen untereinander und zunehmende Barbarei“ die „Umkehrung der Städte in Wälder und der Wälder in Höhlen und Gruben, in Lager für den menschlichen Viehstand“ bewirkt wurde, wobei „diese Menschentiere durch die Barbarei des Denkens viel unmenschlicher wurden als die ursprünglichen Menschen es auf Grund der Notwendigkeit waren.“[21]. Von den drei grossen Institutionen sei letztlich nur jene der Bestattung der Toten unangefochten geblieben.

War die Vorstellungskraft von Vico, mit welcher er die menschliche Entwicklung aus der mit den Tieren geteilten Wälder-Periode in eine kreative Periode aufsteigen und schliesslich in eine destruktive absinken sah, nicht zugleich eine vorausschauende Warnung, ohne dass er die Steigerung der Destruktivität in die Masslosigkeit ahnen konnte? – Masslosigkeit in der Destruktivität von Natur und Leben, von Menschenleben, von Tieren und von jeder Art von Gewächsen, von Unterholz und Büschen, von Kräutern und Blumen, von Bergwäldern und von Regenwäldern, von Luft und Meeren. Gerade das Ausmass an Vernichtung der Regenwälder, die durch die bedenkenlose Habgier der reichen, nördlichen Industrieländer in den armen Regionen der Welt geschieht, weckt nicht nur Trauer und Wut, nein viel mehr: sie weckt grösstes Entsetzen ob dem täglich fortgesetzten Massaker, das als Teil der Markdiktatur fortgesetzt wird. „Wenn wir diese Wälder verlieren, verlieren wir das Grundgerüst unserer Geschichte, unser Erbe als lebendige Wesen, die Teil eines Ganzen sind. (…) Wir sollten uns vor Augen halten, dass jede ökologische Katastrophe in der Menschheitsgeschichte den sozialen und wirtschaftlichen Zusammenbruch nach sich zog.“[22]

Mit der Bedenkenlosigkeit der menschlichen Fortschrittsgeschichte geht auch der kulturelle Zusammenbruch einher. Ist im vergangenen Jahrhundert, d.h. in jüngster Zeit, nicht auch die letzte noch verbliebene Institution, die Respekt vor dem Wert von Leben wenigstens vorgab – die Beerdigung der Toten und die Ehrfurcht vor ihrem Grab – vernichtet worden? Wir werden später – in Zusammenhang von Charles Darwin’s Erkenntnissen – näher darauf eingehen[23].

Möglicherweise auf Grund des Erschreckens wurden Wälder in kleinen Bereichen wieder heilige Räume, zum Teil wurden sie als undurchdringliche Wildnis auch wieder geschützt. Doch es sind nur kleine Bereiche. Emmanuelle Grundmann weist zum Beispiel auf eine winzige Atlantikinsel vor der Küste von Mauretanien hin, „Makaronesien, das letzte Überbleibsel jenes Waldes, der einst ganz Europa bedeckte, bevor die letzte Eiszeit kam. Moose, Flechten, Farne – alles dort leuchtet in Smaragd-, Jade- oder Seladongrün. Ein geheimnisvoller Dunstschleier hüllt den Wald gleichsam in ein weisses Tuch. Die verkrüppelten, gekrümmten und durchlöcherten Tillorbeerbäume, die hier wachsen, spiegeln die ganze Geschichte dieser Welt über dem Meeresspiegel wider. Im morgendlichen Nebel versinkt mein Fuss in den weichen, mit Veilchenblättern bestickten Mooskissen. Die Zeit scheint stehen geblieben zu sein.“[24] – Ein Staunen wecken auch die undurchdringlichen Mischwälder der Toscana, die an den zugespitzten Bergketten wie grüne Schutzmauern am Rand der Maremma aufsteigen, ebenso am nördlichen Rand der Halbinsel die wellenartig steil emporstrebenden Steineichenwälder von Populonia, wo im sachten Gehen auf den von Wurzeln durchzogenen Pfaden die in den Tuffstein gegrabenen etruskischen Gräber zu finden sind, die, von Moos und Farn geschmückt und von dürren Ästen geschützt,  spürbar werden lassen, dass Ehrfurcht vor den Toten Jahrtausende überdauern kann.

Und noch viel weiter zurück finden sich in Äthiopien, wo seit 1994 alle wichtigen archäologischen Funde gemacht wurden, die Anfänge menschlichen Lebens in Wäldern und in Gräbern. Millionen Jahre alte „Hominiden“[25]-Skelette wurden ausgegraben, jüngst jenes weibliche Skelett mit dem Namen Ardi, über welches Anfang Oktober 2009 in der Presse[26] berichtet wurde? Erstaunlich ist, wie sehr Harrisons Stellungnahme zu Vicos Thesen damit eine Bestätigung findet. Ardis Gehirn war klein wie bei einem Schimpasen, die Schädelbasis jedoch schon menschenartig. Auch Hände, Füsse und Becken waren das eine wie das andere, so dass ein flinkes Klettern wie ein aufrechtes Gehen möglich waren. Durch die Struktur von Unter- und Oberkiefer wie durch die Art der Zähne lässt sich schliessen, dass diese Menschentiere friedlich lebten, dass ihre Nahrung in Nüssen und Früchten, Insekten und kleineren Tieren bestand. Auch ermöglicht die in der gleichen Erdschicht gefundenen Fossilien von Bäumen, Pflanzen und Tieren zu belegen, dass der Lebensraum, der zum aufrechten Gehen führte, nicht die Savanne war, wie lange angenommen wurde, sondern dass es grosse Waldgebiete waren mit kleineren, grasüberwachsenen Hainen.

Dass Ahnung und Vorstellungskraft, Mythologien und Forschungsergebnisse in einer Zeitdifferenz von Aberhunderten von Jahren eine Annäherung, ja beinah eine Übereinstimmung finden, weckt die Sehnsucht, mehr zu wissen und den Fächer mit den Ursprüngen der geheimen menschlichen Verwandtschaften weiter zu öffnen.

 

[1] Elisabeth Langgässer. Gedichte. Claassen Verlag, Hamburg 1959. S. 218

[2] eventuell aus dem persischen „mardum giya“ – Menschenpflanze; findet sich sowohl im Papyrus Ebers, das vermutlich noch vor dem 16. Jhd. v. Chr. als Sammlung von Krankheitserklärungen und Heilmöglichkeiten geschrieben wurde (zeitlich erklärbar wegen des Hinweises auf den erstmals mit Sonnenaufgang festgestellten Planeten Sirius). Gemäss Josephus Flavius (mit hebräischem Namen Joseph ben Mathitjar ha Kohen, Verfasser  der Geschichte des jüdischen Kriegs zwischen 75-79 n. Chr., anschliessend 20 Bde. Antiquitates Judaicae, zuletzt noch Das hohe Alter des jüdischen Volkes und seine eigene Vita; starb vermutlich um 100 n.Chr. in Rom) kam die Alraune – als “dudaim“ bezeichnet – auch im Alten Testament vor. Ebenso wird Mandragora (gr. „mandra“ – Hürde; „agora“ – Marktplatz, Versammlungsort, Versammlung – „ageirein“ – versammeln) als Heilmittel auch vom Begründer der griechischen Medizinkunde Hippokrates erwähnt (ca. 460 v. Chr. geb. auf der Insel Kos als Nachkomme des Gottes Asklepios, dem Gott der Heilkunde, der vermutlich den als Gott verehrten ägyptischen Gelehrten und Arzt Imhotop aus der Zeit ca. 2700 v. Chr. darstellte).

[3] cf. Gottfried Schatz (geb. 1936, schweizerisch-österreichischer Biochemiker). Der kleine, warme Tümpel. NZZ Nr. 178, 05.08.2009,  S.37

[4] William Blake (1757-1827). Zwischen Feuer und Feuer. Poetische Werke – Zweisprachige Ausgabe. Aus dem Englischen neu übersetzt von Thomas Eichhorn. Deutscher Taschenbuch Verlag 1996. Europa, S. 321 (Variation der Übersetzung durch maw).

[5] Giambattista Vico (1668-1744). Scienza Nova (1730).  Neueste Publikation in deutscher Sprache: Die neue Wissenschaft und die gemeinschaftliche Natur der Völker. Übersetzt von Erich Auerbach. Verlag de Gruyter, Berlin / New York 2000.

[6] René Descartes resp. Renatus Cartesius (1596-1650). Regulae ad directionem ingenii (erstmals 1701 erschienen) / Regeln zur Ausrichtung der Erkenntniskraft. Lateinisch-deutsche Ausgabe, kritisch revidiert, übersetzt und herausgegeben von Heinrich Springmeyer, Lüder Gäbe und Hans Günther Zekl. Felix Meiner Verlag, Hamburg 1973

[7] Jean de la Fontaine (1617-1695). Fables / Fabeln. Französisch-Deutsch. Übersetzt von Jürgen Grimm. Philipp Reclam Jun. Verlag, Stuttgart 1987, S. 39-41

[8] Quintus Horatius Flaccus (65 v. Chr. – 8 v. Chr.), dessen Weisheit das Zeitalter des Augustus geprägt hat (ein Beispiel findet sich im „Sapere aude!“ – Wage zu wissen!)

[9] Achilleus, Sohn des Peleus (bei Homer in der Ilias als „ der Peleide“ bezeichnet) , des Königs von Phthia in Thessalien, der aus Versehen den Kentauren Eurythion getötet hatte und deswegen nach Iolkos floh, wo er mit Jason und Argonauten wegfuhr, sowie der göttlichen Thetis, einer Meeresnymphe (resp.einer Nereide, Tochter des Meergottes Nereus und Enkelin der Titanin Tethys), die sich, als Peleus sich ihrer während des Schlafs zu bemächtigen suchte, in Feuer und in Wasser, dann in eine Löwin und in eine Schlange, schliesslich in einen Tintenfisch verwandelte, ohne dass Peleus von ihr liess. Als sie Achilleus zur Welt brachte, tauchte sie ihn in den Styx ein (analog dem Acharon), damit er unverletzbar und damit unsterblich würde, doch an der einen Ferse, wo sie ihn hielt, blieb er verletzbar, so dass der tödliche Pfeil ihn dort traf.

[10] Walter F. Otto. Die Götter Griechenlands. 6. Auflage. Verlag G. Schule-Bulmke, Frankfurt a.M. 1970, S. 276.

[11] genannt nach Obsius, einem Römer, der erstmals das „schwarze Glas“ aus Äthiopien nach Rom brachte.  Scharfkantig, wie es war, wurde es in der Steinzeit für Werkzeuge und Speere benutzt, später auch zu Schalen oder zu Spiegeln geschliffen.

[12] isländisch „segur“ – Seehund

[13] resp. orcus: in der römische Mythologie Unterwelt, auch Gott der Unterwelt

[14] Hierodulen waren in der griechischen Antike „heilige Diener“, d.h. Priester oder Priesterinnen, die in Tempeln oder Heiligtümern  – so in Delphi, Eleusis, Korinth, Dodona, Komana Pontica (einige Kilometer oberhalb von Tokat in der heutigen Türkei) etc. – den Göttern und Göttinnen dienten.

[15] Elisabeth Langgässer. Gedichte. Claassen Verlag, Hamburg 1959, S. 126

[16] Gottfried Keller (1819 – 1890). Ausgewählte Gedichte. Stiftung Gottfried Keller-Zentrum, Glattfelden 1990, Waldlied I,  S. 57. (Erstmals erschienen Gottfried Kellers „Gedichte“ im Verlag C.F.Winter, Heidelberg 1846)

[17] lat. „lucus“ – Lichtung, heiliger Hain; Wald  (abgeleitet vom Verb „luceo, luxi, luctum, lucere – leuchten; „lucet“ – es ist Tag; „lux“-das Licht)

[18] Robert Pogue Harrison. Forests. The Shadow of Civilization. The University of Chicago Press 1992

[19] Harrison 1992, S. 11 (Vico § 239)

[20] Harrison 1992, S. 11 (Vico § 242)

[21] Harrison 1992, S. 12-13 (Vico § 1106)

[22] Emmanuelle Grundmann. Wälder, die wir töten. Über Waldvernichtung, Klimaveränderung und menschlichen Unvernunft. Vorwort von Jane Goodall. Riemann Verlag, München 2007, S. 29-30 (Französische Originalausgabe: Ces forêts qu’on assassine. Calmann-Lévy, paris 2007. Ins Deutsche übersetzt von Elisabeth Liebl).

[23] Interessanterweise findet sich gerade in dieser Zeit des industriellen „Fortschritts“ ein anderer, positiver Bezug auf die Wälder, auf deren Schönheit und deren Bedeutung für die Menschen in der der Schilderung der „äusseren Gestalt Amerikas“ durch Alexis de Tocqueville im ersten Band seines zweibändigen Werks Über die Demokratie in Amerika von 1835

[24] Emmanuelle Grundmann. 2007, S. 30. – Dieser Wald wurde zum UNESCO-Welterbe erklärt und so gerettet.

[25] Das jüngst gefundene menschliche  Skelett hat ein Alter von 4,4 Millionen Jahren. Es wird der Art Ardipithecus ramidus zugeteilt und ist über eine Million Jahre älter als die vielfach besprochene Lucy der Art Australopithecus afarensis.

[26] u.a.  NZZ, Freitag 2. Oktober 2009, Nr. 228, S. 24

 

 

  1. Abend

 

„In Gestalt eines Ebers

stampft dein Traum durch die Wälder am Rande des Abends.

Blitzendweiss

wie das Eis, aus dem er hervorbrach,

sind seine Hauer.

Eine bittere Nuss

Wühlt er hervor unterm Laub,

das sein Schatten den Bäumen entriss,

eine Nuss,

schwarz wie das Herz, das dein Fuss vor sich herstiess,

als du selber hier schrittest.

Er spiesst sie auf

Und erfüllt das Gehölz mit grunzendem Schicksal,

dann treibts ihn

hinunter zur Küste,

dorthin, wo das Meer

seiner Feste finsterstes gibt

auf den Klippen:

vielleicht

dass deine Frucht wie die seine

das feiernde Auge entzückt,

das solche Steine geweint hat.“[1]

 

Ein Eber? Paul Celan? In Verszeilen festgehaltene Traumbilder, die der Dichter aus Czernowitz, der ursprünglich Paul Antschel[2] hiess, mit 35 Jahren in Paris seiner Frau Gisèle Lestrange[3] widmete, dunkler Gesang wehrloser Männlichkeit mit der unter dem Laub der Wäldergeschichte aufgespiessten Eichel, schicksalhaft unterwegs durch das Gehölz zu den klippenversteinerten Tränen am Rand des Ursprungs allen Lebens, das mit dem Meer die Erde umspannt, im Geist jedoch die Hoffnung, dass die gemeinsame Frucht, das Kind, dem Auge nicht Weinen, sondern Entzücken biete? Gisèle Celan brachte im selben Jahr, als das Gedicht entstand, den gemeinsamen Sohn Eric zur Welt, das zweite Kind, nachdem François, der Erstgeborene, bald nach der Geburt gestorben war. Eric war 15 Jahre alt, als sein Vater sich vom Pont Mirabeau[4] in die Seine stürzte und sich selber den Tod holte, erschöpft vom Leben.

 

Nah verwandt seit Urzeiten sind Eber[5], Wald und Mensch, Geburt und Tod, Männlichkeit und Weiblichkeit. Sind es Vorzeiterinnerungen, die sich in Traumbildern offenbaren wie bei jenem von Paul Celan, Traumbilder von Zeugen und Gebären, von Werden und Sein wie sie aus der Eiseskälte und brennenden Hitze von einst in den Erdschichten und Gezeiten erhalten blieben? Gleichzeitigkeit wird im Jetzt des Erwachens von Dasein und Ichsein unbewusst spürbar, im Suchen nach Worten für das, was das innere Auge der Seele in den nächtlichen Zeitreisen der Träume so nah erlebt wie das sehende Auge.

Ein Eber? Es sind einige Jahre her – es war im Frühherbst auf der Rückkehr von einer Reise nach Deutschland -, dass ich auf der Landstrasse Richtung Zürich fuhr und kurz vor Mitternacht auf einer langen Geraden zwischen Feldern und Wäldern bemerkte, dass vor mir die wenigen Autos, die noch unterwegs waren, ins Stocken gerieten, anhielten, allmählich schrittweise vorrückten, dass aber von der anderen Seite her kein einziger Wagen mehr entgegenfuhr. Mit gelöschten Lichtern standen mehrere hinter dem vordersten, dem die Weiterfahrt versperrt war. Hingestreckt auf der Strasse lag ein mächtiger Eber, tot, die Beine übereinandergelegt, den schweren Kopf in Richtung der Wiesen, majestätisch. Vermutlich war er in Eile gewesen – als „Bräutigam“[6] oder als Chef seines Clans – vom Wald am Hang über die Strasse zum Wald in der Ebene, als er, geblendet durch das Scheinwerferlicht, mit einem Wagen zusammenprallte, im Sprung mit der Stirn gegen die gläserne Härte, und der Herzschlag hielt an.

Mir schien, dass in der nächtlichen Strasse Erschrecken und Scham, Trauer und Ehrfurcht spürbar waren, gleich wie beim Tod eines Menschen. Verursacht durch das unaufmerksame Auge eines anderen Menschen und gleichzeitig durch die Macht der Technik wird sekundenschnell ein Lebewesen zertrümmert, ein Kind unterwegs am Rand der Strasse, eine Frau, ein Mann, ein Igel, ein Eichhörnchen oder eine Maus, eine Kette von Ameisen oder von Fröschen, eine Elster beim Aufpicken von Futter, ein kleines Reh, ein Hase oder ein Wiesel, eine Katze, ein Hund, Chamsin, das erste Windspiel meiner Kinder. Nun war es ein Eber. Langsam fuhr ich durch die Nacht in Richtung der Stadt, in Gedanken beim getöteten Tier und erinnerte mich, wie ich selber im Sommer nach dem Krieg angefahren worden war und nicht das Leben verlor, nur während Stunden oder länger das Wachsein und während Monaten das Gehen, letztlich die Kindheit, wie ich damals monatelang in gleicher Stellung liegen musste und dachte, dass der Krieg mit den aus der Heimat verjagten Menschen und den vielen Toten, die durch Bomben und Panzer, durch Gewehre, Gift und Gas durch andere Menschen getötet worden waren, dass all dies doch vorbei sei – das Kriegsende war gefeiert worden mit lautem Glockengeläute -, doch einmal mehr wusste ich, dass auch auf der Strasse Gefahr lauerte, Gefahr von Seiten der Mächtigeren gegen die Schwächeren.

War dies nicht von Alters her so? Es gibt ein Märchen aus dem Schwarzen Amerika, in welchem berichtet wird, wie die Tiere aus den Wäldern an Gott gelangen, um über die „Menschentiere“ zu klagen[7], eine ausführliche Geschichte, die ich zum Teil wörtlich wiedergebe, zum Teil zusammenfasse:

„Lange Zeit nach der Erschaffung der Erde waren die Tiere die einzigen Lebewesen. Sie schwammen in den Flüssen, sie kletterten auf die Gebirge, sie flogen durch die Luft und lebten ihr Leben. Sie lernten einander zu fürchten und sich als Freunde zu begrüssen, sie erfuhren Glück und Unglück während der verschiedenen Jahreszeiten und Jahre, und jeder Tag floss aus dem vorangegangenen in den gegenwärtigen und von diesem in den Tag, der da kommt.“

Eines Morgens tauchte ein anderes Lebewesen auf, ein seltsames Tier, das auf zwei Beinen ging. Ein Pfeil schwirrte durch die Luft und tötete ein Reh. Die Tiere konnten sich nicht einig werden, wie sie mit ihm umgehen sollten. Der Elefant meinte: ‚Dieses Tier hält sich an keine der Regeln. Es scheint, dass es keines der Tiere mag.’ Das Kaninchen sollte mit ihm sprechen und ihm die Regeln der Tiere erklären, doch kaum war es in seiner Nähe, wurde es gepackt und war in grösster Gefahr, wäre nicht der Falke als Wächter hernieder gesaust und hätte das Kaninchen befreit.

Die Tiere beschlossen, sich an Gott zu wenden: „Während wir hier mit Ihnen reden, Gott, tötet dieses Menschentier dort unten alles, was ihm in die Hände fällt. Das ist die Wahrheit. Sie wissen, wie wir die Dinge unter uns geregelt haben. Das Reh weiss, dass es dem Löwen nicht zu nahe kommen darf. Das Erdhörnchen nimmt sich vor der Schlange in Acht, und der Fisch geht dem Bären aus dem Weg. Es ist alles gut eingerichtet und abgesprochen. Aber plötzlich kommt dieses Menschentier.“ Gott versprach den Tieren, er wolle das regeln.

„Aber es kam nichts in Ordnung. Mehr und mehr Menschen tauchten in dem Wald auf. (…) Bald hatten die Menschen den ganzen Wald niedergelegt, und die Tiere mussten in einen anderen Wald umziehen. Aber auch der wurde von den Menschen gefällt, und wieder machten sich die Tiere auf die Wanderschaft.

Überall dort, wo Tiere lebten, kamen die Menschen hin. Sie flogen mit Flugzeugen durch die Luft, und der Falke bedauerte, dass er das Menschentier nicht getötet hatte, als sich ihm eine Gelegenheit dazu bot. Die Menschen setzten Boote aufs Wasser und Unterseeboote in die Meere. Sie bauten Strassen, auch mitten durchs Gebirge, und sie versenkten Rohre in den Boden, und die Erdhörnchen und ihre Verwandten mussten sich aus dem Staub machen. Die Menschen bauten Städte an den Ufern der Flüsse. Sie gossen giftige Flüssigkeit in die Flüsse, und viele Fische starben. Rauch stieg auf, kein Vogel konnte mehr in den Städten leben. Die Menschen besprühten Pflanzen mit Gift, und viele Tiere starben, weil es keine Pflanzen mehr gab, die sie essen konnten.

Die Tiere hielten eine Versammlung ab, an der alle teilnahmen, und der Bär schlug vor, den Menschentieren den Krieg zu erklären. Aber keines der Tiere konnte sich vorstellen, wo man dazu Gewehre, Panzer und Flugzeuge hernehmen sollte. Schliesslich meldete sich die Eule, die klügste unter den Tieren: ‚Wir müssen versuchen, selber Menschentiere zu werden. Das ist die einzige Möglichkeit, um so mächtig zu werden, wie sie es sind.’ Die anderen Tiere stimmten zu, und es wurde eine Delegation gebildet, um darüber mit Gott zu reden.

„’Gott, wir wollen Menschentiere werden’, sagte das Kaninchen’. ‚Was wollt ihr?’ – ‚Menschentiere werden. (…) Wir haben sonst keine Möglichkeit zu überleben.’“

Eigentlich war Gott dagegen, die Menschentiere hatten sich nicht so entwickelt, wie er es erwartet hatte, es stand schlecht. Doch er gestand den Tieren die Möglichkeit zu und bot ihnen an, dass er mitten im Wald einen grossen Topf mit besonderem Öl zur Verfügung stellen werde, in welchem sie sich von Federn, Schuppen und Pelz frei waschen könnten. Die Tiere waren ausser sich vor Begeisterung und überboten sich an Lärm, um deutlich zu machen, was jeder an Macht und an Reichtum anstrebte.

Darüber erschrak Gott, und er liess einen Blitz in den Wald fahren, wo das Öl zur Wandlung in Menschentiere bereit stand, so dass der grosse Topf zerbrach und das Öl in die Erde einsickerte. Nur dem Gorilla, dem Schimpansen und dem Orang-Utang gelang es, sich noch Gesicht, Hände und Füsse mit den letzten Tropfen zu säubern, so dass sie den Menschentieren am ähnlichsten wurden.

Unzählige Märchen und Fabeln liegen vor, in denen sich Tiere in Menschen verwandeln oder Menschen in Tiere. Die Nähe der einen zu den anderen ist so unbestritten wie jene zu den Wäldern mit den Bäumen, Büschen und Blumen, zu den Rosen voller Dornen und dem Schilfrohr im Wasser. Jedes Märchen ist eine im Volksmund erhalten gebliebene und über Jahrhunderte weiter erzählte „Mär“, die den Wunsch, das Unergründbare zu erklären, von Generation zu Generation weiter vermittelte, wobei die Erzählweise je nach Bedürfnis und Zeit erweitert und ergänzt wurde. Irgendwann wurden einzelne Erzählungen schriftlich festgehalten, als Erbe früherer Zeit für die nachfolgenden Kinder, die selber Erwachsene wurden und Kindern weiter berichteten, was ein früheres Wissen war. Das „Schwarze Amerika“ ist ein Beispiel, wie selbst Versklavung, Deportation und Entwürdigung das Zeugnis einer in der ursprünglichen Heimat zurückgelassenen Kultur nicht erdrücken konnten, wohl aber deren Inhalt gemäss den Zeitbedingungen erweiterten. So kam die Technik der Waffen und der Weltbeherrschung mitten hinein in die Entstehungs- und Erbschaftsgeschichte des Lebens, die unabschliessbar ist, ob im damaligen Amerika oder in den heutigen Kontinenten der Erde.

Bei Dichterinnen und Dichtern finden sich in der Verdichtung von Denkprozessen, von emotionalen Verschichtungen und Traumerinnerungen Sprachbilder, die auf persönliche, unaustauschbare Weise oft eine Erzählung fortsetzen, die alten Ursprungs ist.

 

„ … Auch wir hinterlassen

unser Einsamstes den Neugeburten –

Einer dreht sich um

und sieht in die Wüste –

die Halluzination öffnet

die Wand der Sonnenwildnis

wo ein Ahnenpaar

die Sprache des enthüllten Staubes spricht

muschelfern unterm Siegel -…[8]

 

Was ist das „muschelferne“ Siegel, das Nelly Sachs meint? – welches Siegel, das vor Milliarden Jahren geprägt wurde? War es jenes des Erschreckens und der Angst, jenes der Trauer? Oder jenes der Hoffnung? Möglicherweise ist es noch eine viel ältere Prägung, die dem Menschen geblieben ist und die ihn kennzeichnet?

Der Erzählung über die Menschentiere geht eine andere voraus, in welcher sich mit der Schöpfungsgeschichte die Frage verbindet, wie und warum die Menschen als Schwarze und als Weisse entstanden[9]. Für die von weissen Eroberern gefangen genommenen und von skrupellosen Händlern verkauften Menschen bedurfte die Ungleichheit einer Erklärung, die  ein weiser Mensch – vielleicht eine Grossmutter oder ein Kind – bieten konnte und die von Generation zu Generation weiter erzählt wurde, bis das, was über das Erzählen Trost und Hoffnung gab, von Anderen „Märchen“ genannt wurde.

Es wurde erzählt, dass die ersten Menschen – Adam und Eva – erdfarben waren, braun und schwarz, wie auch ihre ersten Kinder, darunter die Söhne Kain und Abel. Kain sei böse gewesen, streitsüchtig, rücksichtslos, gewinnsüchtig und eifersüchtig. Was dazu führte, dass er so böse wurde, wird nicht geschildert. Eines Tages, bei einem Streit auf dem Acker um die Wassermelone, die Abel von seiner Mutter erhalten habe und die er mit Kain nicht teilen wollte, habe dieser in der Wut seinen Bruder getötet. Als daraufhin der Herr (hier heisst er nicht Gott) sich von hinten Kain näherte und ihn fragte, wo sein Bruder sei, habe Kain grossspurig geantwortet, dass er nicht seines Bruders Hüter sei; er habe ihn nicht in die Tasche gesteckt. Als der Herr nochmals fragte, wo der Bruder sei, habe Kain sich umgewandt und sei er vor Schrecken erblasst, sein Haar sei glatt geworden und sein Gesicht, ja sein ganzer Körper bleich und weiss – wie Schnee.

So schildert die Erzählung, dass das „Siegel“, unter welchem für Nelly Sachs „die Sprache des enthüllten Staubes“ liegt, bei den Menschen die Bedürftigkeit[10] umklammert, mit der Bedürftigkeit das Bedürfnis geliebt und gehalten zu werden, zugleich die Angst, in der „Wüste“, die sich vor dem „umherirrenden“[11] Blick öffnet, im Durst nach Liebe versengt zu werden und dem Nächsten, der darüber verfügt, sie nicht zu gönnen. In der  Erzählung aus dem Schwarzen Amerika findet sich zudem – in Fortsetzung des biblischen Bruderneids – die Urtrauer über die Urschuld, die auf der Umkehrung von Liebe in Hass beruht, auf der Umsetzung von Eifersucht in Gewalt gegenüber dem Nächststehenden, damit im Verlust von Vertrauen gegenüber sich selber wie gegenüber den Anderen, eine älteste Darstellung jener Angst, dem Blick des „Herrn“ nicht zu genügen, der Angst vor Strafe und vor Rache, der Angst vor dem Kräftekampf zwischen „Gut“ und „Böse“ im eigenen Ich und in jenem des Nächsten.

Deutlich wird, dass im Schwarzen Amerika durch diese Darstellung der Argwohn und die Beherrschungswillkür durch die hellhäutigen „Brüder“ gegenüber den dunkelhäutigen zu erklären gesucht wurde, als Fortsetzung ältester Geschichte, die nicht durch Gegengewalt gelöst und verändert werden konnte[12], sondern durch Verstehen und durch Verzicht auf die Fortsetzung von Gewalt. Findet sich hier nicht vorgezeichnet, was Martin Luther King und mit ihm Hunderttausende von Frauen und Männern im vergangenen Jahrhundert endlich umzusetzen versuchten?

Lässt sich davon ableiten, dass die Tragik der menschlichen Geschichte durch Verstehen lösbar wäre? Ermöglicht Verstehen ein Verzeihen, diese Lösungsmöglichkeit angesichts fortgesetzter Kriege und Schuld, wozu Jesus von Nazareth aufgerufen hatte sowie in Anlehnung an Jesus im Lauf der Jahrhunderte auch viele weitere Frauen und Männer, die der steten, sich steigernden Wiederholung von Gewalt und Leiden Einhalt bieten wollten, selbst wenn die Begründung nicht im Namen des Glaubens, sondern auf Grund einer kreativen Vernunft geschah wie zum Beispiel durch Simone Weil[13] in Frankreich, durch Etty Hillesum[14] in Holland oder durch Hannah Arendt in den USA nach dem Zweiten Weltkrieg, die in Vita activa deutlich festhielt, dass durch das Verzeihen nicht das Unrecht aus der Geschichte getilgt werden kann, dass jedoch Unrecht nicht durch Rache, d.h. durch weiteres Unrecht fortgesetzt werden solle, sondern dass dem Menschen, der Unrecht tat, ein Neubeginn des Zusammenlebens mit den anderen Menschen zugestanden werden könne: „Ausschlaggebend ist, dass in der Verzeihung zwar eine Schuld vergeben wird, diese Schuld aber sozusagen nicht im Mittelpunkt der Handlung steht; in ihrem Mittelpunkt steht der Schuldige selbst, um dessentwillen der Verzeihende vergibt. Das Vergeben bezieht sich nur auf die Person und niemals auf die Sache, und es kann daher auch objektiv ungerecht sein (…). Denn wenn ein Unrecht verziehen wird, so wird demjenigen verziehen, der es begangen hat, was natürlich nicht das Geringste daran ändert, dass das Unrecht unrecht war. Sofern die Redensart ‚Alles verstehen, heisst alles verzeihen’ überhaupt einen Sinn haben soll, so bezieht sich das Verstehen (…) nicht auf das Getane, sondern auf die Person, die getan hat.“ [15]

Seit den Anfängen menschlichen Zusammenlebens war letztlich jede Art von Misstrauen, von Überheblichkeit und Unterwerfungsbedürfnis, damit von Macht und Gewalt gegenüber Anderen verknüpft mit Angst vor dem Verlust des eigenen Wertes und Besitzanspruchs, in Wiederholung des schmerzhaft irritierenden Mangels in der Erfüllung des Durstes nach Beachtung und Liebe, sowie in der Folge im zehrenden Leiden von Neid und Eifersucht, von Schuld und von Rache. Noch heute wiederholt sich, was in den Anfängen des  Menschenverhaltens war, das, gemäss der Erzählung über die Klage der Tiere vor Gott, mit dem „aufrechten Gang“ und der Entwicklung von Werkzeugen oder Waffen einsetzte, mit der fehlenden Beachtung eines erdnahen Regelverhaltens, wie die alte Herkunftsgeschichte es ermöglicht hätte, vielleicht mit der überheblichen Loslösung aus dieser „Verwandtschaft“, die auch in den Wäldern und in den Gewässern durch die menschliche Jagd nach Beherrschung zu einem grossen Teil zersetzt wurde, zum Teil zurückblieb mit Sehnsucht und Schmerz.

Trotz allem wiederholt sich unter dem „Siegel“ im Verborgenen die Weitergabe frühester Erbschaft an jedes neugeborene Kind, die darauf harrt, geöffnet und angstfrei entziffert zu werden. Das Kind bedeutet Hoffnung. Ist nicht von zentraler Bedeutung, die Erbschaft Pandoras, wie sie durch die griechische Mythologie geschaffen wurde, anders denn als Verhängnis zu deuten? Wir werden darauf eingehen.

Auf jeden Fall sind Verstehen und Verzeihen die dem Menschen gegebene Möglichkeit, der Fortsetzung von Gewalt Einhalt zu geben. Sie beruht auf der doppelten Besonderheit, die den Menschen prägt: auf jener des Denkens, dieses „probeweisen Handelns mit kleinen Energiemengen“[16], wie Sigmund Freud schrieb, und auf jener der  Freiheit, d.h. der Wahlmöglichkeit im Entscheiden und Handeln. Dass allmählich sich Grammatik und Schrift entwickelten – in der sumerischen Kultur im ehemaligen Mesopotamine schon ca. 3’500 v. Chr., in Griechenland etwa ab dem 8. Jahrhunderter v. Chr. –, das war nach der Entdeckung des Feuers und der ersten Werkzeuge, des Steins und der Metalle, der Benutzung der Natur für den Städtebau und für den Bau der Strassen die umwälzende Besonderheit des Menschseins.

Doch was war die Bedeutung der Schrift? War es eine gute?

Die Schrift ermöglichte in einer kleinen Zeichensprache die Vermittlung von Erfahrungen, Ereignissen und Wissen, von Namen, Orten und Besitz über die grossen Zeiträume der Menschengeschichte bis heute. Was vorher und gleichzeitig auf Grund von Überlebensbedürfnissen, in der Durchmischung von Erfahrung und Erwägung, von Emotionen und Kraft, von Ängsten und Begehren (Gier, Neugier, Habgier), von Überlegungen, Berechnungen und Handlungsmöglichkeiten sich in der Entwicklung einzelner Menschen sowie auf kollektiven Ebenen umsetzte, konnte/kann uns dadurch in einzelnen Fragmenten annähernd bekannt werden. Beruht auf der Schaffung und dem Ausbau der Schriftzeichen die massgebliche Differenz in der Weiterentwicklung der Menschen im Vergleich mit jener der Pflanzen und Tiere? Beruht hierauf, was „Fortschritt“ genannt wird, sowohl in der konstruktiven wie in der destruktiven Macht, die bis ins Masslose anwuchs?

Wie nah trotz „Fortschritt“ die Verwandtschaft, ja sogar die Nähe und Ähnlichkeit in zahlreichen anderen Bereichen als jenen des Tuns bleibt, das wurde durch die Überheblichkeit des Verstandes, durch die unablässig  gesteigerten Möglichkeiten des Herstellens sowie durch die bedenkenlose Unterwerfung, Beherrschung und Ausnutzung der Erde mit der ganzen Pflanzen- und Tierwelt wie erstickt. Doch es gibt Bereiche, in denen sie lebendig bleibt und darauf wartet, nicht untergehen zu müssen. Es ist in erster Linie jene der sinnenmässigen Wahrnehmung der kosmischen Kräfte des Lichts, der Winde, der Feuchtigkeit, der Kälte und der Wärme; ebenso jene der wechselseitigen Abhängigkeit von einander für Nahrung und Entfaltung, für Raum und Zeit, entsprechend der gleichen Bedürfnisse nach Sicherheit, nach Freundschaft und nach Nähe, ein grosser Fächer an Bedürfnissen unter dem Namen Liebe; auch jene der Verpflichtung gegenüber den schutzlosen Neugeborenen und den heranwachsenden, lern- und wissenshungrigen Nachkommen. Ohne Zweifel bleibt unauflösbar zwischen allen Lebewesen eine Verwandschaft in den Empfindungen, die das Leben mitbestimmen, in jenen  von Wohlbefinden und Vertrauen oder von Abwehr und Angst, von Trauer und Traurigkeit oder von Aufbegehren und Rebellion, und ebenso in der vielschichtigen Kommunikation unter einander durch den Blick, durch Variationen von Lauten, Klang und Bewegung, sowohl zwischen Menschen und Menschen wie zwischen Menschen und Pflanzen und Tieren.

Wer nicht in Abstraktionen und Kälte versteinert, kann den feinen und starken Lebenspuls in jedem kleinsten Segment des erdumfassenden Beziehungsnetzes erleben. Gedichte und Melodien, Mythen und Märchen tragen ihn weiter, und zunehmend werden auch einzelne Gebiete der Wissenschaft dadurch tangiert und zu neuer Sorgfalt verpflichtet.

 

[1] Paul Celan (23.11.1920 – 20.04.1970). In Gestalt eines Ebers. Aus der Sammlung: Von Schwelle zu Schwelle (1955),

in: Gesammelte Werke. Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 1983. Erster Band, S. 98

[2] Der Familienname Antschel war mit Ancel rumänisiert worden, voraus Celan als Anagramm entstand.

[3] Gisèle Celan-de Lestrange, von ihrer Herkunft her katholisch und aristokratisch, eine bedeutende Künstlerin, insbesondere

Grafikerin, blieb ihrem Mann auch nah verbunden, als bei ihm schwere paranoïde Belastungen überhandnahmen. Nachdem

er sie eines Nachts zu erstechen versuchte, war das gemeinsame Wohnen nicht mehr möglich war, ohne dass eine

offizielle Trennung erfolgte. Immer wieder holte sie ihn aus den Psychiatrien heraus und setzte sich für alles ein,

was für ihn lebenswichtig und wohltuend war, bis die schweren Verfolgungsängste und seine Erschöpfung  in ihm

überhand nahmen. Den Abtransport seiner Eltern 1942 in ein Konzentrationslager in Transnistrien, wo sein Vater

an Typhus starb und seine Mutter erschossen wurde, er nie verarbeiten.

  1. Paul Celan – Gisèle Celan-Lestrange. Bd.I: Briefwechsel. Mit einer Auswahl von Briefen Paul Celans an seinen

Sohn Eric. Bd. II: Kommentar. Aus dem Französischen übersetzt von Eugen Helmlé. Suhrkamp Verlag,

Frankfurt a. M. 2001 (ursprünglich Edition du Seuil, Paris 2001). cf. auch Briefwechsel Paul Celan – Klaus und Nani Demus. Briefwechsel. Mit einer Auswahl aus dem Briefwechsel zwischen Gisèle Celan-Lestrange und Klaus und Nani Demus.

Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 2009

[4] Der Pont Mirabeau, der das 15. mit dem 16. Arrondissement verbindet (Rue de la Convention mit der Place Mirabeau),

ehrt mit dem Namen den bedeutenden Denker der Französischen Revolution, der zugleich das Königtum erneuern und

für das Volk, den Dritten Stand, den er vertrat, auf gewaltfreie Weise das verfassungsrechtliche Mitspracherecht

erreichen wollte: Honoré Gabriel Victor Riquetti, Comte de Mirabeau, geb. am 19.03.1749 in Südfrankreich und gest.

eines natürlichen Todes am 02.04.1791.

[5] Auch in der griechischen Mythologie erscheint der Eber als gewaltiges Tier, dem allein Herakles, der Sohn von Zeus

und Alkmene, gewachsen ist, der ihn im Berggebiet Arkadiens gefangen nimmt und lebendig nach Mykene trägt.

[6] Es gibt ein Märchen aus dem Banat „Der Eber als Bräutigam“, von ähnlichem Inhalt wie „Der Froschkönig“ (in:

Der König der Raben. Zaubermärchen aus elf Ländern. Hrsg. von Josef  Guter. Fischer Taschenbuch Verlag,

Frankfurt a. M. 1984, S. 75 ff), wobei unklar ist, aus welchem Gebiet des Banat, das so gross wie Belgien ist und

Zwischen den Flüssen Marosch (im Norden), Theiss (im Westen) und Donau (im Süden) sowie den Karpaten im Osten liegt,

ursprünglich zu Ungarn gehörte und nach dem Ersten Weltkrieg im Vertrag zu Versailles zwischen Rumänien

(zwei Drittel, Hauptstadt Temisoara / Temesvar), Serbien (Vojvodina) und Ungarn aufgeteilt wurde.

[7] Frederik Hetmann. Märchen des Schwarzen Afrika. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt a. M. 1974, S. 28 ff

[8] Nelly Sachs, Späte Gedichte. Suhrkamp Verlag, Frankurt a.M. 1961,  S. 179. –  Nelly Sachs, ursprünglich

Leonie Sachs, geboren am 10. Dezember 1891 in Berlin, gestorben in Stockholm am 12. Mai 1970. An ihrem

Sterbetag wurde Paul Celan in Paris beigesetzt (auf dem Friedhof Thiais), der ihr nahestehende, um dreissig Jahre

jüngere Freund, dessen Leichnam am 1. Mai 1970 bei Courbevoie aus der Seine geborgen warden konnte.

[9] Hetmann 1974, S. 20

[10] Bei den Griechen wurde, nach der Erzählweise von Sokrates in Platons Dialog Symposion, die Bedürftigkeit durch Penia, die Mutter von Eros, dargestellt, dessen Vater Poros war, der Wegefinder.

[11] Halluzination, abgeleitet vom lat. Verb „halucinari“ (alucinari) –  ins Blaue reden, faseln, abgeleitet vom gr. Adjektiv

„alyein“ – verwirrt, ausser sich sowie vom gr. Verb „alasthai“ – umherirren

[12] wozu u.a. Frantz Fanon aufgerufen hatte, cf. Frantz Fanon. Die Verdammten dieser Erde. Vorwort von

Jean-Paul Sartre. Suhrkamp Verlag, Frankfurt a.M. 1966. Übersetzt aus dem Französischen von Traugott König.

(Les damnés de la terre. François Maspero Editeur, Paris 1961)

[13] Simone Weil. Enracinement. Hg. Albert Camus. Edition Gallimard 1949

[14] Etty Hillesum. Het verstoorde Leven. Dagbook van Etty Hillesum 1941-1943, Verlag De Haan, Haarlem 1981. – Deutsch: Etty Hillesum. Das denkende Herz. Übersetzt aus dem Niederländischen von Maria Csollany. Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg 1985.

[15] Hannah Arendt. The Human Condition. University of Chicago Press 1958. In deutscher Sprache:

Vita activa. R. Piper & Co. Verlag, München 1967, S. 235-238

[16] Sigmund Freud. Neue Folge der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse (1933 / 1932).

In: Studienausgabe, Fischer Verlag, Frankfurt a.M. 1969, S. 524

 

  1. Abend: Erster Teil

 

„O der Befruchter wie viele

Im Himmel und über der Erde –

Sieh das Getümmel!

Glaubst du, es werde

Stehen die steinerne Mühle?

Glaubst du, es werde am Rocken

Der Norne[1] das Liebesgarn schütter,

oder im Horne

Demeters[2] bitter

Einmal das Fliessende stocken?

Brausen die bräunlichen Bienen

Denn leiser am quellenden Grunde?

Wurden wir weiser,

Stunde um Stunde,

da wir uns ihrer bedienen?

Höre den Wind im Gewölbe

Und wolle nach andrem nicht fragen,

Schwärmer und Polle

Wird er verschlagen – –

Und er ist immer derselbe!“[3]

 

Welche der drei Nornen Elisabeth Langgässer meint, erläutert sie nicht, es bleibt offen. Vermutlich spricht sie von Verdandi, die für das Werdende im Augenblick des Jetzt verantwortlich ist, oder von Skuld, die das Werdensollende der Zukunft steuert. Wohl kaum ist es Urd, die mit dem Gewordenen der Vergangenheit vernetzt ist. Zusammen leben alle drei Nornen an den Wurzeln der Esche Yggdrasil und spinnen die Faden der Zeit.

Für Elisabeth Langgässer boten die Mythen[4], insbesondere die griechischen und römischen, doch ebenso die nordischen über die alt-isländische Völuspá[5], die zeitlosen, sprachlichen Bilder ihrer eigenen hautnahen Erfahrung von Entstehen und Wachsen, Gefährdetsein und Sichklammern,Verwelken und Vergehen. Kräuter, Gräser und Blumen waren ihr ebenso wenig fremd wie die kleinsten Insekten oder wie die Fische, Hunde und Löwen. Ihre eigene Geschichte versetzte sie mitten hinein in die undurchschaubare Tatsache von Geborenwerden und Überleben, von stetem „Dennoch“, wie sie irgendwo festhielt und durch ihr Schreiben bekundete, zum Teil das wortgespinnstische Überdecken oder Ausfüllen des kaum tragbaren Abstransports ihrer erstgeborenen Tochter Cordelia nach Theresienstadt und nach Auschwitz, von deren Überleben sie Jahre nach dem Krieg erst wusste[6]. War ihr der Laubmann am  nächsten, dieses Menschengesicht aus Blütenteilen, Früchten und Blättern“[7], das ihr Gedichte zu schreiben ermöglichte, von denen „jedes mit dem Tanzschritt eines Gottes anfängt, und ich weiss am Anfang nie, wohin ich geführt werde. Nur wer mich entführt – das weiss ich“[8]? War es vielleicht auf besondere Weise die Rose? – „nicht die Rose schlechthin, sondern die gefüllte, die edle Rose, bei der alle Staubblätter, Pollenkörner, Staubgefässe in Blütenblätter verwandelt sind. Sie ist – dem Zwang des Weiterzeugens und Fruchttragens entzogen – reines Dasein geworden, Hauch, Duft, Logos“[9]. Oder diente dazu Proserpina[10], in deren Namen sie 1932/33 in einer Erzählung ihre Kindheit und Jugend festhielt, mit dem sie auch die Geschichte Cordelias verkleidete, oder Daphne, eine der Töchter Gaias, mit deren Bild sie eines ihrer letzten Gedichte schrieb, mit sich selber in Ruhe wie die Nymphe, die, von Apollon liebestoll verfolgt, sich in den Lorbeerbaum verwandelte? Es geht um die Wegfindung nach dem Anfang des Erdenlebens bis hin zum Abschluss des eigenen Daseins.

 

„Du siehst, wo sich der Waldhang weitet,

die Espe zitternd niederwehn,

dem Brand des Himmels hingebreitet,

von Gras und Habichtskraut begleitet,

die ähnlich in den Winter gehen.

Doch auch das Dunkel einer Mauer,

wenn sie am Saum der Städte lebt,

berührt oft ihrer Krone Schauer,

an dem du dieser Zeiten Trauer

ermissest, da sie grundlos bebt.

Sie wurzelt mühsam im Gerölle,

das sie verfolgt, indem es hält –

und vor Begrenzung, Mass und Kelle

flieht Daphne in das Laubgefälle

und steht am Rande unserer Welt.“[11]

 

Mythen – „was nirgends geschah und immer war“, wie im Vorwort zu Elisabeth Langgässers Gedichtband der Bezug zu Walter F. Otto, dem bedeutenden Mythenforscher, hergestellt wird -, die vor Tausenden von Jahren schon erzählten und zu ungleichen Zeiten erstmals im Osten, im Mittelmeergebiet, im Norden,  irgendwo schriftlich festgehaltenen, jedoch viel weiter zurückreichenden Überlieferungen sind die ältesten Quellen von Ahnung und Wissen über die Art und Weise, wie Menschen das Unerklärbare von Leben und Tod, von Licht und Dunkelheit zu deuten versuchten, wie sie ihr Erdendasein in den Wäldern und im Wasser, auf felsigen und sandigen Böden verstanden, das sie mit den Pflanzen und Tieren teilten, mit den gleichen Bedürfnissen nach Nahrung, Wasser und Schutz: in einer steten Abhängigkeit von der Urmutter Erde – in der griechischen Mythologie Gaia, „der Götter ältesten, der ewig unerschöpflichen Erde“[12] und später Demeter, des Kronos und der Rhea Tochter, der Schwester und Geliebten von Zeus, der weisen Verantwortlichen für die Fruchtbarkeit im Meer und auf der Erde. Aus der Abhängigkeit von Mutter Erde wuchsen Verehrung und Verpflichtung ihren Geboten gegenüber, im vorgeschichtlichen Griechenland zugleich Religion und Ordnung des Zusammenlebens. Homers[13] und Hesiods[14] Werke geben aufs deutlichste zu verstehen, wie erdnah und menschennah die Präsenz des Göttlichen in der ältesten Epoche der griechischen Kultur war, doch auch wie allmählich die Macht von Erkennen und von Begehren, d.h. die Schöpfungs- und Zerstörungskraft von Denken und triebgelenkter Gewalt die Theogonie auf den Olymp hob und zugleich aufs engste mit dem menschlichen Entscheiden und Handeln im Erdendasein vernetzt liess. Das Göttliche wurde in Griechenland nicht in die transzendente Sphäre des rein Geistigen abgehoben, wie dies in den monotheistischen, zeitweise ägyptischen, bleibend hebräischen und später in den christlichen, jedoch auch in den persischen und indischen Glaubenszusammenhängen mit deren mythologischen Darstellungen und geschichtlichen Entwicklungen geschah. „Es hat nie einen Glauben gegeben, für den das Wunder, das heisst die Durchbrechung der Naturordnung, eine so geringe Rolle unter den göttlichen Offenbarungen gespielt hätte wie für den altgriechischen. (…) Und doch vollzieht sich kein Vorgang, ohne dass das Bild der Gottheit, die dahinter steht, sichtbar würde. Aber in dieser unerhörten Nähe des Göttlichen verläuft alles auf natürliche Weise.“[15]

Alles Werden und Sein – das Pflanzliche, das Animalische und das Menschliche – blieb in der griechischen Welterklärung zugleich erdhaft und göttlich, wenngleich mit Parmenides[16] gegen Ende des 6. Jahrhunderts v. Chr. ein Schritt vom vielfältigen Erkenntniszusammenhang der naturnahen Erfahrung, die der Bewegung und den Veränderungen ausgesetzt ist, weg ins rein Geistige geschah, ein Schritt, der nicht mehr rückgängig gemacht werden konnte und der in die Abgehobenheit des Wahrheitsanspruchs des logischen, abstrakten Denkens führte, das in die Virtualität von Wissen und in deren beherrschende Macht mündete, unter welcher Mensch und Natur zu technisch manipulierbaren Objekten globaler Gewinnrechnungen wurden.[17] Darüber später mehr.

Gehen wir nochmals in die Anfänge der menschlichen Geschichte zurück, zu einem Bereich, der wichtige religions- und gesellschaftsgeschichtliche Aspekte beinhaltet: Das grösste Geheinmis, das in den frühen Kulturen der Jungsteinzeit (Neolithicum)[18] und der Bronzezeit[19] mit der Macht der „Grossen Göttin“ einherging, war die Mutterschaft, das Gebären, das neue Leben, das Leben überhaupt, das wieder in den Mutterschoss zurücksinkt. Leben und Tod waren untrennbar mit der göttlichen Erde und dem von ihr abhängigen Erdendasein alles Lebendigen verbunden, und die Erde selber – die Ebenen mit den Wäldern, mit den steilen Gebirgen, mit Flüssen, Seen und Meeren – war verbunden mit dem Licht von Mond und Sonne, mit dem Funkeln der Sterne und dem Tau der Nacht, mit Wind und Regen. Die Erklärungsmöglichkeiten waren für die Menschen begrenzt. Allmächtig und somit göttlich war die Natur selber. „Die Götter hatten tierhafte Erscheinungsformen, ihr Sein war mit Bäumen, Pflanzen, Gewässern, mit Erde und Erdformationen, mit Wind und Wolken aufs innigste verbunden. Sie wohnten nicht im Himmel wie die Olympischen Götter, sondern auf und in der Erde.“[20] Nicht der männlichen Zeugungskraft, sondern der Tatsache des Lebens, das aus dem Leben hervorgeht, der Mütterlichkeit, kam während Jahrtausenden der höchste Rang an Verehrung zu.

Als 1861 Johann Jakob Bachofen durch die Erforschung dieser ursprünglichen Einheitlichkeit und Stärke der dem Mütterlichen zugewandten Religiosität sein Buch über „Das Mutterrecht“[21] publizierte, erregte er grosses Aufsehen, sowohl Staunen und Begeisterung wie Abwehr und – zum grossen Teil unbegründetete – Infragestellung der wissenschaftlichen Genauigkeit, ging es doch um eine Infragestellung der patriarchalen Macht, die erst mit dem Vordringen der wandernden patriarchalen Stämme aus dem Osten und Nordosten in die ursprünglich matriarchal und erdnah geprägten europäischen Kulturen rings ums Mittelmeer begann und später mit der Ausbreitung der Schrift, des wachsenden Wahrheitsanspruchs des abstrakten Denkens sowie der aus dem Judentum gewachsenen monotheistischen, ins Geistige transzendierten und zugleich ausschliesslich die Männlichkeit in deren Ritualisierung, Lehre und Gottähnlichkeit beachtenden christlichen Religionen auch die hierarchisch patriarchalen Gesellschafts- und Herrschaftssysteme in ganz Europa schuf. Dass auch in der christlichen Kultur Maria die göttliche Muttergestalt blieb, macht die Verwandtschaft mit den älteren Kulturen deutlich.

Auf den ursprünglichen Vorrang der matriarchalen Göttlichkeit nicht nur im griechischen Festland und auf den Inseln des Mittelmeers, sondern ebenso im vorrömischen Italien wie in den isländischen und irischen, walisischen und skandinavischen Religionen verweist auch Robert von Ranke-Graves[22]. Das religiöse System sei in diesen Kulturen auffallend ähnlich gewesen, insbesondere in der Verehrung der Mondgöttin sowie von deren Töchtern und Söhnen. „Das vorgeschichtliche Europa kannte keine männlichen Götter. Die ‚Grosse Göttin’ allein wurde als unsterblich, unveränderlich und allmächtig betrachtet; der Begriff Vaterschaft war nich nicht in die religiöse Gedankenwelt aufgenommen worden. (…) Die Menschen fürchteten die Stammesmutter, beteten sie an und gehorchten ihr; der Herd, den sie in einer Hütte oder einer Höhle hütete, war das Zentrum frühesten gesellschaftlichen Lebens. (…) Zunehmender Mond, Vollmond und abnehmender Mond erinnern an die drei Lebensabschnitte der ‚Matriarchin’: Mädchen, Nymphe[23] (mannbare Frau) und Altes Weib. Da der Jahreslauf der Sonne in ähnlicher Weise an den Anstieg und Abfall ihrer Kräfte erinnert – Frühling das Mädchen, Sommer die Nymphe und Winter das Alte Weib – wurde die Göttin mit den jahreszeitlich bedingten Veränderungen im Tier- und Pflanzenreich identifiziert. Später konnte sie noch als eine andere Triade erkannt werden: das Mädchen der oberen Luft, die Nymphe der Erde sowie des Meeres und das Alte Weib der Unterwelt, verkörpert in Selene, Aphrodite und Hekate. Diese mystischen Analogien führten zur Heiligkeit der Zahl drei. (…) Wer sie verehrte, vergass niemals ganz, dass es nicht drei Göttinnen gab, sondern eine. Auf dem arkadischen Stymphalos[24], einem der wenigen erhaltenen Altäre aus dem klassischen Zeitalter Griechenlands, tragen sie alle den gleichen Namen: Hera.“[25]

Nun, das Mütterliche, überhaupt das Weibliche „nimmt in dieser erdgebundenen Religion die erste Stelle ein“, verdeutlicht Walter F. Otto, „doch das Männliche fehlt nicht, ist aber dem Weiblichen untergeordnet“[26]. Auch Gaia, die Erdmutter, wurde von Uranos, dem feuchtigkeitsspendenden Nachthimmel, zugleich ihrem Sohn und Gatten, nach jedem Sonnenuntergang von neuem liebevoll umfasst und umarmt. Unter den verschiedenen griechischen Schöpfungsmythen, auf welche Ranke gesondert eingeht – den pelasgischen, den homerischen und orphischen, die sich annähernd decken, den olympischen, ferner den zwei philosophischen, von denen der eine auf Hesiod beruht, der andere erst von Ovid mit den Metamorphosen in Verbindung mit dem babylonischen Gilgamesch überliefert wurde -, unter diesen Mythen nahm allerdings bald der olympische, in stärkerem Mass patriarchale Mythos den Vorrang ein. Ein klares Beispiel findet sich in der Entstehungsgeschichte der Göttin Athene, die – zwar Kind der Göttin Metis, die für Rat und Sinn zuständig war und die als Schwangere von Zeus, der sie begattet hatte, verschlungen worden war – als „Tochter des gewaltigen Vaters“ aus Zeus’ Haupt geboren wurde, wie Homer erzählt, resp. selber dem Scheitel ihres Vaters entsprang, wie Hesiod in der Theogonie ausführlicher schildert.

In den göttlichen Zeiträumen resp. in der Zeitlosigkeit des Göttlichen, die in den menschlichen Zeitabläufen, in welchen die Mythen entstanden, mit Namen und schöpferischen Heldentaten angefüllt wurden, war Hera  – aus der Dynastie der Titanen, Enkelin von Gaia und von Uranos sowie Tochter von Rhea und von Kronos – zugleich Schwester wie Ehefrau von Zeus, auch Schwester von Demeter, die zur Muttergöttin der Tiergeschöpfe wie des ganzen Pflanzen- und Erntebereichs erklärt wurde, ferner Schwester von Hestia, der Göttin des Herdes, wie von Hades, dem Gott der Unterwelt, ebenso von Poseidon, dem Gott der Quellen, der Flüsse und des Meeres, der gemäss einem alten arkadischen Mythos Demeter, die als Stute erschien, in Rossgestalt befruchtete. Gemäss Hesiod soll sich Poseidon auch mit Medusa, der „Waltenden“ – auch sie eine der Erdgöttinnen – gepaart haben, aus welcher nach deren Enthauptung durch Perseus die zwei Söhne Chrysaor, „der mit dem Goldschwert“, sowie Pegasos, das „Blitzross“, entsprungen seien.

Die Erwähnung von Heras Bruder Poseidon und dessen Liebesaffaire mit Medusa sowie jene der Enthauptung Medusas durch Perseus, dem Sohn der Danaë und des Zeus, führen mitten hinein in den weit verzweigten Mythos um die mütterliche Göttlichkeit des Mondes wie in die menschlich-göttlichen Turbulenzen der zugleich olympischen und irdischen Begierden, Beziehungsgeschichten und deren vielfältigen Folgen. Die Geschichte Danaës ist dafür ein packendes Beispiel. Ich fasse sie zusammen, indem ich verschiedene Erzählweisen verbinde:

Danaë war von ihrem Vater Akrisios, dem König von Argos, in ein bronzenes Gefängnis eingesperrt worden, das er von bissigen Hunden bewachen liess, nachdem er vom Orakel erfahren hatte, ein Sohn seiner Tocher werde ihn töten. Tatsächlich hatte sich der Göttervater Zeus in Danaë verliebt. Um sie in ihrem Gefängnis zu erreichen, verwandelte er  sich in einen Goldregen und ergoss sich so über sie. Auf diese Weise wurde Perseus gezeugt. Doch mit der Geburt von Perseus stand Akrisios erst recht vor dem Problem der Weissagung, vor welcher er sich hatte schützen wollen. Er setzt Danaë und ihr Kind in einem Weidenkörbchen aufs Meer aus. Zeus, der in seiner Göttlichkeit davon Kenntnis hatte, verhindert mit der Hilfe seines Bruders Poseidon, dass Mutter und Kind Schaden nehmen. Sie werden auf der Insel Seriphos an Land gespült und von Diktys, einem Fischer und Hirten, aufgenommen. Dieser – und wenig später Perseus selber – schützten Danaë auch vor den Übergriffen von Diktys’ Bruder, dem König Polydektes. Um Perseus loszuwerden, verlangte Polydektes von ihm, dass er ihm das Haupt von Medusa bringe. Doch Perseus erstarrte bei diesem Auftrag nicht zu Stein, wie Polydektes erhofft hatte, sondern kehrte mit deren Haupt erfolgreich zurück. Es war Polydektes, der versteinerte, als er Medusa erblickte. Diktys aber wurde von Perseus zum Herrscher über die Insel erklärt.

Deutlich lässt sich erkennen, wie nah die Kulturen rings ums Mittelmeer ineinander und miteinander vernetzt waren. Im Mythos des Goldregens, den Danaë empfängt[27], findet sich ein archaisches Bild der Vereinigung des männlichen Sonnengottes Atum aus der ägyptischen Mythologie wie jener des griechischen Helios, einem Sohn der Titanen Hyperion[28] und Theia[29], die selber Kinder von Gaia und Uranos waren[30], mit der weiblichen Mondgöttin Selene, einer der zwei Schwestern[31] von Helios. Zeugungskraft und Gebärfähigkeit waren in den Anfängen menschlicher Kultur unerklärbar göttlich, bis die geschlechtliche Bedürftigkeit, Begierde und Lust als Teil des Naturhaften erklärbar wurde und die Übertragung vom Göttlichen ins Menschliche geschah.

Die mythologischen Verwandtschaften gehen noch weiter. Danaë in ihrem mehrfachen Verschwinden und Wiederauferstehen wird zur Nachfolgerin Selenes, der Göttin des Mondes, deren Zyklus sie widerspiegelt. Im Weidenkorb ausgesetzt zu sein, über das Meer gerettet zu werden, all dies enthält Parallelen zum ägyptischen Mythos von Isis und Horus, aber auch zur biblischen Mosesgeschichte. Jungfräulich bringt sie ihr Kind zur Welt und steht somit nah der jungfräulichen Mutterschaft Marias, beide durch die Verbindung des menschlich Mütterlichen im Erwarten, Gebären und Aufziehen eines Kindes, dessen Vaterschaft von geheimnisvoller Göttlichkeit bleibt.

Wie untrennbar auch in der Olympischen Mythologie die Tiergeschöpfe von den Göttinnen und Göttern in Menschengestalt blieben, weisen zahllose Beispiele nach[32]. Zu den erschütternsten und grausamsten gehört die Geschichte von Zagreus, einem weiteren Sohn des höchsten Göttervaters. Auch diese Geschichte fasse ich zusammen:

In Gestalt einer Schlange hatte Zeus seine Tochter (oder Nichte) Persephone in einer Höhle aufgesucht und sie geschwängert. Dem Kind Zagreus sollte wegen Zeus’ grosser Liebe zu Persephone das göttliche Erbe zugesprochen werden. Es war diese Gleichstellung von Zagreus mit ihren eigenen Kindern, worüber Hera in ihrer Eifersucht masslos zornig wurde und schwor, sich seiner zu entledigen. Zeus bemühte sich, seinen Sohn in einer Höhle durch die Kureten, die neun mächtigen Dämonen, bewachen zu lassen, die ihn selber als Kind vor der Wut seines Vaters Kronos geschützt hatten, doch Hera gelang es trotzdem, Zagreus’ Aufenthalt ausfindig zu machen. Sie überredete ihre Titanengehilfen, dass sie den Knaben verlocken sollten, die Höhle zu verlassen: zuerst indem sie ihm Äpfel anboten, damit er sich in eine Frau verwandeln könnte, dann indem sie ihm in Aussicht stellten, dass er alle Tierlaute verstehe würde, schliesslich indem sie ihm einen Spiegel vorhielten. Erst durch dieses dritte Angebot wurde Zagreus betört. Indem er sich selber erblickte, vergass er die Gefahr. Obwohl er sich noch in einen Löwen sowie in einen Stier verwandelte, wurde er von den Titanen zerstückelt, in einem Kessel gebraten und verzehrt[33]. Zeus wurde darüber so sehr erbost, dass er die Titanen mit seinen Blitzen in Staub verglühen liess, der mit den Resten des verschlungenen Zagreus in die Urmutter Erde fiel und dort mit dem herabströmenden Regen zu Schlamm wurde. Aus diesem Schlamm bildete Prometheus den Menschen, und so erklären sich sowohl die gute Erbschaften, die dem Menschen von Zagreus zukamen, wie die bösartigen der Titanen.[34]

Gemäss der orphischen Kultur, in welcher zugleich eine Vergeistigung und lebenspraktische Umsetzung der verschiedenen Mythologien angestrebt wurde, liessen sich die gewalttätigen titanischen Erbschaften im Menschen zum Verschwinden bringen, wenn der Mensch bereit war, sich zu reinigen sowie gemäss den Dionysischen Ritualen und den Geboten der Ehrfurcht zu leben. Die als Erbe des Zagreus-Dionysios entstandene Rebe und die betörende Kraft des Weins waren Teil der Verehrung.[35]

„Des Bakchos[36] jauchzende Amme,

Hippa rufe ich an,  (…)

Höre auf mein Flehen!

Erdenmutter und Königin, (…)

Eile den Feiernden zu!

Lasse dein Antlitz leuchten in freudiger Lust.“[37]

 

Das ekstatisch Rauschhafte, das mit dem Kult von Dionysos Bakcheios einherging – Bakchos ist ein Gott und zugleich der ekstatische Anhänger des Gottes – war vermutlich seit Ende des 6. Jahrhunderts v. Chr. vor allem in den Randgebieten des kolonialen Griechenland – im heutigen Südrussland (Gegend von Olbia) wie auf den süditalienischen Inseln – in einer Art von religiösem Geheimbund von Frauen und Männern gefeiert worden. Die Verehrung von Dionysos, dem neu zum Leben erwachten Zagreus, beruhte in erster Linie auf dem Glauben an die allumfassende Abhängigkeit menschlichen Lebens vom Göttlichen und gleichzeitig auf der Ehrfurcht vor allem Lebendigen[38].

Orpheus, der als Sohn von Apollon[39] und der Muse Kalliope[40] mit seiner wunderbaren Musik, seinen Epen und Hymnen als Prophet verehrt wurde, hat als König der Thraker vermutlich um 800 v. Chr. tatsächlich gelebt. Es ist anzunehmen, dass er selber ein Anhänger des Dionysos-Kultes war und diesen durch seinen Gesang und das Spiel der Lyra zu verinnerlichen suchte, die durch seine Geschicklichkeit geschaffen worden war, nicht nur die Lyra, sondern vermutlich auch die Kithara. Seine Geschichte ist voller Heldentum und Tragik, schuldfrei und ergreifend.

In der frühchristlichen Zeit, insbesondere durch Clemens von Alexandria[41], wurde Orpheus als göttlich-menschlicher Vorbote Jesus’ gedeutet und verehrt. Auch er hatte die Winde und die Tiere gebändigt, auch er war in die Welt der Toten abgestiegen und wieder auferstanden. „Wenn er sang, flogen die Vögel aus Wald und Feld herbei, nahten die wildesten Tiere friedlich und legten sich ihm zu Füssen, floss das Wasser der Bäche herzu und brachte die Fische vor ihn, ja Felsen und Bäume wanderten, wie mit Füssen begabt, einher, seinem Liede zu lauschen.“[42]

Orpheus hatte als Sänger an der Seereise der Argonauten nach Kolchis teilgenommen, zusammen mit Kastor und Polydeukos, mit Herakles, Theseus und einem Dutzend weiteren Heroen, in deren Mitte Jason war, dem in ihrer Liebe Medea[43] zum Besitz des erstrebten Goldenen Vlies verhalf. Nach seiner Rückkehr nach Thrakien vermählte sich Orpheus in grosser Liebe mit der Baumnymphe Eurydike, die durch den Biss einer Schlange starb, als sie vor dem übergriffigen Aristaios floh. Orpheus rächte sich nicht an ihm (auch Aristaios war ein Sohn von Apollon und der Nymphe Kyrene, der die Menschen lehrte, Öl aus Olivenbäumen und Honig aus Bienenwachs zu gewinnen), sondern folgte seiner geliebten Frau in die Unterwelt, vermochte mit seinem Saitenspiel, den Kerberos an der Pforte zum Schweigen zu bringen und sowohl Hades wie Persephone zu überzeugen, dass Eurydike ihm zurück ins Leben folgen durfte. Persephones Bedingung, sich nicht nach ihr umzuwenden, vergass Orpheus in seinem Empfinden von Glück – und verlor sie für immer.

In einer der Hymnen wird Mnemosyne angefleht – eine der Töchter von Uranos und Gaia, Titanin und Göttin der Erinnerung, gewissermassen Orpheus’ Grossmutter, die, während neun Nächten von Zeus geliebt, Mutter der neun Musen wurde, unter ihnen Orpheus’ Mutter -, Besinnung und Gedanken zu wecken und vor allem jegliches Vergessen zu verhindern. Sie war für Orpheus Vorbild und Masstab, diejenige „die den Gedanken sinnstörender Täuschung abwehrt und jeglichen Geist – den Hausgenossen des Menschen, mit der Seele zusammenhält.“[44]

Besinnung wecken und Vergessenheit abwehren heisst bewusst leben. War dies im dionysischen Taumel, den Orpheus zu verändern suchte und vor welchem er floh, möglich? Er flehte Mnemosyne als Schützerin der „kraftvollen, starken Vernunft“ an. Seine Gesänge verbanden das Wissen um die Sinnesfreuden mit Bitten um Mass und um Erfüllung der lebenswichtigen Bedürfnisse, selbst um den Schlaf und um das Ertragenkönnen der eiskalten Winterstürme. Zusätzlich wandte er sich an weitere erdnahe göttliche Gestalten, an die vielfach wohlgesinnten Moiren, die Spinnerinnen des Lebensfadens, wie an die gefürchteten, zürnenden und vergeltenden Erinyen resp. Eumeniden, doch auch an die Schwestern seiner Mutter, die Musen, und an den ziegenfüssigen Pan, den Hirtengott, den Beschützer der Herden. Rauchopfer von Gewürzen, von Myrrhen, von Safran und von Amber, von Weihrauchmanna und Libanonmanna gingen den Gesängen voraus und verdeutlichten das gleichzeitig Lustvolle und Heilige der Naturverbundenheit, die nicht durch Masslosigkeit verloren gehen durfte, sondern mit der pflichttreuen Lebensführung und der Verehrung der göttllichen Kräfte eins sein sollte. An erster Stelle waltete für Orpheus Zeus auf der Erde. „Die Gottheit hält Anfang und Ende und Mitte von allem. Zeus das Haupt, Zeus die Mitte, aus Zeus aber ist alles geschaffen“[45]. Die höchste Verehrung galt daher Zeus, doch ebenso der in den Nächten weltbeschützenden Selene, der weisen Mondgöttin:

„Höre mich, göttliche Königin,

Lichtspendende, hehre Selene,

Mene[46], mit Hornschmuck der Stiere geziert,

Nachtwandelnde, die in Lüften schweift,

Fackelträgerin, nächtlicher Mond,

Sternenfreundliche Jungfrau,

Wachsend und schwindend, männlich und weiblich,

Mildleuchtende, Freundin der Rosse,

Fruchtspenderin, Mutter der Zeit;

Schimmernde, Herzbeschwerende,

Allüberstrahlende Späherin der Nacht,

Allsehende Freundin fehlenden Schlafes,

Übersäht von der Schönheit der Sterne,

Freundin erquickender Ruhe

Und des freundlichen Wohlgeschicks!

Hellschimmernde, Hörnerträgerin,

Holdblickende Wonne der Nacht,

Sternfürstin, vom weiten Gewande umhüllt,

Läuferin des Kreises, allweise Jungfrau:

Komm, Selige, Freundliche, Sternenfreundin,

Rette, schimmernd im Lichte

Deiner neuen Schützlinge Schar!“[47]

Schützlinge der grossen Götterwelt waren die Menschen, von dieser abhängig, doch in vielem eigenverantwortlich in ihrem Handeln. Von grösster Bedeutung waren für sie die Verpflichtungen gegenüber den Familienangehörigen im näheren wie im weiteren  Sinn, insbesondere gegenüber allen Darbenden und Schutzlosen, gegenüber den Irrenden und den Fremden. Es war eine Ethik vor jeglicher philosophischen Begründung, naturnah verpflichtend gegenüber dem Wert des Lebens. Gemäss Walter F. Otto hat „diese Verpflichtung nichts mit Menschenliebe oder Selbstlosigkeit zu tun. Sie gründet sich auf keine Anschauung oder Lehre, sondern allein auf die elementare Überzeugungs- und Verbindungskraft der Lebensnot.“[48] Geht es um jene Ordnung des Zusammenlebens, die, wie es in der Erzählung aus dem Schwarzen Amerika deutlich wird, der Tierwelt zugeschrieben wurde, indem diese aus der Kenntnis der je besonderen Bedürfnisse und Nöte Distanz und Nähe geregelt hatte? Doch der Respekt vor den Nächsten wie vor den Fremden, diese „elementare Überzeugungs- und Verbindungskraft der Lebensnot“ zwischen den Menschen, stand und schwankte auf einer prekären Basis, war doch das Unheilvolle von Neid und Rache eine ebenso starke Realität, selbst im Zusammenleben der Götter.

Bei allem Wissen um Grenzen, die dem Handeln gesetzt sind, auch um Verderben und Schaden, die geschaffen werden, „kommen Augenblicke, wo dies Bewusstsein verdunkelt wird oder völlig verlöscht. Dann gerät der Mensch in Schuld und Verhängnis. In der altgriechischen Kultur war jedoch die Blendung, so wie alles Entscheidende, ein Werk der Gottheit.“[49] „Blendung“ wurde somit nicht als persönliches Versagen des Menschen im entscheidenden Moment des Handelns gedeutet, nein, sie geschah durch das Einwirken einer –  vielleicht unheilvollen – göttlichen Macht. Diese konnte wohl ratend einenen klügeren Entscheid beeinflussen, wie es sowohl in der Ilias wie in der Odyssee immer wieder geschildert wird, doch der Mensch – selbst Odysseus – war abhängig von diesem Rat. Die Eigenverantwortung des Willens erschien in der vorsokratischen Zeit als etwas Unvorstellbares, ja Überhebliches. Die unerklärbare Triebkraft des Unbewussten, die Macht der Emotionen wie die Klugheit der Vernunft beruhten im damaligen Empfinden auf göttlichem Einfluss. Dabei hatte die unmittelbare Verbundenheit mit dem Menschlichen und dem Animalischen für das Göttliche nichts Erniedrigendes oder Entwürdigendes, und für die Menschen nichts Verhängnisvolles, im Gegenteil.

In der mythologischen Gläubigkeit fanden die Menschen jener Zeit einen Halt, der selbst das Wissen von Unglück oder Schuld erträglich machte. Mit dem Mythos der Pandora[50] – der „Gabenreichen“ oder „Allbeschenkten“ – , den Hesiod in Werke und Tage ausführlich schildert, den er auch in der Theogonie erwähnt, lag eine Erklärung für das Erfreuliche wie für das Belastende vor, die in die Anfänge des Menschengeschlechts zurückführt. Brauchte es mehr? Schon früh wurde Pandora mit der biblischen Eva gleichgesetzt. Doch während Eva durch ihren Wissenshunger das göttliche Verbot zu wissen überging und aus diesem Grund als Verursacherin menschlichen Unheils erklärt wurde, war bei Pandora die Schönheit schuld für das Verhängnis. „Hesiod bezeichnet den  äusseren Menschen als Fessel, mit dem Zeus Prometheus gebunden hat. Nach dieser Fessel sendet er ihm eine andere Fessel, Pandora, die die Hebräer Eva nannten“.[51]

Offenbar setzte in der griechischen Kultur tatsächlich mit der Olympischen Epoche, d.h. unter dem Einfluss der vordringenden vorderasiatischen Kulturen, sowohl das Liebesspiel wie der Machtkampf der Geschlechter ein, nun mit dem Streben nach patriarchaler Vorherrschaft. Doch selbst mit Hesiods Frauenbild, das sich im Mythos der Pandora ins Negative wandelte, blieb das menschliche Schicksal mit der göttlichen Vorgeschichte vernetzt, die zeitlos war und weiter wirkte. Vorausgegangen war Prometheus’ Mut mit dem Raub des Feuers, das den Menschen jegliches handwerkliche und technische Können ermöglichte, darauf folgte Zeus’ Wut und kunstvoller Racheplan mit dem Konstrukt der verführerischen Pandora und ihrem prall gefüllten „pithos“, zu deren lieblichem Gelingen alle Göttinnen ihren Teil beigetragen hatten, und schliesslich geschah Epimetheus’ Akt der Betörbarkeit, der in Missachtung von Prometheus’- seines Bruders – Warnung, Pandora zu sich nahm und das Gefäss öffnete. Dass alle Leidenschaft, das Leiden wie die Lust, dass alle Übel wie Arglist und Neid, alle Schmerzen von Körper und Geist sich daraus lösten und sich nicht mehr halten liessen, war die Folge strafenden göttlichen Wirkens zu Beginn des menschlichen Daseins.

Für Sigmund Freud bestand kein Zweifel, dass mit Pandoras „pithos“, wie immer die Übersetzungen gewählt wurden, der weibliche Körper gemeint war, entsprachen für ihn in der Traumdeutung doch Dosen, Schachteln, Kästen, Schränke, Öfen, aber auch Höhlen, Schiffe und alle Arten von Gefässen dem Frauenbild, d.h. runden und eckigen, langen, schmalen und breit geräumigen Frauenkörpern. Damit stimmt zum Teil auch Karl Kerényi’s Deutung von Pandora überein, die für ihn die „gabenreiche“, grosse Erdgöttin[52] darstellt, die üppige Weiblichkeit. Doch nicht allein um den „pithos“ resp. die Körperlichkeit geht es, sondern um die viel kompliziertere Tasache, dass Pandora in Hesiods Mythos nicht mehr aus dem geheimnisvoll Weiblichen des Erd- und Naturhaften besteht, wie sie als Tochter Gaias erschiene, sondern dass sie ein männlich-göttliches „Kunstwerk“ ist, d.h. ein durch die männliche Phantasie – im Machtkampf zwischen Vater (Zeus) und Sohn (Prometheus) – geschaffenes physisches Produkt und Objekt, ein geniales Konstrukt, das die Begierde weckt. Als künstliches Werk kann es jedoch nichts anders denn von zeitlicher Begrenztheit sein.

So stellt sich die Frage, ob das ursprünglich Erdnahe von Werden und Sein, von Leben und Tod sich mit Pandora ins Tragische zu wenden begann. Dem war nicht so in den Anfängen, trotz der hinterhältigen Absicht, die Zeus dadurch offenbarte. Das ursprünglich Gute der göttlich-menschlichen Nähe war nicht auflösbar, es setzte sich fort. Darauf besteht der Mythos. Selbst bei der Flüchtigkeit der Güter, die sich durch den männlichen Zugriff  – Epimetheus’ Neugierde und Besitzwunsch – in alle Winde verteilen und eventuell zum Schaden verkommen, bleibt im Gefäss ein Gut erhalten. unverlierbar für immer,  somit für das ganze Menschengeschlecht: „elpis“ – die Hoffnung. Die Hoffnung ist das kostbarste Gut.

Wird nicht neu verständlich, was Nelly Sachs meinte und wovon sich eine Spur bei Paul Celan findet, wenn deren Gedichte nochmals gelesen werden? Die Hoffnung macht das Vergangene tragbar, doch insbesondere nimmt sie dem Unbekannten, das bevorsteht, das Schwere.

Ist dadurch besser verständlich, was Hoffnung ist?

Ohne Zweifel ist Hoffnung eine Kraft, doch nicht eine Knochen- und Muskelkraft, nicht eine hormonelle oder intellektuelle  Kraft, nicht eine herkunfts- oder kulturbedingte Kraft, nein. Hoffnung hat auch nichts mit Absicht und Willen zu tun, durch welche der Mut gelenkt und gestärkt wird, diese kreative Kraft, die Intellekt und Emotionen vereint. Als Kraft gehört die Hoffnung zu den grössten physikalischen Geheimnissen im menschlichen Dasein: sie ist eine aus sich selber wirkende seelische Kraft, die sich still offenbart – vielleicht frühmorgens bei Sonnenaufgang oder mit der dünnen Wiege des Neumonds – und die anwächst und sich verstärkt, selbst wenn sie durch die Zeitgeschichte abgewiesen oder zertreten wird.[53] Vielleicht ist sie tatsächlich, wie der Mythos anklingen lässt, das nicht löschbare Erbe längst vergangenen Vertrauens in eine umfassende Geborgenheit des Erdendaseins im Göttlichen – trotz des Promethischen Aufbäumens, trotz List und Rache von Zeus, trotz Epimetheus’ unklugen Übergriffs – auch trotz Evas Wunsch nach Kenntnis der Früchte des Lebens.

Die Frage stellt sich daher, ob die Hoffnung allein dem Menschen eigen ist? Somit nicht den Tieren und nicht den verwurzelten Gewächsen? Ist es so, weil diese schuldlos blieben? Ist Hoffnung letztlich der Trost für den menschlichen Verlust des Unwissens und der Unschuld? Hat mit der Hoffnung Pandora Eva die Hand gereicht?

Vielleicht am stärksten spürbar ist Hoffnung beim Anblick des kleinen Kindes. Da ist das ganze Leben gesammelt in den Anfängen, völlig rein, in Erwartung des Aufblühens. Die Sinne werden sich öffnen, die Wahrnehmungen Kenntnisse vermitteln, die Empfindungen werden erwachen, Lächeln und Weinen. Neugierde wird anwachsen, Laute und Klangsilben werden erprobt, zunehmend Worte und Sätze, Fragen und Erkunden,  allmählich Wissen, doch mit dem Wissen auch Enttäuschungen, Unruhe und Schmerz. Und wieder bleibt die Hoffnung, die im Menschen zutiefst verborgene, nach vorne weisende, tragende Kraft.

„Als ich vom Liegestuhl im Schatten horchte

Auf die Geräusche, die mein Garten machte,

Schien es mir einfach richtig, dass zu Worten

Pflanzen und Vögel nicht ermächtigt sind.

Taufnahmen hat Rotkehlchen nicht; es pfiff

Rotkehlchenhymne, wusste weiter nichts,

Und Blumen raschelnd warteten auf Drittes,

Das die Begattung – ob und wer – vermittelt.

Keines von ihnen war zu lügen fähig,

Nicht eines wusste, dass es starb, auch hätte

Kein einziges mit Rhythmus oder Reim

Verantwortlich gezeichnet für die Zeit.

Einsamen Überlegenen lasst die Sprache,

Den Tagezählern, die sich Briefe wünschen.

Geräusche auch sind Weinen oder Lachen.

Worte lasst denen, die Versprechen machen.“[54]

 

Für W. H. Auden ist kein Zweifel, dass Pflanzen und Vögeln die Worte zwar vorbehalten sind, dass ihnen jedoch eine wortlose Sprache eigen ist, die nicht der Bestätigung durch die Behörden braucht, die auch frei ist von betrügerischen Absichten oder von Streben nach Ruhm. Sie beruht auf dem Austausch unter Ihresgleichen und genügt sich dabei. Was mitgeteilt wird, ist unmissverständlich. Ist nicht das Weinen oder Lachen derjenigen, die sich überlegen fühlen – der Menschen, die über die Sprache der Worte verfügen, die der gezählten und berechneten Zeit unterworfen sind, die sich nach dem Austausch von Worten sehnen und mit Hilfe der Worte sich an die Zukunft klammern -, ist es nicht die aus der Verwandtschaft mit den Pflanzen, Vögeln und übrigen Tieren erhalten gebliebene Ursprache der Menschen?

Seither wurden die Forschungsergebnisse in der Pflanzenneurobiologie Bestätigung der Ahnung aus der Nähe zur Natur jener magischen Denkerinnen und Denker, die zu Übersetzerinnen und Übersetzern der geheimnisvollen Sprache der Pflanzen wurden. Florianne Koechlin hat 2007 einen so erstaunlichen Bericht publiziert, dass es mir wichtig erscheint, ihn hier wiederzugeben.[55]

 

Zweiter Teil

 

Es war Mitte des 18. Jahrhunderts, dass in den wissenschaftlichen Kreisen überall in Europa die Frage nach dem Ursprung der Sprache gestellt wurde, zugleich mit dem Wunsch nach Wissen und dem Bedenken vor der Reaktion der Kirchen, die den Glauben an die göttliche Gabe des mit der Schöpfungsgeschichte einhergehenden logos zu wahren suchten. Auf das 1754 von der Académie von Dijon angebotene Preisausschreiben zur Frage nach der Entstehung der Ungleichheit unter den Menschen und deren Berechtigung  – „Quelle est la source de l’inégalité parmi les hommes et si elle est autorisée par la loi naturelle“  – ging der damals 42jährige Jean-Jacques Rousseau mit einer These ein, die er 1755 in seinem Discours sur l’inégalité vorlegte und die grosses Aufsehen erregte, ohne jedoch den erhofften Preis zu gewinnen.[56] Gewissermassen in Ablehnung von Thomas Hobbes’ Auffassung des urspünglich gewissenlosen, grausamen Menschseins, das eindringlich zuerst im Buch  Leviathan[57] und anschliessend in Behemot[58] dargestellt wurde, vertrat Rousseau – eher in Fortsetzung von Vico’s Nuova scienza – die Überzeugung, dass die ursprünglichen Menschen kein Zusammenleben gekannt hatten, somit auch keine Regeln oder Gesetze, durch welche Masstäbe für das Handeln und Verhalten bestanden hätten. In „Unkenntnis der Leidenschaften und der Laster“ seien sie daher weder gut noch böse gewesen. Missgunst und wechselseitige Gewalt seien erst durch durch den „Fortschritt der Erkenntnis“, durch Besitzergreifung von Boden und durch damit einhergehende Ausgrenzung und Feinderklärung aufgekommen. Mit der allmählich erwachenden  „Erkenntnis“ sei das Denken erwacht und mit dem Denken die Sprache einhergegangen. Doch für Rousseau blieb unklar, ob der Mensch der Worte bedurfte, um denken zu können, oder ob er nicht vielmehr das Denken benötigte, um die Sprache entwickeln zu können.

Es war wieder eine Preisausschreibung, diesmal von der Preussischen Akademie der Wissenschaften in Berlin, die 1769 gewissermassen Rousseau’s ungelöstes Dilemma aufgriff und mit der Frage verband  „Sind die Menschen, wenn sie ganz auf ihre natürlichen Fähigkeiten angewiesen sind, imstande, die Sprache zu erfinden?“ Der damals 25jährige Johann Gottfried Herder[59] war bestrebt, der Frage auf den Grund zu gehen, während sein um einige Jahre älterer Freund Johann Georg Hamann[60], der sich intensiv mit der menschlichen Sprache befasste, am wissenschaftlichen Wettbewerb nicht teilnahm. Hamann stellte sich dem der Sprache gegenüber geltenden cartesianischen und Kant’schen Masstab der reinen Vernunft offen entgegen, zugleich aus theologischer wie aus künstlerischer Überzeugung. Wenn in sprachlicher Hinsicht nur richtig sein sollte, was in der Wortwahl und Syntax strengen Regeln genügte, so war seiner Ansicht nach der Verlust des Reichtums dieser göttlichen Gabe zu befürchten, die für ihn nicht auf der biblischen Erklärung des logos beruhte, sondern auf jener der je individuellen Nähe jedes Menschen zu Gott, aus welcher die grosse Variabilität der Sprache zu erklären war. Die Sprache sollte daher frei von autoritären Vernunftregeln sein. Gemäss Hamann bedurfte es der Intuition und Sorgfalt, damit Empfindungen und Worte in Einklang kamen. Daher erschien ihm die Poesie als die wahre und ursprüngliche Sprache der Menschheit, deren eigentliche „Muttersprache“, gewissermassen eine Verbindung von Gebet und Musik, die entsprechend der je persönlichen Fähigkeit und gefühlsmässigen Neigung jedes Menschen geschaffen wurde.

Herder wird später Hamanns Ansicht der hohen sprachlichen Bedeutung der Poesie, insbesondere der naturnahen Poesie, selber vertreten und verteidigen, doch in seiner Abhandlung über den Ursprung der Sprache, die er 1772 der Preussischen Akademie vorlegte, ging er eher kritisch gegen die theologisch begründete Ursprungserklärung der Sprache vor, die sein verehrter älterer Freund vertrat, obwohl Herder selber auch als Theologe wirkte[61]. Herder ging es um die gründliche sprachphilosophische Auffächerung der Frage und er  gelangte zu Erkenntnissen, die für die damalige Zeit verblüffend waren. „Schon als Tier hat der Mensch Sprache. Alle heftigen, und die heftigsten unter den heftigen, die schmerzhaften Empfindungen seines Körpers, alle starken Leidenschaften seiner Seele äussern sich unmittelbar in Geschrei, in Tönen, in wilden, unartikulierten Lauten. (…) Selbst die feinsten Saiten des tierischen Gefühls (…) sind in ihrem ganzen Spiele, auch ohne das Bewusstsein fremder Sympathie, zu einer Äusserung auf andere Geschöpfe gerichtet.“[62] Für Herder stand fest, dass ein gleiches Bedürfnis nach Kommunikation jedes Lebewesen erfüllt, ja dass es ein gemeinsames sprachliches Bedürfnis gibt, wesentliche Empfindungen mitzuteilen und beachtet, ja verstanden zu werden. Die Art und Weise der sprachlichen Vermittlung hatte sich bei den Menschen vielfach weiterentwickelt, jedoch die Grundtöne der ursprünglichen Natursprache blieben erhalten, am deutlichsten erkennbar, wie Herder betonte, in den ältesten Sprachen, aus welchen noch erkennbare Werke zurückgeblieben sind. Er bezog sich dabei sowohl auf die orientalischen wie auf die nordischen Sprachen, die ihm als Vergleich zur Verfügung standen und aus welchen er später Werke übersetzte, insbesondere auf das Altgriechische im Werk Homers, auf das „Ebräische“ im Hohelied Salomons , auf das Irische etc.

Für Herder stand einerseits fest, dass für die Entstehungsgeschichte der menschlichen Sprache wohl sinnliche Wahrnehmung und Empfindungen analog zu jener der Tiere grundlegend waren, dass sich andererseits zum instinktmässigen Überleben, das in den Grundlauten Variationen des Ausdrucks fand und diese Mitteilungsmöglichkeit beibehielt, zusätzliche Befähigungen entwickelten, die dem Menschen auch eine sprachliche Weiterentwicklung zugestanden. „Man nenne diese ganze Disposition seiner Kräfte wie man wolle, Verstand, Vernunft, Besinnung, Reflexion usw.“[63]

Auf unmissverständliche Weise hatte Herder damit Rousseau’s Dilemma gelöst: Für die menschliche Sprach waren der animalische und der geistige Ursprung von gleicher Bedeutung. Er sprach dabei die „Freiheit“ als spezifische Besonderheit an, die das Denken und Bewusstsein mitgestaltet und den Menschen zum „Dialog“ befähigt. „Ich kann nicht den ersten menschlichen Gedanken denken, nicht das erste besonnene Urteil reihen, ohne dass ich in meiner Seele dialogisiere oder zu dialogisieren strebe; der erste menschliche Gedanke bereitet also seinem Wesen nach, mit Anderen dialogisieren zu können! Das erste Merkmal, das ich erfasse, ist Merkwort für mich und Mitteilungswort für Andere!“[64] Und wieder ist es die Sinneswahrnehmung, welche die Voraussetzung ist für den dialogischen Prozess. Für Herder ist „das Ohr der erste Lehrmeister der Sprache“[65]; was aufgenommen wird, ist Angebot und Anreiz für das Denken und vermittelt Wahlmöglichkeiten, darauf einzugehen und ins Gespräch zu kommen. Und was im Zwiegespräch zwischen einzelnen Menschen Masstab ist für den Sinn wie für die Art und Weise im Umgehen miteinander, gilt für ihn für das Verhalten der Geschlechter zu einander wie für jenes ganzer Völker und Nationen.

Tatsächlich löst noch vor dem Wort jeder Ton über das Ohr ein inneres Bild aus – man denke an die Reaktionen der Neugeborenen -, jener der Schritte, der Stimme, der Textilien, der Gegenstände, die gerückt oder gesetzt werden -, ein Bild, das mit dem eigenen Atem im Klangraum des Körpers übereinstimmt oder ihm fremd ist. Und das feine Aufnahme-Instrument des Ohrs ist in nächster Verbindung mit jenem der Nase, der Zunge und des Gaumens, so dass Vorfreude und Lust oder Abwehr und eventuell Angst geweckt werden. Zusätzlich zum Ohr öffnet sich allmählich das Auge, das Form und Farbe dessen, was mitgeteilt wird, aufnimmt, dazu wird zunehmend aufmerksamer die Haut, durch welche jede Art von Berührung, von Wärme oder Kälte die durch den Klang und durch die Empfindungen des Gegenüber entstehenden Vibrationen bestätigen und die entsprechenden Prozesse von Empfinden und Denken in Gang setzen. Zum Verständnis trug ohne Zweifel Johann Wolfgang Goethes[66] Farbenlehre bei, die er zwischen 1807 und 1810 festhielt und die vermutlich durch die – gute zehn Jahre vorher erfolgten – Lichterfahrungen während seiner ersten Italienreise[67], insbesondere durch den Aufenthalt in Sizilien geweckt worden war, auch durch den Austausch mit bedeutenden Malern jener Zeit in Rom sowie  nach seiner Rückkehr mit Friedrich Schiller und dem Naturforscher Christian Wilhelm Büttner, der Goethe seinen optischen Apparat mit einer Anzahl besonderer Prismen lieh. „Das Auge hat sein Dasein dem Licht zu danken. Aus gleichgültigen thierischen Hilfsorganen ruft sich das Licht ein Organ hervor, das seines Gleichen werde; und so bildet sich das Auge am Lichte für’s Licht, damit das innere Licht dem äusseren entgegentrete.“[68]

Bleiben wir jedoch bei der Sprache, die, um den Verständigungsbedürfnissen im Zusammenleben gerecht zu werden – vermutlich bei Tieren und Menschen von ursprünglichlicher Ähnlichkeit -, auf den feinen Hörmöglichkeiten des Ohrs beruht. Tatsächlich finden sich viele Erfahrungen der Laut- und Klangentwicklung sowie der allmählichen Wortfindung des kleinen Kindes in den ersten Monaten seines Daseins durch Herders Erkenntnisse bestätigt. Das muss zu seiner Zeit im deutschsprachigen Raum – so wie Rousseau’s Erkenntnisse im französischen – als grosser Ansporn gewirkt haben. Es setzte eine wissenshungrige Neuorientierung überall in Europa ein, sowohl in den sprachphilosophischen und sprachanalytischen wie in den anthropologischen und kommunikationstheoretischen  Erkenntnissen, eine Forschungsfreude mit so zahlreichen bedeutenden Werken als Ergebnis, dass die ältere Ermittlungsbasis unter diesen wie versank.

Wilhelm von Humboldt[69], zum Beispiel, eine Generation jünger als Herder, der nicht mehr vom Theologie-, sondern vom Rechts- und Philologiestudium ausging, ein enger Freund sowohl von Goethe und Schiller wie – lebenslang – von seinem jüngeren Bruder Alexander von Humboldt, dem kosmopolitischen Naturwissenschafter, er baute Herders Erkenntnisse vielfach aus und setzte sie sowohl im Studium zahlreicher Sprachen[70], in Übersetzungen und Abhandlungen wie in einem umfassenden neuen Bildungssystem in ganz Preussen um, das von der Basis über alle Schul- und Lernstufen bis in den Universitätsbereich die zwischenmenschliche Bedeutung der Sprache, die Sorgfalt im Umgehen mit Worten und insbesondere die Bedeutung des Verstehens in den Mittelpunkt setzte, nicht für eine gesellschaftliche Elite, sondern ohne Unterschied für jeden Menschen und damit für das Gesamtwohl im Zusammenleben.

Tatsächlich ist jedes Menschenkind immer wieder neu am Anfang der sprachlichen Entwicklung, obwohl diese auf einer nicht messbaren Geschichte beruht und stets im jeweiligen Wissensstand dem Kind weiter vermittelt wird. Dessen ist sich Humboldt bewusst. „Die schneidendsten unter allen Veränderungen in der Zeit sind diejenigen, welche die Stimme hervorbringt. Sie sind zugleich die kürzesten, und aus dem Menschen selbst mit dem Hauche, der ihn belebt, hervorgehend, und augenblicklich verhallend, bei weitem die lebendigsten und erweckendsten. – Die Sprachzeichen sind daher notwendig Töne, und nach der geheimen Analogie, die zwischen allen Vermögen des Menschen ist, musste der Mensch, sobald er deutlich einen Gegenstand als geschieden von sich erkannte, auch unmittelbar den Ton aussprechen, der denselben bezeichnen sollte. (…) Solche Töne gibt es sonst in der ganzen übrigen Natur nicht, weil niemand, ausser dem Menschen, seine Mitgeschöpfe zum Verstehen durch Mitdenken, sondern höchstens zum Handeln durch Mitempfinden einladet.“[71]

Humboldts Annahme verfeinerte sich, und fündunddreissig Jahre später, nach langer vergleichender Erfahrung, hielt er fest, dass „Verstehen und Sprechen nur verschiedenartige Wirkungen der nämlichen Sprachkraft sind. (…) Das Verstehen könnte jedoch nicht (…) auf innerer Selbsttätigkeit beruhen, und das gemeinschaftliche Sprechen müsste etwas anderes als bloss gegenseitiges Wecken des Sprachvermögens des Hörenden sein, wenn nicht in der Verschiedenheit der Einzelnen  die sich nur in abgesonderte Individualitäten spaltende Einheit der menschlichen Natur läge. (…) Durch denselben Akt, vermöge dessen der Mensch die Sprache aus sich herausspinnt, spinnt er sich in dieselbe ein, und jede zieht um das Volk, welchem sie angehört, einen Kreis, aus dem es nur insofern hinauszugehen möglich ist, als man zugleich in den Kreis einer anderen hinübertritt. Die Erlernung einer fremden Sprache sollte daher die Gewinnung eines neuen Standpunktes in der bisherigen Weltansicht sein und ist es in der Tat bis auf einen gewissen Grad, da jede Sprache das ganze Gewebe der Begriffe und die Vorstellungsweise eines Teils der Menschheit enthält. Nur weil man in eine fremde Sprache immer mehr oder weniger seine eigene Weltansicht, ja seine eigene Sprachansicht hinüberträgt, so wird dieser Erfolg nicht rein und vollständig empfunden. (…) Erst im Individuum erhält die Sprache ihre letzte Bestimmtheit. Keiner denkt bei dem Wort gerade und genau das, was der andere (denkt), und die noch so klare Verschiedenheit zittert, wie ein Kreis im Wasser, durch die ganze Sprache durch. Alles Verstehen ist daher immer zugleich ein Nicht-Verstehen, alle Übereinstimmung in Gedanken und Gefühlen zugleich ein Auseinandergehen.“[72]

 

„Dieses schmal zwischen Mauern geschriebne

unwegsam – wahre

Hinauf und Zurück

in die herzhelle Zukunft.

Dort.

Silben-

mole, meer-

farben, weit

ins Unbefahrene hinaus.

Dann:

Bojen-,

Kummerbojen-Spalier

mit den

sekundenschön hüpfenden

Atemreflexen -: Leucht-

glockentöne (dun-,

dun-, un-,

unde suspirat

cor),

aus-

gelöst, ein-

gelöst, unser.

Sichbares, Hörbares, das

frei-

werdende Zeltwort:

Mitsammen.“[73]

 

Paul Celan überschrieb sein Gedicht mit anabasis, einem Titel, der schon in der griechischen Literatur vorkam[74] und der Hinaufmarsch bedeutet, resp. vom Ufer weg ins Landesinnere. Ist damit nicht der Weg zum Verstehen gemeint, eine Erfüllung der Sehnsucht, bei welcher das Herz aufatmet?

Für Humboldt waren in seinen Untersuchungen über Ursprung und Diversität der menschlichen Sprache sowie in seinem Einsatz für einen bewussteren Umgang mit der eigenen Sprache Widersprüchlichkeiten deutlich geworden, die nach ihm eine grosse Anzahl bedeutender Denkerinnen und Denker, die von je individuellen Ansätzen ausgingen und zu unterschiedlichem Zweck suchten, ebenfalls erlebten, so Ferdinand de Saussure[75] im Streben nach der Erkenntnis einer gemeinsamen Struktur der so vielfach verschiedenen Sprachen, Fritz Mauthner[76] im Zweifel an Gedächtnis und Bewusstsein als den vermittelnden Kräften der Sprache, Ludwig Wittgenstein[77] in der verbitterten Sehnsucht nach dem wirklichen Sinn jedes Wortes und jeder Aussage im Erkennen des Ungenügens der Logik, Jean Piaget[78] im genaueren Erforschen der sprachlichen und persönlichen Entwicklung des Kindes, bis zu Derrida[79] mit dem Bedürfnis nach Klärung der Diskrepanz von Stimme und Schrift, Habermas in den Bestrebungen eines verlässlichen Regelsystems der Kommunikation, Noam Chomsky[80] in seiner Auseinandersetzung mit der unterschiedlichen grammatikalischen Struktur der Sprachen und seiner Suche nach einer Universalgrammatik der Menschen, vielen anderen mehr, deren Bestrebungen unerfüllt blieben, letztlich auch bei jenen Philosophen, die in erster Linie den denkerischen Diskurs des Dialogs und der Dialogik weiter entwickelten wie Martin Buber[81] oder Hermann Levin Goldschmitdt[82].

Auf der Sehnsucht nach einer tatsächlichen Korrektur der über Jahrtausende angewachsenen Missverständnisse unter den Menschen, nach einer neuen Möglichkeit wechselseitigen Verstehens über alle nationalen, kulturellen und religiös beeinflussten Sprachgrenzen hinweg beruhte auch die Bemühung von Ludwik Lejzer Zamenhof[83], der 1887 – nach der Erfahrung der schweren Pogrome von 1882 – mit seiner „Esperanto“ genannten Kunstsprache der Weltöffentlichkeit eine nationenübergreifende, friedenschaffende  Sprache vorlegte. Sie überzeugte bis zum Ersten Weltkrieg wachsende Kreise und blieb auch über den Zweiten Weltkrieg hinweg bis heute erhalten, doch sie blieb eine Art Geheimsprache.

Die Frage stellt sich, ob Zamenhofs Vision, die sich noch zu seinen Lebzeiten umzusetzen begann, von der Zielsetzung her eine Utopie ist. Oder kann sie, frei von nationalsprachlicher, machtorientierter Geschichte, tatsächlich noch realisierbar werden?

 

[1] Die 3 Nornen sind Teil der isländischen Mythologie, Schicksalgöttinnen, analog zu den griechischen Moiren und den römischen Parzen.

[2] Das älteste Bild von Demeter auf einer griechischen Vase, der dreifachen Muttergöttin (Göttin der Saat, der Gerste und der Jahreszeiten), der Schwester und Gelieben von Zeus, zeigt sie in schwarzem Mantel und einem Pferdekopf, doch immer auch wird sie mit Bienen, deren Schutzgöttin sie ist, mit Blumen und Gersten dargestellt. Das Horn ist Gefäss für Wasser und Wein, das in Demeters Hand der Lebenskraft dient.

[3] Elisabeth Langgässer (23. 02. 1899 – 25. 07. 1950). Gedichte. Tierkreisgedichte. Ausgang. Claassen Verlag 1959, S. 109

[4] a) Die indogermanische Silbe  -„my“ / – „mu“ steht für tönen, lauten, klingen.

  1. b) Entsprechend Robert von Ranke-Graves (Griechische Mythologie, Quellen und Deutung. Rowohlts Enzyklopedie, Reinbek b. Hamburg 1960. S. 11) sind Mythen zu unterscheiden von
  2. philosophischen Allegorien, wie in Hesiods Kosmogonie;
  3. ‚ätiologischen’ Erklärungen heute nicht mehr verstandener Mythen, wie Admetos’ Zusammenjochen eines Löwen und eines Bären vor seinen Wagen;
  4. Satiren und Parodien, wie Silens Bericht über Atlantis;
  5. sentimentalen Fabeln, wie die Geschichten von Narkissos und Echo;
  6. ausgeschmückten Erzählungen, wie Arions Abenteuer mit dem Delphin;
  7. Minstrelromanzen, wie die Geschichte von Kephalos und Prokris;
  8. politischer Propaganda wie Theseus’ Einigung Attikas;
  9. moralischen Legenden, wie die Geschichte von Eriphyles’ Halsband;
  10. Ankdoten, wie die Schlafzimmerfarce von Herakles, Omphale und Pan;
  11. theatralischem Melodrama, wie die Geschichte Thestors und seiner Tochter;
  12. Heldenepen, wie der Grossteil der Ilias’;
  13. realistischer Dichtung, wie der Besuch des Odysseus bei den Phaiaken

[5] unklar ist, zu welcher Zeit erstmals die Völuspá schriftlich festgehalten, möglicherweise erst um 1000 n. Chr., als grosse Ängste um das Ende der Welt ganz Europa beherrschten. Gemäss der Überlieferung war es die Seherin Völva, die die Gesänge diktiert hatte; wann sie lebte ist nicht bekannt. – Die Völuspá findet sich im Codex Regius der Lieder-Edda als der ältere Teil der Edda.

[6] Als Tochter einer katholischen Mutter und eines jüdischen Vaters, der starb, als sie 10 Jahre alt war,  kam Elisabeth Langgässer mitten hinein in die deutsche Geschichte des I. Weltkriegs, der Zwischenkriegszeit und des Nationalsozialismus, des II. Weltkriegs und der Nachkriegsgeschichte. Sie selber wurde als nicht-arische Deutsche geächtet und ihre 1929 geborene Tochter Cordelia – deren Vater war der Staatsrechtler Hermann Heller -, die als „Volljüdin“ den Judenstern tragen musste, für die eine spanisch-belgische Adoptionsfamilie gefunden werden konnte, die aber nicht aus Deutschland ausreisen konnte und mit 15 Jahren nach Theresienstadt und Ausschwitz deportiert wurde, kam nach der Befreiung nach Schweden und konnte ihre Mutter erstmals wieder 1949 sehen. Die drei Töchter aus der 1935 geschlossenen Ehe mit Wilhelm Hoffmann überlebten in Deutschland. Seit 1942 trat schubweise die Multiple Sklerose bei Elisabeth Langgässer auf, an deren Folgen sie mit 51 Jahren starb. Zur genaueren Lebensgeschichte cf. Sonja Hitzinger. Elisabeth Langgässer. Eine Biografie.  vbb Verlag für Berlin-Brandenburg 2009.

[7] Langgässer 1959, S. 16 – Der Laubmann und die Rose ist eine der ersten Nachkriegsgedichtsammlungen, die sich in Gedichte (1959) finden (S. 112-148)

[8] Langgässer 1959, S. 9

[9] Langgässer 1959, S. 17

[10] Proserpina in der römischen Mythologie (Persephone in der griechischen) stellt die dem Gott der Unterwelt (Pluto resp. Hades) vermählte Titanin dar, als Tochter von Zeus und dessen Schwester Demeter und als Mutter von Zagreus zugleich Göttin der Fruchtbarkeit wie des Todes (cf. später).

[11] Langgässer 1959, S. 222

[12] Walter F. Otto. Die Götter Griechenlands. Das Bild des Göttlichen im Spiegel des griechischen Geistes. Verlag G. Schulte-Bulmke. Frankfurt a.M. 1961 (6. Auflage 1970), S. 29. – Das Zitat bezieht sich auf den Chorgesang der  Sophokleischen Antigone (337) aus dem Jahr 442 vor Chr.

[13] Angaben zu Homer (gr. Homeros – Geisel, abgeleitet von „ho me horon“ auch der nicht Sehende), auf den die grossen Epen Ilias und Odyssee mit grösster Wahrscheinlichkeit zurückgehen (im ionischen Dialekt des Altgriechischen verfasst, von Aristrachos von Samos, dem bedeutendsten griechischen Philologen – geb. ca. 216 v. Chr., gest. 144 v. Chr. – geordnet und bezüglich der gleichen Autorschaft bestätigt), beruhen  bezüglich der Herkunft und Lebenszeit auf Vermutungen (ca. 850-800 v. Chr., ev. ca. 750-700 v.Chr.)

[14] Hesiod lebte um 700 v. Chr. in Askra, einem ärmlichen Ort in Böotien, vermutlich als Ackerbauer. Ihm sind die grossen Lehrgedichte Werke und Tage zu verdanken, über die Entwicklung der Weltzeitalter vom Goldenen über das Silberne, das Bronzene, dasjenige der Heroen – u.a. Odysseus, Achilles, der Trojanische Krieg – zum Eisernen, seiner eigenen Zeit, das wegen seiner Verrohung zur bäuerlichen Arbeit und zum redlichen Leben zurückfinden sollte, sowie die Theogonie über die Entstehungsgeschichte der Erde mit allem Lebendigen sowie über die Götter.

[15] Walter F. Otto 1961, S. 12. – Walter F. Otto verweist auf die Nähe zum ursprünglichen Vermögen der Menschen, das Göttliche in der Natur selber sehen, das sich auch bei Goethes Faust findet, der am Ende eines Werdegangs zur Erkenntnis gelangt, deren Erfüllung für ihn Wunsch bleibt:

„Könnt’ ich Magie von meinem Pfad entfernen,

die Zaubersprüche ganz und gar verlernen,

stünd’ ich, Natur! vor dir, ein Mann allein,

da wär’s der Mühe wert, ein Mensch zu sein.“

[16] Parmenides von Elea (in Süditalien) lebte vermutlich von 540/535 v. Chr. bis 483/475 v. Chr., ein Schüler von Xenophanes, wie auch Zenon von Elea und Melissos. Er wurde von Platon „Vater“ genannt, beruhte doch Platons Wahrheitsanspruch für die Ideenlehre massgeblich auf Parmenides’ Lehrgedicht Über das Sein, in welchem festgehalen wurde, dass  „Denken und Sein dasselbe ist“ (cf. Hermann Diels. Die Fragmente der Vorsokratiker. Weidmann Verlag 1974. Bd. I, S.217 – 246 / 231.

[17] Paul Feyeraband (1924 – 1994). Naturphilosophie. Herausgabe und Vowort von Helmut Heit und Eric Oberheim. Verlag Suhrkamp, Frankfurt a.M. 2009 – Paul K. Feyerabend, ein bedeutender zeitkritischer und wissenschaftsanalytischer Denker des eben vergangenen Jahrhunderts, hat die Tragik der damit verbundenen naturwissenschafltichen Erkenntnisprozesse aufgearbeitet; sie erscheinen 13 Jahre nach seinem Tod zum ersten Mal.

[18] (gr. „lithos“ – Stein): vor ca. 7’500 Jahren mit dem Wechsel von den Jägern und Sammlern zur Kultur der Bauern mit zunehmender Tierzucht und Pflanzenpflege.

[19] Bronze ist eine Legierung aus ca. 90% Kupfer und ca. 10% Zinn. Mit dieser neuen Metallverarbeitung begann gegen Ende des 3. Jahrtausend v. Chr. bis etwa vor Beginn des 1. Jahrtausend v. Chr. eine neue Ära des Handels wie der Methode der Eroberungen und Kriege.

[20] Walter F. Otto 1961, S. 14

[21] Johann Jakob Bachofen. Das Mutterrecht. Eine Untersuchung über die Gynaikokratie der alten Welt nach ihrer religiösen und rechtlichen Natur. Erstausgabe im Verlag Krais und Hoffmann, Stuttgart 1861. – Unter dem gleichen Titel eine Auswahl, herausgegeben von Hans-Jürgen Heinricht. Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 1975.

[22] Robert von Ranke-Graves 1960, S. 12 ff

[23] Karl Kerényi erklärt „nymphe“ als „weibliches Wesen, durch das ein Mann zum „nymphios“, das heisst zum glücklichen, am Ziel seiner Männlichkeit angelangten Bräutigam wird. Die Bezeichnung gebührte einer Göttin ebenso wie einem sterblichen Mädchen“ (Karl Kerényi. Die Mythologie der Griechen. Deutscher Taschenbuch Verlag,  München 1966. Bd. I, S. 141)  – Ungleich war für die Griechen allerdings die Sterblichkeit oder Unsterblichkeit der Nymphen. Unsterblich waren die Nereiden, wie das Meer, in welchem sie hausten. Doch die anderen Nymphen, ob allein oder in der Zahl drei, die zu Quellen oder Gewässern, zu Wiesen, Wäldern oder einzelnen Bäumen gehörten, waren sterblich wie diese. Bei Hesiod findet sich eine Art Berechnung der Lebensdauer der Nymphen: „Neun Menschenalter lang lebte die geschwätzige Krähe, ein Hirsch so lang wie vier Krähen, drei Hirschenalter erreicht ein Rabe, neun Rabenalter eine Palme und zehn Palmenalter (erreichen) die schönhaarigen Nymphen, die Töchter des Zeus“ (Karl Kerényi 1966, S. 142)

[24] Stymphalos ist der Name eines Sees mit gutem Quellwasser, jedoch ohne Ablauf auf einer fruchtbaren Hochebene im Nordosten des Peloppones.

[25] von Ranke-Graves 1960, S. 13

[26] Otto F.Walter 1961, S. 30

[27] Vermutlich geht das Märchen von Rapunzel bis auf den Danaë-Mythos zurück.

[28] altgr. „hyper“ – droben, darüber hin; „ion“ – der Gehende

[29] Theia oder Thia wurde auch Basileia genannt, immer „die Göttliche“.

[30] Später, in der Olympischen Zeit, wurde der Sonnengott allerdings nicht mit Zeus, sondern mit dessen Sohn Apollon verehrt, Zeus’ Sohn aus der Verbindung mit Leto, einer Tochter der Titanengeschwister Koios und Phoibe. Apollon war der Zweitgeborene der Zwillingskinder, zu dessen Geburt Artemis als Erstgeborene behilflich war, kamen doch auf Grund von Heras Eifersucht gegenüber Leto diese Kinder unter schwersten Bedingungen auf der von Poseidon für sie geschaffenen Insel Delos zur Welt. Als  – vorgängig zur Geburt – auf dem Fluchtweg Bauern auf Heras’ Befehl der durstigen Leto das Wasser ihres Sees verweigert hatten, waren sie durch Zeus, den Leto um Hilfe angefleht hatte, in Frösche verwandelt worden.

[31] Die zweite Schwester von Helios war Eos – in der römischen Mythologie Aurora -, die Göttin der Morgenröte, des neu erwachenden Tages.

[32] Da ist u.a. Argos, der als Hund Odysseus begleitet, ferner der Erymantische Eber (cf. Fussnote 5), die Chimaira als Mischwesen mit den drei Köpfen des Löwen, der Ziege und der Schlange, ferner eine Menge Meeresungeheuer. Zeus offenbart sich gegenüber Hera als Kuckuck und zeugt dabei Hebe, Ilithya, Arge, gemäss Homer auch Hephaistos sowie gemäss Hesiod Ares; als Adler gegenüber Asteria, als Stier gegenüber Europa (mit den Kindern Minos, Sarpeda und Rhadamanthys), als Schwan gegenüber Leda (mit den Zwillingssöhnen der Dioskuren Kastor und Polydeukos/Pollux), nochmals als Schwan gegenüber Leda (auch Nemesis) mit der Zeugung von Helena, als Schlange gegenüber Persephone, die Zagreus zur Welt bringt.

[33] Da das Kind Zagreus immer mit Hörnern dargestellt wurde, erinnerte die Opferung von  Zicklein und Kälbern an das Leiden dieses göttlichen Sohnes. – Ein Teil dieses Mythos – die Eifersucht der Königin, die Versuchung mit Äpfeln, die Rolle des Spiegels – finden sich u.a. im Märchen vom Schneewittchen wieder.

[34] Ein anderer Mythos berichtet, Zeus habe die zerrissenen Teile seines Kindes Zagreus gesammelt und sie Apollon übergeben, der sie in Delphi beerdigt habe. Jeden Winter, wenn Apollon abwesend sei, werde daher die Wiederauferstehung von Zagreus gefeiert. – In einer anderen Version des Mythos werden die zerstückelten Teile von Zagreus durch Rhea, seine Grossmutter oder Urgrossmutter, eingesammelt, die sie zum neuen  Dionysos zusammenfügt und diesen zu seiner Mutter Persephone zurückbringt.

[35] Eines der spätesten Dokumente, in welchen sich der Mythos von Zagreus und Dionysios findet, entstand im 5. Jahrhundert nach Chr. mit dem grossen Epos „Dionysiaka“ aus der Feder des aus Ägypten stammenden Nonnos von Panopolis. (Es liegt eine neuere Ausgabe in deutscher Sprache vor: Nonnos. Werke in zwei Bänden. Aus dem Griechischen übertragen und herausgegeben von Dietrich Ebener. Aufbau-Verlag, Berlin/Weimar 1985). – Unter Nonnos’ Name liegt auch eine Abschrift des Johannes-Evangeliums vor; es ist anzunehmen, dass er zum Christentum übergetreten war und die Bedeutung der neuen Religion zu unterstützen trachtete.

[36] Bakchos, griechische Schreibweise von Bacchus,  in der römischen Mythologie die Bezeichnung von Dionysos.

[37] Orpheus. Altgriechischen Mysterien. Übertragen und erläutert von J. O. Plassmann. Diederichs Verlag, Köln 1982, S. 88

[38] Im Rahmen des von Orpheus gemässigten Dionysos-Kultes hatten sich auch Pythagoras und seine Schüler oder Anhänger befunden. Da wurde vermutlich erstmals auf jede Fleischnahrung verzichtet.

[39] Orpheus wäre somit Grossohn von Zeus; nach anderen Darstellungen war er jedoch der Sohn des thrakischen Flussgottes  Oiagros.

[40] Kalliope war die älteste und weiseste der 12 Musen, alle Töchter der Nymphe Mnemosyne (gr. „mneme“ – Erinnerung, Gedächtnis; cf. das Gedicht von Friedrich Hölderlin) und von Zeus, der ihr als Hirte erschienen war. Kalliope vertrat die Wissenschaft, die Philosophie, das Saitenspiel, Epos und Elegie. Zusätzlich zu Orpheus hatte sie einen zweiten Sohn, Linos, der als Musiklehrer – eventuell auch als Begründer der Buchstaben und somit als Schreiblehrer – von Herakles galt, der ihn eines Tages im Zorn erschlug.

[41] Clemens von Alexandria (150 n. Chr. – 215 n. Chr.), ursprünglich Titus Flavius Clemens, war in Athen geboren, ein Platoniker, der zum Christentum übertrat und in Alexandria lehrte, bis er dort verfolgt wurde und nach Kappadokien floh. Sein Bestreben war, die griechische Philosophie mit den Christentum zu vereinen. Nähere Angaben bei: André Méhat. Clemes von Alexandrien. In: Theologische Realenzyklopädie, Bd. 8. Verlag de Gruyter, Berlin 1981, S. 101-113

[42] Gustav Schwab/Kurt Eigl. Orpheus und Eurydike. In: Die schönsten Sagen des klassischen Altertums.  Schweizer Druck- und Verlagsanstalt, Zürich 1962, S. 160 ff  (Gustav Schwabs Erstausgabe ist von 1836)

[43] Maja Wicki. Wie steht es mit dem Herzen der „herzlosen“ Medea? – Über das Verhängnis von Rache und über Möglichkeiten der Korrektur von Leiden. In: Realismus der Utopie. Zur politischen  Philosophie von Arnold Künzli. Hsg. Ueli Mäder und Hans Saner. Rotpunktverlag, Zürich 2003

[44] Orpheus. Altgriechische Mysterien. Übertragen und erläutert von J.O.Plassmann. Eugen Diederichs Verlag, Köln 1982, S.120

[45] Hermann Diels. Die Fragmente der Vorsokratiker. Griechisch und deutsch, Hg. Von Walther Kranz. Weidmann Verlag 1974. Bd. I, S. 8

[46] gr. mene – Mond

[47] Orpheus /J.O.Plassmann 1982, S.33

[48] Walter F. Otto 1961, S. 28

[49] Walter F. Otto 1961, S. 178

[50] Eine hervorragende Sammlung von Texten zu und über Pandora: Mythos Pandora. Texte von Hesiod bis Sloterdijk. Hg. Amut-Barbara Renger, Imanuel Musäus. Reclam Verlag, Leipzig 2002

[51] Zosimos von Panopolis, 3./4. Jahrhundert n. Chr., in: Amut-Barbara Renger, Imanuel Musäus 2002, S. 117

[52] Karl Kerényi 1966, Bd. I, S. 175

[53] Ilse Aichinger. Die grössere Hoffnung. Roman. S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 1991 (erste Auflage 1948)

[54] Wystan Hugh Auden (geb. am 21. 02. 1907 in York/England, gest. am 29. 09. 1973 in Wien). Gedichte-Poems.  Deutsch u.a. von Ernst Jandl.  Europa Verlag, Wien 1973, S. 61

[55] Florianne Koechlin. Der neuronale Wurzelstock. WoZ 9/1.3.2007: Pflanzen haben weder Gehirn noch Nerven. Es gibt jedoch eine ganze Reihe von Forschungsergebnissen, die durchaus vergleichbare Strukturen nahelegen. Ein Besuch bei zwei Forschern mit aufwieglerischen Ideen.

Wenn Tomaten von Raupen angegriffen werden, bilden sie nicht nur Abwehrstoffe. Mit Duftstoffen warnen sie gleichzeitig ihre Nachbarinnen. Der Duftstoff heisst Methyljasmonat und wird auch für Parfüms verwendet. Maispflanzen senden bei Raupenbefall Duftstoffe aus und locken damit Schlupfwespen an, die die Raupen dezimieren. Pflanzen kommunizieren auf vielerlei Weise miteinander, aber nicht nur das. Sie «erspüren» Schwerkraft, Licht, Feuchtigkeit, Temperatur, Mineralien, Duftstoffe und anderes. Und sie reagieren auf diese Signale: Sie ändern zum Beispiel ihr Wachstum oder die Anzahl der Blätter oder den Zeitpunkt der Blüte. Manche ForscherInnen sind überzeugt, dass Pflanzen ein Erinnerungsvermögen haben und lernen können. Schon seit langem wird gemutmasst, dass es pflanzliche Strukturen gibt, die ähnliche Funktionen ausüben wie unser Nervensystem. Doch konnte sich das Biologieestablishment nie recht mit diesem Ansatz anfreunden. Vor zwei Jahren nun fassten sich der Zellularbiologe Frantisek Baluska vom Institut für Zelluläre und Molekulare Biologie der Universität Bonn und der Florentiner Elektrophysiologe Stefano Mancuso ein Herz und gründeten die Gesellschaft für Pflanzenneurobiologie, die dafür sorgen will, dass diesem Feld endlich der gebührende Platz auf der Forschungsagenda eingeräumt wird. Neurobiologie? Natürlich haben Pflanzen kein Nervensystem, dessen sind sich die beiden Pioniere durchaus bewusst. Doch ist schon lange bekannt, dass es bei Pflanzen neben den gut erforschten chemischen Botenstoffen auch sogenannte elektrische Aktionspotenziale gibt. Es ist denkbar, dass diese der internen Informationsübertragung dienen, ähnlich wie in den Nerven der Tiere und Menschen.

Wood Wide Web

Frantisek Baluska und Dieter Volkmann leiten je eine Forschungsgruppe am Bonner Institut. Seit zwanzig Jahren untersuchen die beiden, wie Pflanzen auf Umweltsignale reagieren, besonders im Wurzelbereich. «Wir wissen, dass Pflanzen unter der Erde intensiv miteinander kommunizieren», sagt Dieter Volkmann. «Sie reden miteinander und auch mit bestimmten Pilzen. Dieses unterirdische Kommunikationsnetz ist mindestens so gross wie das World Wide Web, es ist ein riesiges dynamisches Netz.» Pflanzen verwenden zur Kommunikation in Wasser gelöste Botenstoffe; mit den Wurzeln können sie diese Stoffe «schmecken» – so funktioniert das Wood Wide Web. «Pflanzen haben vermutlich mehr Sinne, also mehr Sensoren als wir Menschen oder besser: als von Menschen und Tieren bekannt sind», sagt Baluska. «Wurzeln können sich offenbar in Magnetfeldern orientieren wie Vögel. Auch elektrische Felder benutzen sie zur Orientierung.» Volkmann fügt an, er habe vor zwanzig Jahren in einem Interview gesagt, Pflanzen könnten riechen, schmecken, sehen und hören. Das habe einen Riesenaufruhr provoziert. Unterdessen sei vieles bestätigt worden.

Schöner wachsen mit Bach?

Auch hören? Pflanzen, die mit Barockmusik besser wachsen – da gerät man leicht in esoterisches Fahrwasser. Baluska bestätigt: Man müsse da vorsichtig sein. Doch Pflanzen seien empfindlich auf jede Art mechanischer Reize. Unsere Sprache oder Musik seien offenbar stark genug, um die Pflanzenmembranen zu reizen. «Pflanzen nehmen die Frequenzen der Töne wahr, sie hören eine Bach-Sonate aber kaum als Musik. Gut möglich, dass solche Frequenzen Einfluss auf das Wachstum haben. Obwohl das viele Wissenschaftler immer noch nicht gern hören.» Volkmann nennt ein ähnliches Beispiel: Als vor rund zwanzig Jahren einige Forscher behaupteten, Pflanzen reagierten auf Streicheln, galt das als abwegig. Sie streichelten Sonnenblumenkeimlinge jeden Tag ein paar Mal und beobachteten, dass sie dickere Stängel bildeten und kleiner wuchsen. Heute wisse man, dass die Berührungen gewisse Gene aktivierten. Sie heissen Touch-Genes, also Berührungsgene. Sind die Touch-Genes erst einmal aktiviert, ändert sich das Wachstum der Pflanze; die Stängel werden dicker. Und das ohne Esoterik, sagt Volkmann. Die Neurobiologie von Tier und Mensch umfasst drei Bereiche: Sinneszellen, Nervenzellen und Gehirn. Wer sich den Finger verbrennt, zieht ihn sofort zurück. Die Sinneszellen an der Fingerkuppe registrieren die plötzliche Hitze und wandeln die Information in elektrische Aktionspotenziale um. Nervenzellen leiten diese in Sekundenbruchteilen ins Gehirn. Die Antworten des Gehirns sind einerseits der Befehl an die Muskelzellen, den Finger zurückzuziehen, andererseits die Schmerzempfindung. Das Nervensystem ermöglicht blitzschnelle Reaktionen. Bei Pflanzen seien in den letzten Jahren viele analoge Mechanismen gefunden worden, sagt Frantisek Baluska. Doch es ist unbestritten: Nerven haben sie keine. Wie reicht die Pflanze elektrische Aktionspotenziale weiter? Baluska erklärt: «Im Stängel und in den Wurzeln einer Pflanze stehen die Zellen röhrenförmig und geordnet übereinander. Sie sind stabil, und sie verlaufen immer in eine Richtung, von oben nach unten oder von links nach rechts. Das ist nicht so ein Durcheinander wie in tierischem oder menschlichem Gewebe. Darüber hat man bisher nicht viel nachgedacht.» Die Pflanzenneurologen vermuten, dass die Aktionspotenziale diesen Röhren, den Zellreihen, entlang geleitet werden. Elektrophysiologische Messungen von Stefano Mancuso und anderen hätten dies bestätigt. Zudem, ergänzt Volkmann, seien in den letzten Jahren viele Moleküle bei Pflanzen entdeckt worden, die unseren Neurotransmittern ähneln. Das sind chemische Moleküle, die die Signalübermittlung zwischen einer Nervenzelle und ihren Nachbarinnen – einer weiteren Nervenzelle, einer Sinnes- oder Muskelzelle – regeln. Fast alle bekannten Neurotransmitter hat man laut Volkmann auch in Pflanzen gefunden. Pflanzen produzieren zudem viele Substanzen, die Nervenzellen direkt beeinflussen können – wir kennen sie als Drogen wie Cannabis, Nikotin, Coffein. Susan Murch vom Institut für Ethnobotanik in Kalaheo (USA) schreibt, man habe lange Zeit geglaubt, diese chemischen Moleküle dienten der Pflanze vor allem zur Abwehr von Schädlingen. Neuere Untersuchungen indessen legen nahe, dass sie auch für die Regulierung wichtiger Prozesse innerhalb der Pflanze eine Rolle spielen. Ein Gehirn sucht man bei Pflanzen natürlich vergebens: «Das brauchen sie auch nicht», sagt Baluska. «Sie haben einen diffusen Kommandobereich, der Reize von aussen wahrnimmt, darauf reagiert und sich immer wieder auf Neues einstellt. Wir glauben, dass Bereiche nahe den Wurzelspitzen dabei eine wichtige Rolle spielen. In der Wurzelspitze selber befinden sich viele Sinneszellen. Doch gleich anschliessend folgt eine Zone, deren Zellen sich weder teilen noch strecken – das ist ungewöhnlich. Diese Zellen aber sind elektrophysiologisch besonders aktiv.»

Denken an der Wurzel

Frantisek Baluska zeigt auf dem Bildschirm eine Maispflanze mit ihrem riesigen Wurzelwerk: Tausende kleiner Wurzelspitzen bilden ein undurchdringliches Netz, viel voluminöser, viel breiter und grösser als der Maisstängel über der Erde. Jeder einzelne der dünnen Wurzelzweige habe eine solche Zone, die wahrscheinlich gehirnähnliche Funktionen wahrnehme, sagt Volkmann. Alle zusammen bildeten – er scheut vor dem Begriff nicht zurück – das «Gehirn» der Pflanze. «Dafür spricht auch, dass das ganze System von sich weiss, wie gross es ist, ob es genügend Wasser hat, in welcher Umgebung es lebt.» Baluska und Volkmann räumen ein, dass sie erst mit Hypothesen arbeiteten – und mit gewagten noch dazu. Noch sei vieles nicht erhärtet. Wie reagieren die KollegInnen? «Natürlich gibt es viele Gegner», sagt Dieter Volkmann. «Sie sagen, Pflanzen haben keine Nerven, also soll man nicht von Neurobiologie sprechen. Wir erwähnen dann, dass Forscher vor rund achtzig Jahren in Pflanzen das Hormon Auxin entdeckten. Es hiess gleich, das könne nicht möglich sein, Hormone gebe es nicht bei Pflanzen, aber bald fand man noch andere. Sie wurden Phytohormone genannt – Pflanzenhormone also –, und dieser Ausdruck hat sich etabliert. Inzwischen fand man viele Hormone, die bei Tieren wie bei Pflanzen vorkommen.» Frantisek Baluska ergänzt: «Bisher gab es in der Pflanzenphysiologie kaum elektrophysiologische Untersuchungen. Pflanzen mit Nerven – das war suspekt. Niemand wollte ein Gebiet finanzieren, dem im Entferntesten der Ruch des Esoterischen anhaftete. Erst in den letzten Jahren begann sich dies zögerlich zu ändern. Es ist schwer, solche Dogmen und Denkblockaden aufzuweichen. Für die Forschung bedeutete dies zehn bis zwanzig Jahre Stillstand.»

Überfällige Entwicklung

Die neuen Erkenntnisse und Thesen bedeuten eine Abkehr von der immer noch weit verbreiteten Vorstellung, Pflanzen seien eine Art Roboter, die stur einem eingebauten genetischen Programm folgen und auf den gleichen Reiz immer gleich reagieren. Viele ForscherInnen geben heute zu, dass dieses mechanistische Bild zu kurz greift. Doch die meisten gehen nach wie vor nicht so weit, Pflanzen nervenähnliche Strukturen zuzugestehen. Zwei Kongresse hat die Gesellschaft für Pflanzenneurobiologie schon veranstaltet, seit kurzem erscheint auch eine wissenschaftliche Zeitschrift zum Thema. Bei der Namenwahl zeigte sich allerdings, wie umstritten der Begriff «Neurobiologie» ist. Eigentlich sollte das Blatt «Plant Neurobiology» heissen, doch nach Diskussionen unter den KongressteilnehmerInnen einigte man sich auf den weniger verfänglichen Namen «Plant Signaling and Behavior». Die Forschung, sagt Baluska, habe in den letzten Jahren derart viele neue Erkenntnisse gebracht, dass sie mit der konventionellen Denkweise nicht mehr hätten bewältigt werden können. Eine Plattform für die Erforschung von Kommunikations- und Informationsnetzwerken sei überfällig gewesen. Nötig seien neue, interdisziplinäre und holistische Forschungsansätze, ein enges Zusammengehen von Zellbiologie, Elektrophysiologie und Ökologie. Und wie steht es mit der unsanft ausgerissenen Karotte – empfinden Pflanzen Schmerzen? «Das wissen wir nicht», sagt Baluska. «Sie nehmen aber wahr, wenn sie ein Problem haben.» Wenn man ein brennendes Streichholz unter ein Mimosenblatt halte, würden die Blätter auch in zwanzig Zentimeter Entfernung noch ausschlagen. Sie reagierten blitzartig. «Ob sie dabei leiden, ist uns nicht bekannt. Natürlich höre ich keinen Schmerzensschrei, doch die Pflanze reagiert heftig.» Und Volkmann ergänzt nachdenklich: «Pflanzen haben Hormone und Proteine, die bei Menschen bei der Auslösung von Schmerzen eine Rolle spielen.» Zum Glück fallen Äpfel zumeist ins weiche Gras.

[56] Der Preis ging an den Geistlichen François Xavier Talbert (1728 – 1803), einem Prediger am Hof von Louis XV, der jedoch später nach Lemberg auswanderte.

[57] Thomas Hobbes (1588-1679). Hobbes’ Leviathan erschien 1651 aus der Dringlichkeit eines gesetzlich geregelten Rechtssystems in Folge der englischen Machtkämpfe und des grausamen Bürgerkriegs von 1642.49.  (Der Name bezieht sich auf ein Seeungeheuer, das von der babylonischen und kanaanitischen Mythologie herkam und in die jüdische überging)

[58] Entstand 1668, wurde jedoch erst 1682 nach Thomas Hobbes’ Tod veröffentlicht. (Auch Behemoth ist ein Ungeheuer aus der jüdischen Mythologie, das noch älteren Ursprungs ist).

[59] Johann Gottfried Herder (1744 – 1803)

[60] Johann Georg Hamann (1730 – 1788). Empfehlenswert zu lesen (nur noch antiquarisch erhältlich) ist: Vom Magus im Norden und der Verwegenheit des Geistes. Ein Hamann-Brevier. Hg. von Stefan Majetschak. Deutscher Taschenbuch-Verlag, München 1972

[61] cf. Albrecht Grözinger. Die Sprache des Menschen. Ein Handbuch. Grundwissen für Theologinnen und Theologen. Verlag Chr. Kaiser, München 1991

[62] Johann Gottfried Herder. Sprachphilosophische Schriften. Hg. von Erich Heintel. Verlag Felx Meiner. Hamburg, S. 3

[63] Herder 1960, S. 20

[64] Herder 1960, S. 30

[65] Herder 1960, S. 31

[66] Johann Wolfgang Goethe (1749-1832)

[67] Die erste Italienreise dauerte von 1786 bis 1788 und war von prägendem Einfluss auf Goethes Entwicklung; die zweite von 1790, lediglich nach Venedig, wurde eher in Zusammenhang der politischen Unruhen erlebt. – Zehn Jahre nach Goethes Tod, 1843, befasste sich Joseph Mallord William Turner (1775-1851) eingehend mit Goethes Farbenlehre, so wie im 20. Jahrhundert u.a. Wassily Kandinski  (1866-1944) in seinem Buch Über das Geistige in der Kunst von 1912, ferner Ludwig Wittgenstein (1889-1951) in Remarks on Colour (pubiziert durch G.E.M. Anscombe, Verlag Basil Blackwell, Oxford 1977) in den letzten zwei Lebensjahren.

[68] Die Farbenlehre Goethes. Hg. Yvonne Schwarzer. Westerweide Verlag, Witten 2004, S. 26

[69] Wilhelm von Humboldt (1767 – 1835)

[70] neben Lateinisch, Griechisch und Französisch, die er schon in der Kindheit gelernt hat, Englisch, Italienisch, Spanisch, Baskisch, Ungarisch, Tschechisch, Litauisch, die Eingeborenensprachen Amerikas, Koptisch, Altägyptisch, Chinesisch, Japanisch und Indisch-Sanskrit. – Die bedeutendsten Arbeiten im sprachphilosophischen Bereich finden sich über 40 Jahre von Über Denken und Sprechen (1795) bis zu Über die Verschiedenheit des menschlichen Sprachbaus und über den Einfluss auf die geistige Entwicklung des Menschengeschlechts (1836), dazwischen Untersuchungen über die Entstehung der männlichen und weiblichen Formen in der Sprache, über die Buchstabenschrift, über die Sprachen der Südsee-Inseln (insbesondere die Einleitung zum Kawi-Werk). – Es findet sich eine Neuausgabe in: W.v. H. Werke in 5 Bden, Wissenschaftl. Buchgesellschaft, Darmstadt 2002; auch ein kleiner gesammelter Werkband: W.v.H. Schriften zur Sprache, Reclam Verlag, Stuttgart 1873.

[71] Wilhelm von Humboldt. Über Denken und Sprechen (1795). Stuttgart 1973, S. 4-5

[72] Humboldt. Einleitung zum Kawi-Werk (1830). Stuttgart 1973, S. 53-59

[73] Paul Celan. Anabasis. In. Die Niemandsrose. Gesammelte Werke, Bd. I, Suhrkamp Verlag, Frankfurt a.M., S. 256-257

[74] bei Xenophon (426 v. Chr. – 355 v. Chr.), einem Schüler von Socrates, der unter diesem Titel den verhängnisvollen Feldzug von Kyros dem Jüngeren gegen seinen älteren Bruder Ataxerxes II schilderte, den er als Berichterstatter begleitet hatte.

[75] Ferdinand de Saussure (1857-1913) hat selber seine Untersuchungen nicht veröffentlicht; diese liegen nun zumeist als Sammlung von Aufzeichnungen, Notizen und Aufsätzen vor, ins Deutsche übersetzt u.a. Ferdiand de Saussure. Wissenschaft der Sprache. Neue Texte aus dem Nachlass, Suhrkamp Wissenschaft (Taschenbuch), Frankfurt a.M. 2003

[76] Von Fritz Mauthner (1849-1923) neben literarischen Werken vor allem das 2bändige Wörterbuch der Philosophie, Diogenes Verlag, Zürich 1980, in welchem aufs sorgfältigste die Etymologie der Wörter untersucht wird.

[77] Ludwig Wittgenstein (1889 – 1951) hat ausser dem während des  Ersten Weltkriegs geschriebenen Tractatus logico-philosophicus selber nichts publiziert, hinterliess jedoch ein immenses Schriftwerk, das posthum unter dem Titel Schriften bei Suhrkamp veröffentlicht wurde.

[78] Jean Piaget (1896 – 1980) hat ein umfangreiches Werk herausgegeben. Daraus ist  in dt. Sprache besonders lesenwert das 1976 publizierte  Sprechen und Denken des Kindes.

[79] Von  Jacques Derrida (1930 – 2004) in diesem zusammenhang besobders zu empfehlen: Die Schrift und die Differenz. Verlag Suhrkamp, Frankfurt a.M. 1972

[80] Von Noam Chomsky (geb. 1928), einem der bedeutendsten Linguisten ,ist  der grösste Teil des Werks in Englisch zu lesen. In deutscher Sprache liegt vor: Noam Chomsky. Sprache und Geist. Verlag Suhrkamp, Frankfurt a.M. 1999

[81] Martin Buber ( 1878 – 1965), hat vor allem mit dem erstmals 1923 veröffentlichten Buch Ich und Du die Grundlage einer dialogischen Kommunikation geschaffen, die sich jedoch in seinem ganzen Werk fortsetzt.

[82] Hermann Levin Goldschmidt (1914 – 1998) ist, in Fortsetzung von Martin Buber, von besonderer Bedeutung in der Schweiz, so durch seine Dialogik von 1964. Heute liegt sein Gesamtwerk in 9 Bden. vor, hg. von Willi Goetschel, Passagen-Verlag, Wien.

[83] Ludwik Lejzer Zamenhof (1859 geb. im polnischen Bialystok, damals unter russischer Herrschaft, und 1817 gest. in Warschau), Augenarzt und bedeutender Denker in Fortführung von Hillel (Zeitgenosse von Jesus) für Gewaltfreiheit und Nächstenliebe als massgebliche Ethik des Zusammenlebens.

 

  1. Abend

 

„Ganz am Anfang sind wir, siehst du.

Wie vor Allem. Mit

tausend und einem Traum hinter uns und

ohne Tat.

Ich kann mir kein seligeres Wissen denken,

als dieses Eine:

dass man ein Beginner werden muss.

Einer der das erste Wort schreibt hinter einen

jahrhundertelangen

Gedankenstrich.“[1]

Rilke war erst 23 Jahre alt, als er die Melodie der Dinge schrieb, ein nachdenklicher Beobachter seiner Einsamkeit, bewusst seiner sich über die Sprache äussernden vielfältigen Abhängigkeit von den Anderen und zugleich, wenn nicht in erster Linie, von sich selber. War es nicht das dringlichste Lernen für ihn, der sich von seiner Mutter nicht geliebt und daher nicht verstanden fühlte? Beruht nicht das Lernen auf dem Leiden? Und das Verstehen auf dem Lernen?

Tatsächlich eröffnet die Erfahrung, nicht im Hader mit der fehlenden Nähe zu zu verharren, sondern ein „Beginner zu werden“ und sich an einem neuen  Anfang zu fühlen, die Möglichkeit zu verstehen. „Erinnere dich“, fuhr Rilke  fort, „dass die Menschen viele und bauschige Gebärden und unglaublich grosse Worte haben. (…) Mit Worten und Gesten suchen sie sich zu erreichen. Sie renken sich fast die Arme aus, denn die Gebärden sind viel zu kurz. Sie machen unendliche Anstrengungen, die Silben einander zuzuwerfen und sind dabei noch herzlich schlechte Ballspieler, die nicht auffangen können. So vergeht die Zeit mit Bücken und Suchen – ganz wie im Leben.“[2]

Das Gemeinsame der Laut- resp. Klangsprache bei Tieren und Menschen, die Körper- und Bewegungssprache, das wechselseitige „Silben zuwerfen“[3], das „Bücken und Suchen“ blieb auch mit der menschlichen Entwicklung des Bewusstseins und der Wahlmöglichkeiten – d.h. der Freiheit  – im Umgehen mit den Wahrnehmungen, mit deren Benennung, dem Hinterfragen und Erklären erhalten. Die Laut- und Klangsprache wurde in eine weitere Entwicklungsgeschichte aufgenommen, in jene der Wortsprache, die, ausgehend von Grundworten, in eine unendliche Vielfalt hineinwuchs, ohne die Anfänge des klanglichen Mitteilens und des Austauschs zu verlieren. Konsonanten, die durch den Unterbruch oder Stoss des Atems, sei es im Gaumen, im Mundraum, mittels der Zunge oder der Lippen entstehen, entsprechen vom Lauf und Klang her sowohl dem tierischen Vermitteln von Gefühlen wie jenem des Windes in den Zweigen und Blättern der Bäume oder dem Rauschen des Wassers am Strand. Ob beim leisen oder beim lauten Aussprechen der Konsonanten werden Vokale mitgetragen, die je nach dem Ton die Bedeutung dessen, was zum Ausdruck kommt, verständlich machen.

Doch was geschah, als die menschliche Verständigung über die Klangsprache, die zur Wortsprache wurde, die sich im Echo vielleicht vervielfachte, doch sonst von und zu Mund verklang, sich in Bild- und Zeichensprachen, dann in Schriftsprachen mit Alphabet und Grammatik verfestigte? Geschah dadurch ein Bruch und ein Verlust oder eine Erweiterung der ursprünglichen Möglichkeiten der Verständigung? Eventuell beides?

In erster Linie ging es vermutlich um Dokumentation. Das Festhalten in vertikalen und horizontalen Zeichen, in formalisierten, vereinfachten Bildern, allmählich in Buchstaben geschah infolge eines sich erweiternden Zeitbewusstseins, des Bewusstseins von Geschichte. Was wichtig erschien, sollte nicht verloren gehen, sondern festgehalten werden und auch für die Nachkommen erhalten oder verfügbar bleiben. Doch ebenso muss angenommen werden, dass mit der Schrift die Menschenzeit der wachsenden Missverständnisse einsetzte, insbesondere der scheinbar begründeten Unstimmigkeiten, die sich in Fehde und Rache aufbauschten, sich grenzenlos  ausweiteten und durch die Niederschrift verfestigten. Herder hatte festgehalten, dass der Buchstabe die innere Natur des Menschen „verwillkürt“ habe.[4]

Nicht zu vergessen ist, dass der Schriftsprache die Entdeckung und Umsetzung der vielen Möglichkeiten der Hand voraus ging. Es muss die prometheïsche Entdeckung des Feuers gewesen sein sowie jene der Fähigkeit, Holz, Stein und Metall zu bearbeiten sowie Werkzeuge und Waffen herzustellen, die veranlasst hatte, die Wohn- und Schutzorte der Höhlen zu erhellen, sie mit Bildern der Tiere zu schmücken, der nächsten Verwandten, mit denen und von denen die damaligen Menschen lebten und deren Abbilder bis in die heutige Zeit als Zeichen zurückgelassen wurden, die Staunen und Ehrfurcht wecken.[5] Die praktischen und die ästhetischen Bedürfnisse der Menschen wurden auf immer geschicktere und vielfältigere Weise umsetzbar. Allmählich liessen sich aus Lehm Ziegel herstellen sowie Hütten und Boote bauen; das Raumgefühl erweiterte sich, neue Lebensorte wurden entdeckt und Handel wurde betrieben.

Es ist anzunehmen, dass sowohl ein Bewusstsein von Können und Macht[6] wie ein Bewusstsein der Grenzen von Können und Macht aufkam, ein wachsendes Wissen um die menschliche Hilflosigkeit vor Unglück und Tod, ja ein Wissen um die Machtlosigkeit vor der grossen Himmels- und Erdnatur. In dieser Epoche entstand ohne Zweifel die Überzeugung der Schutznotwendigkeit durch göttliche Kräfte, die des Anrufs und der Verehrung bedurften, eine Überzeugung, die sich über die Erklärungskraft der Mythen zu verschiedenen religiösen Glaubensinhalten und Kultritualen  entwickelten, von denen wir zu einem kleinen Teil Kenntnis haben, die sich zum einen Teil bis heute fortsetzten, zum anderen Teil sich in Geistes- und Naturwissenschaften dem kritischen Denken aussetzten, auch der Akzeptanz des Nichtwissens. Zusätzlich zum wachsenden mythologischen Fundus, der vielen Menschen einen Halt bot, muss sich innerhalb der anwachsenden Stämme und Völker jene erste Überheblichkeit und Masslosigkeit entwickelt haben, die in der Bibel mit der jahwistischen Geschichte des Turms von Babel und der Bestrafung durch die Sprachverwirrung erzählt wird.[7]

Im Ablauf dieser Epoche, in welcher die Geschicklichkeit der Hände über die ersten Werkzeuge die Flüchtigkeit des Augenblicks überwinden konnten, begann auch der Griffel als Werkzeug benutzt zu werden, um in Stein oder Ton verständliche Zeichen zu ritzen, oder diese mit Hilfe von Federn auf Papyrus festzuhalten, den aus dem Mark der Papyrus-Stengel kunstvoll gewonnenen Streifen, die, durch den eigenen Saft kreuzweise übereinandergeklebt, zu gut benutzbaren Schriftflächen wurden. Dies ermöglichte jene Dokumentation, die vermutlich schon damals von grosser Bedeutung war und uns heute vielseitige Annäherungen an Wissen um die lang vor unserer Zeit gelebten Kulturen anbietet.

Das noch ältere Lautsystem, das gemäss Ranke-Graves im alten Griechenland von den Priesterinnen der Mondgöttin als Geheimsprache mit Hilfe verschiedener Zweige benutzt worden sei, blieb nicht erhalten. Was erhalten blieb, macht deutlich, wie nah sich die verschiedenen Schriften  – und damit die Sprachen der indogermanischen Kulturen – in den Anfängen waren. Vermutlich bestand während Jahrhunderten eine Vertrautheit im Verstehen der Zeichen, die sich sowohl aus einfachen vertikalen und zum Teil horizontalen Strichen wie aus stilisierten Bildern – z.B. eines Stierkopfs, eines Kranichs, einer Hand, eines Auges, eines Baums, dem Grundriss eines Hauses etc. etc. – zusammensetzten und die dazu dienten, Konsonanten sowie Zahlen festzuhalten. Sie finden sich in der sumerischen Keilschrift, die im Zweistromland seit dem 3. Jahrtausend v. Chr. auf Tontafeln festgehalten wurde, in den ältesten ägyptischen Hieroglyphen (etwa aus der gleichen Zeit)[8] wie in den frühesten Aufzeichnungen in den hebräischen Dokumenten aus der Zeit ca. 1000 v. Chr., die, wie auch die syrischen, griechischen, indischen, lateinischen und weiteren ca. im 4. Jahrhundert v. Chr. aus den aramäischen abgeleitet worden waren, die wiederum aus den phönikischen stammten, einer Konsonantenschrift, die mit 22 Zeichen (dazu kamen noch zwei Hinweise auf Vokale) vom 11. bis ins 5. Jahrhundert v. Chr. verwendet wurde.

Bei Ranke-Graves findet sich dank der sorgfältigen Aufarbeitung der griechischen Mythologie eine Aufzeichnung über die Entstehung und Entwicklung des Alphabeths („alpha“ ist der erste der achtzehn Buchstaben)  und der Schrift, wie wir sie zum Teil heute noch kennen.[9] Danach sollen die drei Schicksalsgöttinnen – die Moiren – oder die Mondgöttin Io die ersten fünf Konsonanten geschaffen haben, und Hermes habe die Laute zu Buchstaben geformt. Kadmos aber, der boiotische Held und König der von ihm gegründeten Stadt Theben, Bruder der von Zeus geraubten und nach Kreta entführten Europa, habe auf der Suche nach seiner Schwester auf der Insel Thera[10] Halt gemacht und der dortigen Bevölkerung das Schreiben beigebracht. Er habe die Reihenfolge der Buchstaben auf achtzehn geändert – dreizehn Konsonanten und fünf Vokale -, jedoch an der Spitze alpha stehen lassen.[11] Wie Ranke-Graves nachweist, entsprach auch das irische und gallische Alphabet, das seine Buchstaben nach Bäumen benannte[12], im Aufbau der – gemäss der griechischen Mythologie – ursprünglich von Hermes angeordneten pelasgischen und später lateinischen Buchstabenfolge mit dreizehn Konsonanten und fünf Vokalen.

Doch kein Wissen ist definitiv, es ist ständiger Erweiterung und Korrektur ausgesetzt. Mitte Juli 2005 wurde die Sprachforschung durch die Mitteilung über einen noch älteren Schriftfundus überrascht, der auf einer 7000 Jahre alten Tontafel in Jela, am Südufer der Sawe, westlich von Belgrad entdeckt wurde, auch hier mit Piktogrammen, die jenen der phönizischen Zeichen ähnlich sind. Die Ursprünge gehen somit Tausende von Jahren zurück, während die breitere  Benutzung der Schriftsprache in einer Diversität von Zeichen etwa vor drei- bis zweieinhalbtausend Jahren einsetzte.

Obwohl  – vielleicht eher weil – die Entwicklung der Schrift aufs engste mit der menschlichen Fortschrittsgeschichte verknüpft ist, versetzt die Auseinandersetzung über deren Bedeutung in einen Zwiespalt. Jesper Svenbro[13] zum Beispiel, einer der grossen Altphilologen, hält in Schreiben verweigern. Lesen verweigern, einem seiner neueren, in Ameisenwege publizierten Essays fest, dass es nicht verwunderlich sei, dass Pythagoras und Sokrates, die „Giganten der westlichen Philosophiegeschichte, Urheber von Theorien unüberschaubarer Konsequenzen, der Nachwelt kein einziges geschriebenes Wort hinterlassen haben.“[14] Für beide grossen Denker – wie für die Griechen generell – sei die Schrift nicht als Göttergeschenk, sondern als Menschenwerk betrachtet worden, sei doch Kadmos der erste gewesen, der sie umgesetzt und gelehrt habe. Als „belebt und beseelt“ sei allein die gesprochene Sprache betrachtet worden, während das „geschriebene Wort ohne Leben und unbeseelt“ erschienen sei. Die Schrift sei geschaffen worden aus der Angst vor dem Tod und vor der Spurenlosigkeit des gelebten Lebens. Doch „die Götter sind unsterblich. Aus der Perspektive der Griechen betrachtet, brauchen sie deshalb keine Schrift. Sie brauchen nicht wie die Menschen darüber besorgt zu sein, eines Tages eine Leere zu hinterlassen. Sie werden immer da sein, immer und überall. Die Menschen hingegen sind früher oder später dazu verurteilt zu verschwinden, und die Schrift ziehlt just darauf ab, die Leere nach dem Weggang einigermassen zu füllen. Schreiben heisst mit anderen Worten, seine bevorstehende Abwesenheit anzuerkennen, seine Sterblichkeit einzugestehen.“[15]

Bedeutet somit die Verweigerung zu schreiben – heute zu publizieren – eine grössere Gottnähe, wie Jesper Svenbro annimmt? Für Pythagoras und seine Anhänger, für die das Töten von Tieren unerlaubt war – wie auch für die Orphiker -, da alles Leben zur einen grossen, mit dem Göttlichen verbundenen Familie gehört, verhielt es sich auf der Ebene der Sprache analog. „Der Buchstabe tötet. Also schreibt Pythagoras nicht“.[16] Als bedeutender Denker scharte er eine grosse Anhängerschaft um sich – insbesondere im damals griechisch besetzten süditalienieschen Kroton (Crotone) -, aus welcher einzelne Schüler seine religiöse, politische und mathematische Lehre schriftlich festhielten. Bekannt ist insbesondere Philolaos[17], der ohne Zweifel als Nachfolger von Pythagoras verehrt wurde, ebenso über fünf Jahrhunderte später Nikomachos von Gerosa, der im 2. Jahrhundert n. Chr. im heutigen Jordanien lebte und eine bedeutende Einführung in die Arithmetik verfasste, in welcher – vermutlich in Fortsetzung der pythagoreischen Lehre – auch Ordnungsprinzipien der Musik, Geometrie, Astronomie und Kosomogonie dargestellt wurden.

Und Sokrates, warum hielt er nicht schriftlich fest, was er an Erkenntnissen seinen Freunden vermittelte? Sokrates war frei von Angst vor dem Tod, daher auch frei von Angst vor der Leere. Er war überzeugt, dass das Göttliche im Menschen die Seele ist – gr. psyche -, dass die Seele daher unsterblich ist. Wenn aber die Seele unsterblich ist, bedarf es nicht der Schrift, um dem Menschen eine Dauer über den Tod hinaus zu ermöglichen. Die Seele überlebt den Tod, somit auch alles, was im Gespräch weitergegeben wurde. Für Sokrates war, gemäss Svenbros Analyse, die Schrift das aufdringlich Verführerische, das einer sexuellen Penetration vergleichbar sei und das über die Lektüre Menschen zum Objekt werden lasse. Der Schrift sei auch etwas Betrügerisches inne, da dadurch eine Scheinkenntnis und ein Scheinwissen entstehen können, wie dies für Phaidros durch das Büchlein des Redners Lysias, seines Liebhabers, geschehen sei. Was geschrieben werde, gehöre daher dem Vergänglichen an, während die Erkenntnisse selber, insbesondere die Ideen als Widerschein und Abglanz des Göttlichen im Menschen, über den Klang und Rhythmus der Sprache weitervermittelt würden und im wachen, kritischen Gesprächsaustausch über den Tod hinaus zeitlos blieben .“Es gibt daher für Sokrates keinen Grund, seine Gedanken schriftlich zu fixieren.“[18] Dass an Stelle von Sokrates sein Schüler Platon die Aufgabe der Niederschrift übernahm, erachtet Svenbro nicht als widersprüchlich, gründete Platon damit doch die Akademie, in welcher während Generationen dank der geschriebenen Fassung die sokratischen Dialoge fortgesetzt wurden.

Ebenso wenig erstaunt es, dass Jesus nicht niederschrieb, was für ihn von Bedeutung war. Auch bei ihm waren es die Schüler und Freunde – Matthäus, Markus, Lukas und Johannes, später Peter und Paulus und weitere, die seine Lehre festhielten und sich für diese einsetzten. Auch Jesus war dem Tod gegenüber angstfrei, wenngleich nicht gegenüber dem von Menschen zugefügten Leiden.

Wir selber bewegen uns in dieser Fortsetzung. Sind wir daher kritisch gestimmt bei jeder Lektüre, auf der Hut – begründeterweise – vor Betrug und Täuschung? Doch auch wir fahren mit Schreiben und Lesen fort. „Es ist ein seltsam Ding mit der Schrift“, hielt Claude Lévi-Strauss nach jahrzehntelanger Untersuchung von Religionswissenschaften schriftloser Völker in seinem Werk Tristes Tropiques fest[19], das sich insbesondere auf die Ergebnisse seiner  Forschungsreisen im Amazonasgebiet zwischen 1935-1939 abstützte. Er stellte sich die Frage, ob das Auftauchen der Schrift Veränderungen „intellektueller Natur“ bewirkt habe oder in erster Linie verhängnisvolle Auswirkungen dessen aufzeige, was als „Fortschritt“ erklärt wird. Ferner ob die damals generelle Erklärung, dass „die Kenntnis der Schrift in hohem Mass die Möglichkeiten des Menschen vervielfältigt, sein Wissen zu bewahren“, zutreffe oder nicht. Was traf zu, was nicht? „Gern würden wir sie (die Schrift) uns als ein künstliches Gedächtnis vorstellen, dessen Entwicklung eine bessere Kenntnis der Vergangenheit und damit eine bessere Fähigkeit, Gegenwart und Zukunft zu organisieren, erlauben müsste. Und auch wenn man alle Kriterien ausschaltet, die je vorgeschlagen wurden, um die Barbarei von der Kultur zu unterscheiden, möchte man wenigstens dieses eine behalten: dass es Völker gibt, welche die Schrift kennen und somit in der Lage sind, alte Erwerbungen zu kumulieren und schneller an das Ziel gelangen, das sie sich gesteckt haben, während die schriftlosen Völker, welche die Vergangenheit nur so weit bewahren können, wie das individuelle Gedächtnis sie festzuhalten vermag, Gefangene einer schwankenden Geschichte bleiben, der stets der Ursprung und das dauerhafte Bewusstsein der Planung fehlt.“[20]

Lévi-Strauss stellt sich der Annahme entgegen, dass die Schrift zum Vorteil der menschlichen Entwicklung einen wesentlichen Beitrag geleistet habe; nichts rechtfertige diese Erklärung oder gar Behauptung. Die Schrift habe eine andere Bedeutung. Die eigentlichen schöpferischen Phasen der menschlichen Entwicklung seien vor deren Entstehung erfolgt, in den Jahrtausenden des Neolithikums[21], in  welchen, wie schon dargestellt wurde, fortschreitend von Osten nach Westen die Veränderungen der menschlichen Lebensformen einsetzten, die Menschen aus den Wäldern austraten (wie auch Giambattista Vico ausgeführt hat) und sesshaft wurden, Werkzeuge und Kunstgegenstände herstellten, aus Holz Schiffe bauten und aus Lehm, Mörtel und Ton Hütten und Gefässe herstellten, die Erde bearbeiteten, Pflanzen züchteten und Tiere domestizierten. Sie bildeten Familiensysteme und allmählich Völker, sie konnten sich verständigen, sie verteidigten ihren Boden und führten Kriege gegen andere Völker, doch sie schrieben nicht. „Sollte die Schrift zwischen dem vierten und dem dritten Jahrtausend vor unserer Zeitrechnng entstanden sein, so darf man in ihr ein bereits fernes (und zweifellos indirektes) Ergebnis der neolithischen Revolution sehen, jedoch keineswegs ihre Voraussetzung. (…) Das einzige Phänomen, das die Schrift begleitet hat, ist die Gründung von Städten und Reichen, das heisst die Integration einer grossen Zahl von Individuen in ein politisches System sowie ihre Hierarchisierung in Kasten und Klassen.  – Dies ist jedenfalls die typische Entwicklung, die man von Ägypten (über ganz Europa und Vorderasien / maw) bis China in den Augenblicken beobachten kann, da die Schrift Einzug hält: sie scheint die Ausbeutung der Menschen zu begünstigen, lange bevor sie ihren Geist erleuchtet. (…) Wenn meine Hypothese stimmt, müssen wir annehmen, dass die primäre Funktion der schriftlichen Kommunikation darin besteht, die Versklavung zu erleichtern. Die Verwendung der Schrift zu uneigennützigen Zwecken, d.h. im Dienst intellektueller und ästhetischer Befriedigung, ist ein sekundäres Ergebnis, wenn nicht gar nur ein Mittel, um das andere zu verstärken, zu rechtfertigen oder zu verschleiern“[22]

Die Schrift diente somit, gemäss den Forschungsergebnissen von Lévi-Strauss, in erster Linie der Macht und Herrschaft: dem Aufbau und der Verstärkung von Macht, der Etablierung von Herrschaftssystemen sowie gleichzeitig der Versklavung und Kontrolle der Menschen zu Gunsten der herrschenden Macht. Eine Bestätigung seiner Hypothese findet Lévi-Strauss, indem er die Entwicklung schriftfreier grosser Reiche im schwarzen Afrika oder im präkolumbischen Amerika als Vergleich heranzieht. Obwohl z.B. im Reich der Inka, das im 12. Jahrhundert entstand, Millionen von Menschen lebten, fiel dieses nach dem Zugriff von Pizarro und seiner Soldaten bald zusammen, da die Macht der Schrift bei den europäischen Eindringlingen lag. Auch habe in Europa im 19. Jahrhundert die Einführung der obligatorischen Schulpflicht auf der Erweiterung der Kontrolle des Proletariats und des Militärdienstes beruht. „Der Kampf gegen das Analphabetentum brachte eine verstärkte Kontrolle der Bürger durch die Staatsgewalt mit sich. Alle müssen lesen können, damit die Staatsgewalt sagen kann: Unkenntnis des Gesetzes schützt nicht vor Strafe. Dasselbe geschah auf internationaler Ebene dank jener Komplexität zwischen jungen Staaten (…) und einer Gesellschaft von Reichen, die sich in ihrer Stabilität durch die Realisationen von Völkern bedroht fühlten, die das geschriebene Wort noch nicht darin trainiert hatten, in willkürlich veränderbaren Formen zu denken.(…) Indem diese Völker Zugang zu dem in Bibliotheken angehäuften Wissen erhalten, werden sie empfindlich für die Lüge, welche die gedruckten Dokumente in noch weit grösserem Mass verbreiten als das gesprochene Wort. Zweifellos sind die Würfel gefallen.“[23]

Für Lévi-Strauss erwiesen sich z.B. im Nambikwara-Dorf diejenigen Bewohner als die klügsten, die sich trotzig vom Häuptling lossagten, als dieser versuchte, sich über das Symbol des Schreibens der modernen Zivilisation anzupassen. Es war, „als begriffen sie dunkel, dass Schrift und Betrug vereint bei ihnen eindrangen. Sie haben sich noch tiefer in den Busch zurückgezogen und sich eine Frist verschafft. Das Genie ihres Häuptlings, der sofort verstanden hatte, wie hilfreich ihm die Schrift für den Ausbau seiner Macht sein konnte und damit die Grundlage dieser Institution begriff, ohne ihre Verwendung zu beherrschen, flösste mir trotz allem Bewunderung ein.“[24] Die Vermutung lag für Lévi-Strauss nahe, dass der Häuptling sich bemühte, gegenüber dem fremden Eindringling, der alles, was er wahrnahm, auf Papier festhielt, ebenbürtig zu erscheinen. Er selber war es gewesen, der  das Instrument der Macht – Papier und Bleistift – weiter gegeben hatte.

Die Überlegungen zur Differenz von Schrift und gesprochener Sprache, die Vesper Svenbro schon im alten Griechenland feststellt und die Claude Lévi-Strauss in Zusammenhang der die Jahrtausende schriftfrei durchlebten Kulturen im Vergleich zum europäischen Fortschritt und der mit vielseitiger Versklavung verbundenen, lebenszerstörerischen Kolonisation aufnimmt, stimmen nachdenklich hinsichtlich aktueller Misstände, die durch die Verführungs- und Betrugsmacht der täglich wie Flugsand verbreiteten Schrift über Zeitungen, Reklamen und digitale Medien sich in politischer Hinsicht sowohl zur Konstruktion von Feindbildern wie zur persönlichen Unterwerfung, ja Versklavung den Menschen aufdrängt. Wer hat noch den Mut der Bewohner des Nambikwara-Dorfs, sich „in den Busch zurückzuziehen“, d.h. sich dem Druck der Anpassung nicht zu unterwerfen, sich nicht blind betören zu lassen, sondern sich ein Nachdenken zu ermöglichen? Tatsächlich ist heute die Herrschaft über Menschen durch die Kontrolle der „Papiere“, über die sie sich ausweisen müssen, allgegenwärtig. Wer „sans papiers“ und somit ohne schriftlich dokumentierte Identität ist, hat keine Chance, das Recht auf Respekt und persönlichen Lebenswert zu erlangen. „Ohne Papiere“ sein heisst ohne Subjektwert sein, heisst Objekt jeder Art von Verdacht und Entwertung, ja von Unwerterklärung und Verstossung zu sein.

War die Macht der Schrift nicht das Stigma, das auch Franz Kafka beherrschte? In seinen Tagebüchern und Briefen wie in einzelnen seiner Erzählungen, ganz besonders in der Strafkolonie[25], hält er diese  lebenszermalmende Macht fest, der er sich selber unterwarf und die ihn buchstäblich aufsog. Selbst wenn er von der „Tiefe des Papiers“ schreibt, in welche er seinen „ganz bangen Zustand“ aus sich „herausschreiben und, ebenso wie er aus der Tiefe kommt, hineinschreiben“ möchte, nicht „als künstlerisches Verlangen“, sondern „dass ich das Geschriebene vollständig in mich einbeziehen könnte“[26], so findet er darin keinen stärkenden Halt, im Gegenteil.  Die „Tiefe des Papiers“ hat nichts Erdhaftes, es lassen sich durch das Schreiben keine Wurzeln schlagen. „Ich ziehe, wenn ich nach langer Zeit zu schreiben anfange, die Worte wie aus der leeren Luft. Ist eines gewonnen, dann ist eben nur dieses eine da und alle Arbeit fängt von vorne an.“[27]

Das Schreiben wurde für Kafka zum Zwang seiner Identität, der seine Kräfte und Fähigkeiten verzehrte, auch jene, „die sich auf die Freuden des Geschlechts, des Essens, des Trinkens, des philosophischen Nachdenkens, der Musik zu allererst, richteten. Ich magerte nach allen diesen Richtungen ab. Das war notwendig, weil meine Kräfte in ihrer Gesamtheit so gering waren, dass sie nur gesammelt dem Zweck des Schreibens halbwegs dienen konnten.“[28] Selbst das  Bedürfnis nach Liebe wurde bis gegen Ende seines Lebens in erster Linie auf den Briefwechsel, somit auf das Schreiben der Liebe reduziert, doch „geschriebene Küsse kommen nicht an ihren Ort, sondern werden von den Gespenstern auf dem Weg ausgetrunken.“[29] Die „Gespenster“ jedoch sind die Buchstaben, die den Inhalt der Worte verzehren, so dass die Briefe als Wörtergeflecht ohne Inhalt anlangen. An Felice Bauer schrieb Kafka am 5. November 1912, dass möglicherweise „mein Schreiben nichts ist, aber dann ist es auch ganz bestimmt und zweifellos, dass  i c h  ganz und gar nichts bin. Schone ich mich also  darin (d.h. im Schreiben), dann schone ich mich, richtig gesehen, nicht, sondern bringe mich um.“[30]

Macht und Herrschaft der Schrift waren für Kafka geprägt durch das zwanghafte Ungenügen vor der Heiligen Schrift, der er sich zu unterwerfen und anzunähern wünschte, ohne dies zustande bringen. Unlösbares Suchen nach einem Ausweg über das Schreiben und Verzweiflung ob dem eigenen Ungenügen, diesen zu finden, liessen ihn zum Verurteilten und zum eigenen Henker werden – so in der Strafkolonie – und zugleich zum Hungerkünstler, der verhungerte, weil keine Art Nahrung die richtige war. „Angst vor dem Schreiben äussert sich immer darin, dass ich gelegentlich, ohne beim Schreibtisch zu sein, Eingangssätze des zu Schreibenden erfinde, die sich gleich als unbrauchbar, trocken, weit vor dem Ende abgebrochen herausstellen und mit ihren vorragenden Bruchstellen in eine traurige Zukunft zeigen.“[31]

Wie kann die Schrift anders denn „mit vorragenden Bruchstellen traurig in die Zukunft zeigen“, wie Kafka schrieb? Wie kann sie aus der Vereinsamung durch die lebensfremden Buchstaben zum lebensnahen Austausch, ja zum Klang zurückfinden, den sie vielleicht in den Anfängen der Kindheit hatte? Rilke hielt in seinen Aufzeichnungen von 1889 fest, „dass man, sobald man einmal die Melodie des Hintergrundes gefunden hat, nicht mehr ratlos ist in seinen Worten und dunkel in seinen Entschlüssen. Es ist eine sorglose Sicherheit in der einfachen Überzeugung, Teil einer Melodie zu sein, also einen bestimmten Raum zu Recht zu besitzen und eine bestimmte Pflicht an einem Werk zu haben, in dem der Geringste ebenso viel wertet wie der Grösste. Nicht überzählig zu sein, ist die erste Bedingung der bewussten und ruhigen Entfaltung.“[32]

Für Rilke sind es die Einsamen, die am nächsten zum Gemeinsamen stehen, wonach sie sich sehnen. Sie sind am ehesten in der Lage, das innere Ohr für die „Lebensmelodie“ zu öffnen und sich bewusst zu werden, dass sie „als Frucht am Lebensbaum von deren Wurzeln genährt werden, selbst wenn die Wurzeln von den Früchten nichts wissen“. „Derjenige, welcher die ganze Melodie vernähme, wäre der Einsamste und Gemeinsamste zugleich.“[33]

Ist es die Poesie oder ist es die musikalische Komposition, sind es beide auf je eigene Weise, die am nächsten der in der frühen Kindheit noch wachen Klangsprache des einzelnen Menschen im Austausch mit anderen gerecht werden können, so dass diese wieder erwachen könnte, jene Klangsprache, die durch die abstrakte Buchstabenflut verstummte? Was sollte geschehen, damit eine Korrektur möglich wird, damit das, was die Menschen sehen, gleichzeitig in deren Innenraum ein Aufklingen und einen Klang zulässt, der sich auf stärkende Weise mit dem eigenen Herzton verbindet, damit andererseits das, was sie hören, auch das innere Auge tangiert und über die Bildsprache den Erkenntisprozess, die Empfindungen und das Wissen stärkt? Wie kann die geschriebene Sprache einbezogen werden?

Hilfreich wäre, wenn wieder bewusster nach den Worten gesucht würde, die eine möglichst genaue Übersetzung der Empfindungen, Fragen und Gedanken wäre, d.h. wenn langsamer und sorgältiger gesprochen und geschrieben würde, wenn die leeren Ersatzworte wegfallen würden und wenn die vielen abstrakten Begriffe, die fern von Erfahrung und daher von Wissen benutzt werden, als sinnlos erkannt würden und entweder dem Schweigen Raum liessen oder Worten, die dem Innenleben des Menschen vertraut sind oder die eine Neugier wecken, mehr zu hören und zu sehen, um mehr zu wissen. Gewiss, Worte mögen der Spielfreude gerecht werden, vielleicht aufhüpfen wie kleine Bälle oder gewürfelt werden wie beim Brettspiel, doch Sinn machen sie nur, wenn im Austausch das gleiche Spiel gekannt oder erwünscht und mitgespielt wird.

Petra Maria Meyer[34] befasst sich in einer eindrücklichen Untersuchung mit der „akustischen Kunst“, in welcher die phonische und die graphische Artikulation – Klang und Schrift – sich verflechten. Was sie als „Graphophonie“ bezeichnet und was noch vor der Rundfunkentwicklung in Friedrich Nietzsches’ 4. Buch von Also sprach Zarathustra[35] als „Hörspiel“ bezeichnet wurde, war für ihn zugleich Rückkehr über Kamel und Löwen zum Kind wie zu Heraklits Vergleich der Zeit mit dem spielenden Kind[36], doch ebenso Entwurf  dionysischer Möglichkeiten rauschhafter Erfahrungen, die er allein dem Übermenschen zuspricht.  Für Nietzsche selber muss die Niederschrift etwas Befreiendes bedeutet haben. Beim Lesen wird die unheimliche Bedeutung deutlich, die leider nicht – oder kaum – als prophetische Warnung wirkte.

 

[1] Rainer Maria Rilke (1875-1926). Zur Melodie der Dinge (1898). In: Wladimir der Wolkenmaler und andere Erzählungen, Skizzen und Betrachtungen aus den Jahren 1893-1914.  Insel Verlag (Taschenbuch), Frankfurt a.M. 1961, S. 173

[2] Rilke 1961, S. 174-175

[3]So geht. auch Ludwig Wittgenstein in den Sprachspielen vor, mit denen er das lernen der Sprache bei Kindern nachvollzieht, cf. Philosophische Untersuchungen. Schriften. Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. Main 1960

[4] Johann Gottfried Herder. Haben die Menschen sich selber Sprache erfinden können? Felix Meiner Verlag, Hamburg 1960, S. 6

[5] Ich verweise auf die Höhlen von Lascaux im Tal der Vézère in der Dordogne (Périgord), die um 1860 entdeckt wurden und die eine Fülle kunstvollster Malereien aus der Zeit zwischen 17’000 und 15’000 v. Chr. enthalten, dem jüngeren Abschnitt des sog. Jungpaläolithicums, das als Magdalénien bezeichnet wird. (Diese Bezeichnung beruht auf den grossen Funden in der Halbhöhle von La Madeleine, nordöstlich von Les Eyziers-de-Tayac-Sireuil, auch im Tal der Vézère wo die Fülle von Werkzeugen, von Muschelschmuck und von kleinen Knochen- und Elfenbeinkunstwerken in einem Museum zu sehen sind). Ungefähr um die gleiche Zeit, als die Höhlen von Lascaux und La Madeleine erschlossen wurden, fand der Geologe Eduard Lartet in einer Höhle in Cro-Magnon, ebenfalls in der Dordogne, 5 menschliche Skelette – drei  Männer, eine Frau und ein Säugling -, die vermutlich aus Afrika in dieses Gebiet eingewandert waren. (Nach dem Fundart wird die damalige menschliche Generation als diejenige der Cro-Magnon-Menschen bezeichnet).

[6] franz. le pouvoir (lat. posse – können, vermögen), dt. Macht (abgeleitet von machen)

[7] Genesis 11 1 ff

[8] Die ersten umfassenden Entzifferungen der Hieroglyphen wie auch der sumerischen Schrift waren erst Mitte des 19. Jahrhunderts möglich, so dass erst seid dann nähere Kentnisse bestehen.

[9] Robert von Ranke-Graves.  Griechische Mythologie. Quellen und Deutung. Rowohlts Enzyklopädie, Reinbek b. Hamburg 1960, S. 163-164.

[10] Es handelt sich um das heutige Thira, die Hauptinsel des kleinen Inselarchipels Santorin.

[11]aleph bedeutet in der phoinizischen Sprache Ochs; Boiotien wurde das Land der Ochsen genannt.

[12] Beth-luis-nion (Birke – Vogelbeerbaum – Esche), cf. Ranke-Graves 1990, S. 163-164

[13] Jesper Svenbro (geb. 1944 in Landskrona, Schweden) Ameisenwege. Figuren der Schrift und des Lesens in der griechischen Antike. Literaturverlag Droschl, Graz-Wien 2000

[14] Jesper Svenbro 2000, S. 23

[15] Jesper Svenbro 2000, S. 24

[16] Jesper Svenbro 2000, S. 25; cf. auch Die Fragmente der Vorsakratiker. Griechisch und deutsch von Hermann Diels. Hg. von Walther Kranz. Weidmann Verlag 1974. Bd.I, S. 96 ff

[17] Philolaos lebte vermutlich zw. 470 v. Chr. und 399 v. Chr.; bekannt ist, dass Platon ihn traf und eventuell sein Buch mit nach Athen brachte, in welchem Philolaos die pythagorieschen naturwisenschaftlichen Ideen von den unbegrenzten und den begrenzenden Dingen und Kräften festhielt, ein grosses Odnungssystem, von welchem das Weltganze abhängt. Platon erwähnt Philolaos im Dialog  Phaidon (61 E) als Lehrer zweier junger Teilnehmer am Gespräch, nicht aber im Dialog Timaios, in welchem er wohl die naturwissenschaftlichen Erkenntnisse festhält, die eventuell auf Pythagoras, mit ziemlicher Sicherheit auf Philolaos zurückgehen, die Platon jedoch verschweigt. – cf.  Diels 1974, Fragmente der Vorsokratiker Bd. I, S. 398 ff

[18]  Jesper Svenbro 2000. S. 26

[19] Claude Lévi-Strauss (geb. 1908 in Bruxelles- gest. 2009 in Paris) Tristes Tropiques. Librairie Plon, Paris 1955. – Übersetzung ins Deutsche von Eva Modenhauer. Traurige Tropen, 4. Auflage 1982,   Suhrkamp Taschenbuch Verlag, S.293

[20] Lévi-Strauss 1982, S. 293

[21] zwischen 11’500 und 9’500 v. Chr. setzten im Nahen Osten die Veränderungen zur Bearbeitung von Holz, Stein und Metall, zur Domestizierung von Pflanzen und Tieren und zu festem Wohnsitz  ein, die allmählich gegen 5’500 bis 2’200 v. Chr. auch ganz Mitteleuropa beeinflussten.

[22] Lévi-Strauss 1982, S. 294

[23] Claude Lévi-Strauss 1982, S. 295

[24] Claude Lévi-Strauss 1982, S. 295-296

[25] Franz Kafka. Erzählungen. Fischer Verlag, Frankfurt a.M. 1935, S. 151 ff

[26] Franz Kafka (1883 – 1924). Tagebücher 1910-1923. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt a.M. 1973, S. 117

[27] Franz Kafka 1973, S. 120

[28] Franz Kafka 1973, S. 144

[29] zitiert von Hans-Ulrich Treichel. Vom Elend des Schreibens. NZZ 1./2. November 1986, Nr. 254, S. 65

[30] Franz Kafka. Briefe an Felice. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt a. M. 1976, S.76

[31] Franz Kafka 1973, S. 120-121

[32] Rainer Maria Rilke 1980, S. 184

[33] Rainer Maria Rilke 1980, S. 185

[34] Petra Maria Meyer. Die Stimme und ihre Schrift. Die Graphophonie der akustischen Kunst. Passagen Verlag, Wien 1993

[35] Friedrich Nietzsche (1844-1900). Die drei ersten Bücher von – Also sprach Zarathustra. Ein Buch für Alle und Keinen. In 3 Bänden – entstanden 1883 und Anfang 1884, während das 4. Buch, das als Privatbuch 1885 veröffentlicht wurde, von 1884 bis 1885 bedeutend mehr Zeit brauchte.

[36] Hermann Diels Bd. I 1970, S. 162

 

  1. Abend

 

„Tiere traten getrost

In den offenen Blick, weidende,

Und die gefangenen Löwen

Starrten hinein wie in unbegreifliche Freiheit;

Vögel durchflogen ihn grad,

den gemütigen Blumen

wiederschauten in ihn

gross wie in Kinder. (…)

Denn des Anschauns, sieh, ist eine Grenze“…[1]

„ Ganz vergessener Völker Müdigkeiten

Kann ich nicht abtun von meinen Lidern.

Noch weghalten von der erschrockenen Seele

Stummes Niederfallen ferner Sterne.

Viele Geschicke weben neben meinen,

Durcheinander spielt sie alle das Dasein,

Und mein Teil ist mehr als dieses Lebens

Schlanke Flamme oder schmale Leier.“[2]

 

„Jahrhundertgedächtnis“ nennt sich jene Gedichtsammlung, in der ich auf der Suche nach Spuren häufig auf vertraute stosse, die mich weiterleiten: „Ganz vergessener Völker Müdigkeiten… stummes Niederfallen ferner Sterne. Viele Geschicke weben neben meinen, durcheinander spielt sie alle das Dasein.“

Das vorvergangene Jahrhundert, auf welchem wir in Hinblick auf die wachsenden Auswirkungen der Schriftsprache verharrten, erweiterte auch den wissenschaftlichen Blick auf die körperliche Entwicklungsverwandtschaft des Menschen, der während Jahrhunderten unter dem Glaubensgebot der Religionen und dem damit vernetzten Verbot des kritischen Hinterfragens unter einer vielfach verdunkelten Brille verharrte. Dank Charles Darwins[3] Mischung von gesellschaftlicher Ehrfurcht und forschungsbezogener Überzeugung durfte die besondere Aufmerksamkeit „des offenen Blicks“, in den „getrost Tiere treten“ – Pflanzen und Tiere – und der vom eigenen Wissenshunger her furchtlos aufnimmt, was in ihn hineintritt -, den Zeitgenossen und –genossinnen als Befreiung von falschen Einschränkungen vermittelt werden. Wir werden sehen, wie die Vorgeschichte und Begleitgeschichte der Veröffentlichung von Darwins Entstehung der Arten[4] uns ermöglicht, das Jahrhundert der Lebensgrosseltern und der Über-Ich-Grosseltern, vielleicht auch der Urgrosseltern, d.h. der den nächststehenden Eltern existentiell und denkerisch vorangegangenen Vorfahren mit beeinflusste, dadurch auch das Jahrhundert unserer Kindheit und jede weitere Entwicklung. Die Aufarbeitung dieser Zeitzusammenhänge, die noch nahe stehen, ermöglicht besser zu verstehen, wie die nicht wählbare, herkunftsbedingte körperliche und geistige Entwicklung, die vielleicht von elterlicher Liebe geprägt war, doch meistens ebenso von Mängeln und Sehnsüchten, von harten Regeln und Verboten, von Angst und Schweigen, kurz, wie diese die selber wählbaren Entwicklungsmöglichkeiten beeinflusst haben. Verehrung oder Bedauern und Klage halten sich im Rückblick die Waage.

Immer wenn das persönliche Werden nach Erklärung sucht, die sich nicht auf das unmittelbare eigene Wahrnehmen und Erleben, Empfinden, Denken und Entscheiden berufen kann – „denn des Anschauns, sieh, ist eine Grenze“ -, werden die Bücher geöffnet – die Tagebücher mit Briefen und Familiengenealogien, die Gedichtbücher und Biographien, die Erkenntnisbücher, die Bücher über philosophische und naturwissenschaftliche Theorien, über deren Umsetzung und Folgen, kurz, die Bücher der Geschichte. Dabei stellen wir etwas Erstaunliches fest: es ist die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen, womit wir konfrontiert werden. Noch immer beschäftigt uns, was in jenem vorvergangenen 19. Jahrhundert Charles Darwin und zahlreiche weitere Denker, auch Denkerinnen gleichzeitig verblüffte und zum Erforschen noch offener Distrikte anregte, etwa bei Alexander von Humboldt zur Verbindung von Geologie, Klimaforschung, Botanik und Staatslehre, oder bei Johann Wolfgang Goethe zur Verbindung von Kunst, Naturwissenschaft und Gesellschaftsanalyse, oder bei Henri Bergson zur Verbindung über die Intuition von Philosophie und Physik ebenso wie bei Pierre Teilhard de Chardin von Paläontologie, Philosophie und Religion, oder Sigmund Freud in der Erkenntnis der Kräfte des Unbewussten, durch welche die erklärungsmässig begrenzten Bereiche von Neurologie und Psychologie zur Erweiterung der Erkenntniswissenschaften über die Psychoanalyse gesprengt wurden, gleichzeitig zur Erweiterung und Vernetzung der Philosophie wie der Psychoanalyse mit der Sprachwissenschaft – sowohl der Linguistik wie der Semantik – und den schon im Vorfeld erarbeiteten Erkenntnissen der Biologie und Zoologie, der Botanik und der Farbenlehre, der Soziologie und der Ökonomie sowie immer wieder der Erforschung der macht- und wirtschaftspolitischen, von Besitz- und Beherrschungswillen, von Kampf und Krieg geprägten geschichtlichen Zusammenhänge. Doch dass der „Krieg der Vater aller Dinge“ sei, wie in Zusammenhang der Evolutionstheorien oft auf Heraklit aus Ephesos, der vor bald zweieinhalbtausend Jahren lebte, Rekurs genommen wird, möchte ich zum Voraus als allzu einseitig gerichteten Blick bezeichnen. Auf einiges gingen wir schon ein, insbesondere auf die Entwicklung des pflanzlich-animalischen Überlebens in handwerkliche Fertigkeit und gesellschaftliches Zusammenleben, in Sprache und Schrift; anderes steht noch bevor.

Auch die uns vorangegangenen Vorfahren taten, was wir heute tun. Auch sie griffen auf Vorfahren zurück, die selbst für uns noch präsent sind, zum Teil weiter als anregende Vorbilder, auf die wir uns abstützen, oder als kritisch stimmende machthungrige Gestalten, von denen wir uns zu lösen und zu distanzieren suchen. Es „weben“ tatsächlich „viele Geschicke neben meinen, durcheinander spielt sie alle das Dasein“: Was war, setzt sich fort und ist Teil des eigenen Werdens – „des offenen Blicks“ – und zugleich des Seins, des Daseins unter vielen Anderen und des Ich-Seins, das mehr ist als „schlanke Flamme oder schmale Leier“, das Neues lernt und gestaltet, das auf persönliche Weise Spuren hinterlässt. Jedes Sein ist im Zusammenhang der Evolution – d.h. der allmählichen Entwicklung und Entfaltung des Seins im Werden und Vergehen – von unersetzlicher Bedeutung. Es wäre dem Sein kein Werden zugekommen, wenn diese Bedeutung nicht wäre.

Die Bedeutung von Werden und Sein beruht daher nicht auf abstrakten Theorien –  diese gehören zum Bereich der Mathematik und der Bürokratie, meist zum Bereich virtueller Erkenntnisse -, nein, die Bedeutung von Werden und Sein beruht auf der je individuellen Erfahrung. Sie beruht auf Wahrnehmungen und deren Verarbeitung, auf Wissenshunger und deren Erfüllung in Kenntnis der Grenzen des Wissens, überhaupt auf lebenswichtigen – körperlichen und geistigen –  Bedürfnissen und deren Berücksichtigung sowohl durch das eigene innere, erkennende Auge wie durch das Auge der Anderen, die auf analoge und zugleich andere Weise mit der gleichen Aufgabe konfrontiert sind. Auch deren Erfahrung und Wissen wird durch Handeln, Gestalten und Sprechen – Sprechen und Schreiben – vermittelt und deren Bedürfnisse stossen vielleicht mit den eigenen zusammen, so dass Rivalisierungen, Konflikte und zum Teil erschöpfende, ja tödliche  Auseinandersetzungen bewirkt werden, zum Teil aber ein Kommunizieren[5], d.h. ein Fragen und Antworten, ein neues Fragen und Berücksichtigen des Gemeinsamen (lat. communis) der Differenz, ein Eintreten in das kreative Geflecht des Dialogs, des Verstehens und der wechselseitigen Verantwortung. Jedem Menschen steht es zu, auf persönliche Weise im Werden zum Sein Sinn zu finden, doch immer ist es der dialogische Austausch, der in der vielfältigen Abhängigkeit des einen Menschen von den anderen das Verstehen der eigenen Entwicklung erleichtert.

Was in den Zeitzusammenhängen geschah, in welchen Charles Darwin’s Evolutionstheorie – letztlich die Biologie überhaupt – erstmals zum Gegenstand der Auseinandersetzung wurde, bedarf der näheren Beachtung. Zuerst geht es um die 1859 erschienene Theorie über die Entwicklung der Arten durch Selektion resp. durch „Auslese“ – „The Origin of  Species by Means of  Natural Selection[6]“ -, sodann um die 1871 publizierten zwei Bände über die Abstammung des Menschen  „The Descent of Man“. Das Hinterfragen der Zeitzusammenhänge wird den ersten Teil der nächsten Untersuchungen betreffen.

Diese setzen sich mit der Vertiefung einer Auswahl von Erkenntniszusammenhängen fort, die von Philosophie und Psychoanalyse beigesteuert werden und die aus den gleichen zeitbedingten Einflüssen herauswuchsen. Im Ergründen und Verstehen der Rätsel des eigenen Ich können sie von Nutzen sein. Doch immer wiederholt sich die Frage, ob das, was wir erkennen und ob die Wortwahl, die wir dafür verwenden, miteinander übereinstimmen. Dies wird auch im Thema des sechsten Abends mitschwingen.

Charles Darwin’s Erkenntnis, dass „der Kampf ums Dasein“ (von ihm selber als „metaphorische[7] Bezeichnung“ verstanden und zwischen Anführungs- und Schlusszeichen gesetzt) sowohl die Abhängigkeit aller Wesen von einander einschliesst wie deren Fähigkeit, Nachkommen zu hinterlassen[8], d.h. eine durch die zeitliche und räumliche Begrenztheit geschaffene zugleich hilfreiche und bedrohliche Gleichzeitigkeit Vieler, diese Erkenntnis bezog sich 1859, als er die Veröffentlichung wagte, auf seine jahrzehntelange minutiöse Beobachtung der Gräser, Kletterpflanzen und Orchideen, der Insekten und Fische, der Finken und der Tauben, der Hunde, Katzen und Pferde. Wären damals nicht andere Forscher zu den gleichen Erkenntnissen gelangt, Darwin hätte vielleicht noch während Jahren gezögert, seine Forschungsergebnisse über „Variation und Selektion der Arten“ zu veröffentlichen.

Es waren insbesondere die Erkenntnisse von Alfred Russel Wallace gewesen, die Darwin zeitlich unter Druck gesetzt hatten, nicht länger zu warten, sondern die Resultate seiner Beobachtungen zu veröffentlichen, hatte ihm doch Wallace 1858 von der zwischen Neu-Guinea und Celebes gelegenen Insel Ternate seine sorgfältigen wissenschaftlichen Ergebnisse geschickt mit der Bitte, sie an den Geologen Charles Lyell[9] weiterzuleiten und diesen nach seiner Beurteilung zu fragen. Da auch zwischen Forschern schon damals der „Kampf ums Dasein“ als Kampf um Erfolg und Ruhm geschah, ist anzunehmen, dass, hätte Wallace mit guten finanziellen Mitteln und besten gesellschaftlichen Verbindungen in London gelebt und Darwin als mittelloser Forscher auf einer fernen Insel, die Nachwelt, zu der wir gehören, in erster Linie Wallace und erst in zweiter Linie Darwin gedenken würde. Als dann zwölf Jahre später, 1871, die Publikation über die „Abstammung des Menschen“ folgte, war inzwischen – d.h. 1864 –  Herbert Spencer’s „Principles of Biology“ erschienen und hatte in London und weit über London hinaus für Darwins These des „survival of the fittest“ eine weitgehende Unterstützung sowohl im Bereich der damaligen Biologie, Soziologie und Politologie, Ethnographie und Wirtschaftswissenschaft, Ethnopsychologie und einer – zunehmend von Darwin divergierenden – rassistischen Ethik wie in einem breiten Teil der Öffentlichkeit geschaffen, die durch die Profitvorstellungen der kolonialen Besitz- und Ausbeutungsansprüche sowohl Grossbritanniens wie der übrigen europäischen Staaten geprägt waren.

Darwin fühlte sich durch Spencer in seiner Meinung bestärkt, dass die Abstammungsgeschichte nicht nur die körperlichen Eigenschaften in der Verwandtschaft von Mensch und Tier belege, sondern selbst die moralische Verwandtschaft in den Kriterien des Verhaltens. Der Mensch sei aufs deutlichste als „soziales Tier“ erkennbar, und das „moralische Gefühl“, das sich z.B. mit dem Empfinden der Nützlichkeit des Stehlens oder Lügens oder mit jenem tugendhafter Neigungen, insbesondere des Mitgefühls, manifestiere, sei nicht anders denn durch Vererbung zu erklären, da ein schlaues, ein schädigendes oder ein entgegenkommendes Verhalten auf sozialen Instinkten beruhe, die sich, wie die körperlichen Überlebensinstinkte, nicht zuletzt in der Ausrichtung auf bestimmte Nahrungsmittel äussern, im Kampf ums Dasein über Generationen bewährt hätten. Über die Gesetze der Evolution erklärte Darwin somit nicht allein das menschliche Daseins in der vielfältigen Eigenart und Besonderheit des Aussehens, der Grösse und der körperlichen Tüchtigkeit, sondern auch das unterschiedliche menschliche Verhalten, so dass sich für ihn z.B. jede Art von Anpassung der Schwächeren an die Stärkeren bestätigt fand, allerdings nicht als Verhalten der niederen, resp. „rohen Stämme“, wie er schrieb, da bei diesen Selbstaufopferung zu Gunsten eines gefährdeten Nächsten eher vorkomme als bei den sogenannt „höheren“, die sich nach der öffentlichen Meinung richten würden. Wir werden noch darauf eingehen. Auf jeden Fall bedurfte es nicht mehr der biblischen Schöpfungsgeschichte noch bedurfte es länger der mosaischen Gesetze. Das menschliche Werden und Sein liess sich als Teil der Entwicklungsgeschichte der Natur erklären – mehr brauchte es offenbar nicht.[10]

Doch weder Darwin noch Wallace waren die Ersten gewesen, deren Bedürfnis nach Klarheit im Widerspruch zwischen religiösen Glaubensinhalten und wissenschaftlicher Erforschung der Entwicklung des Planeten Erde sowie der auf ihm lebenden Pflanzen und Bäume, Tiere und Menschen den Schritt in die Öffentlichkeit gewagt hätte. Nicht nur im Bereich der Biologie, auch in jenem der Geologie und Klimatologie, der Volkswirtschaft und Staatspolitik war damals eine grosse Anzahl bahnbrechender Werke erschienen, die in Zusammenhang der wachsenden kolonialen Ausdehnung der europäischen Staaten sowie gleichzeitig der industriellen Entwicklung unterschiedlichsten Zwecken des „Fortschritts“ dienten.

Darwin verwies schon 1859 mit Nachdruck auf den 1834 verstorbenen Thomas Malthus und dessen „Essay on the Principles of Population“ von 1798, in dessen Warnung vor Überbevölkerung er eine volkswirtschaftliche Bestätigung der eigenen Theorie des Überlebens der Stärksten fand, wobei laut Malthus die Qualität der Gesellschaft forderte, dass die Armen die Anzahl Kinder zu beschränken hatten, während den Reichen die Kinderzahl frei stehen sollte. Allerdings hatte Malthus Hungersnöte oder Epidemien noch als Ausdruck des göttlichen Willens gedeutet, was für Darwin eine nicht mehr tragbare Erklärung war. Sich von der über Jahrhunderte vertretenen Theorie vom göttlichen Willen abzuwenden, geschah für ihn nicht mit der Dringlichkeit des erkenntniskritischen Aufbegehrens gegen die Macht der Kirchen, wie dies lange vor ihm schon zahlreiche Denker gewagt hatten, etwa die Enzyklopädisten in Frankreich im Vorfeld der Revolution von 1789, z.B. Denis Diderot, Jean-Baptiste le Rond d’Alembert, Marie Jean de Condorcet oder Jean-Jacques Rousseau und Voltaire, ebenso die sogenannten „Freidenker“ in Frankreich wie in England, insbesondere Anthony Collins oder John Locke, George Berkeley, David Hume, Adam Smith u.a.m. Gerade von den englischen Freidenkern wurde jedoch eine göttliche Präsenz resp. Transzendenz nicht geleugnet; abgelehnt wurde deren Vereinnahmung durch den ausschliesslichen Wahrheitsanspruch von Religionen und den damit verbundenen weltlichen Machtsystemen.

Für Darwin beruhte die Abwendung von der biblisch überlieferten, göttlichen Schöpfungserklärung auf der nicht mehr zu leugnenden Erkenntnis der allmählich sich über Jahrmillionen[11] aus Einzellern entwickelten lebensfähigen, mehr oder weniger lebenstüchtigen Geschöpfe, ob sie sich weiter zu Pflanzen oder zu Tieren und zu Menschen entwickelten, in eine unendlich vielfältige Anzahl von Arten und Wesen, deren Entwicklung er unter den schwierigen Bedingungen des Überlebens als Manifestation einer steten Veränderung und instinkthaften Anpassung an die geologischen und klimatischen Verhältnisse des Zusammenlebens im Wasser und auf der Erde verstand, das mit der Absonderung und Ausgrenzung oder der Veränderung (Mutation) und Verbesserung der Arten einherging und das die Möglichkeiten der Fortpflanzung mitbestimmte. Allerdings gab es für ihn keinen Zweifel, dass dem Menschen – wie auch höheren Tierarten – auch unter schwierigen Daseinsbedingungen verschiedene vom eigenen Empfinden beeinflusste Wahlmöglichkeiten zustanden und weiter zustehen, über die ein jeder und eine jede selber entscheidet und die dem persönlichen Ermessen des richtigen Handelns entsprechen.

Was Darwin als „Selektion“ resp. „Auslese“  verstand und was er durch die Evolutionstheorie begründete, hatte damals im Rahmen einer nicht mehr glaubensmässig verpflichteten, sondern kritisch denkenden Gesellschaft eher den Aspekt der Bestätigung als des Erschreckens. So hatte z.B. Goethe schon 1790 seine „Metamorphose der Pflanzen“ publiziert, ja schon 1784 den Zwischenkieferknochen beim Menschen entdeckt und damit die Verwandtschaft des Menschen mit dem Affen vermutet. Anatomie und Morphologie waren längst nicht mehr tabuisierte Forschungsgebiete, im Gegenteil, die Forschungsergebnisse wurden in den wachsenden „aufgeklärten“ Kreisen mit Interesse aufgenommen und unterstützt. Die für jede Art Forschung nützlichen Instrumente – Ferngläser, Lupen, Pinzetten, Messinstrumente, Uhren  und viele weitere Instrumente – wurden ständig verbessert und verfeinert, die gebildete Gesellschaft sprach mehrere Sprachen, und Reisen, ob über Land oder Meer, gehörten zum wetteifernden Bildungshunger, der über den Sturm und Drang hinausgewachsen war und der der grossen „Physiogeografie“ zu Diensten sein wollte, manchmal aus eigenem Wissenshunger, oft jedoch im Dienst der europäischen Grossmächte und deren kolonialen Nutzungs- und Besitzerweiterungswünschen in fremden Ländern und Kontinenten oder aus beiden Gründen zusammen, wie es u.a. für Charles Darwin selber zutraf.

Auf analoge Weise hatte dies auch für Alexander von Humboldt (1769 – 1859)  gegolten, der 1798 zusammen mit dem französischen Botaniker Aimé Bonplan eine erste Weltreise begann, auf welcher er während mehr als fünf Jahren sowohl die physikalischen und kosmischen Kräfte studierte, berechnete und einteilte, um die geologischen und geographischen, die klimatischen und pflanzlichen Zusammenhänge erklären zu können, auch aufs genaueste die Vielzahl der Pflanzen, der Tiere in ihrer Besonderheit sowie fremder Kulturen beobachtete, verglich und sorgfältig in allen Eigenheiten festhielt: „Ich werde Planzen und Fossilien sammeln, mit vortrefflichen Instrumenten Beobachtungen machen können. (…) Das alles ist aber nicht der Hauptzweck meiner Reise. Auf das Zusammenwirken der Kräfte, auf den Einfluss der unbelebten Schöpfung, auf die belebte Tier- und Pflanzenwelt, auf diese Harmonie sollen stets meine Augen gerichtet sein“, hatte Humboldt vor der Abreise festgehalten, und als er zurückkehrte mit einem dreissigbändigen Reisewerk belegte, das dem preussischen Königtum diente und weitere Forscher in ihrer Arbeit bestärkte. Gegen Ende seines Lebens hielt er zusammenfassend in seinem letzten Werk  „Kosmos“ seine grossen Forschungsergebnisse und Erkenntnisse fest und betonte, dass, indem „die Einheit des Menschengeschlechtes“ behauptet werde, „wir auch jeder unerfreulichen Annahme von höheren und niederen Menschenracen widersprechen. Es giebt bildsamere, höher gebildete, durch geistige Cultur veredelte, aber keine edleren Volksstämme. Alle sind gleichmäßig zur Freiheit bestimmt.“[12]

Wissenschaft und Wirtschaft hielten sich wechselseitig in Spannung, widersprüchlich sich ergänzend und sich provozierend. Charles Darwin erachtete Alexander von Humboldt als Vorbild, als „den grössten reisenden Wissenschafter, der je gelebt hat“, wie im kleinen Briefaustausch zwischen den beiden deutlich wird. Humboldt, der 1859 starb, im selben Jahr, als Darwin „On the Origin of Species by Means of Natural Selection“ veröffentlichte, gehörte somit seiner Vatergeneration an, welche für ihn das Fundament für seine eigenen Bestrebungen geschaffen hatte. Ich kann mir vorstellen, dass Humboldts „Ansichten der Natur“ von 1826 auf den damals 17jährigen Darwin tatsächlich wie ein Anstoss und Auftrag gewirkt hatten, hatte er doch geschrieben, die Natur sei für die denkende Betrachtung Einheit in der Vielfalt, Verbindung des Mannigfaltigen in Form und Mischung, Inbegriff der Naturdinge und Naturkräfte, ein lebendiges Ganzes. Das wichtigste Resultat des „sinnig physischen Forschens“ sei daher, in der Mannigfaltigkeit die Einheit zu erkennen, von dem Individuellen alles zu umfassen, was die Entdeckungen des letzten Zeitalters uns darbieten könne, die Einzelheiten prüfend zu sondern und doch nicht ihrem Masse zu unterliegen, der erhabenen Bestimmung des Menschen eingedenk, den Geist der Natur zu ergreifen, welcher unter der Decke der Erscheinungen verhüllt liege. Auf diesem Weg reiche das  Bestreben über die enge Sinnenwelt hinaus, und es könne gelingen, die Natur begreifend, den rohen Stoff empirischer Auslegung gleichermassen durch Ideen zu beherrschen.

Auch Humboldt war diesbezüglich kein Aussenseiter gewesen. Unter vielen weiteren Forschen hatte schon Jean-Baptiste Lamarck[13] (1744-1829) auf Grund seiner Beobachtungen und Untersuchungen festgehalten, dass nicht allein die Anpassung an Umweltbedingungen das Überleben der Arten erkläre, sondern ebenso das Erlernen neuer Fähigkeiten und das Erwerben neuer Eigenschaften, d.h. das „Können“ im Umsetzen von Fähigkeiten und Eigenschaften, ja dass auch dieses „Können“ – le pouvoir“-  vererbt werde und auf immer neue Weise den Artenreichtum erweitere. So war schon Lamarck, diesem französischen Arzt und Naturforscher, klar, dass die pflanzlichen und tierischen, auch die menschlichen  Geschöpfe nicht unveränderliches Schöpfungswerk sein können, dass alles, was sie erleben, eine Vielzahl von Empfindungen weckt – abwehrende Empfindungen wie Misstrauen und Angst, oder stärkende wie Neugier und Wissenshunger, Freude und Liebe –, dass die Empfindungen von der frühesten Lebenszeit an das Verhalten lenken, das Beziehungsgefüge beeinflussen sowie insbesondere Erkennen und Denken anregen, um das Überleben zu ermöglichen, ja dass die ganze Vielzahl von Empfindungen auf früheren  Wahrnehmungen und Erfahrungen beruht, auch dass diese in Form von Vererbung – oder von Werken – überliefert wurde, über die wir verfügen.

Ein Beispiel für diese Tatsache mag die hoch komplexe Verhaltensstruktur im Beziehungsnetz der Ameisen sein, die gleichzeitig mit Darwins Forschungsarbeit von Jean Henri Fabre (1823-1915) auf bescheidenste Weise, jedoch mit nicht erlahmender Sorgfalt beobachtet worden war und dessen Erkenntnisse Darwin in seinen Betrachtungen über die Gesetze der Fortpflanzung in der „Entstehung der Arten“ lobte[14]. Als ich vor über zwanzig Jahren dank Kurt Guggenheims „Sandkorn für Sandkorn“ auf Jean-Henri Fabre stiess, wurde mir bewusst, warum in mir jedes Mal ein moralischer Konflikt spürbar wird, wenn ich entscheiden muss, wie ich mit den Ameisen umgehe, die über die Hauswand hoch in mein Wohnzimmer eindringen und dieses zu bevölkern suchen. Selbst gegenüber Insekten, zu denen keine persönliche Beziehung besteht wie zu Haustieren  – zu Katzen und Hunden, in meiner Kindheit bei den Grosseltern auch zu Kühen, Pferden und Hühnern -, d.h. zu Tieren, die mit ihrer Nähe, mit ihrem Blick und ihrer spürbaren Beziehung das eigene Leben begleiten, auch zu Vögeln, die regelmässig um die gleiche Zeit um Futter bitten kommen oder die auf meinem Balkon ihre Eier ausbrüten wie während Jahren die gleiche Entenmutter, nein selbst gegenüber Spinnen und anderen Insekten, die mir als aufdringliche Unbekannte begegnen, stellt sich sofort die Frage nach dem Sinn oder der Notwendigkeit ihres Verhaltens, das durch meine Reaktion zugelassen oder beeinträchtigt, unterbrochen und geknickt wird. Und doch kann ich die Ameisen in meinem Wohnraum nicht schalten und walten lassen, wie sie sich dies vorstellen, sondern muss sie in den Bezirk zurückvertreiben, der ihnen zusteht, so dass ich mich durch sie nicht belästigt fühle.

Auch Kurt Guggenheim hatte mit grosser Klarheit seine Erkenntnisse im geheimnisvollen Verhalten der Tiere festgehalten. „In den Säugetieren erkennen wir etwas Vormenschliches oder manchmal etwas wie misslungen Menschliches. Es fällt uns gar nicht schwer, sie zu individualisieren. (…) Bei den Insekten gelingt so etwas nicht. Die Insekten haben keine Persönlichkeit; zu Tausenden gleicht ein jedes dieser Tiere einem anderen über Jahrtausende, vielleicht sogar Jahrmillionen hinweg. Sie haben keinen eigenen Willen, keine Intelligenz. In allem, was sie tun, werden sie elektronisch gelenkt. (…) Sie sind völlig anders gebaut als wir; im Körper haben sie kein Knochengerüst. Schon Saint-Hilaire[15] sagte von ihnen, sie seien Wirbeltiere, die im Inneren ihrer Wirbelsäule lebten. Starr, maskenhaft ist ihr Gesicht mit ihren bewegungslosen Facettenaugen. Sie haben sechs Beine; ihre Flügel und Flügeldecken lassen sich mit denen keines anderen Lebewesens vergleichen, auch mit denen der Vögel nicht. Ein ewiges Rätsel bildet der Vorgang ihrer Metamorphose. In drei verschiedenen Formen – ja, fünf oder sechs sogar, wie Fabre nachgewiesen hat – tritt das Individuum auf. Aber sind es vielleicht doch nicht drei Individualitäten, drei Ich, die wir sehen?“[16] Auch hier, ohne Zweifel, ob bei Fabre, bei Guggenheim oder bei mir selber angesichts der Ameisen im Wohnzimmer, die „hinein starrten wie in unbegreifliche Freiheit“, äussert sich Rilkes Erkenntnis „denn des Anschauns, sieh, ist eine Grenze“.

Auf jeden Fall wurde mir gerade durch das Verhalten der Ameisen bewusst, in welchem Mass sich die „Lebenskraft“ äussert, die für Humboldt die tragende, alle Geschöpfe verbindende Idee war und die sich in gedanklicher Analogie bei Darwin im „sozialen Instinkt“ findet, der sich aus dem ursprünglichen Überlebensverhalten von den „niederen Tieren“ zu den „höheren Tieren“ und von diesen zu jenem des Menschen in wachsende  „Tugendhaftigkeit“ oder Vervollkommnung entfaltet, so dass es sich letztlich in der wechselseitigen Verpflichtung verdeutlicht, beim Handeln „die Wohlfahrt anderer“ in Betracht zu ziehen, wie Darwin 1871 festhielt. In diesem Sinn war z.B. die Sklaverei für Humboldt wie für Darwin in moralischer Hinsicht nicht zu vertreten. Sie war zu verurteilen, da sie dem vom sozialen Instinkt her geforderten Wohlwollen gegenüber den Anderen widerspricht.

Für Darwin ging mit dem Instinkt der Selbsterhaltung und Selbstverteidigung der Aspekt der sozialen Verpflichtung einher, da jedes Leben nicht nur dem eigenen Wohl, sondern auch jenem der anderen Leben dient. Ethik und Naturwissenschaften waren im Sinn der Aufklärung eng vernetzt, gerade weil die naturwissenschaftlichen Erkenntnisse, jene der Biologie wie der Physik, eine Abkehr von den moralischen Normen der Bibel und eine Neuorientierung der Kriterien des richtigen Handelns forderten. Das hiess, gemäss Darwins vergleichenden Erkenntnissen moralischen Verhaltens, dass die Entwicklung rücksichtsloser Profitsteigerung allein zum Vorteil durchsetzungsstarker Einzelner und zum Nachteil Schwächerer, die durch den technischen Fortschritt der Moderne noch gesteigert wurde, ein Beweis niederer Qualität war. In der zeitgenössischen Entwicklung wurden grosse Widersprüche zwischen sorgfältiger naturwissenschaftlicher Erkenntnis und wirtschaftlichen Profitbedürfnissen sowie damit verbundenen ideologischen Rechtfertigungen deutlich, auch zwischen bewusster Entscheidungsverantwortung und ameisenhaft gedankenloser Gefolgschaft.

Bedurfte es der Rückbesinnung auf die Verwandtschaft mit dem „sozialen Tier“, damit der Mensch wieder dem Bild des höheren Entwicklungsgrades im Stammbaum der Abstammung entsprechen konnte? Bedurfte es nicht in erster Linie der kritischen Vergleiche von Bestandesaufnahmen? Bedeutete dies, dass in moralischer Hinsicht der „Fortschritt“ des „Rückschritts“ bedurfte, um in kritischem Sinn die positiven Ergebnisse der Evolution wieder zu finden, jene der Eigenverantwortung der Handlungsentscheide?

Tatsächlich aber drängte damals alles, was in der westlichen Welt – in Europa und in Nordamerika – „Fortschritt“ genannt wurde, nicht nach „Rückschritt“, sondern in erster Linie nach grenzenloser Steigerung, gestützt auf der  Überheblichkeit der „weissen“ Bevölkerung, die „Krone der Schöpfung“ zu sein. Jede Art von wissenschaftlicher Berichterstattung erschien blitzschnell in Buchform und wurde durch die Medien besprochen, zerfetzt oder propagiert. Ein vielseitiger Austausch unter den Forschern und den Mächtigen – auch unter den Denkerinnen und Denkern – in Form von Briefaustausch und Besuchen war selbstverständlich. Entdecker und Wissenschaftler, wann immer sie nützlich und konform erschienen, fanden schnell fürstliche resp. bürgerliche Aufträge, Anstellungen und Bezahlungen. Landerwerb, Bergbau und Industriebetriebe, technische Erneuerungen, Handel und Gewinn wuchsen im wachsenden Wettbewerb auf privater wie auf staatlicher Ebene ebenso an wie die damit einhergehenden Verfeindungen und Kriegserklärungen sowie die zu jedem Zweck benutzte Versklavung  und Verdinglichung von Menschen. Die sich mit der seit 1989 anwachsenden neoliberalen Globalisierung ausgerichtete Pfeilspitze, die wir heute erleben, war schon vor 150 Jahren auf beschleunigtem Weg unterwegs.

Allerdings war damals die Fortsetzung der wissenschaftlichen Entwicklung bis in die heutigen biochemischen, molekularmedizinischen, nuklear- und informatiktechnischen, das Leben der Pflanzen, Tiere und Menschen beherrschenden pharmakologischen und gentechnologischen Kenntnisse und Machtauswüchse ebenso unabsehbar wie die Folgen des machthungrigen, menschenverachtenden Rassismus, der durch Leibeigenschaft, Sklaventum und Menschenhandel seit Jahrhunderten, ja seit Jahrtausenden bestand, durch den westlichen Imperialismus und Kolonialismus jedoch zusätzlich verschärft wurde und sich gegen Ende des 19. Jahrhunderts mit dem durch „Herrenmoral“ und „Übermenschen“-Ideologie aufgeblähten Sozialdarwinismus verbreitete, indem zielstrebig sowohl Darwin’s Evolutionstheorie wie u.a. Nietzsche’s „Zarathustra“ als Begründung benutzt wurden und sich in Medizin und Ethnologie ausweiteten, bis die Entwicklung – mittels der Massenmedien mit eugenischer und antisemitischer, generell rassistischer Propaganda populistisch aufgepeitscht – sich nach dem Ersten Weltkrieg zunehmend in die flächenverzehrende nationalsozialistische und bolschewistische Politik und Vernichtungsstrategie des Zweiten Weltkriegs steigerte, die weltpolitisch auch nach dem verheerenden Morden mit den Millionen als „lebensunwert“ erklärten Toten in neuen Ideologien, in atomarer Aufrüstung sowie in fortgesetzten und immer neuen Völkermorden weiterzehrte und weiterzehrt.[17]

Es hatte sich zu Darwins Zeit noch eine andere Linie zu erweitern begonnen.  Zusätzlich zu den blinden Fortschrittsgläubigen gab es warnende, kritische Geister. Wir dürfen nicht vergessen, dass im Vorfeld von  Darwin’s Publikationen mit der Erkenntnis der naturwissenschaftlichen  „Evolution“ gleichzeitig in allen europäischen Ländern politische „Revolutionen“ stattfanden und sich im Lauf der zum Weltmarkt expandierenden industriellen Entwicklung fortsetzten. Dazwischen hatte Napoléon mit seinem kaiserlichen Herrschaftswahn ganz Europa in Kriege und in staatsrechtliche Umwälzungen versetzt, bis er  nach dem Angriffsversuch gegen Russland an die Grenzen seiner Selbstüberschätzung gelangte und 1815 in Waterloo zusammenbrach. Umfassende gesellschaftliche Veränderungen geschahen in dieser Zeit, die alle bestehenden Regelsysteme ins Wanken brachten. Einerseits mit der Industrialisierung, andererseits mit den Revolutionen und Kriegen war eine klassenmässige Umwälzung im Bevölkerungssystem geschehen, die schon von Malthus als „Gefahr“ anvisiert worden war, als handle es sich um einen Kampf der „unteren“ Tierschichten gegen die „höheren“.

Überall in Europa war einerseits die Bourgeoisie, andererseits eine „Klasse“ herangewachsen, die sich „Proletariat“ nannte. Es war die breite Bevölkerungsschicht, die durch den „Fortschritt“ von neuer Sklavschaft gekennzeichnet war und die gleichzeitig das Industriesystem trug sowie die modernisierten nationalen Armeen mit Soldaten als Kanonenfutter füllte, die aber auch gegen die menschlich erniedrigenden  Machtsysteme opponierte. Es geschah eine widersprüchliche Doppelentwicklung. Während durch den technischen Fortschritt die Finanz- und Wirtschaftsmacht der Bourgeoisie wie noch immer auch der Aristokratie zu weltbeherrschenden Eliten anwuchs, verstärkte sich und verbreitete sich gleichzeitig der politische Widerstand der Arbeiterklasse.

Thomas Malthus’ Untersuchung über den „struggle for existence“ und zwei Generationen später Herbert Spencer’s „survival of the fittest“ mit der seit Ende des 17. Jahrhunderts anwachsenden, ausbeuterischen Expansion des Kapitalismus wurden konfrontiert mit einer zugleich humanistischen und wirtschaftspolitisch kämpferischen, sozialistischen Bewegung, die sich überall in Europa von der politisch und soziologisch intellektuellen Ebene auf jene der Elendsviertel und übervölkerten Vorstädte, der lärm- und stauberfüllten Fabriken und Bergwerke, kurz, auf die Ebene der Strasse ausgeweitet hatte.

In England war es Robert Owen[18] mit dem Beispiel von New Lanark auf vorbildhafte Art gelungen, frühsozialistische Bestrebungen umzusetzen und zu beweisen, dass Industrialisierung auch für Arbeiterinnen und Arbeiter einhergehen kann mit menschlichem Respekt, mit Schule und Bildung, mit der Fürsorge für Kinder und Kranke, ja mit der gerechten Verteilung von Arbeit und Gewinn. Dass Fabrikbesitzer und Angestellte in einer genossenschaftlichen Gleichstellung eine wechselseitige Mitverantwortung für die Qualität der Produktion wie für die Verteilung des Gewinns tragen können. Dazu kam, dass Robert Owen durch die theoretische Überzeugungskraft seines Freundes Jeremy Bentham, der wiederum befreundet war mit John Stuart Mill, einem der bedeutendsten liberalen Denker jener Zeit, das  frühsozialistische Anliegen menschlicher Gerechtigkeit mit dem aufklärerischen liberalen Gesellschaftsbild verknüpfen konnte, so dass sich die damalige englische Gesetzgebung zu Gunsten der Arbeiter beeinflussen liess, wenngleich nicht im Sinn idealer Grechtigkeit.

Wieder zeigt sich die Ungleichzeitigkeit in der Gleichzeitigkeit. Auch Stuart Mills „On Liberty“ erschien 1859, im selben Jahr wie Darwin’s „On the Origin of Species“. Beachtenswert ist, dass Mill seinen utilitaristischer Ansatz menschlicher Freiheit und menschlichen Rechts auf Freiheit nicht im Sinn von Malthus auf gesellschaftliche Eliten begrenzte, im Gegenteil. Freiheit überhaupt und spezifisch im Sinn von Meinungsfreiheit, Bildungsfreiheit, Beziehungsfreiheit, überhaupt von Lebensfreiheit steht gemäss Stuart Mill als Recht in gleichem Mass jedem Menschen zu, gewissermassen als philosophische Begründung von Alexander von Humboldts naturwissenschaftlicher Überzeugung. Sie steht somit, wie es für Mill unbestreitbar war, auch den Frauen zu, auch den Homosexuellen, gemäss den normativen Kriterien wechselseitiger „Wohlfahrt“, d.h. gemäss Kriterien eines gleichen Wohlergehens, das jeden auf Ungleichheit beruhenden Mangel an Lebenswert als falsch erklärt und von jeder Rechtfertigung ausschliesst.

Da bei Nichterfüllung dieser moralischen  Kriterien Leiden die Folge ist, Leiden aber – unabhängig von Herkunft und Stand – durch keinen Menschen ertragen werden kann, da ferner die Tiere nicht anders wie die Menschen leiden und Leiden auf gleiche Weise empfinden, sollte das gleiche Recht auf Respekt sowohl allen Menschen wie auch allen Tieren zukommen. Jede qualvolle Art, Tiere zu halten oder zu töten, sollte vermieden werden. Auf Grund seiner Kriterien des Respekts vor dem nicht antastbaren Wert des Lebens setzte sich John Stuart Mill gegen jede Begründung und gegen jede Art von Todesurteil wie auch gegen jede Art körperlicher Bestrafung ein, überhaupt gegen jegliche Behandlung von Menschen als „Sache“, somit gegen jede Art von Leibeigenschaft und Sklavschaft, d.h. gegen jede Art  menschlicher Verdinglichung und Gewalt.

Interessant ist festzustellen, dass ebenfalls 1859 die dritte Ausgabe von Arthur Schopenhauers „Die Welt als Wille und Vorstellung“ veröffentlicht wurde, deren erste Ausgabe schon 1818 erschienen war und grosse Kontroversen ausgelöst hatte, da Schopenhauer die Werte der europäischen Kultur durch seine pessimistische Analyse als ungenügend erkannte und diese auf die indische der Upanishaden erweitete, in welcher die Tierethik[19] von gleichem Wert ist wie die Ethik menschlichen Zusammenlebens. Eine Analogie zu jener von Robert Owen, von Stuart Mill und Arthur Schopenhauer findet sich  ausgesprochenerweise auch auf französischer Seite – zurückblickend bei jener von Jean-Jacques Rousseau -, insbesondere bei Henri de Saint-Simon und dessen Anhängerinnen und Anhängern, so bei Flora Tristan, Jean-Joseph Louis Blanc und Pierre Joseph Proudhon.

Um den Überblick zu wahren: es ist wichtig wahrzunehmen, dass die evolutionstheoretischen Erkenntnisse, die in naturwissenschaftlicher Hinsicht für die „soziale“ Verbindung der naturhaften Wesenszusammenhänge von Pflanzen und Tieren und Menschen einen vielfachen Nachweis erbrachten, durch den gleichzeitig vorangetriebenen technischen Fortschrittt in wirtschaftlicher Hinsicht mit der Verdinglichung des Menschen in dessen Gleichstellung mit der Maschine eine schwerwiegende Regression bewirkten, zumal sie mit menschenverachtenden rassistischen und eugenischen Ideologien einhergingen, die überall in Europa politisch genutzt wurden. Dass aber gleichzeitig eine Auflehnung gegen die Fehldeutung der Evolutionstheorie wie gegen deren industrielle und politische Ausnutzung zustande kam, deren stärkster Impuls ohne Zweifel in Fortsetzung der frühsozialistischen Bewegungen auf der Überzeugungskraft von Karl Marx[20] beruhte.

Marxens politische Philosophie baute auf der kritischen Auseinandersetzung mit G.W.F. Hegels „Phänomenologie des Geistes“ von 1807 auf, insbesondere mit der durch das „Selbstbewusstsein“ sich entscheidenden Wahl zwischen Herrschaft und Knechtschaft, einem dialektischen Prozess, da Herrschaft nur so lange Bestand haben kann als Knechtschaft besteht. Doch jede abstrakte Erkenntnis musste vor der Auseinandersetzung mit den Tatsachen des menschlichen Zusammenlebens weichen, die sich geradezu aufdrängte: die Tatsache der „Herrschaft“ durch die Bourgeosie und der „Knechtschaft“ durch die Arbeiterklasse, die infolge der Industrialisierung zum Proletariat wurde. Marx verband seine kritische philosophische Arbeit mit jener der Nationalökonomie, getragen durch die Flügel des Protests und durch die Kraft seiner Überzeugung, dass die Menschen befähigt seien, den Protest gegen die Fehlentwicklung der Gesellschaft, gegen die entwürdigende Automatisierung und Verdinglichung des Lebens umzusetzen und sich gemeinsam zu wehren.  Dass sie fähig seien, sich aus der Entfremdung zu befreien, die das eigene Werden zum Sein durch die entfremdende Arbeit in eine menschlich erniedrigende Gefangenschaft versetzt hatte.

Die wichtigsten Überlegungen von Karl Marx finden sich ohne Zweifel schon in den noch 1844 während der Emigrationszeit in Paris verfassten „Ökonomisch-philosophischen Manuskripten“[21], die in mancher Hinsicht zugleich Stuart Mill’s und Jeremy Bentham’s wie insbesondere G.W.F. Hegels und Ludwig Feuerbachs menschenrechtlichen Kriterien nahe kommen[22], gleichzeitig jedoch im Menschenbild einen existenzphilosophischen Ansatz aufweisen. Dieser entspricht ältesten Grundsätzen des nicht antastbaren Lebenswertes. Konnte dieser Grundsatz genügen, um die Menschen aus der wachsenden Entmenschlichung der gesellschaftlichen Entwicklung herauszuleiten?

Als 1848 in London das „Kommunistische Manifest“ von Karl Marx und Friedrich Engels erschien, mit welchem die Arbeiterschaft zum gewaltsamen Umsturz der, wie Marx festhielt, „kaum hundertjährigen Klassenherrschaft“ aufgerufen wurde, war gleichzeitig im Kreis von New Lamark ein Systemwechsel zustande gekommen, der durch die verbindliche Wechselseitigkeit von Arbeitgeber und ArbeitnehmerInnen jegliche gewaltsame Auflehnung sinnlos werden liess. Doch das von Marx geschilderte Ausmass des von der Bourgeoisie über die ganze Erdkugel umgesetzten Absatzes von Produkten, deren Herstellung durch „neue Industrien“ geschah, „deren Einführung eine Lebensfrage für alle zivilisierten Nationen wird, durch Industrien, die nicht mehr einheimische Rohstoffe, sondern den entlegendsten Zonen angehörige Rohstoffe verarbeiten und deren Fabrikate nicht nur im Lande selbst, sondern in allen Weltteilen zugleich verbraucht werden (…), durch Unterjochung der Naturkräfte, Maschinerie, Anwendung der Chemie auf Industrie und Ackerbau, Dampfschiffahrt, Eisenbahnen, elektrische Telegrafen, Urbarmachung ganzer Weltteile, Schiffbarmachung der Flüsse, ganze aus dem Boden hervorgestampfte Bevölkerungen.“[23]

Doch wie konnten Menschen, die, wie Marx und Engels  festhielten, „zum blossen Zubehör der Maschine“ werden, deren Arbeit dadurch „allen selbständigen Charakter“ verliert, deren Lohn infolge der wachsenden Konkurrenz immer schwankender und niedriger und deren Lebenszustand immer armseliger wird“, wie konnten sie sich aus der  Sklaverei befreien? Sie riefen die Arbeiterschaft zum Kampf im Sinn einer „gemeinsamen“ (lat. „communis“) – kommunistischen – Ziesetzung auf, zur „Aufhebung des Privateigentums“ der Bourgeosie, zum Kampf im Sinn von Darwin’s und  Spencer’s „struggle of the fittest“.

Wir kennen die Entwicklung seit dem „Manifest“ von 1848 bis heute. Die Vorstellung, dass sich das öffentlich begrenzte Owen’sche Modell, das ja keine Utopie war und keiner Ideologie bedurfte, gesamteuropäisch in wachsenden Kreisen umgesetzt hätte, weckt den Wunsch einer Rückwärtsbewegung der Geschichte, in welcher bei gleicher wirtschaftsanalytischer Klarheit von Marx wie bei gleicher technologischer Weiterentwicklung die blutigen Revolutionen und Diktaturen angesichts einer gerechten Veränderung des Produktions- und Gewinnsystems nur noch Albträume gewesen wären.[24] Und die traumähnliche Vorstellung reicht weiter zurück in eine Verbindung von Robert Owen’s Modell mit dem Entwurf „Contr’un“ von Etienne de la Boëtie[25] Mitte des 16. Jahrhunderts, dem Freund von Michel de Montaigne, der als „freiwillige Knechtschaft“ bezeichnete, was letztlich Freiheit von jeglicher Tyrannei ermöglichen sollte und was letztlich Oscar Wilde mit seinem Essay „The Soul of Man under Socialism“ anstrebte, den er 1891 in der „Fortnightly Review“ publizieren konnte und der nachher wie ausgelöscht wurde, bis ihn Gustav Landauer 1910 ins Deutsche übersetzte[26] und mit seiner eigenen Vision eines anarchischen Sozialismus ohne regierungs- und systembedingte Machtstrukturen verband.

Es war eine Vision, die Landauer mehr oder weniger annähernd mit anderen Denkern und Denkerinnen der gleichen Zeitzusammenhänge verband, mit Peter Kropotkin, der eingehend auf das von Darwin erarbeitete Bild des Menschen als „soziales Tier“ einging[27],  Leo Tolstoï, Rosa Luxemburg, Martin  Buber, Erich Mühsam, Margarthe Faas-Hardegger, auch mit Albert Schweitzer, Leonard Ragaz u.a.m., für welche sich ein Aufbegehren gegen die menschlichen Erniedrigungen, die sich im System von Privatbesitz, industrialisiertem Sklaventum und staatlicher Macht, von medienbeherrschter und gewaltbesetzter Masse zunehmend verdichtet hatte und die, wie Oscar Wilde schrieb, der Rückbesinnung auf das älteste sozialistische Vorbild bedurfte, auf den Entwurf von Jesus von Nazareth, für den der gemeinsame Grundbesitz und der gleiche Lebenswert jedes einzelnen Menschen, somit dessen Entfaltung in der individuellen Besonderheit die Voraussetzung für ein friedliches Zusammenleben war, nicht auf Grund von Folgsamkeit und Zwang, sondern im Sinn einer Veränderung des Blicks auf den Anderen. Dem „Schwachen“ sollte neben dem „Starken“ die gleiche Entfaltungsmöglichkeit zustehen, so dass ein Leben ohne Erniedrigung und Angst in der wechselseitigen Abhängigkeit von einander zustande kommen sollte.

Es stellt sich die Frage, ob eine Umdeutung der evolutionstheoretischen Notwendigkeit von wechselseitigem Kampf, von Überlebensangst und Vernichtung eine Utopie sind. Im kritischen Rückblick hatte Martin Buber[28] alle grösseren und kleineren Versuche festgehalten, die mit dem geistigen Handgepäck von sozialen und sozialistischen oder kommunistischen  Ideen resp. Ideologien eine Neuorientierung des menschlichen Zusammenlebens angestrebt hatten, jedoch in der „Ära des Hochkapitalismus, der die Gesellschaft destrukturiert hat“, zumeist gescheitert waren. „Noch ist Frist zur Wendung und Wandlung gegeben“, schrieb Martin Buber und fuhr fort, es sei damit „nicht eine taktische gemeint ist, wie Lenin und seine Mitarbeiter sie mehrfach vollzogen haben, sondern eine fundamentale. Rückwärts kann sie nicht gehen, nur vorwärts, aber in eine andere Richtung. Ob in der Tiefe noch unbenannte Kräfte sich regen, die heraufschiessen und diese Wendung vollbringen werden, davon hängt vieles ab“, worauf er die Warnung von Pierre Leroux wiederholte, die dieser 1948 vor der französischen Nationalversammlung ausgesprochen hatte: „Wenn ihr keine menschliche Genossenschaft wollt, dann sage ich euch, dass ihr die Kultur dem Los aussetzt, in furchtbarer Agonie zu sterben“.[29]

Was die „menschliche Genossenschaft“ beinhalten würde, wäre eine in nicht gegen-, sondern wechselseitige Akzeptanz der gleichen Lebensbedürftigkeit und zugleich der ungleichen Befähigung, auf aktive Weise soziale Verantwortung zu übernehmen, ohne dass die Tatsache einer passiven Zugehörigkeit mit geringerem Wert oder mit geringerem Rechtsstatus einherginge.  Die technische und wissenschaftliche Entwicklung, die vor allem unter „Fortschritt“ verstanden wird, kann und soll nicht rückgängig gemacht werden, sondern anders benutzt zu werden: nicht mehr gegen, sondern zu Gunsten des menschlichen Zusammenlebens. Wie soll vorgegangen werden?

Es braucht dazu in erster Linie eine Korrektur der menschlichen Entfremdung, die in Zusammenhang  der zeitlichen Verhältnisse des ausgehenden 18. und des 19. Jahrhunderts schon Hegel, Feuerbach und Marx thematisiert hatten, die jedoch durch den ins Masslose vorangetriebenen „Fortschritt“ von Wissenschaft, Technik und Produktion zu kaum mehr tragbaren Verlusten im menschlichen Zusammenleben geführt hat, zu systematischem Misstrauen der Menschen vor einander, zur Verwechslung von Nähe und Beziehung mit Besitz und Beherrschung, in jeder Hinsicht zu grosser Vereinsamung, die in Ersatzbeziehungen, in Fluchtversuchen und in Verzweiflung mündet. Was Psychiatrie und Pharmakologie als Depression und als Aggression, als Aufmerksamkeitsstörung und als Paranoïa bezeichnen und mit chemischen Mitteln zu sedieren vorgeben, zeigt in unzählbar vielen menschlichen Leben auf, was Entfremdung bewirkt, die, zusätzlich zum nicht mehr tragbaren Mangel an wärmendem Halt und an verlässlicher Nähe im privaten Beziehungsbereich, im öffentlichen Bereich mit einer weltweit vernetzten Überwachung jedes einzelnen Menschen und jeden Kontakts der Menschen untereinander einhergeht. Sie mündet in jene Diktatur konstanter Registrierung von Bewegung und Verhalten, von genügender oder ungenügender Leistung  vom Kindergarten an über alle Schul- und Ausbildungs- und Arbeitssysteme, die die das gegenwärtige Leben zutiefst bedrückt. Die Entfremdung mit den tragischen Folgen der Vereinsamung im individuellen Leben wurde zu einer kollektiven Entfremdung, die sich ebenso in der administrativen Kälte des Beamtenwesens resp. der Bürokratie äussert wie in der Zustimmung der entfremdeten Menschen zu Massenevents, ob dies Fussballspiele, Papstbesuche oder Kriege seien.

Um der Entfremdung entgegenzuwirken, braucht es auf dem heutigen Stand der Evolution eine Rückkehr zur Erdgebundenheit des Menschseins, zur „Einwurzelung“ gemäss Simone Weil (s. später). Es braucht eine Absage an die virtuelle Erkenntnisweise des Lebens, die ein Wissen vortäuscht und zum angstbesetzten Mangel an spürbarer und tragbarer Erfahrung sozialer Zugehörigkeit führt. Auf verhängnisvolle Weise wird schon kleinen Kindern über Fernsehen und Computersspiele eine virtuelle Welt als Ersatz für die wirkliche aufgezwungen. Weltzugeörigkeit ist nur erfassbar über Berühren und Erkunden, über eine echte, die Gefühle und das Denken weckende Wahrnehmung im Rahmen des persönlichen Lebensumfeldes, das sowohl Erfahrung wie Verarbeitung von Erfahrung ermöglicht. Da jedoch eine virtuelle Welt an Stelle der realen in wachsendem Ausmass sich im privaten Rahmen von Kindern und Jugendlichen wie im Unterrichts- und Lehrsystem der Schulen und Universitäten fortsetzt, wächst eine Bevölkerung heran, die distanzlos, bilderüberflutet und innerlich leer wird. Wie ein Riesenheer von Insekten werden Menschen im Namen des „Fortschritts“ vor sich hingetrieben. Wie können Veränderungen bewirkt werden, das das individuelle Leben wie das Zusammenleben wieder sinnvoll werden lassen?

„Und dass du nicht ratlos wirst, wie Hanne Riepel, der Belesene:

Der einsam und schwatzhaft wie eine Drossel geworden ist!

Und dass du nicht eitel wirst, wie Olle Michael, der Gerechte:

Der die Erde kennt, und den die Sonne nicht mehr blendet!

Und das du nicht gerissener wirst von Tag zu Tag, wie Jub:

Der den Glauben verloren hat, und der wie ein Rabe klaut!

Und dass du nicht schlau wirst, wie Pippe Brand – der Jüngere:

Der zur Nacht aufsteht, und der von den Frauen übel redet!

Und dass du nicht gemein wirst, wie Zelle, der Verworfene,

Nicht wie Mike, der Einäugige. Nicht wie Jule, der Lahme.

Und dass du nicht frech wirst, wie Jesse, der Nachsichtige.

Wie im Dezember der Schnee ist, möge also dein Verstand sein.

Fällt Unruhe in dein Gemüt, befrage die Natur und sei still.

Arbeite mit den Händen, liebe deine Nächsten, werde stark.“[30]

 

Es braucht eine Rückkehr zur ursprünglichen Quelle des Wissens über die Aufmerksamkeit auf die tatsächlichen Bedürfnisse, deren Nichterfüllung Leiden verursacht, im eigenen Lebensempfinden wie in jedem anderer Menschen. Das Bedürfnis des Menschen, wahrgenommen und beachtet zu werden, d.h. als Mensch geliebt und ernst genommen zu werden, wartet von den ersten Lebensmomenten an bis zu den letzten auf Erfüllung, nicht im Sinn der Bestätigung einer Bewertung oder Klassifizierung, nicht nach Kriterien von Nützlichkeit oder Nutzlosigkeit, nicht nach überlieferten oder vorgegebenen Kategorien von „genügend“ oder „ungenügend“, nicht nach theoretischen Feindbildern, sondern allein im Sinn der Beziehung zum eigenen Ich – zur Selbstbeziehung -, die allerdings nur entstehen kann über die Beziehung zum nächsten Ich – zum Du – und zu weiteren Beziehungswesen, zu Menschen und zu Tieren, die eine gemeinsame Zugehörigkeit zu einer kleineren und zugleich grösseren „Familie“ resp. einer menschlichen Gemeinschaft vermitteln, im Sinn des Respekts und Wohlwollens vor der unersetzbaren Besonderheit jedes Wesens, dem ein besonderer Platz in dieser Gemeinschaft zukommt. Wie lässt sich erreichen, was sich als dringlich erweist?

 

[1] Rainer Maria Rilke 84.12.1875 – 29.12.1926), aus „Wendung“, in: Jahrhundertgedächtnis (1998, 72)

[2] Hugo von Hoffmanstal (1.2.1874 – 15.7.1929), aus „Manche freilich…“, in: Jahrhundertgedächtnis (1998, 40)

[3] Charles Darwin (17. 02. 1809 – 19. 04. 1882)

[4] 1. Auflage am 24. 11. 1859

[5] lat. communis – gemeinsam, gemeinschaftlich; com – mit; munis pl. munia- Leistung, Verpflichtung; munire – bauen

[6] lat. seligere / selectus – auslesen, auswählen / ausgewählt; legere – lesen

[7] d. h. als bildlichen Ausdruck, der anderswohin trägt (gemäss der Bedeutung des gr. „metapherein“: „meta“ – nach – hin,

„pherein“ – tragen)

[8] Charles Darwin. Die Entstehung der Arten (Reclam 1963, 101)

[9] Charles Lyell (14. 11. 1797 – 22. 02. 1875), der als Geologe in jener Zeit hoch angesehen war, hatte nach eingehenden Untersuchungen der Erdschichten und der Versteinerungen in London in 3 Bden Principles of Geology veröffentlicht (in 12. Auflage 1876), schon 1841 eine dt. Übersetzung der drei Bde, sodann 1857-58 die Neubearbeitung in 2 Bden..

[10] Wie schwer sich auf die wissenschaftlich interessierten und zugleich religiös-puritanisch an die Bibel gebundenen Forscher diese Erkenntnisse auswirkten, findet sich in der ergreifenden Darstellung von Edmund Gosse. Vater und Sohn. Eine Darstellung zweier Temperamente. Manesse Verlag, Zürich 1973 (erstmals erschienen 1907). Dabei geht in erster Linie um die Erfahrung von Edmund Gosse mit dem um Erkenntnis ringenden, jedoch durch seine Glaubensverpflichtung am kritischen Denken zerbrechenden Vater, Philipp Henry Gosse (1810 – 1888), der im Kontakt sowohl mit Charles Lyell wie mit Charles Darwin stand. „Vaters Einstellung gegenüber der natürlichen Zuchtwahl war entscheidend für seine Laufbahn. (…) So traurig es ist, so muss doch gleich gesagt werden, dass er das neue Licht anfänglich mit jeder Faser seines Geistes freudig begrüsste. Kaum war er jedoch so weit, als ihm die Erinnerung an die Schöpfungsgeschichte Einhalt gebot“…  (Gosse 1973, S. 124)

[11] Gemäss jüngsten physikalischen Untersuchungen, bei welchen die Einstein’sche Gravitationstheorie durch eine Quantentheorie der Gravitation ersetzt wird, hat unser Universum vermutlich auf invertierte Weise schon vor dem Urknall vor 13,7 Milliarden Jahren bestanden, cf. Martin Bojowald. Zurück vor den Urknall. Die ganze Geschichte des Universums. S. Fischer-Verlag, Frankfurt a. M. 2009

[12] Alexander von Humboldt, Kosmos (1845), I, 2004:187

 

[13] Lamarck begründete in Paris den Jardin des Plantes und das Museum für Naturwissenschaften, die noch heute von Bedeutung sind.

[14] auch von Darwin als „an inimitable observer“ geehrt, obwohl J.H.Fabre die Evolutionstheorie ablehnte. Fabre’s 10 Bde „Souvenirs entomologistes“ von 1891-1909, auch „Les merveilles de l’instinct chez les insectes“ sind noch immer von grösster Bedeutung. Zu den Verehrern von Fabre gehört Kurt Guggenheim, der ihm mit „Sandkorn für Sandkorn“ (Ullstein 1980) eine vertiefte Studie gewidmet hat.

[15] Etienne Geoffrey Saint-Hilaire (1772-1844), in der naturwissenschaftlichen Literatur eher als Etienne Geoffrey erwähnt, war ein Freund von Jean-Baptiste Lamarck, der jedoch – entgegen dessen Überzeugung –  seine morphologischen Erklärungen für die Entwicklung der Arten mit einer transzendentalen – göttlichen – Ordnung in Verbindung brachte. Er war ein Vertreter einer deistischen Entwicklungstheorie, zu der sich auch Jean-Henri Favre bekannte, entgegen Darwin’s Auffassung. Geoffrey Saint-Hilaire war einer der 167 Wissenschaftler, die Napoléon für sein Ägypten-Expedition von 17198-1802 aufgeboten hatte. In Zusammenhang seiner 1818/20 publizierten „Philosophie anatomique“ stand er in regem Austausch mit J. W. Goethe sowie mit Robert Edmond Grant in Edinburgh, dem Lehrer von Charles Darwin.

[16] Guggenheim / Fabre 1979, 132

[17] Neueste historische Untersuchungen über die über die ganze Evolution fortgesetzten Völkermorde durch: Ben Kiernan. Erde und Blut. Völkermord und Vernichtung von der Antike bis heute. Übersetzung aus dem Englischen von Duo Rennert. Deutsche Verlagsanstalt, München 2009.

[18] Robert Owen (14. 05. 1771 – 17. 11. 1858)

[19] Erst in jüngster Zeit wuchs der ethische Widerstand gegen die der Fleischindustrie dienenden Tierquälereien so an, dass politische Bewegungen zu Gunsten der Umsetzung des Tierschutzrechtes sich durchsetzen konnten, dass z. B. das Amt von kantonalen TieranwältInnen geschaffen wurde (im Kanton Zürich 1992 durch eine Voksabstimmung), um die Nichtbefolgung bestehender Tierschutzgesetze anklagen zu können.

[20] Karl Marx (05.05.1818 – 14. 03. 1883)

[21] cf. die Herausgabe durch Erich Fromm. Das Menschenbild bei Marx. Mit den wichtigsten Teilen der Frühschriften. Ungekürzte Ausgabe. Ullstein 1988

[22] diesbezüglich auch Hegels  „Philosophie der Geschichte“ (1822) von grosser Bedeutung

[23] Marx/Engels. Manifest der Kommunistischen Partei. London 1848/ Berlin 2003, S. 18-19

[24] Eine Fortsetzung von New Lamarck findet sich in der Mondragon Corporacion Cooperativa (MCC) im spanischen Baskenland (auf Baskisch Arrasate genannt), die 1956 – noch während der Diktatur Francos – gegründet wurde und sich aus einer kleinen Werkstatt zur Herstellung von Paraffinöfen und –herden zum siebtgrössten Konzern in Spanien entwickelt hat, der 250  Unternehmen in den Gebieten Industrie, Finanzen und Handel sowie eine Universität und weitere Foschungs- und Ausbildungsstätten einschliesst (cf. Neue Wege 11/2007, 101. jahrgang. Willy Spieler. Die Kooperative Mondragon – Beispiel einer Unternehmensdemokratie.  S. 316-327)

[25] Etienne de la Boëtie (1530-1563). Von der freiwilligen Knechtschaft / Discours de la servitude volontaire. Europäische Verlagsanstalt 1980

[26] Die Übersetzung “Von der freiwilligen Knechtschaft. Eine Abhandlung von Etienne de la Boëtie“ erschien in Gustav Landauers Zeitschrift „Der „Sozialist“, 2. Jahrgang 1910, in den Nummern 17 bis 22 und im 3. Jahrgang 1911, Nummer 1.

[27] Peter Kropotkin (1842-1921), aus dem russischen Hochadel, trat zunehmend der anarchistischen Bewegung näher, kam 1872 nach Genf und wurde Mitglied der Internationalen Arbeiterassoziation, trat insbesondere in Kontakt mit den Vertretern der „libertären Juraföderation“ in Neuchâtel sowie in den Kreisen des Uhrenindustrie im Jura und veröffentlichte 1908 nach anderen Publikationen eine packende Auseinandersetzung mit sozialdarwinistischen Tendenzen, die er ablehnte, unter dem Titel: Gegenseitige Hilfe in der Tier- und Menschenwelt. Verlag Theodor Thomas, Leipzig 1908: „Jedesmal indessen, wo man daran ging, zu diesem alten Prinzip [der gegenseitigen Hilfe] zurückzukehren, wurde seine Grundidee erweitert. Vom Clan dehnte es sich zur Völkerschaft aus, zum Bund der Völkerschaften, zum Volk und schließlich – wenigstens im Ideal – zur ganzen Menschheit. Zugleich wurde es auch veredelt. Im ursprünglichen Buddhismus, im Urchristentum, in den Schriften mancher muselmanischen Lehrer, in den ersten Schriften der Reformation und besonders in den ethischen und philosophischen Bewegungen des letzten Jahrhunderts und unserer eigenen Zeit, setzt sich der völlige Verzicht auf die Idee der Rache oder Vergeltung – Gut um Gut und Übel um Übel – immer kräftiger durch. Die höhere Vorstellung: „Keine Rache für Übeltaten“ und freiwillig mehr zu geben, als man von seinen Nächsten zu erhalten erwartet, wird als das wahre Moralprinzip verkündigt – als ein Prinzip, das wertvoller ist als der Grundsatz des gleichen Maßes oder die Gerechtigkeit, und das geeigneter ist, Glück zu schaffen. Und der Mensch wird aufgefordert, sich in seinen Handlungen nicht bloß durch die Liebe leiten zu lassen, die sich immer nur auf Personen, bestenfalls auf den Stamm bezieht, sondern durch das Bewusstsein seiner Einheit mit jedem Menschen. In der Bestätigung gegenseitiger Hilfe, die wir bis an die ersten Anfänge der Entwicklung verfolgen können, finden wir also den positiven und unzweifelhaften Ursprung unserer Moralvorstellungen; und wir können behaupten, dass in dem ethischen Fortschritt des Menschen der gegenseitige Beistand – nicht gegenseitiger Kampf – den Hauptanteil gehabt hat. In seiner umfassenden Betätigung – auch in unserer Zeit – erblicken wir die beste Bürgschaft für eine noch stolzere Entwicklung des Menschengeschlechts.“ (a.a.O. S.274f)

[28] Martin Buber. Der utopische Sozialismus. Verlag Jakob Hegner, Köln 1967. (Erste deutsche Ausgabe unter dem Titel „Pfade in Utopia“ 1950 im Verlag Lambert Schneider).

[29] Buber 1967, 215-216

[30] Jesse Thoor (d. i. Karl Höfler) (1905 – 1952). Nachsatz. In: Jahrhundertgedächtnis. Deutsche Lyrik im 20. Jahrhundert. Hg. Harald Hartung. Verlag Philipp Reclam jun., Stuttgart 1998, S. 197

 

 

  1. Abend

 

„Zuversicht

Es wird noch ein Auge sein,

ein fremdes, neben

dem unsern: stumm

unter steinernem Lid.

Kommt, bohrt euern Stollen!

Es wird eine Wimper sein,

einwärts gekehrt im Gestein,

von Ungeweintem verstählt, die feinste der Spindeln.

Vor euch tut sie das Werk,

als gäb es, weil Stein ist, noch Brüder.“[1]

 

Die sechs Abende kommen zum Abschluss. Was konnte erarbeitet werden? Eine knappe Zusammenfassung mag nützlich sein:

Werden und Sein sind gleichzeitig Vergehen und Werden und Sein, und immer ist das individuelle Leben einbezogen in ein gesamtes Werden und Vergehen, das im einzelnen Sein und Dasein zugleich die grosse Entwicklung, d.h. die ganze Geschichte des Werden und Vergehens zusammenhält. In jedem einzelnen Menschen sind die Ängste und Leiden, die Erfahrungen und Erkenntnisse, die Weiterentwicklung und die Herkunftsgeschichten ungezählter Vorfahren enthalten und gleichzeitig ein neues Dasein von unersetzbarer, einzigartiger existentieller Bedeutung zwischen Geburt und Tod. Werden und Vergehen stellen somit eine als zeitliche Bewegung verstandene, je persönlich erlebte Entwicklung dar. Durch die Tatsache des Verflochtenseins in Beziehungen sowie durch jene der Intuition, d.h. der Befähigung des Menschen, durch verinnerlichte Anschauung sich einen Erkenntnisprozess des Bewusstwerdens zu ermöglichen, gewinnt die zeitliche Bewegung die Bedeutung von Dauer. Es war Henri Bergson, ursprünglich beeinflusst durch Spencer, Mill und Darwin, der 1888 in „Sur les données immédiates de la conscience“ wie auch in seinen späteren Werken die Erkenntnis festgehalten hat, dass in der Zeitlichkeit des menschlichen Lebens nichts sinnlos ist, was durch das Bewusstwerden erinnerbar ist und damit im Sinn von Dauer Teil des Bewusstseins wird.

Das einzelne Individuum ist in seinem Werden immer zugleich Sein, sowohl in seiner Einzelheit und Besonderheit wie als Teil der Zugehörigkeit zum – lediglich intuitiv erfassbaren – Weltganzen, zum versteinerten und zum lebendigen Leben, zu Raum und Zeit: „Welches auch immer das innerste Wesen des Seins und Werdens sein mag, wir gehören dazu“.[2] Auf dem Erkenntnisprozess der Intuition beruhenden Bewusstwerden gründet das Verstehen der Zusammenhänge von Wahrnehmen und Erfahren im Guten und Stärkenden wie im Mangel und im Leiden, ob es verflochten sei mit dem Entscheiden und Tun anderer Menschen oder mit dem eigenen Verhalten oder Handeln. Immer geht Erfahrung damit einher und durch die Erfahrung ein sich erweiterndes und vertiefendes Erkennen. Was sich dem Bewusstsein entzieht, was im Unbewussten gespeichert bleibt, hat zumeist mit belastenden Erfahrungen der frühen wie der nachfolgenden Lebenszeit zu tun, deren verborgene Prägung das Gefühlsleben und damit das Verhalten gegenüber anderen Menschen auf dunkle, undurchschaubare Weise gemäss den Triebkräften des Schattenbereichs des Ich – dem unbekannten Es (gemäss Georg Groddeck und Sigmund Freud[3]) – lenkt, das sich in Angst, Niedergeschlagenheit und Misstrauen, in ungehemmter Aggression oder in Schuldgefühlen äussert und sich gegen die Entfaltung von Entscheidungsfreiheit im Beziehungsverhältnis zum eigenen Leben und zu fremdem Leben vordrängt.

Wenn die durch Mangelerfahrungen (verursacht durch ein Zuviel oder durch ein Zuwenig in der Beachtung lebenswichtiger Bedürfnisse), durch Angst und Leiden geprägten Belastungen im zwischenmenschlichen Zusammenleben überhand nehmen, wachsen in gleichem Mass Misstrauen, Wut und Hass an, die sich in vielfachen Formen der Feindseligkeit Ausdruck schaffen und den Alltag zum Kampf – zum Kampf ums Überleben – mit zunehmend verhängnisvoller Destruktivität werden lassen. Und da in jeder Minute wieder neue Menschenkinder in diese Überlebensbedingungen hineingeboren werden, die durch die Hintergrunderfahrungen ihrer Eltern und durch die aktuellen Lebensumstände auf unterschiedliche Weise damit konfrontiert werden, geschieht der transgenerationelle Prozess eventuellen Überlebens, den Darwin und andere Biologinnen und Biologen bei den Pflanzen und Tieren untersucht haben, auf gleiche und zugleich andere, verhängnisvollere oder – eventuell – einsichts- und lernfähigere Weise in der Geschichte von Werden und Sein bei den Menschen.  „Geburt ist Zufall, und ich finde diesen Umstand weder gut noch übel“ schrieb Albert Camus 1953 in einem kurzen Text, den er als Vorspann für den aufwühlenden Bericht aus dem Arbeitermilieu von Louis Guilloux geschrieben hatte, und er fuhr fort: „Ich beschränke mich auf den Versuch, diesen paradoxen Sachverhalt zu erklären, und halte mich an einen weisen Freund, der meinte: Wenn man von den Dingen spricht, die man nicht kennt, lernt man sie schliesslich.“[4]

Mit Hilfe von Worten einem „paradoxen Sachverhalt“ Ausdruck geben ist einfacher als bewusst damit konfrontiert sein und handeln. Lernen heisst in kleinen Schritten handeln: über fragen, nachdenken und Schlüsse ziehen, mit dem Ziel, sich daraus heraus zu finden – auf kreative Weise.

Lernen baut auf den mit den – häufig leidvollen – Erfahrungen einhergehenden Empfindungen und Erkenntnissen auf, durch welche die schöpferische Vorstellungskraft wie auch der Wille geweckt werden, auf andere, bessere und klügere Weise das individuelle Leben und Zusammenleben gegen die Macht der destruktiven Kräfte zu steuern. Die kleinen Schritte gehen mit dem Wortelauschen und Wortefinden einher, mit dem Bild- und Zeichensuchen, mit dem Erforschen und dem Ergründen von Sinn und Bedeutung jeder Erfahrung im Erleben wie im Tun. Das Vermitteln von Fragen und Wissen zwischen den Generationen beruht vermutlich auf einer Befähigung, die sich ohne Zweifel auf ähnliche und doch andere Art auch bei den Tieren findet, vermutlich auf unbekannte Weise selbst bei den Pflanzen. Während die eine Befähigung sich nach dem Bedürfnis nach Kommunikation (lat. communis – gemeinsam) ausrichtet, d.h. sich um Ausdruck und Austausch dessen bemüht, was wahrgenommen und empfunden, erkannt, gedacht und entschieden wird, trachtet die andere nach Erweiterung und Verbesserung von Wissen. Das Wissen betrifft die Fragen der Lebensbedingungen in der ganzen Komplexität von Nichtwissen und von Abhängigkeiten, und so öffnet das Lernen über das Erkennen und Wissen Möglichkeiten, eines der zentralen menschlichen Grundbedürfnisse, die Freiheit, umzusetzen, die in Zusammenhang der Aufklärungstheorien immer wieder erwähnt wurde, d.h. auf nicht destruktive, sondern auf kreative Weise Wahlmöglichkeiten zu finden, um angstfreier leben zu können und so den weiteren zentralen Grundbedürfnissen, jenen nach Beziehung, nach Sicherheit und nach Lebenssinn, gerecht zu werden.

Ich stelle mir vor, dass auf diese Weise in der menschlichen Evolutionsgeschichte die Pflege des Lebensumfeldes und die Erarbeitung von Wertekriterien für das soziale Verhalten zustande kamen und dass  – vermutlich unter Einbezug der Pflanzen und der Tiere, die ebenfalls ein soziales Bedürfnis haben – deren Befolgung angestrebt wurde, d.h. dass Kultur entstand. Entsprechend der etymologischen Bedeutung des lateinischen „cultura“ (abgeleitet von „colere“ – pflegen) wird deutlich, dass Kultur ursprünglich der Fähigkeit des Handelns und der Herstellung von Werkzeugen bedurfte, ja dass sie als Gegenentwicklung zur Hilflosigkeit gegenüber der Gewalt der Naturkräfte wie auch gegenüber der Bedrohung durch stärkere Tiere und durch überwuchernde Pflanzen angestrebt wurde; dass sie erst allmählich als konstruktive, kreative Gegenentwicklung zur destruktiven Gewalt zwischen Mensch und Mensch, Familie und Familie, Volk und Volk verstanden wurde.

Doch die gemeinsame und gleichzeitig so unterschiedliche Sprache, die sich allmählich zu einer Vielfalt von Worten, von Musik und von Schrift entwickelte und verfeinerte, diente nicht nur dem besseren Verstehen, sondern auch dem Missverstehen und wachsender Feinseligkeit. Und die Werkzeuge, die vom Menschen als Verlängerung von Hand und Arm, von Zähnen und Körperkraft geschaffen und ständig verbessert wurden und die zum Aufbau sowohl von Wohnstätten und Schutzmauern, von Brunnen, Brücken und Strassen wie von Ackerbau und von weiterer, vielfältiger Kunst eingesetzt wurden, fanden als Waffen auch die Benutzung und Weiterentwicklung in Kampf und Krieg. Während mit dem Bebauen des Bodens, dem  Bearbeiten der Erde, dem Anbau und der Aufzucht von Pflanzen, der Pflege von Tieren und dem Veredeln dessen, was an Ernährung und an Lebensweise als wohltuend und stärkend erkannt wurde, ein tragendes Geflecht des Zusammenlebens geschaffen wurde, durch welches auch der Austausch überflüssiger Produkte gegen fehlende einsetzte, so dass allmählich Markt und Handel begannen, konnte trotz der erstaunlichen Vorteile der „cultura“ das stärkste Hindernis des guten Zusammenlebens der unterschiedlichen „Arten“, der Aggressions- und Destruktionstrieb, wie Sigmund Freud die negative Kraft des Menschen nennt, nicht gelöscht werden.

Gemäss Freud ist die Kultur „ein besonderer Prozess im Dienste des Eros, der vereinzelte menschliche Individuen, später Familien, dann Stämme, Völker, Nationen zu einer grossen Einheit, der Menschheit, zusammenfassen wollte. (…) Diesem Programm der Kultur widersetzt sich aber der natürliche Aggressionstrieb der Menschen, die Feindseligkeit eines gegen alle und aller gegen einen“. Gemäss Freud ist „dieser Aggressionstrieb der Abkömmling und Hauptvertreter des Todestriebs, den wir neben dem Eros gefunden haben, der sich mit ihm die Weltherrschaft teilt. Und nun“ fährt er fort „ist uns der Sinn der Kulturentwicklung nicht mehr dunkel. Sie muss uns den Kampf zwischen Eros und Tod, Lebenstrieb und Destruktionstrieb zeigen, wie er sich an der Menschenart vollzieht. Dieser Kampf ist der wesentliche Inhalt des Lebens überhaupt, und darum ist die Kulturentwicklung kurzweg zu bezeichnen als der Lebenskampf der Menschenart.“[5]

Freud fragte sich anschliessend, warum – vielleicht eher ob –  „unsere Verwandten, die Tiere, keinen solchen Kulturkampf zeigen“, und er gestand offen zu, dass diesbezüglich ein grosses Unwissen sei. Er nimmt an, dass „die Bienen, Ameisen, Termiten und andere mehr während Jahrtausenden ein System[6] mit Funktionen und staatlichen Institutionen geschaffen haben, jene Einschränkung der Individuen, die wir heute bei ihnen bewundern. Kennzeichnend für unseren gegenwärtigen Zustand ist es, dass unsere Empfindungen uns sagen, in keinem dieser Tierstaaten und in keiner der dort dem Einzelwesen zugeteilten Rollen würden wir uns glücklich schätzen.“ In welchem Mass dieses System jenem des Sklaventums, der Leibeigenschaft und jeder Art von Diktatur gleichkommt, thematisierte Freud nicht. Es sind ameisen- oder termitenähnliche Systeme, welche die Menschen selber geschaffen haben. Für Freud ist unbestritten, dass es die grosse menschliche Aufgabe ist, die der Kultur entgegenstehende Aggression, die als Destruktionstrieb trotz der Jahrtausende alten Entwicklung im Menschen bleibt, „unschädlich“ zu machen, wie er formulierte. Er ist sich im Klaren, dass dies als Zielsetzung einer anderen Art von „Fortschritt“ eine hoch komplexe Aufgabe ist.

Wie lassen sich allmähliche Verbesserungen erklären? Gemäss Freuds Überlegungen haben nicht Verbote, sondern hat die Angst, nicht mehr geliebt zu sein, und zwar nicht bloss von Mutter und Vater, sondern von der grösseren menschlichen Gemeinschaft, somit die „soziale“ Angst bewirkt, dass die Aggression „introjiziert, verinnerlicht und  dorthin zurückgeschickt“ werde, woher sie gekommen sei und damit gegen das eigene Ich gewendet werde. „Dort wird sie von einem Teil des Ichs übernommen, das sich als Über-Ich dem übrigen entgegenstellt und nun als ‚Gewissen’ gegen das Ich dieselbe strenge Aggressionsbereitschaft ausübt, die das Ich gerne an anderen, fremden Individuen befriedigt hätte. Die Spannung zwischen dem gestrengen Über-Ich und dem ihm unterworfenen Ich heissen wir Schuldbewusstsein; sie äussert sich als Strafbedürfnis.“[7]

Freud war 74 Jahre alt, als er 1930/31 seinen Essay über „Das Unbehagen in der Kultur“ abschloss, geprägt von seinem schweren Krebsleiden und von der Erkenntnis, dass selbst das Kultur-Über-Ich, das sich zur Ethik des Zusammenlebens entwickelt hatte, keine Garantie bieten konnte gegen feindseliges menschliches Verhalten, gegen Eifersucht, Neid und Hass, dass ebenso wenig die Religionen, die das Gewissen durch die Angst vor dem Verlust göttlicher Liebe und ewiger Strafe quasi zum eigenen Zweck gepachtet hatten, weder Feindbilder noch Gewalt hatten auslöschen können, im Gegenteil. Religionen und politische Ideologien, die beide sowohl Alleinrichtigkeit beanspruchten wie Weltmacht anstrebten – und dies weiter tun -, teilten resp. teilen sich in Kämpfen und Kriegen die Motive für die Legitimation vielfältiger Gewalt.

Infolge des Machthungers der Medien und der Fügsamkeit der Massen wurde für Freud die wachsende Bedrohung durch den Nationalsozialismus schon deutlich erkennbar. Er schloss seine Überlegungen mit der Bemerkung ab, es sei die „Schicksalsfrage der Menschenart, ob und in welchem Masse es ihrer Kulturentwicklung gelinge, der Störung des Zusammenlebens durch den menschlichen Aggressions- und Selbstvernichtungstrieb Herr zu werden. (…) Die Menschen haben es jetzt in der Beherrschung der Naturkräfte so weit gebracht, dass sie es mit deren Hilfe leicht haben, einander bis auf den letzten Mann auszurotten. Sie wissen das, daher ein gut Stück ihrer gegenwärtigen Unruhe, ihres Unglücks, ihrer Angststimmung. Und nun ist es zu erwarten, dass die andere der beiden ‚himmlischen Mächte’, der ewige Eros, eine Anstrengung machen wird, um sich im Kampf mit seinem ebenso unsterblichen Gegner zu behaupten. Aber wer kann den Erfolg und Ausgang voraussehen?“[8]

Freud hielt abschliessend fest, ihm fehle „der Mut, vor den Mitmenschen als Prophet aufzustehen“ und „er beuge sich ihrem Vorwurf, dass er ihnen keinen Trost zu bringen wisse“. Eros als himmlische Macht anzurufen, damit auf die Stufe der Mythologie abzusteigen, war für ihn Ausdruck der eigenen Hilflosigkeit und zugleich der Hoffnung resp. des Anstosses an die Fähigkeit zu lernen und kritisch zu denken, an die nicht-destruktive Kraft, die jedem Menschen in seinem Bedürfnis, geliebt zu werden, zur Verfügung steht und die im Zusammenleben mit anderen Menschen ermöglicht, auf die Schwachen zu achten, sie zu schützen und einen Weg zu gehen, der niemandem Schaden zufügt.

Auch Freud kannte ohne Zweifel Platons „Symposion“, in welchem Sokrates’ Deutung von Eros geschildert wird: Eros, das Kind von Penia, der Göttin der Bedürftigkeit, sowie von Poros, dem göttlichen Wegefinder, der weder wie ein Unsterblicher noch wie ein Sterblicher geartet ist. Was er sich schafft, geht ihm immer wieder verloren. Weder ist er vornehm noch ist er schön, weder arm noch reich, er schläft vor den Türen, ist der Dürftigkeit Genosse, stellt dem Schönen und Guten nach, ist nach Einsicht strebend und zwischen Weisheit und Unverstand steht er immer in der Mitte[9]. Was bei Platon eine noch ausführlichere Schilderung der widersprüchlichen Eigenschaften von Eros aufzeigt, bezieht sich letztlich auf die kreative Kraft jedes Menschen, auf die Liebe zum Leben, die auf je persönliche, sich selber und den Anderen wohltuende Weise einzusetzen jedem und jeder Einzelnen frei zusteht.

Zwei Jahre später (1932/33) verstärkte Freud die Einsicht, dass „die Einschränkung der Aggression das erste, vielleicht schwerste Opfer ist, das die Gesellschaft vom Einzelnen zu fordern hat”[10]. Dieses „Opfer”, das – mit der Tatsache der Unterwerfung des einzelnen Menschen unter das Gesamtwohl verknüpft – zur Pflicht wird, hat gemäss Freud  e i n  entscheidendes Motiv: es ist die „Lebensnot”, ein letztlich „ökonomisches Motiv”, wie er schreibt, das zur Arbeitsteilung, zur  gegenseitigen Unterstützung und zur Akzeptanz der unterschiedlichen Mitglieder der Gesellschaft bewegt. Doch was gut und sinnvoll ist, kann, wie es für Freud unbestritten war, auch zur Errichtung repressiver Systeme führen.

Während allzu langer Zeit galt als „ökonomisches Motiv“ die Unterwerfung der Leibeigenen und Sklaven wie jene der Tiere unter fürstliche und andere Besitzer, der Soldaten unter Offiziere und Generäle, der Arbeiter und Arbeiterinnen unter die Herren der Manufakturen und Fabriken, der Schwachen unter die Mächtigen, der Gläubigen unter die Priester, der Frauen unter die Männer, der Kinder unter die Erwachsenen – all diese Formen von Unterwerfung und Herrschaft als unabänderliche Bedingung mustergültiger Ordnung, dank der das Gesamtwohl als garantiert erklärt wurde. So war Fortschritt scheinbar Resultat  gerade  d i e s e r  Ordnung, durch welche die Gesellschaft zur Kulturgemeinschaft wurde, begleitet von  Zwang und Leid.

Die schwierigen Wechsel vom feudalen zum bürgerlichen und allmählich zum sozialen oder sozialistischen System, von Diktaturen zu Demokratien waren jedoch selten stabil, sondern erlitten immer wieder Regressionen mit schwersten Einbussen an menschlicher Freiheit und sozialer Gerechtigkeit, deren Verbesserung von den Benachteiligten gerade durch den Systemwechsel und eine neue Ordnung angestrebt wurde. Die Vernachlässigung der Bedürfnisse und Rechte der Hilflosesten im sozialen Gefüge, insbesondere der Kinder, ebenso die Ausgrenzung der körperlich und psychisch Schwachen, die Rechtlosigkeit und menschliche Entwertung der Fremden setzte sich fort und blieb immer wieder von neuem tabuisiert.

So  ist es noch heute. Zwar richtete sich das Kosten- Nutzenverhältnis im Lauf der wechselnden Entwicklung darauf aus, dass wenigstens die wichtigsten materiellen Bedürfnisse der Mehrheit befriedigt werden, allerdings immer mit der quälenden Sehnsucht der Benachteiligten nach umfassender sozialer Gerechtigkeit. Doch da die so geregelte, unvollkommene Ordnung wenigstens die nötigen Institutionen bietet, damit die allein nicht zu bewältigenden existentiellen Ereignisse wie Geburt, Heirat und Tod, Schuld und Sühne sowie die Bedürfnisse nach Bildung, Gesundheit und Krankenpflege, nach allgemeinen Mitteln für Transport und Kommunikation, noch einiges mehr in einem grösseren Rahmen geregelt werden, kann sie nicht gänzlich in Frage gestellt werden. Daher wird sie vorweg verteidigt und zugleich verändert, auf merkwürdig mäanderhaftem Weg. Frauen und Arbeiter haben Jahrhunderte gebraucht, um einen Teil der Repressionen, unter denen sie litten, zu korrigieren, um auch der Frauenkultur und Arbeiterkultur innerhalb der patriarchalen Kultur Raum zu schaffen. Doch steht noch vieles an, noch immer die Korrektur der nicht tragbaren, gewaltbesetzten Ungleichbewertung menschlichen Lebens, die allein nach Kriterien der Herkunft, der Hautfarbe, des vorhandenen oder fehlenden Passes, eventuell der verfügbaren oder nicht verfügbaren finanziellen Mittel und der Rücksichtslosigkeit oder Lautstärke im Verhalten selbst auf legale Weise geschieht.

Es stellt sich die zentrale Frage, warum sich über Jahrhunderte, ja über Jahrtausende mit immer neuen oder mit den alten Mitteln fortsetzt, was für diejenigen, die Entscheidungen treffen und handeln, von den Folgen her nicht tragbar wäre, wenn sie erdulden müssten, was sie tun. Immanuel Kants kategorischer Imperativ wird zwar als kulturhistorisches Erbe erklärt, jedoch höchstens auf der philosophisch-theoretischen Ebene. Auf der praktischen Ebene findet sich keine Anwendung. Es ist ein hoch neurotisches Verhalten, das als „normal“ erklärt wird, da es „legal“ ist, und dessen Ursachen, die zum Versiegen oder Verstummen des Gewissens führen, tabuisiert werden.[11]

Menschliches Werden und Sein als Teil einer Jahrtausende alten Kulturgemeinschaft verfügt eigentlich über die Voraussetzungen, dank welcher die individuellen und die allgemeinen Bedürfnisse zugleich berücksichtigt und eingeschränkt werden könnten, so dass Gewalt als Mittel zur Durchsetzung dieser Bedürfnisse unnötig würde. Es sollte einleuchten, dass – so lange die Aggression gebändigt wird und Friede herrscht – Möglichkeiten der Erfüllung körperlicher und geistiger Bedürfnisse sich entwickeln und umsetzen liessen, die ein tragbares, nützliches und wohltuendes Zusammenleben unter allen Bedingungen des Erdendaseins zuliesse, für alle Menschen mit wechselseitigen Verpflichtungen des Respekts und Fürsorge wie mit gleichen Rechten der Partizipation am kulturellen Gestalten und an politischen Entscheiden. Was an Resultaten des Lernens und Erkennens von Generation zu Generation tradiert wurde, was sich verändert und erweitert hat, ist das eigentliche kulturelle Matrimonium und Patrimonium, das Wissen um die Geschichte der Menschheit, der Pflanzen und Tiere, des vielfältigen Handwerks und der religiösen Stütze, der Philosophie, der Dichtung und der Musik, der Architektur und der darstellenden Künste, der Ingenieurwissenschaft und der Klimakunde,  der Natur- und Humanwissenschaften, auch der vielen Formen des Zusammenlebens in Familien und grösseren Gemeinschaften. Dieses grosse Erbe könnte nach freien Wahlmöglichkeiten genutzt werden. Die  Vermittlung und Pflege der damit verbundenen Werte, deren kritische Weiterentwicklung sowie deren Umsetzung im alltäglichen Zusammenleben der Menschen liesse wieder erstarken, was Kultur im engeren Sinn heisst, was immer wieder auch das Wagnis des Ausbrechens aus tradierten Verhältnissen sowie das Wagnis des Neubeginns nicht nur zuliess, sondern nötig machte.

Freiheit gehört zu den Grundbestimmungen der Kultur wie die Einsicht in die Ursachen der vielseitigen menschlichen „Lebensnot” und das Verstehen der Notwendigkeit deren gemeinsamen Bewältigung. Was der Kultur im Sinn der ursprünglichen Bedeutung von „Pflege“ des Bodens, auf welchem wir Menschen gemeinsam mit unseren Verwandten, den Tieren und Pflanzen, leben, entgegensteht, was sie gefährdet und letztlich zerstört, ist die Negation der Freiheit zu lernen und die Negation der Notwendigkeit, jedem anderen Lebewesen mit dem gleichen Respekt zu begegnen, der selber erwartet oder verlangt wird. Hinter der Verweigerung kreativer Impulse – oder „Triebe“, gemäss Freud -, welche die aggressiven bändigen und deren verheerende Folgen korrigieren könnten, steht häufig resp. meistens die Angst vor dem Anderssein resp. vor den Anderen, vor dem Aussenseitertum, vor der Nicht-Zugehörigkeit zur nächsten oder weiteren Familie, letztlich zur Masse, die sich der hierarchischen  Lenkungsstrategie (gemäss der Bedeutung von gr. „stratos“ – Heer) unterwirft und ihr folgt, mit der Legitimation jeder Art von Gewalt.

Gerade im Überhandnehmen rücksichtsloser Gewalt, deren Anwendung und Umsetzung  durch die aktuelle technische Entwicklung selbst auf anonyme Weise delegiert werden kann und die durch Gesetze nicht mehr kontrollierbar ist, sondern zum Teil durch diese legitimiert wird, zeigt sich das Verhängnis der heutigen Entwicklung.

– Das Verhängnis zeigt sich in der Tatsache einer kaum mehr vereinbaren Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen, in der Tatsache, dass gleichzeitig jedes Lebewesen – jedes Kind – in die Anfänge einer Geschichte hineingeboren wird, einer Lebensgeschichte, die zur persönlichen Zeitgeschichte wird, in welcher das Kind der gleichen Pflege und Liebe, der gleichen Sorgfalt und Ruhe bedarf wie vor Jahrtausenden, damit die Sinne sich entwickeln können, allmählich auch die bewusste Bewegung der Gliedmassen und die Sprache, damit ein Beziehungsnetz entstehen kann, durch welches Sicherheit und Wärme erlebt werden und das eigene Ich seinen Lebenswert aufbauen kann, dass aber dieser gleichbleibende frühe Verlauf der lebensgeschichtlichen Entwicklung mit der aktuellen, von Angst und Misstrauen, von Natur- und Zeitzerstörung überbelasteten Welt- und Menschengeschichte konfrontiert wird.

– Das Verhängnis ist, dass die kindliche Neugier, die Lust am Entdecken und Lernen mit lauter Ersatzobjekten vorlieb nehmen muss, dass sich das Bedürfnis nach Halt und nach Vorbild an Erwachsene richtet, deren Gefühle mit Chemikalien geregelt werden, mit Aufputschmitteln und mit Sedativa, dass die Kommunikation, insbesondere die dringlich benötigte Antwort auf Fragen auf der digitalisierten, virtuellen Ebene geschieht und so Begegnung und Wärme vermissen lässt.

– Das Verhängnis ist die Vielzahl an Unterwerfung unter systembedingte Anpassungsforderungen, unter Werbung für Überflüssiges sowie unter Bilder aufgepeitschter Feinderklärungen und Kriege, wozu Kinder benutzt werden und wozu Erwachsene sich selber aussetzen und indirekt verkaufen, mit anwachsender Indifferenz und Gefühlskälte.

– Das Verhängnis ist die Diktatur der globalisierten und virtualisierten Wirtschaft wie jener der Bürokratie, die von gleichen Gewinninteressen einer selbsternannten Elite gesteuert wird. Es geht um die Tragik in der Unvereinbarkeit der Gleichzeitigkeit menschlichen Lebensbeginns in der Fragilität des kleinen Wesens und der weltweiten, kollektiven Destruktivität als Folge masslosen, hemmungslosen „Fortschritts“, der mit einem kollektiven Verlust des sinnenmässig erdnahen, vielfältig praktischen Lernens einhergeht.

Die Entfremdung des Menschen, die von Hegel und Marx als Folge der Industrialisierung auf warnende Weise thematisiert worden war, die totale menschliche Verdinglichung und Unwerterklärung, die durch die wahnhaften Destruktions- und Allmachtideologien des Ersten Weltkriegs einsetzten und sich im Zweiten Weltkriegs ins Qualvollste steigerten, die Fortsetzung der rassistisch begründeten und industriell vollzogenen Massentötungen durch den ebenso skrupellosen Einsatz von Atombomben, von Napalm- und Phosphorbomben, von Chemikalien und von Minen, die Tötung von Millionen von Menschen durch Vergiften, durch Verdurstenlassen und Aushungern, die qualvolle Züchtung, Behandlung und Tötung von Tieren, die Vergiftung und Zerstörung der weltweiten Pflanzenwelt, diese destruktive Steigerung der jüngsten Vergangenheit liess rep. lässt die Welt als leidende klein werden.

Die Folgen von Schuld und die Folgen von Leiden der einen Gesellschaft lasten auch auf allen übrigen Gesellschaften, selbst auf jenen, die kulturell noch offener und daher gefestigter erscheinen, deren Institutionen jedoch überaltert und morsch oder deren Ernährungsmöglichkeiten ungenügend sind oder zerstört wurden. Flucht und Migration Hundertausender in ihrer Existenz gefährdeter Menschen, ob Flucht wegen Gewalt und Krieg, ob wegen Hunger und Verelendung, stellen heute Aufgaben und Anforderungen, denen nur glaubwürdige Kulturen genügen können. Doch diese Kulturen bestehen im einseitig gewinnorientierten, „neoliberalen“ Firmensystem der heutigen Staaten nicht mehr. Es müssten ja zugleich die Hintergründe und Ursachen von Migration und Flucht behoben wie die materielle und geistige Integration der entwurzelten Menschen in eine andere als deren eigene Gesellschaft erreicht werden. Das Verstehen und Erarbeiten dieser Wiedergutmachung wird abgelehnt. Dabei geht es um eine politische und soziale Ablehnung, die  gegenüber der doppelten Dringlichkeit der Umsetzung nicht-destruktiver, sondern aufbauender Massnahmen eine erschreckende Aporie deutlich werden lässt.

Die „Aporie“ – das Fehlen jeglicher Rekursmöglichkeit auf „poros“, den väterlichen „Wegefinder“ von Eros, die „Ausweglosigkeit“ – beruht gegenüber den aktuellen Aufgaben auf der Weigerung derjenigen, die Macht ausüben, zu lernen, was auf Grund der Folgen vorangegangener Fehlentscheide dringlich wäre wahrzunehmen: dass durch die Missachtung von „penia“, der mütterlichen Zugehörigkeit von Eros, der in der eigenen Bedürftigkeit der Rücksichtsnahme und Unterstützung bedarf, auch die stützenden, aufbauenden Kräfte von „poros“ erschlaffen und austrocknen. Eros kann nur durch die gleichzeitige Beachtung seiner mütterlichen und seiner väterlichen Herkunft jene stützende Kraft sein, die Freud als letzte Hoffnung anrief. Die menschlichen Glückserwartungen gegenüber dieser Kraft, die Eros heisst, bleiben gänzlich unerfüllt, wenn die damit vernetzten Bedingungen von „poros“ und von „penia“ übergangen werden:

  • wenn von den Menschen in ihrer Macht zu entscheiden und zu handeln, verweigert wird zu lernen, was Not und Leiden bedeutet;
  • wenn Entscheide, die das Zusammenleben betreffen, nicht kritisch hinsichtlich der Folgen hinterfragt werden, die von Anderen getragen werden müssen;
  • wenn verweigert wird, auf die Bedürftigkeit jedes Lebewesens in der gemeinsamen Weltzugehörigkeit zu achten und alles Handeln zu deren Gunsten auszurichten:
  • wenn der Mensch als „soziales Tier“ – gemäss Charles Darwin – seine Pflicht übergeht, schützend auf den Lebenswert seiner Mitmenschen zu achten wie er Achtung vor dem eigenen Lebenswert erwartet und fordert.

 

Zur Lösung der Aporie bedarf es der Rückbesinnung auf die Möglichkeit der Umkehrung der auf Rache und Gewalt ausgerichteten Grundregel des Zusammenlebens: eine Umkehrung des „Wie du mir, so ich dir“ aus dem Negativen ins Positive. Es geht um die Regel der Reziprozität (lat. „recus“ – rückwarts, „procus“ – vorwärts) resp. der Verantwortung zwischen Vorangegangenem und Künftigem im Augenblick des Entscheidens, die im Bewusstsein des Leidens, das für kein Lebewesen ertragbar ist, sich zu Gunsten einer von Angst und Leiden befreienden Möglichkeit des Handelns ausrichtet.

Die Regel der Reziprozität entspricht der sozialen Verpflichtung resp. der sozialen „Verbindlichkeit“[12], wie sie von Simone Weil 1943 in ihrem letzten Werk „Einwurzelung“ erarbeitet wurde[13], einer Art Testament für den Wiederaufbau Europas. Erschöpft vom Ausmass an menschlicher „Entwurzelung“ (fr. „déracinement“), an Sinnlosigkeit und Destruktivität, die zum Zweiten Weltkrieg geführt hatte, von Flucht und Exil, hatte sie kurz vor ihrem Tod festgehalten, dass die Menschheit aufs dringlichste der „Einwurzelung“ bedürfe, einer „Einwurzelung“ in die wechselseitigen Verbindlichkeiten des Zusammenlebens. Die Verbindlichkeiten, wie sie von ihr eindringlich aufgeführt und begründet werden – nicht im Sinn von „devoirs“ resp. von „Pflichten“, die auf einem belastenden „müssen“ beruhen, sondern als Folge der lebenswichtigen Tatsache der menschlichen „Bindungen“ und daher des „Eingebundenseins“ -, diese Verbindlichkeiten haben den Vorrang vor Rechten, da diese ohne Rücksicht auf die Verbindlichkeit gegenüber dem Recht anderer Menschen wirkunslos sind. „La notion d’obligation prime celle de droit, qui lui est subordonnée et relative. Un droit n’est pas efficace par lui-même, mais seulement par l’obligation à laquelle il correspond. L’accomplissement effectif d’un droit provient non pas de celui qui le possède, mais des autres qui se reconnaissent obligés à quelque chose envers lui. [14]  Das heisst: „Der Begriff der Verbindlichkeit hat Vorrang vor jenem des Rechts, der dem ersten untergeordnet und zugeordnet ist. Ein Recht ist nicht durch sich selber wirksam, sondern nur durch die Verbindlichkeit, der es entspricht. Die tatsächliche Verwirklichung eines Rechts rührt nicht von demjenigen her, der es besitzt, sondern von denjenigen, die sich ihm gegenüber auf irgend eine Weise verbunden wissen.“

Menschliche Einwurzelung an Stelle der Entwurzelung? Simone Weil, die persönlich sowohl Fabrikarbeit und Arbeitslosigkeit wie antisemitische Verfolgung und Flucht, Krieg und lebensbedrohliche Erschöpfung gekannt hatte, wusste um die Dringlichkeit eines tragbaren Boden zwischenmenschlicher Verantwortung resp. sozialer Verbindlichkeit ebenso wie um die Dringlichkeit eines verlässlichen staatlichen Systems, dessen politische Verbindlichkeit sich in der Garantie der Rechte aller bekundet, die Teil des vielschichtigen Zusammenlebens sind. Die soziale Verbindlichkeit gegenüber jedem einzelnen Menschen ist die Antwort auf die zentralen menschlichen Bedürfnisse – die Grundbedürfnisse -, für deren Erfüllung jeder Mensch des oder der anderen Menschen bedarf, im Ablauf der Lebensgeschichte zwischen Geburt und Tod auf wechselseitige Weise zu ungleichen Zeiten. Und da die Erfüllung der Grundbedürfnisse ein menschliches Grundrecht ist, bedeutet die Priorität der wechselseitigen Verbindlichkeit nichts anderes als die Sicherheit des Respekts vor der Umsetzung dieses  Rechts.

Als 1949, sechs Jahre nach dem tragischen Tod der erst 34jährigen Simone Weil, „L’Enracinement“ im Verlag Gallimard veröffentlicht wurde, war kurz zuvor – am 10. Dezember 1948 – die „Allgemeine Erklärung der Menschenrechte“ durch die Vereinten Nationen erfolgt. Doch für Albert Camus, den Herausgeber bei Gallimard, war nicht diese internationale Erklärung die Leitplanke für die Nachkriegszeit. Für ihn war unbestritten, dass ein Rückgewinn des Lebens in Europa nicht vorstellbar war, ohne dass die von Simone Weil erarbeiteten Forderungen ernst genommen würden. Er meinte damit die Dringlichkeit eines wirklichen Rückgewinns der zwischenmenschlichen Verantwortung im Zusammenleben. Doch eigentlich bedurfte es dazu weniger der grossen Deklaration als des neuen Bewusstseins der Bedeutung wechselseitiger Verlässlichkeit angesichts der vielfältigen existentiellen Abhängigkeit der Menschen von einander im Alltäglichen. Die unausweichliche Tatsache des Zusammenlebens kann trotz unterschiedlichster Besonderheit tragbar sein, wenn Akzeptanz gegenüber der gleichen wechselseitigen Verbindlichkeit geschieht, für den Respekt vor den Rechten jedes Anderen, auch des schwächsten,  einzustehen.

Es war sechs Jahre nach dem Erscheinen von „L’Enracinement“ und sieben Jahre nach der „Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte“, 1955, als Hannah Arendt in einer Vorbereitungsnotiz für ihre Vorlesungen im kalifornischen Berkeley in einzelnen Ansätzen Überlegungen festhielt, die meines Erachtens eine Ergänzung zu Simone Weils Forderungen für das menschliche Leben im so fragil gewordenen Zusammenleben sind.  Die Welt befand sich damals mitten im Kalten Krieg, der mit bedrohlichen ideologischen Feinderklärungen zwischen den Grossmächten und mit fortgesetzter militärischer Aufrüstung einen Frieden vorgab, jedoch gleichzeitig die Anwendung alter und neuester Waffen aus dem riesigen Zerstörungsarsenal in einer Abfolge von Stellvertreterkriegen in fast allen Kontinenten umsetzte. Hannah Arendt notierte, dass, gemäss der griechischen Geschichte, wie sie sie durch die Literatur der Antike kannte, „die Politik da anfing, wo die Sorge um das Leben aufhörte“. Dies gelte auch mit Bezug auf ihre Zeit. Wie eine Umfrage ergebe, stehe „die Sorge um den Menschen im Mittelpunkt“. Dagegen stehe „im Mittelpunkt aller Politik die Sorge um die Welt. Die Wüste und die Oasen. Die Gefahr, die Wüste in die Oase zu verschleppen.“ Einige Linien später ergänzte sie: „Wüste. Wenn die Ausrottung des organischen Lebens droht, ist die Sorge nicht mehr der Mensch.“[15].

Es sind widersprüchliche oder nicht abgeschlossene Überlegungen, die sich bei Hannah Arendt finden, doch ohne Zweifel steht fest, dass die Sorge um das Leben von zentraler Bedeutung ist, dass gleichzeitig diese Sorge mit jener um die Welt einhergeht, die zunehmend zur Wüste wird, umso mehr, als die Wüste in die Oasen vordringt, auf denen allein Leben möglich ist. Die eine und die andere Sorge sind untereinander vernetzt. Da Hannah Arendt Politik im Sinn der griechischen Antike als Sorge um die Welt verstand, während die Sorge ums Leben dem „oikos“ resp. dem „Haushalt“ anvertraut war, wird deutlich, dass für sie klar wurde, wie sehr die Politik zehn Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg zur „Verwüstung“ der Welt und zur bedrohlichen Gefährdung der Möglichkeit des Lebens geführt hatte, wie sehr auch die lebensnotwendigen Oasen gefährdet waren. Wo durch das Vordringen der Wüste „die Ausrottung des organischen Lebens droht“, ist die Sorge um den Menschen von dringlichster Bedeutung.

Die Frage stellt sich, was zu tun ist, um die völlige Verwüstung der Welt zu verhindern und um die Oasen zu retten, ja mehr noch: um ein Anwachsen der Oasen resp. eine Befruchtung der Wüsten in Gang zu setzen. Hannah Arendt notierte an einer Stelle: „Abschaffung der Politik durch die Politik. Absterben des Staates“.[16] War dies nicht eine Prognose, die sich mit dem Ende des Kalten Kriegs seit 1989 und mit dem Aufflammen einer neuen Diktatur durch Neoliberalismus und globalisierte Marktwirtschaft schon realisiert hat? Weltweit werden neue Kriege geführt, staatenlose oder überstaatliche oder innerstaatliche Kriege, Kriege zwischen Terrorgruppen und politisch abgeschafften Staaten, die auf Kosten von steuerzahlenden Arbeitenden oder von ideologisch betörten Gläubigen zu börsenabhängigen, korrupten und verschuldeten Firmen wurden, ferner Kriege innerhalb von absterbenden Staaten zwischen Ethnien, oder Kriege der gewinnhungrigen Weltwirtschaft gegen die Erde selber, gegen die Luft und gegen die Meere, gegen die Tiere und gegen die Wälder, gegen das Wasser und gegen die Vielfalt der Pflanzen, gegen alle unterirdischen, irdischen und überirdischen Güter der Welt, gegen jegliche Kultur, gegen die Menschen, die die Erde bewohnen. Hat sich Hannah Arendts flüchtig notierte Erkenntnis, eine von Resignation geprägte Erkenntnis, nicht längst als bodenloses Verhängnis des menschlichen Lebens bewahrheitet, da selbst für die Opfer der Weltdiktatur des Marktes und dieser Kriege, für die Hungernden und Durstenden, für die Vertriebenen und Flüchtenden, für die Millionen Verletzten und Leidenden kein Staat mehr Asyl bietet? Als Staatenlose oder als Terrorverdächtige werden sie durch Armeen aus Bürokratie und Polizei weiter vertrieben, ins Meer versenkt, in Gefängnisse oder in Wüstenlager eingesperrt. Weiss Gott, im Mittelpunkt steht die Sorge um den Menschen.

Nochmals: Was braucht es, um nicht der Resignation anheim zu fallen? – um nicht die Wüste, sondern Oasen anwachsen zu lassen? Was braucht es, damit die Sorge um das Leben der Menschen wie um das Leben der Tiere und um das Leben der Pflanzen zustande bringt, wozu die Politik unfähig ist? Was braucht es, damit die Ursachen des Leidens abgebaut werden? Was braucht es, damit Leiden heilen kann, das durch die Zerstörung zwischenmenschlichen Halts und sozialer Verbindlichkeit, durch die menschliche Entwurzelung und durch die Verflechtung in ein Konstrukt digitalisierter Überwachung und virtualisierter bürokratischer Sicherheit, in ein von Misstrauen, Angst und destruktiver Gewalt kontrolliertes und gesteuertes globalisiertes System der Bodenlosigkeit und Masslosigkeit ins Unerträgliche angewachsen ist? Was braucht es, damit das Werden und Sein des eigenen Ich, das ohne Wahlmöglichkeit in einem bestimmten Zeitpunkt der Evolution seinen Anfang nahm, dank der geheimnisvollen  Herkunft aus der Verbindung von „penia“ mit „poros“ und dank der unvergleichbaren Besonderheit im Erkennen und Empfinden, im Lernen und Entscheiden, damit es den Sinn seines Lebens im Zusammenleben mit Anderen findet?

Oasen können tatsächlich wieder anwachsen, in welchen die Einwurzelung der entwurzelten Menschen geschehen kann. Eine Abwendung von der unseligen Destruktivität der menschlichen Geschichte ist keine Utopie, die Hintergründe und Ursachen der Angst, die im einzelnen wie im kollektiven Verhalten ein gewalttätiges Ausrasten bewirken, lassen sich erkennen. Eine Umkehr zurück zur Sorge um jedes einzelne Leben im Zusammenleben ist realisierbar, nicht im Abstrakten und Virtuellen, nein, im Alltäglichen, nach Kriterien der wechselseitigen Verbindlichkeit, die Rechte der anderen Menschen zu wahren und so zu wissen, dass auch die eigenen Grundbedürfnisse als Rechte Achtung finden. Der Wiederaufbau einer Kultur, in welcher die Aggressivität der Notwendigkeit entbehrt und das einzelne Leben angstfrei wird, ist möglich. Es braucht den Beitrag all derjenigen, die davon wissen, in der Sorgfalt der wechselseitigen Beachtung und Unterstützung sowie im Dialog unter einander, der zunehmend ein Verstehen des guten Lebens und Zusammenlebens ermöglicht.

 

„Viele Geschicke weben neben meinen

Durcheinander spielt sie alle das Dasein,

Und mein Teil ist mehr als dieses Lebens

Schlanke Flamme oder schmale Leier.“[17]

 

[1] Paul Celan. Sprachgitter (1951) II  in: Gesammelte Werke in fünf Bänden. Erster Band. Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M., 1983, S. 153

[2]  Henri Bergson. Denken und schöpferisches Werden. (La pensée et le mouvant. Edition Alcan, Paris 1934),

Frankfurt a. M. 1948, S. 144. – Auf die Nähe zur evolutionstheoretischen und zugleich religiösen Philosophie von

Pierre Teilhard de Chardin (1881-1955) und zugleich auf die Differenz zwischen ihm und Henri Bergson gehe ich anderswo ein.

[3] Georg Groddeck – Sigmund Freud. Briefe über das Es. Kindler Verlag, München 1974

[4] Albert Camus. Vowort zu: Louis Guilloux.. La maison du peuple. Editions Bernard Grasset, Paris 1953. (Ins Deutsche

übersetzt 1981/1983 in: Louis Guilloux. Das Volkshaus. Fischer Taschenbuch 5326)

[5] Sigmund Freud. Das Unbehagen in der Kultur (1929/30). Freud-Studienausgabe Bd. 9, S. 249 ff

[6] gr. „systema“, abgeleitet vom Verb „synhistanai“ – zusammenstellen, zusammenfügen

[7] Freud (1929/30), S.261-263

[8] Freud (1929/30), 270

[9] Platon. Sämtliche Werke Bd. 2 (Übersetzung von Friedrich Schleiermacher mit Stephanus-Numerierung) 203b-204a

[10] Sigmund Freud. Sämtliche Werke. Neue Folge der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse (1932/33), S. 543

[11] cf. Sigmund Freuds Studie „Totem und Tabu. Einige Übereinstimmungen im Seelenleben der Wilden und der Neurotiker“

(1912-13), die jedoch der Untersuchung des Verstummens des Gewissens weniger gerecht wird als jener des Verdrängens

erlebten oder getanen Unrechts gegenüber „geheiligten“ und ev. ritualisierten Objekten. – Eine neueste sorgfältige Auseinandersetzung damit findet sich bei: Hannes Stubbe. Sigmund Freuds „Totem und Tabu“ in Mosambik. Göttingen 2008

[12] fr. „obligation“, beruhend auf dem lat. Verb „ligare“ – binden.

[13] Simone Weil. „Enracinement“, von Albert Camus veröffentlicht 1949 bei Gallimard, Paris

[14] Simone Weil. 1949, S.9

[15] Hannah Arendt. Was ist Politik? Fragmente aus dem Nachlass. Hrsg. von Ursula Ludz. Piper Verlag, München/Zürich 1993. S.192-194

[16] Hannah Arendt /Ursula Ludz (1993), S. 197

[17] Hugo von Hoffmansthal, aus dem Gedicht „Manche freilich…“. In: Jahrhundertgedächtnis (1998, S.  40)

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