“Ich wollte ja mal Vogelforscher werden”… – Wer war Ulrike Maria Meinhof, die als “Terroristin” gilt?

“Ich wollte ja mal Vogelforscher werden”[2]

Wer war Ulrike Maria Meinhof, die als “Terroristin” gilt?                                                            publiziert als Buchbeitrag in: “Olympe – Feministische Arbeitshefte zur Politik – Heft 20 Provokation. Personen, Debatten, Fakten.” Zürich 1990, ISBN 3-905087-43-X

 

Einleitende Überlegungen

Ulrike Maria Meinhof, wie sie mit dem ganzen Namen hiess, war nur wenige Jahre älter als ich. Sie kam 1934 zur Welt. Lebte sie noch, könnte sie am 7. Oktober 2004 den 70. Geburtstag feiern. Wie würde sie reagieren, wenn sie nicht mehr auf der Liste der “Terroristen” aufgeführt wäre, sondern auf jener der “1000 Frauen für den Friedensnobelpreis”?

 

Es ist merkwürdig, in Zusammenhang von Ulrike Meinhof, wie sie verkürzt genannt wird, gleite ich in hypothetische Irrealität ab, in Wunschträume einer Korrektur der tragischen – und zugleich absurden – Vergangenheit. Ist es, weil mich bei ihrer Lebensgeschichte die Nichtübereinstimmung von innerer Zeit und von Zeitgeschichte in allem, was sie prägte, aufwühlt: Ernst und Verantwortung in der Kindheit und Jugend, Nachholen von Neugier, Aufbegehren und Wagnis im Erwachsenenalter, Verstrickung in gewaltbesetzte kollektive Geschehnisse? Vielleicht auch, weil ich mich an Überlegungen klammere – wie sie zum Beispiel der Einstein’schen Relativitätstheorie zugrunde liegen -, durch welche jede Art von “Berechnung” in Frage gestellt werden kann, auch jede historische und strafrechtliche, jede “wissenschaftliche” oder ideologische “Berechnung”, damit auch jede Art von Urteil über Ulrike Meinhofs Abgleiten in die Baader-Gruppe und in den Tod? Weil mit diesen Überlegungen die Ablehnung jeder Alleinrichtigkeitsbehauptung einhergeht, jeden Zwangs von Aussen wie von Innen? Daher eine Auflehnung gegen “Martyrertum”, wofür die extreme Linke ihren Tod benutzt, doch ebenso gegen die neuropathologischen Übergriffe, welche sich sowohl in der menschenrechtlich inakzeptabeln Entfernung von Ulrike Meinhofs Hirn aus ihrem Schädel bei der Obduktion und dessen Benutzung als in Formalin aufbewahrtes Forschungsobjekt kund tun[3] wie in der damit verbundenen “wissenschaftlichen” Überheblichkeit, mit welcher heute die neurologische Entschlüsselung der Rätsel weiblichen “Terrorismus'” vorgegeben wird.

Ulrike Meinhof hätte vermutlich bis 1970 diese Überlegungen unterstützt. Sie hatte die menschliche Würde als Voraussetzung für die Korrektur von Machtlosigkeit verteidigt, bis sie unter dem Druck der Zeitgeschehnisse den eigenen Boden – das sprachgewandte Leben in der Öffentlichkeit und ihre Freiheit – verlor. Die Fragen verdichten sich:

– Warum nur gelang es ihr nicht, im öffentlichen Raum stehen zu bleiben? Warum musste sie sich dem Zwang zur Flucht, zum Leben im Untergrund und zur vielfältigen Einkerkerung ausliefern? Warum war es ihr auch nicht möglich, gegen die sich steigernde Gewalt in der zuerst kleinen, dann anwachsenden Baader-Gruppe Widerstand zu leisten und daraus auszusteigen, im dialektischen Sinn, nicht im Sinn eines Verrats, d.h. weder aus politischen noch aus gruppendynamischen Gründen, sondern in Hinblick auf eine konstruktive Korrektur ihres eigenen Lebens, auch unter den Bedingungen, unter denen Deutschland und ganz Europa den Krieg und die Folgen des Kriegs übertünchten? Warum konnte zum Beispiel nicht ihre Verantwortung  für die sprachlosen Kinder aus Armutsverhältnissen sie dazu bewegen, für deren Lebenswert und Sicherheit sie sich als Journalistin und als Pädagogin eingesetzt hatte? Warum nicht die Liebe zu ihren eigenen zwei Töchtern?

– Warum nur fügte sich Ulrike Meinhof, die als Frauenrechtlerin gegen die soziale und arbeitsrechtliche Entwürdigung von Frauen gekämpft hatte, als Frau den Forderungen eines pathologisch narzissstischen “Führers” – Andreas Baaders ? Warum liess sie ihre Intelligenz zum Zweck von dessen herrschsüchtiger Skrupellosigkeit missbrauchen? Gaubte sie, die neun Jahre älter war als er, auch drei Jahre älter als Gudrun Ensslin, eine Art mütterlich-schwesterlicher Schutzfunktion übernehmen zu müssen? Spürte sie nicht, in welchem Mass sie hierfür missbraucht wurde? Warum nur kam sie vom Gestrüpp der Gewalt, das sie auf der politischen und wirtschaftlichen Ebene durchschaut hatte, auf der Ebene des Untergrundes nicht los und tat sich selbst Gewalt an?

– Genügt es, sie als das tragische Opfer einer verhärteten und damit inhuman gewordenen Theorie des richtigen Handelns zu sehen, als welches sie für viele ihrer linken Zeitgenossen und Zeitgenossinnen galt, einer Theorie, die sich nicht mehr über Sprache, sondern über Gewalt durchzusetzen versuchte? Genügt es zu trauern, dass die Freiheit der Sprache in doppelter Weise in ihr erstickt wurde, einerseits durch die Staatsgewalt, andererseits durch die Gewalt der Gruppenzugehörigkeit? Warum liess sie zu, dass sie zum Instrument und zum Objekt von Gewalt – zur Märtyrerin – wurde?

 

Der klärende Diskurs als Methode der Untersuchung

Der Komplexität dieser Fragen will ich nachgehen, im Diskurs mit Ulrike M. selber, wie ich sie fortan nenne. Mehr als drei Jahre vor ihrem Tod hatte sie festgehalten, dass weder Täuschung noch Hoffnung zugelassen seien, damals im Isolationstrakt des Gefängnisses von Ossenburg, in welchem sie sich während acht Monaten befand, gut drei Jahre vor ihrem Tod. “Klares Bewusstsein, dass man keine Überlebenschance hat. Völliges Scheitern, das zu vermitteln … Das Gefühl, Zeit und Raum sind verschachtelt”[4]. Damals notierte sie auch, es stimme nicht, “dass sie noch nie mit den Krähen geredet hätte[5].

An ihre damals zehnjährigen Töchter schrieb sie in der gleichen Zeit, im Oktober 1972, dass “vom Rhein her manchmal Möwen rüber fliegen. Kennt Ihr die Drosseln? Das sind Nachmacher. Sie gehören zur Familie der Amseln. Aber sie singen nicht wie Amseln, auch wie Rotschwänze, Scherenschleifer, Zaunkönige. Gibt’s so was in Eurem Garten? Ich wollte ja mal Vogelforscher werden. Aber die Vogelforscher haben auch’n bisschen ‘n Tick. Trotzdem. Sie haben gute Ohren… Lasst mal ruhig von Euch hören. Ihr zwei. Eure Mami”[6].

Schon im voraus steht fest: Die Komplexität der Fragen beruht auf der Komplexität nicht-übereinstimmender Teile in Ulrike M. selbst und in der  Zeitgeschichte. Auf sie nochmals einzugehen, wühlt mich auf. Vor zehn Jahren tat ich es im Zusammenhang des Protestes gegen den Jugoslawienkrieg[7]; in der aktuellen Situation ist es ebenso dringlich, in welcher weltweit Kriege gegen “Terroristen” mit destruktiver Fernsteuerung wie mit praktischer Brutalität umgesetzt werden, ohne dass die Ursachen für den “Terror” von Machtlosen untersucht und zu korrigieren versucht würden, Kriege, in denen es nie um den Lebenswert  und Schutz von Menschen geht, sondern letztlich um Kontrolle und Besitz von wirtschaftlich wichtigen Weltregionen.

Mehrere Schichten der Untersuchung müssen dabei beachtet werden:

–       die anamnestische, in welcher die  Zusammenhänge von Ulrike M’s persönlicher Entwicklung zu hinterfragen sind, gleichzeitig die politisch-zeitgeschichtlichen: die Situation des damaligen Nachkriegsdeutschland, die Zeit des Kalten Kriegs, des Vietnam-Kriegs und der Weltherrschaftsansprüche der USA;

–        die gesellschaftsanalytische, welche den damaligen Protest der Jugend gegen die machthabende Vätergeneration thematisiert; schliesslich

  • die psychoanalytische, in welcher die Klärung der allmählichen Verzweiflung in der Isolationshaft und der suizidalen Zuspitzung im Gefängnis von Stuttgart-Stammheim gefordert ist.

 

“Der Friede macht Geschichte”[8]

Wie war die Lebensgeschichte dieser Frau, die nicht einmal 42 Jahre alt werden konnte? Wie waren die inneren und die äusseren Geschehnisse, die sie prägten? Welche Geschichte machte “der Friede”?

Ulrike Marie M. war am 7. Oktober 1934 als zweite Tochter von Werner und Ingeborg M. in Oldenburg zur Welt gekommen. Zwei Jahre später zog die Familie nach Jena, wo ihr Vater, der in einer würtembergischen Pfarrerfamilie aufgewachsen war, Direktor des Stadtmuseums wurde. Ulrikes M’s Mutter war die Tochter eines sozialistischen Lehrers und Schulinspektors aus Hessen, dem aus politischen Gründen ab 1933 keine Berufsausübung mehr zugestanden wurde und der als Handelsvertreter zu überleben versuchte. Die Eltern gehörten der protestantisch-hessischen “Renitenz-Kirche” an, die das Hitlerregime ablehnte, ohne öffentlich dagegen Stellung zu beziehen.

Als 1939 der Krieg ausbrach, war Ulrike M. somit fünf Jahre alt, und sie zählte sechs Jahre, als sie ihren Vater verlor. Wo und wie er starb, hat sie nicht festgehalten, nicht die Trauer und nicht die Ängste der Kriegszeit, auch nicht das Verhältnis zu ihrer vier Jahre älteren Schwester. Konnte sie spielen, fühlte sie sich geschützt? – oder musste sie vor allem still und tapfer sein?

Die Verdrängung schwieriger, leidvoller Alltagsrealität ist überlebenswichtig. Was feststeht, ist, dass Ingeborg M., Ulrike M’s Mutter, von der Stadt Jena ein kleines Stipendium erhielt, um das Studium fortzusetzen, auch dass eine Studienkollegin, die Historikerin und Pädagogin Renate Riemeck, nach dem Tod von Werner M. mit ihr und ihren Töchtern zusammenlebte, auch nach Kriegsende gemeinsam mit ihnen von Jena nach Oldenburg floh. Die beiden Frauen verband eine echte Freundschaft. Gemeinsam promovierten sie und gemeinsam betreuten sie die zwei Mädchen.

Ulrike M. war noch nicht fünfzehn Jahre alt, als sie 1949 auch ihre Mutter verlor, wegen tödlicher Infektion nach einer Krebsoperation. Renate Riemack übernahm die gesetzliche Vormundschaft und wurde zur viel  bewunderten Pflegemutter. Sie trug kurz geschnittenes Haar und Hosen, sie war in jeder Hinsicht eine unabhängige Frau. 1951 wurde sie als Dozentin an die Pädagogische Hochschule in Oldenburg und in Braunschweig gewählt, ein Jahr später in Weilburg, wo Ulrike M. das Gymnasium abschloss.

Weil sie Vollwaise und hochbegabt war, erhielt sie von der “Studienstiftung des deutschen Volkes” ein Stipendium. In Marburg begann sie mit dem Studium in Psychologie und Pädagogik, in Soziologie und Germanistik. Sie wollte an die hohen Ideale glauben, die im deutschen Grundgesetz von 1948 festgehalten waren. Für Ulrike M. war massgeblich, dass es im gleichen Jahr wie die UNO-Menschenrechtserklärung zustande gekommen war. Es sollte damit “die Basis einer durch keine Barbarei zerstörbaren Welt geschaffen werden”[9]. Kompromisslos wollte sie sich von Beginn der Studienzeit an für die Achtung der politischen und sozialen Rechte aller Menschen innerhalb der staaatlichen Gemeinschaft einsetzen, für ein Menschenbild, das auf der gleichen Achtung vor dem gleichen Menschsein aller gegründet war – der Kinder, der Armen und der Greise, der Fremden und der Einheimischen, der Schwachen, Kranken und der Starken. Sie las mit grösster Intensität, was sie lesen konnte. Einen kritischen Austausch über Literatur und Politik ermöglichten ihr Gespräche mit der nur 14 Jahre älteren Renate Riemeck, welche damals SPD-Mitglied war, jedoch von der Partei zurücktrat, als diese 1955 für die Wiederbewaffnung Deutschlands stimmte.

 

“Die Würde des Menschen wäre wieder antastbar”[10]

Allmählich empfand Ulrike M. die politischen Verhältnisse im damaligen Deutschland als Restaurationssystem alten Stils, mithin als demokratischen Betrug. Ihre Aufmerksamkeit wurde immer wacher. Sie wollte auf keinen Fall mit Mächtigen paktieren, die ihren Aufstieg durch Beihilfe im nationalsozialistischen System geschafft hatten und nach Kriegsende bloss das Hemd wechselten, um weiterhin an der Macht zu bleiben. Denn so war die Vätergeneration, aus welcher in einzelnen Bundesländern und in Bonn, in der Armee und bei der Polizei zahlreiche regierten; in Ulrike M., die den eigenen Vater kaum gekannt hatte, lösten sie mehr als Skepsis aus. In Marburg, später in Münster und in Hamburg war sie Mitglied der linken Studentenorganisationen. Sie wurde zur kritischen Beobachterin der zunehmend vom Kalten Krieg – statt vom “Frieden” – sowie von den amerikanischen Weltherrschaftsansprüchen geprägten deutschen Klassengesellschaft, sie wurde aktiv in der Anti-Atomwaffen-Bewegung, nahm an den Ostermärschen sowie an den studentischen Diskussionen und Demonstrationen teil, sie trat insbesondere gegen den Vietnam-Krieg auf, in welchem Deutschland im politischen und technologischen Schlepptau der USA mitmarschierte. Gleichzeitig wurde ihr die innerdeutsche Klassengesellschaft als fortgesetzte Ungerechtigkeit bewusst, die sie ebenso wenig ertragen konnte. Sie setzte sich für Kinder aus armen Familien ein, die in Sonderschulen oder Heime abgesondert wurden, sie untersuchte die fortgesetzte Diskriminierung der Frauen und den Missbrauch von Arbeitern und Arbeiterinnen zu Produktionszwecken bei der Fliessbandarbeit.

1958 wurde Ulrike M. Mitglied der damals verbotenen Kommunistischen Partei und lernte Klaus Rainer Röhl kennen, der 1951 den “Studentenkurier – Magazin für Kultur und Politik” mitgegründet hatte. Daraus wurde 1957 die Zeitschrift “konkret”, in welcher ab 1959 Ulrike M. publizierte und 1962 Redaktionsmitglied wurde. Sie war zur viel beachteten und bewunderten politischen Stimme geworden, auch im Fernsehen und Radio. Sie trat von der Redaktion zurück, als sich 1964 die KPD von der Zeitschrift distanzierte, blieb jedoch bis 1969 die “Star”-Kolumnistin.

Ende Dezember 1961, als Ulrike M. 25 Jahre alt war, hatten sie und Klaus Rainer Röhl geheiratet. Sie wurde schwanger. Schwere Kopfschmerzen und Sehstörungen traten auf und verstärkten sich; ein Hirntumor wurde vermutet. Einem Schwangerschaftsabbruch mochte sie nicht zustimmen. Nach siebeneinhalb Monaten kamen mit Kaiserschnitt Zwillinge zur Welt, Bettina und Regine. Der als dringlich erklärten Gehirnoperation unterzog sie sich erst, als die zwei Mädchen nicht mehr des Brutkastens bedurften, sondern von Renate Riemeck betreut werden konnten. Es stellte sich heraus, dass es nicht ein Tumor war, unter welchem Ulrike M. litt; es war ein Hämatom, das mit einer Silberklammer abgeklemmt wurde. Ob diese Operation tatsächlich ihre Empfindungen in einem Mass verändert hat, dass deswegen die Ehe mit Klaus-Rainer Röhl zerbrach und sie zur “Terroristin” wurde, wie im nachhinein vonm neuropathologischer Seite zu begründen versucht wird, ist anzuzweifeln. Ich werde auf ihre psychische Entwicklung eingehen.

Tatsache ist, dass sich die widersprüchliche Komplexität ihrer äusseren und ihrer inneren Realität zunehmend verstärkte. Da waren einerseits Ehe und Kinder sowie gesellschaftlicher Erfolg, ein schönes Haus in Blankenese und Ferien auf Sylt. Andererseits stand sie der kritischen linken Studentenschaft nahe. Für sie galten nach wie vor die politischen und sozialen Gefühle der Zugehörigkeit zu den Schwachen und Sprachlosen der Gesellschaft. Sie empfand die deutschen Verhältnisse als amerikanisch-imperialistische Komplizenschaft, letztlich als beschämend masslose Unterwerfungs- und Profithaltung in der Wirtschaftspolitik wie in der militärischen Vernichtungsstrategie.

 

“Dreierlei erscheint lebensmässig unvereinbar”[11]

Als im April 1967 die Berliner Studentinnen und Studenten gegen den Besuch des amerikanischen Vizepräsidenten Hubert Humphrey protestierten und Quarkpudding anrührten, um ihn damit zu bewerfen, wurde dies in der Springer-Presse als geplanter Strengstoffanschlag verbreitet und die Protestierenden wurden gefangengenommen. Ulrike M. war aufgebracht über die offizielle Willkür in der Definition von Recht und Unrecht: “Nicht Napalmbomben auf Frauen, Kinder und Greise abzuwerfen ist demnach kriminell, sondern dagegen zu protestieren. Nicht die Zerstörung lebenswichtiger Ernten, was für Millionen Hunger und Hungertod bedeutet, ist kriminell, sondern der Protest dagegen. Es gilt als unfein, mit Pudding und Quark auf Politiker zu zielen, nicht aber, Politiker zu empfangen, welche Dörfer ausradieren lassen und Städte bombardieren… Napalm ja, Pudding nein”[12].

In einer Tagebuchnotiz aus dem gleichen Jahr 1967 hielt sie fest: “(…) dreierlei, was lebensmässig unvereinbar erscheint, zerrt an mir, reisst an mir”[13]. Es war die zunehmende Distanz zwischen ihr und Klaus Rainer Röhl in emotionaler wie in politischer Hinsicht; die Ehe war für sie zum gesellschaftlichen Schein geworden, gleichzeitig waren die Zwillinge von zentraler Bedeutung. Dazu kam, dass sie als kritische Linke und als Stimme der Machtlosen durch die Verquickung innerdeutscher und weltpolitischer Entwicklung zunehmend in den Sog von Empörung und aktiver Auflehnung geriet. Die vielen Teile dieser Entwicklung bewegten sich im Frühling und Frühsommer 1967 zunehmend auf einem Schraubstock von Gewalt: Es kam zur Militärdiktatur in Griechenland, zum israelischen “Blitzkrieg” unter dem Kontrollszepter der USA  im Nahen Osten, zur Steigerung des Vietnam-Kriegs; gleichzeitig zu immer schärferen Polizeieinsätzen gegen Studentendemonstrationen, dann am 2. Juni 1967 anlässlich  des Schah-Besuchs in Berlin zu einer mit persischen Schlägertrupps voraus geplanten, brutalen Strassenschlacht der deutschen Polizei gegen die demonstrierenden Jugendlichen – bis zur Tötung von Benno Ohnesorg, dem scheuen Studenten, der das erste Mal an einer Demonstration teilgenommen hatte.

Die Vorkriegs- und Kriegskinder waren erwachsen geworden. Ihre Forderung, als Ausserparlamentarische Opposition ernst genommen zu werden, um eine Entflechtung zwischen Väter-Grossväter-Nazigeschichte und aktueller Herrschaft in den politischen und gesellschaftlichen Etagen zu erreichen – sowohl auf Regierungs- und Wirtschaftsebene wie bei der Massenpresse -, führte in den Universitäten zu einem breiten, kritischen und kreativen Diskurs, der auch eine Veränderung in den hierarchischen Strukturen bewirkte. Gegen die anfänglich friedlichen Demonstrationen auf der Strasse

kam es jedoch zum gewalttätigen, beinah kriegsmässigen Einsatz von  Polizei. Zum Feind erklärt, statt angehört zu werden, weckte bei Einzelnen hilflose Wut. Die von Andreas Baader, Gudrun Ensslin, Thorwald Proll und Horst Söhnlein durchgeführte Brandstiftung in Frankfurt, bei der es um einen symbolischen Angriff nicht auf Menschen, sondern auf das, was sie als deutsche Scheinwelt empfanden, führte zu deren Verhaftung. Es war eine Spirale der Zuspitzung von Hilflosigkeit zur Wut. Anlässlich einer Demonstration gegen den Springer-Konzern in Berlin als “Protest der Intellektuellen gegen die ,Massenverblödung”[14] artete die Strassenschlacht ins Masslose aus; in München kam es zum Tod eines Pressefotografen und eines Studenten.

Für Ulrike M. war die Glaubwürdigkeit des deutschen Grundgesetzes in Frage gestellt. Sie thematisierte in “konkret” die “Funktionsunfähigkeit dieser Demokratie, ihre Inhaltlosigkeit, ihre radikale Unglaubwürdigkeit”[15]. Ihre Aufmerksamkeit richtete sich noch auf das breitere Umfeld der kritischen Gleichaltrigen, auf die Frauenbewegungen, auf die Streiks der Arbeiterinnen und Arbeiter sowie auf die rechtlichen und öffentlichen Möglichkeiten der Kommunistischen Partei. Doch mit dem sowjetischen Angriff vom 21. August 1968 auf die Tschechoslowakei zerbrach in ihr auch die politische Hoffnung.

 

“Widerstand ist (…) nicht mehr mitmachen”[16]

Existentielle und theoretische Spaltungen sowie Gefühle der lähmenden Auflehnung schnürten Ulrike M. zunehmend ein. Nach dem – von der Springer-Presse aufgehetzten – Mordversuch an Rudi Dutschke, den Ulrike M. mit Martin L. King verglichen hatte, ging sie in ihrer Kolumne “Vom Protest zum Widerstand” der Grenze des Ertragbaren nach. “Protest ist, wenn ich sage, das und das passt mir nicht. Widerstand ist, wenn ich dafür sorge, dass das, was mir nicht passt, nicht länger geschieht. Protest ist, wenn ich sage, ich mache nicht mehr mit. Widerstand ist, wenn ich dafür sorge, dass alle anderen auch nicht mehr mitmachen”[17], fasste sie zusammen, was sie von der Black-Power-Bewegung auf die Jugendbewegung in Deutschland übertrug. Schon 1962 hatte sie festgehalten, es sei nicht akzeptierbar, dass der Verrat am Grundgesetz von 1948 eine parlamentarisch abgesegnete Tatsache sei. Das Grundgesetz sei schliesslich aus dem Wissen geschaffen worden, dass die zwischen 1933 und 1945 in Deutschland systematisch geplante und grenzenlos durchgeführte Menschenverachtung auf der Grundlage ursprünglich demokratisch geschaffener Gesetze und durch die offene oder schweigende Zustimmung von Millionen von Menschen geschehen war.

Für Ulrike M. beruhte die Nichtakzeptanz der politischen Situation auf der Verzweiflung über eine eventuelle Wiederholung der Dreissigerjahre. Sie fragte sich, was ein Grundgesetz bedeute, wenn die darin enthaltene Menschenrechtsgarantie sich Schritt für Schritt auflöste? – zuerst durch die 1956 beschlossenen “Wehrmachtartikel”, die atomare Aufrüstung der BRD im Rahmen der NATO mit dem Verrat am Bekenntnis zu einem unbedingten Frieden, wenige Jahre später die “Notstandsartikel” mit dem Verrat an einer widerspruchsbereiten, veränderungsfähigen, politisch offenen Demokratie. Sie hielt fest, es würden zwar in Deutschland nicht wieder Verbrennungsöfen für Menschen gebaut, aber Deutschland sei wieder aktives Mitglied in einem Militärbündnis, das vor konventionellen, chemischen, biologischen und atomaren Waffen strotze und bereit sei, diese einzusetzen, um Menschen zu töten, nicht anders wie im jüngst vergangenen Krieg. Auch die Medien, stellte sie fest, seien wieder Zudiener und Trabanten der Mächtigen. Aus Machtkalkül würden wieder Feindbilder gezimmert, mit deren “Bekämpfung” – unter dem Vorwand “des Erhalts des Friedens und der Abwehr der kommunistischen Gefahr” -, wie die Formel hiesse, wieder Gesetze geschaffen und Waffen legitimiert würden– auch zum Einsatz gegen die eigene Jugend.

 

Vom “Kolumnismus” zu den “Gängstern”

Für Ulrike M. stand fest, dass, wenn Gewalt aus “Staatssicherheitsgründen” gerechtfertigt werde, auch die Presse, die sich instrumentalisieren lasse, fragwürdig sei. Damit richtete sie sich als Journalistin gegen sich selbst: nicht nur gegen ihre eigene Arbeit, sondern auch gegen “konkret”. Nach der harschen Kritik, die sie in ihrem Text über “Kolumnismus” publizierte[18], zog sie sich zurück.

Geschieden von Klaus-Rainer Röhl, lebte Ulrike M. mit den Zwillingen allein in Berlin. Sie arbeitete an ihrem Dokumentarfilm “Bambule”. “Doof – weil arm[19]” war für sie eine nicht akzeptierbare gesellschaftliche Tatsache. Sie hatte Schüler und Schülerinnen aus Sonderschulen befragt und festgestellt, dass die meisten ohne Selbstwertfühl und voller Ängste waren, dass viele schon als Kinder als “Gängster” bezeichnet wurden, weil sie mit der Polizei zu tun gehabt hatten. Sie kämpfte für Ganztagesschule und Fünf-Tage-Woche für alle Kinder, damit diese eine gute Zukunft hätten, unabhängig von Elterngeschichte und Lebensverhältnissen.

War es die Identifikation Ulrike M’s mit den Machtlosen in der Gesellschaft, mit den schutzlosen Kindern, deren trotziges Aufbegehren gegen das diskriminierende Regelsystem sie als Mut deutete und als überlebensnotwendig erachtete, wodurch die allmähliche Sympathie für die “Brandstifter” zu erklären ist? Gudrun Ensslin, Andreas Baader und die zwei anderen Angeklagten hatten Mitte Juni 1969 mehr als ein Drittel der Haftstrasse wegen der Brandstiftung abgesessen; auf November war die Revision angesetzt. Sie hatten sich in Frankfurt mit Jugendlichen zusammengefunden, die aus Heimen ausgebrochen waren. Es entstanden unterschiedliche Wohnkollektive: Gudrun Ensslin[20] bemühte sich um finanzielle Unterstützung bei den Behörden, damit die Jugendlichen Abendschulen besuchen konnten und nicht in die Illegalität, in die Drogenszene etc. abtauchten. Andreas Baader[21] dagegen betrachtete geregelte Arbeit als bürgerlich und animierte zu jeder Art von Willkür und ungeregeltem Leben, auch zu jeder Art von Diebstahl und Streit. Als bei der Revision die Haftstrafe den Brandstiftern nicht nachgelassen wurde, tauchten diese unter.

Im Februar 1970, als Ulrike M. die Dreharbeiten zu “Bambule” abgeschlossen hatte, erschienen eines Abends Gudrun Ensslin und Andreas Baader vor ihrer Tür und baten um Unterkunft. Etwa zwei Wochen lebten sie bei ihr versteckt. Die Zwillinge konnten Baader nicht leiden, er war in ihren Augen hartherzig, skrupellos und feige, ständig fordernd und die Kinder verachtend. Eines Nachts überredete Gudrun Ensslin Ulrike M. zu einem ersten LSD-Trip, der, wie ich annehme, den Bezug zwischen Empfinden und kritischem Denken resp. ihre Entscheidungsfreiheit beeinflussten.

Anfang April 1970 wurde Andreas Baader bei einer Polizeikontrolle gefangengenommen. Dessen Befreiung erachtete Gudrun Ensslin als zentrale Aufgabe. Dazu bedurfte sie Ulrike M’s Hilfe. Mit einem Schreiben des Verlags Klaus Wagenbach an die Gefängnisleitung wurde vorgegeben, Ulrike M. und A. Baader planten ein Buch über randständige Jugendliche. Von Horst Mahler, Baaders Anwalt, wurde bestätigt, es sei dringlich, dass sein Klient im Institut für Soziale Fragen mit Ulrike M. Zeitschriften aus den Zwanzigerjahren prüfen könne. Die Täuschung gelang. Am 14. Mai 1970 wurde mit dem Einsatz von Waffen, die Gudrun Ensslin beschafft hatte, ein Institutsangestellter schwer verletzt. Baader sprang aus dem Fenster, Ulrike M. ebenfalls, ein Fluchtauto stand bereit.

Damit begann Ulrike M’s Leben in der Illegalität, getrennt von ihren Kindern, in zunehmender Verstrickung mit einer Gruppe – von mehr Frauen als Männern -, die sich um Andreas Baader gebildet hatte. Deren Auflehnung gegen den “totalen Rechtsstaat” lehnte die Fortsetzung des kritischen, dialektischen Diskurses als sinnlos ab. Wurde nicht von der Jugend die gleiche politische Anpassung gefordert, welche von den Machthabenden in den Dreissigerjahren erbracht worden war? Argumentation hatte sich daher zu Aktionsopposition gebüschelt, aus kritischen Linken war eine anwachsende Gruppe von “staatsfeindlichen Terroristen” geworden, die im Untergrund zunehmend angefacht wurde, sich gleichzeitig verengte und erweiterte. In der Öffentlichkeit hiess sie “Baader Meinhof Gruppe”. Ulrike M.’s Name wurde benutzt und geschluckt; ihre äussere und ihre innere Identität wurden gespalten.

Nach dem Ausbildungstraining bei den palästinensischen Fatah bezeichnete sich die Gruppe selber als “Stadtguerilla”, mit der Zeit als “Rote Armee Fraktion”als RAF. Staatsmacht und Untergrundopposition schaukelten sich über sog. “legitimierte” Gewalt gegenseitig auf. Deutschland setzte die Notstandsgesetze tatsächlich um. Es kam zu einem gesamtstaatlichen Überwachungs- und Kontrollsystem, zur Gefangennahme einer grossen Anzahl der bei der RAF Beteiligten, zu strengster Isolationshaft und zu einer grossen Anzahl von Gerichtsverfahren. Jenes von Stuttgart-Stammheim, bei welchem auch Ulrike M. auf der Anklagebank sass, mutet bei der Lektüre der Prozessdokumente vom Verfahren her absurd an. Merkwürdig erscheint heute, dass all dies damals als rechtmässig erklärt wurde und als patriotische Notwendigkeit daherkam. Merkwürdig nah ist es gleichzeitig der aktuellen öffentlichen Aufpeitschung von “Terror”-Verdacht.

 

“Es schien ihr, dass keine Zeit mehr zu verlieren sei”[22]

So ist Ulrike M. in die Geschichte eingegangen. “Rasende Aggressivität, für die es kein Ventil gibt”, hielt sie fest, als sie von Mitte Juni 1972 an während acht Monaten allein in einer Zelle im leeren Gefängnis von Köln-Ossendorf eingekerkert war. Vorausgegangen waren zwei Jahre Flucht- und Untergrundleben, das mit einem wachsenden Netz Mitverantwortlicher durch Autodiebstähle, Bankenüberfälle bis zur geheimen Beschaffung und Herstellung von Waffen, bis zu deren Einsatz auch gegen Menschen immer widersprüchlicher, enger und stickiger geworden war. “Das ist das Schlimmste. Klares Bewusstsein, dass man keine Überlebenschance hat[23].

Das “man” war sie selber, das “klare Bewusstsein” die Erkenntnis ihrer Verzweiflung. Denn – hatte sie sich auch in “klarem Bewusstsein” entschieden, ihren Weg der Illegalität und der Isolation zu gehen? Wie viel Freiheit hat der Mensch im Geflecht der Zeit? Sie wurde sich selbst mehr und mehr fremd, bewahrte gleichzeitig ihre Wachheit. Als im selben Jahr am 5. September während der Olympischen Spiele in München der palästinensische Angriff auf die israelischen Sportler erfolgte, von denen zwei erschossen und neun als Geiseln festgehalten wurden, versuchte Ulrike M. nochmals, über die Sprache im öffentlichen Raum präsent zu sein, jedoch nicht mehr mit ihrem Namen, sondern mit jenem der RAF. “Die Genossen vom Schwarzen September”, schrieb sie, “haben ihren eigenen Schwarzen September 1970 – als die jordanische Armee 20’000 Palästinenser hingemetzelt hat – dahin zurückgetragen, wo dieses Massaker ursprünglich ausgeheckt worden ist: Westdeutschland, früher Nazideutschland, jetzt imperialistisches Zentrum. Dahin, von wo aus die Juden aus West- und Ostdeutschland nach Israel auszuwandern gezwungen worden sind. Dahin, von wo Israel sein Wiedergutmachungskapital bezog und bis 1965 offiziell Waffen. Dahin, wo der Springerkonzern Israels Blitzkrieg im Juni 1967 als antikommunistische Orgie gefeiert hat…”[24].

Ulrike M. wurde für diese Erklärung, die tausendfach kopiert und in den deutschen Universitäten aufgelegt wurde, aufs schwerste angegriffen, auch von den RAF-KollegInnen, insbesondere von Andreas Baader und Gudrun Ensslin. Dass sie darauf antwortete: “Im materiellen Angriff die propagandistische Aktion – der Akt der Befreiung im Akt der Vernichtung”[25] macht deutlich, wie ausweglos die Situation für sie war. Diese richtete sich gegen sie in ihrer ganzen Identität: jede Art von Gewalt hatte sie abgelehnt, fand sich nun aber auf ein Gewaltkarrussell einbezogen, auf welchem sie Gewalt zu verteidigen hatte, wenn es Gegengewalt im Sinn der “propagandistischen Aktion” war. Doch “Propaganda”  wofür? Für die Anklage Deutschlands? – für die Anklage der Väter? Bedurfte es hierfür der “Vernichtung” – der Selbstvernichtung?

Noch bis zum nächsten Jahr hielt sie den Kontakt mit ihren Kindern aufrecht. Im Mai 1973 schrieb sie ihnen: “Haltet die Daumen, dass wir mit unserem Hungerstreik was erreichen. (…) Mal zusammen Fussball spielen? Hätt ich natürlich Lust.[26]” Im Spätherbst: (…) “Meine Idee, dass Ihr mal sagen sollt, wie ich denn bei Euch heisse, war, glaube ich, eine Schnapsidee. Ich bin eben die Mami, Eure, fertig.[27]” Das konnte und mochte sie Bettina und Regine gegenüber nicht in Frage stellen. Diesen Teil ihrer Identität versuchte sie zu schützen, so lange sie eine kleine Hoffnung wahrte, dass daraus wieder eine Realität würde. Doch das “klare Bewusstsein” machte die kleine Hoffnung zum Selbstbetrug; wenig später konnten die Kinder “die Mami” nicht mehr erreichen, auf ihre Briefe antwortete sie nicht mehr. Jede Art von Sprache war sinnlos geworden. Die Verzweiflung nahm überhand.

Auf die folgende Zeit im Hochsicherheitstrakt der Vollzugsanstalt Stuttgart-Stammheim einzugehen, wohin Ulrike M. im April 1974 verlegt wurde, ist hier nicht nötig, nicht auf die Hungerstreiks, die teilweise zum Tod führten, nicht auf die Methode und den Ablauf des Prozesses in Stammheim, nicht auf die Entführungen, Erpressungen und  Tötungen ausserhalb der Gefängnisse – nicht auf die zermürbende Vervielfachung brutaler Absurdität. Die letzten zwei Jahre ihres Lebens waren für sie ausweglos eng und grell “ohne Überlebenschance”.

Die Lektüre der Dokumente verschlang bei mir die Kraft von Wochen. Zutiefst erschütternd war für mich, Ulrike M’s psychisches Sterben mitzuerleben, die Veränderung ihres Selbstbildes, auch die Anpassung ihrer Sprache an Baaders “Scheisse-Arsch-Bulle-Sau”-Diktat, genauer – wie sie selber festhielt – “die psychischen Mechanismen von Herrschaft und Unterwerfung, Angst und Klammern an die Vorschrift[28]” der nur noch von Hass diktierten, qualvoll eingeschlossenen, gegenseitigen Abhängigkeit im Gefängnis von Stammheim, mit den vielfach verriegelten Fenstern und Türen und der pausenlosen Tag- und Nacht-Überwachung durch eine wechselnde Menge von Personal – bis sie nichts mehr ertrug, keinen Zeitmoment und keinen Atemzug mehr. Am 8. Mai 1976 wurde Ulrike M. in ihrer Zelle tot aufgefunden, erhängt, erstickt, tot.

 

“Dass diese Privatsache keine Privatsache ist…”[29]

Was ist “die Würde” der Menschen? Ulrike M. hat sie angestrebt und verteidigt, sie hat sie repräsentiert, trotz der verhängnisvollen Verstrickung in den RAF-Widerstand gegen “die deutschen Verhältnise, die sie umgebracht haben[30]“, wie Klaus Wagenbach bei der Grabrede am 15. Mai 1976 festhielt. Für sie galt ursprünglich als höchster Wert “die Würde für alle Menschen, für alle Zeiten, für alle Situationen, für die fetten und die mageren Jahre[31]“, wie sie 1962 geschrieben hatte.

“Würde” mag heute formelhaft und abgenutzt klingen. Das Wort ist zur Hülse geraten. Trotzdem, was die Würde der Menschen ist, weiss jeder Mensch für sich selbst, spürt es, ohne dass Würde beschrieben werden könnte. Denn das Wichtigste zeigt sich gerade in diesem Wissen, das nicht zuletzt Ausdruck findet im Widerstand gegen die Entwürdigung, zeigt sich im Widerstand und als Widerstand gegen die subtile, alltägliche oder totale Zerstörung der Würde.

Als Ulrike M. – damals in der Isolationshaft – sich noch an der Zukunft ihrer Kinder beteiligt fühlte, dem “klaren Bewusstsein” zum Trotz, hatte sie ihnen geschrieben, sie habe in der Jugend “mal Vogelforscher werden wollen”. Gab sie ihnen damit nicht zu verstehen, was für sie von grösstem Wert war? Hatte der Brief die geheime Bedeutung eines Testaments? – Ich nehme an, sie sagte ihren Töchtern damit, sie mögen nicht abweichen von dem, was sie sich selber einst gewünscht hatte: sie mögen sich nicht in Theorien und nicht in Zeitgeschehnisse mitreissen lassen, sondern zuhören und betrachten, um mehr zu verstehen und zu wissen. Mehr über die Sprache und das wechselseitige Verhalten der gefiederten Lebewesen zu verstehen und zu wissen – von den “Krähen” zu den “Drosseln und  Amseln, den Rotschwänzen, den Scherenschleifer, den Zaunkönigen” -, führt dies nicht nah heran an das bessere Begreifen des vielseitig Animalischen, das die Menschen prägt? Und kommt nicht Ulrike M’s Sehnsucht darin zum Ausdruck, die bei ihr unerfüllt blieb? – die Sehnsucht, ohne Bedrohung zu leben, die Sehnsucht nach Freiheit und – nach Würde?

So stehe ich wieder am Anfang. Hätte sie doch alt werden können, um am Gespräch mitzuhalten …

 

 

[2] Aus einem Brief an ihre Zwillinge im “toten Trakt” der Vollzugsanstalt Ossenburg 16. Juni 1972 bis 9. Februar 1973, aus: Stefan Aust. Der Baader-Meinhof Komplex. Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 1985. S. 268

[3] Erst Ende 2002 wurde der menschenrechtliche Übergriff entdeckt, der ohne Information und Genehmigung der zwei Töchter Bettina und Regine Röhl geschehen war. Zuständig bei der Obduktion war der Tübinger Neuropathologe Jürgen Pfeiffer gewesen. Ulrike Meinhos Töchter haben nun Anklage erhoben und die Bestattung dieses Körperteils ihrer Mutter verlangt.

[4] a.a.O. S. 258

[5] Mit den “Krähen” meinte sie die Vollzugsbeamten, gegen welche den mit Andreas Baader und Gudrun Ensslin vereinbarten Protest des Schweigens einzuhalten ihr manchmal unnötig erschien.

[6] a.a.O. S. 268

[7] am 7. Februar 1994 anlässlich einer Veranstaltung in der Helferei des Grossmünsters in Zürich.

[8] Ulrike Meinhof. Die Würde des Menschen ist antastbar. Aufsätze und Polemiken. Hrsg. von Regine und Bettina Röhl. Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 1980, S. 7 (Titel eines Kommentars in “konkret” Nr. 19/20 im Herbst 1959, als Nikita Chruschtschow die USA unter Dwight D. Eisenhower besuchte und in Camp David eine allgemeine Abrüstung vorschlug).

[9]  ibid, S. 27  (Die Würde des Menschen. “konkret” Nr. 10, 1962)

[10] ibid, S. 30

[11] Stefan Aust. Der Baader-Meinhof-Komplex. Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 1985, S. 49

[12] U.M., ibid. (8), S. 93 (Kommentar unter dem Titel “Napalm und Pudding” in “konkret” Nr. 5, 1967)

[13] ibid. (11), S. 49

[14] ibid. (6), S. 139 (aus: konkret Nr. 5, 1968)

[15] ibid. (6), S. 136 (aus: konret Nr. 4, 1968)

[16] U.M., ibid. (6), S. 138 (aus “Vom Protest zum Widerstand”, in: “konkret” Nr. 5. 1968)

[17] ibid. (6), S. 138

[18] ibid. Fussnote 6, S. 166-169 (aus: konkret nr.21, 1968)

[19] ibid. Fussnote 6, S. 173-184

[20] Gundrun Ensslin, 1940 geborene Pfarrerstochter, hatte 1958/59 als Austauschschülerin in den USA gelebt und  in Tübingen Germanistik, Anglistik und Pädagogik studiert. Nach der Begegnung mit Andreas Baader im Frühherbst 1967 hatte sie sich um ihr eigenes, Mitte Mai im gleichen Jahr geborenes Kind bald nicht mehr kümmern wollen und den kleinen Knaben dessen Vater Bernward Vesper überlassen.

[21] 1943 in München geboren, war – von Mutter, Grossmutter und Tante verhätschelt – ohne Vater aufgewachsen, der 1945 in sowjetische Kriegsgefangenschaft gekommen war.

[22] Klaus Wagenbach. Nachwort. In: Ulrike Meinhof. Die Würde des Menschen ist antastbar. Aufsätze und Polemiken. a.a.O. S. 189

[23] Stefan Aust. Der Baader-Meinhof-Komplex. a.a.O. S. 258

[24] ibid. S. 261

[25]  ibid.

[26]  Ibid. S. 282

[27] ibid. S. 283

[28] ibid. S. 287

[29] U.M., ibid. (6), S. 150 (aus “Die Frauen im SDS oder In eigener Sache”, aus “konkret” Nr. 12, 1968)

[30] Peter Brückner. Ulrike Meinhof und die deutschen Verhältnisse. Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 1976 (Zitat Titelblatt)

[31] Ulrike Meinhof. Aufsätze und Polemiken. a.a.O. S. 28

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