Über die malerische Bildsprache Stefan Heinichens

 

Über die malerische Bildsprache Stefan Heinichens

Zur Eröffnung der Ausstellung in der Bibliothek des Klosters Fischingen am 12. Januar 2008

 

Es freut und ehrt mich, die Ausstellung hier im Kloster Fischingen eröffnen zu dürfen. Ich begrüsse sie herzlich, lieber Stefan Heinichen, verehrte Anwesende, liebe Freundinnen und Freunde.

Während Jahrhunderten haben Roma kaum gemalt und kaum geschrieben. Die Bilder, die sie in sich trugen, gaben sie in Erzählungen und in Liedern weiter. Eine alte Kultur und eine grosse dichterische Kunst voller Geschichten, voller Sehnsüchte und voller Verehrung für alles, was  Schönheit, Wärme und Freiheit bedeuten, ging in diesem grossen Volk in jeder Sippe über Generationen von Mund zu Mund weiter. Auch was schwer zu ertragen war, suchte Trost in Erzählungen und in Liedern, ob es um den Verlust der Ehre, um Hunger und Kälte, um Verlassenheit und Erniedrigung ging, ob es die Sehnsucht nach der Familie, nach Liebe, vielleicht nach einem starken Pferd, nach einem Stück Erde – nach einem sicheren, glücklichen Leben war. Die Sehnsucht wurde immer wieder gebrochen und setzte sich fort. Es muss die qualvolle Steigerung der politischen Entwicklung Europas durch die nationalsozialistischen und stalinistischen Verfolgungen, durch die Konzentrations- und Arbeitslager gewesen sein, die bewirkte, dass von den überlebenden Rroma auf die jüngere Generation sowohl der Wert der Tradition wie der Wert einer anderen Berichterstattung vermittelt wurde: jener des schriftlichen Aufzeichnens[1] wie jener der Malerei. Stefan Heinichen, der seit Jahren auf eindrückliche Weise malt, vermittelt uns diese Dringlichkeit auf persönliche Weise.

Ein Bild malen ist ein grosses Projekt. Handwerk und Kunst verbinden sich zu einem Werk, das die Sinne berührt, im schöpferischen Tun wie beim Betrachten des Bildes. So wie die Kochkunst durch das Verarbeiten und Kombinieren natürlicher Produkte einen Genuss durch die Gaumenfreude bewirkt, ermöglicht die Malerei dem Auge durch die Variation der Farben und durch die Gestaltung der Fläche etwas festzuhalten und zu vermitteln, was die musikalische und die dichterische Komposition durch die Klang- oder Wortsprache zu erreichen versucht.

Malen ist – wie jedes künstlerische Werk – was Hilde Domin 1968 als “Einladung zur einfachsten und schwierigsten aller Begegnungen, zur Begegnung mit uns selbst” erklärte. Eine “einfachste“ Begegnung ist es kaum; immer gehört die Begegnung mit dem eigenen Ich zu den “schwierigsten” und zugleich zu den wichtigsten. Sie liegt jeder Begegnung mit anderen Menschen zugrunde. Auf dem gewundenen Weg der persönlichen Entwicklung die “Einladung” anzunehmen bedeutet, auf die inneren Bilder zu achten. So wird das künstlerische Werk – hier die Malerei – zu einer Lebenslandschaft, in welcher Räume sich öffnen und Begegnungen festgehalten werden, die der Darstellung bedürfen, die einen Halt ermöglichen und die den Wert der Dauer zustande bringen. Das schöpferische Werk kann daher von unmittelbarer Dringlichkeit sein oder kann sich als fortgesetztes Bedürfnis erweisen, wie Stefan Heinichen es bestätigt und wie es für seine Malerei zutrifft.

Malerei, diese Bildübersetzung der Seele und der Sinne, bedarf der Fläche und der Farben. Die Fläche – Papier, Leinen, Holz u.a.m. – bietet sich an, um den Raum persönlicher Erfahrungen – des Sehens und Erlebens, der Empfindungen und des Denkens – darzustellen, um Variationen weit zurückliegender oder aktueller Eindrücke und Vorstellungen in Figuren und Farben zu verarbeiten und sie so festzuhalten, dass andere Menschen sie wahrnehmen und als neue Erfahrung in sich aufnehmen können. Ein Bild malen heisst den Intellekt zur gestalterischen Arbeit bewegen, heisst die innere Logik durch die Struktur der figürlichen Darstellung und der Farbtöne klären, heisst die Körperlaute und den Pulsrhythmus in eine Grammatik der zeichnerischen und malerischen Übereinstimmung versetzen, die zu etwas Dauerhaftem wird. Malerei verbindet sich als bildhaftes, sichtbares Zeugnis mit jener Verbindung von Intensität und Intuition, die Henri Bergson, einer der grossen Philosophen an der Wende vom 19. ins 20. Jahrhundert, als Möglichkeit erkannte, der Flüchtigkeit der Zeit entgegen zu wirken.

Diese Ausstellung hier im Kloster Fischingen zu erleben, das seit dem 12. Jahrhundert ein Aufnahme- und Ruheort für Pilger und Pilgerinnen, für Menschen unterwegs auf der Suche nach einem geistigen Halt war, hier im Raum der Bibliothek, der den Wert der Schriftsprache bekundet, dies ist von grosser Bedeutung.  Die Sprache der Bilder und der Musik, wie wir sie nun aufnehmen dürfen, weiten jene der Schrift mit allen Vibrationen der schöpferischen Kraft aus, die uns Menschen erfüllen.

Ich danke für die Einladung zu diesem festlichen Abend.

 

[1] wie ihn zum Beispiel Mongo Stojka,, selber ein Überlebender, umsetzte, der die Legenden der Lowara schriftlich festhielt und veröffentlichte, oder wie die beeindruckende zweibändige Sammlung von Lev Tcherenkov und Stéphane Laederich über Geschichte, unterschiedliche Traditionen und Sprache zustande kam (Schwabe Verlag, Basel 2004 ISBN 3-7965-2090-1) .

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